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StreetLetter #29: Menschen weglassen lernen

Wer kennt es nicht: Das Licht ist phantastisch, die Ecke ist phantastisch, die Farben wie gemalt, und dann kommt einfach keine Sau vorbei. Man steht und steht und es ist nix los. Es ist Sonntag, niemand da. Man macht ein Foto von der leeren Ecke und beschließt, demnächst nochmal wiederzukommen. Und dann kommt vielleicht doch noch jemand, womöglich farblich passend, und man macht ein Bild und freut sich. Geilgeilgeil. Das war er, der Schuß, das muß er gewesen sein.

Wenn ich nach einem solchen Fall nach Hause komme, passiert es mir nicht selten, daß ich die beiden Bilder anschaue, das mit Mensch und das ohne, und feststelle: Die Person hätte es jetzt echt nicht gebraucht. Die verbessert eigentlich gar nix. Weil das Bild von was ganz anderem handelt, nämlich von Farben und Formen und Licht und Kontrasten und der, der da durchschleicht, eigentlich nur stört. Ich habe aber eine Weile gebraucht, um mir das einzugestehen.

Schiff an Hafenmauer in Seebrügge

Viele, die Streetfotografie betreiben, sind auf Menschen als Motiv geeicht. Gut, sie haben auch viele Vorteile: Menschen erleichtern dem Betrachter den Zugang zu einem Foto, man wird angeschaut, direkte Kommunikation findet statt. Ein Gesicht vermittelt Gefühle, ein Blick zieht hinein. Auch Tiere helfen, denn auch sie schauen einen an, wenn es sich nicht gerade um einen Seestern handelt oder einen Regenwurm, da fällt die Identifikation schwerer.

Bilder, die ohne Menschen oder Tiere auskommen, sind nicht so einfach zu erschließen – und es ist schwieriger, sie wirklich interessant zu gestalten. Man muß etwas anderes aufbieten als einen Blickkontakt.

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Foto von Gustav Gräll

Ich liebe ja bekanntlich das gepflegte Wimmelbild, aber ich habe auch eine Schwäche für Bilder ohne Menschen. Gegenstände können auf diese Weise Persönlichkeiten entwickeln und man kann mit ihnen sympathisieren. Häuser können gucken. Dinge können in die Ecke gedrängt werden. Sie können schwer oder leicht wirken oder auch einsam. Und manchmal entstehen einfach nur interessante, quasiabstrakte Kompositionen und man braucht einen Moment, um sie zu dechiffrieren.

Entstanden während des Corona-Lockdowns. Da war einfach niemand, wirklich niemand unterwegs.

Bleibt die Frage: Was macht ein solches Foto zu Street? Wann ist es Street und nicht irgendwas anderes? Architektur zum Beispiel, oder Landschaft?

Ich glaube: indem das Foto mehr leistet als einfach nur einen Gegenstand oder eine Architektur oder Natur möglichst ästhetisch abzubilden. Es setzt die Dinge in ein Verhältnis, ist vielleicht kryptisch, vielleicht schmuddelig, vielleicht verspielt und unbedingt immer so vorgefunden, klar. Es enthält durch Menschen verursachte Elemente, künstlich errichtete Strukturen, Straßen, Wege, Asphalt, Plakatwände, Laternen, Zäune. Es sucht kleine Kompositionen des Zufalls aus random herumstehenden Elementen.

Ansonsten sollte es halt ein möglichst gutes Foto sein und nicht langweilig. Gutes Licht ist immer hilfreich. Es hilft ebenso, wenn sich beim Rezipienten ein Gefühl einstellt – irgendein Gefühl. Erheiterung, oder Identifikation mit einem Bildelement. Es kann aber gern auch tiefe Befriedigung angesichts einer perfekten Komposition sein, Hauptsache das Foto ist nicht komplett egal.

Hallo kleine Pflanze, geht es dir gut da im Eck?

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