TV-KRITIK (Opens in a new window)
Die Tatorte aus Zürich sind, jedenfalls jenen, die sie hierzulande schauen, vor allem dafür bekannt, nicht selten eine eher eigene, besondere Erzählweise zu wählen und auch einmal gegen den Strich gebürstet zu sein. So ist es auch im neuen Sonntags-Krimi mit Carol Schuler als Tessa Ott und Anna Pieri Zuercher Isabelle Grandjean. Die beiden Kommissarinnen bekommen es im Tatort: Kammerflimmern nicht nur mit einer äußerst ungewöhnlichen Tötungsart, sondern gleich noch mit einer möglichen Massenpanik in Kombination mit Massenmord zu tun...
Es wird persönlich...
Ein Freund von mir ist gerade einmal Mitte zwanzig und scheint nach und nach doch irgendwie unter Herzproblemen zu leiden. Da scheint es ein Trost, dass Digitale Medizintechnologie Menschen mit Herzproblemen ein sicheres Leben ermöglicht. Doch was passiert, wenn verbrecherische Hacker implantierte Defibrillatoren (ICD) manipulieren und Hersteller erpressen? an einem Samstagmorgen in Zürich und Umgebung fast zeitgleich mit einem Herzstillstand tot um. Ursache sind Stromschläge durch ICDs, deren Hersteller Lauber Cardio das Opfer eines Cyberangriffs wurde. Hacker fordern Lösegeld in dreistelliger Millionenhöhe für einen digitalen Schlüssel, der die Firmenrechner wieder zum Laufen bringt.

Diesem unwahrscheinlichen, aber denkbaren Horrorszenario müssen sich Ott, Grandjean sowie Kriminaltechniker Noah Löwenherz (Aaron Arens) und Staatsanwältin Anita Wegenast (Rachel Braunschweig), die prompt eine Nachrichtensperre verhängt, stellen. Firmenchef Kilian Berger (Elias Arens) weist jede Verantwortung für Sicherheitslücken von sich. Sein Bruder Simon (Martin Vischer), Tech-Chef des börsennotierten Unternehmens, macht sich auf die Suche nach der Schwachstelle. Nachrichtensperre hin oder her: Die Journalistin Bianchi (Annina Walt) ist schon dran an der Sensationsstory um einen Hack, die Erpressung und mögliche Tote. Zusätzlich steht Tessa Ott unter besonderem Druck, da ein Teil ihrer entfremdeten Familie betroffen sein könnte.
...und rhythmisch
Die Anspannung und das zwar ruhig erzählte und doch eilig verlaufende Ermitteln wie Fortschreiten der Zeit inszeniert die Zürcher Regisseurin Barbara Kulcsar gemeinsam mit Bildgestalter Pascal Reinmann in Bilder irgendwo zwischen Landschaftsschwelgerei, Nähe, der Nacht und mit Mitteln wie Close-ups und Splitscreens. Das ist äußerst effektiv und hält uns solide bei der Stange. Dank des realitätsnahen aber nie drögen Drehbuchs von Krimiautorin Petra Ivanov und André Küttel, das packend auch das Innenleben der Protagonist*innen abzubilden weiß, schafft der Tatort: Kammerflimmern es locker unseren Puls anteilnehmend in die Höhe zu treiben.

Dass der Film nicht nur in der Theorie eine persönliche und letztlich auch tragische Note trägt, sondern dies in der Umsetzung plastisch werden lässt, liegt nicht zuletzt an einem besonderen Musikstück sowie der Originalmusik von Bálint Dobozi, dessen Herangehensweise für diesen Tatort eine Herzensangelegenheit war:
„Die Musik zu Kammerflimmern basiert auf realen Herzrhythmen – sowohl gesunden als auch pathologischen. Ausgehend vom Drehbuch habe ich rhythmische Strukturen entwickelt, die sich durch den gesamten Film ziehen. Dieses 'Herzklopfen' prägt das musikalische Grundgerüst: in wechselnden Taktarten und Tempi, abgestimmt auf Stimmung, Spannung und Bewegungsdynamik einzelner Szenen. Parallel dazu begleiten musikalische Leitmotive, die bestimmten Figuren zugeordnet sind, ihre emotionale Reise – mal zurückhaltend, mal impulsgebend. Das Ziel war, musikalisch so nah wie möglich an die innere Bewegung des Films und seiner Figuren heranzurücken.“

So gibt es einen speziellen, emotionalen und handlungsgetriebenen Sonntags-Krimi mit viel Spannung um Risikofaktoren für Menschen im digitalen Zeitalter (Opens in a new window), gutem Tempo und einer Menge Gleichzeitigkeit. Dazu wird das Verhältnis von Grandjean und Ott weiter vertieft. Frühere Mauern sind einem (stillen) Vertrauensverhältnis gewichen. Vertrautheit und Verständnis wachsen, wie es auch Carol Schuler im Interview zum Tatort: Kammerflimmern betonte. Ein sehenswerter Film, der ähnlich dem Amok-Polizeiruf (Opens in a new window) und dem Narzissmus-Tatort (Opens in a new window) aus den vergangenen zwei Sonntagen polarisieren dürfte.
AS
PS: In der kommenden Woche lernen wir das neue Tatort-Team aus Frankfurt am Main kennen: Hauptkommissar Hamza Kulina (Edin Hasanovic) fährt in den Keller des Polizeipräsidiums und betritt seinen neuen Arbeitsplatz: die „Abteilung für Altfälle“. Dort trifft er auf Maryam Azadi (Melika Foroutan), Leiterin und einzige Mitarbeiterin der Abteilung, die freundlich, aber auch ein wenig distanziert ist. Mehr zum Film und warum wir ihn besonders und besonders spannend fanden, lest ihr am ersten Oktoberwochenende...

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Das Erste zeigt den Tatort: Kammerflimmern am Sonntag, 28. September 2025, um 20:15 Uhr, one um 21:45; anschließend ist der Film für vier Wochen in der ARD-Mediathek verfügbar (Opens in a new window).