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    <title>Textoscript. Die Kolumne</title>
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    <description>Textoscript ist ein unabhängiges Magazin. Die Kolumne liefert persönliche Gedanken und ehrliche Statements. jeden zweiten Dienstag neu!</description>
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      <title><![CDATA[Aufgewacht in einem fremden Land]]></title>
      <description><![CDATA[Ich wurde in der DDR geboren und feierte meinen 18. Geburtstag in dem Land hinter den Mauern, das es heute nicht mehr gibt. Somit bin ich eine Zeitzeugin, die sich an…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Ich wurde in der DDR geboren und feierte meinen 18. Geburtstag in dem Land hinter der Mauer, das es heute nicht mehr gibt. Somit bin ich eine Zeitzeugin, die sich an das Leben in der DDR gut erinnern kann. Doch leider werden wir nur selten gefragt. Deshalb schreibe ich meine Erinnerungen auf. Denn die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit ist in meinen Augen unbefriedigend.</p><p>Wer das Land nicht kennt, weiß von der Arbeit der Stasi und von einem Unrechtsstaat, der die Menschen unterdrückte. Die Wende war eine Befreiung von dem Unrecht. Doch der Osten ist nicht dankbar. Er denkt anders und er wählt anders. Warum nur?</p><p>Unsere Erinnerungen gehen über das Unrecht hinaus. Wir haben sie innerhalb der Familie an unsere Kinder und Enkel weitergegeben. Ich schreibe darüber, weil es mir wichtig ist, dass die Seite, die in den Medien kaum thematisiert wird, zur Sprache kommt.</p><p>Meine Generation hat ihr Zuhause verloren. Die Heimat. Es fühlte sich anfangs so gut an. Doch rückblickend hätten wir gern ein wenig mehr Zeit gehabt, um uns mit dem uns fremden System auseinanderzusetzen. Es war plötzlich da. Von einem Tag zum anderen.</p><p>Viele Menschen mit ostdeutscher Biografie hatten nach der Wende großes Glück. Sie behielten ihre Arbeit oder konnten sich schnell neu orientieren. Andere taten sich schwer. Wieder andere wünschten sich die DDR zurück. Und werden dafür gern scharf kritisiert.</p><p>1989 veränderte sich alles, und das ziemlich plötzlich. Im Februar wurde Chris Gueffroy im Grenzbereich am Britzer Kanal in Neukölln erschossen. Er war so alt wie wir, uns hatte es schockiert. Nichts deutete darauf hin, dass wir noch im gleichen Jahr diese Grenze ganz legal überqueren durften und einer Euphorie erlagen, die wir in diesem Ausmaß nie wieder erlebten.</p><p>Doch die Realität holte uns ein. Aus unseren Erfahrungen heraus können wir die Unzufriedenheit vieler Menschen in Ostdeutschland verstehen. Wir teilen sie nicht, weil wir die Freiheit als großes Gut betrachten. Und wir sind froh, dass die Mauer gefallen ist. Aber das eine oder andere Mal haben wir uns dann doch gewünscht, den Kapitalismus nicht allzu hart zu spüren.</p><p>Blicken wir zurück, in die Wendezeit und auf sein System, das Schattenseiten hat.</p><figure><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/ef5cc7ba-f2fa-4a57-b5b4-59bda39a10e5/uploads/images/neurqweddm/Aufgewacht.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Minimalistische Zeichnung einer Person, die zwischen einer stilisierten DDR-Landschaft mit Plattenbauten, Fernsehturm und Trabant sowie einer modernen westdeutschen Skyline mit Wegweisern zu „Freiheit“, „Chancen“, „Leistung“ und „Selbstverwirklichung“ steht."/><figcaption>Zwischen zwei Welten: Der Umbruch nach der Wende veränderte das Leben vieler Ostdeutscher.</figcaption></figure><h2>Die Euphorie der Wende und die Zeit danach</h2><p>Am 9. November 1989 war ich neunzehn Jahre alt. Ein Jahr zuvor hatten wir geheiratet. Unser Sohn feierte wenige Tage später seinen zweiten Geburtstag. Mit unserem zweiten Sohn war ich schwanger. Ich absolvierte eine Ausbildung zur Krankenschwester, mein Mann arbeitete in einem Lebensmittelbetrieb. Drei Schichten, der Verdienst war gut. Nach unserer Hochzeit hatten wir eine Wohnung im Plattenbau bekommen. Drei Zimmer, Ofenheizung. Wir richteten sie mit dem Ehekredit ein und waren glücklich, in unserem kleinen Reich. Was heute kaum noch denkbar ist, war damals, in der DDR, gar nicht so ungewöhnlich.</p><p>Ein knappes Jahr nach unserem Einzug saß ich auf unserer Wohnzimmercouch vor unserem kleinen Kofferfernseher. Ich hatte ihn von meiner Omi geerbt. Er war neun Zoll groß und hatte ein grell-orangefarbenes Gehäuse. Gefertigt in Westdeutschland: Meine Omi hatte ihn von Freunden geschenkt bekommen. Wir guckten in Schwarz-weiß und mussten aufstehen, wenn wir den Sender wechseln wollten.</p><p>Ich hatte meinen Sohn auf dem Schoß und guckte mit heruntergeklappter Kinnlade zu, wie meine Landsleute ihre Trabbis am Rande eines Feldes abstellten und einfach losliefen. Viele waren so alt wie wir und trugen Babys oder Kleinkinder auf dem Arm. Ungarn hatte die Grenzen zu Österreich geöffnet.</p><p>Die Fluchtbewegung wuchs rasant. In unserer Heimatstadt verließen Nachbarn ihre Häuser. Die Stadtverwaltung wies sie Wohnungssuchenden nach dem Wohnraumvergabeplan zu, wenn es keine Angehörigen gab. Nur wenige Wochen später fielen die Grenzen. Nicht jeder bekam sein Haus zurück.</p><p>Wir dachten darüber nach, nach Ungarn oder in die Tschechoslowakei zu fahren. Dass wir nicht reisen durften, nervte uns, seit wir Teenager waren. Aber nein. Wir wollten unsere Heimat nicht verlassen. Obwohl wir nur in einer frisch eingerichteten Wohnung im DDR-Plattenbau lebten, waren unsere Wurzeln zu tief.</p><p>Die Aufbruchstimmung kam recht schnell in unserer Kleinstadt an. Wir nahmen an Protestveranstaltungen teil. Am 18. Oktober trat Erich Honecker zurück. Kronprinz Egon Krenz folgte. Und mit ihm die Hoffnung, dass sich etwas veränderte.</p><p>Die Hoffnung erfüllte sich in der Nacht vom neunten auf den zehnten November. Jakob, mein Mann, hatte Nachtschicht. Ich ging früh ins Bett. Der Kofferfernseher blieb an diesem Abend aus. Ich war müde, unser Sohn hatte mir zuvor eine unruhige Nacht beschert. So verpasste ich die Tagesschau mit dem legendären Satz:</p><blockquote><p>Meiner Meinung nach gilt das ab jetzt. Sofort.</p></blockquote><p><a href="https://steady.page/3f9f3c4f-b423-436f-ad9d-2ac4fb107e9d/posts/ef5cc7ba-f2fa-4a57-b5b4-59bda39a10e5">Auf Steady weiterlesen</a></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Wir im Osten]]></category>
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      <pubDate>Sat, 18 Jul 2026 23:46:40 +0000</pubDate>
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