Viereinhalb Jahre, neunundneunzig Ausgaben und zwanzig wund getippte Finger später dürfen wir Dir hiermit unsere Jubiläumsausgabe servieren. Bon Appétit!

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#100 #Klimadebatte #Gerechtigkeit
13 Thesen aus 100 Ausgaben
Von Fake News, schlechten Pointen und 1,5-Grad-Debatten: In viereinhalb Jahren Treibhauspost haben wir viel über Klimakommunikation gelernt. Ein Rückblick in 13 Thesen.

Am 20. März 2021 haben wir das erste Mal auf Senden geklickt.
Damals war dieser Newsletter noch nicht mehr als ein kleines Zwei-Mann-Projekt mit 150 ersten Leser*innen und sonderbarem Namen. Der sonderbare Name ist geblieben und wir schreiben immer noch zu zweit – aber sonst hat sich so ziemlich alles verändert.
Vor allem: Ihr seid jetzt da. Zusammen sind wir eine Community mit über 10.000 Menschen. Viele von Euch unterstützen uns mit Ideen und ihrer Expertise. Andere supporten uns jeden Monat als Mitglieder. Wir sind immer wieder überwältigt, was sich aus diesem Newsletter alles entwickelt, welche Gespräche und Projekte daraus entstehen, welche neuen Perspektiven wir entdecken.
Ohne Euch hätten wir niemals so lange durchgehalten und alle zwei Wochen eine Ausgabe geschrieben, hundertmal. Was wir dabei gelernt haben, möchten wir gerne teilen. Hier sind unsere 13 Insights nach 100 Ausgaben.
#1 – Unsere Köpfe sind die größten Treibhäuser
Die Klimakrise braut sich nicht nur in der Atmosphäre zusammen, sie steckt auch tief in unseren Köpfen: Wir verdrängen, halten an Gewohnheiten fest, sorgen uns um Status und Privilegien und haben unser Mitgefühl für die natürliche Welt verloren.
Deshalb ziehen sich Klimapsychologie und -Gefühle auch wie ein roter Faden durch 100 Ausgaben Treibhauspost. Mit ihnen lässt sich nicht nur die Kluft zwischen Wissen und Handeln erklären. Je besser wir unsere Emotionen verstehen, desto resilienter werden wir auch gegenüber den Umbrüchen, die vor uns liegen.
Wie Klimaforscher und Physiker Wolfgang Lucht in unserer Ausgabe #11 (Opens in a new window) im Interview sagt: „Der wichtigste Prozess, der auf die Zukunft unserer Erde einen Einfluss hat, ist das, was in unseren Gehirnen passiert.“
#2 – Ohne Wissenschaft, ohne uns
Wir können uns nur immer wieder die Haare raufen (Manuel zumindest), wenn von höchster Stelle glasklare und wissenschaftlich belegte Fakten geleugnet werden. Metzger und Landwirtschaftsminister Alois Rainer behauptet (Opens in a new window), Fleischkonsum habe nichts mit Klimaschutz zu tun. Und Katherina Reiche will ihre Erdgas-Eskapaden von dubiosen Instituten schönrechnen (Opens in a new window) lassen.
Erinnerst Du Dich noch an die vielen Schilder auf den Fridays-Demos? „Follow the Science“ stand da überall. Für uns hat sich daran absolut gar nichts geändert. Im Gegenteil: Der Leitspruch ist für diesen Newsletter nur noch wichtiger geworden, jetzt, wo wir von Wissenschaftsleugner*innen regiert werden.
„Ich schätze und unterstütze die Treibhauspost, weil sie verlässlich mit klarem Sachverstand, Empathie und fundierter Klimaforschung Mut und Hoffnung stiftet – gerade jetzt. Herzlichen Glückwunsch zur 100. Ausgabe!“ – Claudia Kemfert, Energieökonomin
#3 – Keine Fakten mehr ohne Geschichte
Infos zur Klimakrise so aufschreiben, dass man sie gerne liest – so lautete die Idee, mit der wir in dieses Projekt gestartet sind. Was wir damals nur geahnt haben: wie wichtig Geschichten dabei sind.
Zu unseren Lieblingsausgaben zählen die, in denen wir Geschichten erzählen. Wie etwa die, in der Du in die Haut eines fossilen Lobbyisten (Opens in a new window) schlüpfst und Dir wirksame Desinformationskampagnen ausdenkst. Oder die, in der Du mit Deiner kleinen Tochter Marla (Opens in a new window) vor den verheerenden Klimafolgen in Deutschland fliehen musst.
Pure Fakten, roh und ungewürzt serviert, sind schwer verdaulich. Die Konsequenz, die wir daraus gezogen haben: Ausgaben ganz ohne Geschichten schreiben wir kaum noch.
Wir wappnen uns so langsam mit Büchern für den Herbst. Ganz vorne dabei: „Das Schweigen der Schimpansen“ von Susana Monsó. Das leicht zu lesende Sachbuch zeigt, wie Tiere mit dem Tod umgehen: Schimpansen putzen die Zähne toter Artgenossen, Elefanten sammeln Elfenbein, Wale tragen ihre Toten durchs Meer. Anhand aktueller Forschung zeigt Monsó, dass längst nicht nur wir Menschen in der Lage sind, die eigene Sterblichkeit zu verstehen.

Volle Transparenz: Der Shoutout ist eine bezahlte Kooperation mit dem Insel Verlag.
#4 – Keine Angst vor schlechten Witzen
In 99 Ausgaben haben wir jede mittelgute Pointe mitgenommen, die sich uns vor die Tastatur geschmissen hat. Anfang 2023 hatten wir einen richtigen Lauf:

Manchmal wird es dabei echt grenzwertig: Unsere Ausgabe über hoffnungsvolle Klima-Studien hieß „Wissen macht (ye)ah!“. Und in einer Ausgabe über die Weltklimakonferenz (COP) haben wir uns die Verhandlungen als Pokémon-Kampf (Opens in a new window) ausgemalt.
Das alles erfüllt natürlich einen Zweck: Wir können über die ganzen düsteren Vorgänge und Prognosen in der Klimakrise nur schreiben, wenn wir ihnen ab und zu den Schrecken nehmen. Immerhin haben wir unsere 99. Ausgabe ohne Jay-Z-Anspielung überstanden. Irgendwo ist dann doch eine Grenze erreicht.
Okay, komm, einer geht noch.
#5 – All COPs Are Beautiful!
Wir dachten, Polizei-Wortspiele mit Weltklimakonferenzen seien ausgereizt, aber nein. Was Cops und COPs gemeinsam haben: Beide können äußerst problematisch sein, aber ohne wäre es auch nicht besser.
In zwei Monaten findet die COP30 in Belém in Brasilien statt und damit nach drei Jahren endlich nicht mehr in einem undemokratischen Ölstaat (zuletzt wurden die Konferenzen von Ägypten, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Aserbaidschan gehostet).
Für uns sind COPs die beste Übung für Ambiguitätstoleranz. Ambiwas? Gemeint ist die Fähigkeit, Widersprüchliches und Komplexes auszuhalten. Die COPs werden mittlerweile von fossilen Lobbyisten regelrecht geflutet. Das macht ernsthafte Durchbrüche für den Klimaschutz quasi unmöglich. Gleichzeitig sind die Konferenzen eine diplomatische Errungenschaft, die auch stark betroffenen Ländern eine Plattform gibt.
Deswegen ein lautes, widersprüchliches: A.C.A.B. – All COPs Are Beautiful!
„Durch Treibhauspost habe ich mit dem Schwarzsehen aufgehört. Ihr helft mir, meine Klima-Angst im Zaum zu halten, weiter aktiv zu werden und mein Umfeld aufzuklären.“ – Leserin Anke T.
#6 – Wir schreiben gegen eine Flut aus Mist
Mit jedem Jahr Treibhauspost wurde uns bewusster, dass wir gegen eine Flut aus Desinformation anschreiben. Statt endlich abzuebben, ist sie in letzter Zeit immer verheerender geworden. Manchmal potenzieren sich einzelne Fake News zu einer riesigen Mistflutwelle (Opens in a new window).
So wie im Juni, als der Faktenakrobat Axel Bojanowski das rechte Lügen-Narrativ verbreitete, die EU würde Klima-Aktivist*innen bezahlen. Er verfasste einen Artikel in der WELT (wo er das Ressort Wissenschaft leitet), in dem er völlig normale Zahlungen der EU an NGOs skandalisierte und Geheimverträge herbeifantasierte. Die Tagesschau griff den Artikel auf und verbreitete die Desinformation auf verschiedenen Kanälen. Sie ist auf Instagram (Opens in a new window) sogar immer noch online:

Uns schockiert so etwas immer wieder aufs Neue. Gleichzeitig treibt es uns an. Uns bleibt schließlich gar nichts anderes übrig, als gegen Desinformation anzuschreiben.
#7 – 1,5 Grad ist an uns vorbeigerast
Wir haben diesen Newsletter bei einer Erderhitzung von 1,1 Grad und einer CO₂-Konzentration von 416 ppm gestartet. Damals haben sich die Ziele aus dem Pariser Abkommen noch machbar angefühlt. Es gab einen Handlungszeitraum, wenn auch einen winzigen.
Keine fünf Jahre später ist die 1,5-Grad-Grenze bereits überschritten und selbst die Einhaltung von maximal 2 Grad ist praktisch unmöglich. Kipppunkte werden dadurch mit Sicherheit überschritten.
Und das Mauna Loa Observatory, das die CO₂-Konzentration in der Atmosphäre seit den 1950er Jahren verlässlich misst, wird von Trump und seinen Faschofriends bald geschlossen (Opens in a new window). Die letzten Messdaten der Station werden rund 426 ppm anzeigen.
#8 – Fossile Konzerne werden nicht aufhören zu lügen
Aus dieser Entwicklung im Zeitraffer können wir etwas Wichtiges lernen: Langfristige Klimaziele ohne konkrete, sanktionierbare CO₂-Budgets sind eine Einladung an Politiker*innen und Manager*innen, untätig zu bleiben.
Fossile Konzerne schmeißen gerade reihenweise ihre Transformationspläne über den Haufen und fahren ihre Investitionen in Kohle, Öl und Gas weiter hoch. ExxonMobil zum Beispiel (Opens in a new window) will seine Gasproduktion in den nächsten fünf Jahren um 18 Prozent steigern. Der Konzern geht davon aus, dass Öl und Gas trotz Klimazielen auch 2050 noch über die Hälfte des globalen Energiemixes stellen.
Mit anderen Worten: Fossile Konzerne haben die Öffentlichkeit – mal wieder – systematisch belogen. Und sie werden es jederzeit wieder tun, wenn sich die Gelegenheit dazu ergibt.
„Die Treibhauspost schafft etwas Seltenes: Sie berichtet ehrlich über die Klimakrise – und zeigt gleichzeitig Chancen und Wege nach vorn. Eine klare Empfehlung für alle, die Orientierung und Zuversicht suchen.“ – Katja Diehl, Autorin und Mobilitätsexpertin
#9 – Klimaneutralität ist nur mit Vorsicht zu genießen
Okay, steile These, ist Klimaneutralität nicht etwas Gutes? Theoretisch ja, aber es gibt dabei drei Probleme:
Erstens, sprechen wir dabei wieder über ein Ziel, das in ungreifbarer Zukunft liegt, statt um konkrete CO₂-Reduktionen in den kommenden Jahren.
Zweitens, sind wir für Klimaneutralität auf unsichere und teure Technologien angewiesen. Eine davon nennt sich BECCS (Bioenergy with Carbon Capture and Storage): Dafür müssten Pflanzen wie Raps im großen Stil angebaut werden, damit sie CO₂ aus der Atmosphäre aufnehmen. Der Raps würde dann zur Energieerzeugung verbrannt und die dabei entstehenden Emissionen abgeschieden und unterirdisch gespeichert. Das würde Unmengen an Landfläche in Anspruch nehmen, die eigentlich für die Produktion von Lebensmitteln benötigt werden.
Und drittens wäre da noch die Sache mit dem Elefanten im Raum: Globales Wirtschaftswachstum und Klimaneutralität schließen sich gegenseitig aus. Solange die Wirtschaft weiter wächst, erhitzt sich auch das Klima.
(Opens in a new window)„Durch Eure humorvolle Art habt ihr mir den Schrecken und die Ohnmacht vor der Klimakrise genommen. Gleichzeitig helfen mir eure Beiträge zu verstehen, wie ernst die Lage ist. Ihr seid ein ganz wichtiger Part in dieser seltsamen Epoche der Menschheit.“ – Leser Jörg A.
#10 – Wir stellen uns der Themen-Hydra
In unserer allerersten Treibhauspost ging es um CO₂-Budgets, danach um die Eisschmelze, Ernährung und individuelle Verantwortung … und wir haben uns damals gefragt, ob uns irgendwann die Themen ausgehen würden.
Nach 100 Ausgaben können wir mit Bestimmtheit sagen: vielleicht. Aber wahrscheinlich nicht. Denn unsere Liste mit Ideen wird eher immer länger. Dahinter steckt die (von uns) sogenannte Themen-Hydra: Immer wenn wir über eine Sache geschrieben haben, fallen uns zwei weitere Aspekte dazu ein, die wir dringend mal beleuchten müssten.
Übrigens: Wenn Du Ideen oder Vorschläge für Themen hast, schreib uns gerne an hallo@treibhauspost.com (Opens in a new window).
#11 – Es geht um viel mehr als nur um CO₂
Wovon die Themen-Hydra lebt: In der Klimakrise ging es nie nur um Treibhausgase. Das Klima ist mit allen möglichen sozialen und ökologischen Krisen verwoben. Was hat das Patriarchat, die Arm-Reich-Schere oder der Kolonialismus mit der Klimakrise zu tun? Wie hängen Artensterben und die Plastikindustrie mit der Erderhitzung zusammen?
Der Klima-Diskurs ruht sich viel zu häufig auf dem Narrativ aus, dass alles gut wird, wenn wir nur CO₂-Neutralität erreichen. Dabei brauchen wir viel mehr als das: Wir brauchen gerechte und anpassungsfähige Gesellschaften, die den ökologischen und sozialen Problemen in Solidarität begegnen. Deshalb werden wir uns in diesem Newsletter auch künftig immer wieder fragen, wie wir dorthin kommen können.
„Ich lese Treibhauspost, um die Unsicherheit auszuhalten. Eure Beiträge helfen, sich von der Misere nicht entmutigen zu lassen.“ – Leser Felix H.
#12 – Rechts, fossil und superreich werden zu Synonymen
Für Klimagerechtigkeit brauchen wir nicht nur offensichtliche Lösungen wie Windräder und Wärmepumpen. Wir brauchen auch solche, die gleichzeitig Armut und Überreichtum beenden. Ein bedingungsloses Grundeinkommen zum Beispiel – oder ein Milliardärsverbot.
Milliardäre höhlen unsere Demokratie aus, weil sie Vermögen horten, Macht bündeln, Medienimperien aufbauen und so den sozialen Zusammenhalt schwächen. Neuestes Hobby vieler Milliardäre: mit Rechtsextremen kuscheln oder selbst zu welchen werden. Beides kann man ihnen nicht verbieten. Aber die zehn und mehr Ziffern auf ihrem Kontostand schon. Es wäre ein riesiger Gewinn für den Planeten.
(Opens in a new window)#13 – Ohne Menschen wär’s auch nicht besser
Nach all den Thesen scheint es schwer vorstellbar, dass Menschen überhaupt noch eine positive Wirkung auf den Planeten haben können. Dabei ist die Vorstellung, der Mensch könne nichts als Verwüstung anrichten, selbst Teil eines größeren Problems. Sie entspringt unserem verkorksten Selbstverständnis, dass der Mensch gar nicht mehr Teil der Natur ist. Aber das stimmt nicht.
Wir haben in unserer Ausgabe #70 (Opens in a new window) eine Welt ohne Menschen zu Ende gedacht. Spoiler: Sie ist nicht automatisch besser. Sich alle Menschen auf den Mond (und einige auf den Mars) zu wünschen, hilft nicht weiter. Stattdessen lohnt es sich, den Blick dafür zuzulassen, wie eng alles Leben auf diesem Planeten miteinander verwoben ist. Dann können wir erkennen, dass Menschen niemals losgelöst von der Natur existieren werden, egal wie sehr wir uns das einbilden.
Das heißt im Umkehrschluss auch: Jede Entscheidung, etwas zum Guten zu verändern und der Natur (und damit uns selbst) etwas zurückzugeben, zählt. Was wir machen, ist niemals egal.
Das war sie, unsere 100. Ausgabe. Du findest sie – genauso wie alle 99 vorherigen Ausgaben – übrigens auch online in unserem Ausgaben-Archiv (Opens in a new window).
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Unser Klimasong heute heißt Trouble In The Water (Opens in a new window). Aufgenommen hat ihn das Kollektiv Hip Hop Caucus aus den USA, das sich für Klimagerechtigkeit einsetzt – genauer gesagt die Künstler*innen Common, Malik Yusef, Kumasi im Feature mit Aaron Fresh, Choklate und Laci Kay.
Water moves, new world order rules
Through hurricanes, the pain is made audible
Sound waves shot down graves dug deep […]
Blood on the beat, sandstorms on the streets.
Die nächste Ausgabe bekommst Du am 27. September.
Bis dahin
Manuel & Julien
(Opens in a new window)👨🏻🎨 Alle Illustrationen wie immer in Handarbeit von Manuel Kronenberg
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📖 Zu unserem Buch „Unlearn CO₂ (Opens in a new window)“ (Ullstein)
💚 Herzlichen Dank für die Unterstützung an unseren Treibhauspost-Partner:
die sozial-ökologische GLS Bank (Opens in a new window)
der Ökostromversorger Bürgerwerke (Opens in a new window)
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