FILM-&-TV-KRITIK (Opens in a new window)
Neben unseren Highligts 28 YEARS LATER: THE BONE TEMPLE (Opens in a new window) und dem arg guten, queeren beziehungsweise schwulen PLAINCLOTHES (Opens in a new window) mit Tom Blyth und Russell Tovey sind diese Woche natürlich noch weitere Filme am Start. Schauen wir mal, was uns da ins Haus weht…

[Unsere Gedanken zum Tatort: Ex-It aus Stuttgart findet ihr in dieser Woche auch hier.]
HEISSE WÜRSTE
Es ist ein möglicher zweiter Grill, der in EXTRAWURST alles entzündet. Im provinziellen Tennisclub Langenheide soll ein neuer bestellt werden – passt! Als die mit ihrem Gatten Torsten (Christoph Maria Herbst) aus Berlin zugezogene Melanie (Anja Knauer) aufbringt, einen zweiten Grill für ihren Doppelpartner Erol (Fahri Yardim), einen Muslim, zu ordern, bricht die große Debatte los. Vereins-Präsident Heribert Bräsemann (Hape Kerkeling in seinem ersten Kinofilm seit 16 Jahren) möchte sie zügig abbinden, sein Stellvertreter Matthias (Friedrich Mücke mit Rechts-Bart) möchte vor allem, dass alles bleibt, wie es ist...

Die Konversations- und Kulturkampf-Komödie (kurz: KKK-Komödie) ist seit geraumer Zeit einer der Renner des deutschen Films/Kinos. Die Namen-Trilogie von Sönke Wortmann oder Alter weißer Mann zeigen, wie gern „wir“ Streit um mehr oder weniger relevante Themen nicht nur in der Timeline, sondern auch im Kino feiern. Extrawurst basiert auf dem gleichnamigen Theaterstück von Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob aus dem Jahr 2019, das diese nun für die Verfilmung adaptiert haben.
https://www.youtube.com/watch?v=YbC8F45HRr4 (Opens in a new window)Im Film von Marcus H. Rosenmüller (Wer früher stirbt ist länger tot, Der Boandlkramer und die ewige Liebe) kracht es nicht immer nur verbal ordentlich zwischen den fünf Hauptfiguren. Ob im Vereinslokal, in der Halle oder im Werkraum - alle sind irgendwie eingesperrt in Raum, Thema und Zeit. Ein paar Nebenfiguren, die hin und wieder noch ein weiteres Brennmittel in die nicht abkühlende Debatte geben, gibt es auch. Ob Religion und Rassismus, Provinz versus Stadt, Gefühl gegen Fakt, Sexismus und Egoismus: Es gibt kaum Themen und Ressentiments, die der sehr westdeutsche Film nicht anbringt. Das gelingt zumeist sehr gut, unterhält und schreckt auch vor manch Härte nicht zurück.
Leider ist diese Extrawurst zum Schluss einen Ticken zu versöhnlich und somit in den letzten Minuten etwas zu bräsig geraten. Doch das ist ja irgendwie auch sehr deutsch.
AS (Mitarbeit HMS)
PS: Am 26. März startet Horst Schlämmer sucht das Glück in unseren Kinos. Als Regisseur zeichnet Sven Unterwaldt Jr. (Woodwalkers 2, Club Las Piranjas, Die Schule der magsichen Tiere 2 & 3) verantwortlich und Claudius Pläging (Kurzschluss- und Namen-Trilogie, Spieleabend). Selbstredend ist Hape Kerkeling wieder der Mann, der immer Rücken hat. Den Trailer findet ihr hier (Opens in a new window).

EXTRAWURST (Deutschland 2026, 100 Minuten, FSK: 12) ist seit dem 15. Januar 2026 im Kino zu sehen.
#METOO SAID THE STEPFORD-WIFEY
Räumlich edler, doch nicht weniger beengt geht es in der Verfilmung des BookTalk-Phänomens und Bestsellers THE HOUSEMAID – Wenn sie wüsste von Freida McFadden zu. Den Roman für die Leinwand adaptiert hat Rebecca Sonnenshine (The Boys) und ihn inszeniert Paul Feig (Brautalarm, Nur (noch) ein kleiner Gefallen). Vor allem beim letzten Namen dürften die Zuschauer*innen kaum einen allzu nuancierten Psychothriller mit psychologischer Tiefe erwarten.

Das bietet THE HOUSEMAID mit der derzeit nicht nur, aber auch dank ihrer „good Jeans (Opens in a new window)“ angesagten Sydney Sweeney, der jede Rolle in ein Fest verwandelnden Amanda Seyfried und dem bulligen Brandon Sklenar (Drop) in den Hauptrollen sicher nicht. Muss der unterhaltsame, teils recht clevere Thriller mit Elementen einer Seifenoper allerdings auch gar nicht.
Stimmungsvoll der Auftakt, in dem die 27-jährige Millie (Sweeney) sich bei dem bei dem wohlhabenden Ehepaar Nina (Seyfried) und Andrew Winchester (Sklenar) bewirbt und nach einem zu perfekten Gespräch mit Nina als Haushaltshilfe engagiert wird. Doch scheint mit Nina etwas nicht zu stimmen: Launisch, erratisch, fahrig, patzig – ein wenig wie Robert Habeck halt. Tochter Cece (Indiana Elle) scheint auch nicht ganz koscher, von Andrews Mutter Evelyn (yeah: Elizabeth Perkins) ganz zu schweigen (trotz sehr guter, privilegierter Zähne).

Die Verfilmung (wie wohl auch der Roman) changiert irgendwo zwischen Satire und Psychothriller, Trash und Camp, Scherz und bitterem Ernst, Cringe und Chaos. Nicht selten fragen wir uns, ob dieses oder jenes Klischee ernsthaft unterhalten soll oder doch nur eine Finte ist. Sex(ualität) nutzt der Film offen und doch prüde, Geheimnisse und mysteriöse Blicke ständig und doch irgendiwe als Red Hering. Das unterhält auch dank der Bilder von John Schwartzman und der Musik Theodore Shapiros sowie mancher Pop-Elemente so gut, wie es irritiert.
https://www.youtube.com/watch?v=aK9MPUWk2ng (Opens in a new window)Verdienst des gut zweistündigen Films ist eine ständige Umkehr der gefühlten Perspektiven. THE HOUSEMAID schafft es, uns sehr lange darüber im Dunklen zu lassen, womit wir es zu tun haben. Wer hier welches Spiel spielt, was wessen Motive und Absichten sind. Ja, was das Endgame ist. Ich jedenfalls war einigermaßen überrascht und vor allem sehr angetan von der heiteren Wut, klugen Kompromisslosigkeit und dem augenzwinkernden Schluss. Ein zweiter Teil ist in Arbeit - passt.
JW
PS: Der Roman Wenn sie wüsste ist in der Übersetzung von Astrid Gravert und Renate Weitbrecht als erster Band der Housemaid-Trilogie im Heyne Verlag erschienen, jetzt zum Kinostart auch in einer neuen Auflage. Eine Rezension folgt und eine Leseprobe findet ihr hier (Opens in a new window).

THE HOUSEMAID (USA 2025, 132 Minuten, FSK: 16) ist seit dem 15. Januar 2026 im Kino zu sehen.
DIE LEICHE TAUCHT SCHON NOCH AUF
Lange und erfolgreich, dafür weniger melodramatisch, allerdings quälender im Unklaren lässt die Zuschauer*innen der neue Stuttgarter Tatort: Ex-It. Der von Friederike Jehn inszenierte und Wolfgang Stauch (Opens in a new window) geschriebene Ehe-Psychothriller (ja, in dieser Woche sind es nur zwischenmenschliche Beziehungs- und Kommunikationsdramen, die alle nichts von gewaltfreier Kommunikation gehört haben) mit Kim Riedle und Hans Löw in den Episodenhauptrollen als wohlhabendes, entzweites Ehepaar „Pony“ und Stephan Hübner hallt ordentlich nach.

Die Kriminalhauptkommissare Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) müssen sich mit einem im Neckar versenkten SUV, einem toten sowie einem bestenfalls entführten, schlimmstenfalls ebenfalls toten und weggespülten zweiten Kind auseinandersetzen. Was ist in der regenreichen Nacht geschehen, in der Ponys Wagen samt Kindern gestohlen und versenkt wurde? Was wissen Pat (Anne Haug, Tatort: Kammerflimmern, Knochen und Namen, Sad Jokes), die Schwester des ehemaligen It-Girls Pony, und ihr Macker „Echse“ (David Zimmerschied)?

Ist die Ehe der Hübners, die einst ein gutes Team gewesen zu sein scheinen, derart zerrüttet, dass sie Kinder als Teil eines unmenschlichen Poker Games nutzen würden? Geht ihr Zynismus so weit, wie im guten, alten (und zitierten) Rosenkrieg oder gibt es noch ein wenig Gefühl, wie in der neuen Rosenschlacht? Warum sieht jedes Zimmer im 400-Quadratmeter-Haus so anders aus? Warum so viele offene Fenster, wenn es doch so viele Lügen gibt? Geht es womöglich doch schlicht um Geld und lief bei der Entführung einfach etwas aus dem Ruder?

Fragen über Fragen, die in dem düsteren, kongenial von allen Beteiligten gespielten, stimmungsvoll von Michael Merkel gefilmten und mit gefühlvoller Musik von Lorenz Dangel und Fabian Zeidler versehenen Tatort gestellt und zumindest augenscheinlich beantwortet werden. Was im Inneren verborgen liegt, tritt nicht unbedingt konsequent zu Tage in diesem Film, der eher Psychodrama als Krimi ist. Stark.
AS / HMS
PS: Kim Riedle und Hans Löw spielten übrigens schon gemeinsam (gegeneinander) in Liebes Kind, der Netflix-Seriendapation des gleichnamigen Bestsellers (dtv) von Romy Hausmann. In Vorbereitung und im Rahmen der Recherche für ihren kürzlich im Penguin Verlag erschienenem neuen Roman Himmelerdenblau entstanden auch einige Folgen der zweiten Staffel des True-Crime-Podcasts Hausmann & Benecke - Echte Verbrechen (Opens in a new window), der mit einem Auszug aus dem Himmelerdenblau-Hörbuch endet (Opens in a new window).
PPS: Bester Moment und Lannert at his best: „Manchmal wär' mir lieber, ich wär' tot. Aber das geht ja gar nicht“ - „Nein, das geht nicht. Das geht gar nich'.“

Das Erste zeigt den Tatort: Ex-It am Sonntag, 18. Januar 2026, um 20:15 Uhr, one um 21:45 Uhr; anschließend ist der Film für zwölf Monate in der ARD-Mediathek verfügbar.
KEIN SCHWANENGESANG
Das Beste kommt zum Schluss: Ein Film, von dem ich zuerst dachte und sagte, dass ich ihn nicht sehen wollte. Solche Filme seien nicht meins. Der Film über das Neil-Diamond-Tribute-Duo Lightning & Thunder klang nach erster Handlungsbeschreibung (und Trailer) wie ein derb kitschiges, klischeehaften Melodrama, das nur angetreten ist, um unsere Tränendrüse billig zu manipulieren.

Doch: SONG SUNG BLUE von Craig Brewer mit Hugh Jackman und Kate Hudson in den Hauptrollen als Mike Sardina und Claire Sardina (geborene Stengl) aka „Lightning“ und „Thunder“ ist eine wirklich feine, ernsthaft gefühlvolle, stark gespielte, famos gesungene, gelungen gefilmte (DOP: Amy Vincent), lediglich dezent zu lange Angelegenheit geworden. Ein Glück hörte ich auf eine Stimme, die unten noch zu Wort kommen wird.

Der auch von Brewer geschriebene Film orientiert sich chronologisch am wahren Leben der Sardinas. Dies mit allen Höhen und Tiefen, was beinahe naturgemäß zu einem etwas ungleichmäßigen Handlungsverlauf führt. Allerdings bedeutet es ebenso, dass SONG SUNG BLUE eben nicht ständig auf große Dramatik setzt. Die gibt es natürlich dennoch und nicht zu knapp.
https://www.youtube.com/watch?v=8DG-8WXqIKg&t=2s (Opens in a new window)Doch nehmen die Macher*innen wie Darsteller*innen die Geschichte, die Leiden(schaft) und ihre Figuren mitsamt Familien und Freunden ernst genug, um Zwischentöne und echte Emotionen genau wie Entwicklung zuzulassen. Claires Tochter Rachel Cartwright (Ella Anderson) und Mikes Tochter Angelina Sardina (King Princess) aus ihren jeweils ersten Ehen sind besonders hervorzuheben, als Figuren wie auch darstellerisch. Aber auch Nebenfiguren wie Michael Imperiolis Buddy-Holly-Imitator Mark Shurilla, Mustafa Shakir als „Sex Machine“-James-Brown-Imitator, Fisher Stevens’ Dave Watson oder Jim Belushis als menschlicher Manager Tom D’Amato sind nicht bloß Staffage oder Stichwortgeber.

In der Tat eher überraschend behandelt das biografische Musik-Drama teils sehr schwierige und theoretisch sperrige Themen auf nicht selten humorvolle Weise mit einem guten Gefühl für den richtigen Ton. Wenn SONG SUNG BLUE bewegt, dann aufrichtig. Kleine Momente, von denen mensch es wohl kaum erwarten würde, sorgen für große Reaktionen. Irgendwie musste ich an mancher stellen an einen meiner ewigen Favoriten denken: Magnolien aus Stahl.

In diesem Sinne hört auf jene Stimme, die mich überzeugte, den Film zu schauen: „SONG SUNG BLUE wird dich mehr als überraschen. Versprochen!“
AS
PS: Dass meine Begleitung ein großer Neil Diamond-Fan ist, wusste ich zuvor nicht. Seine Begeisterung, als jemand, der alle möglichen LPs hatte, sang ganze Songbooks über die Kraft des Films.
PPS: Der Soundtrack ist wirklich, wirklich gut. Jackman und Hudson können echt singen.

SONG SUNG BLUE (USA 2025, 132 Minuten, FSK: 12) ist seit dem 8. Januar 2026 im Kino zu sehen.
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