Oder: Warum über das Ende reden ein Anfang sein kann

Eigentlich ist sie TV-Moderatorin, aber Lea Reinhard hat mehr Fragen, als man auf dem Bildschirm bei Buten & Binnen klären kann. Das Thema Sterben beschäftigt sie zusammen mit ihrem Vater Michael, ebenfalls Journalist, bereits zwei Bücher lang. Während man beim Fernsehen nichts dem Zufall überlässt, vertieft sich Lea also nebenbei in das Thema, das man nicht kontrollieren kann. Aus den ersten Interviews entstand ein Podcast, dann folgten die Bücher, um das in Worte zu fassen, wo sie oftmals fehlen. Was nimmt man mit, wenn man mit so vielen Menschen, Psychologen, Philosophen und Trauernden gesprochen hat, die dem Tod täglich so nahe sind?
Lea, warum hast du überhaupt angefangen, einen Podcast zum Thema „Sterben & Trauern“ zu starten?
Mein Vater und ich hatten eine Begegnung mit dem Palliativ-Psychologen Ernst Engelke. Der kann so eindrücklich von seiner Arbeit erzählen, das hat uns fasziniert. Er ist Professor, Mitbegründer der Palliativ- und Hospizbewegung in Deutschland, hat sein Leben lang Menschen an ihrem Lebensende begleitet, mehr als 50 Jahre lang, und kann über seine Erfahrungen so nah am Menschen erzählen, nicht nur wissenschaftlich, sondern nachfühlbar. Nach seinen unzähligen Veröffentlichungen war Ernst Engelke neugierig, sich mit uns auf was Neues einzulassen. Und dann ging’s los mit unserem Podcast „Sterben & Trauern“ aus dem dann unser erstes Buch „Sterben ungeschminkt“ (Herder, 2025) entstanden ist. Außerdem haben wir schon immer in unserer Familie über Sterben und Trauer geredet. Meine Mama hat Krebs, der zum Glück stagniert. Mein Papa hatte mal Krebs und ist geheilt. Wir sind total dankbar und glücklich, dass meine Eltern noch leben. Aber sich mit dem Thema auseinander zu setzen, lag natürlich nahe. Und das Beste: Mein Vater ist ja auch Journalist. Es ist ein Geschenk, dass wir das zusammen machen können. Es macht unheimlich Spaß, sich auszutauschen und wir haben dadurch nochmal eine ganz andere Verbundenheit.
Für die zweite Podcaststaffel habt ihr prominente Persönlichkeiten zu ihren Verlusterfahrungen befragt. Wenn du all diese Gespräche rekapitulierst. Was war der Satz, der sich dir eingebrannt hat?
Ein konkreter Satz fällt mir nicht ein, aber was ich unglaublich mutmachend finde, ist, dass alle Trauernden berichten, dass selbst nach dem schlimmsten Verlust ein glückliches Leben möglich sein kann. Sozusagen ein „glückliches Leben 2.0“, wie es Content Createrin Simone Rockenschaub gesagt hat, die ihren dreijährigen Sohn verloren hat. Moderatorin Kathrin Kampmann spricht sogar von Bullerbü 2.0., obwohl sie nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes mit 33 Jahren nicht nur Witwe, sondern auch alleinerziehend mit zwei kleinen Kindern war. Wenige Jahre danach kann sie sagen, sie führe wieder ein glückliches Leben, eins, das die Trauer und das Erinnern an ihren verstorbenen Mann integriert. So etwas berührt mich. Genauso wie du es beschrieben hast in „Mama ist tot. Und jetzt?“. Du hast es ja auch geschafft, ohne deine Mama wieder glücklich zu sein.
Was hat dich am meisten geschockt? Was hat dich so richtig aus der Bahn geworfen? Gab es da was?
Da fällt mir als erstes Professor Wilhelm Schmid, Philosoph und Bestseller-Autor ein. Wir haben ihn in Berlin besucht und er hat uns erzählt, dass er mit seiner Frau über den Tod hinaus eine Beziehung führt. Das gab es in meiner Vorstellung nicht. Nur weil jemand verstirbt, geht die Liebe nicht weg, das ist klar. Aber die beiden haben echt vor ihrem Tod darüber gesprochen, dass sie zusammen bleiben werden, „egal, in welchem Aggregatzustand“. Die waren seit Jahrzehnten zusammen, das hat mich zutiefst berührt. Er pflegt diese Beziehung richtig, kommuniziert mit ihr. Er sagt, er spüre sie auch, und er merke es im Traum. Anstatt abzuschließen, hält er an dieser Beziehung fest. „Du musst loslassen“ plädieren viele, erzählt Schmid. Und er sagt: „Nein. Ich muss gar nichts“, was ja auch Mut machen kann, denn solch ein Schicksal kann ja jeden treffen. Die tollsten Paare müssen sich irgendwann irgendwie durch den Tod trennen lassen. Und Pärchen, die mit dieser Verbundenheit, über den Tod hinaus etwas anfangen können, nimmt dieser Umgang vielleicht die Angst. Das hat mich sehr beeindruckt.
Genau wie Simone, die ihren kleinen Sohn verloren hat, und jetzt als Medium mit den Toten spricht, sogar Jenseitskontakte vermittelt. Ich lasse das bewusst einfach mal stehen, denn ich finde, das muss man nicht bewerten. Deshalb muss es ja nicht verkehrt sein. Das ist ihr Weg, um mit ihrer Trauer klarzukommen. Sie hilft damit offenbar sehr vielen Menschen.
Gibt ja auch Menschen, die können sich nicht mit dem Thema beschäftigen? Was sagst du denen, warum es doch sinnvoll ist?
Es ist so wertvoll, sich damit zu beschäftigen. Du kannst ja einfach starten, zum Beispiel mit einem Freund oder einer Freundin. Ich habe eine Tochter, sie ist gerade drei Jahre alt, und als Mutter empfinde ich es auch beruhigend, sich darüber Gedanken zu machen. Was möchte ich, was bleibt? Wer kümmert sich? Ich habe eine Vorstellung, was passieren soll, wenn es bei mir so weit ist, wie ich gehen möchte: Ich stelle mir meine Liebsten vor, umgeben von ihnen, am liebsten Zuhause. Und: Je mehr Entscheidungen ich meinen Liebsten abnehmen kann, desto einfacher für sie, oder? Ich möchte verbrannt werden.
Meine Beerdigung soll eine Kinderparty sein, mit Hüpfburg, Kinderschminken. Klar ist es traurig und die Zeit danach auch, aber man kann es auch positiv besetzen. Und Rituale sind für Kinder wichtig: Sollte ich jung sterben, dann hätte ich gerne eine Bank, wo meine Tochter, Familie und Freunde regelmäßig hingehen können. Die muss ja nicht mal auf einem Friedhof stehen.
Ich finde, es lohnt sich immer, darüber zu sprechen, um sich selbst im Klaren zu sein, was man hinterlassen will. In meinen Augen ist das verantwortungsbewusst. Ich hinterlasse ja auch Arbeit, Passwörter und Pins. Dieses Chaos versuche ich zu entschlacken und zu lenken, mit der Liste, wie ich sterben will. Die letzte Checkliste meines Lebens sozusagen. Viele Trauernde finden es gut, sich daran entlang zu hangeln. Es ist ein bisschen wie die „letzte Ehre zu erweisen“.
Und das Paradoxe ist: Wenn man sich über Tod und Sterben Gedanken macht, holt es uns ins Jetzt zurück. Man wird dankbarer für das, was gerade ist. Und die Tiefe der Gespräche nimmt zu. Ich mache mir auch bewusst, dass Sterben keinen Alltag kennt. Natürlich haben die meisten von uns Angst, aber man kann es für sich auch so übersetzen, dass dieses Thema Bewusstsein fürs Hier und Jetzt schafft.
Siehst du das Leben jetzt anders?
Ich war schon vorher so, aber ich sehe das Leben noch realistischer. Ich bin noch offener geworden, dem Thema und Menschen gegenüber, die trauern. Ich habe ein Bewusstsein dafür entwickelt, wie es Menschen geht, und wie ich sie anspreche. Das hat auch der Palliativpsychologe Ernst Engelke gesagt: Man kann nichts Falsches sagen- es ist schlimmer, nichts zu sagen. Viele wenden sich ab, weil sie mit der Situation überfordert sind. Anders als vor 3 Jahren, vor Beginn der ersten Podcast-Staffel, gehe ich auch nochmal mehr auf Menschen zu, wenn ich weiß, dass sie trauern, weil ich finde, dass es so wichtig ist, dass sie damit nicht alleine sind. Viele haben keinen Trauerbuddy - gerade Menschen, die zuhören, sind doch in so einer herausfordernden Situation so wichtig.
Gibt es etwas, was deine Gesprächspartner miteinander verbindet?
Auf jeden Fall. Die Erkenntnis, dass unsere Gesprächspartnerinnen und Partner einen Umgang gefunden haben, um mit der Trauer sehr gut weiterzuleben. Trauer hört nicht auf, sie verändert sich und wir kommen damit klar. Am Anfang kann sie körperlich sein, bringt einen an die psychischen Grenzen. Man kann sogar Angst haben, verrückt zu werden. Wie Simone Rockenschaub. Aber: Es ist ein Prozess. Klingt doof, aber Zeit heilt doch oft Wunden. „Ein Balsamtuch nach dem anderen wird über die dickste Wunde gelegt“, so beschreibt es der Kabarettist und Hospizbotschafter Martin Rassau. Alle unsere Interviewpartner fanden, dass ein glückliches Weiterleben möglich ist. Nur, dass man eben diese Trauer weiterhin in sich trägt.
Schauspielerin Michaela May, die ihre drei Geschwister verloren hat, hat gesagt, Trauer ist wie ein Kästchen in einem großen Schrank. Manchmal holt man es raus, guckt rein und dann stellt man es wieder hinein. Sie trägt immer ihr Trauerkästchen mit sich herum. Das fand ich ein schönes Bild.
Was ist dein persönliches Fazit nach all den Interviews? Müssen wir das Leben anders leben oder mit Trauer anders umgehen? Was denkst du?
Ich finde, man darf Angst vorm Sterben haben. Das geht auch nicht weg, wenn man sich damit auseinander setzt. Mir hat es die Angst nicht genommen, aber der Umgang mit der Angst und die Übertragung aufs Hier und Jetzt, das hat gut getan. Nicht nur was mich betrifft, sondern auch meine Liebsten. Mir hat es ein gutes Gefühl gegeben, zu wissen, was auf einen zukommen kann. Vieles läuft gleich ab. Das Wissen ist wertvoll. Und dieses neue Bewusstsein ist wie ein Handwerkskoffer, den ich an die Hand bekommen habe, und auf den ich immer Zugriff habe.

Lea & ihren Vater findet Ihr findet außerdem hier:
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@sterben_trauern_der_podcast