Wer kennt es nicht: Das Licht ist phantastisch, die Ecke ist phantastisch, die Farben wie gemalt, und dann kommt einfach keine Sau vorbei. Man steht und steht und es ist nix los. Es ist Sonntag, niemand da. Man macht ein Foto von der leeren Ecke und beschließt, demnächst nochmal wiederzukommen. Und dann kommt vielleicht doch noch jemand, womöglich farblich passend, und man macht ein Bild und freut sich. Geilgeilgeil. Das war er, der Schuß, das muß er gewesen sein.
Wenn ich nach einem solchen Fall nach Hause komme, passiert es mir nicht selten, daß ich die beiden Bilder anschaue, das mit Mensch und das ohne, und feststelle: Die Person hätte es jetzt echt nicht gebraucht. Die verbessert eigentlich gar nix. Weil das Bild von was ganz anderem handelt, nämlich von Farben und Formen und Licht und Kontrasten und der, der da durchschleicht, eigentlich nur stört. Ich habe aber eine Weile gebraucht, um mir das einzugestehen.

Viele, die Streetfotografie betreiben, sind auf Menschen als Motiv geeicht. Gut, sie haben auch viele Vorteile: Menschen erleichtern dem Betrachter den Zugang zu einem Foto, man wird angeschaut, direkte Kommunikation findet statt. Ein Gesicht vermittelt Gefühle, ein Blick zieht hinein. Auch Tiere helfen, denn auch sie schauen einen an, wenn es sich nicht gerade um einen Seestern handelt oder einen Regenwurm, da fällt die Identifikation schwerer.
Bilder, die ohne Menschen oder Tiere auskommen, sind nicht so einfach zu erschließen – und es ist schwieriger, sie wirklich interessant zu gestalten. Man muß etwas anderes aufbieten als einen Blickkontakt.
(Opens in a new window)Ich liebe ja bekanntlich das gepflegte Wimmelbild, aber ich habe auch eine Schwäche für Bilder ohne Menschen. Gegenstände können auf diese Weise Persönlichkeiten entwickeln und man kann mit ihnen sympathisieren. Häuser können gucken. Dinge können in die Ecke gedrängt werden. Sie können schwer oder leicht wirken oder auch einsam. Und manchmal entstehen einfach nur interessante, quasiabstrakte Kompositionen und man braucht einen Moment, um sie zu dechiffrieren.

Bleibt die Frage: Was macht ein solches Foto zu Street? Wann ist es Street und nicht irgendwas anderes? Architektur zum Beispiel, oder Landschaft?
Ich glaube: indem das Foto mehr leistet als einfach nur einen Gegenstand oder eine Architektur oder Natur möglichst ästhetisch abzubilden. Es setzt die Dinge in ein Verhältnis, ist vielleicht kryptisch, vielleicht schmuddelig, vielleicht verspielt und unbedingt immer so vorgefunden, klar. Es enthält durch Menschen verursachte Elemente, künstlich errichtete Strukturen, Straßen, Wege, Asphalt, Plakatwände, Laternen, Zäune. Es sucht kleine Kompositionen des Zufalls aus random herumstehenden Elementen.
Ansonsten sollte es halt ein möglichst gutes Foto sein und nicht langweilig. Gutes Licht ist immer hilfreich. Es hilft ebenso, wenn sich beim Rezipienten ein Gefühl einstellt – irgendein Gefühl. Erheiterung, oder Identifikation mit einem Bildelement. Es kann aber gern auch tiefe Befriedigung angesichts einer perfekten Komposition sein, Hauptsache das Foto ist nicht komplett egal.

Links
Wer sind eigentlich die “Women with Cameras Wuppertal”? Die SWR Lokalzeit stellt sie in einem Beitrag vor (Opens in a new window).
Wer sich noch ein Exemplar des neuen Buchs von Nikita Teryoshin sichern möchte, klickt hier entlang (Opens in a new window). Es wird “Game of Chairs” heißen und Parteitage zeigen, natürlich gewohnt grotesk.
Bis zum 31. März kann man auch bei der Eyeshot-Edition “Incidental Precision” (Opens in a new window) zugreifen – das sollte jeder, der Siegfried Hansens “Hold the Line” nicht besitzt.
Terminkalender
bis 23. März: Nikita Teryoshin, Zoo-Fotografien “Life Sentence”. Fotografiska Berlin (Opens in a new window).
16. März bis 18. April: Natela Grigalashvili: The Final Days of Georgian Nomads. Theaterforum Gauting. (Opens in a new window)
bis 3. Mai: James Nachtwey, Fotografiska Berlin (Opens in a new window).
bis 5. Mai: “Warten auf den Regenbogen: Fotos aus Nordkorea von Xiomara Bender. Leica Galerie Zingst (Opens in a new window).
bis 10. Mai: Daido Moriyama, Retrospective. Foto Arsenal Wien. (Opens in a new window)
bis 29. Mai: Kai Löffelbein, “Zwischen Welten”. Fotografien aus China. Haus der Region Hannover. (Opens in a new window)
bis 10. Juni: Graciela Iturbide: “Eyes to fly with, c/o Berlin (Opens in a new window).
5. bis 14. Juni: Deutschlandweit 49/58, Britta Kohl-Boas, Oliver Jockers und Bastian Hertel, Galerie Grindelallee 129, Hamburg.
bis 14. Juni: “Das Weite suchen. Fotografie der späten DDR und frühen 1990er”, Brandenburg Museum, Potsdam (Opens in a new window).
bis 28. Juni: Sibylle Bergemann, Fotografien 1966 bis 2010. Kunsthalle Göppingen (Opens in a new window).
bis 5. Juli: Margaret Courtney-Clarke: “Geographies of Draught”. Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim (Opens in a new window).
11. Juli: Meet & Street in Freiburg (Opens in a new window)!
17. April bis 4. Oktober: “Neue Frau, Neues Sehen: Die Bauhaus-Fotografinnen”, Helmut-Newton-Stiftung Berlin
Juni bis September: Fototriennale in Hamburg mit zahlreichen Ausstellungen (Opens in a new window).
am 18. und 19. September: Women with cameras connect: Das “Women with cameras”-Kollektiv Wuppertal lädt ein. Save the date, Details folgen.
Die guten Bilder
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