LITERATUR-KRITIK (Opens in a new window)
„Das kann ich einbauen.“ - Caspar-Maria Russo, Prinzip Ungefähr, S. Immer Wieder, ff.
Filme sind (oft) etwas Tolles. Eigentlich fast immer, denn selbst aus dem dümmsten Scheiß kann schnell und spaßig der lustigste werden (Ausnahmen bestätigen die Regel). Warum also lesen wir? Bücher dauern länger und schlechter Scheiß kann sich länger und fester einräuchern. Da wirkt es in manchen Büchern beinahe so, als wollten uns die Autor*innen dafür quälen, dass sie mit dem Schreiben von Romanen kein Geld verdienen.

Lesen wir gar so in Caspar-Maria Russos Debütroman Prinzip Ungefähr, erschienen im Residenz Verlag aus Österreich. Hier sagt der verkopft-narzisstische Protagonist Iggy oder Icke, kurz für Igor Estragon Goldberg, an einer Stelle:
„Aber mit Romanen verdient kein Mensch Geld und es hat auch noch nie irgendjemand Geld mit Romanen verdient.“
Da läuft er gar vor einer Verlegerin weg und beginnt lieber eine Ausbildung als Zugbegleiter bei der Deutschen Bahn. Dort lägen für den werdenden Filmemacher, der ein ums andere Mal bei Haneke zum Studium abgelehnt wird, die besten Geschichten. Die Frage, ob sein Kopf nicht ohnehin schon so voll ist, dass er mehr Input gar nicht gebrauchen und ja zusätzlich immer um sich selbst kreist, wird hier nicht beantwortet. Ob in einem Nachfolger?
„Kommunikationskrüppel“
Das ist die Frage, die der 1994 in Eddelsen geborene, in Hamburg aufgewachsene und nun in Wien lebende Germanist und Komparatist Russo während einer Buchtelmatinée im Rahmen der FeelAustria Week 2025 am Samstagvormittag auf der Spreeterrasse des FluxBau eher mit „Nein“ beantwortet. Es wird also kein Mashiggy-Verse geben. Ach so, „das habe ich noch nicht erzählt“: Masha ist im Prinzip die Erzählerin und ungefähr die Hauptfigur des knackigen Romans in Grün und Pink (Opens in a new window). Sie berichtet zunächst von Online-Dating, unlustigen Männern mit ganz viel Humor, unscharfen Typen mit Dutt und Sonnenbrillen-Inszenierung am Berg, von Gedanken an andere Typen in Beziehungen etc. pp. Eben so die üblichen Dinge des Alltags, nicht nur im Leben von Großstädter*innen (und Menschen, die in Wien leben und in Berlin feiern, wobei Masha noch nie in Berlin gewesen ist, aber immerhin von der Skalitzer Straße und dem Berghain gehört hat).
https://steady.page/de/018e38c0-7a57-4e1c-b5b8-4c831b91d2f7/posts/b7b98f70-9e9c-428d-a7bf-0b5dd89366b3 (Opens in a new window)Eines Tages lernen Masha und Iggy sich quasi auf Reisen kennen. Die Situation wird abstrus bis romantisch, könnte liebevoll bis kitschig ausgehen. Tut sie aber nicht. Dafür sind die beiden sowohl zu cool als auch zu verunsichert und bei aller Suche nach Content, äh, Consent sich selbst doch zu nah. Es ist beinahe ein Begehren geboren aus einem performativen Akt. Zum hypochondrischen Filmemacher Iggy passt das (Stichwort: grüne Tüte), zur angehenden Medizinerin Masha weniger. Dann doch umso mehr, je näher wie ihrer Patchworkfamilien-Geschichte und einem kindlichen Bindungstrauma (Opens in a new window) (gilt beides ebenso für Iggy) auch durch die alles sexualisierende Mutter Yvonne, da kommt auch noch die Parentifizierung ins Spiel, sowie Mashas zumindest indirekt auf Außenwirkung und Effekt bedachten Beweggründen fürs Handeln kommen.

Zwar suggeriert sie immer wieder, eine Leichtigkeit leben und einfach sein und machen zu wollen (*hrhrhrhr*, einfach mal machen (Opens in a new window)!), letztlich zählt sie aber Handlungen, Geben und Nehmen, erwartet etwas, fordert allerdings selten direkt ein und/oder zurück. Meint, dass Liebe selten etwas mit Freiraum und Leichtigkeit zu tun habe. Sie blockiert sich, teils aus Altruismus, teils aus Selbstschutz und (Selbst-)Sorge und wird darüber matschig, dafür sauer, auch auf sich selbst. Zwar betäubt sie sich nicht beziehungsweise nur selten mit Alkohol, nutzt aber Fantasie und Aufmerksamkeit zum Wegdriften, dröhnt sich zuweilen über Sex oder Gedanken an diesen zu, ist nicht selten passiv-aggressiv und frisst Frust, wie andere Dicks (geht übrigens auch beides).
„Verständnisgelaber“
Es wird also Ich-fragil geleckt und gefickt in diesem Prinzip Ungefähr, das plakativer auch „Un-Diplomatische Beziehungen“ hätte heißen können, dann aber womöglich für ein Behind the Scenes-Buch zur Netflix-Serie The Diplomat oder hierzulande Diplomatische Beziehungen gehalten worden wäre. Denn nahezu alles, was Masha und Iggy miteinander erleben, aneinander finden, gemeinsam machen und begleiten, wird irgendwie politisiert. Dies vor allem von Iggy, der irgendwie immer zwischen Performance und Selbstfindung mäandert, aber auch von Masha, die sich allzu leicht – und vielleicht gar gern – in jede noch so verkopfte Situation reinziehen lässt und sie wie in einer Co-Abhängigkeit emotional mit ihrem Vielleicht-Partner in einer Vielleicht-Offenen-Beziehung durchlebt bis durchleidet.

Dass Caspar-Maria Russo vom Theater kommt, überrascht bei der schneidigen Lektüre ebenso wenig, wie dass er am Schluss einen großen Dank an seinen Therapeuten richtet. Die Geschichte um Masha und Iggy, ein wenig Familie, manch Freund*innen, zu fällende Bäume (Opens in a new window), Geld mit und ohne Sorgen und die sehr spezielle, sehr famos-grandiose Valeria (trotz vieler Schuppen und Hautfetzen keine Echschenmenschin (Opens in a new window)!) hätte leicht ein überbordend simuliert analytisch-depressives Werk über die Dysfunktionalität von Alltags-Narzisst*innen mit Hang zu aus Gedanken der Grandiosität entstandener Selbstgeißelung und mitleidvollen Worten werden können. Ist sie aber nicht. Russo schreibt schmissig bis bissig, derb stilvoll, beschreibt Umgebungen zum sich dorthin Transferieren, lässt uns den Kopf schütteln vor Lachen und/oder Ungläubigkeit ob der Blindheit in einfachsten Momenten, mangelnder Selbstwahrnehmung bei maximalem Totdenken des Geschehens und der kommenden Handlungen: „Ich plane Spontaneität immer”, so Iggy.
https://steady.page/de/018e38c0-7a57-4e1c-b5b8-4c831b91d2f7/posts/826a6ab2-6e1f-4972-8255-1fc8561aa59a (Opens in a new window)Der lässt sich skeptisch mitziehen, spielt (?) ein wenig HTG, dreht dann plötzlich voll auf, ohne Gefangene zu machen. Einer seiner Buddies meint, es sei ein wenig wie bei Warten auf Godot. Ob in die Donau, nicht den Donaukanal!, beim erneut total spontanen Klauen im Supermarkt oder der Buchhandlung (hail to Self-Checkout-Kasse), dem angekündigten Entwenden eines Riesenrads von Parmigiano Reggiano inklusive der Reise mit diesem nach Fossalto, Italien, und Umgebung, einer QR-Code-Aktion im Stephansdom (und die fiese, feine Feststellung, dass das Vaterunser voll der Nazijargon ist), dem Verkauf von kommunistisch-historischen Roteiche-Gartenmöbeln usw. usf. Er plant Feminist zu werden (liest Liv Strömquist, Margarte Stokowski, bekommt Erektionsstörungen und binged Vulven), Masha findet ihn nicht selten misogyn, meint, dass er, der meist eine Bühne benötige um „er“ zu sein, Feminismus missbrauche, bedauert zudem, dass er „sich immer nur als der präsentieren wollte, der er zu sein vorhatte, und nicht als der, der er war.“ So schämt sich der blasse Rothaarige an einer Stelle seines Rucksacks, wo er doch lieber einen dieser Koffer gewordenen Ferraris von Rimowa haben wolle.
Ein Kunststück ist es, wie Caspar-Maria Russo es fertig bringt, uns mit diesen beiden Figuren irgendwie fertig zu machen, können sie uns doch arg nerven. Doch gewinnen wir sie auch lieb, es ist keine Form von Love-To-Hate-Them, eher ein schmunzelnd sorgenvolles Begleiten zweier Menschen, die viel in sich haben, auch einiges aneinander haben könnten und doch nie, nie, niemals wirklich zusammen sein oder gar gemeinsam Kinder bekommen sollten – oy vey! Sie sind uns nahe, vor allem Masha. Dies auch, weil sie in ihrer taumelnden Reflektion vieles an- und aufkratzt, das nicht wenige so oder so ähnlich schon gedacht, gesagt, getan, gewünscht, geschissen, gevögelt haben.
https://steady.page/de/018e38c0-7a57-4e1c-b5b8-4c831b91d2f7/posts/46625637-c422-4d13-9f93-928b5ed2a8a1 (Opens in a new window)Es gibt perfekte Momente, in denen sich Iggys latente Lethargie und Mashas lustbetonte Lakonik mit der ihnen gemeinsamen Labilität paaren. Der Humor liegt hier wirklich im Kaputten, denn Russo scheint es erkannt, womöglich auch erfahren zu haben und nutzt es nicht als voyeuristischen Effekt oder zum Kalauern, sondern zum nahbaren Erzählen einer Distanz zum geschätzten bis geliebten Gegenüber wie auch sich selbst. Das funktioniert meist recht hervorragend und welche Tragweite das Erzählte hat, wird uns manches Mal erst bewusst, wenn das Prinzip Ungefähr nach einer fünfzig bis siebzig Seiten dauernden Lese-Session zugeklappt wurde.

(Übrigens eignet sich der Roman hervorragend als Bus-Lektüre. Kürzlich bin ich, #ausGründen, mit ein, zwei der einschlägigen Langstrecken-Buslinien durch Berlin getingelt und konnte mich dabei bestens in das Geschehen und die Figuren des Romans involvieren. Lachen wie Seufzen bezogen zudem Mitfahrende ein, was ein schöner Mini-Happening-Moment war.)
Sfogliatelle vs. Buchteln, Prosecco vs. Schlumberger
Was noch? Es gibt neben Käse und Öl, Sfogliatelle und nicht nur einem Spaghetto (Gruß an Markus Söders Tochter Gloria-Sophie Burkandt), Prosecco und Grappa viel Speichel und Spucke. Das fiel schon bei der von der in Österreich geborenen und nach Berlin ausgewanderten Autorin und Moderatorin Angela Lehner (2001 und Vater Unser, beide bei Hanser Berlin) und Drag-Und-Spreefahrt-Queen Audrey Naline moderierten Matinée mit Buchteln von Gragger und Schlumberger-Schaumwein im FluxBau auf. Die übrigens auch Christian Mitzenmacher besuchte, in dessen Knallkrebse Spucke ebenfalls eine Rolle spielt. Sabbern verbindet halt. Den Parmigiano haben wir außerdem jüngst bei Caroline Wahl wiederentdeckt.

Im Übrigen war dieser plötzlich sehr sonnige Vormittag mit Mehlspeise, etwas Bubbly und Obst die perfekte Umgebung, um Roman wie Russo kennenzulernen. Ein charmanter, kurzweiliger, enorm lustiger und an passender Stelle vom Plan abweichender Vormittag mit bester Chemie (ganz ohne Keta oder E, MDMA oder LSD) und einer Menge Persönlichkeit(en). Das galt übrigens für nicht wenige der Veranstaltungen, die im Zuge der FeelAustria Week 2025, u. a. ausgerichtet vom Österreichischen Kulturforum und Österreich Werbung, stattfanden. Sehr fein war auch das Konzert von Mavi Phoenix (ebenfalls im FluxBau, mehr zu Musik und Artist in Kürze), der eine Parallele zu Prinzip Ungefähr hat. Im Song „kiss me (sober)“ des neuen Albums Drama Cowboy, geht es darum, keinen Sex mit Druffies haben zu wollen. Und auch Masha und Iggy betonen immer wieder, dass sie weder mit Drogen noch der Droge Alkohol viel zu tun haben (wollen). Gerade mit letzterem klappt das nur so bedingt, doch der kritische bis semi-heitere, abfällige Blick auf (heitere) Trinker und Konsumenten ist gegeben.
„Wenn ich einen Mann sehe, sexualisiere ich ihn sofort“
Apropos abfällig: Darf ein Mann aus Sicht einer Frau schreiben? Auch so eine Frage, die Caspar-Maria Russo aufwarf, respektive am Samstagmorgen in der Sekt getränkten Luft lag (übrigens meinte er, dass er Lesungen bisher immer abends und nüchtern absolviert habe, nun erstmals eine am Morgen und nun sei er angeschickert, dit is' Berlin, Baby!). Er erzählte dem sehr zugewandten Publikum, dass eine seiner Freundinnen in Bezug auf eine zunächst noch zurückhaltende Masha sinngemäß meinte, „typisch Mann, denkt Frauen würden nicht genauso rumvögeln wie sie“, eine andere hingegen an anderer Stelle, „typisch Mann, denkt Frauen würden nur ans Vögeln und Fremdgehen denken“.

Würde er über einen schwulen Mann schreiben, könnte er ähnliche Reaktionen einfahren, Stichwort zu beidem: Own Voice. Mir fällt es leicht, mich zum gewissen Grad mit Masha zu identifizieren, da mir die Sexualisierung von Menschen und Situationen ebenso wenig fremd ist wie Frust- und Stresssex. Andere Leute aus meinem Umfeld finden es schon promisk, auf einer Veranstaltung mit dem Barkeeper zu flirten. Tja.
https://steady.page/de/018e38c0-7a57-4e1c-b5b8-4c831b91d2f7/posts/de89a04b-5494-44e0-b02a-98822e513f25 (Opens in a new window)Zu guter Letzt bleibt nur noch festzuhalten, dass dieses Debüt von Caspar-Maria Russo mit viel Leichtigkeit einiges an Gewicht an die Leser*innen hängt, mit gefühlvollem Schmackes in die eine oder andere unausweichliche Auseinandersetzung geht und im Prinzip Ungefähr vom Versuch des Verdrängens und emotionalen Prokrastinierens bei ausgeprägter Zergliederung erzählt. Nebenher manch eine Lebensweisheit und Begrifflichkeit hinrotzt, nach der wir nicht gefragt haben, die wir aber nur zu gern auf- und annehmen. Ein solides Stück Literatur, das begeistert und verstört, allein schon, weil wir da doch selber so drinstecken.
AS
PS: Teils zum Lesen und Schreiben gehört: Daliah Lavi („C'est ca la vie – Genauso ist das Leben / es kommt fast nie, so wie man sich das denkt. / Die Phantasie liegt immer knapp daneben, / doch das was passiert, funktioniert irgendwie. / C'est la vie – oh Oui, c′est la vie“), Die Lassie Singers und Ottorino Respighi.
PPS: Kommende Lektüren führen übrigens erneut nach Italien, genauer Palermo mit Frank Göhres Sizilianische Nacht sowie nach Frankreich, in „das vorrevolutionäre und das überaus revolutionäre“ Paris des 18. Jahrhunderts mit Christine Wunnickes Buchpreis shortgelistetem (Opens in a new window) Roman Wachs.
https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/46a71d39-f117-4600-82e7-ba3c18a535f5 (Opens in a new window)PPPS: „Wenn ich einen Mann sehe, sexualisiere ich ihn sofort, außer Armin Laschet vielleicht oder solche Kaliber halt.“
PPPPS: „Ich bin nach Wien, weil ich reich werden wollte. Wien ist die einzige Großstadt hinter Mailand, die nicht Zürich ist.“ Veni, Vidi Vici: Valeria ist pures Gold!
PPPPPS: Filmrechte sind verkauft. Bin gespannt wie das wird; könnte es mir eher als vier- bis fünfteilige Miniserie einer arte-/3sat-/Irgendwas-Privates-Koproduktion vorstellen. Zum Thema Buch und Film: Die Verfilmung von Caroline Wahls 22 Bahnen läuft derzeit im Kino und ist so… ein wenig verschwommen-lala (Opens in a new window), wie auch ihr aktueller Nicht-Schlüssel-Aber-Unterhaltungsroman Die Assistentin - unsere Buchkritik folgt in Kürze.
PPPPPPS: Infos wie Tickets und Geschenkgutscheine zur MS Audrey, dem „Schiff für Kultur, gute Gespräche und Drag“ findet ihr hier (Opens in a new window).
AS
IN EIGENER SACHE: Da unser reguläres Online-Magazin noch immer nicht wieder am Start ist, veröffentlichen wir vorerst hier. Mehr dazu lest ihr in unserem Instagram-Post (Opens in a new window) oder auf Facebook (Opens in a new window). Außerdem freuen wir uns immer, wenn ihr uns einen Kaffee spendieren wollt (Opens in a new window) oder uns direkt via PayPal (Mail: info_at_thelittlequeerreview.de) unterstützen mögt.

Eine Leseprobe findet ihr hier (Opens in a new window).
Caspar-Maria Russo: Prinzip Ungefähr (Opens in a new window); 2. Auflage März 2025; 240 Seiten; Hardcover, gebunden mit Schutzumschlag; ISBN: 978-3-7017-1803-0; Residenz Verlag; 25,00 €