Taktvoll-Serie: Tagebücher – Die Tagebücher von Etty Hillesum 1941 bis 1942
(Opens in a new window)Für manche ist es ein festes Ritual, jeden Abend das Tagebuch aufzuschlagen und ein paar Sätze zu Papier zu bringen: Gedanken sortieren, Ereignisse dokumentieren, Begegnungen reflektieren. Die Tagebücher sind meist nur für den Eigengebrauch gedacht. Manche Tagebücher werden veröffentlicht.
In der Serie „Taktvoll – das Tagebuch“ stelle ich Tagebuchschreiberinnen und -schreiber und einige ihrer Gedanken vor, die mir beim Lesen wichtig wurden.
Der Mensch
Etty Hillesum war eine außergewöhnliche Frau. Ihre Tagebücher haben mich in einer persönlich schwierigen Lebensphase begleitet. Man kann Ettys Texte gut auch dauerhaft auf dem Nachttisch liegen haben und hin und wieder darin stöbern. Immer wieder entdeckt man neue Schätze darin.
Etty (Esther) Hillesum wurde 1914 im niederländischen Middelburg in eine jüdische Familie hineingeboren. Ihre Eltern, die aus Russland stammende Riva und der Gymnasiallehrer und Schulrektor Louis hatten noch zwei weitere Kinder: Jaap (Jakob), der Arzt wurde, und Mischa (Michael), schon als junger Mann ein begabter Pianist.
Etty schloss ihr Jura-Studium an der Universität Amsterdam 1939 ab. Danach studierte sie Slawistik und beschäftigte sich mit der Psychologie. Auslöser dafür und auch der Grund, ein Tagebuch zu führen, war die Begegnung mit dem deutschen Psychoanalytiker Julius Spier, der 1939 nach Holland emigriert war.
Spier wird Ettys Therapeut und später auch ihr Geliebter. „Intellektuell bin ich so begabt, dass ich alles aufspüren, alles in klare Formeln zu fassen vermag: bei vielen Problemen des Lebens mache ich einen sehr überlegenen Eindruck, und dennoch, ganz tief in mir steckt ein geballter Kloß, irgend etwas hält mich fest im Griff, so dass ich manchmal trotz allen klaren Denkens nur ein ängstlicher Schlucker bin“, schreibt Etty in ihren ersten Eintragungen des Tagebuchs, das sie von März 19941 bis Oktober 1942 führt.

Sie findet in dieser Zeit zu sich selbst, zu ihrem inneren Kern, zu Gott. Dabei ist sie vollkommen undogmatisch. Ihr Glaube ist ein mystischer Glaube. Auch als die äußeren Umstände wegen der deutschen Besatzung immer drückender werden, wachsen Ettys innere Kräfte und ihre innere Freiheit.
Diese Eigenschaften und ihre Liebe zu den Menschen gehen auch nicht verloren, als sie (zunächst freiwillig) in das Durchgangslager Westerbork geht, von dem aus die Nazis 100.000 Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma in die Konzentrationslager deportierten.
Etty, ihre Eltern und ihr Bruder Mischa wurden am 7. September 1943 nach Auschwitz-Birkenau gebracht und kurz darauf (das genaue Todesdatum ist nicht bekannt) von den Nazis in den Gaskammern des Vernichtungslagers umgebracht. Ihr Bruder Jaap starb im April 1945 auf einem Transport nach der Auflösung des Lagers Bergen-Belsen.
Das Tagebuch
„Etty Hillesum beschreibt in ihrem Tagebuch nicht nur sich selbst, sondern ebenso die menschlichen Möglichkeiten eines jeden anderen Menschen zu jeder Zeit.“ J. G. Garland, Herausgeber der Tagebücher
Als Etty wusste, dass sie nach Auschwitz deportiert würde, übergab sie ihre Tagebücher ihrer Freundin Maria Tuinzing. Maria sollte sie nach dem Krieg an den befreundeten Schriftsteller Klaas Smelnik weitergeben. Etty erhoffte sich, dass es Smelnik gelingen könnte, einen Verleger für die Tagebücher zu finden.
(Opens in a new window)Bis zur Veröffentlichung sollte es fast 40 Jahre dauern. 1981 erschienen die Tagebücher – ausgewählte 150 der insgesamt 400 Seiten – in den Niederlanden, 1983 in Deutschland, Frankreich, den USA und anderen Ländern.
2023 erschienen im C. H. Beck-Verlag die vollständigen Tagebuchtexte – nicht nur eine Auswahl – und Briefe, die sie unter anderem aus dem Lager Westerbork schrieb.
Zitate
Die Auswahl fällt schwer. Fast auf jeder Seite finde ich Sätze, die mir wichtig erscheinen, mich ansprechen, nachdenkenswert sind. Und ja, sie sind natürlich aus dem Zusammenhang gerissen. Aber ich hoffe, man bekommt eine kleine Ahnung, mit welcher Offenheit Etty Hillesum uns an ihrem inneren Selbstgespräch teilhaben lässt und welches Geschenk ihre Sätze sind:
„Manchmal sehne ich mich nach einer Klosterzelle (…) mit der Zeit würde sich dann wohl auch Ruhe und Klarheit einstellen. Aber das ist keine Kunst. Hier, an diesem Ort, in dieser Welt und jetzt muss ich zu Klarheit und Ruhe und ins Gleichgewicht kommen.
Ich muss mich selbst jedesmal erneut der Realität stellen, mich auseinandersetzen mit allem, was mir auf meinem Weg begegnet, die Außenwelt als Nahrung meiner Innenwelt aufnehmen und umgekehrt, aber es ist so schrecklich mühsam.“ (DdH, 44)
„Ich habe noch keine Grundmelodie. Es ist noch keine beständige Tiefenströmung vorhanden, die mich nährende innere Quelle versiegt immerzu, und außerdem denke ich zu viel.“ (DdH, 45)
„Armer Kopf und armes Herz, was werdet ihr noch alles verarbeiten müssen. Reicher Kopf und reiches Herz, denn ihr habt auch ein schönes Leben. (…) Oft wird man durch die schockierenden Ereignisse in seiner Umgebung so abgelenkt, dass man später nur mühsam den Weg zu sich selbst zurückfindet.
Und doch ist das nötig. Man darf sich nicht aus einer Art Schuldgefühl in den Dingen um sich herum verlieren. Das Geschehen muss in dir Klarheit erlangen, du darfst nicht in den Dingen untergehen.“ (DdH, 49)
„In mir gibt es einen ganz tiefen Brunnen. Und darin ist Gott. Manchmal ist er für mich erreichbar. Aber oft liegen Steine und Geröll auf dem Brunnen und dann ist Gott begraben. Dann muss er wieder ausgegraben werden.“ (S. 52, DdH)
„Aber mein Herz war wie zugeschüttet, nichts begann zu fließen, alle ableitenden Kanäle waren verschlammt, und mein Gehirn war in eine harte Zwinge geklemmt. Wenn ich so zusammengekauert dasitze, warte ich, bis etwas zu schmelzen beginnt und wieder ins Fließen gerät.“ (DdH, 52)
(Opens in a new window)„Es ist ein langsamer und schmerzlicher Prozess, zur wirklichen, inneren Selbständigkeit geboren zu werden. Mit immer größerer Sicherheit zu wissen, dass es nie und nimmer Hilfe, Unterstützung und Zuflucht bei anderen für dich gibt. Dass die anderen genauso unsicher, schwach und hilflos sind wie du selbst. Dass du immer der Stärkere sein musst.
Ich glaube nicht, dass es in deiner Art liegt, bei anderen Zuflucht zu finden. Du wirst immer wieder auf dich selbst gestellt sein. Es gibt nichts anders. Das übrige ist Fiktion. Aber dies jedesmal wieder von neuem erkennen zu müssen. Vor allem als Frau“. (S. 63, DdH)
„Oh Herr, gib mir am frühen Morgen etwas weniger Gedanken und etwas mehr kaltes Wasser und Gymnastik. Das Leben lässt sich nicht in ein paar Formeln fassen.“ S. 64 (DdH)
„Man muss mit sich selbst leben, als lebte man mit einem ganzen Volk von Menschen. Und an sich selbst lernt man dann alle guten und bösen Eigenschaften der Menschen kennen. Und man muss zuerst sich selbst die schlechten Eigenschaften vergeben, wenn man den anderen vergeben will. Das ist wohl das Schwierigste, was ein Mensch lernen muss: (…) sich selbst seine Fehler und Irrtümer zu verzeihen. (DdH, 181)
Im Sammellager Westerbork:
„Unter dem Himmel ist man zu Hause. Auf jedem Fleck der Erde ist man zu Hause, wenn man alles in sich trägt. (…) Ich habe nicht oft wie ein Schiff gefühlt, das eine kostbare Fracht an Bord verstaut hat; und fühle mich immer noch so; die Taue werden gekappt und so fährt das Schiff, so frei und durch alle Länder und es führt alle kostbare Fracht mit sich. Man muss sich selbst eine Heimat sein.“ (MdgH, S. 330/331)
Letzte Tagebuchnotiz vom 12. Oktober 1942:
„Man möchte ein Pflaster auf vielen Wunden sein.“ (DdH, 207)
Quellen der Zitate:
(DdH) Etty Hillesum: „Das denkende Herz“, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg 2014 (25. Auflage)
(MdgH) Judith Koelemeijer „Mit dem ganzen Herzen – Das furchtlose Leben der Etty Hillesum 1914 bis 1943“, C.H. Beck 2024