
In einer kaum sichtbaren Spalte hinter einer nur wenig abstehenden Holzleiste am Aufsatz meines Schreibsekretärs da lebt seit Jahren ein i. Damals hatte es sich aufs Altenteil zurückgezogen. Überhaupt weiß ich nur von dem i, weil es von mir entdeckt werden wollte. Es wollte sein Comeback, also machte es auf sich aufmerksam.
Zunächst mischte sich sein Kichern zwischen das Kratzen meiner Schreibfeder. Dann polterte und klopfte es in den Schreibtischfächern. Ich öffnete eine kleine Schublade, in der ich irgendwelches Ungeziefer vermutete, vielleicht einen Holzbock, und schon war es herauf auf den Rand der Lade und hinunter auf meinen noch unfertigen Brief gehüpft. Dort blieb es zuerst reglos vor der Spitze meiner Feder stehen. In Wahrheit war es jedoch keineswegs bewegungslos. Denn was ich erst bei späterer Gelegenheit und bei sehr genauem Hinschauen beobachten konnte: Es drehte seinen Punkt um eine gedachte Achse. Winzige Unebenheiten und Einkerbungen in der Druckerschwärze ließen dies erkennen. Nach einigen Rotationen, die es wohl brauchte, um sich auf meinem Schreibtisch zu orientieren, hüpfte es mir entgegen auf den Rand des Briefes zu. Dann verneigte es sich, wobei es darauf achtete, dass sein Punkt nicht allzu sehr verrutschte, und ging auf seinen feinen Serifen zur Blattmitte zurück, wo es furchtbar heftig zu hüpfen begann.
Auf und ab und immerzu. Mal hob sich dabei sein Punkt mit dem Rumpf in gleich bleibendem Abstand, dann wieder blieb der Punkt in der Luft stehen oder er bewegte sich wie der Hammer gegen einen Amboss auf den Rumpf zu, auf den er dann auch hart und mit metallischem Klang einschlug. All dies Hüpfen vollzog es auch keineswegs auf einer Stelle. Vielmehr blieb kaum eine Zeile des Briefes von den teils heftigen Stübern des kleinen i verschont. Als ich mit einem Mal anfing zu Lachen, da hörte ich, zu all dem Hüpfen und Poltern, wieder das Kichern des i. Und eine neue Figur, eine weitere, viel komplexere Übung kam hinzu. Es verknotete im Sprung über meine Feder seinen Körper zu einer Brezel, durch deren Öffnungen es seinen Punkt hindurch jonglierte. Zum Ende, nachdem sich das i wieder entflochten hatte, trat es erneut zur Blattkante vor und verneigte sich langsam. Meinen Federhalter legte ich ab, um zu applaudieren.
Wir sind inzwischen gut bekannt. Das i schaut mir regelmäßig beim Briefeschreiben zu und ganz selten nur mischt es sich ein. Wenn es sich dann räuspert, schaue ich über meine Brille hin zu ihm auf. Da sitzt es auf dem Fuß der Tischlampe und jongliert mit seinem Punkt. Ich lese den letzten Satz nochmals und muss erkennen: Das kleine i hat recht. Der Satz kann so nicht bleiben.
Es ist mir sehr sympathisch und trotz seiner ausgeprägten Serifen bleibt es ein bescheidenes kleines i. Es mag beispielsweise nicht an den Anfang eines Satzes gestellt werden. Sei der Satz noch so bedeutungsvoll. Nie will es groß herauskommen. Als kleines i in der Wortmitte oder am Ende, da fühlt es sich wohl.