
Howdy, y’all!
Beim Deutschen Marketing-Tag lernte ich einst, dass nicht alles, was man sich auf der SXSW so angewöhnt, auf Deutschland übertragbar ist.
Setzt man sich in Austin in einen der Konferenzräume neben eine unbekannte Person gehört es zum normalen Ton, sich vorzustellen: “Hi, I’m Thomas. And you are?” Dann sieht man, ob es Drähte zueinander gibt, nur so können Kontakte entstehen.
Versuch das mal beim Deutschen Marketing-Tag: Ich wurde angeschaut, als sei ich gerade nackig die Weltrevolution fordernd bei Rot über die Ampel gelaufen.
Diese Offenheit schafft jene Begegnungen, die nicht alltäglich sind. Zum Beispiel, mit einer Film- und Fernsehautorin aus Los Angeles, die auch podcastet, schon vor 12 Uhr am Mittag einen Tequila zu trinken.
Eigentlich interessierte ich mich mehr für die Marke Aguasol, (Opens in a new window)einem Tequila, der in Mexiko entsteht, aber aus Austin vermarktet wird. Denn, was zarten Seelen nicht gefallen wird: Seine Flasche sieht aus wie eine Mineralwasserflasche.

Neben mir steht eine Frau, die auch dem Marketing-Pitch der Standbesatzung lauscht. Als ich die Kostprobe mit dem Hinweis eines späteren Zeitpunkts ablehne, sagt sie “Ich trinke Tequila nicht gern allein, trink mit.”
Na gut…, SX ist nur einmal im Jahr. “My name is Thomas, and you are?”
Kacey Arnold. Sie ist TV- und Film-Autorin, ist aber aber auch seit zwei Jahren Co-Host des Podcasts Surviving the Dream, in dem sie und ihr Partner David Conolly Menschen interviewen, die scheinbar ihre Traum erfüllt haben – und erzählen, wie es wirklich ist.
Gute Idee, finde ich – und wer auch dieser Meinung ist, kann ja mal hier reinhören. (Opens in a new window)
Ach so, der Tequila von Aguasol ist angenehm rund und trinkt sich gut weg.
Zeit für den sehr frühen Schluck hatte ich, weil die erste Session, die ich besuchen wollte, gleich mal überfüllt war. Trotzdem gibt es heute ausreichend Content.
Warum Du diese Ausgabe bis zum Ende lesen solltest:
Weil Du erfährst, warum Roboter putziger werden.
Weil Du einen ehemaligen Weltklasse-Cellisten kennenlernst, der heute Kapitalgeber und Konferenzoranisator ist.
Weil ich Dir von einem Denkmodell erzähle, die unsere Gesellschaft wieder zusammenbringen könnte.
Charmageddon – das große Roboter-Kuscheln
Für Afshin Mehin ist der größte Haken der steigenden Roboterisierung nicht, dass Maschinen uns Menschen Arbeitsplätze wegnehmen – sondern, dass wir sie dabei auch noch süß finden werden.
Mehin ist Gründer des Designstudios Card 79 (Opens in a new window)in San Francisco und beschäftigt sich mit Roboter-Design. Er glaubt, dass wir Roboter negativ sehen, weil wir nicht verstehen, was sie jeweils gerade tun: Wir können ihre Handlungen nicht dekodieren.
Das versuchten wir aber ständig. Und dabei gelte, dass Bewegung Bedeutung mit sich bringt. Kennen wir von den Muppets: Ihre Puppenspieler signalisieren mit kleinen Bewegungen, was die Figuren fühlen sollen.
“Roboter bewegen sich aber ständig so, als hätten sie einen schlechten Tag”, sagt Mehin, fast immer wirkten sie ruppig oder aggressiv. Das sei lange Zeit egal gewesen, denn Roboter waren Industrieinstrumente, die aus Sicherheitsgründen oft mit einem Käfig umgeben wurden.
Nun verlassen sie die Käfige und wir stehen an der Schwelle zu einer neuen Zeit in der Roboter soziale Akteure werden. Beispiele für solche Interaktionen gibt es unter diesem Link (Opens in a new window).
Und für diese Ära gebe es noch zu wenig Visionen und Tools. In einer Live-Deme zeigte Mehin eine Software, die Card 79 entwickelt hat: Der Designer macht ein paar Bewegungen, die eingescannt werden. Dann soll der kleine Roboterarm SXSW-Besucher begrüßen – diese Anweisung gibt Mehin mit Sprachsteuerung. Das Programm entwickelt daraus dann eine Begrüßung.
Hier das Video:
https://youtu.be/XTga_hQqcI0 (Opens in a new window)“Roboter werden sich den Menschen zuwenden”, ist Mehins These. Und deshalb werden wir sie putzig finden, obwohl sie uns Jobs wegnehmen – das ist für ihn das Charmageddon.
Eine kleine Vorwarnung: Ab morgen wird es Teile dieses Newsletters nur noch für jene Menschen geben, die mir eine kleine, finanzielle Unterstützung gewähren. Denn ich bin süchtig nach den Smoothies der Austiner Kette Juiceland – und die haben Hipster-Preise.
Deshalb würde ich mich freuen, wenn Du mich einmalig (nach der SXSW werde ich die Bezahlfunktion abschalten) unterstützt. Das haben schon über 60 Menschen getan, gestern neu hinzugekommen sind Franziska, Benjamin, Christian, Ralf, Christoph und Karine – DANKE!
Mein Plan für heute:
Erstmal ein Frühstücks-Empfang mit dem Bürgermeister von Austin.
Faith Popcorn war die Autorin des ersten Trendbuchs, das ich gelesen habe. Ihr „Popcorn Report“ war Pflicht für alle Studierenden Anfang der 90er, die sich für Marketing interessierten. In Austin gibt es ein KI-Panel mit ihr.
Danach: the big thing. Ich habe reservierten Zugang zum Fireside Chat mit Steven Spielberg.
Final ein Panel über Technik, die das Weltraumgeschäft am Laufen hält, zum Beispiel Miniroboter, die Satelliten reparieren.
Unsere Sehnsucht nach Bedeutung
“Wir erleben eine der größten Innovationen der Geschichte und trotzdem boomen Relikte der Vergangenheit.”
Das sagte Jennifer B. Wallace zu Beginn ihrer Keynote im größten Saal der SXSW. Der war rappelvoll, Wallace schreibt für die “New York Times” und hat schon zwei Sachbuchbestseller veröffentlicht: “Never Enough” und jüngst “Mattering”.
Unter letzterem versteht sie die tief in uns verwurzelte Sehnsucht, eine Bedeutung zu haben. Das klingt nach Social Media-Eitelkeit, meint aber viel mehr: “Wenn früher ein Mensch keinen Wert für die anderem um sich herum hatte, was das sein sicherer Tod” – Alte und Schwache wurden halt zurückgelassen. Heute ist diese Sehnsucht immer noch da. So beschreiben depressive, junge Männer ihren Zustand in Studien als “nutzlos” oder “wertlos”.
Doch gebe es Zutaten, um dieses Gefühl des Mattering zu erzeugen – und das sei gar nicht mal so furchtbar schwer. Diese Zutaten seien:
Significance: Menschen möchten das Gefühl haben, wahrgenommen zu werden. So sollten Chefs wissen, was ihre Angestellten wirklich mögen und sie nicht mit 08/15-Geburtstagsgeschenken abspeisen.
Appreciation: Wir suchen nach Beweisen, dass unsere Arbeit etwas Gutes und Wichtiges tun. Das können Arbeitgeber fördern, indem sie kundiges und spezifisches Feedback geben.
Invested In: Wir fühlen Bedeutung auch dadurch, dass andere bei uns sind und unsere Erfolge und Misserfolge begleiten.
Depended On: Wir möchten das Gefühl haben, dass andere Menschen auf uns zählen. Gerade dieser Aspekt sei ein Katalysator für nostalgische Gefühle: Wir sehnen uns nach der Zeit zurück, als wir uns gegenseitig geholfen haben. Heute aber gebe es eine Fehlentwicklung:
“Wir sind so gewöhnt an Outsourcing, dass wir eher Lösungen im Markt suchen, als bei Freunden und Familie. So tauschen wir Verbundenheit ein gegen Bequemlichkeit.”
Keine dieser vier Zutaten ist auf den ersten Blick schwer zu erschaffen – nur müssten wir alle dran arbeiten.
Musiktip: Sophie & the Antoinettes
Wie machen die Engländer das nur? Jedes Jahr schicken sie Frauenbands mit interessantem Sound und starker Bühnenpräsenz nach Austin. In den vergangenen Jahren waren das Perfect Wife, die Los Bitchos oder English Teacher. Gestern traf das auf Sofia & the Antoinoettes (Opens in a new window) zu – Sad Girl Rock mit sympathischen Ansagen.
„Nichts davon hatte mit dem zu tun, was ich vorher gemacht hatte“
Ich sollte unbedingt mal Alexey Steblev kennenlernen, schrieb mir ein Kontakt und vernetzt uns. Recht hatte er. Alexey war mal Weltklasse-Cellist und hat heute ein Unternehmen und ein Event namens Culttech (Opens in a new window), das Kultur und Digitalität zusammenbringt. Mehr darf er selbst erzählen.
Alexey, was ist Culttech?
Wir sind eine Non-Profit-Organisation, die von Wien aus arbeitet, aber wir sind global aktiv. Wir versuchen mit Technologie den Menschen Kultur näherzubringen. Wir möchten, dass Kultur der Mittelpunkt ihres Lebens wird. Dazu haben wir Studien, Venture Fonds und Events wie unsere jährliche Konferenz im November in Wien.
Du hattest einen Talk hier. Worum ging es?
Wir haben ein neues Projekt gestartet: Culttech Lab. Es wird verschiedene Tracks haben, und jeder wird eine Challenge im Zusammenspiel zwischen Technologie und Kultur sein.
Ein Beispiel: Einer paart zeitgenössische, klassische Musik mit Gameification. Das Safran Ensemble aus Berlin, sie spielen zeitgenössische, klassische Musik, wird Tools für ein wissenschaftliches Projekt im Bereich Games mitentwickeln. Das kann erstmal alles sein, vom Videospiel über Kriegsspiele bis zum Escape Room. Menschen können sich weltweit für diese Challenges bewerben. Das Ziel ist nicht, die Menschen zu erziehen, sondern sie zu informieren. Einige der Projekte werden für eine Entwicklungsphase ausgewählt und erhalten ein kleines Stipendium. Die Ergebnisse werden auf dem Culttech Summit präsentiert werden, aber auch auf anderen Events.

Ist es Dein erstes Mal auf der SX?
Ja. Ich habe nach einem Tag noch keine feste Meinung. Es ist interessant, intensiv und divers. Normalerweise möchten Menschen in einem bekannten Umfeld sein, zum Beispiel Kunst. Aber hier ist alles auf einem Teller.
Wir müssen noch über Deine Biographie sprechen. Wie kamst Du vom Cello an den Schreibtisch?
Ich habe Cello seit meiner Kindheit gespielt. Ich spielte bei einem Quartett, dann arbeitet ich bei einem sehr bekannten Kammerorchester. Schließlich lernte ich einen guten Freund kennen, der bei einer Venture-Capital Firma arbeitet. Er schlug vor, ich solle Business Development für eine seiner Portfolio-Firmen machen. Das hat mich erschüttert, denn nichts dabei hatte etwas mit dem zu tun, was ich gemacht hatte – die Basis der Firma lag im Bereich Feststoff-Physik. Das war 2011.
Dann begann ich meinen unternehmerischen Background mit Kultur zu kombinieren – so entstand die Culttech Association.
Das war Tag 1 der SXSW 2026. Er war bunt und anstrengend - und aber nur der erste von sieben.
Time to pour out the fire and call in the dogs, y‘all!
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