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    <title>Umsehen lernen</title>
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    <description>Lesen, was dich mehr verstehen und weniger verzweifeln lässt: persönlich, analytisch, optimistisch – trotz alledem.</description>
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      <title><![CDATA[Folge 133]]></title>
      <description><![CDATA[Gartendenken | Kätzchen und Häherchen | Der unheimliche Baby-Mann | Ein Zitat von Safae el Khannoussi | Wildschweine in der City | Schokoladendach | Neues Vanitas-Symbol ]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h2>Vorweg</h2><p>Ich lebe zur Zeit in meinem Kopf und im Garten. Hätte ich nicht Familie und Freund*innen (positiv) und müsste ich nicht Geld verdienen (negativ), würde dies wohl zum dauerhaften Zustand geraten, denn es gefällt mir einfach so gut da drinnen und da draußen.</p><p>Alleinsein ist etwas, das mir in der Phase mit den Kindern, also plus minus 25 Jahre lang, sehr gefehlt hat. (Nichts gegen die Kinder – sie sind beste Gesellschaft –, nur fürs phasenweise Alleinsein.) Es war, das kann ich rückwirkend sagen, gar nicht das Ausschlafenkönnen, was die seltenen Allein-im-Hotel-Übernachtungen während beruflicher Reisen zu Freude-Exzessen machte. Kurze Erholung vom notorischen Schlafmangel war ein guter Nebeneffekt, der Jackpot aber war das ausgedehnte Allein-Wachsein. The Joy of Being Alone. Auch wenn ich jetzt, wo die Kinder mehr oder weniger aus dem Haus sind, es sehr genieße, ein-, zweimal im Jahr ein paar Wochen allein zu sein, weil mein Mann gerade in Italien ist und ich nicht oder umgekehrt, ist das auch nicht, weil er weg ist, sondern weil ich umstandslos allein sein, nach meiner ganz persönlichen Zeit in meinem ganz persönlichen Raum leben kann. Ich sehe absolut ein, dass Menschen relationale Wesen sind und Schaden nehmen, wenn sie nicht mit anderen interagieren, aber es muss auch erlaubt sein, ab und zu auf Drinny-Loner-Urlaub zu gehen.</p><p>Wenn ich richtig allein bin, geschieht eine Art positiver Kafkascher Vertierung mit mir: nicht diese ungesunde Version wie in Phasen, in denen ich eine Deadline für einen anspruchsvollen Text oder die Einkommensteuer-Erklärung habe und ein paar Tage lang nur in Unterhose und T-Shirt morgens um sechs an den Laptop husche und nachts um zwei wieder ins Bett und meine Kommunikation nur in kurzem Aufblicken mit flackernden Augen und abwinkenden Bewegungen besteht. (Sehr unbeliebt im Familienkreis, kann ich gut verstehen.) Nein, eine erfreuliche Vertierung, bei der ich immer leiser und ruhiger werde und sich die Grenzen von Innen und Außen aufzulösen beginnen. Es gehört nicht zu meinen inneren Wunschbildern, eine Disney-Prinzessin zu sein, aber sich nach ein paar Tagen Alleinseins und Ruhigwerdens so wenig fremdkörperhaft durch den Garten zu bewegen, dass einen buchstäblich Vögel umflattern, ist wunderbar, so richtig wunderbar, nicht dieses inflationär benutzte Moderations-»wunderbar«.</p><p><strong>Erkenntnis</strong> Selbstbestimmt bzw. ganz von selbst leise und ruhig und dezent und unaufdringlich sein, ist wunderschön. Von anderen dazu aufgefordert zu werden, um reaktionäre Macker nicht beim reaktionären Mackersein zu stören, ist hässlich. Subjekt, Objekt und so.</p><p>Ein Subjekt, das in Ruhe Subjekt sein darf, kann es sich sogar erlauben, temporär zu vergessen, dass es ein Subjekt ist. Hach. Das meine ich mit der positiven Vertierung, vielleicht ist es auch eine Verpflanzung. Vielleicht ist so eine konservative Unterscheidung aber auch irrelevant unter Vertiertpflanzten.</p><p>Jetzt aber nicht auf falsche Ideen kommen. Dieser softe Subjektverlust ist nicht zu verwechseln mit Ignoranz: Wenn ich so vertiertpflanzt im Garten herumgehe oder -stehe, kann ich sehr genau fühlen und denken. Ein Widerspruch? Nein.</p><p>Lange Rede, tiefer Sinn: Ich widme mich im Newsletter in nächster Zeit bewusst dem, was ich schon lange unbewusst mache: dem Gartendenken. Darunter verstehe ich Denken im Garten, Nachdenken über Gärten und vom Im-Garten-Sein ausgehendes allgemeines Denken.</p><p>So wie ich unter anderem schon mit Cat Content und Selfies und Vinted die Welt (im Sinne von ästhetischen und gesellschaftlichen Entwicklungen) zu erklären versucht habe, tue ich das jetzt mit Phänomenen, die mir im Garten auf- und einfallen. Es geht trotzdem weiter ums Umsehenlernen und es wird trotzdem weiter Altes, Neues, Geborgtes und Unheimliches geben. Und auch komplett Ungartiges.</p><p>Der Garten als buchstäblicher und symbolischer Denkort erleichtert es mir, konstruktiver und auch friedlicher zu denken. Beobachtet, analysiert und erklärt, was auf der Welt falsch läuft, haben ich und andere ja wirklich hinreichend. Der Newsletter bleibt natürlich (=kulturell) politisch.</p><p>Fürs Lesevergnügen ist es auch ganz egal, ob ihr einen Sinn für Pflanzen und Tiere habt. Kommt jetzt einfach mal mit in meinen Garten. Wenn es uns da irgendwann langweilig werden sollte, gehen wir wieder woanders hin.</p><p>Wie immer werde ich nicht systematisch ins Thema einsteigen, sondern intuitiv, einfach so vor mich hinschreiben, so wie ich auch einfach so durch meinen Garten gehe, nein, mehr gleite. Die Meta-Theorie wird nachgeliefert, wenn ich mir eine Weile selbst bei dem zugesehen habe, was ich da mache.</p><p>Ich habe mich früher bereits wissenschaftlich mit englischen Landschaftsgärten beschäftigt, aber das ist tatsächlich erst mal egal. Ihr werdet davon nur etwas mitbekommen, wenn es konkreten Erkenntnisgewinn für das bietet, worum es nach wie vor in diesem Newsletter geht: Vorstellungen und Begriffe zu entwickeln, um die sich rasend schnell verändernde Welt (Kulturen/Gesellschaften/Technologien) ansatzweise zu verstehen und nach Möglichkeiten positiv mitzugestalten.</p><p>An dieser Stelle ein P.F.U.I. (=protestierendes Fuck U, Internet-Dude!) in Richtung von M. Z., der es hinbekommen hat, dass ich mir weird vorkomme, wenn ich »meta« denke, sage oder schreibe. Meta gehört dir nicht, M. Z., meta gehört allen. Also einfach »meta« weiterbenutzen, als ob nichts gewesen wäre. – Die Internetdudeblase wird platzen.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Altes: Leben in Gärten</h2><p>So wie ich fast immer mit Katzen zusammengelebt habe, bin ich auch fast immer mit Zugang zu einem Garten versorgt gewesen. An diesen Gärten interessiert war ich aber erst in fortgeschrittenem Alter. Als Kind und Jugendliche waren sie einfach da und ich lag und las in ihnen herum. Pflanzen waren mir damals absolut gleichgültig, Vögel auch.</p><p><strong>Garten 1</strong> Als ich geboren wurde, waren meine Eltern kurzfristig wohlhabend und hatten sich ein Haus mit Garten gekauft. Ich kann mich nicht an diese Zeit erinnern.</p><p><strong>Garten 2</strong> Nach der Firmenpleite verschuldet, mussten meine Eltern das Haus verkaufen, mieteten aber ein anderes Haus mit Garten. Ich kann mich daran erinnern, dass meine erste Katze am hohen Schilfgras hochsprang und es umknickte.</p><p><strong>Garten 3</strong> Der soziale Abstieg schritt weiter fort, aber auch die kleine Mietwohnung hatte einen Garten. Meine Mutter zupfte darin stundenlang Unkraut und beobachtete Vögel – heute verstehe ich, warum sie das tat.</p><p><strong>Garten 4</strong> Dieser sehr schöne Garten mit Obstbäumen und Gemüsebeeten gehörte zum Häuschen meiner Oma, wo mein Vater und ich jetzt mit ihr leben. Fun fact: Haus und Garten glichen fast schon unheimlich dem, wo ich heute lebe.</p><p>Dann folgte eine sehr lange Balkonphase in verschiedenen deutschen Hauptstädten.</p><p><strong>Garten 5</strong> Griff ins Klo, buchstäblich: Im Garten rund um das ziemlich abgefuckte Doppelhaus, dessen eine Hälfte mein Mann (damals noch Freund) und ich gemietet hatten, DAMIT DIE KINDER AUF EINER WIESE KRABBELN KÖNNEN, rannte und schiss tagsüber unbeaufsichtigt ein 40-kg-Hund herum. Ja, er war wirklich nicht böse, aber der Sprung auf die Terrasse und dort über den Korb mit meinem neugeborenen Kind darin war trotzdem zu viel für meine Nerven. »So wichtig ist ein Garten auch nicht …« – schnell zurück in die Innenstadt.</p><p><strong>Garten 6 </strong>Unser Schrebergarten direkt neben dem Berliner Hauptbahnhof. Irgendwie sehr urban und cool, hier wurde mein Gärtnerinnen-Ich endgültig freigeschaltet. Und, ja, diese strengen Vereinsmänner, die zentimetergenaue Heckenschnitte einfordern, die gibt es wirklich.</p><p><strong>Garten 7</strong> ist der aktuelle. Ich kann nicht gut Komplimente annehmen, aber dieser Garten ist wirklich schön. Im Grunde ist er ein winziger Park. – U. P. (»ich sehe mich in der Tradition des Punk«) hat schon recht, wenn er vom linken Elfenbeinturm spricht. Mein linker Elfenbeinturm ist ein winziger Park. In meinem winzigen Park spaziere ich herum und bin davon überzeugt, dass Menschen aufeinander achten sollten und Menschenrechte achten müssen. Und dann sage ich das laut im Internet, um mich dafür beschimpfen zu lassen, weil ich aufmerksamkeitsgeil bin.</p><p><strong>Anmerkung 1 </strong>Ab »U. P.« ist der Text ironisch. Dies ist ein Lesehinweis für meine Freundin S. und alle anderen, die von sich selbst sagen, dass sie nicht gut Ironie erkennen können. Sofern ich daran denke, schreibe ich ab jetzt ein kleines <em>i</em> in eckigen Klammern<em> [i]</em> hinter ironisch Gemeintes.</p><p><strong>Anmerkung 2</strong> Natürlich (=kulturell) sollte ich U. P. gar nicht mehr erwähnen, aber das mit dem Punk ist wie das mit dem Hund zu viel für meine Nerven, er ist da über meinen inneren Babykorb gesprungen. Zum xten (!) Male. Wie oft will er diesen Quatsch bitte noch wiederholen? Antwort: Bis es mich unter die Erde gebracht hat. Um diese Aussage mal einzuordnen: U. P. steht so sehr in der Tradition des Punk wie ich mir ein Kind von Elon Musk wünsche. <em>[i]</em> Andererseits: Sich in der Tradition des Punk zu <em>sehen,</em> kann U. P. niemand verbieten. Ist ja noch ein freies Land.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Neues: Früher Katz und Maus, heute: Kätzchen und Häherchen</h2><p>Seit einigen Wochen baue ich eine Beziehung zu einer in den Garten kommenden Katze auf. Erst habe ich sie »Panik-Otto« (Arbeitstitel) genannt, – diesen Spitznamen gab meine Badass-Lieblingsnachbarin einem konflikt-positiven anderen Nachbarn. »Panik-Otto«, weil die Katze immer vor mir wegrennt. Verständlicherweise, weil ich letztes Jahr, in den Monaten vor Lasers Tod jede andere Katze aus dem Garten verjagt hatte, um meinen erblindeten Liebling vor weiterem Stress zu schützen.</p><p>Mittlerweile reagiert Panik-Otto nicht mehr panisch auf mich. Nun brauchen aber Katzen, wenn man zumindest minimal gehört werden will, Namen mit <em>e</em> oder <em>i</em>. Der Katzenname darf in unserem speziellen Fall auch nicht zu toll sein, denn ich will keine zu enge Beziehung zwischen uns etablieren. Weder soll meine Trauer um Laser verdeckt werden noch Raum für zukünftige Enttäuschungen entstehen, wenn ich dann doch wieder länger weg bin. Also nenne ich Panik-Otto jetzt einfach Kätzchen.</p><p>Kätzchen ist noch nicht ganz erwachsen, was man daran erkennen kann, dass es unwillkürlich Bocksprünge machen muss, wenn eine Hummel vorbeifliegt. Kätzchen hat einen leichten Silberblick und ist gestreift, was ich beides bei Katzen sehr attraktiv finde. Kätzchen sieht ein bisschen aus wie Laser, aber nicht zu sehr, und es hat eine ganz andere Persönlichkeit. Eher reserviert und ungesellig. Kätzchen ist also cute genug, um mein Herz zu berühren, aber ignoriert mich komplett. Natürlich (=kulturell) laufe ich ihm ohne jede Selbstachtung hinterher. <em>[i]</em></p><figure><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b7b83334-48bf-4d1b-91dd-c3c8dc2c3b36/uploads/images/xy7cdkdx6t/1000066718.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Katze sitzt in einem Graben"/><figcaption>Kätzchen</figcaption></figure><p>Weniger romantisch-toxisch ist die Beziehung zu meinen anderen neuen Freund*innen: den Hähers. Vater, Mutter, Kind, Kind, Kind. Die Eltern kenne ich schon länger. Wir sind BFF.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b7b83334-48bf-4d1b-91dd-c3c8dc2c3b36/uploads/images/a7iczpmrmm/1000067488.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Häher frisst Körner"/><p>Sie spielen mit mir das Disney-Prinzessinnen-Umflatter-Ding.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b7b83334-48bf-4d1b-91dd-c3c8dc2c3b36/uploads/images/h3xp5yntk4/1000067393.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Körner hängt schräg an Ast"/><p><strong>Realitätsprüfung</strong> Die Hähers umflattern mich immer dann, wenn die Meisens, die mich sonst umflattern, gerade nicht da sind, weil sie panische Angst vor den Hähers haben. Häher-BFF, ich habe auch nicht vergessen, wie EURE LEUTE <em>[i]</em> vor zwanzig Jahren mein Kind traumatisiert haben, als IHR im Park unaussprechliche Dinge mit einer jungen Amsel tatet …</p><p>Zurück zum Idyll: Die Häherchen habe ich erst vor ein paar Tagen zu Gesicht bekommen, die Kleinen sind schon fast so groß wie ihre Eltern.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b7b83334-48bf-4d1b-91dd-c3c8dc2c3b36/uploads/images/helzx2kbfg/1000067396.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Junger Häher"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b7b83334-48bf-4d1b-91dd-c3c8dc2c3b36/uploads/images/ep5cfqxwrs/1000067397.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Junger Häher"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b7b83334-48bf-4d1b-91dd-c3c8dc2c3b36/uploads/images/m6eudk3eaq/1000067408.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Junger Häher"/><hr aria-hidden="true"/><p>Sie lernen gerade fliegen.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b7b83334-48bf-4d1b-91dd-c3c8dc2c3b36/uploads/images/j7qcwhxylm/1000067392.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Idyll-Problem: Kätzchen möchte zwar partout nicht von mir gestreichelt werden, aber unbedingt die Häherchen killen. <br/><em>Miaumiaumiau</em>. <br/>Ich möchte mich mit Kätzchen anfreunden, aber auch die Häherchen beschützen. <br/><em>Nei-hein</em>.</p><p>Ist Kätzchen jetzt noch mein Freund? Ja und nein. <br/>War Kätzchen jemals mein Freund? Ja und nein. <br/>Kultur ist vermutlich auch, auszuhalten, aber nicht zu romantisieren, dass Leben meist ja <em>und</em> nein ist.</p><p>Aber Romantik ist doch auch Kultur, oder? <br/>Ja und nein. Romantik war Kultur eines früheren heute und ist heute Kultur von gestern.</p><p>––– Seht euch in dem Kontext an, was Nick Cave und Kylie Minogue in der <a href="https://www.netflix.com/de/title/82075657">KYLIE-Doku auf Netflix</a> übereinander sagen. Vor allem, was Nick Cave über seine Band, die Bad Seeds, im Unterschied zur Künstlerin Kylie sagt. Und auch über sein und ihr Publikum, über Indie und Pop. Ich habe wirklich Respekt dafür, wie er das hinbekommt, sich selbst als problematischen Typen einzuordnen, ohne das gleich wieder zu romantisieren oder sich als Vorzeige-Feminist zu stilisieren. Ich fand die Doku nicht rundum gut, aber ich glaube das liegt daran, dass ich sehr stark das Unbehagen von Kylie Minogue mitgefühlt habe, so ein Tamtam um ihre Person zu machen. Starke Drinnies-Energie. Und, nein, es ist gar kein Widerspruch, dass sie selbstbewusst vor Hunderttausenden Menschen auftreten kann. Kontrollierter Bühnenraum vs. ungeschützter Gesprächsraum. –––</p><p>Kultur von heute, die nicht nur schlecht aufgewärmter kalter Kaffee ist, leckt weniger todessehnsüchtig an Grabsteinen und Knarren, sondern verwirklicht ihr Morgen-Potenzial. Aktuell gute Kultur ist ganz bewusst lebenszugewandt.</p><p>Wenn sich Leben zwischendurch aber doch mal wie nur ja anfühlt, Vorsicht, dann ist vermutlich nur die Aufmerksamkeit vom nein abgelenkt. Umgekehrt ist auch nicht alles doomed, es kann sich aber plausibel so anfühlen.</p><p>Ja und nein it is. Betonung nicht auf nein, sondern auf und.</p><h2>Etwas Geborgtes: Ein Zitat</h2><blockquote><p>»In Europa, dachte ich, kam man sich vor wie auf dem Rücken einer uralten, monströsen, von einer mysteriösen Krankheit befallenen Kreatur, die ihre Bewohner jederzeit in die Katastrophe stürzen konnte, einfach indem sie sich schüttelte.« <br/>– <a href="https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/safae-el-khannoussi-oroppa-9783446287716-t-5971">Safae el Khannoussi, Oroppa</a>. Roman. Übersetzt aus dem Niederländischen von Stefanie Ochel, Hanser: Berlin 2026, 320</p></blockquote><p>(In dieser Rubrik Zitiertes ist immer eine Leseempfehlung fürs ganze Buch.)</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b7b83334-48bf-4d1b-91dd-c3c8dc2c3b36/uploads/images/rblnvako6o/ARTK_CT3_9783446287716_0001.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Buchcover des genannten Buchs"/><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Unheimliches: Der Baby-Mann</h2><p>Vor ein paar Wochen habe ich eine extrem unheimliche Person mit einem Baby gesehen. Sie fiel mir im Augenwinkel auf, als mein Bus an einer Ampel hielt. Ein Mann um die Dreißig im Reiche-Leute-Freizeitdress, der im Baby-Björn ein Kind trug, das der Größe nach nur wenige Tage alt war. Das Baby schien zu schlafen, man konnte sein Gesicht nicht sehen. Der Mann mampfte ein Teilchen und sah auf sein Handy. Ich kann es nicht erklären, aber es sah komplett unreal und irgendwie falsch aus. So etwas hatte ich vorher noch nie gedacht. Ich war so verunsichert, dass ich mit dem Smartphone rangezoomt, ein Foto gemacht und es meinem Mann geschickt habe. Seine Reaktion: <em>Ruf die Bullen. </em>[i]</p><p>Natürlich (=kulturell) habe ich nicht die Polizei gerufen. Was hätte ich auch sagen sollen?</p><blockquote><p><em>»</em>Hier steht ein weißer Mann um die Dreißig im Reiche-Leute-Freizeitdress, der im Baby-Björn ein Kind trägt, das der Größe nach nur wenige Tage alt ist. Das Baby scheint zu schlafen, man kann sein Gesicht nicht sehen. Der Mann mampft ein Teilchen und sieht auf sein Handy. Ich kann es nicht erklären, aber es sieht komplett unreal und irgendwie falsch aus. Können Sie bitte kommen und eine Personenkontrolle durchführen?«</p><p>»Ein teuer gekleideter weißer Mann, sagen Sie?«</p><p>»Ja.«</p><p>»Nein, da wollen wir nichts machen.«</p><p>»Ok. Danke. Wiederhören.«</p><p><br/>[i]</p></blockquote><p>Ich habe länger darüber nachgedacht, was falsch aussah. Meine Erklärung ist, dass der Mann komplett unverbunden mit dem Kind wirkte, obwohl er es umgeschnallt hatte. Einzige in meinen Augen harmlose Erklärung: Er ist nicht der Vater, und die Kindsmutter, seine alte Freundin aus Internatszeiten, war zehn Meter weiter kurz im Bioladen, während er kurz zum Warten abgestellt wurde (Indizien: Teilchen, Handy).</p><p>Eine andere mögliche Erklärung hat mir zufällig Vinted angeboten.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b7b83334-48bf-4d1b-91dd-c3c8dc2c3b36/uploads/images/x3shz2g5br/1000065271.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Anzeige für lebensechte Babypuppen"/><p>Vielleicht war es gar kein Baby, sondern eine lebensechte Babypuppe. Solche »Reborn«Puppen wirken auf mich persönlich sehr, sehr gruselig – kein Wunder, ich finde schon »normale« aka lebensunechte Puppen unheimlich –, aber sie können bei bestimmten mentalen Nöten wie unerfüllbarem Kinderwunsch oder Verlust eines Kindes möglicherweise therapeutischen Nutzen haben. Man muss dank lebensechter Puppen auch weniger echte Babys für Filmdrehs casten. Der Begriff »Reborn« klingt für mich persönlich aber nach christlicher Sekte und das Verb »rebornen« für die künstlerische Produktion solcher Puppen nach SciFi, sorry, ich kann es nicht ändern. Leider kann, nein, muss ich mir auch sofort vorstellen, welche Horror-Spezialinteressen-Gruppe, statt sich Therapie zu suchen, damit ebenfalls gern phantasievoll »spielt«. Realitäts-Shaming erlaube ich mir, ich habe mir Epstein und Monsieur Pelicot nicht ausgedacht.</p><p>Mit diesem ungesuchten Vinted-Fund im Gehirn habe ich mich gefragt, welche Vorstellung mir persönlich in Bezug auf den Typen vorm Bus unheimlich, unheimlicher, am unheimlichsten erscheint? Das ist mein Ranking:</p><ol><li><p>Fast gar nicht unheimlich, nur ein bisschen grotesk: Er hatte (erlaubt!) ein fremdes Baby umgeschnallt.</p></li><li><p>Unheimlicher, aber potenziell schlimm, weil man sich irgendwie die emotional unerfreuliche Zukunft des Babys vorstellen kann: Er hatte tatsächlich sein eigenes, echtes Baby umgeschnallt. (Eigenes? Leibliches? Klingt auch alles unnötig schlimm.)</p></li><li><p>Noch unheimlicher und richtig schlimm: Er hatte ein entführtes Baby umgeschnallt.</p></li><li><p>Am unheimlichsten, aber vielleicht therapeutisch: Er hatte eine Baby-Puppe umgeschnallt.</p></li></ol><p>––– Ich habe das Gefühl, dass dieser Text ungewollt etwas übergriffig geraten sein könnte. Zu cis het normativ und inhaltlich potenziell triggernd. Gleichzeitig arbeite ich daran, nicht in vorauseilender Furcht, etwas falsch zu machen nur noch wasserdicht achtsame Texte zu schreiben. Ich denke und schreibe manchmal ein bisschen krass, aber nicht, weil ich es aufregend finde, Grenzen zu überschreiten. Mir erscheint es den Phänomenen, die ich beobachte, angemessen. Wer konkrete Kritik an einem Text hat, kann mir die gern schreiben. Ich lerne wirklich gern dazu.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Rubrikloses</h2><p></p><figure><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b7b83334-48bf-4d1b-91dd-c3c8dc2c3b36/uploads/images/eey36ldr3a/1000066792.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Glänzend dunkelbraun gedecktes Dach"/><figcaption>Baumarktmagie: Bei Sonnenschein wird das benachbarte Glanzdach zu flüssiger Schokolade.</figcaption></figure><hr aria-hidden="true"/><figure><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b7b83334-48bf-4d1b-91dd-c3c8dc2c3b36/uploads/images/7ai6isnyj4/1000067470.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Aufgeblähter toter Wal"/><figcaption>Neues Vanitassymbol</figcaption></figure><hr aria-hidden="true"/><figure><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b7b83334-48bf-4d1b-91dd-c3c8dc2c3b36/uploads/images/oryjh2qa2w/1000067466.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Gürtel mit Gravur ICE"/><figcaption>Schlecht gealterter Markenname</figcaption></figure><hr aria-hidden="true"/><figure><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b7b83334-48bf-4d1b-91dd-c3c8dc2c3b36/uploads/images/t2gzsyp2h4/1000066187.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Wildschwein rennt durch Straße"/><figcaption>Social-Media-Lieblingssujet: Wildschweine in der City</figcaption></figure><figure><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b7b83334-48bf-4d1b-91dd-c3c8dc2c3b36/uploads/images/zds2lczdjq/1000066185.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Noch besser: mit rennendem Polizist"/><figcaption>Nur perfekt mit Polizist</figcaption></figure><hr aria-hidden="true"/><figure><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b7b83334-48bf-4d1b-91dd-c3c8dc2c3b36/uploads/images/loyrqm4l3x/1000065590.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Werbung verspricht Zeichnung zukünftigen Ehemanns"/><figcaption>Gehirnpürier-Werbung der Woche</figcaption></figure><hr aria-hidden="true"/><figure><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b7b83334-48bf-4d1b-91dd-c3c8dc2c3b36/uploads/images/ccuel33jm4/1000065982.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Suchen nach Cannabis-Dünger"/><figcaption>Ich wünschte, ich hätte im Internet nicht nach Wissen über natürlichen Dünger für Cannabispflanzen gesucht und dabei versehentlich die eindimensionalste Gärtner-Community für euch identifiziert.</figcaption></figure><hr aria-hidden="true"/><figure><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b7b83334-48bf-4d1b-91dd-c3c8dc2c3b36/uploads/images/majqwsjo5l/1000065606.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Auktionsbild: Katze neben Lampe"/><figcaption>Mit Katzen den letzten Schrott verkaufen. Aus der Serie »Kapitalistische Catsploitation, aber cute« (gesehen bei Vinted)</figcaption></figure><hr aria-hidden="true"/><p>Noch etwas ganz Altes. Das war mein Lieblingscartoon als Kind.</p><figure><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b7b83334-48bf-4d1b-91dd-c3c8dc2c3b36/uploads/images/ycsm73thgf/ul_Mein_Lieblingscartoon_als_Kind_Larson.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Koch hält Hummer über Topf. Hummer: »Ach, was sage ich drei Wünsche, ich gewähre dir vier ...«"/><figcaption>Cartoon von Gary Larson</figcaption></figure><p></p><p>Ciao miao. Maus sieht sich. Seid lieb, nur nicht zu Nazis.</p><p>XOXO,<br/>FrauFrohmann</p><p></p><p>#Gartendenken #Garten #Kätzchen #Häherchen #SafaeElKhannoussi #Oroppa #Europa #Roman #ShortlistInternationalerLiteraturpreis #WildschweineInDerCity #Schokoladendach #VanitasSymbol #Vanitas #Catsploitation</p><hr aria-hidden="true"/>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Mon, 01 Jun 2026 14:11:49 +0000</pubDate>
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      <title><![CDATA[Aktionscode STREIK9326]]></title>
      <description><![CDATA[Dies ist kein »Frauenthema«. Bitte alle lesen.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>FLINTA (Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nichtbinäre, trans und agender Personen) können nicht mehr, sie haben pronomenübergreifend genug, von der Gewalt, die ihnen physisch, verbal, durch ungerechte Strukturen überall im Leben begegnet.</p><p>Menschen ertragen es nicht mehr, dem Rückwärtskarussell zuzusehen, das sich immer schneller und schneller dreht. Die Hoffnung, dass Faschismus und Patriarchat, Krieg und Unterdrückung, Sklaverei und Genozid mit einer ewig gestrigen, biologisch alten Generation aussterben würden, hat sich nicht erfüllt. Längst sind neue Generationen bzw. Gruppen in jeder Generation nachgewachsen, die Menschenrechte an sich nicht anerkennen. Das konnte geschehen, weil die alten Schurken mit Geld und Verbindungen neue Schurken herangezogen haben. Und auch, weil Personen, die genau das aufgezeigt und analysiert haben, kleingeredet und abgetan worden sind. </p><p>Ja, es gibt Religionskriege, Wirtschaftskriege, Kulturkriege, aber im Kern führt immer eine Gruppe besonders machtgeiler cis Männer mit ein paar Pickme Girls Krieg gegen Millionen bis Milliarden Menschen, die einfach nur sicher und würdevoll leben wollen.</p><p>Dass die Bösen es hinbekommen, jeweils Gruppen gegeneinander aufzuhetzen, die sachlich betrachtet mehr miteinander als mit den Kriegstreibenden teilen: geschenkt. Es ist tragisch, aber so funktioniert eben Kommunikation, wenn man sie manipulativ zu Propagandazwecken betreibt.</p><p>Ja, die Superreichen sind die Schlimmsten, aber auch sie sind überwiegend cis Männer. Bemerkenswert, aber vollkommen logisch ist, dass Religion, Hautfarbe, Kultur für Personen, die sonst alles tun, um ihre ethnische oder Religionsgruppe »rein« zu erhalten, komplett unbedeutend werden, wenn es darum geht, Kindern sexuelle Gewalt anzutun oder Krieg für Öl zu führen. Dann sind plötzlich alle Bros, weil global heißt das Programm: cis Männer mit viel Kohle first.</p><p>Es wird nicht nur nicht besser, es wird wieder und immer noch schlimmer, und jetzt steht auch noch gesichertes Wissen zur Verfügung, dass alles noch viel schlimmer ist, als man es sich je vorstellen konnte. Es gibt buchstäblich keine Grenzen des Unrechts. Was an Grauenhaftem getan werden kann, es wird früher oder später getan, nicht nur von den Milliardärsclub-Mitgliedern. Wer von allein nicht darauf gekommen wäre, obdachlose Menschen zu ermorden, einen Schul-Amoklauf zu planen oder die Ex-Freundin umzubringen, kann sich jetzt 24/7 dazu im Internet anregen lassen. </p><p>Viele Menschen fühlen nicht mehr, dass andere Menschen existierende Lebewesen sind, die nur ein einziges, unersetzliches Leben haben. <em>Die Bitch nervt? Sofort wegmachen. </em>Klick macht die Tastatur, Klick macht die Knarre. Viele Menschen fühlen auch ihr eigenes Leben nicht mehr, wenn sie nicht etwas extrem Gewalttätiges tun.</p><p>Der feministische Kampftag fühlt sich vor dem Hintergrund, dass man in diesem Kampf offensichtlich Menschen gegenübersteht, die einen selbst gar nicht als Menschen ansehen, mehr und mehr wie Selbstverarschung an. Ja, der 8. März ist gut für die Soli untereinander, dass man sich wenigstens einmal im Jahr nicht immer nur digital gerechnet sieht, aber bringt er wirklich etwas? Sorgt er für Aufmerksamkeit oder gar für Veränderung? Das einzige, wofür er sicher sorgt, ist, dass ein, zwei Wochen vorher Konzerne mit Feminismus Waren verkaufen können. Und dass Friedrich Merz vermutlich was Nettes über Frauen sagen wird, um die nächsten 364 Tage lang »beweisen« zu können, dass er Frauen nicht hasst. Sehr vielen FLINTA aber bringt der feministische Kampftag nur weiteren Stress, denn wer kümmert sich am 8.3., wenn sie auf die Demo gehen, um die Kinder, um die pflegebedürftige Mutter … </p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8fc66979-e312-428d-a094-e89fdb887dc5/uploads/images/d56qnggbek/mat_Frauentag_schulfrei.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Kalenderhinweis: »Schulfrei! Morgen«, darunter: »Internationaler Frauentag. Morgen«"/><p>Das Problem ist nicht mehr, dass Menschen nicht <em>wissen,</em> dass es ungerecht zugeht – für diese Aufklärung war der feministische Kampftag früher wesentlich. Das Problem ist, dass sie konsumeristisch stillgelegt sind oder glauben, nichts tun zu können. Oder sie sind, weil sie selbst keine FLINTA sind oder FLINTA, die viele Privilegien genießen, nicht imstande, ausreichend mitzufühlen, um solidarisch zu sein.</p><p>Gegen all das gibt es nur eine Strategie: Solidarität ohne aber. Solidarität ohne aber mit allen Menschen, viel besser noch: mit allem Leben auf der Welt. Wer jetzt denkt <em>solidarisch bin ich doch eh!,</em> sei gewarnt: Solidarität muss tätig sein und immer wieder aus- und eingeübt werden. Gern an das warnende Beispiel der Ex-Feministin denken, die heute mit Leidenschaft trans Kindern und BIPoC das Leben versaut.</p><p>Schließt euch zusammen: für den Anfang in kleinen Gruppen, von denen es dann immer mehr geben wird, bis große Gruppen entstehen. Macht den Streik für eine gerechtere Welt zum Zentrum eures Lebens, so lange, bis es endlich besser wird.</p><p><em>Streik als Zentrum des Lebens,</em> häh, voll übertrieben? Gegenfragen: Macht dir in dieser Welt das Leben überhaupt noch so richtig Freude? Lohnt sich der Versuch deshalb nicht in jedem Fall?  </p><p>Meine Prognose: Die Übermächtigen werden schnell an Macht verlieren, wenn ihr nicht mehr durch unterlassenen Widerstand, durch Passivität mitspielt. </p><p>Begeht den 8.3. wie ihr mögt: mit Blumen, Demos, Social-Media-Kacheln, Aktionen. Und dann macht bitte am 9.3. weiter. Streikt! Geht wieder auf die Straßen, alle, die können, damit es große Zahlen von Menschen und starke Bilder werden. Das macht einen Unterschied, dadurch wird es gleich realer. Bleibt danach noch ein bisschen länger zusammen und überlegt, wie mehr Zusammengehörigkeit, Nachbarschaftlichkeit, Mitmenschlichkeit in eurer Umwelt gelebt werden könnte. Und dann, wenn ihr wieder zuhause seid, kündigt Accounts und Abos bei Unternehmen von Faschomilliardären. Ja, das ist anstrengend, aber willst du wirklich dein Geld und deine Daten weiter Personen geben, die dich hassen oder zumindest zutiefst verachten, für die du buchstäblich gar nicht existierst?</p><p>Vor allem aber verweigere am 9.3. möglichst umfassend die Arbeit, ausgenommen natürlich die, von der wirklich hilfsbedürftige Menschen abhängen. (Dein Ehemann/Boyfriend ist damit im Zweifelsfall nicht gemeint.) Natürlich soll niemand seine Existenz riskieren, dieser Streik ist nicht vom Streikrecht gedeckt.</p><p>Überlege heute schon, was in deinem Leben alles Arbeit ist, was davon fair bezahlt, was überhaupt bezahlt, was gesehen, was wertgeschätzt wird. Schreib es auf.</p><p></p><p><em>Du bist ein cis Mann und fragst dich, was du tun kannst?</em></p><p>Du gehst bitte am 9.3. mit auf die Straße, zusammen mit deinen Bros. Ihr denkt euch nicht die originellsten Bannersprüche von allen aus, sondern haltet den Ball flach. Medienvertretenden, die euch natürlich spannender als alle FLINTA zusammen finden werden, gibt einer von euch kurz und sachlich Antwort (»Solidarität ohne aber«) und weist höflich darauf hin, dass ihr heute nur unterstützend dabei seid. Und dann setzt ihr euch später noch zusammen und besprecht, wie ihr an euch und der Gesellschaft arbeiten wollt, ohne gleich wieder die ganze Bewegung an euch zu reißen. Du auf dem Weg zur Gewaltentherrlichung ist das Ziel.</p><p>Jetzt gleich kannst du mit nahen FLINTA-Personen sprechen und fragen, was sie an aktiver Solidarität von dir brauchen, was ihnen fehlt, wobei du helfen könntest. So findest du praktischerweise ganz nebenbei auch raus, wie du es hinbekommen kannst, dass sie dich weiter in ihrem Leben haben wollen. Versuch es dabei ganz doll mit Dialog: sprechen, zuhören (= aussprechen lassen), sprechen, zuhören (= aussprechen lassen) – ist, sobald man die andere Person als Subjekt wahrnimmt, so einfach wie atmen.</p><p>– Wenn Zuhören und Aussprechenlassen neuromäßig sehr schwerfallen, findest du bestimmt deinen eigenen Weg, etwas dialogischer zu werden.</p><p></p><p>Dich nervt schon der Ausdruck »FLINTA« so krass und wenn man dich »cis Mann« nennt, bist du raus. Ja, bist du wirklich, aber denk doch noch mal darüber nach, ob du nicht vielleicht auch gern in einer weniger abgefuckten Welt leben möchtest. </p><p></p><p>Du bist schon not all men, toll! Dann weißt du ja, dass es darum gerade nicht geht.</p><p></p><p>Du bist eine FLINTA-Person, die den besten cis Boyfriend/Ehemann der Welt hat, toll! Dann weißt du ja, dass Solidarität darin besteht, von der persönlichen Situation abzusehen.</p><hr aria-hidden="true"/><p>Orientiert euch bitte bei einer der Aktionsseiten, da könnt ihr sehen, was bei euch in der Gegend los ist. Wenn nichts los ist, macht selber was. Falls ihr nicht rausgehen könnt, unterstützt möglichst online. Teilt eure Info wieder, hier ist Sharing mal wirklich Caring.<br/></p><a href="https://enoughgenug.org/de/">https://enoughgenug.org/de/</a><hr aria-hidden="true"/><p>Bitte nicht so viel Zeit darauf verwenden, nach dem Haar in der Suppe zu suchen. Geht nebeneinander, wenn sich miteinander im Einzelfall nicht richtig anfühlt. Streikt. Sonst dürft ihr vielleicht bald gar nicht mehr demonstrieren.</p><p></p><p>Egal, was ihr am 9.3. macht, könnt ihr in jedem Fall folgendes PGExplaining-Plakat aufhängen, ich schenke es euch als <a href="https://frohmannverlag.de/products/streik-poster">Gratisdownload</a>. Es lässt sich in DinA3 oder DinA4 ausdrucken. Hängt es zuhause ins Fenster, vielleicht auch in den öffentlichen Raum. Nehmt es auf Pappe geklebt als Demoschild mit. Zeigt damit, dass ihr nicht mehr reden, nicht mehr erklären, sondern tätige Veränderung sehen wollt.</p><p>Nutzt es nach Belieben. Nur verkaufen oder mit dem Motiv bedruckte Dinge verkaufen dürft ihr nicht.<br/></p><a href="https://frohmannverlag.de/products/streik-poster"><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8fc66979-e312-428d-a094-e89fdb887dc5/uploads/images/yn3ubdelem/fvm_pg_Streiten-Streiken_%28c%29_Frohmann_Verlag.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Poster: Ihr wollt gar nichts ändern, nur streiten? Wir streiken!"/></a><p><br/>Lasst das Plakat gern über den 9.3. hinaus hängen. Weil ihr weiter streikt. Weiter Widerstand leistet. Innerlich und immer öfter äußerlich.</p><p></p><p>»Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren: Es ist die Zeit der Monster«, lautet das Zitat von Antonio Gramsci, das Linke und leider auch Rechte lieben, aber bitte: Es ist keinesfalls schon ausgemachte Sache, was für eine neue Welt da gerade geboren wird. Linkes Karnickel muss nur endlich aufhören, in Social Media vor rechter Schlange zu sitzen und endlich ins Hoppeln kommen.</p><p>Veränderung zum Positiven ist möglich. Lasst euch nicht mehr als naiv abtun und ausreden, hands on eine bessere Welt für alle anzugehen. Es ist nicht naiv. Es ist vernünftig und es ist richtig.</p><p>Die Handvoll Überbösewichter, die auf Adrenalin und Speed im Team Monster spielt, wird niemals überzeugt werden, aber man kann sie mit vielen Gewaltlosen in Schach halten, das reicht. Es geht eh immer alles weiter und von neuem los, zyklisch und so, aber jetzt muss es anders weitergehen. Unbedingt.</p><p>Dein innerer Aktionscode lautet STREIK9326, nur dass es dieses Mal nichts billiger gibt, der Akzent liegt auf Aktion.</p><p>Passt am 8. und 9. gut auf euch und aufeinander auf. Und auch heute, am 10. und danach. Und auch auf die Welt. Ich gehe in Neapel demonstrieren. Erzählt mir gern, wo ihr hingeht.</p><p><em>Ciao miao, <br/>FrauFrohmann</em></p><p></p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Sat, 07 Mar 2026 16:10:46 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 127]]></title>
      <description><![CDATA[Senior*innenwohnen-Interieurdesign / alte Katzen / Empfehlung: Text von Sarah Raich / Status quo / Status Streik / Der Griffel Gottes / Doomscrolling-Ersatztherapie]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h2>Vorweg</h2><p>Diese Woche war ich vermehrt in meinem 103. unbezahlten Beruf Interieurdesignerin für betreutes Senior*innenwohnen tätig. Meine Mutter aka meine erste Kundin ist bis heute sehr zufrieden mit meiner Arbeit, sie sagt, dass sie sich jeden Tag darüber freue, wie schön ihr Apartment ist. Sie geht so gut wie gar nicht raus und hat nur noch Freude an leckerem Essen, Wildtierbeobachtung und eben ihrem kleinen, kuscheligen Nest. Wenn sie nachts üble Schmerzen hat, rollatort sie durchs Zimmer, snackt etwas und dann schiebt sie die Blumentöpfe auf der Fensterbank hin und her, bis sie perfekt symmetrisch stehen.</p><p>Die Anordnung von Blumentöpfen ist auch ein Thema bei meinem neuen Klienten. Er heißt Laser. Die kleine Maus ist fast ganz erblindet und checkt auch nicht mehr sehr viel. Deshalb stresst ihn alles, was im Weg rum oder anders steht als vorher noch mehr, als es Katzen ohnehin stresst. Außerdem hat Laser schon zwei Unfälle gehabt, er ist von dafür nicht vorgesehenen Emporen gesprungen oder gefallen, zum Glück, ohne sich zu verletzen. Deshalb machen wir die Wohnung und die Terrasse jetzt so sicher wie möglich für ihn und stehen, wann immer es unsere Zeit erlaubt, als Assistenzmenschen zur Verfügung.</p><figure><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b517b7bb-5059-47e3-91a6-95ab2db85847/uploads/images/puqgwdffqq/20251109_114356.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Katzengesichertes Geländer und Nische mit Kissen"/><figcaption>Katzengesichertes Geländer, oben rechts Lasers Wohnung</figcaption></figure><p>Auch Laser fühlt sich jetzt in seinem Apartment am wohlsten, früher hat er diese Nische hinter der Treppe fast komplett ignoriert. Am besten ist sein Leben, wenn eine*r von uns sich mit Hüftschmerzen ums Treppengeländer herumwindet und neben ihm auf der Minimatratze lieg und ihn streichelt.</p><p>Die bookishe Treppe zu unserem gemeinsamen Bettbüro hat er noch nicht benutzt, aber ich darf ihn, wenn es nicht länger als 30 Sekunden dauert, auf dem Arm dorthin tragen.</p><figure><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b517b7bb-5059-47e3-91a6-95ab2db85847/uploads/images/qlrsiu7pik/20251109_144145.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Aus Lexikonbänden gebaute Trettep zu Daybed"/><figcaption>Die unbeschrittene Katzentreppe</figcaption></figure><p>Wenn ihr Katze/n zu euch holt, bedenkt bitte, dass sie irgendwann alt sind und dann vielleicht noch viele Jahre lang alles vollkotzen, -pinkeln und -kacken. Ihr werdet es klaglos wegmachen, weil es Teil vom Leben und Lieben ist, aber es schadet nicht, das vorher schon zu wissen.</p><p>Es gibt so unglaublich viele Sachen, die einem keiner sagt, weil es die, die einem sonst immer alles sagen, lange nicht direkt betroffen hat. In meiner Kindheit ist gefühlt nie eine Katze alt geworden, weil sie alle überfahren wurden. (Ich hasse deutsche Autokultur, die das einfach normal findet.)</p><p>Spätestens in 15 Jahren wird sich das mit dem Wissen über pflegebedürftige Katzen ändern, denn dann werden die massenhaft 2025 adap-, äh, adoptierten cuten Kätzchen der cuten Dudes auf Instagram alt geworden sein. Ich finde cis Männer mit Katzen als Socia-Media-Performance wirklich sehr viel besser als Männerrechtler, aber möchte trotzdem darauf hinweisen, dass sie auch nur wieder Dudes sind, die im Weg rumstehen und den Blick auf Inhalte versperren, die eine bessere Welt befördern könnten.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Altes: Status quo</h2><p>Du tust 24/7 jede Menge Dinge, die unnötig wären, wenn andere Menschen sich das Leben nicht zu einfach machen würden. Richtig falsch, oder?</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Neues: Status Streik</h2><p>Überlege bis nächste Woche erst mal selbst, was das bedeuten könnte.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Geborgtes: Ein Text von Sarah Raich</h2><p>Bitte diesen Text von Sarah Raich lesen, nein, unbedingt. Dann auch gleich ihren Newsletter abonnieren: tolle Autorin, tolle Kurzgeschichten.</p><a href="https://steady.page/de/geraeuschbar-ist-ein-echtes-wort/posts/6b337d16-036c-4414-a706-53b816df40dd">https://steady.page/de/geraeuschbar-ist-ein-echtes-wort/posts/6b337d16-036c-4414-a706-53b816df40dd</a><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Unheimliches: Instagram-Geisterfreund*innen</h2><p>Allgemeines Geghoste brauche ich nicht zu erklären, kennt ihr mittlerweile alle aus Täter*innen- und Betroffenenperspektive. Nein? Belügt euch nicht selbst.</p><p>Relativ neu ist eine spezielle Form des Ghostens, das man ausnahmsweise nicht »dem Algorithmus« anlasten kann. Ich spreche vom Alle-glotzen-alle-deine-Instastorys-an-aber-niemand-liket-nicht-mal-deine-Freund*innen-Ghosten.</p><p>Was dahintersteckt? Keine Ahnung. Nichts gesellschaftlich Gutes jedenfalls.</p><p>Ich kann nur sagen, wie es sich anfühlt: Als stünde fast dein gesamtes soziales Umfeld direkt vor deinem Zuhause, dutzende, hunderte Personen, und alle glotzen dich unverwandt durchs Fenster an, aber sie haben leere Zombieaugen.</p><p>Bei Personen, die noch Arbeit von mir erwarten, finde ich dieses Verhalten ok. Die denken vielleicht: Christiane, hör auf, zu posten, tu, was du tun solltest. Die anderen werden mir von Tag zu Tag ein bisschen fremder, es ist richtig unheimlich.</p><p>Ich danke ausdrücklich den drei Personen, die alles liken, was sie von mir sehen und mögen. So war das doch eigentlich gedacht mit sozialen Medien.</p><p>Dass ich mir sowieso permanent einen abbreche, weil ich gar nicht auf Instagram sein möchte, aber, weil kaum jemand wegen Schleusenöffnung in Sachen Hetze und Desinformation weggegangen und woanders wieder aufgetaucht ist, dort noch sein muss, damit nicht mein ganzes Publishing-System zerbricht, ist ein anderes Thema. Der Verlag ist ganz weg von Instagram, im Autorinnen-Account mache ich Werbung fürs Buch und poste politisch, wenn ich die gesellschaftliche Heuchelei mal wieder gar nicht ertrage. Privat (im geschlossenen Account) poste ich ab und zu ein Lebenszeichen, das ich dann nach ein paar Tagen wieder lösche. Neue inhaltliche Sachen (»Original-Content«) poste ich bei den Girls und als FrauFrohmann nurmehr als Links zum Blog in Storys, was eine Riesen-Zusatzarbeit ist.</p><p>Shadowban betrifft mich natürlich auf allen Accounts massiv, aber das ist ja bei so einer linken Furie wie mir erwartbar. Wenn ich mich jedoch nicht mehr darauf verlassen kann, dass echte Menschen partizipativ den Plattform- und Bot-Faschismus ausgleichen, bin ich geliefert. Nicht als Mensch – ich könnte längst wieder famos ohne soziale Medien leben –, aber als Publizistin und Aktivistin.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b517b7bb-5059-47e3-91a6-95ab2db85847/uploads/images/gyumvrqac7/mat_selfie_cf_dark_selfie_quadratisch.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="dunkles Selfie mit nicht erkennbarem Gesicht"/><hr aria-hidden="true"/><h2>Rubrikloses</h2><p>Auf meinem Grabstein wird stehen: Sie schrieb gerade an einem Text über sympathische Dudes, die einen am Ende doch wieder zur übersehenen Assistentin gemacht haben werden, als mit der Post ein Brief ins Haus flatterte, der als Werbemittelwerbung einen auf wertig machenden Kugelschreiber enthielt, auf dem in Versalien der Name des vorletzten sympathischen Dudes, der sie vor vielen Jahren am Ende doch wieder zur übersehenen Assistentin gemacht hatte prangte. <a href="http://www.zeno.org/Literatur/M/Kleist,+Heinrich+von/Erz%C3%A4hlprosa/%5BAnekdoten+und+Kurzgeschichten%5D/Der+Griffel+Gottes">Der Griffel Gottes</a>? Wohl eher der unter Menschenrechtsverletzungen produzierte Griffel des Patriarchats und des Kapitalismus. Den Text über sympathische Dudes, die einen am Ende doch wieder zur übersehenen Assistentin gemacht haben werden, schreibe ich jetzt nicht mehr weiter, die paar Sätze hier reichen schon, damit ihr versteht. Den Kugelschreiber aber lege ich im Keller in unseren Schrein des Horrors, zwischen die Werbekugelschreiber des Immobilienmaklers, der im Büro einen Adolf-Hitler-Wein stehen hatte und des Notars, der im Büro »Kunst« mit Rape-Vibe hängen hatte.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Präraffaelitische Girls erklären</h2><p>in ihrem eigenen Newsletter <a href="https://steady.page/de/pgexplaining/posts"><em>Was ist und was wird</em></a>, gern abonnieren.</p><hr aria-hidden="true"/><p>Neu: Für alle, die nicht auf Bluesky oder Mastodon sind, gibt es die täglich neuen Mindestens-eines-Listen jetzt gesammelt im Frohmann-Blog, speichert den Link und klickt einfach jeden Tag darauf, wenn ihr in der Stimmung dafür seid. Ein bisschen länger dort rumzulesen, ist vielleicht auch eine gute Ersatztherapie fürs Doomscrollen. (Ein Mindestens-eines-Abreißkalender für 2026 ist ebenfalls in Arbeit.)</p><a href="https://frohmannverlag.de/blogs/frohmann/mindestens-eines">https://frohmannverlag.de/blogs/frohmann/mindestens-eines</a><p></p><p><em>Maus sieht sich. Seid lieb, nur nicht zu Nazis.</em></p><p><em>XOXO,<br/>FrauFrohmann</em></p><hr aria-hidden="true"/><p>Bitte empfehlt den Newsletter weiter. Schließt, wenn ihr okay Geld habt, vielleicht ein Bezahl-Abo ab.</p><p><a href="https://steady.page/de/umsehenlernen/about">Bezahl-Abos ansehen</a></p><p>Ladet mich zu fair bezahlten Lesungen, Vorträgen, Panelteilnahmen ein. Ich publiziere aus Überzeugung weiterhin alles, was ich allein verantworte, auch in einer kostenlos zugänglichen Variante, um niemanden auszuschließen. – Das tue ich aber nicht, weil ich eh gut verdiene. Ich verdiene schlecht. Wenn das mit den Abozahlungen, nicht euer Ding ist, könnt ihr mir auch einmalig Geld <a href="https://paypal.me/pgexplaining">paypalen</a> (europäischer Bezahldienst wird gerade getestet, dazu bald mehr). Danke, dass ihr meine Texte lest und keine Glotzgeister seid. Schreibt gern Feedback, aber nichts Fieses.</p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Tue, 11 Nov 2025 17:47:34 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 126]]></title>
      <description><![CDATA[Okaye Boomermänner / Mitmenschliche Revolution / Denkfigur aus The Yellow Wallpaper / Zitat von Michela Murgia / unerwartet Goth / Meme-Release: Die Selbstgestrickten]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/0bcd6a56-2add-498d-af0d-9252b3269d95/uploads/images/ni4sifwrc3/20251025_180349.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><h2>Vorweg</h2><p>Übermorgen ist erst mal wieder Schluss mit <em>Animal Crossing New Horizons</em> in echt und ich reise zurück nach Deutschland. Mein gesprochenes Italienisch ist immer noch scheiße, weil ich mich meist vorm Reden gedrückt habe. Immerhin kann ich unendlich viele Vokabeln. Es war wieder wundervoll hier und ich freue mich jetzt auf Berlin, weil meine Kinder und viele Freund*innen da sind. Und Laser. Ich freue mich auch aufs Verlegen. Es wäre einfacher und egodienlicher, nur noch zu schreiben, aber ich möchte auch der Verantwortung gerecht werden, anderen dabei helfen zu können, Autor*innen zu werden und zu bleiben. Zum Neubeginn bald mehr im Verlags-Newsletter.</p><p>Anderes Thema: Ich bin noch nicht ganz schlüssig, wie ich die Mindestens-eines-Listen mit dem Newsletter hier verbinde. Mark Zuckerberg aka Instagram soll sie ja nicht mehr bekommen. Gebt bitte mal Feedback, welche Variante ihr am besten findet:</p><ol><li><p>jeden Tag (sofern ich Zeit habe) eine Mail mit neuer Tagesliste</p></li><li><p>sieben Mindestens-eines-Kacheln am Schluss des Newsletters</p></li><li><p>sieben Links zu Mindestens-eines-Kacheln im Newsletter</p></li></ol><p>Hier eine Kachel für morgen:</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/0bcd6a56-2add-498d-af0d-9252b3269d95/uploads/images/suqpd3obx5/9.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="- kein Montagsmeme schreiben, liken, teilen: lieber dem Kapitalismus einen Moment mehr Leben abtrotzen
- etwas Entlastendes für eine andere Person tun 
- ein Buch zurückgeben
- öfter »ja« als »ja, aber« sagen
- Süßigkeiten für die Halloween-Kinder bevorraten"/><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Altes: Versuch, etwas zu ändern</h2><p>Wenn man keine Neigung zum Machtergreifen und zum Anführen hat, möchte man für gewöhnlich nicht in die Politik. Deshalb sind auch nur relativ wenige Menschen parteipolitisch tätig, mit denen ich befreundet bin oder sein möchte. Dafür sind sehr viele Politiker*innen komplette Arschgeigen. Das ist ein echtes Problem, denn es wäre schon gut, wenn mehr gute Menschen Politik machen würden, weil die dann vermutlich auch besser ausfallen würde.</p><p>Gleichzeitig bin ich der Überzeugung, dass genau jetzt die Zeit für radikale Politik ist: Superreiche besteuern, Konzerne entmachten, Privatisiertes wieder verstaatlichen, nein, ehrlich gesagt, glaube ich, dass nur ein globaler Neuanfang es für mehr als das 1 % Arschlochmenschen noch rumreißen kann: die partizipative Demokratie einer Weltgemeinschaft auf Basis der Menschenrechte. (Ich gehe davon aus, dass Menschen, die Menschenrechte wirklich leben, auch ihren Umgang mit anderen Lebewesen ethisch überzeugender gestalten.) Klingt vielleicht utopisch, weil ihr derzeit nur AfD-, CDU/CSU- und Springer-Gegröle hört, ist aber vernünftiger als die gesamte aktuelle Realität.</p><p>Deshalb bitte ich euch, von heute an die »mitmenschliche Revolution« als Vorstellungsrealität zu entwickeln. Versucht, bei allem was ihr tut, in deren Sinne zu handeln. Ich will euch nicht vorsagen oder gar -schreiben, was das genau heißt, denn ich glaube, das ergibt sich ganz von selbst. Handelt als Mitmenschen, für alle, nicht nur für Mitglieder eurer Familie, eures Landes, eurer sozialen Gruppe, eurer Religion. Handelt dabei um die Unverbesserlichen herum. Die fallen dann eh vor Schreck in Ohnmacht, weil sie keine Macht mehr über euch haben, so wie der Dude in <a href="https://www.nlm.nih.gov/exhibition/theliteratureofprescription/exhibitionAssets/digitalDocs/The-Yellow-Wall-Paper.pdf"><em>The Yellow Wallpaper</em></a><em>.</em> Einfach drüberkriechen über den igoranten Creep. – Diese Denkfigur hat mir schon sehr, sehr oft geholfen. – Oder do it 2025: innere Pferdeenergie mobilisieren und springen. Hüh!</p><blockquote><p>Now why should that man have fainted? But he did, and right across my path by the wall, so that I had to creep over him every time!</p></blockquote><p>Was soll das ganze Kulturgedöns, wenn Menschen es nicht mehr für möglich halten, jemals ohne Krieg und Gewalt zu leben.</p><p>Wenn erst mal alle außer den ohnmächtigen Machtcreeps mitentscheiden – vernünftige Digitalisierung macht’s möglich UND IST MÖGLICH –, ist Macht kein Thema mehr.</p><p>Nein, ich bin nicht naiv, ich bin vernünftig und ein Mitmensch.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Neues: Okaye weiße cis Ü40-Männer, die ins Verstehen kommen</h2><p>Ich habe sie immer im Augenwinkel gesehen oder gespürt, dass sie noch irgendwie da sind, diese cis Männer, meist weiß, die ich irgendwann vor zehn bis dreißig Jahren im Studium, beim Ausgehen oder bei der Arbeit kennengelernt und als kluge, interessante, menschlich okaye Typen abgespeichert hatte. Früher hatte oder hätte ich nächtelang mit ihnen diskutiert und sie hätten mich ziemlich oft ausreden lassen, vermutlich sogar die, die nicht auch noch zusätzlich einen Crush auf mich hatten.</p><p>Für ein paar Jahre waren sie dann fast alle spurlos verschwunden und ich konnte mir auf Basis meiner sonstigen Erfahrungen in der Zeit ausrechnen, dass ich ihnen irgendwie »zu radikal«, »zu woke«, »zu feministisch« geworden war. Ein ähnliches Phänomen gab es auch mit Freundinnen, die mir, so unterstelle ich es ihnen zumindest, übertriebenen Männerhass oder uncooles Spaßbremsentum unterstellten. Mein Eindruck war hier wie dort, dass sie und ich uns durch meinen intensiven Kontakt mit intersektionalen Feminist*innen, viele davon BIPoC und/oder queer, ein bisschen fremd geworden waren. Manchmal fühlte es sich für mich so an, als würde mein bloßer Anblick als Vorwurf an andere gelesen, woker sein zu müssen. War nicht schön, aber auch nicht richtig schlimm. Zu offenen Konfrontationen ist es nie gekommen. Wie fast immer also kein Vergleich mit dem, was jede BIPoC, jede queer gelesene Person jeden Tag durchmacht.</p><p>Gerade ändert sich mein intellektuelles und soziales Leben in Sachen Nähe und Ferne erneut spürbar. Viele intersektionale Feminist*innen (ich) begreifen, dass sie viel zu wenig radikal waren, weil es die ganze Zeit gar nicht ums Verstehen von richtig und falsch, gut und böse ging. Gleichzeitig checken die vormals von ihnen genervten, im Grunde auch okayen Menschen, dass die Nervensägen vielleicht doch nicht so falsch lagen. Wiederannäherung ist möglich und geschieht. Gut so.</p><p>Wenn ich mich damals nicht in den okayen Menschen getäuscht habe, können sie auch gar nicht jetzt in letzter Sekunde nach deutlich Rechts abdrehen, sondern gestehen sich den Irrtum ein. Es ist eine schöne Vorstellung, dass unterschiedliche Wege nun vielleicht wieder zusammenführen, zumal ja die ganz großen Enttäuschungen für alle außer den Fuck-all-Trollen nicht aufhören.</p><p>Es ist gesellschaftlich enorm viel Heilung notwendig und je mehr Menschen sich wieder auf einen Dialog und ein Miteinander einlassen, desto besser. Ich habe an anderer Stelle bereits überlegt, wie das Problem zu lösen ist, dass manche Menschen, die jeweils keinen Faschismus wollen, gerade überhaupt nicht miteinander können. Meine Hoffnung ist, dass diese über gemeinsame andere Menschen allmählich wieder Verbindung zu einander aufbauen können, also nicht über aktive Vermittlung, sondern indem sie voneinander entfernterer Teil einer Gruppe sind, die in die gleiche Richtung blickt. <em>Menschen können auch nur nebeneinander gehen, wenn sie nicht miteinander gehen wollen.</em></p><p>Gestern war ich (immer noch in Italien) mit meinem Mann zu Besuch bei dem Schreiner, der unseren Küchenschrank gebaut hat. Er hat erwachsene Kinder, ist getrennt und lebt heute allein und anscheinend ziemlich zufrieden mit 14 Katzen in einem Tal am anderen Ende der Insel. Obwohl ich gestern unfassbar grotte Italienisch gesprochen habe und er nur Italienisch kann, verstanden wir uns. Er beschreibt sich als linke Person, die für sich persönlich, er ist 62, in der aktuellen Lage keinen Sinn mehr in Aktivismus sieht und hat beschlossen, ab jetzt möglichst wenig weiteren Schaden in der Welt anzurichten. Er hat seine Steuernummer abgegeben, weil er mit der Meloni-Regierung nichts zu schaffen haben will, baut sein eigenes Gemüse an, trinkt Wasser aus dem Brunnen und verdient das trotzdem notwendige bisschen Geld mit seinem Handwerk. Das ist natürlich nicht ganz konsequent, aber es ist auch weit entfernt von so einer privilegierten Hippieaussteigerscheiße mit geerbtem Geld. Unser neuer Bekannter mit Freundespotenzial tut schon jetzt das, was mehr und mehr okaye Boomer- (nicht zu verwechseln mit Okay Boomern) und GenX-Männer in meinem Umfeld im Begriff sind zu machen: verstehen, dass sie absolut von keinem Menschen auf diese zu- und aufdringliche Erklärbär-Weise gebraucht werden, sich einen ruhigen Platz und ein gutes, bescheidene(re)s Leben suchen und damit quasi automatisch Platz im Berufsleben und in der Öffentlichkeit machen für andere, Platz, den sie sonst safe bis zu ihrem letzten Atemzug blockiert hätten. Analog bedeutet dies für weiße cis Frauen dieser Generationen, also auch für mich, offenen Auges ebenfalls etwas zur Seite zu treten, damit es wirklich vielfältiger wird. – Veränderung ist on, an vor ein paar Jahren noch unvorstellbarer Stelle, auch wenn die Bösen und ihre Clickbait-Performanz gerade umfassend den Blick darauf verstellen.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Geborgtes: Ein Zitat</h2><blockquote><p>Alle Werkzeuge sind, wenn man sie auf faschistische Weise nutzt, dem Faschismus zuträglich.</p></blockquote><p>(aus: Michela Murgia, <a href="https://www.wagenbach.de/buecher/titel/faschist-werden.html"><em>Faschist werden. Eine Anleitung)</em></a></p><p></p><p>Und umgekehrt, Wink mit dem Zaunpfahl, liebe Leitmedienmacher*innen.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Unheimliches: aus umgekehrter Richtung</h2><p>Wusstet ihr, das Liz Hurley Goth war?</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/0bcd6a56-2add-498d-af0d-9252b3269d95/uploads/images/wylvytkezr/Screenshot_20251026_205607_Instagram.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Bild von Liz Hurley in Goth-Styling"/><hr aria-hidden="true"/><h2>Präraffaelitische Girls erklären</h2><p>ja mittlerweile in <a href="https://steady.page/de/pgexplaining/posts/e50db733-6054-4780-8957-50020aadee04">eigenem Newsletter</a> (neue Folge vermutlich morgen), deshalb noch ein neues Privatmeme: <em>die Selbstgestrickten. </em>In diesem geht es darum, wie ich mir die »gute alte Zeit« der Konservativen vorstelle.</p><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/0bcd6a56-2add-498d-af0d-9252b3269d95/uploads/images/kufocerpjx/meme_selbstgestrickt_lungenkrebs.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Zwei kurzhaarige weiße Personen in selbstgestrickten Pullovern, eine raucht. Text: »Alter, die Woken sind schuld, dass ich Lungenkrebs habe.«"/><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/0bcd6a56-2add-498d-af0d-9252b3269d95/uploads/images/kamz4jo2ct/meme_selbstgestrickt_namen.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="»Komm, lass jahrelangt Chantal- und  Kevin-Witze machen und dann mit  Anwalt drohen, wenn jemand mit unseren Namen Witze macht.«"/><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/0bcd6a56-2add-498d-af0d-9252b3269d95/uploads/images/srw4i47dbz/meme_selbstgestricktstrickt_Stiftung.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Zwei kurzhaarige Personen in selbstgestrickten Pullovern auf teuren Mofas. Text: »Vorschlag: Wir verlegen unseren Wohnsitz weg aus Deutschland und hinterziehen so big time legal Steuern. Dort gründen wir dann für die Zeit nach unserem Tod eine wohltätige Stiftung, damit man uns für gute Menschen hält.«  »Das ist so geil abgefuckt. Lass schnell zurück zum Boot düsen und vögeln.«"/><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/0bcd6a56-2add-498d-af0d-9252b3269d95/uploads/images/qoysi6vxm4/meme_selbstgestricktstrickleute6.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Weiße Person in selbstgestricktem Pullover. Text: »Meine lieblose Ehe ertrage ich nur mit Affären und Beruhigungsmitteln, aber selbstverständlich werde ich in der Zukunft queere Familien als ›nicht richtig‹ bezeichnen.«"/><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/0bcd6a56-2add-498d-af0d-9252b3269d95/uploads/images/oljwiv4gxo/meme_selbstgestricktstrick_wei_e_Feministin.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Weißes Kind in selbstgestricktem Pullover. Text: »Wenn ich groß bin, werde ich weiße Feministin und versaue trans Kindern das Leben.«"/><p></p><p>(Ich glaube, mir fallen noch sehr viele Selbstgestrickt-Memes ein.)</p><hr aria-hidden="true"/><p><em>Ciao miao, Maus sieht sich. Seid lieb, nur nicht zu Nazis.</em></p><p><em>XOXO,<br/>FrauFrohmann</em></p><hr aria-hidden="true"/><p>Teilt gern diese Folge. Empfehlt bitte den Newsletter. Schließt nach Neigung und Vermögen Bezahlabos ab oder kündigt sie nicht. – Mein freischwebendes Frohmann-Publishing, das sich inhaltlich viel rausnimmt und keine armen Menschen ausschließt, funktioniert leider nicht ohne Geld, weil ich ein Mensch bin und Kapitalismus ist.</p><p></p><p></p>]]></content:encoded>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/0bcd6a56-2add-498d-af0d-9252b3269d95/uploads/images/ni4sifwrc3/20251025_180349.jpg?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;fm=jpg&amp;crop=faces" medium="image"/>
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      <pubDate>Sun, 26 Oct 2025 20:32:02 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 125]]></title>
      <description><![CDATA[Katzen in Nichtkatzenkleinanzeigen / Generationenverrat / Ein Zitat von Toni Morrison / Meine Leseempfehlung / Das Gegenteil von einem Portal / mehr Pferdeenergie]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h2>Vorweg Feedback zu letzten Folge</h2><p>Leser_in T. hat mir in Sachen Kolibrikolibrischmuck geschrieben, dass es auch ein Etsy-Phänomen Schmuck aus Roadkill gebe. (Pfui.)</p><p>Leserin M. hinterfragt jetzt die Kreuzfahrten ihrer Oma, aber ich muss da unbedingt noch etwas modifizieren: Kreuzfahrten für Menschen, die körperliche Einschränkungen haben, judge ich nicht. Auch nicht Kreuzfahrt als einmalige Erfüllung eines Lebenstraums.</p><p>Leserin A. war als klassischer Pferdefan etwas enttäuscht, dass »Verpferdung« sich nur auf Ketaminkonsum bezog. Gute Nachricht für sie: Die Pferdeenergie beschäftigt mich weitergehend, siehe Ende dieser Folge.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Altes: Katzen in Nichtkatzenkleinanzeigen</h2><p>Über Menschen, die sich ungeschickt mitfotografieren, wenn sie im Netz gebrauchte Spiegel oder verfügbaren Wohnraum anbieten, werde ich ein anderes Mal und in einem anderen Stil schreiben,– heute zeige ich euch ein ähnliches Internetphänomen, das ich sehr bezaubernd finde: Katzen auf Fotos in Nichtkatzenkleinanzeigen. Seit ich vor zwei Wochen das erste Mal nach längerer Zeit bewusst darauf geachtet habe, habe ich fünf Screenshots machen können, drei auf Ebay, zwei auf Vinted. (Nein, ihr schrecklich Neugierigen, ich habe keinen der abgebildeten Artikel gekauft und auch nicht kaufen wollen.)</p><p>Meiner Einschätzung nach weisen die Bilder unterschiedliche Grade der Cat-Content-Vorsätzlichkeit auf, ich würde deshalb zwischen »geschaffenem Cat Content« und »emergierendem Cat Content« unterscheiden. Es lebe die Katzenkulturwissenschaft!</p><p>Lasst die Bilder auf euch wirken und dann urteilt: Was ist Zufall, was eiskaltes Kätzchenmarketing?</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/bd8ecc45-2cd1-4fbf-8de9-1aa7529bb80a/uploads/images/aj7p4wmpgx/mat_anzeigenkatzen1_Vinted.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Gestreifte Hauskatze hinter gelben Pumps"/><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/bd8ecc45-2cd1-4fbf-8de9-1aa7529bb80a/uploads/images/ds43ezkv6m/mat_Anzeigenkatze2_Ebay.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Gestreifte Hauskatze hinter Doppelglasrahmen"/><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/bd8ecc45-2cd1-4fbf-8de9-1aa7529bb80a/uploads/images/5goljsbxta/mat_ul_Katzenanzeigen1.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Schwarzes Kätzchen hinter schwarzen Stilettopumps"/><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/bd8ecc45-2cd1-4fbf-8de9-1aa7529bb80a/uploads/images/bgcatphk25/mat_Katzenanzeige3_Ebay.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Anthrazitgrau-weiße Katze vor rot gerahmtem Spiegel"/><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/bd8ecc45-2cd1-4fbf-8de9-1aa7529bb80a/uploads/images/5ga2yecw42/Anzeigenkatze4.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Gestreifte Hauskatze hinter angeschalteten Murano-Obstkorb-Lampen"/><p>Nebengedanke: Es fühlte sich beim Schreiben einen Moment lang merkwürdig an, ein Thema »mit Internet« bei <em>Etwas Altes</em> einzuordnen. Realitätsprüfung: Das Internet ist jetzt einfach schon ziemlich alt, bin ich ja auch. Ist halt so, aber auch nicht schlimm.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Neues: Generationenverrat</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/bd8ecc45-2cd1-4fbf-8de9-1aa7529bb80a/uploads/images/ucu2f3ugmv/mat_ul_mutter_von_toten20191204_120743.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Kriegerdenkmal mit trauernder Mutter und totem Sohn"/><p>Eine Frage an euch, falls ihr Kinder habt: Wollt ihr die nächste trauernde Mutter auf dem Kriegerdenkmal werden? Ich nicht. Also wascht und bügelt schon mal eure Demonstrationsschürzen, es wird noch viel gegen rechte Killkultur zu demonstrieren sein. Wie frech einfach auch: jetzt die Generation, die man komplett hängengelassen hat, in die Pflicht nehmen zu wollen: <em>Wir hatten in der Coronazeit leider keine Luftfilter für euch, aber hier sind eure Gasmasken.</em></p><p>(Wenn ich »maskuline Energie« sehen will, klappe ich den Laptop auf und sehe mir ein Tennisturnier mit Jannik Sinner und Carlos Alcaraz an.)</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Geborgtes: Ein Zitat von Toni Morrison</h2><blockquote><p>»Letztlich lassen sich alle menschlichen Beziehungen runterbrechen auf die Frage: Würdest du mir das Leben retten oder mich sterben lassen?« – Toni Morrison, <em>Song of Solomon</em></p></blockquote><p>(Nächste Interviewfrage für Friedrich Merz)</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Unheimliches: Das Gegenteil von einem Portal</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/bd8ecc45-2cd1-4fbf-8de9-1aa7529bb80a/uploads/images/bnnfu3korx/mat_u_leerer_Snackautomat_ul125.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Leerer Snackautomat"/><p>Gibt es etwas Unheimlicheres als einen leeren Snackautomaten?</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Rubrikloses</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/bd8ecc45-2cd1-4fbf-8de9-1aa7529bb80a/uploads/images/3hh2jltjtl/KI-Schei__muckenpng.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Abstruser KI-Text über Flügelpaare von Menschen"/><p>Hat Transhumanismus schon gewonnen oder ist das Internet aktuell eine KI-Mülllhalde? (Seht euch in dem Kontext die Doku <a href="https://www.arte.tv/de/videos/122187-000-A/ki-der-tod-des-internets/">KI: Der Tod des Internets</a> von Mario Sixtus auf arte an.)</p><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/bd8ecc45-2cd1-4fbf-8de9-1aa7529bb80a/uploads/images/3ya6hsadyc/mat_ul_meme_mat20241010_212302_IMG_7045.PNG?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Wer sagt es ihnen?</p><hr aria-hidden="true"/><p>Meine Leseempfehlung, ich zitiere bestimmt auch bald noch mal was daraus. Klug und lustig, I like.</p><a href="https://www.rowohlt.de/buch/rebekka-endler-witches-bitches-it-girls-9783498007409">https://www.rowohlt.de/buch/rebekka-endler-witches-bitches-it-girls-9783498007409</a><hr aria-hidden="true"/><h2>Präraffaelitische Girls erklären …</h2><p>… ja jetzt in <a href="https://steady.page/de/pgexplaining/posts/e50db733-6054-4780-8957-50020aadee04">eigenem Newsletter</a> und ihr habt sicherlich nichts gegen ein neues Meme.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/bd8ecc45-2cd1-4fbf-8de9-1aa7529bb80a/uploads/images/kw3gnhoe63/meme_Pferdeenergie_ul125.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Hüh!</p><hr aria-hidden="true"/><p>Maus sieht sich. Seid lieb, nur nicht zu Nazis.</p><p>XOXO,<br/>FrauFrohmann</p><p></p><p></p>]]></content:encoded>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/bd8ecc45-2cd1-4fbf-8de9-1aa7529bb80a/teaser_image/1760973033?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;fm=jpg&amp;crop=faces" medium="image"/>
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      <pubDate>Mon, 20 Oct 2025 15:22:52 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 124]]></title>
      <description><![CDATA[Kreuzfahrer*innen / Wirklichkeitskonstruktion zweiter Ordnung / Verpferdungsrap / Unheimlicher Schmuck ]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h2>Vorweg</h2><p>Heute hat hier zum ersten Mal ein Kreuzfahrtschiff angelegt, nicht direkt hier, das geht glücklicherweise nicht, aber nah genug, damit die Passagier*innen mit einem Boots-Shuttle auf die Insel kommen können. Mein Mann hat im Internet recherchiert, was die Menschen, die hier gerade herumspazieren für die Reise bezahlen. Sie legen bis zu 30.000 Euro pro Person für eine Kreuzfahrt hin, deren Dauer nicht mal in Wochen, sondern in Tagen angegeben wird. Ausflüge gehen extra.</p><p>Mein Mann war bleich im Gesicht, als er sich dieses Wissen besorgt hatte, so wie man eben aussieht, wenn man im nicht übertragenen Sinne einen Schock hat.</p><p>Wir gehen spazieren und versuchen, Leute »vom Schiff« zu spotten. Die Menschen sehen für mich ganz normal aus, vermutlich weil sie sich selbst, ihren Lebensstil ganz normal finden und nicht bemerken, wie gemeingefährlich homogen ihre Reisegruppe ist. Wie weiß. Europäer*innen halt, ja klar, Kreuzfahrtschiffeuropäer*innen. U-Bahn-Europäer*innen eher nicht. Und schon gar nicht Boat-People-Europäer*innen. Schiffe, Boote, dazwischen Welten.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/17264d62-e8db-4e00-a7ec-7cf894e2d0cc/uploads/images/a3f6izahqd/1000034241.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Nicht identifizierbares schwimmendes Objekt"/><h6>Schattenflotte, aber als Bewusstseinszustand</h6><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Altes: Aus den Augen, aus dem Sinn</h2><p>Neulich saß ich hier auf der Insel im Nebensaison-Minibus hinter einer Person, die offensichtlich zum ersten Mal diese Strecke fuhr. Immer wieder wandte sie sich begeistert an ihre Begleitung, um irgendetwas Schönes zu kommentieren. Zweimal verpasste sie genau durch diesen Begeisterungsmoment Anblicke, die ich im Vergleich als noch viel begeisterungswürdiger einschätzen würde.</p><p>So konkret hatte ich vorher noch nie beobachtet, wie sich Wirklichkeitskonstruktion durch Wahrnehmung und Nichtwahrnehmung vollzieht. Für die Person im Bus gibt es den schönen alten Friedhof und die sich überraschend ins Bild schiebende Aussicht aufs offene Meer nicht, für mich schon. Wer weiß, was für mich alles nicht existiert, weil ich es nicht wahrgenommen habe, obwohl es möglich gewesen wäre. Andere wissen es, und ich weiß nicht, dass sie es wissen.</p><p>Im Anschluss an diese Gedanken habe ich mich gefragt, ob mein Intellekt von Inselverzwergung betroffen ist und ich immer einfacher gestrickt denke. Falls es so ist, habe ich kein Problem damit.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Neues: Verpferdungspop</h2><p>Nicht erst das temporäre Inselleben, sondern auch die letzten zehn Jahre im Internet haben mich gelehrt, dass Menschen wirklich sehr unterschiedliche Wirklichkeiten bewohnen, deshalb wird das Phänomen, welches ich jetzt schildere, einigen ganz selbstverständlich vertraut sein, während andere noch absolut nichts davon mitbekommen haben: Ich spreche vom Boom der popkulturellen Pferdemetapher, insbesondere im technoiden und hyperpoppigen Deutschrap.</p><p>Die Metapher ist schnell entschlüsselt, im Grunde wird sie auch bei jeder einzelnen Verwendung gleich miterklärt: Es geht um den Konsum von Ketamin, jener 1962 erstmals synthetisierten Droge, die lange Zeit vor allem Pferden verabreicht wurde. Aber auch Menschen nehmen die Pferdedroge, legal medizinisch verordnet gegen Depressionen oder illegal, »zum Spaß«, was ja oft nichts anderes als eine Selbstmedikation gegen Depressionen ist.</p><p>Nach allem, was ich so mitbekomme, wird Ketamin in Deutschland in epidemischem Ausmaß geballert. SOGAR DER SPIEGEL HAT SCHON DARÜBER BERICHTET. Ich wüsste und wusste das auch ohne den SPIEGEL, in Berlin zu leben, genügt.</p><p>Berlin ist wirklich tiefenverdrogt, und ich kann es beweisen: Ich habe schon zweimal (!!) in meinem Bücherregal (!!!) Ketamin gefunden, nicht etwa nach monatelanger Abwesenheit oder versteckt hinter Büchern, sondern einfach so daliegend in winzigen Reaktionsgefäßen, einfach von random Personen dort liegengelassen, die vermutlich noch zu akut mit Verzerrung des Raum- und Zeitempfindens beschäftigt waren, als dass sie auf minimale Etikette hätten achten können. Früher hätte man bei so einem Fund einfach frontal seine Kinder beschuldigt, aber im Fall dieser Droge kann es wirklich buchstäblich jede*r gewesen sein, der in den letzten Wochen unerkannt dissoziativ durchs Haus geweht ist. Das Regal befindet sich im Wohnzimmer und allzu oft sehe ich da auch nicht richtig hin. (Vielleicht ist der Kater gar nicht dement, sondern hat Hirnschäden von langjährigem Ketaminkonsum …)</p><p>Soll ich eine Rundmail schreiben: Liebe Verwandte, Freund*innen, Bekannte, bitte achtet darauf, nach Möglichkeit kein Ketamin mehr in meinem Bücherregal liegenzulassen, zum Beispiel, indem ihr keines mehr nehmt und dadurch verlässlich wisst, wo ihr gerade seid: VOR DEM BÜCHERREGAL EINER DROGENKRITISCHEN PERSON. Danke.</p><p>Ich selbst habe also noch nie Ketamin genommen, aber schon zweimal Ketamin im Bücherregal gefunden. So viel zur surrealen Realität von 2025.</p><p>Gern würde ich jetzt sagen, dass all das der Situation 1999 in Berlin vergleichbar ist, als man in Clubtoiletten teilweise nicht mehr pinkeln konnte, weil jede einzelne Kabine von Koksenden blockiert war, aber das Koksnehmen bzw. der Mischkonsum (vornehm für: schluck alles, was du kriegen kannst, wir müssen alle irgendwann sterben) ist ja seitdem nicht zurückgegangen. Es ist wohl eher so, dass Ketamin für junge, drogenerlebnisorientierte Menschen aktuell das beste Pferd im Stall ist, weil so schön drastisch in der Wirkung und dabei günstig im Preis. DER MARKT REGELT DAS!</p><p>Kein Wunder also, dass Ketamin bzw. Pferde, Sprachspiele rund um Pferde oder auch Pferdegeräusche, wie Wiehern und Galoppieren, gerade in mehr und mehr Songs vorkommen. Pferd im Pop heißt aber nicht nur Ketamin, oft kommt als Nebenbedeutung sexuelles Reiten oder Sichreitenlassen hinzu. Das trifft sich metaphorisch gut, denn Ketamin gilt als libidosteigernd.</p><p>These, nein, ich habe einfach recht: »Verpferdung« ist die Kafka(mit Deleuze)sche Vertierung der zeitgenössischen Clubkultur.</p><p>Ich zitiere jetzt ein paar Beispiele für Verpferdungs-Lyrics: von eher andeutend bis raumgreifend. Ob mir die jeweiligen Songs im Ganzen oder im Detail textlich oder musikalisch gut gefallen, verrate ich nicht, das gehört nicht hierhin.</p><p>Pionier*innen und Immerweiterentwickler*innen der Ketamin-Lyrik mit zunehmendem Pferdeanteil (und trotz krassem, nicht gerade wokem Image übrigens auch beim Einsetzen von Awareness Teams) sind Tiefbasskommando, zu denen auch Shoki gehört. Erfolgreichste Verpferderungsrapperin ist zum jetzigen Zeitpunkt Ikkimel.</p><p>Nachfolgend ein paar Lines, die mir im Gedächtnis geblieben sind. Mir bleibt nicht sehr viel im Gedächtnis, aber ich habe etwas übrig für die Pferdemetapher, das hilft.</p><p>»Wo ist oben, wo ist unten? Ich spür die Pferde-Energien.« (Beslik, Dauner, Shoki, Pferdeenergie, 2023), »Das beste Pferd im Stall und ich mache mich dumm.« (Ikkimel, Keta und Krawall«), »Was für Pferde gut ist, kann für mich doch gar nicht schlecht sein.«(Ikkimel, Bikini Grell«, 2024), »Wir ballern so viel Keta, da wird selbst ein Pferd verrückt. [Wiehern]« (Tiefbasskommando / Admiral Klatsch, »Vor und zurück«, 2025). Und schließlich, noch eine Schleife weiter- bzw. provokativ zum Buchstäblichen zurückgedreht: »Brauch kein Keta, nur vier Räder, um ein Pferd zu betäuben.« (Tiefbasskommando, »Vier Räder«, 2025)</p><p>Den noch ziemlich neuen, explizitesten aller Verpferdungssong, in dem die Pferdemetapher vollends und ziemlich cute auserzählt wird, poste ich euch als Video.</p><a href="https://youtu.be/4lsu19beN9E?si=WaxlPg7PhrMl_-Sz">https://youtu.be/4lsu19beN9E?si=WaxlPg7PhrMl_-Sz</a><p>Ja, die Verpferdung kommt immer im Kontext von exzessivem Drogenkonsum und oft auch kinky Sexualität daher. Das ist nicht jedermenschs Sache, manchen Personen ist das eine oder andere oder beides thematisch unbehaglich. Nun existiert gesellschaftlich beides aber in großem Maßstab, und, nein, nicht nur in Berlin. Deshalb kann man wirklich nicht erwarten, dass beides nicht auch in Popkultur stattfindet und jetzt den Mainstream erreicht.</p><p>Bringt Verpferdungspop junge Menschen auf die Idee, auch verpferden zu wollen? Ja. Gibt es Verpferdungspop, weil junge Menschen die Welt nicht aushalten, ohne zu verpferden. Ja.</p><p>Sie »gehen dumm« (= feiern über jedes vernünftige Maß hinaus), um möglichst oft, möglichst lange an nichts denken, nicht denken zu müssen, denn Denken und Mindfuck sind aktuell ja kaum noch zu trennen – kennt ihr. Darum geht es unter anderem auch in meiner Novelle <em>Vier Wochen</em>, in der die Pferdemetapher ebenfalls eingesetzt wird.</p><p>Ja, ich wünsche mir weiterhin eine Welt, die Menschen auch ohne Vollnarkose aushalten können, in der das Leben so schön ist, wie es sein könnte.</p><p>In jedem einzelnen Song, den ich zitiert habe, gibt es Formulierungen, die ich so niemals benutzen würde, bei denen ich denke: Da hat es sich jemand zu einfach gemacht. Ich würde selbst auch nicht »dumm gehen« sagen, weil es ableistisch ist, obwohl ich, wenn ich ehrlich bin, mit dem Ausdruck vibe. Aber es ist mein Job als so genannte Intellektuelle, nicht beim Vibe hängenzubleiben, sondern ihn rational einzuordnen. Vor allem gehöre ich nicht zu der Generation, die »dumm gehen« in Umkehrung einer oft gehörten Verächtlichmachung als Selbstbezeichnung nutzt und bin deshalb einfach ruhig. Ich habe großes Verständnis dafür, dass andere Menschen andere Wege gehen, um sich Luft zu verschaffen, um klarzukommen, um ein Gruppengefühl zu erzeugen. Wenn du, Leser*in, jetzt nach Luft schnappst, um zu widersprechen, erinnere dich nur mal daran, was du früher so alles gedacht, gesagt, geurteilt hast.</p><p>Keine Zeit braucht Ältere, die Jugendkultur kritisieren. Beobachten: ja, urteilen: nein. Jede Generation ist auf ihre Art wundervoll und scheiße. (Ja, aaaber Faschismus: Nein, Faschismus ist kein Generationen-, sondern ein Gesamtgesellschaftsding.)</p><p>Habt ihr noch auf dem Schirm, wie misogyn immer von »Pferdemädchen« gesprochen wurde und vermutlich jeden Tag noch irgendwo gesprochen wird? Ist doch nur gerecht, wenn weibliche und queere Pferdeenergie jetzt am »Ich ficke deine Mutter«-Deutschrap vorübergaloppiert.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Unheimliches: Kolibrischmuck</h2><p>Eine Neben-Expertise, die ich mir einst im Rahmen meiner unvollendeten Dissertation angeeignet und dann etwas verstauben habe lassen, ist die für unheimlichen antiken Schmuck. Aktuell beschäftige ich mich aus Lektoratsgründen mit nicht unheimlichem Antikschmuck und da fand es mein Gehirn naheliegend, sich auch wieder mit unheimlichem Antikschmuck zu beschäftigen.</p><p>Aus diesem Anlass zeige ich euch eine Absonderlichkeit, deren Anblick mich immer an den Rand der Ohnmacht bringt: Schmuck aus Kolobris, nein, nicht Kolibris aus Gold und Smaragden, auch keine Emaille-Kolobris, sondern Kolibris aus Kolibris.</p><p>Es ist einfach so brrrrrrrrrrr. Maximale Triggerwarnung, aber leider geil (kulturwissenschaftlich interessant). Stellt es euch ungefähr so schlimm vor, wie einmal mit den Augen einen 100 Jahre alten Leoparden-Pelzmantel anzufassen.</p><p>Jetzt Luft anhalten oder wegklicken.</p><p></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/17264d62-e8db-4e00-a7ec-7cf894e2d0cc/uploads/images/agqh7cbw76/ul_Kolibrikolibris.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Viktorianische Schmuckstücke unter Verwendung echter Kolibris"/><p></p><p>Zoomorpher Echt-Kolibrischmuck stammt vor allem aus den 1870ern, einer Zeit, in der man sehr kreativ beim Design von Unheimlichkeit war. Ich stelle mir vor, dass wegen zu viel Patriarchat komplett hysterische Darwinist*innen neben der Botanisiertrommel ihr kleines Fangnetz und einen juwelenbesetzten Dolch einpackten und dann massenhaft evolutionär unvorbereitete Kolibris killten. Spaß beiseite: Wer kommt auf die Idee, Kolibris zu killen? Andere Zeiten hin oder her. Dachte man: Wenn ich sie erwische, waren sie einfach zu schwach zum Arterhalt, also nicht schade drum … (Habe ich zu viele Podcasts über Rechte gehört und bin auf dem Weg, Kreationistin zu werden?)</p><p>Wäre ich nicht strikt dagegen, Serienkiller*innen zu romantisieren, würde ich eine Serie schreiben, in der die Villainesse beim Morden diese entsetzliche Tiara mit zwölf »fliegenden« Kolibris aus dem Bild trägt.</p><p>Die niederschmetternde Kombination aus absoluter Verfeinerung und entfesselter Brutalität im Kolibrikolibrischmuck erinnert mich irgendwie an die Gegenwart.</p><p>Wenn ich wählen muss, dann doch lieber Verpferdung.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Rubrikloses</h2><p>Auf meinem Grabstein wird stehen: <br/>Sie postete unverifiziert im Internet.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Präraffaelitische Girls erklären</h2><p>im separaten Newsletter, <a href="https://steady.page/de/pgexplaining/posts/58d0a980-c714-49e9-808e-7218dc7947b1">ebenfalls heute erschienen</a>.</p><hr aria-hidden="true"/><p><em>Maus sieht sich. Seid lieb, nur nicht zu Nazis.</em></p><p><em>XOXO,<br/>FrauFrohmann</em></p><p></p><p></p><p></p>]]></content:encoded>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/17264d62-e8db-4e00-a7ec-7cf894e2d0cc/teaser_image/1759569258?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;fm=jpg&amp;crop=faces" medium="image"/>
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      <pubDate>Fri, 03 Oct 2025 21:33:14 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 123]]></title>
      <description><![CDATA[Stand Katzenwand / KInnui / Poolpiggy / Badeortbeobachtungen / meine Leseempfehlung / etwas und noch etwas Unheimliches / PGExplaining]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Ich bin jetzt wieder länger in Italien und bereite von hier aus neue Veröffentlichungen im Verlag vor: es kommen vier neue Bücher! Davon erzähle ich bald im Verlagsnewsletter.</p><p>Das <a href="https://frohmannverlag.de/products/demokratiebuch">PGExplaining-Demokratiebuch</a> (1/4) wird gerade produziert und ich sitze an einem intellektuell und emotional sehr schwierigen Essay. Deshalb wird der Newsletter heute eher fluffig, ich muss mich auch erst wieder in (diese) Form schreiben.</p><p>Aktuell freue ich mich sehr über den Platz auf der <a href="https://tucholsky-gesellschaft.de/kurt-tucholsky-preis/">Shortlist für den Kurt-Tucholsky-Preis</a>. Es tut einfach gut, wenn doch mal etwas offiziellere Anerkennung für die eigene Arbeit kommt.</p><p>Den Verlagsshop betreut mein Sohn in Berlin. Mindestens ebenso wichtig ist, dass er auch den Verlagskater betreut: So schön, Laser geht es nachhaltig besser. Vor einiger Zeit war unsere große Gartenparty und er hat sich nicht drinnen versteckt, sondern zur allseitigen Freude in die Menge geworfen.</p><hr aria-hidden="true"/><p>Ihr interessiert euch sicher brennend dafür, wie die Katzenwand in der Italien-Wohnung mittlerweile aussieht. Die Hängung ist weiterhin provisorisch, weil die Wände noch nicht renoviert sind.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/336ba4d5-a922-4e92-ae17-2b214b18bd38/uploads/images/ym4fxzipqf/1000030088.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Verschiedene Bilder mit Katzen an einer Wand"/><p>Ich spare jetzt auf zwei weitere Bilder bei Ebay und einen Charley-Harper-Print, aber bin auch jetzt schon sehr zufrieden.</p><p>Für lebende Künstler*innen mache ich gern ungefragt Werbung. Das Minigemälde links unten mit der Spaghetti essenden Katze ist von <a href="https://www.moggshop.com/">Sally Welchman</a> (verschickt leider nicht nach Deutschland), der signierte Print mit der Person auf der Couch ganz unten ist von <a href="https://julia-soboleva.myshopify.com/">Julia Soboleva</a>.</p><p>Das Bild mit Mädchen und Kätzchen links oben ist schon 200 Jahre alt und ganz schön gruselig.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas (relativ) Altes: KInnuie</h2><p>Bestimmt für viele überraschend: Ich habe noch nie ChatGPT benutzt. Das nützt mir aber auch nichts, denn generative KI schwappt von allen Seiten rein.</p><p>Ich fühle mich ästhetisch belästigt von all den fürchterlichen KI-Bildern, die meine Bildsuchen erschweren, intellektuell belästigt von der kotzigen Google-Suche-Laber-KI, die unfassbaren Mist verzapft, kreativ belästigt von all den witzigen Sachen, die Menschen mit ChatGPT anstellen.</p><p>Ja, ich bin diese Person, die zehn Jahre lang Bücher verlegt hat, in denen auch mit KI, sogar mit frühen Versionen von ChatGPT gearbeitet wurde. Aber das wurde von Profis getan, reflektiert, eingeordnet damit es für die Öffentlichkeit besser vorstellbar und diskutierbar wird, was mit KI möglich ist. Im Guten, im Schlechten. Hat natürlich kaum jemand mitbekommen, jetzt ist es zu spät.</p><p>Jetzt müssen die Dinger asap aus den Händen der Tech-Bros genommen und streng reguliert werden. Hört sofort auf, für ein bisschen eitles Vergnügen Milliardärs-KI zu trainieren. Pls.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Neues</h2><p>Meine aktuelle Instagram-Besessenheit sind Wildschweine im und am Meer und in Pools.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/336ba4d5-a922-4e92-ae17-2b214b18bd38/uploads/images/7uc6wydkit/1000030091.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Wildschwein im Meer"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/336ba4d5-a922-4e92-ae17-2b214b18bd38/uploads/images/nlersvmxhq/1000030090.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Wildschwein im Meer"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/336ba4d5-a922-4e92-ae17-2b214b18bd38/uploads/images/tkbqadw36p/1000030089.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Wildschwein im Pool"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/336ba4d5-a922-4e92-ae17-2b214b18bd38/uploads/images/mri6z2mxpf/1000030065.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Wildschwein auf Strandliege"/><p>Das beste Video finde ich nicht mehr. Darin half eine Person einem Wildschwein aus einem Pool, nur um dann zu erleben, wie das Wildschwein oben auf dem Absatz kehrt- und wieder Köpper in den Pool machte, auf die Person zu. Komplette Panik bei Mensch und Tier, aber nicht zu mies, noch lustig.</p><p>Ich liebe Wildschweine ohnehin sehr, finde sie überaus cute – jaja, ich weiß, dass Wildschweinmütter krass gefährlich sind. Mein Großvater* saß mal eine ganze Nacht lang auf einem Baum, weil ihn eine Wildschweinmutter töten wollte. So what? Ich bin auch Mutter und krass gefährlich.</p><p><em>* Passingtipp: Wenn man »Großvater« und nicht »Opa« sagt, klingt es so, als würde man aus einer Familie mit (altem) Geld kommen.</em></p><p>Sagt ihr noch »Bache«, »Eber«, »Frischling«? Ich nicht. Ich sage nicht mal mehr »Wildschweinbaby«, sondern »Babywildschwein«. Zeiten ändern sich, Sprache ändert sich mit. Hast du ein Problem damit?</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/336ba4d5-a922-4e92-ae17-2b214b18bd38/uploads/images/jicrs6n36v/fv_pgpost_GehDoch.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Dante und drei Frauen. Eine Frau sagt: »Geh doch nach früher, wenn’s dir heute nicht passt.« Dante: »Versuche ich ja die ganze Zeit …«"/><p>Ich bin Abkömmlingin einer Försterdynastie**, da ist »Babywildschwein« zu sagen, ungefähr so degoutant, wie als Milliardärserbin das ganze Geld zu spenden. Wer mir schon sehr lange folgt, kennt dieses Foto vielleicht.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/336ba4d5-a922-4e92-ae17-2b214b18bd38/uploads/images/bqlzgmbebn/ffc_Forsterfamilie.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Historisches Foto: Personen in Förster-Uniform mit Gewehren und Weimaranerhunden"/><p><em>** Realitätsprüfung: »Abkömmlingin einer Försterdynastie« klingt gut und ist auch irgendwie wahr, aber faktisch bei irgendwelchen Großonkeln geendet, die ich vor 30 Jahren das letzte Mal gesehen habe.</em></p><p>Meine Vorfahren – haha, ich habe noch nie »Vorfahren« gesagt oder geschrieben – sehen erst mal martialisch aus mit ihren Bärten und Knarren und Riesenhunden, aber die, die ich noch kennengelernt habe, waren sehr lieb. Förster sind ja keine Spaßkiller wie Jäger. Mit meiner Erinnerung an sie und meinem Wissen von heute würde ich sagen: Die waren alle Drinnies mit dem Wald als erweiterter Wohnung.</p><p>Aus dieser Ecke der Verwandtschaft kommen auch meine italienischen Gene, die sich bedauerlicherweise nicht in besonders rasantem Spracherwerb zeigen. Aber ich werde besser, diene täglich der Duolingo-Eule und spreche immer öfter, fast täglich, auch mit italienischen Menschen.</p><p>Im Draußenleben des Badeortes beobachte ich, weil ich gar nicht anders kann – ich bin ja nicht nur eine sauertöpfische linke Intellektuelle, sondern auch eine oberflächliche Tussi, eine hohle Nuss – Styles und Trends. Die Sommer-Bikini-Trendfarbe ist Schwarz (letztes Jahr Rot) und die Sommer-Hund-Trendfarbe Karamell (so wie in Berlin-Pankow auch). In der Stadt hat man den Hund diese Saison gern buchstäblich kuhgroß, aber beim Rumstehen&amp;Bräunen&amp;Plaudern im Meer hält man lieber einen winzigen Hund im Arm. Die Mädchen vom Ort tragen abends weiterhin alle Jeans-Hotpants und schwarze Crop Tops, die Jungs dieses Jahr nicht mehr nur Klamotten in Schwarz, sondern nun kombiniert mit Weiß. Fast alle Mädchen und Frauen haben Saint-Barth-Taschen am Arm hängen. (Ist irgendwie das aktuelle Ersatz-Fiorucci, weil das von Brit*innen aufgekaufte und relaunchte Original-Fiorucci in Italien noch nicht so richtig wieder angenommen wird. Bei Kleidung und Schuhen kennen Tourist*innen 2025 nur Boho. Mir steht absolut nichts, wozu man »Hippie« sagen könnte, bin da also raus, deshalb entwickle ich hier so einen 80s-Italo-Erinnerungs-Stil, der mir sehr gut gefällt, aber auf Außenstehende bestimmt merkwürdig wirkt. Ich sammle ja nichts, aber besitze mittlerweile so viel Vintage Fiorucci (Tipp: »Archive« statt »Vintage« sagen, klingt zehnmal teurer), dass es locker als Sammlung durchgeht.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/336ba4d5-a922-4e92-ae17-2b214b18bd38/uploads/images/4niov34tlr/Fioschultasche.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Weiße Fiorucci-Tasche mit bunten Comicmotiven"/><p>Badehosen sind hier dieses Jahr gern neonfarben. Mag ich, können die Menschen hier absolut tragen, sind ja keine bleichen Berliner Clubleichen. Ach ja, Touristen-Männer tragen abends beim Schaulaufen zum Teil krasse Poppermode, was ich leider nach wie vor attraktiv finde, obwohl ich als Deutschlands führende Popper***-Expertin am besten weiß, dass damit nur in Ausnahmefällen politisch Gutes daherkommt.</p><p><em>*** Nicht der Philosoph.</em></p><p>Obwohl der Ort in erster Linie von cis Paaren und klassischen Familien durchschlendert wird, gibt es natürlich oder zum Glück auch queere Menschen, die aber, soweit ich es bisher sehe, optisch unauffälliger als in Berlin daherkommen. Ab und zu ein bisschen Undercut, ganz selten bunte Haare.</p><p>Bikinis und auch Badehosen werden in jedem Alter knapp getragen – Motto: extreme Bräune macht den Beachbody –, aber topless am Strand machen fast nur cis Männer und umgezogen wird sich strikt unter dem Handtuch. Also alles wie überall: widersprüchlich.</p><p>Widersprüchlich ist ja auch gar kein großes Problem, wenn man es reflektiert und die Widersprüchlichkeiten anderer nicht härter als die eigenen beurteilt.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Geborgtes: Ein Zitat (und meine Leseempfehlung)</h2><blockquote><p>»Die Frauen sprachen gern während des Maßnehmens, und durch die Geschichten der anderen erzählten sie von sich selbst.«</p></blockquote><p>Quelle: Michela Murgia, <a href="https://www.wagenbach.de/buecher/titel/1101-accabadora">Accabadora</a>, Seite 14</p><p></p><h2>Etwas Unheimliches</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/336ba4d5-a922-4e92-ae17-2b214b18bd38/uploads/images/j26a2y5nig/uL-Uncanny_Zementfiguren.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Italienische 60er-Jahre Zementfiguren: Rotkäppchen und der Wolf"/><p>Falls mal jemand einen unheimlichen Garten anlegen möchte, macht mich gern zu eurem Personal Shopper. Ich finde das gute Zeug für euch.</p><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/336ba4d5-a922-4e92-ae17-2b214b18bd38/uploads/images/zh3hikdbun/1000025831.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Hand befestigt Gummizeh auf Fleischzeh."/><p>Transhumanismus für Anfänger*innen (Hilfe!!!)</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Rubrikloses</h2><p>Auf Instagram erzählt eine ADHS-Influence-Person: »OMG, ich habe mich in der Bahn geschminkt« und ich brauche ewig, bis ich checke, was das Problem sein soll. Normal ist eben relativ.</p><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/336ba4d5-a922-4e92-ae17-2b214b18bd38/uploads/images/xzomgx2zha/1000028445.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Es wird bestätigt, dass Sie ein Mensch sind. Dies kann einige Sekunden dauern."/><p>Warum noch Philosophiestudium? Es gibt doch Scheiß-KI.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Präraffaelitische Girls erklären</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/336ba4d5-a922-4e92-ae17-2b214b18bd38/uploads/images/hud2qigol7/fv_pgpost_denken_und_handeln_pgd.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Vielleicht erzeugte das Böse ungewollt auch sein Gutes: Menschen weltweit wurde gerade bewusst, dass sie wieder selbst denken und handeln mussten."/><p></p><p><em>Ciao miao,<br/>FrauFrohmann</em></p><p></p><p>Spendet Geld für hungernde Menschen in Afghanistan, in Gaza, in Myanmar, im Sudan. Geht demonstrieren. Zieht nicht mehr den Kopf ein, es ist einfach nicht fair, das zu tun, nur weil man noch eine Wahl hat.</p><p></p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Fri, 05 Sep 2025 20:04:49 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 122]]></title>
      <description><![CDATA[Katzenanarchie  / die Wahrheit  / Drinnie-Camping / Bodysnatchers in Chemnitz / ein Zitat von Heike Geißler / Kulturlobbyarbeit ]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/e92bf2cd-7342-455c-b086-22ed03b0b6ed/uploads/images/e53ydcyko5/pink_ff_laser_und_joschi_beef_Kopie.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Zwei Katzen sehen sich böse an."/><hr aria-hidden="true"/><h2>Vorweg</h2><p>Laser ist nur noch ein wenig Lasarus, aber es braucht nicht viel, um ihn wieder zu destabilisieren. Aktuell hasst er es, dass ich wegen Care zu meiner Mutter fahren musste und behandelt meinen Mann wieder so, als wäre der ein Katzenkiller. Das hat dazu geführt, dass der arme Sohn, wenn er morgens um sechs todmüde aus der Fabrik kommt, erst mal die Katze füttern und kämmen (!) muss. Laser regt sich aber wohl schon wieder etwas ab und inspiziert die Innenräume, sobald er sich unbeobachtet fühlt. Wir hoffen alle, dass er sich irgendwann wieder auf die Couch wagt. Wenn ich Samstag zurückkomme, bin vermutlich ich erst mal wieder die Böse.</p><p>Die große Laserkrise hat dazu geführt, dass der komplette Sozialvertrag zwischen Katze und Mensch aufgekündigt wurde. Es herrscht Anarchie. Wäre Laser früher vor sieben Uhr morgens miauend vor einem Bett aufgetaucht, hätte er »Verpiss dich! Unverschämtheit …« gehört. Heute morgen oder eher nacht wurde er um drei Uhr von meinem Mann gefüttert, widerspruchslos, nein, sogar dankbar, es tun zu dürfen. Wir haben jetzt einen kleinen, cuten, etwas dementen Tyrannen bei uns wohnen. </p><p>Vielleicht verwandelt Laser sich auch in einen roten Panda, denn er hat jetzt eine rote Schwanzspitze. Manche in der Familie behaupten, das wäre immer schon so gewesen. Ich vermute aber, dass es eine Vorstufe zur Blondierung ist, weil Laser ganztags auf der Terrasse in der prallen Sonne liegt, zwar mit Kopf und Körper unter einem winzigen Dach aus wildem Wein, aber es kann ja sein, dass der Schwanz nicht ganz mitbeschattet ist. </p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Altes: die Wahrheit</h2><p>Auf der Leipziger Buchmesse, die dieses Jahr sehr vielen Menschen, die dort waren, große Freude gemacht hat, konnte ich ja meine alte Begeisterung für Heike Geißler neu aufladen. Wir haben offiziell geklärt, dass wir wechselseitig voneinander begeistert sind, seit wir damals 2018 bei der ziemlich gruseligen Demo in Chemnitz zufällig aufeinandertrafen und dann miteinander rumliefen und redeten. Das war beruhigend, denn sicher sein kann man sich ja nie, dass, wenn man so übertrieben begeistert ist, das auch erwidert wird.</p><p>Heike Geißler machte damals auch das Foto von meinem Demoschild, das später eines der wichtigsten Girlssplainings wurde. </p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/e92bf2cd-7342-455c-b086-22ed03b0b6ed/uploads/images/zbmifoc63s/demo_Chemnitz-bearbeitet_by_Heike_Gei_er.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Demoplakat vor Hochhaus: Wenn du kein Nazi bist, sei kein Nazi."/><h6>Foto © Heike Geißler</h6><p>In Leipzig neulich hat sie gesagt, dass sie mir gern ihre beiden neuen Bücher, <em>Verzweiflungen </em>und <em>Arbeiten</em> schicken wolle und hat das dann auch getan. (Danke.) Letzte Woche machte ich mich irgendwann morgens auf den Weg zu Sarah Berger, um mit ihr zu arbeiten. Für die relativ lange S-Bahn-Fahrt nahm ich <em>Verzweiflungen</em> mit. Mit einem freudigen Lächeln begann ich inmitten von Menschen zu lesen. Was habe ich mir dabei gedacht? Was habe ich erwartet, beim Lesen zu fühlen? (Das Buch heißt <em>Verzweiflungen.)</em> Nichts habe ich gedacht, nein, nur an Heike habe ich gedacht, und ich war einfach gleich wieder im Begeisterungsmodus und auf Überidentifikation. Nach wenigen gelesenen Seiten saß ich mit sirrenden Ohren und nach Luft schnappend da, denn <em>Verzweiflungen</em> ist ein Buch, in dem meine Wahrheit erzählt wird. Nicht nur eine meiner Wahrheiten, nicht nur einige – auch das –, sondern <em>die</em> Wahrheit. Die Wahrheit, die ich seit vielen Monaten in verschiedenen Texten und pastellfarbenen Listen, vor allem aber in ins Nichts führenden Textanläufen umschweige. Einer der umschwiegenen, ungeschriebenen Texte fühlt sich wie ein sehr wichtiger an – ich kann das immer fühlen –, vielleicht muss ich ihn jetzt endlich schreiben, weil Heike Geißler es konnte und ich das jetzt weiß. Mich hat davon abgehalten, einen so existenziell brutalen Text zu schreiben, – zumindest bilde ich mir das ein –, dass ich im letzten Jahr plötzlich eine Verantwortung fühlte, Menschen jetzt Zuversicht geben zu müssen, weil ich sie doch vorher über zehn Jahre lang mit mir zusammen auf solidarisch-kritisches Bewusstsein geschickt hatte, was die Beobachtung der Weltlage nur noch unerträglicher machte. Ohne mich würden Menschen jetzt weniger leiden, weil ich ohne mich jetzt auch weniger leiden würde. <em>Wäre es nicht manchmal schön (=einfach), nicht so viel strukturelle Ungerechtigkeit zu erkennen und das Leid der Betroffenen nach Belieben ausblenden zu können?</em> ist das neue <em>Wäre es nicht manchmal schön (=einfach), an Gott zu glauben? </em>Ich reiße mich jeden Tag zusammen und schreibe eine pastellfarbene Zuversichtsliste, natürlich mit solidarisch-kritischen Anteilen. Das werde ich auch weiterhin tun, weil es konstruktiv ist und ich es kann. Aber ich werde jetzt auch damit umgehen müssen, dass die Wahrheit raus ist. Lest <a href="https://www.suhrkamp.de/buch/heike-geissler-verzweiflungen-t-9783518128732"><em>Verzweiflungen</em></a><em>.</em></p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Neues: Drinnie-Camping</h2><p>Buchstäblich mein ganzes Leben lang will ich schon im Sommer draußen schlafen und habe es nie getan. Angst, von der unumgrenzten Hochterrasse zu rollen, Angst, im Garten von Füchsen abgeleckt zu werden und andere Quatsch-Gräuel haben mich davon abgehalten. </p><p>Diese Newsletterfolge schreibe ich nach Mitternacht auf dem Balkon im Senior*innenwohnen meiner Mutter, wo ich gleich zum zweiten Mal schlafen werde. Ich liebe es. Meine Mutter kann nicht gut schlafen und sieht mich die halbe Nacht von ihrem Bett aus wie einen obskuren Käfer an, wie ich da in meinem an eine Kinder-Höhle erinnernden Konstrukt aus Liegestuhl und Decken liege. <em>Hast du keine Angst vor Fledermäusen?</em> Nein, aber ich weiß, von wem ich meine Quatsch-Ängste habe.</p><p>Mein Mann meinte vorhin am Telefon: <em>Was du da so begeistert beschreibst, nennt man Camping und du hasst es.</em></p><p>Vielleicht habe ich gerade Drinnie*-Camping erfunden.</p><p>(Hört <a href="https://www.drinnies.de/">Drinnies-Podcast</a>.)</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Geborgtes: ein Zitat</h2><blockquote><p>»Ich glaube, ich trage einen Frieden, und dieser Frieden ist tot.« – Heike Geißler, Verzweiflungen, 31</p></blockquote><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Unheimliches: Bodysnatchers in Chemnitz</h2><p>Bei der besagten Demo damals in Chemnitz bin ich irgendwann mit meinem Twitterfreund Sebastian aus den Reihen der Linken dahin gegangen, wo die Rechten sich versammelt hatten und wir sind angestrengt gelassen und ganz still mitten durch sie hindurch spaziert. Es war eine der unheimlichsten Erfahrungen meines Lebens. Die Menschen hatten alle einen komplett hermetischen Gesichtsausdruck, es war, als wäre man im Film <em>Bodysnatchers</em> und jeden Moment würden alle schrill schreien und auf einen zeigen. </p><hr aria-hidden="true"/><h2>Rubrikloses</h2><p>Gestern hat in der Münchner U-Bahn die Fahrerin dank Mikrofon-Allmacht während der ganzen Fahrt auf alle Ein- und Aussteigenden eingeschimpft. Ich habe wirklich Verständnis, dass Menschen Menschen sind und mal schlechte Laune haben, aber es war gleichzeitig wieder so unangenehm altdeutsch random arschig und gesellschaftsverpestend. Können Menschen bitte mal auf die Richtigen sauer sein? Danke.</p><hr aria-hidden="true"/><p>Zum Klarkommen fiktionalisiere ich manchmal bewusst das Reale und habe mir hier vorgestellt, dass die Person mit dem Löwenkoffer Angela Merkel ist, die mit BFF – beide sind neu bei den Omas gegen Rechts – zum 1. Mai nach Berlin fährt, um Krawall zu machen. </p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/e92bf2cd-7342-455c-b086-22ed03b0b6ed/uploads/images/pbzwpsb53q/20250429_150551.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Zwei Personen mit Rollkoffer, auf einem ist ein Löwe zu sehen"/><hr aria-hidden="true"/><p>Eine Bitte. Macht Lobbyarbeit für linke Kulturprojekte. Wenn ihr Journalist*innen oder Blogger*innen oder anderswo von Influence seid, kündigt an, berichtet. (Beugt euch nicht vor dem, was kommen könnte, sonst kommt es gewiss.) Wenn ihr Newsletter schreibt, nehmt einen Hinweis mit rein. Es sind schon so viele gute Verlage, Messen, Kulturorte, Festivals, Initiativen verschwunden, und die drastischen Förderungskürzungen werden absolut verheerende Folgen haben. Helft bitte mit, dass gute Kultur wieder gute Pressespiegel bekommt, denn das ist ein gewisser politischer Schutz, um auch in knallrechten Zeiten nicht als irrelevant und förderungsunwürdig eingestuft zu werden. Konkret bitte ich euch, auf die <a href="https://kampnagel.de/reihen/die-performative-buchmesse-2025">Performative Buchmesse Hamburg</a> vom 14. bis 18. Mai hinzuweisen. Sie führt vor, wie ein solidarischer Literaturbetrieb aussehen und welch großartige Literatur er hervorbringen könnte.  – Ihr habt so viele Jahre unbezahlt in sozialen Medien für die Milliardäre gearbeitet. Tut jetzt das Gleiche für ästhetisch und ethisch gute Kultur. Ist supergut für euren digitalen Fußabdruck. Dankeschön. </p><p>Ciao miao,<br/>FrauFrohmann    </p><hr aria-hidden="true"/><h2></h2>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Thu, 01 May 2025 23:46:46 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 121]]></title>
      <description><![CDATA[Keine Folge für Teaser]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/d63d432e-d372-4d08-9f61-10721a172c1f/uploads/images/qfxnoq5omr/1000019070.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Von der Sonne golden angestrahlte Metallstange vor Meer"/><h2>Etwas Altes: Sterben</h2><p>Am letzten Buchmessetag erreichte mich morgens im Bett ein Anruf meines Mannes, er war sehr aufgelöst, Laser, unser Kater liege im Sterben. Ich solle bitte gleich zurückkommen, schnell. Ich hatte am Abend zuvor erstmals eine Stelle aus <a href="https://mikrotext.de/book/christiane-frohmann-vier-wochen-novelle/"><em>Vier Wochen</em></a><em> </em>gelesen, in der es maßgeblich um die existenzielle Bedeutung der Katze für die Familie geht und darum, wie unvorstellbar deren Tod wäre. <em>Vier Wochen</em> spielt in der jüngeren Vergangenheit. In der realen Gegenwart ist Lasers Tod schon eine Weile lang nicht mehr unvorstellbar, unser Kätzchen ist müde geworden. In der Passage im Buch geht es auch darum, dass Natti, die Figur der Mutter, sich für nicht klassisch abergläubisch hält: Ich, die Autorin dieser Figur, habe natürlich trotzdem für eine Millisekunde gedacht, dass ich mit dem Text Lasers Tod heraufbeschworen hätte. Vielleicht bin ich mikro- oder sekundenabergläubisch …</p><p>Ich wusste, dass ich kaum Zeit mit einem früheren Zug gewinnen, aber ohne reservierten Sitzplatz unvergleichlich fertiger in Berlin ankommen würde, also blieb ich noch einen Moment liegen und fing an, mich über das Sterben von Katzen schlau zu machen. Dabei weinte ich bitterlich: Laser ist eine der großen Lieben meines Lebens.</p><p>Vier Stunden später ließ ich zuhause in der Garderobe Mantel und Koffer fallen und ging schluchzend zur Couch, wo mein Kätzchen in einer eigenartigen Hasenhaltung lag, mit vornüber ins Kissen gegrabenem Kopf. Mein jüngerer Sohn lag neben Laser und streichelte ihn. Die Kinder waren gleich nachts vom Raven heimgekommen, um ihrem Vater beizustehen.</p><p>Ich rückte nach, legte meinen Kopf an Lasers Kopf und fühlte mich sofort schuldig, weil ich ihn ganz nass heulte. Ok, eigene Befindlichkeit runterregeln und für das leidende Wesen da sein. Irgendwann rutschte Laser von der Couch runter und kroch erst unter die Heizung, dann hinter die Couch.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/d63d432e-d372-4d08-9f61-10721a172c1f/uploads/images/eozvsaoeei/1000020213.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Katze Laser unter der Heizung"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/d63d432e-d372-4d08-9f61-10721a172c1f/uploads/images/dalwbe5twi/1000020210.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Katze Laser hinter der Couch"/><p>Ab und zu miaute er herzzerreißend, dann redete ich mit ihm. Ansonsten ließ ich ihn in Ruhe, er hatte sich ja nicht grundlos zurückgezogen. Am Abend verschwand er im Keller und dort unter einem Schrank. Alles wie im Bilderbuch des Katzensterbens. Vier Tage blieb er verkrochen, fraß nicht, trank nicht. Wenn er miaute, sprachen wir beruhigend auf ihn ein.</p><p>Am fünften Tag erschien Laser morgens laut schnurrend in der Küche, ließ sich ein reichhaltiges Frühstück servieren und legte sich danach auf der Terrasse in die Sonne. Es war ein bisschen wie ein Wunder, aber ich ahnte schon, dass es keines ist. Seither haben wir ein Zombiekätzchen bei uns, das jeden Tag andere Sachen kann und nicht kann und will und nicht will. Gleichbleibend ist nur: Laser möchte nichts mehr mit uns zutun haben, er hat sein Rudel verlassen, das Zombiekätzchen ist ein anderer, ist Lasarus. Wir nehmen es hin und freuen uns darüber, dass der kleine Boy, wer auch immer jetzt da drinnen haust, noch Lebensmomente genießen kann: die Sonne auf dem Pelz, einen guten Schluck Katzenmilch. Wie mein Mann sagte: »Ich bin schon froh, dass ich ihn noch ein bisschen länger ansehen darf.«</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Neues: ein vollendetes Katzenleben</h2><p>Was mir in den letzten Tagen auch noch auffiel: Laser ist die erste Katze in meinem Leben, die alt werden durfte aka nicht von einem Scheißauto gekillt wurde. Die Deutschen sind soooo tierlieb, aber fahren dann massenhaft ihre Haustiere tot?</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Geborgtes: ein Zitat</h2><blockquote><p>Anger isn’t action and misery isn’t solidarity. – <em>Beth Pickens</em></p></blockquote><p></p><h2>Etwas Unheimliches</h2><p>Noch mehr Unheimliches als mein Zombiekätzchen schaffe ich gerade nicht.</p><hr aria-hidden="true"/><p>Ich bin nach der Messe auch noch richtig schlimm krank geworden, so dass ich mit hohem Fieber und unkenntlicher Stimme auf Laser eingeflüstert habe. Kleinste Tragödien laufen neben mittelgroßen Tragödien und neben großen Welttragödien ab. Jede hat ihr Recht und braucht ihre Zeit und ihren Raum. –Gerade könnte ich über so vieles Theoretisches schreiben, ich beobachte so viel, aber das Leben lässt mich nicht. Ihr kennt das.</p><hr aria-hidden="true"/><p>Maus sieht sich. Seid lieb, nur nicht zu Nazis.</p><p>XOXO,<br/>FrauFrohmann</p><p></p><p>PS: Natürlich war mein Mann mit Laser gleich zu Beginn der Krise beim Tierarzt, ihr müsst euch nicht sorgen, dass das arme Tier in die Hände von rechten Schwurblern gefallen ist.</p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Sun, 06 Apr 2025 18:31:53 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 120]]></title>
      <description><![CDATA[Räume zurückgewinnen: Bücher lesen, Katzen kennenlernen, Kopf neu befüllen, Instagram träumen ]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/1ca073da-4f2e-489c-b687-9578945c3298/uploads/images/qwtnmwdxtf/Laser_lila.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Katze macht Facepalm"/><h2>Vorweg</h2><p>Vor einigen Wochen ging ich in Berlin abends im Dunkeln vom Bus nach Hause und blickte in den Himmel. Etwas blinkerte, bewegte sich unsternmäßig und ich dachte zuerst »Satellit« und dann dachte ich »sehr, sehr viele Satelliten« und dann dachte ich SEINEN NAMEN, dachte an DEN REICHSTEN MENSCHEN DER WELT, dachte an den SUPERSCHURKIGSTEN KECK, dachte an IHN, an den zur Zeit gefühlt alle Menschen 24/7 denken, außer sie tun aktiv etwas dagegen, wie etwa, täglich nur zehn Minuten in sozialen Medien rumzuhängen und nach dem Ansehen oder Lesen von Nachrichten mindestens hundert Mal mit dem Kopf gegen die Wand zu schlagen, bis sie nichts mehr fühlen.</p><p>Und dann dachte ich: Jetzt reicht es mir aber. Ich sehe in den nächtlichen Sternenhimmel, der seit einer Milliarde Jahren existiert und muss an einen unangenehmen Knilch denken, der jünger ist als ich? Mit dem Sternenhimmel, bekannt aus Wissenschaft, Kunst und Dichtung, assoziiere ich diese schlimme Nervensäge, die systematisch einen Raum nach dem anderen besetzt, bis sich endlich auch noch Menschen mit ihm beschäftigen müssen, die ihn schon von Anfang an so richtig scheiße fanden. (Ich.) Nein!</p><p>Dann habe ich angefangen, darüber nachzudenken, wie maus sich den einen oder anderen Raum zurückholen kann.</p><p>ER mag keine Hashtags, findet sie hässlich Ich finde ihn hässlich und benutze bis auf weiteres beim Newsletter-Abschiedgsruß die Raute anstelle von X.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Altes: Bücher lesen</h2><p>Obwohl ich ein großer Fan digitalen Lesens bin, greife ich aktuell sehr gern zu gedruckten Büchern, genauer gesagt, zu Büchern, die schon in der Welt waren, als ER noch nicht seine gierigen Flossen überall drin hatte. Bücher aus einer Zeit, in der ich noch nichts über Oligarchen und Brokultur wusste, damals, als ich zudringliche Typen, die partout meine Aufmerksamkeit erzwingen wollten, noch auf Party stehenlassen konnte, ohne dass sie mir dann mit ihren Dreckssatelliten aus dem All zublinkern konnten.</p><p>Gerade lese ich in einem Buch von 2002 herum, das sich mit der Geschichte der Insel beschäftigt, auf der ich gerade bin. Das Buch ist auf Italienisch und ich verstehe nicht alles, aber es ist ein wunderbares Gefühl, ganz allein mit dem Buch zu sein – ein Buch ist auch ein Universum –, heißt, in keinem Wirkungszusammenhang mit ihm zu stehen, in dem mein Lesen, meine Aufmerksamkeit, meine Reaktion womöglich schon wieder an etwas mitwirken könnte, was alles noch übler macht. Mein Kopf ist auch ein Universum. Jetzt ist bereits wieder ein Buch mehr darin, in dem ER nicht vorkommt.</p><p>Während ich in meinem etwas schnarchigen Buch herumlese, freue ich mich gleichzeitig, im Leben noch keine Sekunde lang ChatGPT gratis trainiert zu haben. Dies wird sicher einige hier Mitlesende überraschen, weil ich ja grundsätzlich dafür plädiere, neue Plattformen und Technologien spielerisch auszuloten und auch Bücher verlegt habe, die darauf basieren, dass andere Menschen ChatGPT gratis trainierten. Aber die Zeiten haben sich geändert. Im Tec-Bro-Faschismus mache ich bei gar nichts mit, das existierenden oder kommenden Milliardären gehört. Ups, die Firma, mit deren Tools ich gespielt habe, gehört ja jetzt IHM. Oh, doch nicht. … Oh, jetzt doch.</p><p>– Zwischenzeitlich ist mir auch meine Vinted-Begeisterung vergällt worden, weil neben schicken Sachen zu drei Euro immer wieder eine Werbung für eine Donald-Trump-Gedenkmünze aufpoppte. –</p><p>Ich glaube, es ist mittlerweile lebensgefährlich, das bisschen Kraft, das maus noch hat, nicht in Bemühungen zu stecken, um die globale Broligarchie und die mit ihr verbandelten rechtsnationalen Bewegungen zu stoppen. Und es ist auch gar nicht mehr nötig, zu analysieren, dass x.ter rechter Move oder Take total fascho und superböse ist. We got it. Es geht nur darum, es zu stoppen. Schließt euch zusammen, demonstriert, baut politischen Druck auf. Lasst euch nicht vollabern, dass die Linke selbst schuld ist. Seid jetzt gute Linke, wache Linke, solidarische Linke, tätige Linke. Oder klickt und regt euch weiter auf und sagt immer wieder das Gleiche und geht unter.</p><p>Was hast du mittlerweile getan, um den Tec-Putschisten dein Geld, deine Daten, dein Leben zu entziehen? Überleg mal, in welchem Schmutz DU überall noch deine Flossen drin hast, weil du zu bequem bist, es SCHON WIEDER zu ändern. Sorry, ich konnte nichts gegen den Faschismus tun, weil mein Opa nur WhatsApp nutzt, ich Paypal einfach so angenehm finde und doch alle Google benutzen. Und ChatGPT wirklich überraschend gut ist.</p><p>Sei du doch mal überraschend gut. (Oder ich! Ich könnte selbst überraschend gut sein und im Verlagsshop auf Paypal verzichten, obwohl ich dann kaum noch Umsatz haben werde.)</p><p>Vielleicht probieren wir gemeinsam, wenigstens ziemlich gut zu sein. Ich könnte euch etwa bitten, bei Käufen »Überweisung« zu wählen, ihr könntet schon mal Google-Alternativen googeln und keine*r von uns könnte es vergeigen, wählen zu gehen oder die Briefwahl on time zu erledigen. Das wäre doch was.</p><p>Hier, damit könnt ihr anfangen, das ist gut. Unterschreibt das. (Danke an Isabel Cole, die es mir geschickt hat.)</p><a href="https://weact.campact.de/petitions/save-social-soziale-netzwerke-als-demokratische-kraft-retten">https://weact.campact.de/petitions/save-social-soziale-netzwerke-als-demokratische-kraft-retten</a><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Neues: Manifestierter Cat Content</h2><p>Das bisschen Zeit in sozialen Medien, das ich mir zur Zeit nicht gewähre, sondern zumute, widme ich ernsten Themen und teile Inhalte zu Demos und nützliche Wahl-Informationen. Was ich sonst, »früher«, in sozialen Medien schön fand, den Mix aus sachlichen und cuten Inhalten, kann ich gerade nicht leisten und finde es auch nicht angemessen. Ich rate aktuell lieber: Lasst euch bei öffentlicher Kommunikation nicht ablenken von den politischen Kernthemen (soziale Gerechtigkeit, Klimaschutz) und geht zur notwendigen Erholung lieber raus aus sozialen Medien.</p><p>Cat Content hole ich mir jetzt screenfrei auf der Straße. (Wäre ich in Berlin, würde ich die Schmuseschichten mit Laser erhöhen, aber um ihn kümmern sich ja derzeit meine Kinder.) Heute habe ich am Hafen eine wirklich hinreißend überdrehte <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Calico_cat">Calico</a>-Katze kennengelernt und am Berg, wo ich wieder nach der Zornnatter Ausschau hielt, noch eine graue Katze, die wirklich bezaubernd hübsch war. Beide waren viel besser als Kätzchenvideos. Und nur sie und ich hatten etwas davon, kein Mark, kein Meta, kein Masku, kein Maga.</p><p>Omg, ich habe vor zwei Tagen geträumt, dass ich auf Insta (nutze ich nicht mehr) den Trend gesehen habe, beige Hosen und schwarze Oberteile zu kombinieren und danach Tierquäl-Influencer*innen Videos gemacht haben, bei denen Katzen ins Wasser gehalten wurden, damit ihr Fell an der Brust wie ein schwarzes Oberteil aussieht. Gibt es schon Studien zu kaltem Social-Media-Entzug?</p><p>Vielleicht hört ihr in den letzten Wochen durch, dass es mir kräftemäßig ziemlich mau geht, vielen von euch auch, das weiß ich. Mit Burnout oder High Resignation die Welt retten zu sollen, ist ziemlich unmöglich – selbst der Newsletter fällt gerade schwer – , deshalb ist es notwendig, sich fürs brennende Politische auf seine Kernkompetenzen zu konzentrieren und nicht überall mitmachen zu wollen.</p><p>Es ist die Zeit der Do-not-Liste, lieber nur ganz wenig tun: das Richtige.</p><hr aria-hidden="true"/><p></p><h2>Etwas Geborgtes: Ein Zitat von Michela Murgia</h2><blockquote><p>»In diesem rhetorischen Spiel repräsentiert ein weißer Italiener, der eine Frau vergewaltigt, immer nur sich selbst, wohingegen ein schwarzer Migrant automatisch für alle Schwarzen und außerdem alle Migranten steht. Um die Konstruktion des Feindes zu vervollkommnen, ist es nützlich, die Auffassung zu verbreiten, dass das gleiche Verbrechen viel verabscheuungswürdiger ist, wenn es von einem Migranten statt von einem Italiener begangen wird, um damit die Vorstellung zu untermauern, dass der Feind in nichts besser ist als wir, aber schlechter in allem. Und vor allem niemals gleich.«</p></blockquote><p>Das überaus großartige Buch <a href="https://www.wagenbach.de/buecher/titel/1199-faschist-werden.html"><em>Faschist werden. Eine Anleitung</em></a> (im Original 2018 erschienen, auf Deutsch 2019) kennt in Deutschland natürlich kaum jemand, die Autorin, Michela Murgia, kennen auch viel zu wenige Menschen, und natürlich ist sie auch viel zu früh gestorben, weil alles andere wäre ja gerecht.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Unheimliches: nichts</h2><p>Ich finde gerade gar nichts mehr unheimlich, nur unreal, und auch das fühlt sich schon wieder fast normal an, sorry, diese Rubrik muss leider heute ausfallen.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Rubrikloses</h2><p></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/1ca073da-4f2e-489c-b687-9578945c3298/uploads/images/idoygsxogx/1000007273.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Text in der Sprachlern-App: Ich sehe gut mit dem linken Auge."/><hr aria-hidden="true"/><p>Während ich alle ermuntere, WhatsApp nicht mehr zu nutzen, nutze ich WhatsApp, weil meine Mutter es nach Jahren der Weigerung nun doch nutzt und ich uns allen ersparen möchte, ihr zu erklären, warum sie es nun doch nicht tun soll und lieber Threema nutzen sollte, während alle ihre Freundinnen aber WhatsApp … Bis nächste Woche nehme ich es auf mich.</p><p>Heute aber zeige ich euch die unbeabsichtigte Outsider Art, die meine Mutter auf WhatsApp verschickt. In Stufe eins verschickte sie nur private Fotos von mir, ohne es zu merken, an ihre Freundinnen. Jetzt verschickt sie versehentlich versehentlich bearbeitete Fotos von mehreren Personen an diese selbst und an andere. tbc</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/1ca073da-4f2e-489c-b687-9578945c3298/uploads/images/jm5afmmzua/1000007289.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Bekritzeltes Foto von Schlange"/><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/1ca073da-4f2e-489c-b687-9578945c3298/uploads/images/eth2i5jfs6/1000007302.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Bekritzeltes Foto von Katze"/><hr aria-hidden="true"/><p>Es tut mir leid, dass ich gerade so not on point schreibe, das ist auch für mich neu. Aber es ist halt unpraktisch, zu wissen, dass man wüsste, wie ein Ethikrat zu Social-Media-Plattformen, zu KI, zu partizipativer Demokratie aussehen könnte und besetzt sein müsste, aber es keinen wirksamen Rahmen dafür gibt. Und da, wo es so etwas gibt, sitzen Menschen darin, die mir aus guten Gründen nicht eingefallen wären. Usw.</p><p>Wenn es nächste Woche weniger schlimm als gedacht ausgehen wird, schreibe ich euch den kurzweiligsten Newsletter der Welt. Andernfalls denke ich an euch, wenn ich mich embryonal zusammenrolle und schreibe gar nichts.</p><p>Ich möchte nicht in Nazi-Entenhausen leben und im Keller meine Freund*innen vor Alice Weidel und Friedrich Merz verstecken müssen. – Sorry, vielleicht hätte ich heute lieber gar nicht schreiben sollen.</p><p>Danke, dass ihr demonstrieren geht.</p><p>Bleibt Mitmenschen. <br/></p><p>#O#O,<br/>FrauFrohmann</p><hr aria-hidden="true"/><p></p>]]></content:encoded>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/1ca073da-4f2e-489c-b687-9578945c3298/uploads/images/qwtnmwdxtf/Laser_lila.jpeg?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;fm=jpg&amp;crop=faces" medium="image"/>
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      <pubDate>Sun, 16 Feb 2025 20:39:16 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 119]]></title>
      <description><![CDATA[Performative Aufklärung: Komm, lass linkes Lagerfeuer machen, Maus / Die Instagram-Katzenwand / Eerie Ebay / Zornnatternews]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Sagen wir es mal so, ich habe viele Anfänge für diese Folge geschrieben und sogar zwei ganze Versionen und dann immer wieder gedacht: nein. Das hilft alles nichts, nicht inhaltlich, nicht emotional, nicht euch, nicht mir.</p><p>Letzte Woche fühlte ich mich wirklich einen Millimeter vor dem Abgrund. Wäre diese Abstimmung anders ausgegangen, wäre es kein Millimeter mehr gewesen.</p><p>Ich schreibe jetzt mal ein paar Absätze lang so, als würden wir nicht in einer Endzeitgroteske leben oder hätten wenigstens schon einen plausiblen Plan, wie wir gerade noch rechtzeitig wieder rauskommen. Nicht so einen klassischen Plan, der vernünftig, logisch, zwingend ist, sondern so einen, bei dem auch andere Menschen mitmachen, weil sie es fühlen, egal, ob sie es verstehen oder nicht. Das gilt es nämlich gerade hinzunehmen und auszuhalten: Es geht nicht darum, Menschen etwas zu erklären und auch nicht darum, sie zu sehen, sondern, mitreißend auf sie wirken und ihnen <em>das Gefühl</em> zu geben, dass sie gesehen werden. Im gegenwärtigen Idealfall kommt beides zusammen, aber das geschieht nicht so oft.</p><p>Schade, dass die Menschen im Netz, die die Kombination aus professionellem Inhalt und digitaler Performanz draufhaben und längst als ein wirksames Gegengewicht im öffentlichen Raum wirken könnten, in älteren Medien systematisch als Aktivist*in (Nebenklang: Terrorist*in) und Influencer*in (Nebenklang: Amateur*in) kleingeredet worden sind. Schade auch, dass ich offensichtlich selbst so viel ins Nichts erklärt habe, statt seit 2014 systematisch »performative Aufklärung« zu betreiben, also Menschen demokratiestärkende Erfahrungen am eigenen Leib machen zu lassen und sie so positiv zu manipulieren. </p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/18f8fec2-f5e5-45fe-8ba6-ba3b456197b2/uploads/images/binhrdfhvc/fv_pgpost_performative_Aufklarung.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="»Präraffaelitische Girls, was ist eigentlich ›performative Aufklärung‹?« »Performative Aufklärung ist das Versetzen von Menschen in Situationen, in denen sie angstfrei ›am eigenen Leib‹ Erfahrungen mit Phänomenen machen können, die ihnen oder allen Menschen noch oder grundsätzlich rational unbegreiflich sind.«"/><p>– Ist es denn überhaupt Manipulation, wenn man wie ich die Methode offenlegt, das beeinflussende Vorgehen miterzählt?</p><p>Obwohl ich schon vor über zehn Jahren wusste, dass dieses Gefühlsüberzeugen notwendig ist, um sozial Schlimmes zu verhindern, war es mir damals selbst noch ein bisschen unheimlich, weil geführtes Fühlenlassen so eine <em>Mario und der Zauberer-</em>Note hat, aber im Grunde ist das Quatsch, denn ich nutze ja den Gegenzauber, bewege Menschen vom Faschismus weg. </p><p>Ich bereue also, damals nicht mehr auf mich selbst gehört zu haben. Mal sehen, was ich mit diesem Gefühl mache. Jetzt bewege ich euch erst mal mit mir ein bisschen raus aus der Denk- und Zuversichtsblockade, warum, muss ich, glaube ich nicht erklären: Erstarrt zu sein, ist gerade so naheliegend wie gefährlich. Ich muss uns also lockermachen, damit wir total mitreißende Demokratie-Influencer*innen werden können. Ab in einer Minute muss jeder enttäuschte Mensch mit Wahlberechtigung in unserer Nähe sein wollen, so wie wir sein wollen, mit dabei sein wollen, ein Teil der Bewegung sein wollen. Es fühlen. Spürst du schon den Demokratie-Vibe? Channele die rheinische Frohnatur in dir oder irgendetwas Vergleichbares. Aber rede nicht darüber, jedenfalls nicht so inhaltlich, emotiv ist okay – performe!</p><p>Jetzt ist das Gegenteil von Meta gefragt. (In jeder Hinsicht.) Nicht die Stirn runzeln, Maus. Wir denken und reden später wieder. Jetzt holen wir die Gitarre raus und treffen uns mit den Enttäuschten am Lagerfeuer. Du ekelst dich vor den Enttäuschten? Bist du nicht selbst zutiefst enttäuscht? Na, siehst du, hier kann der Gemeinsinn ansetzen.</p><p>Um uns ein bisschen fröhlicher zu stimmen – wichtig, wirkt gleich viel sympathischer am Lagerfeuer – greife ich erst mal zum bewährten Stimmungsaufheller Kätzchencontent.  (Wenn du es »nicht so mit Tieren hast«, kannst du jetzt ein gutes Buch lesen gehen.)</p><hr aria-hidden="true"/><h2><strong>Etwas Neues: Die Katzenwand</strong></h2><p>Vor genau einem Jahr reiste ich mit meinem Mann für einen Monat nach Italien, um den Traum für die nächste Lebensphase einer Realitätsprüfung zu unterziehen: Ist es im Winter auf einer Insel angenehm* oder doch eher <em>The Shining?</em> Können wir hier vergleichbar gut oder sogar besser arbeiten? Vereinsamen wir zu zweit oder ist es gerade schön, wieder mehr miteinander zu teilen?</p><p><em>* Auf besagter Insel geschrieben, unterbrochen von einem Stromausfall und Minuten in völliger Dunkelheit, ab morgen Prepperin.</em></p><p>Bei der Hin- und Rückreise machten wir Zwischenstopps in einer großen Stadt und mieteten dort beide Male ein Airbnb, das ein bisschen teurer war, als wir uns sonst Budget geben. Verführt dazu hatte uns jeweils ein bestimmtes Foto in der Anzeige, das die Unterkunft ästhetisch herausragend wirken ließ, einmal war es eine blaue Wand mit dichtgehängten, ziemlich guten Gemälden, das andere Mal eine asiatisierende Wandmalerei aus dem 19. Jahrhundert. Wir verbuchten das Phänomen als »die Instagramwand« und meinten damit, dass quasi mitbezahlt wird, ein besonders tolles Foto und korrespondierendes inneres Bild machen zu können.</p><p>Mittlerweile haben wir – wie nannten sie das bei Friedrich »unverantwortliche Arschgeige« Merz: er ist ALL IN gegangen – auf Pump eine winzige Wohnung in unserem italienischen Lieblingsort gekauft und richten diese nach einem sehr gechillten strengen Plan ein: nur wirklich notwendige Dinge plus ein ordentlicher Batzen Schönheit, kein Luxus, aber gute Qualität, alles nach und nach, wenn Geld dafür da ist. Aktuell leben wir hier wie ein junges Studipaar im Auslandssemester, nur sind die Matratzen auf dem Boden mittlerweile schon frische, und unser Besteck wurde von Virgil Abloh designt. Um uns die Wohnung leisten zu können, werden wir sie vermutlich immer im Juli und August vermieten (endlich ekelhafte Kapitalistin), dann ist hier die Hölle los und es werden stolze Preise bezahlt.</p><p>Ihr ahnt es schon: Natürlich brauche ich eine Instagramwand. Ich würde sie auch ganz für mich allein brauchen und ich brauche sie auch jetzt noch, wo ich nicht mehr auf Instagram bin. Instagram wird für immer irgendwie in mir sein, Twitter auch, Facebook eher nicht.</p><p>Meine Instagramwand wird aus Katzenbildern bestehen und von der Mitte aus weiter nach außen wachsen. Drei Bilder habe ich schon, zwei hängen bereits, aber das Foto ist nicht wirklich aussagekräftig, weil die Bilder random an alten Nägeln hängen. – Die Renovierung der Wände steht noch aus. </p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/18f8fec2-f5e5-45fe-8ba6-ba3b456197b2/uploads/images/fqdlibboyx/1000006440.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Zwei Katzengemälde an einer Wand"/><p>Katzenkunst aus Vor-Internetzeiten, also vor ihrer Erlösung durch Cuteness und Memekultur, war ja sehr oft Schauplatz der schlimmsten ästhetischen Gräuel. Im Grunde waren früher nur Clownsbilder noch schrecklicher. Bei der Gelegenheit möchte ich klarstellen, dass es absolut verboten ist, <a href="https://www.ebay.com/itm/194827911556">Katzen und Clowns zusammen</a> darzustellen, das geht einfach gar nicht, und lebenslanges Internetverbot ist die einzig angemessene Strafe für so einen Frevel. </p><p>Eine Katzenwand für eine Wohnung, in der alles schön sein soll, ist also keine einfache Aufgabe. Das genaue Konzept lautet: weirde, aber cute Katzenbilder, die irritieren, aber nicht verstören, möglichst nur eine Katze, bevorzugt in Öl, bevorzugt Porträts mit Blickkontakt, die nur ich ganz allein aussuchen darf, weil sonst Weltuntergang. </p><p>Falls ihr Interesse habt, in das zugehörige rabbit hole mitzukommen, folgt mir zu Ebay, dann verrate ich euch den Stand der Dinge. Aber, wehe, ihr kauft mir Bilder weg, auf deren Preisreduzierung ich warte: Alles über hundert Euro ist für mich tabu. Das größere Bild auf dem Foto kostete zuerst 300 Euro, doch ein Jahr später [Engelsgeduld-Emoji] habe ich es für hundert bekommen. Bei lebenden Künstler*innen, die ich besonders liebe, halte ich mich eventuell auch mal nicht an die Regeln. </p><p>Alles aus der Kategorie <em>Viel zu teuer</em> oder <em>Passt nicht ganz</em> ist bei Interesse gern für euch freigegeben. Vielleicht habt ihr ja Geld wie Heu oder ein anderes Instagramkatzenwand-Konzept.  </p><ol><li><p>Kaufe ich möglicherweise: <a href="https://www.ebay.com/itm/176676253983">Schön weggetretener Blick</a></p></li><li><p>Würde ich für 100 Euro kaufen, aber kostet leider mehr:</p><p><a href="https://www.ebay.com/itm/375785937218">mehrere Katzen und Blumen, schon ziemlich am Rand des Konzepts, aber toll weird und cute</a> /// <a href="https://www.ebay.com/itm/334984498500">kurz vor zu intensiv, aber noch dabei</a> /// <a href="https://www.ebay.com/itm/202508293556">Gesicht etwas zu menschlich geraten, aber noch dabei</a> /// <a href="https://www.ebay.com/itm/265935135150">sehr cute</a> /// <a href="https://www.ebay.com/itm/195947518096">bisschen peinlich und bisschen Clown, aber: ja!</a> /// <a href="https://www.ebay.com/itm/166517097600">Bitte bitte reduzieren</a> /// <a href="https://www.ebay.com/itm/126597103772">etwas zu lieblicher Rahmen, aber toll</a> /// <a href="https://www.ebay.com/itm/235912430332">Plus: schön unheimlich</a></p></li><li><p>Viel zu teuer: <a href="https://www.ebay.com/itm/276358781237">ich liebe den Blick und die freche Pose</a> /// <a href="https://www.ebay.com/itm/364046677053">top</a> /// <a href="https://www.ebay.com/itm/276782728400">Ich liebe es</a></p></li><li><p>Passt nicht ganz: <a href="https://www.ebay.com/itm/262394223691">bisschen zu weiß</a> /// <a href="https://www.ebay.com/itm/275733010508">wäre zu dominant in der Konstellation</a> /// <a href="https://www.ebay.com/itm/165988519634">sehr weird</a> /// <a href="https://www.ebay.com/itm/135123357468">wäre der Ball nicht rot …</a> /// <a href="https://www.ebay.com/itm/305271058932">zu elegant und zu teuer</a></p></li><li><p><a href="https://www.ebay.com/itm/276818110431">Alles falsch, aber trotzdem großartig</a></p></li></ol><hr aria-hidden="true"/><h2><strong>Etwas Altes: Bilder von Tieren, Blumensträußen und anderen idyllischen Subjekten</strong></h2><p>Ein bestimmter Ebay-Händler in Italien, den ich mir, weil er ein ganz hübsches Katzengemälde anbietet, näher angesehen habe, hat vor allem Gemälde und Zeichnungen von Pferden, Hunden, Katzen, Vögeln, Blumensträußen und, huch, Hitler im Sortiment. Das erinnert mich zunächst an diese Denkspiele für Kinder: Welches Bild passt nicht dazu? Diese Assoziation greift aber zu kurz. In Wirklichkeiten, gut, nicht meiner Wirklichkeit, aber in der von immer mehr anderen Menschen, passt Hitler sehr gut dazu, weil Menschen sich klassischerweise mit Tier- und Blumenbildern das Interieur ihres Zuhauses als emotionale Idylle gestalten, und wenn du auf nationalistische Kriegskultur stehst, dann wirkt Hitler auf dich vermutlich so beruhigend wie auf mich ein Kätzchen. Interessant auch, dass der Händler, zumindest so mein starker Verdacht, die Bilder alle selbst produziert und dann in alte Rahmen steckt, zu ähnlich ist bei ihnen allen der Strich, der Vibe. Da sitzt also irgendwo in Italien ein Typ und zeichnet oder malt Kätzchen, Blumensträuße, Hitler und ab und zu auch noch einen jungen Napoleon. Diese Vorstellung wird mir ab jetzt ein bisschen dabei helfen, die abstruseste alle bisher erlebten Gegenwarten als real anzuerkennen.  </p><hr aria-hidden="true"/><h2><strong>Etwas Unheimliches: Eerie Ebay</strong></h2><p>Bisschen Grusel gefällig? Dann kommt noch mal mit. </p><p><a href="https://www.ebay.com/itm/384542854094">Hilfe</a></p><p><a href="https://www.ebay.com/itm/315203480467">Hilfe</a></p><hr aria-hidden="true"/><h2>Rubrikloses</h2><p>Erinnert ihr euch an die Zornnatter aus <a href="https://steadyhq.com/de/umsehenlernen/posts/382dcb2b-d069-4a97-af35-0c218b68f45c">Folge 49</a>? Sie kommt auch sehr prominent in meinem Buch <a href="https://mikrotext.de/book/christiane-frohmann-vier-wochen-novelle/">Vier Wochen</a> vor (VÖ: 8.3.2025). Jetzt hat die Realität die Fiktion überholt. Es kam zur Lebendbegegnung. Zum Glück mit zehn Metern Abstand. Es war okay. Nicht schön, aber okay.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/18f8fec2-f5e5-45fe-8ba6-ba3b456197b2/uploads/images/vxlo3r4oyr/1000006427.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Schwarze Schlange auf Felsen"/><p></p><p>Jetzt höre ich einfach unvermittelt auf, die PGExplaining melden sich sehr bald mit ihrem eigenen Newsletter.</p><p></p><p>Ciao miau und immer schön mitreißend bleiben, zumindest bis nach den Wahlen.</p><p>XOXO,<br/>FrauFrohmann</p>]]></content:encoded>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/18f8fec2-f5e5-45fe-8ba6-ba3b456197b2/teaser_image/1738531008?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;fm=jpg&amp;crop=faces" medium="image"/>
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      <pubDate>Sun, 02 Feb 2025 21:09:41 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 118]]></title>
      <description><![CDATA[Wohin am Sonntag: zu uns / Vintedwoche / Erinnerungspat*innen / Unheimliche FDP / PGExplaining / Baby-Putin]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/31b2784b-2ee3-4788-95a5-e9d215945742/uploads/images/yf6bprxpep/Laser_lilajpeg.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Katze"/><h2>Vorweg</h2><p>Hier bin ich wieder, ich war kurz weg, habe drei Monate lang 60-Stunden-Woche gegönnt, damit nicht alles in Stücke geht – es hat, glaube ich, funktioniert. Wer also dachte: Die sitzt frech in Italien und verjuxt unser schönes Abogeld, nein. Die hat bleich in Berlin gesessen und so viel gearbeitet, dass sie sich sogar selbst ghosten musste.</p><p>Wenn ihr auch bleich in Berlin seid, kommt bitte morgen, am Sonntag, ab 14 Uhr zum <a href="https://eeclectic.de/">XMASBOOKMARKET</a>, ich vertrete am Stand Frohmann (obviously) und mikrotext mit, weil Nikola Richter nicht dabei sein kann. Dieser kleine Indoor-Weihnachtsmarkt in den Räumen der Kolleginnen von EECLECTIC ist sehr bezaubernd, ich mache immer wieder mit, obwohl ich da wenig verkaufe, es ist einfach sehr nett. Morgen lese ich in diesem Rahmen um 16:30 ganz kurz aus <em>Präraffaelitische Girls erklären Demokratie.</em></p><p>Das Buch <a href="https://frohmannverlag.de/collections/pgexplaining-buecher/products/demokratiebuch"><em>Präraffaelitische Girls erklären Demokratie</em></a><em> </em>ist immer noch nicht erschienen, wer die Vorbestellung stornieren möchte, kann es jederzeit tun, Verschickung vor Weihnachten klappt nun leider ganz sicher nicht mehr, nur das dazugegebene PDF wird schon downloadbar sein. Aaaaaber es gibt noch rechtzeitig für Weihnachten den versprochenen Zusatz, das Geschenk, das schicke ich auf Mailzuruf auch gern an eine andere Adresse als die beim Kauf angegebene. Dieses Geschenk wird auch ein neuer Kauf-Artikel im Shop – es ist ziemlich toll, finden die Gestalterin und ich –, aber nur die geduldigen Demokratiebuch-Vorbestellmäuse bekommen es signiert.</p><p>Wer noch offenes Steady-Unterstützungs-Aboguthaben hat (PGExplaining-Tassen oder Kleine-Formen-Bände,– gilt natürlich auch noch, wenn Abo gekündigt wurde), bekommt von mir ein Budget wahlweise für Bestellungen bei <a href="https://pgexplaining.3dsupply.de/de">Supergeek</a> oder im <a href="https://frohmannverlag.de/">Verlagsshop</a>. Heißt, ihr könnt euch einfach Sachen im entsprechenden Wert bestellen, dann ist das auch endlich mal aus der Welt. Dazu schreibe ich am Mittwoch mal eine Mail an die, die es betrifft. Wer noch weiß, wie viele Tassen oder Bücher offen sind, kann sich aber auch vorher melden und schon shoppen.</p><p>An dieser Stelle einmal mehr inniger Dank an alle, die mich mit kleinen, manchmal auch großen Abozahlungen unterstützen, für eine Weile oder manchmal auch schon von Anfang an. Wichtig: Kündigen ist immer okay, ich kann es mir selbst auch nicht leisten, alle, die ich gern lese, durchgehend zu unterstützen. Bitte jetzt aber nicht alle kündigen!</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Altes: Vinted-Woche</h2><p>Vor ein paar Wochen habe ich meinem Sohn dabei zugesehen, wie er Sachen bei Vinted verkauft hat und war fasziniert darüber, dass es so wenig umständlich war und die Preise so niedrig. Kein Tamtam, man wird Zeug los, andere freuen sich. Neulich war ich abends sehr erschöpft, viel zu platt, um rauszugehen und Freund*innen zu treffen, also habe ich mir 300 EUR Budget gegeben, mein ganzes Quartalsgeld für Klamotten, und bei Vinted in zwei Stunden 19 Objekte gekauft. So viel Adrenalin habe ich das letzte Mal auf italienischen Immobilienplattformen ausgeschüttet und früher häufiger auf Twitter. Fünf von fünf Sternen dafür. Schnell fand ich heraus, dass die größten Knaller bei Marken warten, die ein bisschen in Vergessenheit geraten sind, da zahlt sich das mehr und mehr fortschreitende Lebensalter doch mal aus.</p><p>Ich habe z. B. flaschengrüne 70er-Jahre-Stiefel von Diane von Furstenberg, ungetragen, für 30 Euro gekauft. Sie sind sehr hoch, vermutlich werde ich sie nie tragen, egal. Den größten Teil meines Kleiderschranks sehe ich eh an wie eine Kunstausstellung, während ich abwechselnd in die immer gleichen drei Kleider schlüpfe.</p><p>Einer meiner Vinted-Käufe hat das Zeug zu einer unheimlichen Geschichte, vermutlich wird es noch eine. Ein langes weißes Pucci-Kleid aus Satin, starker viktorianischer Vibe, es ist ein absolutes PGExplaining-Kleid, so etwas trage ich eigentlich nicht, aber nun vielleicht doch mal, meine Künstlerinnen-Persona hat ja andere Bedürfnisse. Als ich das Päckchen öffnete, roch es ungefähr so, als würde man in einer Poe-Geschichte die Gruft öffnen. <em>Die geruchsempfindliche Autorin fällt in Ohnmacht</em>. Der Geruch war grauenhaft. Febreze plus Leiche? Als ich es schüttelte, fiel eine tote Kakerlake raus. Eine große. Aktuell hängt das Kleid nach einer Woche im Eisfach, einer OXI- und einer Essigwäsche draußen. Ganz hinten im Garten, hinter dem Schuppen, damit ich nicht von Familienmitgliedern verarscht werde. Stay tuned.</p><p>Wenn Vinted-Verkäufer*innen nach fünf Tagen nicht verschickt haben, wird der Kauf automatisch gecancelt. Das fand ich schrecklich. Bestickte Miu-Miu-Stiefel, ich werde euch nie vergessen.</p><p>Ich könnte für immer Newsletter über meine Vinted-Käufe schreiben, aber ich glaube, das würde nicht alle von euch erfreuen, also soll es hiermit erstmal gutsein.</p><p>(Nur alte Klamotten tragen, ist auch langweilig. Habt ihr schon ein <a href="https://mausmode.3dsupply.de/de/motive/niemaus-dreifarbig/67">Mausmode-Shirt</a>?)</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Neues: Erinnerungspat*in werden</h2><p>Ihr wisst es inzwischen. Marginalisierte Personen, die Interessantes geleistet haben, sind in der Wikipedia, in Zitaten-Dankenbanken und bei Biografien weniger gut vertreten als weiße cis Männer mit Geerbtem-Geld-Hintergrund. Deshalb rufe ich dazu auf, sich eine dieser marginalisierten Personen auszusuchen und fortan mit dafür zu sorgen, dass deren Verdienste wahrgenommen, anerkannt und nicht mehr vergessen werden. Wenig Zeit: tippe ein Zitat in eine Datenbank ein, viel Zeit: verfasse einen Wikipedia-Artikel, genug Zeit: schreibe eine Biografie.</p><p>Es ist auch möglich, weniger systematisch zu arbeiten. Wann immer es passt, gute Zitate von unterschiedlichen Personen eintippen und verschiedene Wikipedia-Artikel verfassen.</p><p>Ihr könnt das Mischungsverhältnis dessen, was relevante Kultur ist ändern. Tut es bitte.</p><p>Ich habe heute eine positive Form meines empirischen Aberglaubens erlebt. Während ich gerade überlegte, euch im Newsletter für die Idee der Erinnerungspat*innenschaft zu begeistern, bekam ich ein konkretes Angebot, genau so eine Erinnerungsarbeit zu tun. Und es war ein so unglaubliches Angebot, dass ich, wenn es tatsächlich etwas wird, das nur als Belohnung für meine ethisch gute Idee ansehen kann. Drückt mal Daumen, ich glaube, ihr würdet auch mögen, was dann entstünde.</p><p>Bereits entstanden, sehr klug geschrieben von Sabria David und wunderschön gestaltet von Ursula Steinhoff ist <a href="https://frohmannverlag.de/products/zeichen-und-wunder?variant=50139037794568">Zeichen und Wunder</a>, der neue Frohmann-Verlagstitel.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/31b2784b-2ee3-4788-95a5-e9d215945742/uploads/images/gc77ss7pt4/Cover_Sabria_David_Zeichen_und_Wunder_RGB.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Grafisches Buchcover"/><p>Morgen um 19:30 Uhr ist ist Premiere in der Lettrétage, Berlin. Ich empfehle euch das Buch aus den gleichen Gründen, aus denen ich es verlegt habe: Es gibt Hoffnung, stimmt Menschen zuversichtlich. Außerdem mag ich, dass man es auch seinen Eltern schenken kann, ja, diesen Eltern, die immer Stress mit ihrem Smartphone haben. Es wird deutlich, dass es ihnen und uns mit der ganzen digitalen Technik so großartig anders gar nicht geht. – Kommt vorbei, lasst euch ein Buch signieren und überlegt mit uns, wo einem Zeichen und Wunder in der digitalisierten Welt begegnen. Tickets für 5 EUR bzw. 3 EUR ermäßigt gibt es <a href="https://literatur-berlin.tickettoaster.de/produkte/3593-tickets-buchpremiere-zeichen-und-wunder-poetische-gesellschaftsanalysen-von-sabria-david-lettretage-in-der-veteranenstr-berlin-am-15-12-2024">hier</a>. Wer gerade kein Geld hat, gern wegen Gästeliste melden.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Geborgtes: Ein Zitat</h2><blockquote><p>»Mit dem Aushalten der Irritation beginnt die Veränderung.« – Sabria David</p></blockquote><p></p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Unheimliches: Finanz-Dudes-Partei</h2><p>Ich finde die FDP unheimlich, ihre sachliche Randexistenz bei gleichzeitig erfolgreich behaupteter Wichtigkeit, ihre nur durch Performanz hergestellte Bedeutung. These: Die FDP ist das Unheimliche der repräsentativen Demokratie in Deutschland.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Rubrikloses</h2><p>Heute habe ich in meinen Haushalt geschwapptes Springer-Merch (wirklich gute Qualität, Geld haben sie ja) mit einem in vier Teile geschnittenen Keine-Macht-für-niemaus-Sticker umgestaltet und mir dafür selbst den Jeanne-d&#39;Arc-Preis verliehen.</p><hr aria-hidden="true"/><p>Dienstag war ich sehr froh, bei der Abschlussveranstaltung von <a href="https://www.goethe.de/prj/vor/de/index.html">Vorzeichen</a><em> </em>sprechen zu dürfen – der Vortragstext wird irgendwann später noch veröffentlicht –, noch mehr aber darüber, diese unglaublich tollen Autor*innen kennenzulernen, die Maha El Hissy im Auftrag des Goethe-Instituts zusammengebracht hat. <a href="https://taz.de/Berliner-Kultur-von-Kuerzungen-bedroht/!6054078/">Dirk Knipphals hat darüber in der taz geschrieben</a>.</p><hr aria-hidden="true"/><p>Es ist ziemlich aufregend, Verlegen mal aus Autorinnenperspektive zu erleben, mein Buch <em>Vier Wochen</em> erscheint zwar erst im Frühjahr bei mikrotext, ist aber schon <a href="https://mikrotext.de/book/christiane-frohmann-vier-wochen-novelle/">bestellbar</a>. Es gibt bereits vage Pläne für eine Premiere mit Italo Disco und Techno.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/31b2784b-2ee3-4788-95a5-e9d215945742/uploads/images/n5s5bg5oaa/4W_Christiane_Frohmann_Vier_Wochen_Cover.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Buchcover mit Hafenbild"/><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/31b2784b-2ee3-4788-95a5-e9d215945742/uploads/images/enmsr5rljq/ul_praline.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Praline mit Text &quot;streng limitierte Praline&quot;"/><h6>Warum sollte ich eine limitierte Praline wollen? Damit ich mitschmecke, dass andere sie nicht haben dürfen? Eher ein Grund zum Ausspucken.</h6><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/31b2784b-2ee3-4788-95a5-e9d215945742/uploads/images/tqalvweov2/ul_baby.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Raucheraufklärung mit Kleinkind, das Zigarette hält und aussieht wie Putin."/><h6>Die Angst, einen Baby-Putin zu bekommen, überzeugt mich als Abschreckung.</h6><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/31b2784b-2ee3-4788-95a5-e9d215945742/uploads/images/l26nbljqun/uk_baby.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Baby sortiert Äpfel."/><h6>Nach den Streberkatzen, die selbst das Klo abspülen und die Haustür aufmachen, stressen auf Insta jetzt die (Eltern der) Babys, die mit 0 bereits den Haushalt schmeißen. Verpisst euch, Optimiermenschen, hört auf, anderen das Gefühl zu geben, alles falsch zu machen.</h6><hr aria-hidden="true"/><h2>Präraffaelitische Girls erklären</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/31b2784b-2ee3-4788-95a5-e9d215945742/uploads/images/ptd4dr4igo/fv_pg_post_necktsich.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Paar, die eine Person blickt zu Boden, die andere grinst. Hinzugefügter Text: Was sich liebt, das neckt sich oder: Hör doch mal auf, mir mit Dad Jokes und Pranks auf den Sack zu gehen, wenn du doch seit Tag 1 ganz genau weisst, dass es mich nervt."/><hr aria-hidden="true"/><p>2025 werde ich wenig verlegen, viel über zukünftiges Verlegen nachdenken und viel schreiben, vor allem viel Newsletter. Darauf freue ich mich schon. Aber das war es noch nicht für 2024.</p><p>Maus sieht sich. Seid lieb, nur nicht zu Nazis.</p><p>XOXO,<br/>FrauFrohmann</p><hr aria-hidden="true"/><p></p><p></p>]]></content:encoded>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/31b2784b-2ee3-4788-95a5-e9d215945742/uploads/images/yf6bprxpep/Laser_lilajpeg.jpeg?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;fm=jpg&amp;crop=faces" medium="image"/>
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      <pubDate>Sat, 14 Dec 2024 22:47:37 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[[116] Sonderfolge]]></title>
      <description><![CDATA[Kulturphilosophische KI- Gesetze / Menschen-des-Wortes-Gesetze / Nulltes Literaturbetriebs-Gesetz / KI-Imperativ für Menschen des Wortes ]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/d22a6428-779d-40e4-ab60-66491f64c3e7/uploads/images/fng3xsf5bf/KI-FrauFrohmann.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="KI-Bild, das düste Szenerie mit schemenhafter Figur zeigt"/><h5><strong>Christiane Frohmann</strong></h5><h2><strong>Der Literatur keinen Schaden zufügen. Kulturphilosophische KI-Gesetze</strong></h2><h5><strong>(am 11.07.2024 als Vortrag gehalten bei PoetikKI im Literaturforum im Brecht-Haus)</strong></h5><p></p><p>Literatur und KI kann Vieles bedeuten, etwa:</p><ul><li><p>Fiktion, in der KI vorkommt</p></li><li><p>von Menschen mit transparenter KI-Unterstützung produzierte Literatur</p></li><li><p>von Menschen mit nicht transparenter KI-Unterstützung produzierte Literatur</p></li><li><p>transparent von KI im Auftrag von Menschen erstellte Literatur</p></li><li><p>nicht transparent von KI im Auftrag von Menschen erstellte Literatur</p></li><li><p>mit Literatur von Menschen mit deren Einverständnis trainierte KI</p></li><li><p>mit Literatur von Menschen ohne deren Einverständnis trainierte KI</p></li></ul><p>In den genannten Varianten – bestimmt gibt es noch weitere oder es wird sie irgendwann geben – geht es immer auch um die Frage, was Literatur und Gerechtigkeit im Verhältnis von Menschen und Menschen, Menschen und Unternehmen, Politik und Unternehmen, Politik und Menschen, Menschen und Maschinen, Menschheit und Technologie aktuell bedeuten, »bedeuten« im Mehrfachsinn von:</p><ol><li><p>Was verstehen Urteilsgruppen darunter?</p></li><li><p>Was ist es ihnen kulturell wert?</p></li><li><p>Was ist es ihnen ökonomisch wert?</p></li></ol><p>Isaac Asimov hat in der Kurzgeschichte »Runaround« 1942 drei Robotergesetze formuliert und sie in den 1980ern in den Romanen <em>The Robots of Dawn</em> und <em>Robots and Empire</em> noch um ein nulltes, übergeordnetes oder a priorisches Gesetz erweitert. Sie lauten:</p><p>0. Ein Roboter darf die Menschheit nicht verletzen oder durch Passivität zulassen, dass die Menschheit zu Schaden kommt.</p><p>1. Ein Roboter darf keinen Menschen verletzen oder durch Untätigkeit zu Schaden kommen lassen, außer er verstieße damit gegen das nullte Gesetz.</p><p>2. Ein Roboter muss den Befehlen der Menschen gehorchen – es sei denn, solche Befehle stehen im Widerspruch zum nullten oder ersten Gesetz.</p><p>3. Ein Roboter muss seine eigene Existenz schützen, solange sein Handeln nicht dem nullten, ersten oder zweiten Gesetz widerspricht.</p><p>Obwohl die Bezeichnung »Robotergesetze« so klingt, als müssten sich Roboter daran halten, formulieren sie tatsächlich ethische Richtlinien für Menschen, die Roboter entwickeln und programmieren. Die Robotergesetze haben, obwohl sie literarische Fiktion, »nur« Literatur sind, großen Einfluss auf die allgemeine Wahrnehmung technologischer Entwicklungen gehabt, ohne sich jedoch in aktuellen Maschinenrichtlinien und Robotik-Sicherheitsvorkehrungen niederzuschlagen.</p><p>Das ist auch besser so, denn das nullte Robotergesetz hat Potenzial zum Genozid in sich. – Was wäre etwa, wenn Donald Trump wieder US-Präsident werden und ein Gesetz erlassen würde, dass Robotern und KI auf nationalem Territorium zu befehlen sei, arme Menschen, die illegal aus dem Süden ins Land kommen, als Bedrohung für die Menschheit einzuordnen.</p><p>In »Runaround« wird bereits vorgeführt, warum Roboter für Menschen gefährlich werden: Nicht weil sie ein Roboterböses in sich tragen, sondern weil Menschen zu menschlich sind, um Robotern konsequent sachliche Befehle zu geben. Menschen neigen zum Erzählen, Auslassen, Voraussetzen. Konkret äußert sich das grundsätzliche Problem von Menschen und Robotern in der Geschichte so: Speedy, ein leistungsstarker Roboter, erleidet nach einer technisch zu vagen Anweisung, in deren Folge sich einzelne Robotergesetze gegenseitig logisch aufheben, eine Art Kreislaufkollaps und agiert danach wie betrunken.</p><p>Vermutlich erwarten Sie, erwartet ihr jetzt den naheliegenden Übergang vom ausflippenden Roboter zur entfesselten KI, aber er kommt nicht, denn interessanterweise ist mir »Runaround« bei der Vorbereitung des Vortrags zwar wegen der Robotergesetze eingefallen, die sich vielleicht auf KI übertragen lassen würden – KI kann ja als Teil von Robotik und Robotik als Teil von KI gedacht werden –, aber der desorientierte Roboter erinnert mich nicht an KI, sondern an den klassischen deutschen Literaturbetrieb in seinem Verhältnis zu neuen Technologien und mit diesen entstehenden Kulturen.</p><p>Mit »klassischer Literaturbetrieb« meine ich den, der um das Schreiben, Lektorieren, Korrigieren, Übersetzen, Verlegen, Kritisieren, Vermitteln und Verkaufen von Büchern kreist. Wenn eher wirtschaftlich auf ihn geblickt wird, heißt er »die Buchbranche«. <em>(Ich öffne bewusst nicht hin zu »deutschsprachigem Literaturbetrieb«, weil ich den österreichischen und schweizerischen nicht gut genug kenne.)</em></p><p>Wie Speedy, dessen Bestimmung es ist, Aufgaben schnell und präzise abzuarbeiten, überfordert von typisch menschlicher Kommunikation, crasht und im Kreis zu rennen beginnt, geraten auch viele Menschen des Wortes, die doch besonders vernünftig und reflektiert sein sollten, regelmäßig aus der Fassung, wenn es um technologische Innovationen geht, die die Arbeit am Wort, sei es Literatur oder Journalismus, betreffen. Die Maschine bei Asimov wird unprofessionell, wenn sie zu viel Mensch abbekommt, der Mensch meiner Beobachtung nach, wenn er Angst hat, die Maschine nicht zu verstehen. So kommt es, dass absurderweise Medienmenschen, denn das sind Personen aus dem Literaturbetrieb, auch wenn die dem Buch in Deutschland traditionell zugeschriebene erhabene Sonderrolle das in der Fremd- und Selbstwahrnehmung kaschiert, auffällig oft und stark unter einer Medienangst leiden, die Züge des Unheimlichen trägt.</p><p>Es sind die Themen auf den Buchmessen-Bühnen, die verraten, was aktuell Buchmenschen das Fürchten lehrt, zu meiner Zeit waren das unter anderem schon: Internet, Blogs, E-Books, Self-Publishing, Apps und Social Media. Jetzt ist es KI. Über KI und in den Jahren davor über die anderen genannten Themen sprechen dann öffentlich mehrheitlich Menschen miteinander, die Medienangst und Ahnung von Literatur haben, aber wenig oder keine Ahnung vom vermeintlichen Endgegner. Das gilt auch für kuratierende Personen, denn sonst würde sie andere Leute einladen. Problematisch ist diese Ausgangslage, weil sie zu wenig neuer Erkenntnis führen kann, ohne dass dies selbst wieder von den meisten Beteiligten erkannt werden könnte. Dafür sorgt der Umstand, dass als Ausnahme von der Regel immer genau eine Technik- bzw. Digitalkultur-und-Literatur-Check-Person eingeladen wird – sehr oft ist das Kathrin Passig, die wirklich sehr klug über diese Themen sprechen kann. Warum allerdings nicht mehrere oder gar nur Technik- bzw. Digitalkultur-und-Literatur-Check- Personen eingeladen werden, die im Dialog womöglich sogar Problemlösungen erarbeiten könnten, bleibt rätselhaft. Solche »Digital-Vergil*innen« gibt es im Literaturbereich zwar nicht zu Tausenden, aber einige mehr als eine lassen sich ohne weiteres finden, hier bei PoetKI hat es ja auch funktioniert.</p><p>Weil eine einzelne Person mit der nötigen Expertise schlecht mit sich allein diskutieren kann, gerät ihre Präsenz zum bloßen Vorturnen. Der inhaltlich stärkste Teil von Literaturbranchenveranstaltungen wird so sehr oft performativ zum Showprogramm, während zur Hauptsache wird, dass die anderen Sprechenden ihre geteilte Angst wieder und wieder reformulieren und dadurch neu aufladen. Dabei wird in diesen Kontexten Digital-Vergil*innen durchaus Bedeutung zugewiesen, nur leider eine magische, denn auf sie wird wie im Mittelalter auf Heilige geblickt, so als könnte schon die physische Nähe Wunder bewirken: Kathrin Passig, bitte mach, dass KI uns nicht überflüssig werden lässt.</p><p>Während so der klassische Literaturbetrieb immer mehr Züge einer exklusiven Angstgemeinschaft annimmt, existieren parallel mindestens zwei weitere Literaturbetriebe mit kategorial anderem Verhältnis zu neuen Technologien, Medien und Plattformen: Der eine lässt sich als »postdigitaler Literatur-Betrieb« bezeichnen, er ist winzig, aber gewinnt zunehmend an Einfluss und auch klassischer Bedeutung. Zu ihm gehören Personen, die mit einem Bein in der Wissenschaft und dem anderen in der konzeptuellen digitalen Literatur stehen, Letzteres als Autor*in und/oder Verleger*in. Postdigitale Menschen des Wortes betrachten neue Technologien und Medien als Werkzeuge, mit deren Hilfe sie Literatur produzieren, die neben anderem auch immer die Vorstellung und den Begriff von Literatur und Schöpfung neu auslotet. Der postdigitale Literaturbetrieb ist der intellektuellste der drei, konzeptuell ist er denkbar offen, aber aktuell noch wenig vielfältig. Unter seinen Protagonist*innen ist es ein running gag, dass konzeptuelle digitale Literatur, auch KI-Literatur, selten ein page turner ist. Sie unterhält nicht im klassischen Sinn, aber regt intensiv zum Nachdenken an, allerdings wiederum nicht wie ein philosophisches Buch. Es ist das Wie des code- und maschinengestützten Erzählens, das das Lesen durchschüttelt, weil das Gelesene für Menschen aleatorisch mal Sinn ergibt und mal nicht. (Wobei der Zufall etwas reguliert wird, zumindest bei der postdigitalen Literatur, die ich kenne, wird immer etwas menschlich nachbearbeitet.) Anders als bei Asimov ist es bei der konzeptuellen digitalen Literatur die Maschine, die nicht menschlich genug erzählt, um vom Menschen klassisch hermeneutisch zu bearbeitende Literatur hervorzubringen. Das Lesen solcher Texte macht mir oft buchstäblich Gehirnschmerzen. Ich bin sicher, dass sich durch die Lektorate von Algorithmen- und KI-Literatur mein Gehirn umgebildet hat, so wie es für Menschen, die professionell klassische Musik machen oder Taxi fahren bereits erforscht ist. Vermutlich sieht es aus wie die dadaistische Collage eines Gehirns.</p><p>Die im postdigitalen Literaturbetrieb typische Doppelrolle als Theoretiker*in und Praktiker*in kam mir anfangs merkwürdig und fast etwas unseriös vor, auch bei meiner eigenen Arbeit, heute halte ich sie für zwingend, denn all das findet in der »Publishing Sphere« statt, ein Begriff der Literaturwissenschaftlerin Annette Gilbert. Die Grenze zwischen menschlichen Schreibenden und textenden Maschinen ist ja bei weitem nicht die einzige instabil gewordene. Sogar Raum und Zeit flirren in der Publishing Sphere, und durch das Onlinesein hat sich auch verändert, was als real und was als fiktional wahrgenommen wird. Das Digital-Virtuelle hängt dazwischen und wir mit ihm, nicht wie lebende Tote, würde ich sagen, eher wie untote Hyperlebendige.</p><p>Diesen gigantischen Limbus, der sich vor allem mit sozialen Medien entwickelt hat, kann meiner Einschätzung nach keine Person, die nicht bewusst Teil von ihm ist, treffend beschreiben und analysieren, denn dort sickern auch Bedeutung und Performanz ineinander, übernimmt Performanz oft sogar die Rolle von Bedeutung. Unseriös sind meines Erachtens Wissenschaftler*innen, die über soziale Medien oder digitale Phänomene sprechen, wenn sie in diesem Kontext stolz erwähnen, kein Smartphone zu besitzen oder persönlich noch niemals soziale Medien genutzt zu haben. Es ist so, als würde ich sagen: Ich zitiere nicht mehr, weil ich mir alles auch selbst denken könnte.</p><p>Der zweite parallele Literaturbetrieb, ich nenne ihn den Partizipativen Literaturbetrieb, weil es ihn ohne die aus neuen Technologien resultierende beinahe globale Teilhabe an Kommunikation und auch Literatur nicht gäbe, ist riesig. Er umfasst sehr unterschiedliche Stimmen und Literaturen, die auf neuen, noch nicht vom klassischen Betrieb validierten Kanälen erscheinen, in der jüngeren Vergangenheit sind das etwa soziale Medien und Fan-Fiction-Plattformen gewesen. Die neuen Literaturen entstehen oft zunächst ohne eine Selbstwahrnehmung ihrer Protagonist*innen als Literaturschaffende, aber auf mich und andere wirken sie literarisch, und deshalb verlege ich sie nach Kräften – leider wachsen meine Ressourcen immer schlechter nach. Ich verlege neue Literaturen aus der Publishing Sphere bewusst in schön gestalteten Büchern, denn für Literatur außerhalb von Büchern gibt es in Deutschland immer noch keine Aufmerksamkeit. Im Partizipativen Literaturbetrieb gibt es gesellschaftlich repräsentativ viele »andere Stimmen«, wie sie im klassischen Literaturbetrieb heißen, gemeint sind damit etwa migrantische und queere Autor*innen, für die in Publikumsverlagen extra experimentelle Reihen eingerichtet werden. In meiner publizistischen Perspektive sind sie nicht die anderen, sie gehören dazu und weil sie dazugehören nicht nur in Einzelfällen ins Hauptprogramm von Publikumsverlagen.</p><p>Ein Blick auf den Partizipativen Literaturbetrieb zeigt, dass die Zukunftskonferenzen der Buchbranche anachronistisch sind, denn die Zukunft des Lesens, der Literatur, des Erzählens ist längst da, wenn Blicke und Türen endlich geöffnet werden, damit die drei Literaturbetriebe zusammenwirken können, woraus sich von selbst ein solidarischer Literaturbetrieb ergeben würde. Er würde, sachlich betrachtet, als einziger verdienen, »der« Literaturbetrieb genannt zu werden. Im Kleinen, das zeigt meine Arbeit, funktioniert das Miteinander der drei Literaturbetriebe schon lange, warum sollte es nicht im großen Maßstab funktionieren.</p><p>Glücklicherweise gibt es in letzter Zeit erste Neubesetzungen von branchenwichtigen Positionen mit Technik- bzw. Digitalkultur-und-Literatur-Check-Personen. Wenn die Bundesvorsitzende des Verbands deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller Lena Falkenhagen, die auch Computerspiele schreibt, 2023 unreguliert mit urhebergeschützter Literatur trainierte KI als »Raubbau am geistigen Eigentum« bezeichnet und sagt, dass man im Grunde alles löschen und neu aufsetzen müsste, klingt das für mich nicht mehr nach unheimlicher Medienangst, sondern nach einer vielleicht unrealistischen, aber nachvollziehbaren Forderung; weniger ernst kann ich es nehmen, wenn Personen auf Bühnen Datenraub beklagen und dann bei der Mailkorrespondenz rund um die Konferenz per cc eine offene Mailliste versenden. So etwas passiert immer noch, und zwar oft.</p><p>Früher plädierte ich dafür, dass Literatur Schreibende sich selbst theoretisches und praktisches Grundwissen im Umgang mit ihre Arbeit betreffender Technologie aneignen müssten. Die Zeit dafür ist mittlerweile abgelaufen, denn sowohl global operierende Tech- Unternehmen als auch demokratiefeindliche Publizist*innen überholen auf allen Spuren und in allen Richtungen mit strategischer und konsequenter Performanz. Erstere können damit rechnen, dass auch Textprofis nur in seltenen Fällen die AGB ordentlich lesen und während sie auf der Bühne noch besorgt über Urheberrechte reden, unwissentlich längst etlichen Plattformen Gratis-Nutzungsrechte an ihren Inhalten und Daten eingeräumt haben. Manche werden sich noch an die juristisch lachhaften Copy&amp;Paste- Einspruchserklärungen erinnern, die früher auf Facebook geteilt wurden. Vermutlich gibt es sie noch heute und ich sehe sie nur nicht mehr, weil ich lange von Facebook weg bin. Weil keine Zeit mehr bleibt, rate ich den Entscheider*innen des klassischen Literaturbetriebs dringend, nicht mehr nur in Einzelfällen Verantwortung an inhaltliche und performative Expert*innen abzugeben. Sonst geht es bei den Menschen des Wortes auch nicht anders zu als beim Trash-TV, wo C-Promis öffentlich ihre Meinung zu jedem beliebigen Thema äußern, weil es primär um bekannte Namen und Gesichter, um Aufmerksamkeit und Aufregung geht und nicht um Expertise und Inhalt.</p><p>Hier nun meine kulturphilosophischen KI- und noch ein paar andere Gesetze. Ich habe sie nicht konsequent in ihrem logischen Verhältnis zueinander ausbalanciert, sie sollen nur erste Denkanstöße sein. Deshalb bitte ich darum, sie nicht kontextlos in soziale Medien zu pusten, sondern nur zum Selbstdenken zu nutzen.</p><p>0. Über KI und deren Verhältnis zu Menschen dürfen öffentlich nur Personen diskutieren und entscheiden, die über genug technisches Verständnis verfügen, um dies sachlich tun zu können.</p><p>1. KI muss reguliert werden, um Menschen und der Menschheit nicht schaden zu können. KI darf nur reguliert werden von Teams von Menschen, die über genug technisches Verständnis verfügen, um dies sachlich tun zu können und genug ethisches Verständnis haben, um ermessen zu können, was »Menschen und der Menschheit schaden« bedeutet.</p><p>2. KI-Inhalte, auch Inhalte mit KI-Anteilen müssen für Menschen grundsätzlich transparent gemacht werden.</p><p>3. KI darf Inhalte von Menschen nur nach deren Einwilligung und gegen tariflich festgelegte faire Entlohnung zum Selbst-Training benutzen. Eine freiwillige Rechteübertragung durch Menschen ohne deren Entlohnung ist nur in gemeinnützigen Kontexten erlaubt.</p><p>Auch mich selbst hat das Formulieren der KI-Gesetze weiter zum Nachdenken gebracht, vor allem darüber, warum viele und besonders viele Menschen im Kulturbereich vor KI so große Angst haben, während doch alle Befürchtungen, die sie äußern, auch ohne KI durch Patriarchat, Kolonialismus, Kapitalismus längst wahr geworden sind, weil Menschen und menschengemachte Strukturen Menschen und der Menschheit schaden, indem sie andere ungefragt und unbezahlt um ihre Arbeitskraft und ihr geistiges Eigentum bringen, sie mittels klassischer oder digitaler Sklaverei, als Musen, unbezahlte Praktikant*innen, ungefragte Ideengeber*innen aus dem Internet ausbeuten. Was ist ethisch fragwürdiger: Mit Text-, Übersetzungs-, Korrektur-KI zu arbeiten oder Menschen für diese Arbeit Honorare zu bezahlen, von denen sie nicht leben können?</p><p>Ebenso schadet es Menschen und der Menschheit nicht erst seit dem Einsatz von KI, dass mit populistischem Clickbait-Journalismus und dem marketing-, nicht inhaltsgetriebenen Verlegen von die Gesellschaft unnötig spaltenden Hass-Büchern die Demokratie ausgehöhlt wird.</p><p>Daran, dass die meisten Übersetzungen und Korrektorate – Ausnahmen bestätigen die Regel – schlecht bezahlt werden, daran, dass kleine Verlage kaum Vorschüsse zahlen können, von denen Menschen während des Schreibens leben könnten, daran, dass immer mehr eher linke Verlage Pleite gehen, ist nicht KI schuld, sondern der Markt und eine Regierungspolitik mit relativ austauschbaren Parteien, die die Interessen von Unternehmen vor Menschenrechte stellt. »Der Markt regelt das« ist eine in wirtschaftlichen Kontexten wohl zutreffende Aussage, aber was er nicht regelt, ist es, Schaden von Menschen und der Menschheit abzuhalten.</p><p>Der klassische Literaturbetrieb zwingt strukturell die meisten seiner Mitglieder dazu, unter prekären Bedingungen zu leben. Ich habe selbst die meiste Zeit meines Lebens viel zu niedrige Honorare akzeptiert und auch verlangt, weil ich mir dachte, andere Menschen müssen unterbezahlt wirkliche Drecksarbeit machen, während ich wenigstens eine selbstgewählte, schöne, freie Arbeit habe. Ich habe auch anderen Menschen ähnlich unfaire Arbeitsbedingungen zugemutet, weil ich ihnen die gleiche kulturelle Opferbereitschaft unterstellt habe. Das mache ich nicht mehr, aber deswegen kann ich als Non-Erbin auch kaum noch Bücher verlegen.</p><p>KI wird eine Gefährderrolle für Menschen im Kulturbereich zugesprochen, die dem Betrieb selbst immanent ist. Es geht trotz einiger progressiver Bemühungen immer noch grundsätzlich, strukturell unfair zu: Cis Männer halten Frauen und Queere klein und raus, klauen deren kostenlos lesbare Netz-Inhalte und -Ideen für eigene geldwerte Kontexte, Weiße tun das Gleiche mit BIPoC, Ältere mit Jüngeren, abled-bodied Personen mit Behinderten, und Bürgerliche bedienen sich am Style und Sound armer Menschen. Eltern, meist Frauen, bekommen viel weniger Stipendien und Preise, weil sie mit Kindern erst schlechter an anderen Orten arbeiten können und dann zu alt sind, um die Bewerbungsvoraussetzungen zu erfüllen.</p><p>Deshalb nach den KI-Gesetzen gleich noch Menschen-des-Wortes-Gesetze.</p><p>0. Menschen des Wortes müssen sich in der klassischen und in der digitalen Publishing- Sphäre so verhalten und diese gemeinsam so gestalten, dass sie Menschen und der Menschheit nicht schaden, auch nicht sich selbst.</p><p>1. Menschen des Wortes treten als Expert*innen öffentlich nur auf, wenn sie es sachlich sind.</p><p>2. Von anderen Menschen übernommene Inhalte sowie eigene Inhalte mit Anteilen von Inhalten Zweiter müssen grundsätzlich transparent gemacht werden.</p><p>3. Inhalte von Zweiten dürfen von Menschen nur nach deren Einwilligung und gegen tariflich festgelegte faire Entlohnung genutzt werden. Eine Rechteübertragung ohne Entlohnung ist nur in gemeinnützigen Kontexten erlaubt.</p><p>Lena Falkenhagens Aussage zu unregulierter KI, dass man eigentlich alles löschen und noch mal neu aufsetzen müsste, bringt mich zu jenem berühmten Zitat von Audre Lorde, wonach man das Haus des Herrn nicht mit den Werkzeugen des Herrn zerstören könne. Dieser Gedanke oder besser, diese Analyse Audre Lordes ist, nachdem sie mir Schwarze und queere Autor*innen im Internet überhaupt erst vor Augen geführt haben, zentral für meine gesamte Arbeit geworden. Ich sage mittlerweile: Eigentlich müsste der ganze klassische Literaturbetrieb, die ganze Verlagsbranche gelöscht und neu aufgesetzt werden, damit Literatur frei und der Literaturbetrieb offen und solidarisch sein kann.</p><p>»Raubbau am geistigen Eigentum« wird die ganze Zeit betrieben, indem interessante neue Literaturen klein- und rausgehalten werden. »Raubbau am geistigen Eigentum« wird ganz aktuell betrieben, indem zugelassen wird, dass reihenweise literarische Autor*innen resigniert verstummen, weil jene Menschen des Wortes, die in der öffentlichen Wahrnehmung für »den« Literaturbetrieb stehen, keine und seien es auch nur selbst als unzureichend aufgefassten Worte der Solidarität für ihre gesellschaftlichen Diskriminierungen und staatlicher Gewalt ausgesetzten, für ihre leidenden, trauernden jüdischen, palästinensischen, Schwarzen, muslimisch eingeordneten Kolleg*innen finden, weil sie erst gar keine Worte mehr suchen. Ich empfinde das als ästhetischen und moralischen Skandal.</p><p>In einem solidarischen Literaturbetrieb, der übrigens auch Vorbildfunktion für eine gelebte Demokratie haben würde, gäbe es Raum für unvereinbare Positionen, Gefühle und Stimmen. Unterschiedliche Menschen des Wortes könnten nebeneinander existieren und arbeiten, ohne befürchten zu müssen, wenn es mal etwas persönlich unbehaglich oder auch nur unsympathisch wird, von etwaigen Herr*innen in die Unsichtbarkeit abgeschoben zu werden. In der Überschrift zum endgültigen Entwurf des EU AI Act mag ich die Formulierung »harmonisierte Vorschriften für künstliche Intelligenz«. Es passiert wirklich nicht oft, dass juristische Texte mich beim Denken inspirieren aber hier war es so: Harmonisiert heißt eben nicht, dass etwas bereits harmonisch ist oder jemals wird, es heißt, dass man unterschiedliche Interessen möglichst gut vereint und nicht einfach laufen lässt, bis nur noch Chaos ist.</p><p>Die Diskussion über KI kann Menschen des Wortes etwas Wesentliches lehren: Literatur nicht nur konservativ zu verwalten, sondern beobachtend, analysierend, beschreibend, literarisierend, gestaltend mehr Teil des partizipativen Flows in der Publishing-Sphäre zu werden, statt durch überkommene Werte, Gewohnheiten und Medienangst Literatur/en, Menschen und Menschheit nachhaltig zu schädigen.</p><p>Menschen und Menschheit brauchen aktuell von Literatur am allerwenigsten einen primär mit seinen internen Dystopien beschäftigten Literaturbetrieb, sie brauchen Menschen des Wortes, die vordenken und vorstellbar machen, wie eine bessere oder zumindest nicht unnötig schlimmer werdende Realität aussehen könnte. Sie brauchen Literatur, um ins Umsehenlernen, ins partizipative Handeln und ins Mitgestalten zu kommen, Nah-Utopien, die plausibel machen, warum Menschen und die Menschheit gut daran tun würden, demokratiestärkend und transnational zusammenzuarbeiten, um sicher und würdevoll leben und das Leben auf der Erde schützen zu können. KI kann Menschen des Wortes dabei Anregungen geben und sie kann auch dazu beitragen, dass Menschen nicht mehr un- oder schlecht bezahlt für bestimmte Drecksarbeiten des Wortes ausgebeutet werden. Ich etwa hätte beim Verlegen im Einpersonenverlag sehr gern eine perfekt trainierte KI, die mir die allerletzte Korrekturrunde abnimmt und diesen einen übersehenen Tippfehler findet.</p><p><strong>Nulltes Literaturbetriebs-Gesetz</strong><br/>Der Literaturbetrieb darf nicht der Literatur und damit der Menschheit Schaden zufügen, indem er strukturell Menschen des Wortes und Literaturen ausschließt.</p><p>Ich wünsche mir, der Literatur und den Literaturen, den Menschen und der Menschheit, dass eine Ethik literarischer Gerechtigkeit entwickelt wird, die zu einer gemeinschaftlichen Praxis führt, das Verhältnis von ästhetisch und ethisch guter Literatur mit sich ändernen technischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten immer neu auszuloten. Aktuell kann in Deutschland der Eindruck entstehen, als wäre Literatur mal ideelles, unschätzbares Kulturgut und mal gesetzlich zu schützende, geldwerte Ware. Im Kapitalismus ist aber immer beides gleichzeitig wahr.</p><p>Isaac Asimov, der Mensch, der große ethische Ideen für eine Mitgestaltung der Zukunft geliefert, der Literatur mit großem Einfluss geschaffen und andere Autor*innen zum Literaturschreiben gebracht hat, war auch der Autor, der seine literarischen Frauenfiguren ziemlich regressiv gestaltete: entweder klug oder hot – das könnte noch als bedauerlich, aber zeittypisch durchgehen. Er war aber auch der Mann, der zeitlebens im Donald- Trump-Stil Frauen notorisch in den Arsch kniff und deshalb »der Mann mit den hundert Händen genannt« wurde, und das war nicht lieb, nicht als erotisches Kompliment gemeint. Obwohl Frauen ihm explizit sagten, dass sein Gezwicke schmerzhaft und entwürdigend sei, ließ er niemals davon ab, schrieb sogar 1971 unter dem nicht sehr datensicheren und bald gelüfteten Pseudonym Dr. A das Buch <em>The Sensuous Dirty Old Man</em>, buchstäblich eine Anleitung zum ungeahndeten Frauenbegrapschen – natürlich in leicht ironischem Ton, denn dann gilt es ja nicht, dann ist es Literatur. Keine KI, kein Schreibroboter, sondern ein hochangesehner Autor, der es hätte besser wissen müssen, hat dieses Scheißbuch geschrieben. Nein, es war auch in den 1940ern, -50ern, -60ern, -70ern nicht normal, anderen Menschen bei der Arbeit oder auf Partys sexualisierte Gewalt anzutun, aber die Gesellschaft hatte damals im Vergleich zu jetzt noch ein bis zwei Feminismuswellen und eine me-too-Bewegung weniger durchlebt und Menschen mussten noch mehr als heute befürchten, wenn sie sich wehrten, wegen des patriarchalen Binärcodes, 1: Playboy, 0: Schlampe, 1: denkendes, vernünftig handelndes Subjekt, 0: emotionsgesteuertes, hysterisches Objekt, abgetan und erneut gedemütigt zu werden.</p><p>Halten wir fest: Eine Person mit verbürgtem moralischem Doppelstandard hat die Robotergesetze formuliert, welche Millionen Menschen in ihrem Technik-, Roboter- und auch Menschenbild geprägt haben. Ähnlich problematisch ist, dazu gibt es schon hinreichende Studien, dass aktuell eingesetzte KI zu sehr von einer bestimmten Weltbevölkerungsgruppe designt, programmiert und trainiert wird, die ich hier mal etwas flapsig weiße Silicon Valley Dudes nenne. Mittelbar wird die Menschheit so mehr auf deren mentales Portfolio geprägt.</p><p>Hier bekommt mein Vortrag ganz unabsichtlich einen ironischen Twist, denn wenn sich jetzt die erfolgreicheren Vertreter*innen des klassischen Literaturbetriebs dagegen wehren, mit ihrer Literatur ungefragt KI zu trainieren, sorgen sie unbeabsichtigt auch für mehr inhaltliche Gerechtigkeit, denn ihr literarisch eher konservativer Beitrag wäre genauso wenig vielfältig wie der der KI-Schöpfer*innen.</p><p>Am Beispiel Asimovs wird überdeutlich, dass es, wenn es um Menschen geht, eben nicht null oder eins heißen kann. Menschen sind null und eins. Alles, was von Menschen erdacht wird und für Menschen, nicht gegen Menschen arbeiten soll, muss immer auch eine gedankliche 0-und-1-Komponente enthalten, muss Menschen Raum geben für Widersprüchlichkeit, Abstrusität, Paradoxales, für Gedankensprünge, Tagträume, ungesuchte Erkenntnis, all das, was die Schöpfungskraft von Menschen nährt und ausmacht.</p><p>Mein Vortrag heute ist ziemlich sprunghaft und überladen und diffus, aber ich gehe davon aus, dass er einigen Zuhörenden etwas geben wird. Keine KI hätte ihn so schreiben können und auch kein anderer Mensch. Literatur, die das Menschsein im Zentrum hat, kann nicht von KI übernommen werden, das wird jede Person, die sich ethischen Fragen wirklich, mit dem Verstand und mit dem Gefühl, aussetzt, unmittelbar verstehen.</p><p>Literatur wird von Menschen gemacht und von Menschen zunichte gemacht. KI kann zur Unterstützung von beidem designt, genutzt und trainiert werden.</p><p><strong>KI-Imperativ für Menschen des Wortes</strong><br/>Schreibe nur diejenige Literatur, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie KI trainiert, ohne Menschen und der Menschheit zu schaden.</p><p>Im EU AI Act gibt es in Artikel 1 eine weitere interessante Formulierung, sie lautet »Einführung von menschenzentrierter und vertrauenswürdiger künstlicher Intelligenz« und eignet sich für ein schönes Gedankenspiel ganz ohne Chatbot: Was ist, was könnte eine menschenzentrierte und vertrauenswürdige Literatur sein? Ich glaube, es wäre mit der Menschheit in ihrer Vielfalt solidarische Literatur, Literatur, die als ihr nulltes, a priorisches Gesetz das Plausibelmachen der Menschenrechte versteht.</p><p>KI, bitte mach, dass Menschen sich endlich die Schönheit des solidarischen Literaturbetriebs vorstellen können.</p><p></p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Sun, 29 Sep 2024 19:41:25 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 115]]></title>
      <description><![CDATA[Frohmbola-Ankündigung / Herbst natürlich / Politisierung der Mitnehmkiste / Ein Zitat von Julia Voss zu Hilma af Klint/ Sich selbst ghosten / PGExplaining]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/028d831b-f9e5-4db3-87f7-55e95bfd86e9/uploads/images/ssyov5ypsz/Hilma_af_Klint_-_Self-portrait_rosa_eingefarbt.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Selbstporträt von Hilma af Klint"/><hr aria-hidden="true"/><h2>Vorweg</h2><p>Ich habe mir etwas ausgedacht, um ein bisschen auszugleichen, dass ich gerade so unregelmäßig Newsletter schreibe und auch noch manche materielle Abo-Leistung schuldig bin, ist alles nicht vergessen. Aber unabhängig von dem, was ihr noch bekommen müsst und bekommen werdet – wer keine Geduld mehr hat, kann gern alternativ einen Gutschein für einen Einkauf im Verlag bei mir anfordern –, wird es eine Tombola geben, bei der ihr ganz sicher etwas gewinnt, und zwar aus dem Spektrum Kunst von mir, Bücher aus dem Verlag, Souvenirs aus der Verlagsgeschichte und Vorgängerprojekten. Ihr könnt euch dann für Items, die euch gefallen, anmelden, und unter den Interessent*innen für eine Sache wird dann gelost bzw. das Katzenorakel befragt. Zahlende Abonnent*innen, egal, ob vom Verlag oder von <em>Umsehen lernen,</em> bekommen insgesamt drei Gewinne, die anderen einen. Bitte kalendern: Am 6. Oktober ist Frohmbola.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Altes: Herbst natürlich</h2><p>Ich glaube, meine beiden Freundinnen aus der Garten-Chat-Gruppe lieben den Herbst, seine Temperatur, seine Farben, sein Gefühl, sonst würden sie wohl nicht Herbstglückwünsche gesendet haben. Ich liebe den Herbst nicht so sehr, aber dieses Jahr, es fällt mir auf, etwas mehr als früher. Zum ersten Mal habe ich nicht die Herbstzeitlose, diesen Krokus-Swindler, nicht die Verräter-Gänse beim Überfliegen des Hauses in Richtung Süden, nicht die ersten roten Blätter im Wilden Wein beschimpft. Selbstschutz, weil selbst im »Herbst des Lebens« (Kotzformulierung) angekommen? Neue Gelassenheit, weil zukünftig mehr Italien ? Egal, es fühlt sich gut an. Sogar meine Rot-Phobie mildert sich, mir ist ein roter Pullover geschenkt worden, und ich überlege allen Ernstes, ihn zu tragen.</p><p>Veränderung ist nicht nur möglich, sondern notwendig. Veränderung ist, der Herbst zeigt es, natürlich. Da stimmt es mal, das »natürlich«.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/028d831b-f9e5-4db3-87f7-55e95bfd86e9/uploads/images/otxbyfpuh4/IMG_6812.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Vollmond über Haus, bunten Leuchten am unteren Bildrand"/><h6>Natur: Herbstlicht, droben <br/>Kultur: Poollicht, drüben</h6><p>Stichwort »natürlich«: Mein Projekt Grauhaarigwerden hat eine neue Stufe erreicht. In Stufe eins hatte ich mir die Haare für meine Verhältnisse relativ kurz (etwas über halblang) und sehr stufig schneiden lassen, um möglichst viel fake Blond auf einmal loszuwerden. Familien-Spitzname danach: Löwenbaby. In Stufe zwei hatte ich den Rest fake Blond dunkelblond überfärbt, weil es einfach zu scheckig (nicht cool scheckig) aussah, aber das Dunkelblond blondierte dann in der Sommersonne nach und nach wieder zu Gelb. Jetzt habe ich den Rest fake Blond im Ton Silbergrau überfärbt, was real bei mir braungrau aussieht, klingt schlimm, sieht aber ganz gut aus.</p><p>Zum anwesenden Kind sagte ich: »Das war vermutlich das letzte Mal im Leben, dass ich meine Haare gefärbt habe.« Antwort: »War das jetzt dein erster Omi-Satz?« Verdient, finde ich, meine Aussage war nicht nur pathetisch, sondern voraussichtlich auch inhaltlich falsch, ich werde bestimmt noch irgendwann meine dann schlohweißen Haare mal in Hellblau oder Guccigrün färben.</p><p>Blick zurück: Auf Grau zu gehen, beschloss ich spontan beim Berliner Bücherfest 2022, als die Lektorin Kristina Wengorz bei mir am Stand vorbei kam, nicht mehr lange dunkle, sondern lange grau melierte Haare hatte und ganz toll aussah. Vielleicht freut sie das ja, dass sie mich geinfluenced hat.</p><p>Blick noch weiter zurück: Das erste graue Haar bekam ich mit 28, am Tag vor meiner Philosophie-Abschlussprüfung, weil ich ganz sicher war, absolut nichts zu können. Ich kann mich noch genau an das Entsetzen erinnern, als ich es im Spiegel entdeckte. An die Prüfung kann ich mich nicht erinnern.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Neues: Politisierung der Mitnehmkiste</h2><p>Als Person, die eine offene Gesellschaft schätzt bzw. gern hätte, gestalte ich den Raum vor unserem Zaun bewusst freundlich und partizipativ. Da wachsen Blumen, werden regelmäßig Ableger zum Mitnehmen hingestellt, steht immer mal wieder die Kiste mit Büchern und anderem »wertigen« Zeug zum Mitnehmen. Ich mache das schon immer, aber jetzt ist es politisch: Ich zeige Menschen am weißen Stadtrand, da, wo die Demokratiegefährder*innen wohnen, plakativ: Es ist nicht alles scheiße, es wird nicht alles immer nur schlimmer, ihr seid nicht allen egal. Ich möchte einfach nicht allein schuld am Faschismus sein, weil ich Nazis immer Nazis genannt habe und sie deshalb Nazis geworden sind. (Der letzte Satz war ironisch und sehr bitter.)</p><p>»Zum Mitnehmen« muss es heißen, »zum Mitnehmen« muss da auch auf einem hingehängten Schildchen stehen. »Zu verschenken« ist nichts für Deutsche, da bekommen sie instant Abstiegsangst und wählen rechte Parteien. Früher schrieb ich naiv »Zu verschenken« und wunderte mich, dass Menschen sich, wenn überhaupt, nur ins absoluter Dunkelheit etwas schenken ließen. Jetzt habe ich es verstanden. »Zum Mitnehmen« signalisiert: Ihr tut mir einen Gefallen, wenn ihr etwas mitnehmt, und es ist ja auch teilweise wahr.</p><p>Herbst, das kann ich an der aktuell hervorragenden Mitnehmbilanz ablesen, ist ideal, um etwas zu verschenken, äh, zum Mitnehmen rauszustellen. Im Herbst werden die Menschen cozy und tragen gern Dinge in ihre Höhlen.</p><p>Das Eichhörnchen pflanzt derweil weiter unermüdlich Walnussbäume in unserem Garten, weil wir armen Menschen hier nur Haselnüsse haben. Das mit der Dachrinne sollte es sich bitte noch mal überlegen.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/028d831b-f9e5-4db3-87f7-55e95bfd86e9/uploads/images/a4uy55allm/IMG_6818.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Eichhörnchen auf Ziegeldach"/><p><br/>Spechti ist ebenfalls sehr geschäftig, er inspiziert den Holzbestand und macht Vorschläge, welche Elemente nächstes Jahr bitte mal erneuert werden sollten.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/028d831b-f9e5-4db3-87f7-55e95bfd86e9/uploads/images/r7d7vpevq6/IMG_6850.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Buntsprecht steht in Beet vor Holzzaun."/><p>Auch the Kätzchen is cozy und plant die Indoor-Revolution. Weil mein Mann nicht da ist, meint Laser, die Sache mit dem Bett jetzt nach gut sechzehn Jahren stabilen Sozialvertrags noch mal neu verhandeln zu können. Er stellt sich immer wieder mit den Pfoten am Bettrand auf und starrt mich an, wie ich da OHNE IHN liege. Leider, nicht leider bin ich nicht bereit, die letzte Höllenpforte zu öffnen, hinter der mich nachts ein ekstatisch schnurrendes Vieh um den Schlaf trampelt.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/028d831b-f9e5-4db3-87f7-55e95bfd86e9/uploads/images/i7g32u45qi/IMG_6807.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Katze sieht von unten streng herauf."/><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Geborgtes: Ein Zitat</h2><blockquote><p>»Sie hatte die Gabe erhalten, die Dinge so zu sehen, wie sie nicht waren, sondern sein könnten.«</p><p>– Julia Voss: <a href="https://www.fischerverlage.de/buch/julia-voss-hilma-af-klint-die-menschheit-in-erstaunen-versetzen-9783103973679">Hilma af Klint: »Die Menschheit in Erstaunen versetzen«</a></p></blockquote><p>&gt;&gt;&gt; Meiner Einschätzung nach ist genau das der Grund, warum Diskursherrscher Kunst von Marginalisierten klein- und raushalten: Diese will, sie spüren das intuitiv, an ihr Ein- und Ausgemachtes. Das erzeugt in ihnen Unverständnis und Unbehaglichkeit, also schnell weg damit, ist gar nicht passiert, bloß nicht drüber nachdenken und -fühlen.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Unheimliches: Sich selbst ghosten</h2><p>In einer frühen Folge, da hieß <em>Umsehen lernen</em> noch <em>NewFrohmanntic,</em> habe ich darüber geschrieben, dass ich plane, mich in absehbarer Zeit wie Marlene Dietrich im Alter aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen und in eine Art selbstgewählten Geisterzustand zu begeben. Bei Marlene Dietrich bedeutete dies, dass sie sich in ihrer Pariser Wohnung verbarg und für Menschen nur noch telefonisch erreichbar war, es gibt diesen Dokumentarfilm <em>Marlene</em> von Maximilian Schell aus dem Jahr 1984, der mit diesem Umstand arbeiten muss.</p><p>Ich liebe, weil ich das ganze Projekt von Schell bereits im Ansatz ziemlich übergriffig finde, einen Satz aus dem Wikipedia-Artikel über den Film: »Oft ignoriert Marlene Dietrich die Fragen von Schell.« Ich liebe den Satz auch, weil dieses Zwischendurch-Ghosten Schells im Gespräch so gut zu Marlene Dietrichs Modus passt, noch irgendwie dabei zu bleiben, aber in einer anderen Realität.</p><p>Seit einem Monat bin ich in Berlin in Klausur, nicht komplett, meine erwachsenen Kinder sind in ihrer ebenfalls anderen Realität temporär anwesend. Laser ist auch da, ich bin nicht allein, deshalb muss ich auch nicht mit der Außenwelt telefonieren, zum Glück. Mein Mann ist für zwei Monate allein in Italien. So lange waren wir seit zwanzig Jahren nicht mehr getrennt, aber wir wollten es so, denn er braucht gerade Zeit für sich, um zu trauern – es gab hintereinander drei nahe Todesfälle – und ich, um das Co-Trauern zu verarbeiten, weiter den Verlag aufzuräumen und umzubauen, neue Titel zu verlegen und Schreib-Deadlines nicht ein zweites oder drittes Mal zu crashen.</p><p>Seit vier Wochen lebe ich überwiegend in meinem Kopf, das konnte ich vorher buchstäblich jahrzehntelang nicht tun, obwohl es meine Werkseinstellung ist. Ich bin ein Kopfmensch, ein Tagtraummensch, ich beobachte und analysiere, stelle Zusammenhänge her, denke es mit Gelesenem zusammen, entwerfe in meinem Inneren mögliche Welten, die dann in irgendeine Art von Kreativität übergehen. Heute meint das meist ein direktes Aufschreiben dieser Welten, aus Gedankenspielen wird Fiktion oder ein Essay mit literarischem Ton. Früher entstanden so eher die Kunst anderer ermöglichende, atmosphärische Schöpfungen, die nur vage einen inhaltlichen Bezug zu meinem inneren Geschehen hatten: ein Club, in dem DJs und Künstler*innen selbst feierten und der komplett mit Denim gestaltet war (jeans club, 2000), eine Künstler*innen-Galerie mit Hello-Kitty-Laden im Nebenraum (maou-maou, 2001), ein Verlag, der den Raum zwischen klassischem Verlegen und Self-Publishing auslotet (Frohmann, 2012), aber es gab immer wieder auch kleinere, eigene Kunstsachen, spielerische, wie eine Serie antiker Teller mit Wackelaugen oder etwas deepere Projekte, wie die Fortsetzungsreihe <em>The End of Pop. </em>Aber keine eigene Literatur. Dass das Schreiben für mich, abgesehen vom akademischen Aufsatz, erst so spät Ausdrucksform wurde, liegt daran, dass ich mich früher nicht als Autorin sehen konnte, weil ich keine Autorinnen las. Danke für nichts, früher.</p><p>Zur Autorin haben mich soziale Medien gemacht, weil ich da einfach schrieb, mir den kritischen Stock im Arsch wegschrieb und dann irgendwann ganz sicher wusste: Ich kann das, ich bin gut darin, ich habe einen eigenen Ton, einen Stil, der Menschen gefällt, schreibe über Themen, die Menschen etwas geben. Früher konnte ich es wirklich nicht, sobald ich versuchte, literarisch zu schreiben, wurde es hölzern. Heute schreibe ich so, wie ich denke, schnell, assoziativ, analytisch, weit ausholend, fließend. So geht es, sogar mühelos, ich brauche nur Zeit und Ruhe dafür. Die beschaffe ich mir jetzt, indem ich konsequent Grenzen ziehe und Nein sage. Naja, konsequenter, noch nicht ganz konsequent.</p><p>Zeit und Ruhe waren in der Hochphase der Kernfamilien-Care nicht zu haben, und wären, würde ich nicht gerade alles neu denken und ordnen, auch jetzt nur ein schöner Traum. Ich habe mir, das wird jetzt sicher einige Lesende erstaunen, Immanuel Kant zum Vorbild genommen, der an einem Punkt beschloss, dass er sich nicht mehr vom Schreiben abbringen lassen dürfte, weil er sonst sein kritisches System zu Lebzeiten nicht vollenden können würde. Ums Vollenden geht es mir nicht, grundsätzlich nicht, ein geschlossenes kritisches System ist für mich undenkbar, aber ich habe ungefähr zehn große Bücher in meinem Kopf, seit Jahren bis Jahrzehnten. Die müssen jetzt raus. Ich ghoste mich selbst, um meinen Geist wiederzubeleben. Auf dem Weg zu den zehn in mir schon geschriebenen Büchern nach Draußen werden sicherlich noch ein paar neue in Inneren dazu kommen, ich kenne mich. Ihr müsst jetzt also mit einem umfangreichen Spätwerk von mir rechnen, das gleichzeitig auch mein Frühwerk ist.</p><p>Um das zu ermöglichen, reduziere ich seit einiger Zeit die Möglichkeiten, dass mir von anderen Zeit genommen wird. Es gibt natürlich weiterhin Belange, die von mir weiterbetreut werden müssen, weil es ethisch richtig ist und ich es auch will, dazu gehört die Care für meine Mutter, die Organisation ihrer ärztlichen Versorgung, das Onlineshoppen und dass ich alle drei Monate fünf Tage zu ihr fahre. Ich möchte auch weiterhin Zeit mit meinen unfassbar tollen Freund*innen verbringen bzw. einen Modus finden, in dem ich Zeit mit meinen Freund*innen nicht als weitere Verpflichtung sehe, die mich aktuell überfordert. So etwas wie einen Freund*innentag, ja, das klingt furchtbar, und trotzdem bin ich sicher, wenn ich wirklich einmal die Woche einer meiner Freund*innen treffe, sehe ich alle wieder häufiger als in den letzten Jahren. Wirkliche Freund*innenschaft ist für mich verbindlich und vertrauend und befreiend. Narzisstische Personen können deshalb keine wirklichen Freund*innen sein, egal, wie klug sie denken und wie wunderbar sie zwischendurch erscheinen,– sie machen den Raum und die Zeit drückend und bekommen deshalb keine Lebenszeit mehr von mir. Unnötige Schuldgefühle lasse ich mir nur noch von meiner Katze machen, sie darf mich manipulieren, jederzeit, ich springe, sobald sie mir einen strengen Blick zuwirft. Ansonsten kümmere ich mich lieber um nötige Schuldgefühle und investiere meine Kraft in Handlungsfähigkeit, um wirkliche Schuld auszuräumen: Arbeit, die ich anderen schulde, Zuwendung, die von nahen Menschen wirklich gebraucht wird. Selbstverursachte serielle Dramen anderer mögen fortan bezahlte Therapeut*innen betreuen.</p><p>Auch in der Familie wird in Sachen Zeit und Raum aufgeräumt. Ich will weiterhin altmodisch cis het monogam verheiratet sein, aber die Zeit mit meinem Mann liebevoller und aufmerksamer gestalten. Nicht einfach nur unhinterfragt immer zusammensein und koexistieren. Deshalb planen wir jetzt auch, jeweils einen Monat pro Jahr allein in Berlin oder in Italien zu sein. Allein kann maus besser zu sich kommen, nachdenken, Sachen abarbeiten, rumwurschteln, Dinge tun, auf die die andere Person eh noch nie Bock hatte. Länger als ein Monat allein geht in unserer Konstellation aber nicht, das beobachten wir gerade, danach fängt maus an, mit sich selbst zu sprechen.</p><p>Den Kindern, die letztlich mit Eltern ja oft auch ein bisschen wie Narzisst*innen umgehen, wird konsequent Zeit entzogen und neuer Raum gegeben: Das Hotel Mama hat jetzt geschlossen, die Vögelchen werden trotzdem nicht komplett aus dem Nest geschubst, denn in dieser Scheißzeit als junger Mensch einen Plan zu entwickeln, wer maus werden möchte, ist nicht leicht, ich fühle das mit. Gestern haben wir hier gemeinsam geräumt und geputzt und noch mehr Zeug vor die Tür gestellt und es fühlte sich alles sehr erwachsen und gemeinsam und schön an.</p><p>Der Frohmann Verlag als plattformübergreifendes publizistisches Projekt, das Literaturen abbildet und auch erzeugt, die sonst vielleicht unterm Radar bleiben würden, ja, das muss auch weitergehen, aber anders: offener, ressourcenschonender, wieder fließender. Das Verlegen ist mir in der allgemeinen Überforderung mehr und mehr entglitten, ich habe mich dadurch auch anderen Menschen gegenüber nicht so professionell verhalten, wie ich es richtig finde. Und ich habe in der Folge die Freude an diesem Teil meiner Arbeit komplett verloren. Auch da muss noch einiges vor die Tür gestellt und geräumt und geputzt werden, damit es sich wieder schön anfühlt.</p><p>Vier Wochen Alleinsein haben schon dazu geführt, dass ich wieder konkrete Ideen für demokratiestärkende Arbeit habe, das war vorher alles komplett abgestorben in mir. Wenn ich mehr allein sein muss, um wieder sozialer sein zu können, dann ist es halt so. Bevor das jetzt allzu idyllisch-bukolisch-privilegiert klingt: Ich sitze hier mit schlimmster Dauermigräne (Sonnenbrille-indoor-schlimm), habe Schreibdeadlines bis zur Decke, muss die Veröffentlichung vom neuen Girls-Buch noch mal um ein paar Wochen verschieben, weil jetzt auch noch BoD (mein Vertrieb und meine Druckerei) mal eben alle Verlagsverträge gekündigt hat und ich die neuen Konditionen prüfen, sehen, ob ich da bleibe, muss; die Zeit für den Newsletter nehme ich mir nur aus schlechtem Gewissen, nicht weil ich sie habe, gleichzeitig lektoriere ich ein Buch, und die Buchmesse ist völlig überraschenderweise schon in gut drei Wochen. Also alles wie immer, der Unterschied ist nur, dass ich weiß: Übers Jahr wird es anders, besser. Weil ich besser darin werde, mir nicht alles und anderen manches von mir nicht zuzumuten.</p><p>Älterwerden heißt auch, den eigenen Merkwürdigkeiten gegenüber milder zu werden, ihnen einen besseren Lebensraum zu gestalten. In meinem Fall heißt das, ein übertrieben schnell drehendes Gehirn und ein übertrieben schlechtes Gedächtnis auszubalancieren. Milde heißt aber nicht, sich jetzt alles durchgehen zu lassen und für andere wie die Axt im Walde zu sein. Nicht okay, Boomer, und die Gen X, zu der ich gehöre, hat bekanntlich auch ganz schön die Pfanne heiß. Daran muss noch viel gearbeitet werden, nicht nur schreibend.</p><p>Statusmeldung: Autoghost</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Rubrikloses</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/028d831b-f9e5-4db3-87f7-55e95bfd86e9/uploads/images/4j5zyebzqg/IMG_6841.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Anzeige. Bild zeigt Stuhl mit einer Art Fekllüberwurf, Text: Frierst du bei der Arbeit?"/><h6>Ja, aber wegen Kapitalismus und Nazikultur.</h6><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/028d831b-f9e5-4db3-87f7-55e95bfd86e9/uploads/images/s5gaxzdxaw/IMG_6632.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><h6>Marketing auch immer verzweifelter</h6><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/028d831b-f9e5-4db3-87f7-55e95bfd86e9/uploads/images/klxcpcwvkc/IMG_6676.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Zwei Wildschweine schwimmen in einem Pool."/><h6>Ein Bild im Internet, das mich glücklich macht, ich hoffe, euch auch.</h6><hr aria-hidden="true"/><p>Der Retrotrend <em>Unangekündigtes Telefonieren</em> ist nichts für mich. Bitte nicht machen, aua Kopf.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Präraffaelitische Girls erklären</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/028d831b-f9e5-4db3-87f7-55e95bfd86e9/uploads/images/knlkhgxa6d/fv_pg_es_reicht.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Gemäldeausschnitt zeigt leblose Figur mit langen Haaren, aufgebahrt in einem Boot. Hinzugefügter Text: Es reicht. Ab jetzt all (cis) men, es betrifft ja auch alle Frauen    und trans Männer und nicht-binären Menschen, jederzeit Gewaltopfer werden zu können."/><h6>Wann werden cis Männer solidarisch?</h6><hr aria-hidden="true"/><p>Ich weiß jetzt auch, warum Frauen »immer über sich selbst schreiben«, was meines Erachtens wirklich eher wahr als nicht wahr ist. Die Antwort und warum das ästhetisch gut ist, verrate ich euch in einem meiner zehn Innen-Bücher, sofern ich die Zeit finde, sie zu schreiben.</p><p>Zum Thema Zeit empfehle ich euch unbedingt <a href="https://www.ullstein.de/werke/alle-zeit/taschenbuch/9783548068329">Alle_Zeit</a> von Teresa Bücker, bevor ich das gelesen habe, dachte ich immer nur so ganz abstrakt philosophisch über Zeit nach, was nicht ausreicht, Zeit ist gerade im Moment vor allem politisch.</p><p>Maus sieht sich. Seid lieb, nur nicht zu Nazis.</p><p>XOXO,<br/>FrauFrohmann</p><hr aria-hidden="true"/><p>Das Coverbild zeigt ein von mir rosa eingefärbtes undatiertes Selbstporträt von Hilma af Klint.</p><hr aria-hidden="true"/><h2></h2><p>#Alleinzeit #AutoGhost #AllMen #Frohmbola #Herbst #HilmaAfKlint #JuliaVoss #Laser #MisogynieÜberwinden #Mitnehmkiste#SichSelbstGhosten</p><p></p><p></p><p></p>]]></content:encoded>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/028d831b-f9e5-4db3-87f7-55e95bfd86e9/uploads/images/ssyov5ypsz/Hilma_af_Klint_-_Self-portrait_rosa_eingefarbt.jpg?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;fm=jpg&amp;crop=faces" medium="image"/>
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      <pubDate>Mon, 23 Sep 2024 12:50:24 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 114]]></title>
      <description><![CDATA[Selbstgefährdung durch Überheblichkeit / Gewaltfantasientiktokgedankenspiel / Zootiere bitte nicht nach toten Frauen nennen / Novellen-Kritikchen, Teil 2 / PGExplaining]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/a73783ca-ac90-49df-97e6-1c6ed90fe7d9/uploads/images/anmi6bvgau/Alastair_Salome.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Illustration von Alastair zu Oscar Wildes &quot;Salomé&quot;: schattenhafte Figuren"/><h2>Vorweg</h2><p>In Folge 113 hatte ich mich elendig oft vertippt und das erst nach dem Mailverschicken bemerkt. Wer also den wirklichen Newsletter las, nicht den fünf Mal korrigierten Post: sorry.</p><p>Warum ich jetzt schon wieder so lange kein <em>Umsehen lernen</em> geschrieben habe, kann ich nicht genau erklären, weil es multikausal und diffus ist. Es sind nahe Menschen gestorben und wurden beerdigt, ich musste erstmals über Co-Trauer nachdenken und sie auch ziemlich tief erleben. Wie maus seine Kinder, auch wenn sie bereits erwachsen sind, in der Trauer um Großeltern begleitet, ist ein Thema, das vermutlich nur deswegen in Literatur kaum präsent ist, weil es unter klassische Engel-des-Hauses-Arbeit fällt, die cis male und Cool-Girl-Literaturkritiker*innen vermutlich komplett irrelevant finden bzw. vielleicht kommt so ein ordentlicher aka todmüder Engel des Hauses erst gar nicht zum Schreiben.</p><p>Zum Schreiben bin ich aber schon gekommen, vermutlich weil ich kein ordentlicher Engel des Hauses mehr bin, sondern Cat Lady mit Familie, aber nur zum stillen Schreiben,– das viele Fühlen wollte sich partout nicht in Sozialen Medien und auch nicht im Newsletter Luft verschaffen. Vielleicht geht es jetzt wieder, ich hoffe es, denn ich liebe den Newsletter und die gelegentliche Interaktion mit euch auch. Also, Leben, halte bitte ein bisschen Ruhe jetzt, ich muss schreiben und verlegen und noch viel mehr.</p><p>Ein gutes Ventil für dieses zu viele Fühlen in den letzten Wochen war ausgerechnet eine Netflixserie: <em>Pørni.</em> Ich weiß nicht, ob sie der Knaller für Menschen in allen Lebenslagen ist, aber auf Personen, die gerade in der globalen Polykrise <em>und</em> familiär zwischen zwei carebedürftigen Generationen eingekeilt <em>und</em> selbst auch ganz schön merkwürdig sind, wirkt sie wirklich sehr befreiend. Das Leben kann, darum geht es in der Serie, und ich unterschreibe das, wirklich gleichzeitig komplett abgefuckt und zwischendurch und im Kern sehr schön sein.</p><p>Vor ein paar Wochen hatte ich Geburtstag. Es war ein interessanter Tag, weil an Geburtstagen irgendwie die Wahrnehmung geschärft ist. Dieses Jahr fiel mir auf, dass es einen Menschenschlag gibt (»Menschenschlag«, was ist das eigentlich für ein Wort, und warum verwende ich es, ich glaube, sogar zum ersten Mal?), der in der Beziehung mit mir und vermutlich auch mit anderen einfach besser ist, als das Gegenüber es verdient. Menschen, die einfach jedes Jahr lieb gratulieren, egal, welche Medien gerade genutzt werden und ob es einfach ist, den Glückwunsch zu übermitteln. Ich wäre gern so ein Mensch, und deshalb habe ich jetzt, nachdem ich es mehrere Jahre lang immer mal wieder vorhatte und gleich wieder vergessen habe, einen Geburtstagskalender angelegt, auch damit werde ich bestimmt nicht richtig gut im Gratulieren, aber vielleicht etwas besser werden.</p><p>Notiz an mich selbst: Ich muss noch eine Geschichte über unsere Kindheit für die Freundin schreiben, der ich nicht zum 50. gratuliert und das wiederum erst Monate später bemerkt habe. – Das sind dann die Momente, wo die Kombi aus sprunghaftem Gehirn und anämiegeschädigtem Gedächtnis sehr belastend wirken.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/a73783ca-ac90-49df-97e6-1c6ed90fe7d9/uploads/images/lf7vs2brbm/ffhome_herzwaffel.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Herzwaffel"/><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Altes: Selbstgefährdung durch Überheblichkeit</h2><p><em>(Vor zwei Monaten in Italien geschrieben)</em></p><p>Ist es deutsch oder nur meiner Familie genetisch eingeschrieben? Es gibt bei uns so einen running gag, dass wir in Urlauben in südlicheren Ländern um jeden Preis unbedingt in der ärgsten Mittagssonne zu einem Spaziergang aufbrechen müssen, und zwar barfuß, ohne Sonnenhut, nicht eingecremt, ohne Geld und natürlich auch ohne Wasser. Weil Schuhe, Geld, Sonnenschutz, Wasser Quatsch wären, wenn maus nur mal eben … Es viele Variationen dieser Geschichte, und wenn Sonne mal nicht die größte Gefahr ist, finden wir schon etwas anderes, es gibt auch in Deutschland mannigfaltige Möglichkeiten, sich unnötig abzuwracken: »…wir schaffen es schon noch zur nächsten Tankstelle«, »…komm, lass uns noch einen Campingplatz weiter radeln«, »… wir kommen sicher an, bevor es dunkel wird«. Eigentlich ist es aber gar kein running gag, sondern eine Art Hybris-Privatmythos, der aktuell wieder erzählt wird, wenn mein Mann und ich uns regelmäßig wie unter einem Fluch in der prallen Mittagssonne auf der Straße wiederfinden, um zum Supermarkt zu gehen, während umsichtigere Einwohner*innen hinter verschlossenen Fensterläden ruhen.</p><p>Interessant ist, dass ich bei diesen potenziell gesundheitsgefährdenden Abenteuern eher selten die kreative Kraft gewesen bin, aber auch nie entschieden Nein gesagt habe. Warum nicht? Steckt dieses cis Männern früher und oft auch heute noch eingebleute darwinistische »A Guada hoids aus« auch in mir oder wollte ich nur nicht uncool sein, ich schätze Letzteres. Vielleicht gibt es aber noch Hoffnung, vielleicht rettet uns die ganz sicher unserer Familie genetisch eingeschriebene Neigung zur Überidentifikation mit positiv eingeschätzten Kontexten: When in Rome, do as the Romans do. When <mark style="background-color: rgb(242, 221, 236); color: inherit">hier*</mark>, do as the <mark style="background-color: rgb(242, 221, 236); color: inherit">Hiers</mark> do.</p><p>* Für neue Mitlesende: <mark style="background-color: rgb(242, 221, 236); color: inherit">Hier</mark> nenne ich geheimnistuerisch mein temporäres Zuhause in Italien.</p><p>Ich habe mittlerweile Hinweise darauf, dass es doch nicht nur ein Problem meiner Familie ist, denn Medienberichten zufolge sterben aktuell immer wieder Boomer*innen aus westlichen Ländern, weil sie sich bei großer Hitze krass unvernünftig verhalten. »Oh, die Akropolis hat wegen der Hitzewelle geschlossen, ach, dann lass uns doch stattdessen in die Berge wandern gehen. Nur schnell noch den Wein austrinken.«</p><p>Zeit, mal wieder die formale Logik auspacken:</p><p>Wenn es a Guada aushoid, und weiße Boomer*innen es nicht aushoiden, dann sind weiße Boomer*innen nicht gut und sollten lieber nicht mehr über die Zukunft der Menschheit bestimmen. Logisch, oder?</p><p>Gerade sagte mein Mann: »Ich kann jetzt endlich mit dem anstrengendsten Teil der Bauarbeiten anfangen, es wird gerade richtig heiß.«</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Neues: Mein Gewaltfantasientiktokgedankenspiel</h2><p>Maus soll doch, sagen sie jetzt dauernd auf Instagram, TikTok reclaimen, und deshalb habe ich mir überlegt, einen Kanal »Stilvoll verroht« zu machen und darin meine Klarkommen-in-einer-Welt-der Horrorclowns-Gewaltfantasien zu präsentieren, das würde ganz sicher supererfolgreich, denn in Deutschland ist Gewaltdarstellung (und auch Gewalt selbst) ja okay, solange maus sich nicht im Ton vergreift (= komplett verzweifelt ist und laut wird) und vor allem nicht stillos daherkommt (= die falschen aka mächtigen Leute angreift), Mist, Letzteres hatte ich ja schon irgendwie vor. Günstige Fügung aber: Der RBB kann mir, anders als El Hotzo, gern einfach schon vor unserer Zusammenarbeit kündigen, denn ich würde eh niemals freiwillig Kollegin von Dieter Nuhr werden.</p><p>Auf die Idee für <em>Stilvoll verroht</em> habe ich mich selbst gebracht, als ich <a href="https://bsky.app/profile/fraufrohmann.bsky.social/post/3kxzbpry72d22">das hier fantasierte und postete</a>.</p><p><em>Aber Frau Frohmann, so eine nette Frau und dann diese Gewaltfantasien … Seien Sie doch lieber wholesome, die Menschen brauchen das, sagt doch auch die Neurowissenschaft auf Instagram.</em></p><p>Ja ja, stimmt schon, aber ich denke, es ist der Mix: sich einzugestehen, gerechte Wut zu empfinden, diese Wut in Handlung münden zu lassen und dann aber auch sich selbst und anderen (nicht Nazis!) gegenüber sanft und achtsam zu sein. Wenn aber alle mit bisschen Herz immer nur sanft und achtsam sind, nützt das leider unbeabsichtigt den Horrorclowns, die alle Sanften und Achtsamen verachten und gern in der Pfeife rauchen.</p><p>Meine Gewaltfantasien brauche ich – zusätzlich zu sehr lauter, sehr brutaler Musik mit nicht immer ethisch überzeugenden Texten –, um den Druck, 24/7 einer wirklich ekelhaft ungerecht organisierten Welt ausgesetzt zu sein und zu beobachten, wie Menschen in ihr zerschreddert werden, auszuhalten. Ich habe diese Fantasien nicht oft, vielleicht einmal pro Vierteljahr, ich bin Quartalsgewaltfantastin. Hardcore-Musik höre ich wesentlich öfter, eigentlich immer, wenn ich nicht ultrasanfte, elegische Musik höre. Meine Gewaltfantasien sind glücklicherweise relativ harmlos, niemals stehe ich darin mit einer Pumpgun rum und ballere auf wehrlose Menschen, nein, böse Menschen evozieren selbst die Gewalt gegen sich, etwa indem ein gewisser Ex-Präsident beim Pussygrabben aufgeregt das Atmen vergisst und einen Herzinfarkt erleidet oder Incels sich wegen Wut über irgendeine feministische Errungenschaft wie Rumpelstilzchen (Urvater aller misogynen Horrorclowns) selbst ein Bein ausreißen und dies leider nicht überleben. Was DT neulich real widerfahren ist, bevor er mit Blut am Ohr die Faust reckte und FIGHT schrie, hätte so eine Phantasie von mir gewesen sein können: Ein Dude, der alle weißen Maskus des Planeten aufhetzt, sich zu bewaffnen und draufzuballern, um ihre Interessen durchzusetzen, wird genau von so einem Dude angeschossen. Ja, nun. Er tat mir null leid. DT hat Menschenleben auf dem Gewissen, um die tut es mir leid, deren Angehörige tun mir leid. Nein, es hätte mir auch nicht leid getan, wenn er. Wer mich jetzt verroht nennen möchte, hat vermutlich nicht sein ganzes Leben damit verbracht, im öffentlichen und privaten Raum unter erheblichen Anstrengungen auszuleveln, möglichst nicht von übergriffigen Typen eingeschränkt, bedroht und sogar angegriffen zu werden.</p><p>– P., du hast neulich irgendwo gefragt, wie Menschen es schaffen, nicht andauernd auszurasten. Meine Formel lautet: temporäre Isolation + regelmäßig brutale Musik + maßvolle Gewaltfantasien + Katze kaputtstreicheln (metaphorisch gemeint). Aber auch diese Kombi wirkt natürlich nicht immer und auch nicht nachhaltig.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Unheimliches: Zootiere nach toten Frauen benennen wollen</h2><p>Das Berliner Zwergflusspferd heißt nun Toni, und das ist relativ gut so, denn der aus Berlin stammende Fußballspieler Toni Rüdiger konnte sich selbst aussuchen, ob er es okay findet, dass es nach ihm benannt wird. Außerdem ist es sympathisch Berlin-easy, ein offiziell als Mädchen deklariertes Wesen nach einem Typen zu benennen. Nicht so gut ist, dass es ungefragt sehr viele andere Tonis betrifft. Ein naher Toni-Mensch von mir ist, glaube ich, tendenziell eher genervt, weil schon gefühlt 25 % aller Filmfiguren, Unternehmen und Konsumprodukte irgendwas mit Toni heißen.</p><p>Wiederum gut, nein, sehr gut ist, dass das Flusspferdchen nicht nach einer historischen Person benannt wurde, vor allem nicht nach einer Frau und ganz besonders nicht nach einer ermordeten Politikerin wie Rosa Luxemburg – auch das war einer der Vorschläge –, denn das Letzte, was tote Frauen zurück aus der Zukunft brauchen, ist Verniedlichung, die zwar in Bezug auf lebende Frauen oft lieb gemeint ist, aber trotzdem zu Leb- und Totzeiten ein Kleinmachen bedeutet, das auf vielfältige Weise nachteilhaft wirken kann, unter anderem, weil dadurch Politikerinnen per se wieder (noch?) weniger ernst genommen werden. Ohne ein Flusspferd namens Rosa gibt es aktuell noch eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass Menschen beim Namen Rosa an Rosa Luxemburg denken. Mit einem Flusspferdbaby gleichen Namens in allen Medien hätte sich dies in kurzer Zeit geändert. Tonis sind ja, wie gesagt, eh schon omnipräsent, das kann kaum noch gesteigert werden. Der Toni, dem ein erheblicher Teil meines Herzens gehört, ist trotzdem einzigartig.</p><p>Nennt also gern mehr Straßen, Plätze, Schulen, Flughäfen nach Menschen, die nicht in Vergessenheit geraten sollten, obwohl sie keine weißen Dudes waren. Das ist besser.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/a73783ca-ac90-49df-97e6-1c6ed90fe7d9/uploads/images/2sjunlcatx/fft_toni_kino_schriftzug.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Schriftzug vom Kino TONI"/><hr aria-hidden="true"/><h2>Rubrikloses</h2><p>Während Zoos, Flusspferdchen hin oder her, zu recht als zweifelhafte Institutionen gelten, sind Gärten, die immer mehr Wildtiere beherbergen eher erfreulich. Bei mir tockern dieses Jahr gleich zwei Buntspechte herum, und zwei Eichhörnchen werfen mit Haselnüssen nach mir, es trifft sich wohl gut, dass der Kater etwas gesetzter geworden ist und deshalb nur noch Mäuse killt, die bei Starkregen aus ihrem Loch, ihm direkt ins Maul geschwemmt werden.</p><p>Ein neues Wort für euch: Das zwischen Gurren und Keckern liegende Geräusch, das Eichhörnchen machen, soll ab jetzt »squirreln« heißen.</p><p>Empirischer Aberglaube: Ich freue mich mal lieber nicht zu früh, gerade hat es gesquirrelt und Laser ist instant sehr forsch von seiner Schlafbank aufgestanden.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/a73783ca-ac90-49df-97e6-1c6ed90fe7d9/uploads/images/lfnekspmrg/IMG_6472.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Eichhörnchen mit Haselnuss im Maul"/><h6>Die Haselnüsse von drei riesigen Sträuchern gehen zu 100 % an die Genuss-Hörnchen.</h6><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/a73783ca-ac90-49df-97e6-1c6ed90fe7d9/uploads/images/37f7p5k3uk/IMG_6461.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Gruselige Katzenfigur"/><h6>Eerie Ebay 1</h6><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/a73783ca-ac90-49df-97e6-1c6ed90fe7d9/uploads/images/4w2g2fekdo/IMG_6458.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Gruselige Katzenfigur"/><h6>Eerie Ebay 2</h6><hr aria-hidden="true"/><p>Nachtrag zum lieben Straßenverkehr in Italien: Kurz vor meiner Abreise war ich erneut schockstarr, weil ein Autofahrer abrupt anhielt, um mich über ein winziges Sträßchen zu lassen. Ich stand und stand und stand, irgendwann lehnte er sich aus dem Fenster, sah aus wie Giorgio Armani mit 70, lächelte und sagte: Prego, prego. Ging ich dann endlich rüber? Nein, ich lächelte zurück, gefühlt ziemlich fratzenhaft, leider, und bog dann kopflos rechts ab, was einen kapitalen Umweg bedeutete. Vermutlich bin ich <mark style="background-color: rgb(242, 221, 236); color: inherit">da</mark> längst »die satanistische* Deutsche, die immer mitten auf der Straße stehenbleibt«.</p><p>* Siehe letzte Folge.</p><hr aria-hidden="true"/><p>Weitere Novellen-Kritikchen:</p><h3>(6) Wilhelm Hauff, Jud Süß, 1827</h3><p>Antisemitisch. Sehr, sehr, sehr antisemitisch. – Das ist aber kein Grund, <em>Jud Süß</em> in der deutschsprachigen Wikipedia nicht als Beispiel für eine Novelle zu anzuführen. – Gut finde ich, dass im Text die aufrechten aka nicht jüdischen Würtemberger unabsichtlich mindestens genauso unsympathisch rüberkommen wie die Titelfigur. Und dieser eklige lieb antisemitisch gemeinte Topos »der schönen Jüdin« zeigt einfach nur, dass Frauen grundsätzlich nicht als Subjekte gesehen werden, da ist es schon fast wieder schnuppe, ob das Objekt der Begierde jüdisch ist oder eine gute Christin. Ab ins Altpapier mit diesem Drecksbuch und raus aus der Wikipedia, meine Güte.</p><hr aria-hidden="true"/><h3>(7) Johann Wolfgang von Goethe, Novelle, 1828</h3><p>Die <em>Novelle</em> heißende und ziemlich lehrstückhaft verfasste Novelle mag ich irgendwie, bin etwas peinlich von mir selbst berührt. Als Schullektüre ist sie aber absolut verzichtbar. (Müsste ich in der Novelle leben, wäre ich definitiv lieber mit der Schaustellerfamilie als mit den Adeligen befreundet.)</p><hr aria-hidden="true"/><h3>(8) Annette von Droste-Hülshoff, Die Judenbuche, 1842</h3><p>Die einzige von einer Autorin verfasste Novelle, die relevant genug war, um im deutschsprachigen Wikipedia-Artikel »Novelle« erwähnt zu werden. Sorry, ich will nicht schon wieder so undankbar klingen, ist ja bei 29 Nennungen auch kein Wunder. Ob <em>Die Judenbuche</em> jetzt ein Text ist, der einen im Jugendlichenalter aka in der Schule mitreißt, sei mal dahingestellt, aber so freiwillig gelesen hat er wirklich viele interessante Lagen und überzeugt durch erzählerische Raffinesse. Könnt ihr ruhig mal (wieder) lesen.</p><hr aria-hidden="true"/><h3>(9) Jeremias Gotthelf, Die schwarze Spinne, 1842</h3><p>Ich bin besessen von <em>Die schwarze Spinne,</em> weil diese nicht nur großartig gebaut und geschrieben ist, sondern obendrein ihrem Autor derart glamourös entläuft, dass es eine feministische Wonne ist. Darüber habe ich schon vor Ewigkeiten mal bei einer Veranstaltung in der Buchhandlung Ocelot gesprochen, Zoë Beck meinte damals, ich müsste das unbedingt noch in einem Text verarbeiten. Das mache ich vielleicht tatsächlich irgendwann. Wenn es einen Kanon gibt, bleibt <em>Die schwarze Spinne</em> drin.</p><hr aria-hidden="true"/><h3>(10) Eduard Mörike, Mozart auf der Reise nach Prag, 1855</h3><p>Ganz putzig, aber für meinen Privatgeschmack zu putzig, halt so, wie man sich Mozart vorstellt, wie in <em>Amadeus,</em> bisschen hahahöhö, bisschen schweinischer Witz, bisschen morgen tot. Gut für die Schule, weil beim Abi wirklich jede*r drauf kommt, was das Dingsymbol ist. Schlecht für die Schule, weil etwas beliebig.</p><hr aria-hidden="true"/><h3>(11) Gottfried Keller, Romeo und Julia auf dem Dorfe, 1856</h3><p>Poetischer Realismus lässt mich nicht kalt, aber Geschichten von toxischen Männern, die ihre eigenen Leben und die Leben anderer abfucken, möchte ich nicht mehr lesen und noch weniger leben. Wäre doch mal eine schöne Abwechslung, wenn junge Menschen in der Schule eine Novelle zu lesen bekämen, in der das unerhörte Ereignis ist, dass das Patriarchat überwunden wurde.</p><hr aria-hidden="true"/><h3>(12) Gottfried Keller, Kleider machen Leute, 1874</h3><p>Das alles lässt sich im Deutschunterricht bestimmt wunderbar auf die performative Social-Media-Kultur übertragen, aber ich fand die Geschichte bisschen fad, sorry.</p><hr aria-hidden="true"/><h3>(13) Conrad Ferdinand Meyer, Der Schuss von der Kanzel, 1878</h3><p>So humoristisch wie deutsche Herren-Comedy, kann raus.</p><hr aria-hidden="true"/><h3>(14) Theodor Fontane, Unterm Birnbaum, 1885</h3><p>Bisschen viel unheimliches Gedöns, das mag ich nur, wenn es subtiler daherkommt, aber alles in allem nicht schlecht. Gibt jedoch Besseres von Fontane und viel bessere Novellen von anderen. Kann man lesen, aber dürfte im Schulunterricht eher nerven.</p><hr aria-hidden="true"/><h3>(15) Gerhart Hauptmann, Bahnwärter Thiel, 1887</h3><p>Hat mich komplett zerstört, heißt, große Literatur. Schön zu lesen ist das aber nicht, solche Geschichten rund um strukturelle und individuelle Grausamkeit werde ich immer ganz lange nicht los.</p><p><em>tbc</em></p><hr aria-hidden="true"/><p>Glaskugelgedanke: Jetzt kann es nur noch ungefähr zehn Jahre dauern, bis im innovationsbedächtigen Deutschland leerstehende Bürogebäude (nicht benötigt) in Wohnraum (benötigt) umgewandelt werden. So bleibt viel Zeit für Vorfreude.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Präraffaelitische Girls erklären</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/a73783ca-ac90-49df-97e6-1c6ed90fe7d9/uploads/images/xpbvf36z2n/fv_pgd_mordlust.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Gemäldeausschnitt. Flöte spielender Soldat, dem zwei junge Personen mit ungläubigem Blick zuhören. Hinzugefügter Text: Ja, Präraffaelitische Girls hatten gesagt, dass bürgerliche Menschen wieder Zugang zu ihren Gefühlen finden müssten, aber sie hatten dabei nicht so sehr an Mordlust und Kriegsgeilheit gedacht."/><hr aria-hidden="true"/><p>Maus sieht sich. Seid lieb, nur nicht zu Nazis.</p><p>XOXO,<br/>FrauFrohmann</p><p></p><p>WERBUNG: Kauft euch ein schönes <a href="https://mausmode.3dsupply.de/">Mausmode-T-Shirt</a>. Verschenkt <a href="https://pgexplaining.3dsupply.de/de/motive/madchensachen-gewerkschaft-6300d599-5c53-460c-86db-63d8337cdb12/120">Mädchensachen-Poster</a> zur Einschulung.</p><hr aria-hidden="true"/><p>Das Coverbild ist eine Illustration von Alastair zu Oscar Wildes <em>Salomé</em>.</p><p></p><h6>#Alastair #Gewaltfantasientiktokgedankenspiel #Glaskugelgedanke #Novelle #PGExplaining #Selbstgefährdung #squirreln #TikTok #Überheblichkeit</h6><h6></h6>]]></content:encoded>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/a73783ca-ac90-49df-97e6-1c6ed90fe7d9/uploads/images/anmi6bvgau/Alastair_Salome.jpg?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;fm=jpg&amp;crop=faces" medium="image"/>
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      <pubDate>Tue, 20 Aug 2024 19:35:37 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 113]]></title>
      <description><![CDATA[Novellen-Kürzest-Kritiken / Charles-Dickens-Katzenvideos / Emily Dickinson und Taylor Swift / Femizid Disco / Drei Katzen / Misogyne KI / Marie Bracquemond /PGExplaining]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/cb5143e2-9a10-420c-82ba-f3971a934284/uploads/images/hodszr5tjh/ob_Marie_Bracquemond_Selbstportrat.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Selbstporträt von Marie Bracquemond mit abwesendem Blick"/><h2>Vorweg</h2><p>Da möchte ich nicht mal begraben sein, sagen Menschen, wenn ein Ort so richtig abgewertet werden soll. Ich aber würde sehr gern <mark style="background-color: rgb(242, 221, 236); color: inherit">hier</mark>, wo ich bin, begraben werden, natürlich nicht jetzt, sagen wir, so in 35, 40 Jahren. Wieso <mark style="background-color: rgb(242, 221, 236); color: inherit">hier</mark>? Weil die Leichenwagen <mark style="background-color: rgb(242, 221, 236); color: inherit">hier</mark> von Maserati sind, und das finde ich, die Keinautonärrin, schick. Maßvoller Autoeinsatz zu besonderen Anlässen steht ja ohnehin nicht in der Kritik, das übersehen die entrüsteten Zwei- bis Dreifachautobesitzer (wollen nicht gegendert werden, ok) gern beflissentlich.</p><p>Bisher habe ich Maserati-Leichenwagen in Schwarz, Weiß und Gold gesehen. Besser, als im goldenen Maserati mit 3 km/h zum Fotofriedhof (<a href="https://steadyhq.com/de/umsehenlernen/posts/8ef2cf36-4c90-446d-bb43-e49a369ae428">siehe Folge 110</a>) gefahren zu werden, würde mir nur ein Trauerzug mit Schwanentretbooten gefallen oder mit von Kätzchen gezogenen Kürbiskutschen.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Altes: Novellen lesen</h2><p>Ich lese gerade für einen eigenen Text hintereinander 29 Novellen. Im Folgenden meine Kürzestkritiken für die ersten fünf.</p><p></p><h3>(1) Heinrich von Kleist, Das Erdbeben in Chili, 1807</h3><h3><strong><em>* * * * *</em></strong></h3><p>Liest sich immer noch frisch, und der letzte Satz ist weiterhin top. Diese kurz aufflackernde menschliche Gemeinschaft aus Not, die im nächsten Augenblick wieder ins Mörderische kippt, kennt auch weiße Westmaus seit Corona aus dem eigenen Leben. Kann von mir aus gern Schulstoff bleiben, wenn ausreichend andere weiße Dudes rausfliegen.</p><p></p><h3>(2) Heinrich von Kleist, Michael Kohlhaas, 1807</h3><h3><strong><em>* * *</em></strong></h3><p>Klar, besser geschrieben als viele andere Texte weniger begabter Autor*innen, aber ich hasse Michael Kohlhaas, den Text, die Figur – er nervt mich wirklich noch mehr, als er im Text Luther nervt –, diese cool-heroische Guerilla-Attitüde, die sich aus dem Erzählten ableiten lässt. Brandgefährlicher Text für tiktokende junge cis Dudes, die bestimmt auch ganz fest glauben, nur einzufordern, was ihr gutes Recht ist. Heute verstehe ich, warum ich den Text schon früher nicht mochte: Er kann Frauen und andere gesellschaftliche Nebenfiguren mittelbar das Leben kosten.</p><p>Raus aus dem Kanon.</p><p></p><h3>(3) Adelbert von Chamisso, Peter Schlemihls wundersame Geschichte, 1813</h3><h3><strong><em>* * *</em></strong></h3><p>Nervige, übersimple Male-tears-Geschichte. Hätte ich mich damals nur nicht, sonder lieber, buhubuhu. Der Teufel mit der Technik ist an allem schuld. Geld macht nicht glücklich. Liebe ist Leiden. Image ist alles. Wissenschaft tröstet. Natur heilt. Wie kann eine unheimlich daherkommende Geschichte nur so öde sein.</p><p>Raus aus dem Kanon.</p><p></p><h3>(3) Joseph von Eichendorff, Das Marmorbild, 1819</h3><h3><strong><em>* * *</em></strong></h3><p>Ähnlich einfach gestrickte Geschichte, in der ein – Überraschung! – junger, weißer Mann, Florio (als Vorname eine wirklich grauenhafte Erfindung des Autors) zwischen antikem Eros und christlicher Liebe hin- und hergerissen ist. Die aufmerksame Leserin stellt fest, dass Florio aber noch viel mehr von dem christlichen Läuterungssänger Fortunato hingerissen scheint, da wird verdammt viel über dessen Anmut und das eigene Wohlgefallen darüber geschrieben. Kritische Nachfrage: Kann die moralische Rettung Florios durch Fortunatos aufrechte Christen-Lieder wirklich funktionieren, wenn gleichzeitig so, zwinkazwonka, »antik« gebalzt wird? Stilistisch sehr unangenehm finde ich die Selbst-Adressierungen des Autors aus dem Text heraus. Adelbert dies, Adelbert das. Und Frauen, egal, ob christlicher Engel oder pagane Hure, kommen, mann muss es in der Zeit sehen, nur als Bilder vor: »Marmorbild«, »Standbild«, »Engelsbild« sowie der misogyne Schocker »schönes Bildchen«.</p><blockquote><p>Als sie die Zweige hinter sich rauschen hörte, sprang das schöne Bildchen rasch auf, steckte die Larve vor und floh, schnell wie ein aufgescheuchtes Reh, wieder zur Gesellschaft zurück.</p></blockquote><p>Das schöne Bildchen gibt dir gleich aufgescheuchtes Reh, Adelbertchen.</p><p>Raus aus dem Kanon.</p><p>Lustig fand ich, dass Fortunato ein Vorläufer der »Hast du es mal mit Yoga probiert«-Endgegner aller Depressiven ist.</p><blockquote><p>»Der Morgen«, sagte Fortunato lustig, »ist ein recht kerngesunder, wildschöner Gesell, wie er so von den höchsten Bergen in die schlafende Welt hinunterjauchzt und von den Blumen und Bäumen die Tränen schüttelt und wogt und lärmt und singt. Der macht eben nicht sonderlich viel aus den sanften Empfindungen, sondern greift kühl an alle Glieder und lacht einem ins lange Gesicht, wenn man so preßhaft und noch ganz wie in Mondschein getaucht vor ihn hinaustritt.«</p></blockquote><p>Fortunato, sei bitte leise, ich hatte erst einen Kaffee.</p><p></p><h3>5) E. T. A. Hoffmann, Das Fräulein von Scuderi, 1819</h3><h3><strong>* * * *</strong></h3><p>Gar nicht schlecht für einen Serapions-Bro von Adelbertchen. Die junge weibliche Nebenfigur in dieser vermutlich ersten deutschsprachigen Kriminalnovelle, falls nicht demnächst noch eine aus der Geschichte getilgte einer Autorin auftaucht, hat zwar noch nicht übermäßig viel Eigenleben abbekommen, anders aber das Fräulein von Scuderi. Das, äh, sie, ist nicht nur Titel- und Hauptfigur, sondern wird als talentierte Autorin und gewitzte Person dargestellt, sie wirkt beinahe lässig. Die flotte Geschichte selbst klebt auch nicht zu sehr an binärer christlicher Moral, sondern mehr daran, was Individuen mitunter an Denkarbeit, aber auch Leid auf sich nehmen, um Unheil von anderen Menschen abzuwenden. Selbst der fiese Serienkiller macht ein, zwei nette Sachen, ich finde lustig, dass er sein minimal-ethisches Verhalten nicht durchhält, sobald es um Schmuck geht. Dass ich mich ein bisschen mit ihm identifiziere, kann ich nicht dem Autor vorwerfen.</p><blockquote><p>Schon in der frühesten Kindheit gingen mir glänzende Diamanten, goldenes Geschmeide über alles.</p></blockquote><p>Kann bleiben.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Neues: Charles-Dickens-Katzenvideos</h2><p>Für Viele bestimmt ein alter Genre-Hut, für mich ein neuer: Instavideos, in denen Menschen von ihrer Rettung einer Katze berichten. Katzenrettungsvideos lassen sich, wenn maus gern einordnet, als Cat Content, Vorher-Nachher- und Savior-Erzählungen betrachten. Blickt maus sarkastisch bis zynisch darauf, sind es auch Make-overs.</p><p>(1) Es beginnt mit einem Rückblick: <em>So sah die Katze aus, als wir sie fanden/als sie zu uns kam. </em>Die Katze sieht absolut fürchterlich aus, ist zerroppt, zerkloppt, verstümmelt, räudig, blutig, am Arsch. Die Katze ist auch traumatisiert, das zeigt ihr aggressives und verängstigtes Verhalten, sie fürchtet Menschen und lässt Berührung nicht zu. Die Musik im Video ist elegisch.</p><p>(2) Liebe Menschen investieren Zeit, Geld, Gefühle und päppeln die Katze auf, geben ihr Raum, gute Erfahrungen zu machen. Sie wecken im Publikum Gefühle der Bewunderung, Dankbarkeit, Erleichterung. Seien wir mal ehrlich: Nicht alle Menschen wären bereit gewesen, so ein eklig aussehendes, wüst rumfauchendes Vieh anzufassen und mitzunehmen. Die Musik gönnt erste muntere Töne.</p><p>(3) Die Katze lebt jetzt wie die Made im Speck. Ihre Wunden sind verheilt, das Trauma ist weitestgehend überwunden, ihr Fell glänzt auf Chinchillaniveau. Wir sehen die glücklichste, dankbarste, beste Katze der Welt. Wie cute kann ein Hundertjähriger mit Diabetes sein. Happy Music.</p><p>Der Algorithmus hat schnell erkannt, dass ich auf diese Videos stehe und ballert sie mir nun andauernd rein. Katzenrettungsvideos kicken, so wie früher Charles-Dickens-Romane kickten. Bei beiden steckt ja anscheinend auch ein ordentliches Maß echte Empathie dahinter, auch Aufklärungswille, es ist ja wirklich gut, wenn Menschen sich um Mitkreaturen kümmern.</p><p>Aber wie früher bei Dickens habe ich auch immer ein bisschen das Gefühl, dass ich in der gleichen Zeit, in der ich soziale Inhalte konsumiere und dabei ein bisschen Heuli mache, auch gut selbst etwas Soziales tun könnte. Hält mich ausgerechnet engagierte Literatur manchmal, weil es sich so ethisch schön anfühlt, sie zu lesen, vom Engagement ab?</p><p>Für die Katzenrettungsvideos kann ich es sicher beantworten: Sie dienen allein meiner Unterhaltung, selbst wenn sie vermutlich die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass ich irgendwann im Leben ein Rudel hundertjähriger Katzen beherberge und betüddele. Gegen Unterhaltung durch Katzenrettungsvideos spricht ethisch nichts, solange maus nicht so weit geht, den Katzen sehr stark erweiterte Persönlichkeitsrechte zuzusprechen, denn dann wären die Videos Sozialkitsch und das Vorführen der Katzen unmoralisch. So weit würde ich persönlich nicht gehen. Aber es spricht meines Erachtens viel dafür, sich bewusst zu machen, dass der Konsum von Katzenrettungsvideos der persönlichen Unterhaltung dient. Sich beim Zusehen ethisch gut zu fühlen, ist nicht gut. Dafür sollte maus schon etwas Soziales tun. Gern auch etwas für Menschen.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Geborgtes: Ein Zitat</h2><blockquote><p>“One need not be a chamber to be haunted.” <br/>Emily Dickinson</p></blockquote><p>Kulturgossip: Laut einer Genealogie-Seite – ich hasse weiße Ahnenforschung, aber sie drängt sich im Privaten und Öffentlichen gern ungefragt auf – sind Taylor Swift und Emily Dickinson um sechs Ecken verwandt. Egal, oder? Verwandt wären sie auch ohne irgendeinen englischen Einwandererdude, durch ihre Arbeit.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Unheimliches: Songzeilen in meinem Unterbewusstsein</h2><p>Beim Wiederhören mancher Songs, denen ich als Jugendliche unweigerlich zuhörte und viele Jaaberer meiner und späterer Generationen auch, weil es Hits waren, die im Radio oder im Urlaub in der Disco gespielt wurden und werden, stehen mir doch manchmal ein wenig die Haare zu Berge. Falls ihr gleich unsicher seid,– es geht in allen drei Beispielen um Frauen.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/cb5143e2-9a10-420c-82ba-f3971a934284/uploads/images/ze5uch73iu/IMG_5391.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="There are blondes and brunettes just like different cigarettes"/><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/cb5143e2-9a10-420c-82ba-f3971a934284/uploads/images/2fsykmcpop/IMG_5387.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Hey, ho, hey. Hurry up. Don&#39;t give up &#39;til you catch the fox. Hey, ho, hey. Look around like a hound &#39;til you catch the fox."/><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/cb5143e2-9a10-420c-82ba-f3971a934284/uploads/images/lmzw53kwi3/IMG_5390.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Won&#39;t take no not for an answer. You&#39;re my, you&#39;re my ballet dancer."/><p>tbc</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Rubrikloses</h2><p>Die Drei hier hätte ich gern in jeder Ampelsitzung beisitzen, mit <em>Koalitionsvertrag</em>? in den Augen.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/cb5143e2-9a10-420c-82ba-f3971a934284/uploads/images/uisiqobgsj/IMG_5447.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Drei streng blickende Katzen"/><hr aria-hidden="true"/><p>Fragt ein Liberaler: Warum sollte es ein Problem sein, wenn KI unreguliert entwickelt und trainiert wird? </p><p>Übersetzungs-KI:</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/cb5143e2-9a10-420c-82ba-f3971a934284/uploads/images/7cjcx6surp/IMG_5378.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Tontopf mit Harpyie: Übersetzte Bezeichnung: Topf mit bösen Weibern"/><hr aria-hidden="true"/><h6>Cringe-Problem der Woche</h6><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/cb5143e2-9a10-420c-82ba-f3971a934284/uploads/images/ajb26moizl/IMG_5507.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Bild von Julia Soboleva: Cry Baby. Person mit Maske und Kleid sitzt umgeben von teils menschlich wirkenden schwarzen Katzen auf dem Sofa"/><p>Ich habe im Internet diesen Print von Julia Soboleva gekauft, den ich vorher schon sehr lange angeschmachtet hatte. Jetzt traue ich mich nicht, das Bild <mark style="background-color: rgb(242, 221, 236); color: inherit">hier</mark>, im doch sehr katholischen Ort, zum Rahmen zu geben, weil ich fest damit rechne, dann für immer »die deutsche Satanistin« zu sein. Andererseits: besser als »die deutsche Faschistin«. Stay tuned.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Präraffaelitische Girls erklären</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/cb5143e2-9a10-420c-82ba-f3971a934284/uploads/images/jgajk7v4ly/fv_pgd_bff.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Gemäldeausschnitt. Melancholisch blickende Person. Hinzugefügter Text: Demokratie ist diese zurückhaltende Freundin,   von der du erst, wenn du sie verloren hast,   weisst, dass sie deine beste Freundin war."/><hr aria-hidden="true"/><p>Maus sieht sich. Seid lieb, nur nicht zu Nazis.</p><p>XOXO,<br/>FrauFrohmann</p><hr aria-hidden="true"/><p>Das von mir eingefärbte Coverbild zeigt ein 1870 entstandenes Selbstporträt Marie Bracquemonds (1840–1916), die zu den bedeutendsten impressionistischen Maler*innen gehört. Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere gab sie die Malerei auf, weil ihr malender Mann, der sie zunächst künstlerisch gefördert hatte, ihren Stil nicht mochte und allem Anschein nach auch ihren Erfolg nicht. Immerhin wurde <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Marie_Bracquemond">ihr Wikipedia-Artikel</a> bislang nicht gelöscht. Hausaufgabe: Merkt euch ihren Namen: Marie Bracquemond.</p><p><em>Wenn ihr diese Folge mochtet, teilt sie gern in sozialen Medien. Empfehlt »Umsehen lernen« Freund*innen, die Freude daran haben könnten. Vielleicht schließt ihr auch mal für eine Weile ein </em><a href="https://steadyhq.com/de/umsehenlernen/about#js-publication_plans">Bezahl-Abo</a><em> ab, das wäre nett. Kündigungen werden, versprochen, niemals persönlich genommen, außer, ihr verbindet sie mit wütender Mail. (Noch nicht vorgekommen.) Macht euch frei von der Vorstellung, dass ihr alles lesen müsst, was ihr bezahlt. Mit eurem Geld ermöglicht ihr, dass vielfältig publiziert wird, das zählt, weil es demokratiestärkend ist. Ihr lest, was und wann ihr wollt.</em></p><p>#AdelbertvonChamisso #Chamisso #CatContent #CharlesDickensKatzenvideos #DasErdbebenInChili #DasMarmorbild #DreiKatzen #Eichendorff #ETAHoffmann #FemizidDisco #HeinrichVonKleist #JosephVonEichendorff #Kleist #Katzenrettungsvideos #Koalitionsvertrag #KürzestKritik KürzestKritiken #MarieBracquemond #MaseratiLeichenwagen #MichaelKohlhaas #NovellenKürzestKritiken #PeterSchlemihl #PeterSchlemihlsWundersameGeschichte #PGExplaining #RausAusDemKanon #DasFräuleinVonScuderi</p><p></p>]]></content:encoded>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/cb5143e2-9a10-420c-82ba-f3971a934284/uploads/images/hodszr5tjh/ob_Marie_Bracquemond_Selbstportrat.png?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;fm=jpg&amp;crop=faces" medium="image"/>
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      <pubDate>Mon, 24 Jun 2024 09:11:28 +0000</pubDate>
    </item>
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      <title><![CDATA[Folge 111]]></title>
      <description><![CDATA[Buchmessenmütterhotelzimmerfreude / Cat Dads / Neoliberaler Catcontent / Menschsplaining/ Präraffaelitische Girls erklären ]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/55eca37c-5dbf-4d71-8ff3-f33432b786bb/uploads/images/qe623vwpge/vigeelebrunladyhamiltonpersiansibyl_Kopie_2.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Life Study of Lady Hamilton as the Cumaean Sybil"/><p></p><h2>Vorweg</h2><p>Es geht auch in dieser Folge wieder massiv um Katzen, aber wie ich schon vor langer Zeit sagte: »<a href="https://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.interview-zu-katzen-videos-internet-videos-sind-das-moderne-opium-des-volkes.90f6e1c4-a208-450b-9115-dbdeebdf4ecf.html">Katzenvideos sind nur auf den ersten Blick banal, sie erzählen uns ganz viel über das Netz und die Gesellschaft.</a>« Also seid tapfer, selbst wenn ihr lieber Hunde oder gar keine Haustiere mögt.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Altes: Buchmessenmütterhotelzimmerfreude</h2><p>Ich bin dieses Jahr erneut nicht bei der Leipziger Buchmesse – kein Geld, kein Gefühl der Zugehörigkeit wegen immer größerer rechter Präsenz –, aber ich erinnere mich sehr gut an das, was ich an beiden alten Buchmessen immer am meisten mochte: die Zeit allein im Hotelzimmer. Ein sauberes, idealerweise komplett gesichtsloses Zimmer mit frischer Bettwäsche und WLAN für mich allein (Motel One!), das war meine 21.-Jh.-Version von <em>A Room of One’s Own.</em> Nicht, dass ich in einem dieser temporären eigenen Zimmer jemals etwas Literarisches verfasst hätte – ich schlief in erster Linie oder glotzte Serien. Aber es war ein Frei-Raum, in dem ich mir wenigstens wieder vorstellen konnte, irgendwann mal etwas Schöpferisches auf die Reihe zu bekommen und nicht nur erschöpft zu sein von der Care und vom brotlosen Indieverlegen.</p><p>Vielleicht sollte ich fiktive Messen und Konferenzen konzipieren und stattlich staatlich fördern lassen, um Müttern und andere Erschöpften immer mal wieder drei Tage Schlafen und Chillen zu ermöglichen.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/55eca37c-5dbf-4d71-8ff3-f33432b786bb/uploads/images/ygwt63rtbn/23558182_10213649774737771_1840569206_o_10213649774737771.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Hotelzimmer"/><h6>Paradies</h6><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/55eca37c-5dbf-4d71-8ff3-f33432b786bb/uploads/images/agagddpcin/cat_content_hotelschild_2019.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Nicht-stören-Schild"/><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Neues: Cat Dads</h2><p>Aktuell regen sich feministische Journalist*innen und Aktivist*innen zu Recht über überpräsente feministische cis Dads und Dudes auf, die mal wieder das Rad neu erfinden, aber dafür mit minimaler Arbeit maximale Aufmerksamkeit und ein schönes Geschäftsmodell bekommen. Ich möchte mich daran anschließend über Cat Dads aufregen.</p><p>Cat Dads haben keine Kinder, sondern Katzen, und, ja, sie nennen sich wirklich selbst so. Feministisch sind sie nur scheinbar, weil sie die an sich wundervolle Erfahrung, die gerade cis Männer unbedingt machen sollten, im Umgang mit einer Katze leichter Zugang zu den eigenen Gefühlen zu finden, gleich wieder in ein Distinktionsmerkmal ummünzen: <em>Hey, falls du, was ja zunehmend wahrscheinlich ist, Feministin bist, ICH bin ein sensibler Cat Dad, mir kannst du getrost vertrauen und auf Instagram folgen.</em> Die Instagram-Cat-Dads sind die neuen Tinder-Feministen, sie sind auf dem nächsten Level unterwegs und machen gleichzeitig Dates und Werbeeinnahmen klar.</p><p>Jahre- bis jahrzehntelang haben Menschen, darunter auffallend viele Nicht-cis-Dudes, Cat Content produziert, in dem Katzen in ihrem Katzen- und Cutesein gefeiert wurden. Okay, manchmal wurden und werden Katzen auch kostümiert, das ist ethisch zweifelhaft, aber Katzen lassen sich ja erstaunlich oft und mit der Zeit immer begeisterter auf Dinge ein, die ursprünglich nicht artgerecht sind, etwa rumgeschleppt und abgeküsst werden. Aber das ist ein anderes Thema. Auch ein anderes Thema ist, dass dabei in Einzelfällen durchaus mal sehr viel Geld verdient wurde, aber dann waren auch wieder irgendwelche cis Dudes als Meme-Manager mit an Bord. (Würden sich Meme-Manager heute Meme-Dads nennen?)</p><p>Cutes Katzendada ballerte aber üblicherweise einfach so vor sich hin. Für Klicks, ja, aber vor allem als sozialer Kitt des Internets. Da kannten sogar offizielle Intellektuelle plötzlich nichts mehr und hauten ihre Katzenbilder raus. Und das ist bis heute auch das Schöne am Cat Content, er hat etwas Karnevalistisches (das gute, die Ordnung störende Karnevalistische, wie es Bachtin beschreibt). Beim Cat-Content darf Mensch auch mal uncool und cringe sein oder gefühlvoll, was leider in Deutschland ein Synonym für uncool und cringe ist.</p><p>Der Cat Dad aber macht, egal, wie lieb er mit ihr umgeht, die Katze zum Accessoire, er lässt sie neben sich herlaufen, um selbst erhabener und magischer zu wirken, wie so ein Ritter in den alten Sagen. Das ist ganz klar Internetlästerung, denn »das Internet ist eine Katze« (Peter Glaser). Cat Dads machen das Gleiche wie übergriffige cis Dudes, die metoo-Romane schreiben. Sie ziehen da eine falsche neue Ordnung ein, wo gerade die Unordnung befreiend wirkte.</p><p>Cis Dudes, bitte erfahrt offline, wie es ist, von der Cuteness einer Katze emotional erweckt zu werden. Ihr könnt uns nichts Neues erzählen, denn wir hatten immer schon Gefühle. Miau.</p><p>Cute Cat Dada &gt; Cat Dads Blabla</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/55eca37c-5dbf-4d71-8ff3-f33432b786bb/uploads/images/ncph4mvxge/laser_dit_decke.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Person mit Katze unter Decke auf Couch"/><h6>Cutes Privatbild, wie es sich gehört</h6><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Unheimliches: Neoliberaler Cat Content</h2><p>Nachdem eine Milliarde Fotos, Videos und Memes Menschen eingehämmert haben, dass sie Katzen dafür lieben, per Werkeinstellung unkontrollierbar zu sein und sich nach menschlichen Maßstäben irgendwo zwischen narzisstischem Arschloch und Psychopath zu verhalten, schleicht sich seit einiger Zeit in sozialen Medien ein neues Genre ein: das der selbstoptimierten Streberkatzen.</p><p>Streberkatzen öffnen sich selbst die Haustüre.</p><p>Streberkatzen benutzen die Menschentoilette und spülen danach ab.</p><p>Streberkatzen springen wie Turnierpferde über hohe Hindernisse.</p><p>Streberkatzen zapfen sich, wenn sie Durst haben, selbst Wasser aus dem Spender.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/55eca37c-5dbf-4d71-8ff3-f33432b786bb/uploads/images/qgicnikj43/IMG_4351.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Katze zapft sich Wasser aus Spender."/><p>Ja, das sieht erst mal harmlos aus und kommt wie eine neue Unterart von Cat Content daher, in Wirklichkeiten aber ist es heimtückisch, denn es reterritorialisiert den eher anarchischen <em>Katzen sind Katzen sind Katzen-</em>Content – klassischen Cat Content würde ich als »Cute Dada« bezeichnen – ins System des Kapitalismus und der protestantischen Werkmoral.</p><p>Ich gebe zu, als es mit den Streberkatzen losging, habe ich auch kurz Laser schief von der Seite angesehen und mich gefragt, warum er trotz seiner überragenden Intelligenz nicht mehr erreicht hat, als ans Fenster zu klopfen, die Kellertüre von innen aufzustoßen und aus dem Klo zu saufen. Dann aber ist mir zum Glück wieder eingefallen, dass Laser absolut perfekt ist und gar nichts lernen muss, weil ich es ja bin, die von ihm lernen konnte und durfte: im Zweifelsfall chillen oder schlafen und allzeit krass und cute sein.</p><p>Vermutlich freuen sich Streberkatzen sogar darüber, wenn die Menschen, mit denen sie leben, sich selbst als Cat Dad oder Cat Mom bezeichnen und zu ihnen good boy oder good girl sagen. Streberkatzen sind die felinen Pick me Girls. Sie sind Hundekatzen. Streberkatzen würden Christian Lindner wählen.</p><p>Sollte demnächst geleakt werden, dass die Streberkatzenvideos zu einer Guerillamarketingkampagne der FDP gehören, ich wäre nicht überrascht. (Die CDU/CSU kann ja kein Internet.)</p><p>Warum unheimlich? Gemeint ist dieses unheimlich, das Menschen, rational betrachtet, fühlen müssten, aber nicht fühlen. Das Unheimliche der im Shirt steckenden Kinderarbeit oder eben die neoliberale Katzenarbeit im Insta-Feed.</p><p>Weil das Unheimliche kein verlässlicher Begleiter mehr ist, müsst ihr bitte besonders gut aufpassen, was ihr konsumiert. Das, was unheimlich wirken müsste, es aber nicht tut, macht was mich euch und der Realität, auch wenn ihr es nicht wisst.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/55eca37c-5dbf-4d71-8ff3-f33432b786bb/uploads/images/7padatmblr/laser_zombie.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Kater Laser auf Treppe unter Bild von Zombie"/><hr aria-hidden="true"/><h2>Rubrikloses</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/55eca37c-5dbf-4d71-8ff3-f33432b786bb/uploads/images/xhqga3bl3v/IMG_4470.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Pinker Stoffbehang mit Aufschrift Non Una Di Meno"/><h6>Non Una Di Meno in Palermo</h6><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/55eca37c-5dbf-4d71-8ff3-f33432b786bb/uploads/images/ojgdtauapx/IMG_4498.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Zerbrochene chinesische Teekanne aus den 1920ern"/><h6>Vor einigen Wochen machte ich mir tiefgründige Gedanke über den zarten Rattangriff, der hundert Jahre überdauert hatte. Ich hätte mir undeep denken können, wie es weitergehen würde. #EmpirischerAberglaube</h6><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/55eca37c-5dbf-4d71-8ff3-f33432b786bb/uploads/images/5g4yxlysxr/IMG_4507.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><h6>Nachtrag zur letzten Folge: <br/>Nur wer Katzen füttert, wird ein Blumer. <br/>Wer Katzen menschsplaint, ist und bleibt ein Boomer.</h6><hr aria-hidden="true"/><h2>Präraffaelitische Girls erklären</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/55eca37c-5dbf-4d71-8ff3-f33432b786bb/uploads/images/5agd7a4kys/fv_pg_btd_team_call.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Gemäldeausschnitt. Person liegt am Boden und spielt mit einem Papagei. Hinzugefügter Text:  »Das WLAN ist instabil … ich lasse beim Team-Call die Kamera lieber gleich aus, bin aber ganz bei euch.«"/><hr aria-hidden="true"/><p>Maus sieht sich. Seid lieb, nur nicht zu Nazis.</p><p>XOXO,<br/>FrauFrohmann</p><hr aria-hidden="true"/><p>Empfehlt <em>Umsehen lerne</em>n gern weiter und schließt, wenn euch überraschend Geld in den Schoß fällt, mal für ein Weilchen ein <a href="https://steadyhq.com/de/umsehenlernen/about">Bezahl-Abo</a> ab. Danke für diesen und jenen und allen Support.</p><p></p><p>#Buchmessenmütterhotelzimmerfreude #LeipzigerBuchmesse #ARoomOfOnesOwn #FiktiveMessen #FiktiveKonferenzen #SchlafenUndChillen #CatDads #CuteDada #CatDada #Internetlästerung #NeoliberalerCatContent #Streberkatze #Streberkatzen #Hundekatzen #NonUnaDiMeno #Blumer #Menschsplaining #PräraffaelitischeGirlserklären #PGExplaining</p>]]></content:encoded>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/55eca37c-5dbf-4d71-8ff3-f33432b786bb/teaser_image/1710713211?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;fm=jpg&amp;crop=faces" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/fe13eaa1-07e5-4d99-9e26-933e1c2b7dc4/posts/55eca37c-5dbf-4d71-8ff3-f33432b786bb</link>
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      <pubDate>Sun, 17 Mar 2024 22:06:51 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 110]]></title>
      <description><![CDATA[Fotofriedhöfe / Entboomernde Tätigkeiten / Alastair / Schildkrötenmärchen / Statementschmuck / Stilkritikkritik / Präraffaelitische Girls erklären ]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h2>Vorweg</h2><p>Diese Folge ist sehr katzenfotoreich, ich hoffe, ihr seid nicht allergisch.</p><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8ef2cf36-4c90-446d-bb43-e49a369ae428/uploads/images/am63liqkma/IMG_4062.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Alastair in phantasievollem Gewand vor einer Art Fellvorhang"/><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Altes: Fotofriedhöfe</h2><p>Eine Sache, die ich an Italien seit meinem ersten Besuch als Jugendliche liebe, sind die Fotos auf Gräbern. Maus bekommt so sofort einen Bezug zu den dort begrabenen Personen und ist damit unversehens Teil von deren Gedenken geworden. (So ziemlich genau der umgekehrte Effekt zu den namenlosen Mittelmeertoten und den, wenn es nach deutschen Medien und Entscheider*innen geht, übersehenen palästinensischen Gazatoten.)</p><p>Es ist frappierend, wie einem das Bild eines vor hundert oder dreißig oder zehn Jahren verstorbenen Kindes sofort die Tränen in die Augen treibt. (Analog wird genau das verhindert, wenn in Deutschland kaum Artikel mit Zu-Lebzeiten-Bildern von im Krieg in Gaza getöteten oder auf der Flucht nach Europa ertrunkenen Kindern erscheinen. Was es den israelischen Opfern des Hammas-Terrors nützt, wenn das Leiden und Sterben palästinensischer Kinder verborgen wird, entzieht sich meinem Verständnis.)</p><p>Zurück zu den italienischen Fotofriedhöfen. Ich liebe es, die Gesichter auf den Bildern zu betrachten und mir auszumalen, zu was für Menschen sie gehörten. Die Fotos sind, was den Moment der Aufnahme und die Kleidung der Aufgenommenen angeht, mitunter ziemlich unfeierlich, maus sieht darauf aufgeknöpfte Hemden mit Brusthaar, Kippen in Händen und sogar Babypimmelchen. Bei sehr alten Fotos mag es sich einfach um das einzig erhaltene Bild handeln, aber grundsätzlich lese ich daraus eher ab, dass auf dem Fotofriedhof nicht der klassische gute Eindruck, »was die Leute denken« zählt, sondern, dass maus den Toten so begegnen soll, wie sie von nahen Menschen zu Lebzeiten wahrgenommen wurden: In Grabstätten, die manchmal größer sind als ein tiny house für Lebende, finden sich Ehepaare in Umarmung, Lebemänner, Herzensbrecher*innen und allerliebste Speckbabys. Italienische Fotofriedhöfe, das ist wirklich schön, erzählen vom Leben. Deutsche Friedhöfe erzählen eher davon, welche Steinarten das Bestattungsunternehmen im Sortiment hatte.</p><p>Interessant ist auch, dass Soziale Medien ähnlich wie Fotofriedhöfe funktionieren, in ihnen zirkulieren ebenfalls diejenigen Fotos von Verstorbenen, die bei Angehörigen im Rahmen der Trauer ein »gutes« passendes, stimmiges Gefühl auslösen oder sogar noch von den Toten selbst zu Lebzeiten losgeschickt wurden, womit diese ihr Gedenken vorbestimmt haben. Darüber könnte maus noch ziemlich viel nachdenken, ehrlich gesagt habe ich das schon, wieder so ein Buch, das noch zu schreiben ist.</p><p>Fotografieren wäre auf dem besuchten Friedhof respektlos gewesen, denn er ist ganz klar ein wichtiger Ort für die lebenden Angehörigen – viele Besucher*innen, viele Blumen –, deshalb nur zwei Fotos von den hiesigen Friedhofskatzen, die, bravo, unter dem Schutz der Kommune stehen.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8ef2cf36-4c90-446d-bb43-e49a369ae428/uploads/images/7qxx3m2qnh/IMG_4218.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Vier aneinander geschmiegte Katzen"/><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8ef2cf36-4c90-446d-bb43-e49a369ae428/uploads/images/7kpmfqazwm/IMG_4216.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Katze auf dem Sitz eines geparkten Motorrollers"/><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Neues: Entboomernde Tätigkeiten</h2><p>Immer wieder fragen mich weiße cis Männer aus den geburtenstarken Jahrgängen, wie sie die durch Nonsplaining gewonnene Zeit gesellschaftlich gut nutzen können. Gelogen, aber ich antworte trotzdem gern, und zwar mit einem ersten Praxisbeispiel. Der Boomer im folgenden Bild füttert aus eigenem Antrieb frei lebende Katzen, eine Tätigkeit, die dem Klischee nach nur »sentimentale«, »sozialromantische« Frauen ausüben. Gut für den Boomer, dass er sich unstereotyp verhält, denn so fühlt er sich zu Recht gebraucht, und die Katzen, seine Mitlebewesen, leben dank ihm gut. Care ist immer auch Selbstfürsorge, denn Menschen sind relationale Wesen, auch dann, wenn die Gegenüber Katzen sind.</p><p>Okay, dafür fünf von fünf Sternen, Boomer.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8ef2cf36-4c90-446d-bb43-e49a369ae428/uploads/images/zimj6qgywq/IMG_3823.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Ältere Person in Hosen und mit kurzen weißen Haaren füttert Straßenkatzen"/><p>Vorschlag: Boomer mit neu gefundener, gesellschaftlich schöner Bestimmung im Leben sollen fortan Blumer heißen.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Unheimliches: die Persona Alastair</h2><p>Heute erzähle ich euch ganz rough, weil daraus irgendwann ein feines Buch (Arbeitstitel »Düstere Gestalten«) werden soll, von einer weiteren maximal unrealen aka eine Persona lebenden und damit latent unheimlichen Person namens Alastair. Hans-Henning von Voigt (1887–1969), wie er mit bürgerlichem Namen hieß, war Illustrator (dessen Bilder ich tatsächlich sammle, obwohl ich nie etwas sammle; ich habe sogar letztes Jahr eine vermutlich echte Originalzeichnung für einen Apfel und ein Ei auf Ebay ersteigert), Übersetzer, Kostümbildner, Pianist, vor allem aber eine Erscheinung. Vermutlich gab es außerhalb von dekadenten Romanen kaum eine theatralischere und empfindlichere Person als ihn. Um Alastairs Herkunft ranken sich Geschichten, die zu fiktional klingen, um nicht wahr zu sein. Angeblich war er ein illegitimes Kind des englischen Königs Eduard VII. und lebte als Kind in einer Sekte in Norwegen. (Trauma, ich hör dir trapsen.)</p><p>Die selbst entworfenen, schillernden Kostüme und die atmosphärischen Performances hätten Alastair sicherlich nicht nur zur queeren Icon, sondern auch zum Vorreiter von Glam-Stars wie David Bowie gemacht, würde er nicht bis heute weitgehend unbekannt geblieben sein. Alastairs Wirkung muss sich also auf Umwegen entfaltet haben; es kann davon ausgegangen werden, dass sich weniger zartbesaitete Künstlerpersönlichkeiten, die mit ihm Kontakt hatten, darunter der genialisch rumtuende Mussolini-Fanboy d’Annunzio, ordentlich »inspirieren« haben lassen. Maus kennt das. Im Folgenden Bilder, mehr Worte irgendwann. (Sebastian, falls du mitliest, du erinnerst mich sehr an Alastair, und das ist ein Kompliment.)</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8ef2cf36-4c90-446d-bb43-e49a369ae428/uploads/images/hl72pl2lwv/IMG_4064.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Alastair sitzt in Harlekin-Aufmachung, matt und verträumt wirkend auf einem Sofa"/><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8ef2cf36-4c90-446d-bb43-e49a369ae428/uploads/images/2luwv7tnxq/IMG_4066.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Alastair in Modern-Dance-Pose"/><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8ef2cf36-4c90-446d-bb43-e49a369ae428/uploads/images/4k2blmtmn5/IMG_4065.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Alastair in einem Phantasie-Hermelin-Umhang"/><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8ef2cf36-4c90-446d-bb43-e49a369ae428/uploads/images/glhybokwdd/alastair_salome.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Illustration zu Oscar Wildes &quot;Salomé&quot; mit schattenhaften Gestalten"/><hr aria-hidden="true"/><h2>Rubrikloses</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8ef2cf36-4c90-446d-bb43-e49a369ae428/uploads/images/ogl5ndbkqb/IMG_1323.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Screenshot mit verbalen Selbstumkreisungen eines Instagram-Influencers"/><h6>Oder doch den Blobmoment mit sich allein ausmachen und ausnahmsweise mal nichts ins Internet schreiben?</h6><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8ef2cf36-4c90-446d-bb43-e49a369ae428/uploads/images/dvecrps26v/IMG_4098.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Hals mit dicker Schmuckkette, Text: Ich habe nie passenden Statementschmuck gefunden"/><h6>Endlich verstanden: Es braucht mehr Kaufangebote für Haltung.</h6><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8ef2cf36-4c90-446d-bb43-e49a369ae428/uploads/images/hbd3za34rb/IMG_4091.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Textkachel, in der Polizeisprecher wegen der Klette-Verhaftung Berlin zur linksextremen Hochburg erklärt"/><h6>Ist, wenn ein oder zwei Samples genügen, Berlin dann nicht irgendwie Hochburg für alles, zum Beispiel Hochburg für Zweifelnde am Sinn dieser Aussage?</h6><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8ef2cf36-4c90-446d-bb43-e49a369ae428/uploads/images/p2ol6ppjon/IMG_4071.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Alte Person mit riesiger Häkelkatze auf Couch. Text: Ich, wenn ich deutsche Medienberichterstattung beobachte"/><hr aria-hidden="true"/><p>Ich bin durchaus in der Lage, die Poesie im Realen zu sehen, aber dass ich Momente als buchstäblich märchenhaft empfinde, kommt nicht allzu oft vor. – Vor zwei Tagen Märchen full blast.</p><p>Bei einer langen und anstrengenden Radtour machte ich Halt an einem verlassenen Militärgelände, zu dem ein riesiges, steingefasstes Wasserbecken gehörte. Ich blickte von einer niedrigen Brücke darauf und befand, dass es ziemlich öde aussah, nur ein paar braune Schilfgräser ragten heraus. Plötzlich aber beobachtete ich, wie eine Schildkröte aus etwas fünfzig Metern Entfernung auf mich zuschwamm. Schon von weitem konnte ich erkennen, dass sie mich fixierte, ja, wirklich ganz deutlich Augenkontakt mit mir suchte. Sie schwamm und schwamm und schwamm und starrte mich dabei an. Das alles inmitten eines riesigen, menschenleeren Geländes mit ausgeprägter Dystopienote. Als die Schildkröte vor meiner Brücke angekommen war, öffnete und schloss sie immer wieder ihr Maul. Mit einem Mal kamen etliche Goldfische angeschwommen und umkreisten sie. Es war derart unwirklich und poetisch und schön, dass ich nicht allzu überrascht gewesen wäre, wenn die Schildkröte zu sprechen begonnen hätte. Vermutlich wäre das aber ein Downer geworden und sie hätte nicht gesagt: »Es ist dir bestimmt, in Italien hochkonzentriert wunderschöne Bücher zu schreiben«, sondern »Geil, du bist die erste Touristin, die sich dieses Jahr hier blicken lässt, wo bleiben meine Focacciabrocken?« Damit ich mir die Schildkröten-Erscheinung später selbst glaube, habe ich sie fotografiert.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8ef2cf36-4c90-446d-bb43-e49a369ae428/uploads/images/rigjj2cmiq/IMG_4153.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Schildkröte schwimmt in grünem Gewässer auf Betrachtende zu"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8ef2cf36-4c90-446d-bb43-e49a369ae428/uploads/images/57am2tqikn/IMG_4158.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Schildkröte schwimmt in grünem Gewässer mit Fischen"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8ef2cf36-4c90-446d-bb43-e49a369ae428/uploads/images/vocihlsyma/IMG_4156.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Schildkröte schwimmt in grünem inmitten von Fischen"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8ef2cf36-4c90-446d-bb43-e49a369ae428/uploads/images/45fp4nymdx/IMG_4157.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Schildkröte schwimmt in grünem Gewässer inmitten von Fischen auf Betrachtende zu"/><hr aria-hidden="true"/><h2>Präraffaelitische Girls erklären</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8ef2cf36-4c90-446d-bb43-e49a369ae428/uploads/images/ogowwhvght/fv_pg_btd_tote_menschen.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Gemäldeausschnitt. Paar hält sich an den Händen: Person im Kleid sieht genervt aus. Hinzugefügter Text: Bitte lass uns nicht über Politik reden. Der Gedanke an tote Menschen   passt nicht zu meinem Lifestyle."/><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8ef2cf36-4c90-446d-bb43-e49a369ae428/uploads/images/6ktfirazpl/fv_pg_btd_stilressort.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Gemäldeausschnitt. Müde blickende Person mit Kopftuch und zwei kleinen Kindern. Hinzugefügter Text: Ja, unbedingt möchte ich den Artikel im Stil-Ressort darüber lesen, warum besser nicht permanent über die Nichtanerkennung von Care-Arbeit und   fast tägliche Femizide gesprochen werden sollte."/><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8ef2cf36-4c90-446d-bb43-e49a369ae428/uploads/images/dqhwxpw377/fv_pg_btd_als_ware_nichts.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Gemäldeausschnitt. Person im weißen Kleid hat die Hände verschränkt und sieht aus, als würde sie sich unbehaglich fühlen. Hinzugefügter Text: So tun, als wäre nichts, tötet."/><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8ef2cf36-4c90-446d-bb43-e49a369ae428/uploads/images/gbgo6wamot/fv_pg_btd_kumpelkontrolle.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Gemäldeausschnitt. Person mit hochgesteckten Haaren blickt sarkastisch zu Betrachtenden um. Hinzugefügter Text: Liebes, hör auf, mir die Welt zu herrklären. Verwende deine Zeit sinnvoll und halte übergriffige Kumpels unter Kontrolle, ja, auch Präsidenten."/><hr aria-hidden="true"/><p>Maus sieht sich. Seid lieb, nur nicht zu Nazis.</p><p>XOXO,<br/>FrauFrohmann</p><hr aria-hidden="true"/><p>Das von mir eingefärbte Coverbild zeigt Alastair.</p><hr aria-hidden="true"/><h2></h2><p>#Alastair #Boomer #Blumer #Entboomerung #Fotofriedhöfe #Kumpelkontrolle #PGExplaining #Schildkrötenmärchen #SoTunAlsWäreNichts#Statementschmuck #TödlicherLifestyle</p>]]></content:encoded>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/8ef2cf36-4c90-446d-bb43-e49a369ae428/teaser_image/1709500772?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;fm=jpg&amp;crop=faces" medium="image"/>
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      <pubDate>Sun, 03 Mar 2024 21:21:42 +0000</pubDate>
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    <item>
      <title><![CDATA[Folge 109]]></title>
      <description><![CDATA[Vier Wochen, Season 2 / Katersalon / Erschöpft unter Fitten / Sexismus stärken beim Sexismus benennen / Bitte lass mich aussprechen. / Präraffaelitische Girls erklären]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b8d5b593-b092-40a4-9176-d0d8e5ceb01b/uploads/images/qnbxf4wk24/ul109_cover_Gladys_Deacon.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="John Singer Sargents Pastell-Porträt von Gladys Deacon, sie trägt einen Hut, roten Lippenstift und einen hochgestellten Mantelkragen"/><p></p><h2>Vorweg</h2><p>Nach einem Jahr Unterbrechung ist <em>Vier Wochen, </em>das selbst erlebte Mash-up aus <em>Hangover </em>und<em> Kevin allein zuhause,</em> nun in die zweite Staffel gegangen. In jeweils etwas anderer Besetzung an beiden Schauplätzen: in Italien dieses Mal nur die Eltern – »Es ist eigentlich gar kein Urlaub, wir arbeiten da ja auch«, in Berlin nun beide erwachsenen Kinder die ganze Zeit zusammen – <em>Blickwechsel zwischen ihnen, halbseidener Versuch, ein Lachen zu unterdrücken.</em></p><p>W-i-r, die Eltern, hätten u-n-s-e-r Zuhause nach den Erfahrungen von 2022 im Grunde lieber am Abreisetag zugemauert, als es i-h-n-e-n zu überlassen, aber s-i-e beteuern, dass es gut gehen werde (GUT FÜR WEN?), und, entscheidender, der beste Kater soll sein bestes Leben natürlich auch leben, wenn w-i-r abwesend sind: Laser Frohmann, darin sind sich Menschen-Frohmanns jeder Generation einig, verdient Premium-Care, heißt, er muss zeitnah rein- und rausgelassen, pünktlich gefüttert, auf Zuruf rumgetragen und möglichst oft in überbordender Liebe auf den Kopf geküsst werden.</p><p>S-i-e berichten, dass Laser etwas beleidigt sei und sich protestmäßig auf den zusammengerollten Teppichen eingerichtet habe. (WARUM ROLLEN S-I-E DIE TEPPICHE ZUSAMMEN?)</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b8d5b593-b092-40a4-9176-d0d8e5ceb01b/uploads/images/jbiebp6xex/IMG_3992.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Schlafende Katze auf zusammengerollten Teppichen"/><h6>Foto: © L. Frohmann</h6><hr aria-hidden="true"/><p>Die Berlin-Sequenzen von <em>Vier Wochen, </em>Season 2, können naturgemäß erst wieder in der Rückschau geschrieben werden, wenn Kinder, Kindsfreund*innen und Nachbar*innen nach und nach mit ihren Storys rausrücken, also wird zunächst von unterwegs berichtet, vielleicht aber auch nicht, denn der Newsletter könnte aus meiner Sicht – oft formuliert, null umgesetzt – gern auch mal wieder etwas vom Persönlichen abrücken.</p><p>Vom geheimen Supererholungsort in Italien werde ich erneut nur geblurred erzählen, denn noch mehr als von der überreifen Kernfamilie muss ich mich von Deutschland erholen, und hier in Mpffhmppffhmpffh sind wundersamerweise kaum Deutsche, <em>herrlich!</em> (Performativer Widerspruch, ich weiß.)</p><p>W-i-r haben die Kinder ohne Geld zuhause zurückgelassen (Rache? Pädagogik?), fast wie die Eltern in <em>Hänsel und Gretel,</em> nur dass in unserem Märchen zwei Hänsel vorkommen und beide Ü18 und Ü1,80 sind. Ihre Oma weiß das seit eben und findet es nicht gut, sie stellt sich die beiden ganz sicher fünf- und siebenjährig mit riesigen Augen und Löckchen vor, nicht als die großen Typen aus der Gegenwart, deren Zocken sie nervt. Vermutlich ist in diesem Augenblick schon Geld per Sofortüberweisung an die armen Kinder unterwegs.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Altes: Der Katersalon</h2><p>Letztes Jahr dachte ich, den letzten Katersalon gemacht zu haben. Veranstalten ist noch nie wirklich mein Ding gewesen, und der Katersalon, ursprünglich mal als Marketingtool für den Verlag konzipiert (dafür gewann er 2013 sogar einen Preis) war sehr schnell zu einem schönen, aber unglaublich kräftezehrenden weiteren Universum geworden, das im Grunde nichts mehr mit dem Verlag zu tun hatte, außer in dem Sinne, dass alle meine Projekte eine bestimmte Haltung und Atmosphäre vereint.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b8d5b593-b092-40a4-9176-d0d8e5ceb01b/uploads/images/qlwzt4ruxn/ks_WEI%C3%9F_2013.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Christiane Frohmann, Nadine Hartmann und Diana Weis auf einer Couch sitzend"/><h6>Katersalon im Kater Holzig, irgendwann</h6><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b8d5b593-b092-40a4-9176-d0d8e5ceb01b/uploads/images/voqmlfm25a/ks_Unschick_KikiMoorse_ByMichaelaMM.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Bühnenszene"/><h6>Katersalon im Roten Salon der Volksbühne, irgendwann</h6><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b8d5b593-b092-40a4-9176-d0d8e5ceb01b/uploads/images/66yb7hx4d6/ks_FBM13_Christiane_Julia_Diana.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Christiane Frohmann, Diana Weis und Julia Schramm auf einer Bühne"/><h6>Katersalon in einem Frankfurter Club zur Buchmesse, irgendwann</h6><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b8d5b593-b092-40a4-9176-d0d8e5ceb01b/uploads/images/elchowwcdk/ks_2013_Renate.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Drei verschwommene Gestalten auf einer Bühne"/><h6>Katersalon zu Gast in der Wilden Renate, irgendwann</h6><hr aria-hidden="true"/><p>Nun geht es doch noch mal weiter mit dem Katersalon, und zwar am alten Ort, im Kater Blau, früher Kater Holzig. Ich erzähle euch bald mehr, aber was ich jetzt schon sagen kann: Jess Tartas und Schwartz werden beim ersten Salon aus <a href="https://frohmannverlag.de/products/gewalt-und-poesie">Gewalt und Poesie</a> lesen oder vom dialogischen Schreiben erzählen.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Neues: Erschöpft unter Fitten</h2><p>Auf der Fähre traf mein Mann beim Verstauen seiner riesigen Fahrradtasche (Tasche für das Rad selbst) andere Menschen mit Fahrrad,– wie sich herausstellte, waren es Menschen, die ihr Fahrrad noch weitaus extremer nutzten als er. Ich saß derweil mit meinen schönen, nicht unbedingt übermäßig funktionalen Gepäckstücken irgendwo in einem Polstersessel und starrte aufs Meer.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b8d5b593-b092-40a4-9176-d0d8e5ceb01b/uploads/images/nruvmua6ee/IMG_3922.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Buntes Gepäck links, funktionales Gepäck rechts"/><p>Die eine neue Bekannte meines Mannes kam aus den Niederlanden und fuhr gerade vier Monate lang mit ihrer sieben Jahre alten Tochter durch Europa. Das Kind saß dabei nicht etwa in einem Anhänger, nein, sie strampelte auf ihrem eigenen kleinen Fahrrad, und zwar bis zu 30 km am Tag. (Ich fahre nicht allzu oft 30 km am Tag mit dem Rad.) Der andere neue Bekannte meines Mannes war Ultra-Läufer, der zusätzlich schnell und weit Rad fuhr, um mehr von der Umgebung zu sehen. Er war ebenfalls seit Monaten, mit Unterbrechungen wohl eher seit Jahren unterwegs. Schnell entspann sich zwischen denen, die so was interessiert, ein Gespräch um Zelte, Fahrradtaschen, Räder, zwischendurch spielte mein Mann (genuin kinderlieb, ich nicht) mit der Frau und dem Kind UNO. Ich richtete mich derweil gemütlich in der Rolle »Eine Sache passt nicht zum Rest auf dem Bild« ein und versuchte gar nicht erst, großartig mitzureden oder anderswie zu sozialisieren, aber ich war freundlich, denn die Fitten waren wirklich nett. Mein Mann und ich schwärmten den anderen von Mpffhmppffhmpffh vor, anscheinend sehr überzeugend, denn zwei Tage später begegneten wir dem Läufer-Radfahrer auf dem Heimweg zum AirBnB und boten ihm Stockbett und Dusche an. Noch einen Tag später traf er wiederum zufällig die Niederländerinnen und brachte sie mit zu uns. Wir aßen zusammen, und es wurde wieder viel übers Radfahren und Zelten gesprochen. Ich bemerkte, dass ich grotesk müde vom Sozialisieren war – mein eigentlicher Plan war gewesen, ab Grenzübertritt mehr oder weniger nur mit meinem Mann zu sprechen: still zu werden, ist ein ganz wichtiger Teil meiner Urlaubserholung –, und jetzt waren da diese extrem netten, hyperlebendigen, adrenalingetränkten Supersportler*innen. Da geht maus nicht hin und sagt: »Ich habe heute eigentlich gar nichts gemacht, als mir den Kopf zu zerbrechen, wie ich als Nichtsuperreiche nach Italien übersiedeln könnte und bin davon leider komplett erschöpft, vielleicht aber auch von eurer bloßen Existenz und der Vorstellung, dass ihr heute eine Milliarde Kilometer gefahren und gelaufen seid. Nichts für ungut, ciao, gute Nacht.« Ich bin also sitzengeblieben, und es war sehr nett und auch interessant, aber jetzt muss ich mich schon zwei Tage lang erholen von dieser Drinny-Strapaze.</p><p>Ich reise ja ganz anders als früher, viel seltener und weniger weit und trotzdem möglichst lange, aber was sich nicht geändert hat, ist, dass maus unterwegs einfach komplett andere Menschen trifft, was, so klischeehaft es auch klingt, unweigerlich den Horizont erweitert. Ein bisschen wie im Internet, da wo es gut war und ist. Und es hat mich gleich wieder froh gestimmt, Menschen zu treffen, die ihr eigenes Ding machen, ohne anderen damit zu schaden. Sollen sie doch entsetzlich weit laufen und Rad fahren. Ich schreibe das Internet voll, 200 km pro Tag.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Unheimliches: Sexismus stärken beim Sexismus benennen</h2><p>Erkenntnis: Ich habe auf Einladung von Medien locker zehnmal häufiger über Sexismus im Literatur-/Kultur-/Verlagsbetrieb sprechen dürfen als über meine Arbeit als Verlegerin und Autorin oder gar über deren Produkte. Was für kein Zufall.</p><p>Solche Einladungen mit »Bitte progressiv vorturnen und dann aber zackzack wieder im Nichts verschwinden«-Subtext nehme ich seit einigen Jahren nicht mehr an, außer sie sind super bezahlt. Zwischendurch nahm ich sie eine Weile lang grundsätzlich nicht mehr an, bis ich mal wieder umsehen lernte. Tausend Küsse, unendlicher Dank und tosender Applaus für die Künstlerin, die beim Frühstück am Morgen nach einer Veranstaltung sagte: »Wenn sie, um sich besser zu fühlen, eine braune Lesbe wollen, kostet das halt 2.000 Euro.« 2.000 Euro habe ich noch nie bekommen, weil ich sie noch nie verlangt habe, das würde ich mich sehr gern trauen, aber ihr versteht schon. – Maus muss ja auch erst mal checken, dass es wirklich unendliche Wege der patriarchalen Ausbeutung und Verarschung gibt, aber eben auch Wege, das System punktuell auszuspielen.</p><p>Unbezahlt rede ich über Sexismus öffentlich nur noch in Kontexten, wo glaubhaft miteinander, gemeinsam daran gearbeitet wird, Misogynie und andere Diskriminierungen zu überwinden.</p><p>Falls ihr mir jetzt unbedingt 2.000 Euro zahlen möchtet, damit ich bei einer markenstärkenden Veranstaltung superschlaue Sachen über Sexismus sage: meine Kernthemen sind der #Debütantinnenkult und der Ausschluss von Menschengruppen durch #Bierchenkultur. Letztere Analyse ist nicht auf den Kulturbetrieb beschränkt.</p><p>(Nebengedanke: Warum hängt in bayerischen Amtsstuben und Klassenzimmern nicht statt eines Kreuzes ein Bierkrug an der Wand. Das wäre viel plausibler.)</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Geborgtes: Ein Zitat</h2><blockquote><p>»Wenn man Geld hat, ist es überall schön.« – Mpffhmppffhmpffh-Local mit wenig Geld</p></blockquote><hr aria-hidden="true"/><h2>Rubrikloses</h2><h6>Schon lange Mitlesende erinnern sich an das legendäre »Drogenpaket« von Oma mit Thymian und Nierentee in zwei Klarsichtbeuteln plus zwei Fuffis für die Enkel. Jetzt war die Freude erneut groß, als Oma uns ihr nie benutztes Baguetteblech schickte und »Mehl« dazulegte.</h6><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b8d5b593-b092-40a4-9176-d0d8e5ceb01b/uploads/images/e2s6j6pqlv/IMG_3731.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Klarsichtbeutel mit Mehl"/><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b8d5b593-b092-40a4-9176-d0d8e5ceb01b/uploads/images/um7nz3arla/IMG_3990.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Screenshot: Richter warnen vor Überlastung der Justiz bei Cannabis-Legalisierung"/><h6>Warum heißt es »Richter warnen vor Überlastung der Justiz bei Cannabis-Legalisierung« und nicht »Richter freuen sich über zehntausende Kriminelle weniger durch Cannabis-Legalisierung«</h6><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b8d5b593-b092-40a4-9176-d0d8e5ceb01b/uploads/images/dficmif3fg/IMG_4045.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="»Die Zusammenarbeit zwischen gc und der Eule Duo scheint nicht zu funktionieren.« &lt;3"/><h6>Die Duolingo-Eule bekommt jetzt bald eine Anzeige wegen Nötigung.</h6><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b8d5b593-b092-40a4-9176-d0d8e5ceb01b/uploads/images/vbveop2bkb/IMG_3833.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Deckengemälde: Putto mit Katze im Arm"/><h6>Ein Marketingtipp für die katholische Kirche: den Papst auf Insta und TikTok als soften Cat Dad vermarkten und schon denkt keiner mehr bei Priestern an sexualisierte Gewalt.</h6><hr aria-hidden="true"/><h6>Neulich habe ich auf meinem Laptop ein Bild gesucht und dabei etliche Bilder von Kindern meiner Freund*innen in jüngeren Jahren gefunden, vermutlich aus irgendwelchen Social-Media-Archiven. Gefühlt waren es mehr Bilder, als ich gesichert von meinen eigenen Kindern besitze. Irgendwie toll, dass ich später meinen Freund*innen die verschwundenen Fotos ihrer Kinder geben kann, ich hoffe, sie haben dann auch meine.</h6><hr aria-hidden="true"/><p>Positives benennen: Ich beobachte zunehmend, dass Menschen sagen: »Bitte lass mich aussprechen.« Ganz junge Menschen, mittelalte Menschen, auch einige alte Menschen. Früher standen da in der gleichen Situation meist Personen mit leicht verzerrtem Lächeln, die nichts sagten, nachdem ihnen das Wort abgeschnitten wurde.</p><p>Noch positiver: Es passiert immer häufiger, dass ihre Gegenüber dann sagen: »Ja, Entschuldigung.«</p><p>Wie kommt das? Vor wenigen Jahren, als in Sozialen Medien feministisches Wissen allgemein zugänglicher wurde, machten sich viele Menschen bewusst, dass sie in alten Rollenbildern festhingen und kommunikativ zu wenig Raum bekamen und auch beanspruchten. Plötzlich ließen sich Frauen und andere Marginalisierte nicht mehr sanftmütig das Wort nehmen, sondern sagten: »Bitte lass mich aussprechen.«. Die Reaktion darauf war oft sehr negativ. Eine berechtigte Bitte wurde als unangemessen, unhöflich, unfreundlich, sogar als böse empfunden, eingeordnet und abgewehrt. <em>Was ist denn in die*den gefahren?!? </em>Klingt absurd, ja, war es, aber so ist das mit struktureller Gewalt. Es kam dabei sogar regelmäßig zum Streit zwischen Menschen. Vermutlich wurden in der Folge einige Ehen geschieden und Freund*innenkreise wieder cis hetiger und weißer. <em>Was bildet die*der sich denn ein, wer sie*er ist?!? </em>(Ein Mensch mit den gleichen Rechten.) Erklärte maus dann kurz, was Gaslighting ist, folgte: <em>Auch das jetzt noch?!?</em></p><p>Ja, es ist wirklich etwas besser geworden, es geht in einigen Sphären kommunikativ fairer zu. (Deshalb drehen die Rechten ja unter anderem auch so am Rad, sie wollen grundsätzlich nicht zuhören, wenn Menschen sprechen, die keine weißen cis Männer sind, und auch ihre rechten Gebärfrauen glauben aktuell noch, dass sie das richtig finden.)</p><p>In wenigen Jahren müssen Menschen dann gar nicht mehr darauf hinweisen, dass sie unterbrochen wurden, weil sie nicht mehr gewohnheitsmäßig unterbrochen werden. Bitte.</p><p>(Und Rechte sollen mit Elon zum Mars fliegen und da bleiben.)</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Präraffaelitische Girls erklären</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/aff3711d-d6ad-4bc8-a40e-a658e178d673/uploads/images/n5iea2ixiy/fv_pgd_btd_ich%20bin%20deutschland.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Gemäldeausschnitt. Figur mit Heiligenschein steht mit erhobenem Zeigefinger in Richtung von drei anderen menschlichen Figuren mit Heiligenschein. Hinzugefügter Text: »Ich bin Deutschland. Du da hinten wirst im Kulturbetrieb gecancelt, weil arabisch gelesene Menschen in meinen Augen schon durch ihre Existenz Hammas-Narrative reproduzieren. Du hier vorne, weil du jüdisch bist und ich wegen all der Nazikuschelei nicht für deine Sicherheit garantieren kann. Und du da unten, weil du darauf beharrst, dich nicht zwischen Antisemitismus und Rassismus zu entscheiden.«"/><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b8d5b593-b092-40a4-9176-d0d8e5ceb01b/uploads/images/7w5lfs4fuj/fv_pgd_btd_madchensachen.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Gemäldeausschnitt. Drei Personen mit Brüsten in historisierenden Gewändern in römischem Bad. Hinzugefügter Text: Wenn wir uns treffen, machen wir halt so Mädchensachen: Demokratie, Menschenrechte, Klimaschutz."/><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b8d5b593-b092-40a4-9176-d0d8e5ceb01b/uploads/images/fxdr5uddtk/fv_pgul_btd_desinteresse_an_macht.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Gemäldeausschnitt. Sinnierende Gestalt in historisierendem Gewand. Hinzugefügter Text: Würden sich weltweit alle Menschen mit erklärtem Desinteresse an Macht spontan darauf verständigen, Menschenrechte absolut zu setzen und Widerstand zu leisten, gäbe es morgen keinen Krieg mehr. Interessanter Gedanke, oder?"/><hr aria-hidden="true"/><p>Maus sieht sich nächste Woche. Seid lieb, nur nicht zu Nazis.</p><p>XOXO,<br/>FrauFrohmann</p><hr aria-hidden="true"/><p>Die von mir rosa eingefärbte Pastellzeichnung John Singer Sargent von 1905 zeigt Gladys Deacon, Duchess of Marlborough (7.2.1881–13.10.1977)</p><p>Die Situation der am 7.2. im 19. Jahrhundert geborenen bedeutenden Persönlichkeiten stellt sich laut deutscher Wikipedia ähnlich wie die im letzten Newsletter dar: Es gab scheinbar überwiegend Männer von Bedeutung, und die Bedeutung von Frauen lag auffällig oft in ihrer Fuckability. 43 Nennungen, davon drei Frauen, davon eine Schriftstellerin, eine Politikerin, eine Mätresse. Ja, da steht wirklich: »Gladys Marie Deacon, französische Mätresse«. Wären Sexarbeiterinnen in der deutschen Gegenwart fair behandelte, gesellschaftlich geachtete Berufstätige, würde ich, ohne zu wissen, ob Mätressen damit ganz korrekt bezeichnet sind, etwas weniger meckern, aber so ist es einfach 100 % zum Verzweifeln bringende Maskupedia.</p><p></p><hr aria-hidden="true"/><p>#GladysDeacon #Maskupedia <em>#VierWochen #</em>Mpffhmppffhmpffh #Katersalon</p><p></p>]]></content:encoded>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/b8d5b593-b092-40a4-9176-d0d8e5ceb01b/teaser_image/1707327299?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;fm=jpg&amp;crop=faces" medium="image"/>
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      <pubDate>Sun, 25 Feb 2024 22:55:49 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 108]]></title>
      <description><![CDATA[Soziale Schutzschilde / Social-Media-Schutzschilde / Krieg der Screenshots / Ein Zitat von Stanislaw Lem / Dekodemo / PGExplaining / Goethes letzte Abfuhr]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>108</h1><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/aff3711d-d6ad-4bc8-a40e-a658e178d673/uploads/images/6absgt5pn5/ul108_cover_Ulrike_von_Levetzow.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Pastellgemälde, das Ulrike von Levetzow mit hochgestecktem Haar und in weißem Spitzenkleid zeigt"/><h2>Vorweg</h2><p>Eine Freundin sagte gestern, dass sie ein paar Folgen <em>Umsehen lernen</em> »hinterher« sei, weil ihr gerade die nötige Zeit und Ruhe zum Lesen fehlen würden. Bitte, bitte stresst euch doch nicht wegen so etwas. Lest den Newsletter nur dann, wenn ihr die Neigung dazu (= Raum, Zeit, Muße dafür) habt. Und sonst einfach nicht. Ich wiederhole mich doch eh ständig.</p><p>Selbst lese ich gerade wenig in Sozialen Medien und viel in Büchern, so, jetzt noch mal ehrlich: etwas weniger in Sozialen Medien und etwas mehr in Büchern, und es ist wirklich auffällig, wie gut das für mein Nervenkostüm und Denkvermögen ist. Komplette Social-Media-Pausen sind für mich keine Option, weil ich den Input für die PGExplaining brauche und den Verlag immer präsent halten muss. (Ohne Social Media wäre der Frohmann Verlag schneller vergessen, als man »huch!« sagen könnte.) Ich muss aktuell sogar aktiv die Accounts auf Insta und Mastodon noch ein bisschen »größer machen«, um das Fehlen von Twitter fürs Marketing zu kompensieren. (Brrrr, wie ich das hasse.) Bluesky ist, glaube ich, zumindest im Moment eher etwas für gepflegte Urtwitternostalgie, fürs Business ist es für mich weitgehend uninteressant. Ich bin da, um ab und zu zu lesen, was Netzmenschen von ganz früher so schreiben und um aus kulturphilosophischer Perspektive zu beobachten, wie sich die Plattform entwickelt.</p><p>Natürlich ist nicht jedes Bücherlesen wohltuend: bei mir funktioniert es gerade mit einem Binge-Lesen des Gesamtwerks von Stanislaw Lem, zumindest in dem Ausmaß, in dem es im Haushaltsbestand vorhanden ist, ich habe das noch nicht gegengecheckt. Manches sind Erstlektüren, manches werden Relektüren sein. Mit <em>Der Planet des Todes</em> (1951) bin ich schon fertig – stabiles Debüt (ist nicht sein zuerst geschriebener, aber der erstveröffentlichte Roman), lautet mein Urteil. Jetzt gerade bin ich in der Mitte von <em>Gast im Weltraum.</em></p><p>Eine grundlegende Sache ist mir beim Lem-Lesen (lemsen) bereits aufgefallen. Obwohl in <em>Der Planet des Todes</em> ab und zu Begriffe vorkommen, die heute als diskriminierend gelten, während Personen, die keine cis Männer sind, komplett fehlen (positiv betrachtet kommen sie immerhin auch nicht nur als ermordete Sexarbeiter*innen vor), strahlt das Werk ein heutige Leser*innen positiv berührendes Menschenbild aus. Der Autor findet es offensichtlich richtig, in allen Welten Menschen die gleichen Rechte zu gönnen und ist auch nicht so cringe, schwarze oder asiatische Personen nur in Nebenrollen erscheinen zu lassen, um sie dann bei der erstbesten Gelegenheit stellvertretend von einer außerirdischen Lebensform vernichten zu lassen. Die menschliche Gesellschaft und Zukunft, die im Roman geschildert wird, ist eine, in der ich es gut aushalten könnte. Es geht fair und trotzdem nicht sterbenslangweilig zu. Die bessere Welt als kommunistisch herbeigeführte und erhaltene beschrieben zu sehen, löst aus heutiger Sicht etwas ambivalente Gefühle aus – Lem nannte den Roman später selbst »naiv« –, aber ich glaube, Kommunismus wie in <em>Der Planet des Todes</em> hätte sogar eine Chance, die aktuell noch unstillbare Gier des 1 % und ihrer Epigon*innen organisch abzufangen. Für meinen siebzig Jahre nach Erscheinen des Buches urteilenden Geschmack glaubt Lem auch noch etwas arg an die Wohltaten der Atomenergie. Egal, »Maus muss es in der Zeit sehen« lässt sich meiner (vorläufigen) Auffassung nach, im Falle von Lems Debüt ausnahmsweise mal vertreten. <em>tbc</em></p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Altes: Soziale Schutzschilde</h2><p>Mittlerweile kennen viele Menschen diese bestimmte Trauer, die entsteht, wenn maus sich bewusst macht, welche Verformungen die eigene Persönlichkeit in Reaktion auf bestimmte strukturelle Zwänge und auch Gefahren entwickelt hat. Es ist eine Trauer um ein möglich gewesenes Ich.</p><p>Über meinen seit Jahrzehnten unbewusst anspringenden Stealth-Modus in der Öffentlichkeit habe ich schon mal irgendwo geschrieben: Ich höre zu null Prozent, wenn Personen mich aus Autos heraus rufen oder hupen, damit ich hinsehe, selbst wenn es mein Mann oder meine Kinder sind. – Woher kommt das? Danke, unterschiedliche random Arschgeigen, die damals ihren Alltag damit aufpeppten, eine Zwölf-, Dreizehn-, Vierzehn-, Fünfzehn-, Sechzehn-, Siebzehn-, Achtzehn-, Neunzehnjährige, die jeden Tag ein paar hundert Meter am Rand einer vielbefahrenen Bundesstraße entlanglaufen musste, zu catcallen.</p><p>Außerdem vermeide ich auf Wegen im öffentlichen Raum strikt jeden Augenkontakt mit Menschen, außer ich unterbreche diese Sperre bewusst, weil ich mitbekomme, dass jemaus hilfsbedürftig ist. – Woher kommt das? Von der Erfahrung, dass es in der Regel, nicht der Ausnahme, keine fünf Minuten dauert, bis eine random Dude wissen möchte, was ich Schönes lese oder mir ohne vorgetäuschtes Interesse an meiner Person direkt sein Leben erzählt, oder, wenn es eine Dudine ist, warum ihre Nachbarn so scheiße sind, was natürlich nichts mit ihr und dieser übergriffigen Art zu tun hat.</p><p>Meine Trauer besteht darin, dass ich vermutlich eine viel distanziertere Person geworden bin, als ich es ohne die ständig erlebten ungefragten Zu- und Übergriffe auf meine Person wäre. Ich würde viel lieber lächelnd durch die Straßen gehen, den Blicken anderer Menschen begegnen, ihnen etwas Freundlichkeit mitgeben und vielleicht auch einen positiven Vibe von ihnen bekommen: Mensch sein können, nicht nur im geschützten Rahmen mit Freund*innen, Kolleg*innen, nächsten Nachbar*innen. Weil ich die Blobs draußen nicht ghosten konnte und kann, bin ich irgendwie selbst ein Gespenst geworden.</p><p>Die Trauer zweiter Ordnung besteht darin, sich gut vorstellen zu können, dass es viele andere Menschen mit ähnlichen oder anderen strukturellen Deformationen gibt: Menschen, die wütender als sie selbst auftreten, weil sie anders nicht hinreichend geschützt sind, penetranter als sie selbst, weil sie sonst nicht gehört werden.</p><p>Die Trauer intensiviert sich noch, wenn maus sich überlegt, wie viel wärmer diese Gesellschaft sein könnte, wenn freundliche Menschen ihr Freundlichsein in der Öffentlichkeit nicht aus Selbstschutz verstecken müssten.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Neues: Social-Media-Schutzschilde</h2><p>Auf die harte Tour haben ich, du, er, sie, es, wir, ihr, they mittlerweile gelernt, dass sich alle brutal ungerechten hierarchischen Machtstrukturen über kurz oder lang auch in Sozialen Medien reproduzieren. Deshalb habe ich, haben andere, zusätzlich einen digitalen Stealth-Modus entwickelt.</p><p>Ich reagiere grundsätzlich nicht auf Mentions von Unbekannten, die nicht einfach eine klare Empfehlung eines Frohmann- oder FrauFrohmann-Buches sind. – Woher kommt das? Danke, unterschiedliche random Arschgeigen, die in Sozialen Medien ihr Ego boosten, indem sie jede Person mit ein bisschen Reichweite vor ihre Karren zu spannen versuchen, teils auch noch in unverschämten Konstellationen, ohne vorher jemals interagiert zu haben.</p><p>Ich bedanke mich maximal knapp für freundliche Posts, Kommentare, DMs. – Woher kommt das? Danke, random Internet-User*innen, die bei kleinster Dosis zugewandter Kommunikation instant auf Dauerkommunikations-BFF-Modus schalten, so dass maus schon mal die Münze für »Stalking oder nur Trollen in spätestens drei Monaten« werfen kann.</p><p>Meine Trauer besteht darin, dass ich auch im Netz noch einmal eine viel distanziertere Person geworden bin, als ich es ohne die ständig erlebten, ungefragten Zu- und Übergriffe auf meine Person wäre. Ich würde viel lieber lächelnd durch die Kommentare und DMs gehen, den digitalen Blicken anderer Menschen begegnen, ihnen etwas Freundlichkeit mitgeben und vielleicht auch einen positiven Vibe von ihnen bekommen: Mensch sein können, nicht nur im geschützten Rahmen einer Persona oder im Falle der PGExplaining sogar von Kunstfiguren. (Sie waren anfangs wirklich nur reiner Selbstschutz.)</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Unheimliches: Krieg der Screenshots</h2><p>Instagram habe ich als Aktiv-Plattform für Persönliches gekappt und tippe auch nur noch vereinzelt und meist versehentlich auf Instastorys anderer. – Woher kommt das? In meiner TL greifen Menschen, denen ich, obwohl meist »nur« Netzbekanntschaften, lange intellektuell und menschlich vertraute, zu Trollmethoden, sie attackieren Menschen, denen sie noch vor kurzer Zeit gegen Trolle beistanden oder jederzeit beigestanden hätten, so persönlich und existenziell, als gäbe es nach dem 7. Oktober 2023 plötzlich doch eine dichotomische Welt mit gut <em>oder</em> böse, wir <em>oder</em> die, und als wäre es plötzlich doch akzeptabel, ganze Menschengruppen vom Menschsein auszunehmen. Hatten sie und die von ihnen jetzt Attackierten, sie und ich, die von ihnen jetzt Attackierten und ich, wir, nicht vorher viele Jahre lang gemeinsam gegen solch eine zu einfache Weltsicht gekämpft?</p><p>Auf Instagram sind jetzt die einen für immer enttäuscht von den anderen und die anderen von den einen. Nicht auf Instagram, im Leben, wo maus ein bisschen weniger öffentliche Persona und ein bisschen mehr ungefilterte Person ist, gibt es um die gleichen Fragestellungen herum ebenfalls sehr viel Enttäuschung und Schmerz, aber ich bin, Stand jetzt, trotzdem noch mit allen meinen Freund*innen im Gespräch. Tatsächlich fühle ich mich den beiden, die, ohne es sich aussuchen zu können, am meisten vom neuen Entweder-oder betroffen sind, sehr nah und sie sich mir, glaube ich, zumindest nicht unnötig fern, weil wir jeweils gemeinsam überlegt und verhandelt haben, ob und wie ich für sie da sein kann, realistischer, wie ich nicht als impulsiver Elefant im Porzellanladen alles noch schlimmer für sie mache. Solche Gedanken habe ich mir nie zuvor in einer sozialen Beziehung gemacht, geschweige denn, sie kommuniziert. In diesen Beziehungen gibt es jetzt neue Lagen, die komplexer, undurchdringlicher, zum Teil für mich auch unauflösbar verwirrend sind. Es ist geklärt, dass beide Freundinnen in mir nicht das optimale Gegenüber für das Besprechen der spezifischen Gefühle ihrer Gruppe in dieser spezifischen Lage haben, aber sie können trotzdem mit mir darüber sprechen, ich höre zu und urteile nicht. Wie sollte ich auch. Bei Begegnungen werden zwischendurch Blicke tiefer, trauriger, enttäuschter, auch mal abweisender, ja. Aber all das hat nichts mit einer dichotomischen Weltsicht zu tun. Es ist das, was Linke, wie ich es immer verstanden habe, ausmacht: es auszuhalten, dass nicht allzu viel klar, eindeutig, sicher ist. Sich auseinanderzusetzen und dabei zu sehen, auch wenn es unbehaglich ist und im schlimmsten Fall sogar weh tut.</p><p>Soziale Medien, das möchte ich nie vergessen, haben Menschen auf wunderbare Weise in Verbindung gebracht, ihnen neue Interessen, Erfahrungen, Kenntnisse, Gefühle eröffnet, aber sie haben sie auch kommunikativ zu hygge und zu binär gemacht. Wir oder die, ja oder nein, 0 oder 1. Und deshalb bekommen manche Menschen leider auch nicht mit, wenn sie anfangen, Soziale Medien als scharfe Waffe zu benutzen. Instagram ist <em>Der Planet des Todes</em>, den wir alle geschrieben haben. Leider anstrengend: Kritisches Denken, Sprechen, Sichauseinandersetzen muss individuell und gesellschaftlich neu gelernt und eingeübt werden, außerdem muss es mit den Anforderungen der primär performativen Sphäre der Sozialen Medien zusammengedacht werden. Ja, wirklich anstrengend, ich habe schon vor zehn Jahren gewusst, dass es getan werden müsste, aber bis heute nicht die Zeit gefunden, es in der nötigen Tiefe zu denken. Oder ich war einfach zu faul und wollte lieber noch ein bisschen rumscrollen.</p><p>Bis ich Hoffnung auf Veränderung sehe, lasse ich mein auf Instagram gelandetes Raumschiff lieber vor sich hinrosten.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Geborgtes: Ein Zitat</h2><blockquote><p>»Wesen aber, die sich die Vernichtung anderer zum Ziel setzen, tragen den Keim des eigenen Verderbens in sich – und wenn sie noch so mächtig sind.« – Chandrasekar in: Stanislaw Lem, <em>Der Planet des Todes</em></p></blockquote><hr aria-hidden="true"/><h2>Rubrikloses</h2><p>Bei Netto ist expliziter Horror dauerhaft im Sortiment:</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/aff3711d-d6ad-4bc8-a40e-a658e178d673/uploads/images/gtwbesnnsx/IMG_3672.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Eintopfdosen in deutschnationalem Design mit gezeichneten Kindern"/><h6>Die AfD frisst ihre Kinder.</h6><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/aff3711d-d6ad-4bc8-a40e-a658e178d673/uploads/images/q4zheko2ap/IMG_3673.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Eintopfdose in deutschnationalem Design mit Foto von alter Frau und Beschriftung: Tote Oma"/><h6>Die AfD frisst ihre Omas. ( &gt;&gt;&gt; Jede alte Dame, die leben möchte, hat gar keine andere Wahl, als zu Omas gegen Rechts zu gehen.)</h6><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/aff3711d-d6ad-4bc8-a40e-a658e178d673/uploads/images/xr4ydg5vhp/IMG_3671.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Eintopfdosen im Militärdesign mit Aufschrift: NVA-Suppe"/><h6>In Thüringen gibt es ab dem Herbst auch die NSDAP-Edition.</h6><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/aff3711d-d6ad-4bc8-a40e-a658e178d673/uploads/images/2wghobksci/IMG_3675.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Bläuliches Foto zeigt Schattenumriss halber Rumpf und Arm, Hand hält große Brille"/><h6>Ohne Sinn, aber irgendwie schön</h6><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/aff3711d-d6ad-4bc8-a40e-a658e178d673/uploads/images/swyrhgug7i/IMG_3700.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Screenshot einer Showebseite, wo maus Farben für eine Strickjacke auswählen kann. Eine Option heißt &quot;Nicht gerade Weiss&quot;."/><h6>Nicht-gerade Weiss ist meine neue Lieblingsfarbe.</h6><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/aff3711d-d6ad-4bc8-a40e-a658e178d673/uploads/images/m62hbtspxm/IMG_3705.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Demoplakat vor Reichstagsgebäude"/><h6>Foto: Asha Hedayati</h6><hr aria-hidden="true"/><p></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/aff3711d-d6ad-4bc8-a40e-a658e178d673/uploads/images/f2jcdltcjb/IMG_3699.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Ans Fenster gestelltes und so von außen sichtbares Demoschild"/><h6>Neben Draußendemo und Digitaldemo gibt es jetzt auch die Dekodemo. Bin sicher, der Reichsbürgernachbar liebt es.</h6><hr aria-hidden="true"/><p>Wisst ihr eigentlich, wie schwer es mir fällt, neue Girlssplainings wirklich für den Newsletter aufzubewahren? Ein Aspekt des instantanen Schreibens ist ja das sofortige Publizieren, zu dem auch das augenklickliche Highspeed-High durch Resonanz gehört. Wer jetzt beim Lesen unwillkürlich das Näschen rümpft, WEIL MAN SCHREIBT DOCH NICHT, UM ERFOLG ZU HABEN, SONDERN WEGEN DER BERUFUNG, WEGEN DER KULTUR, bitte daran denken, dass zu den instantan Schreibenden vor allem Personen gehören, die nicht von Großverlagen publiziert und vermarktet werden, die nicht jeden vierten Tag ordentlich bezahlt in einem anderen Literaturhaus lesen, die nicht jährlich Literaturpreise bekommen. Also gönnt Menschen ihren Resonanzkick, für den andere sich zu fein sein können und gern auch dürfen, solange es leise vonstatten geht.</p><p>Das Gute ist, ich habe mittlerweile ein so klares Gefühl, welche PGExplaining-Posts wie wirken, dass ich mir jederzeit innere Vorschusslorbeeren geben kann.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Präraffaelitische Girls erklären</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/aff3711d-d6ad-4bc8-a40e-a658e178d673/uploads/images/lg7kgjkvzj/fv_pgd_btd_screenshot.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Gemäldeausschnitt. Drei menschliche Figuren mit hochgesteckten Haaren blicken auf Bild. Hinzugefügter Text: »Ach, egal, dass wir sie letztes Jahr noch als Person mit tadelloser Haltung gehypet haben. Mit diesem Instagram-Screenshot werden wir sie vernichten und uns dabei herrlich auf der richtigen Seite fühlen.«"/><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/aff3711d-d6ad-4bc8-a40e-a658e178d673/uploads/images/5qyukgl5kv/fv_pgd_finaler%20rettungsscreenshot.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Gemäldeausschnitt. Menschliche Figuren mit hochgesteckten Haaren blickt entschlossen. Hinzugefügter Text: Was für ein Tag. Wieder hatte es für sie keine andere Möglichkeit als den finalen   Rettungs-Screenshot gegeben."/><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/aff3711d-d6ad-4bc8-a40e-a658e178d673/uploads/images/n5iea2ixiy/fv_pgd_btd_ich%20bin%20deutschland.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Gemäldeausschnitt. Figur mit Heiligenschein steht mit erhobenem Zeigefinger in Richtung von drei anderen menschlichen Figuren mit Heiligenschein. Hinzugefügter Text: »Ich bin Deutschland. Du da hinten wirst im Kulturbetrieb gecancelt, weil arabisch gelesene Menschen in meinen Augen schon durch ihre Existenz Hammas-Narrative reproduzieren. Du hier vorne, weil du jüdisch bist und ich wegen all der Nazikuschelei nicht für deine Sicherheit garantieren kann. Und du da unten, weil du darauf beharrst, dich nicht zwischen Antisemitismus und Rassismus zu entscheiden.«"/><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/aff3711d-d6ad-4bc8-a40e-a658e178d673/uploads/images/giqmyvs3wb/fv_pgd_btd_kulturcanceln.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Gemäldeausschnitt. Menschliche Figuren mit langen dunklen Haaren blickt betrübt drein. Hinzugefügter Text: Der Verschwörungsmythos »Cancelkultur« hatte jahrelang in deutschen Medien mehr Aufmerksamkeit bekommen, als es der Demokratie guttat, wohingegen das aktuelle, sehr reale Kulturcanceln in Deutschland unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand."/><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/aff3711d-d6ad-4bc8-a40e-a658e178d673/uploads/images/xnr623bgjg/fv_pgd_btd_mann%20und%20maus.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Gemäldeausschnitt. Zwei liebende in Umarmung. Hinzugefügter Text: »Bist du ein Mann oder eine Maus? Positioniere dich!« »Ein Mann UND eine Maus.« »Guter Mann und kluge Maus.«"/><p>Man und Mann und Maus sieht sich nächste Woche. Seid lieb, nur nicht zu Nazis.</p><p>XOXO,<br/>FrauFrohmann</p><hr aria-hidden="true"/><p>Das von mir rosa eingefärbte Gemälde unbekannter Urheber*innenschaft zeigt Ulrike von Levetzow, die von Wikipedia in der Liste von Personen, die im 19. Jahrhundert am 4.2. geboren sind als »letzte Liebe des Johann Wolfgang von Goethe« geführt wird. Alle anderen in der Liste sind Komponisten, Schriftsteller, Politiker oder anderes Großartiges und mit einer Ausnahme, Überraschung, Männer. Also noch mal in Ruhe: Es gibt 23 Nennungen, davon sind nur zwei Frauen, eine davon ist Schriftstellerin und eine wird nur in Bezug auf einen Mann für erinnerungswürdig befunden. Ja ja, Goethes Male-Tears-Verarbeitungsprojekt <em>Marienbader Elegie</em> ist bestimmt eine ganz wichtige Stütze der deutschen Literatur, Sprache, Geschichte, Nation. Genau deswegen ekelt mich die Geschichte gleich noch mehr an.</p><p>Inhaltlich interessanter finde ich, dass Ulrike von Levetzow auf Goethes Werben – er damals bereits über 70, sie beim Kennenlernen 17 – nicht eingegangen ist, obwohl ihr von einem Vermittler, als sie dann immerhin schon beachtliche 19 war, so ziemlich alles, was heute »ich bringe dich ganz groß raus« hieße, versprochen wurde. Fuck you, Goethe, Goethes Vermittler und Goethes Wikipedia.</p><p>Gendern zerstört UNSERE SCHÖNE DEUTSCHE SPRACHE, und natürlich werden Frauen nicht wie Objekte behandelt, sondern gleichgestellt, wer etwas anderes behauptet, ist schuld, daß die AfD größer wird. Was wollt ihr denn noch, ihr nervigen Weiber und anderen Defizitären, wir haben doch gerade erst wieder einen Platz nach einer ermordeten Frau benannt, na, diese Hübsche aus dem Iran, ach, zum Kuckuck, ich kann mir diese komplizierten ausländischen Namen einfach nicht merken.</p><hr aria-hidden="true"/><p>#augenklicklich #DéformationStructurelle #Dekodemo #Digitaldemo #digitalsozial #DigitalsozialerStealthmodus #Draußendemo #DerPlanetDesTodes #FinalerRettungsScreenshot #GoethesLetzteAbfuhr #HighspeedHigh #InstantanesSchreiben #InstantaneVorschusslorbeeren #KriegDerScreenshots #KulturCanceln #lemsen #MannUndMaus #MausSiehtSich #ScreenshotWars #SeidLiebNurNichtZuNazis #SocialMediaSchutzschild# #SocialMediaSchutzschilde# #SozialeSchutzschilde #SozialerStealthmodus #StanislawLem #TrauerErsterOrdnung #TrauerUmEinMöglichGewesenesIch #TrauerZweiterOrdnung #UlrikeVonLevetzow</p><p></p><p></p>]]></content:encoded>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/aff3711d-d6ad-4bc8-a40e-a658e178d673/teaser_image/1707157685?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;fm=jpg&amp;crop=faces" medium="image"/>
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      <pubDate>Mon, 05 Feb 2024 20:06:40 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 107]]></title>
      <description><![CDATA[Blumenfleisch / Der Fluch des Hasen / Demodates / Der doppelte Jan / Empusion / Gute Familienseite, schlechte Familienseite / Harmloser Clickbait / Sprachwächterspuk ]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>Folge 107 …</h1><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b76fc828-24e7-4580-8d57-48a34ce3ac52/uploads/images/v5oi4dqbdp/Berthe%20Morisot_Selbstportrait_1885.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Impressionistisches Gemälde, es zeigt Person im Kleid mit Pinsel in der Hand."/><h2>Vorweg</h2><p>Diese Newsletterfolge ist ein Sack voller Flöhe, so wie mein Kopf. Drunter und drüber, so wie mein Kopf.</p><p>Hier stand ursprünglich, weil zu Schreibbeginn noch »Weihnachtszeit« war, ein ziemlich elaborierter Diss von »Politchrist*innen«, wie etwa Ampelboy Christian Schindner, der mit 18 aus der Kirche austrat, aber mit 43 trotzdem in einer Kirche heiratete. Politchrist*innen interpretiere ich als Fortführung der »Weihnachtschrist*innen«, jenen Personen, die nur zu Weihnachten in ihre Kirche gehen, weil sie dann rührselig sind und sich kurz mal als Teil einer Gemeinschaft fühlen müssen. Maus könnte beide Varianten auch unter »Schaustellchristentum« zusammenfassen. Politchrist*innen sind aber schlimmer als Weihnachtschrist*innen, denn sie sind immer dann »christlich«, wenn sie Wähler*innen irgendwas mit »unsere Kultur« verkaufen wollen und immer dann nicht, wenn es um Menschen in Not geht.</p><p>Anschließend schimpfte ich noch weiter über Christ*innen, die auf Basis ihres Glaubens glauben, grundsätzlich gut zu sein und deshalb als Mitmenschen manchmal kleinlich bis lebensbedrohlich handeln. So wie die Mutter einer Freundin, die wirklich alles für Menschen in Not tut, aber selbst potenziell Not erzeugt, wenn sie, wie es ihre freikirchliche Superchristlichgemeinde normiert, Homosexuelle für krank erklärt.</p><p>Als ich aber all das lang und breit hingeschrieben hatte, hat es mich instant selbst genervt, also löschte ich es. Was bringt so ein Thema, das die einen eh so sehen und die anderen eh nicht. Verlorene Zeit beim Schreiben und Lesen.</p><p>Seitengedanke – heute fun fact, früher unfun: Als frommes Kind hatte ich schreckliche Angst, dass meine Weihnachtschrist*inneneltern in der Hölle landen würden &gt;&gt;&gt; eine Höllenangst zweiter Ordnung. Heute halte ich es für meine größte Kraft, in jeder Hinsicht ungläubig ins Nichts zu blicken und trotzdem die meiste Zeit unnihilistisch ein Mitmensch sein zu können. In sehr instabilen Momenten blinzele ich aber doch manchmal neidisch auf gläubige Menschen, so wie auch auf Konservative. Es werfe die erste religiöse Textsammlung (Hardcover), wer sich nie ein Gedankenhygge wünscht, in dem das unruhige Gehirn mal nicht die ganze Zeit alles kritisch drehen und wenden muss.</p><p>Okay, die Newsletterversion eins war also schon im Dezember im digitalen Papierkorb gelandet, aber warum stockte es danach immer noch? Das kam durch etwas Unvermutetes: Lob und Commitment. Mir hatten in ziemlich unterschiedlichen Kontexten und Begegnungsweisen kurz hintereinander mehrere Menschen von ihren aktuell oder dauerhaft radikal veränderten Lebenssituationen erzählt und hinzugefügt, dass <em>Umsehen lernen</em> für sie dabei sehr wichtig geworden sei. Nicht in dem Sinne, dass sie durch meine Texte anders lebten, sondern weil der Newsletter für sie ein Fenster zur Welt und eine stabilisierende Konstante sei, aber ihnen auch ganz einfach Freude machen würde. Das wiederum hat mich sehr gefreut und berührt, aber es hat mir auch eine andere Vorstellung von persönlicher Verantwortlichkeit beim Schreiben eröffnet. Es ist ein Unterschied, ob maus selbstgewählt die Speerspitze der noch nicht allzu breitenwirksamen performativen Aufklärung ist oder ob das Wohlbefinden von Individuen – nicht absolut, aber ein bisschen – von dir und deinem Output abhängt.</p><p>Die rationale Konsequenz aus diesem Gedankengang wäre, sich noch mehr Mühe beim Schreiben zu geben und wirklich jeden Sonntagabend eine Folge Umsehen lernen abzuliefern. Die reale Konsequenz aber war eine massive Schreibblockade, die längste in Sachen Newsletter bisher. Aber jetzt geht es wieder. Zwischendurch musste ich einige Male wie in den guten alten Zeiten das Internet vollschreiben und mich instant dafür hassen. – Ist eine Schreibblockade überhaupt eine Schreibblockade, wenn sie sich nur auf bestimmte Projekte und Medien beschränkt? Schreibblockaden sollten ohnehin nicht nur negativ bewertet werden, denn oft sind sie Ausdruck eines inneren Ringens um eine Vorstellung, einen Gedanken, eine Haltung. Komplexes braucht eben Zeit, und manchmal blockt das Gehirn eigensinnig diese notwendige Zeit: DANN MACHE ICH DAS HALT FÜR DICH, WENN DU NICHT CHECKST, WO DIE PRIORITÄTEN LIEGEN, schreit es unvernehmlich. Folglich sind Schreibblockaden nur in kapitalistischer Logik ein eindeutiges Problem, als Teil des Menschseins sind sie okay, aber auch nicht nur okay, weil eben manche Leser*innen den Newsletter gerade wirklich brauchen, so wie ich es brauche, ihn zu schreiben, aber es trotzdem manchmal nicht kann … Loop.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Altes: Kapitale Minifehler</h2><p>Weil ich gerade wieder alle Freuden und Leiden des Printverlegens durchlebe, darunter auch: verdruckte Exemplare identifizieren und zeitraubend reklamieren, wobei im Augenwinkel zu allem Überdruss auch noch ein bei der allerletzten Korrektur vergessener Punkt auffällt aka EIN SELBST VERANTWORTETER FEHLER, <em>Kollapsgeräusch,</em> denke ich über alle Bereiche des Publizierens wieder neu nach. Ich bin keine Perfektionistin (und finde, nebenbei bemerkt, positiv gemeinte Selbstbezeichnungen grundsätzlich cringe), aber ich bin ein Kontrollfreak und bei der Textarbeit – außer, ich bin anämisch und mein Gehirn deshalb Matsch – sehr gründlich. Fehler in Büchern hasse ich ja schon als Leserin, da kann ich als Verlegerin kaum entspannter sein. Verzeihen kann ich mir nur ein, zwei Tippfehler pro Buch, aber selbst die kann ich mir nicht wirklich verzeihen. Schreibfehler darf maus lang und breit im Internet machen, da locker zu sein, gibt mir mittlerweile fast einen Kick, aber Bücher sind einfach zu luxuriös, um sie nicht möglichst ORDENTLICH zu machen.Inhaltliche Fehler mag ich mir gar nicht vorstellen, sie würden mich vermutlich zur Betriebsaufgabe bringen. Eine Kollegin von mir sieht es einen Hauch gelassener, was definitiv vernünftig ist, aber auch sie meinte neulich, das hätte sie erst lernen müssen. Ihr würden immer mal wieder Menschen – sie lachte: ausnahmslos Männer – kleine inhaltliche Fehler mitteilen. Was die Bauart eines Autos angehe etwa. So etwas habe ich selbst noch nicht erlebt, aber beim erneuten Nachdenken darüber merke ich gerade, dass ich erstaunlicherweise mit diesen Fehler anmerkenden Männern sympathisiere. – Das erinnert mich an den Eröffnungssatz von Gabriel Yoran in seiner neuen Kolumne <a href="https://krautreporter.de/sinn-und-konsum/5205-die-verkrempelung-der-welt">Die Verkrempelung der Welt</a>, wo er schreibt, er sei jetzt seine Mutter. – Ich bin jetzt analog ein Boomermann, den ein sachlicher kleiner Fehler aus dem Buch rausschleudert, und zwar ein für allemal. Ich bin aber natürlich kein vollständiger Boomermann – als Frau ist dafür ja bekanntlich schon mein Gehirn zu klein, deshalb schreibe ich nicht voller bester Aufklärungsabsichten an den Verlag, sondern boomere mit meinem Fehlerbemerken allein vor mich hin.</p><p>Ein Beispiel für so ein aus meiner Sicht schreckliches Fehlerchen? In einem Roman, den ich ansonsten gut fand, stand, eine Karottenhose wäre ein 90s-Kleidungsstück. Tatsächlich ist eine Karottenhose aber das notorische Kleidungsstück der 1980er. Bitte gar nicht erst versuchen, mir etwas anderes zu erzählen, denn ich bin Supermegahyperexpertin für 80er-Styles. Das heißt aber nicht, dass ihr dieses Detail nicht total egal finden könnt und dürft. Es ist nur für mich ganz persönlich ein Rezeptionsdesaster: mein individuelles Lesen und meine Reaktionen darauf sind betroffen. Sehr betroffen, denn der Roman mit der falsch gerahmten Karottenhose war tot für mich, ein einziges falsches Zeichen, eine 9 statt einer 8, hatte ihn gekillt. Beleidigt las ich das Buch zu Ende, nur um nichts mehr an ihm zu finden. Ich glaube aber, <em>plot twist,</em> dass dieses Geschocktreagieren von mir gar nicht so kleinlich war, sondern etwas, das auch andere Lesende jeweils an sehr unterschiedlichen Stellen erleben, so etwas wie eine umgekehrte Madeleine-Erfahrung: Ein für dich persönlich, für dein Portfolio innerer Bilder bedeutender kulturgeschichtlicher Fehler in einer Fiktion, die suggeriert, reale Zeitgeschichte aufzurufen, taucht deine ganze erinnerte Welt und mit ihr dich mit einem Schlag in ein anderes Licht, lässt alles falsch und unecht wirken. Da wird maus ja wohl noch kleinlich reagieren dürfen. – Überlegt bitte mal und schreibt mir, ob ihr euch an eine ähnliche Lese-Überempörung wegen eines Fehlers erinnert. Personen, die dauernd Fehler an Verlage melden, bitte nicht mitmachen.</p><p>Fürs Verlegen habe ich mir schon vor einer Weile überlegt, dass ich Bücher so in die Welt schicken möchte, dass sie entweder so gut wie nichts voraussetzen oder so gut wie alles. Also entweder umfangreiche Glossare erstellen, weil manche wissen, was die Landshut-Entführung war und manche, was Mob Wife Aesthetic ist, und manche sehr gut googeln können und manche Sappho im Original zitieren. Niemaus aber kann und weiß alles, auch wenn sich immer noch manche Dudes so aufführen. Mein Nachdenken übers Verlegen (ich will alles, deshalb geht gar nichts) kommt meist zu dem Schluss, dass ich mich gern embryonal zusammenrollen und meinen Verlag der sehr fähigen, etwas pragmatischeren Kollegin zur Übernahme anbieten möchte, während ich selbst nur noch PGExplaining-Posts und -Bücher schreibe, weil das die einzige Tätigkeit ist, die mir sinnvoll erscheint <em>und</em> mit Frohmann-Ressourcen zu meiner vollen Zufriedenheit machbar ist. Na ja, außer, dass ich auch regelmäßig Dutzende verdruckter PGExplaining-Bücher wütend abfotografieren, reklamieren und zurückschicken muss. Also nur noch Posts machen? Nein, auch nicht gut, denn auf Megalodude-Plattformen ist kein Verlass. Also doch wie gehabt das Komplettprogramm aus sich ständig verändernden Vorstellungen, Gedanken, Anforderungen, Freuden und Nöten beim Verlegen und Schreiben aushalten. Akzeptieren, dass dieser Weg immer zu anstrengend sein wird, aber, wenn maus philosophisch und nicht fdpisch denkt, eben auch freier ist als eine schnelle Autofahrt im Porsche.</p><p>Vielleicht verlege ich den Verlag nach Italien. Dann wird es noch ein bisschen unübersichtlicher und komplizierter, aber ich bin wenigstens in Italien. Mein bürgerliches und mein revolutionäres Ich umarmen sich im Wunsch, am Lieblingsort in der Via Antonio Gramsci zu wohnen. Mit so einer Adresse könnte ich mich garantiert IMMER konzentrieren und würde NIE endlos verspätet den Newsletter losschicken.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Noch etwas Altes: In schlechte Gesellschaft zur Rettung der deutschen Sprache geraten</h2><p>Ein anderer alter, mehr revolutionärer als bürgerlicher Traum von mir ist es, im Nein-Herr-Outfit auf allen Buchmessen alle Stände von allen Gesellschaften zur Kettung und Erkaltung der deutschen Sprache abzuklappern und durch meine bloße Gegenwart zu stören. Auch das ist performative Aufklärung, nein, wäre, denn leider bin ich nach wie vor in ersten Momenten ein bisschen schüchtern. Vor ekligen Buchmessenständen stehe ich also erst mal scheu rum und sage gar nichts. Vor nicht ekligen Buchmessenständen genauso, außer ich kenne deren Mieter*innen bereits gut. Außerdem war ich eh schon längere Zeit nicht mehr bei einer der alten Buchmessen, wie will ich da vor ekligen Buchmessenständen stehen? – Vielleicht schreibe ich mal eine Kurzgeschichte, in der die Präraffaelitischen Girls auf den alten Buchmessen an die Stände der Gesellschaften zur Kettung und Erkaltung der deutschen Sprache treten und diese in Schutt und Asche girlssplainen,– die Girls müssen ja auch sonst eine Menge für mich erledigen, dann können sie das bitte auch noch eben übernehmen.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b76fc828-24e7-4580-8d57-48a34ce3ac52/uploads/images/esycbm6lfj/fvm_pg_nv_stylebild.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Waldgrüners Sweatshirt mit nachdenklich blickender rothaariger Gestalt und Text: NEIN, VATER, DIE DEUTSCHE SPRACHE STIRBT NICHT, NUR DU."/><h6>»Nein Herr«-Sweatshirt mit gern dazu getragenem Rock, als es noch »Nein, Vater« hieß: Die Girls lernen ja auch immer weiter und nutzen deshalb mittlerweile die deutlicher nicht biologistische strukturelle Bezeichnung »Herr«.<br/></h6><p>Leider aber erschöpft sich das Problem nicht darin, dass ich mich bisher nicht traute, auf Messen zu stressen, nein, ich bin sogar irgendwie ungewollt auf die falsche Seite geraten. Seit ungefähr zwei Jahren trage ich ein kleines Trauma mit mir herum, es kann auch als ein kleiner Spuk bezeichnet werden, oder wie würdet ihr es nennen, wenn ein Frohmann-Titel mitsamt dem Verlag positiv in einer Zeitschrift namens <em>Die Deutsche Schrift</em> besprochen werden.</p><p>Waaaaaaaaaaas?</p><p>Vor gut zwei Jahren bekam ich per Mail eine Anfrage. Man wolle das Buch <a href="https://frohmannverlag.de/collections/reihe-kleine-formen/products/warum-heisst-es">Warum heißt es Traum und nicht Memoryschaum</a> von Gabriel Yoran und Christoph Rauscher besprechen, dafür werde ein Rezensionsexemplar benötigt. Ich war instant in Alarmbereitschaft, denn das fühlte sich genauso an wie damals, als das erste Girls-Buch in der transfeindlichen EMMA besprochen werden sollte, was ich durch Nichtreaktion verhinderte. Also antwortete ich auch dem Herrn von der Frakturschrift erst mal gar nicht, um zu überlegen, wie ich weiter vorgehen sollte. Ideale Voraussetzungen für eine Verdrängung. Etwa zwei Wochen später kam eine etwas ungehaltene zweite Mail, aus Sicht des Absenders vollkommen zu Recht, er konnte ja nichts für meine komplexen inneren Bewegungen. Also schickte ich, vermutlich durch den scharfen Ton im autoritären deutschen Charakter getroffen, nun doch gehorsam das geforderte Rezensionsexemplar – natürlich wurde darunter ausdrücklich ein Printbuch verstanden. Einige Zeit später bekam ich mit der Post eine Ausgabe von <em>Die deutsche Schrift</em>, und es frakturte schon auf dem Umschlag. Auch die Besprechung war in Frakturschrift gesetzt. Ebenso die anderen Artikel im Heft, von denen einer den Titel »Der Triumph der Genderdeutschen: Woke Angriffe auf Kinderlieder« trug. Ja, lacht nur, ich habe es verdient. Ich legte das Magazin irgendwo in meinem Arbeitszimmer ab, um mich später damit zu beschäftigen, wenn das Ohren- und Augensausen abgenommen haben würde.</p><p>Für mich war das Ganze eine inkommensurable Erfahrung, die mit meinem Gehirn so etwas machte wie manchmal frische Farbe mit Fensterrahmen, im amerikanischen Englisch heißt das, wenn ich mich richtig erinnere, paint locked: Ein mit getrockneter Farbe verklebtes Fenster lässt sich nicht mehr öffnen, obwohl doch beim Streichen eigentlich etwas Konstruktives hätte stattfinden sollen. So erging es mir. Ich war zu und ging nicht mehr auf, ja, ich konnte nicht mal den Autoren davon erzählen. Gabriel Yoran weiß seit etwa einem Jahr immerhin, dass es diese ominöse Begebenheit gab. Jetzt ist die ganze Wahrheit raus: Der Frohmann Verlag ist bei Sprachwächtern beliebt. Ich kann es immer noch nicht einordnen. Mich nicht freuen. Überhaupt etwas fühlen. Und die Besprechung, die ich hier nun eigentlich abfotografiert einbauen wollte, ist verschwunden. Ich muss weitersuchen. Aber vielleicht spukt es auch wirklich. Wenn nicht in diesem Kontext, wann dann …</p><p>Digital gesichert habe ich aber wohl, bevor mich die Kräfte verließen, das Anschreiben und zwei mitgesendete Lesezeichen.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b76fc828-24e7-4580-8d57-48a34ce3ac52/uploads/images/go4gv5ufzs/mat_kiw_die%20deutsche%20schrift_anschreiben.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Brief komplett in Frakturschrift"/><h6>Schnauf.</h6><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b76fc828-24e7-4580-8d57-48a34ce3ac52/uploads/images/singfcruen/mat_kiw_die%20deutsche%20schrift%20lesezeichen%202.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Lesezeichen in Frakturschrift, das veraltete Rechtschreibregeln erklärt"/><h6>My ass</h6><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b76fc828-24e7-4580-8d57-48a34ce3ac52/uploads/images/ag6kohbzse/mat_kiw_die%20deutsche%20schrift%20lesezeichen.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Lesezeichen in Frakturschrifr, das »die deutsche Schrift« erklärt"/><h6>Kind, beschäftige dich doch mal mit Frakturschrift, da lernst du bestimmt nette Leute kennen.</h6><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Neues: Schluss mit gute Familienseite, schlechte Familienseite</h2><p>Doch noch mal zurück zu Weihnachten, das wir hier im Haushalt säkular umgedeutet als ein Familienzusammensein feiern. Erstmals waren in diesem Jahr die Freundinnen der Kinder mit dabei, und es wurde viel darüber gesprochen, wer bei sich zuhause feiert und, wenn ja, wie und wer dabei welche Aufgaben und Rollen übernimmt. Daran anschließend habe ich nicht zum ersten Mal darüber nachgedacht, dass in allen Familien, die ich kenne unhinterfragt eine elterliche Familie als die bessere Verwandtschaft dargestellt und tradiert, also für die Enkel*innen prägender wird, in cis het Familien ist es meist die des Mannes. Es geht dabei zwar nicht mehr so drastisch zu wie früher, wo einfach klar war, dass als Familienauffälligkeit ein akademischer Background sozial schwerer wirkt als etwa eine diskriminierungsarme Art, andere Menschen zu betrachten. Weg ist es aber nicht.</p><p>Denkt mal über eure eigenen Familien nach. Wird da auch die eine Elternfamilie mehr gehypet als die andere und, wenn ja, warum? Was wird dadurch weniger als familiäre Qualität geschätzt und überliefert? Wenn ihr nicht in familiären Strukturen lebt, freut euch an dieser Stelle, dass ihr eine Sorge weniger in eurem Leben habt.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Noch etwas Neues: Für mich bitte die Blumenschlachtplatte</h2><p>Seit es auch im allgemeinen Angebot mehr vegane Wurst- und Fleisch-Ersatzprodukte gibt, werden Menschen, die selbst vermutlich eher ihren Benziner anzünden als bewusst veganes Essen anrühren würden, nicht müde, im Internet zu schreiben: <em>Was iiiiich ja nicht verstehe, ist, warum man als Veganer unbedingt vegane Wurst und Schnitzel braucht. – </em>Also iiiiiich verstehe das schon, denn ich bin eine SO EINE, die heutzutage zwar viel weniger altdeutsche Stullenmahlzeiten zu sich nimmt, wenn sie stattdessen auch etwas Warmes haben kann, aber wenn sie dann Brot isst, eine ausgesprochene Vorliebe für vegane Wurst- und Fleischnachahmungen hat. Ich sage Blumenwurst und Blumenfleisch dazu. Weil Veganuary ist, empfehle ich euch jetzt unaufgefordert und unbezahlt meine aktuellen Lieblingsprodukte aus dem Segment Vegane*r Bauarbeiter*in:</p><p>Wie anscheinend viele Menschen liebe ich die Salamiblumenwurst (»Vegane Salami klassisch«) von Rügenwalder, diese ist sehr oft im Discounter ausverkauft. Die Firma Rügenwalder ist vermutlich wie meisten großen Firmen auch 2024 noch schlimm, damit beschäftige ich mich mal genauer, sobald die AfD verboten ist,– das hier sind heute also nur Geschmacksempfehlungen. Von der vermutlich immer noch schlimmen Firma Rügenwalder mag ich auch die Mini-Blumenfrikadellen (»Vegane Mühlen Frikadellen Minis«).</p><p>Ultrafan bin ich von zwei veganen Feinkostsalaten aus dem Hause Popp: Blumeneiersalat und Blumenfleischsalat: besser und originalgetreuer als sämtliche Originale. (Auch über Walter Popps mögliche Schandtaten weiß ich aktuell noch nichts, seht es mir bitte nach.)</p><p>Meine letzte Empfehlung ist »Like Chicken« von Like Meat. Zubereitungstipp: Wenn maus die Stücke etwas kleiner schneidet, als sie ohnehin sind, werden sie beim Braten noch krosser.</p><p>Geschmacklich sind ja mittlerweile viele vegane Produkte top, doch ist die Konsistenz manchmal anders als vom Tierprodukt her gewöhnt: Blumenschmierwurst etwa, also Blumentee- und -leberwurst, hat oft noch etwas anders Schmieriges als Tiertee- und -leberwurst. (»Schmierwurst« steht übrigens auf meiner inneren Liste ekelhafter Wörter.)</p><p>Meine Empfehlungen sind ja nichts zum Schmieren und die Konsistenz ist bei allen gut. Allerdings sieht die Rügenwalder-Blumensalami irgendwie gezeichnet aus, und zwar ziemlich genau wie eine Salami-Illustration aus einem Kinderbuch, aber so viel V(egan)-Effekt kann ich gut ab, wenn dafür kein Tierlein leiden muss. Mein Konsumgefühl bei veganen Produkten hat überhaupt eine mentale Nähe zum Kinderspiel, es ähnelt dem Kaufladenspielen, vermutlich weil mir die ganze Zeit miterzählt wird, dass meine Blumenwurst eine Nachahmung der Wurstnatur und damit nicht echt ist. Blumenwurst verhält sich zu Fleischwurst wie Roman zu Realität. Oder so ähnlich.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b76fc828-24e7-4580-8d57-48a34ce3ac52/uploads/images/33mj2d7fu5/IMG_3479.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Mit veganem Fleischsalat und veganer Salami belegte Brote"/><h6>Wie gemalt: die Blumensalami, lebensecht hingegen der Blumenfleischsalat (wobei die Salami auf dem Foto kontraproduktiv echter als in echt aussieht)</h6><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Geborgtes: Ein Zitat</h2><blockquote><p>»Und wie ist die Welt?«<br/>»Verwischt ist sie, unscharf, flackernd, mal so, dann wieder anders, je nach Blickwinkel.«</p><p>Olga Tokarczuk, <a href="https://kampaverlag.ch/produkt/empusion/">EMPUSION</a>, 340</p></blockquote><p>Ich hatte in <em>Umsehen lernen</em> schon aus dem Buch zitiert, als ich gerade erst angefangen hatte, es zu lesen. Dann ist etwas Merkwürdiges passiert, aber nicht so merkwürdig, als dass es mir vorher noch nie passiert wäre: Ich habe so ein unbestimmtes Gefühl entwickelt, dass <em>EMPUSION</em> ein ganz wichtiges Buch für mich werden, weil ich darin Eigenes anders finden würde, und ich es deshalb besser nicht husch husch zwischendurch lesen sollte. Am Sonntag vor einer Woche fand ich dann endlich die richtige Leseruhe, außen und innen. Und, wow, EMPUSION hat wirklich alles, was ich brauche, um einem Buch zu verfallen: Es ist sehr klug, sehr philosophisch, aber nicht auf eine Weise, dass maus dafür ein Philosophiestudium benötigen würde (es schadet aber auch nicht); ja, <em>Zauberberg</em> liegt oberflächlich als Referenz nahe, aber für mich viel interessanter ist, dass der Text durch und durch mit Kafka getränkt ist, wiederum auf eine Weise, die Menschen, die nicht lächerlich lange zu Kafka geforscht haben, nicht ausschließt (es schadet aber auch nicht); es ist reich an Naturbeschreibungen, die einen ganz neuen Blick und Ton aufweisen, nichts mehr gemein haben mit diesen sterbensöden Landschaftsbeschreibungen, die ein Lesegefühl wie eine lateinische Grammatik erzeugen; es ist ein gewaltiges Hexenbuch, obwohl scheinbar nur Männer reden; es ist ein bisschen unheimlich und sehr unterhaltsam. Und es gibt diese unglaublich aufregende, vielwissende Erzählstimme, eine Art transpersonales Wir. <em>EMPUSION</em> ist eine Lese- und Denkwonne. Schade, dass ich immer behaupte, nur zu empfehlen, aber keine Literaturkritik zu betreiben, ausnahmsweise hätte ich mal Lust dazu, weil Olga Tokarczuk nach alten und neuen Maßstäben eine großartige Autorin ist.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Noch etwas Geborgtes: noch ein Zitat</h2><blockquote><p>»Es ist mir mulmig, wenn ich Roboter wie Menschen lächeln sehe, nachdem sie Dinge getan haben, die Menschen nicht tun oder nicht zu tun brauchen.« – Bora Chung, <a href="https://www.culturbooks.de/portfolio/bora-chung-der-fluch-des-hasen/">Der Fluch des Hasen</a>, S. 114</p></blockquote><p>Das Buch sieht so poppig aus, dabei sind die Geschichten darin sehr, sehr düster. Hier wird maus wirklich vom Cover getäuscht, aber auf eine gute Weise. Ein Blurb spricht von »K-Horror«, aber ich würde es eher als Globalhorror aus intersektional feministischer Sicht bezeichnen.</p><p>Wie im Vorwort zu <a href="https://frohmannverlag.de/products/gewalt-und-poesie"><em>Gewalt und Poesie</em></a> beschrieben, bin ich als Horrorrezipientin in den letzten Jahren wieder viel empfindlicher geworden und so erwischten mich die universalen menschlichen Grausamkeiten in manchen Geschichten ohne den guten alten Coolness-Schutzschild. Ob mir das wohltut, weiß ich nicht, meiner Welterfahrung und -sicht tut es gewiss gut. Empathiefähigkeit ist vielleicht einfach nicht mit dem Hyggekonzept kompatibel.</p><p>Ich las ein bisschen skeptisch los, weil ich offensichtlich groteske Szenerien nicht leiden kann und gleich ein sprechender Kopf im Klo auftauchte (mein persönlicher Platz zwei hinter der Tod klingelt an der Wohnungstür), aber bin dann doch mal wieder froh gewesen, dass ich auch nervig anhebende Bücher weiter und zu Ende lese. Selbst die Story mit dem Klokopf gefiel mir nach ein paar Seiten und dann kamen mehr und mehr Geschichten, deren Bilder mich nicht mehr loslassen werden. Worauf ich sehr stehe, ist, wenn mythisches Erzählen mit Gegenwärtigem verbunden wird. Natürlich nur, wenn das sehr gut gemacht ist, aber das ist in <em>EMPUSION</em> der Fall und auch bei <em>Der Fluch des Hasen.</em></p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Unheimliches: Deutschland</h2><p>Immer noch, immer wieder, immer neu.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Rubrikloses</h2><p>Wie unglaublich frech sind weiße Startup-Kolonialherren, die sich ernsthaft hinstellen und behaupten, sie hätten die Praline neu erfunden, ohne zu erwähnen, dass schokolierte Datteln bzw. alle möglichen pralinenhaften Süßigkeiten mit Datteln und Schokolade ein sehr leckerer alter Hut bei sehr großen Personengruppen sind, aus denen sie ganz offensichtlich niemaus im Freund*innenkreis haben, weil sonst würden sie sich schämen, so frech zu sein. Martin, mit diesem Selbst-Wow-Gestus kannst du vielleicht über die Neuerfindung der Rübenpraline sprechen, so aber ist es einfach unanständig, deine Story nicht mit »Inspiriert von traditionellen Süßigkeiten, wie es sie etwa in den Ländern XYZ [deine Rechercheaufgabe vor der nächsten Investorenrunde] gibt« anzufangen. Es fällt dir kein Zacken aus der Krone und es wird keine deutsche Dattelpraline weniger verkauft, wenn Credits gegeben werden.</p><hr aria-hidden="true"/><p><strong>#AufInstaGesehen</strong> Noch mal zurück zur neulich angerissenen Frage: Wie okay ist es, wenn Weltkonzerne Shirts mit Motiven an den Mainstream verkaufen, die anderswo sub- oder jugendkulturell bedeutend sind bzw. waren. Meine vorläufige Bilanz war: Typisch scheiße vom Kapitalismus, aber gern die nichts ahnenden Jugendlichen, die das kaufen in Ruhe lassen. Jetzt ist mir aber diese Shirtwerbung begegnet und da sehe ich doch noch ein neues Problem.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b76fc828-24e7-4580-8d57-48a34ce3ac52/uploads/images/acsnl2ioo3/IMG_3478.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Model mit dunklem Shirt, auf dem vorne Deborah Harry und auf dem Ärmel der Schriftzug BLONDIE zu sehen sind"/><p>Auf diesem Shirt ist Deborah Harry zu sehen, Sängerin der Band Blondie. Der Bandname Blondie steht aber nur auf dem Ärmel, ist also nicht lesbar, wenn das Shirt mit offener Jacke wie auf dem linken Bild der Anzeige getragen wird. In dem Fall ist da dann wirklich nur noch »ein Blondie« – bisschen aus der Mode gekommene misogyne Bezeichnung für eine blonde Frau – und nicht Deborah Harry zu erkennen, die »Blondie« subversiv benutzt und positiv umgedeutet hat. Gleichzeitig wird in der Werbung von einem »Statement-Piece« gesprochen. Wenn aber weder Träger*in noch Betrachter*in gesichert verstehen können, dass DAS Blondie DIE Blondie ist – wenn ich die Band nicht kenne, muss ich ja annehmen, dass da Blondie steht, weil ein random Blondie abgebildet ist – kann sich Statement eigentlich nur noch auf die Trägerin selbst beziehen, die dann irgendein vage indie und punk und off wirkendes Shirt anhat, um auf andere indie und punk und off zu wirken. Dazu passt auch die bisschen rotzige Pose des Models auf dem rechten Bild. Das ist alles nicht verwerflich, aber schon etwas deutlich anderes als ein Bandshirt, bei dem Menschen üblicherweise nicht nur mit einem Vibe assoziiert werden wollen, sondern mit einem komplexen Wirkungszusammenhang von Musik, Image und Vibe.</p><p><em>tbc</em></p><hr aria-hidden="true"/><p>Vor dem neuen Teppich dem Kater eine Gefährderansprache halten</p><hr aria-hidden="true"/><p>Formulierungen, die einfach nur sagen: GLAUB MIR KEIN WORT: »klare Kante gegen XY zeigen«, »sich für die Zukunft aufstellen«.</p><hr aria-hidden="true"/><p>Seid ihr auch so fasziniert davon, dass Menschen gefühlt jahrhundertelang extrem hässliche Schneemänner bauten und erst das Internet sie von dieser Traditionsfixierung erlöst hat. Willkommen, Schneekätzchen und alle erdenklichen Schneenime-Characters.</p><hr aria-hidden="true"/><p>Es werden ja immer mal wieder neue Tierarten entdeckt und damit Nachrichten geschrieben, die zu den 0,1 Prozent gehören, über die maus sich freut. Dieses allgemeine Entdecken gibt es aber auch diesseits der Forschung auf individueller Ebene, wenn maus zum ersten Mal eine allgemein längst entdeckte Tierart zur Kenntnis nimmt. Mir war bis vor wenigen Tagen entgangen, dass es Binturongs gibt, dabei sehen sie nicht nur meinen Lieblingstieren, Tasmanischen Teufeln, ziemlich ähnlich, sie sind überdies auch noch Katzen, genauer gesagt, Schleichkatzen. (&gt;&gt;&gt;Binturongs have it all.) Früher wurden sie für Bären gehalten, ein lässlicher Irrtum, denn Binturongs haben wirklich eine Bärchennote. Bisschen Maus ist natürlich auch dabei.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b76fc828-24e7-4580-8d57-48a34ce3ac52/uploads/images/nctscevizw/Young_pet_bear_cat_in_Taman_Negara_Malaysia.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Binturong liegt schlafend auf Holzbalken"/><h6>Von Bart Van den Bosch - Eigenes Werk, CC BY-SA 2.5, <a href="https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=774586">https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=774586</a></h6><hr aria-hidden="true"/><p>Stichwort Maus, falls noch nicht geschehen, könnt ihr diesen Hygge-Artikel über Internet-Mauskultur lesen. Der Frohmaus Verlag wird auch erwähnt, und zwar wegen dieses Newsletters hier, den ihr, weil ihr Maus-Avantgarde seid, natürlich abonniertet, bevor es Trend wurde.</p><a href="https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/gesellschaft/maus-sprache-el-hotzo-e280654/?reduced=true">https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/gesellschaft/maus-sprache-el-hotzo-e280654/?reduced=true</a><p>Ist übrigen ist es ganz schön raffiniert, über etwas zu schreiben, das dann viele Menschen mit Reichweite gern teilen, weil es ausnahmsweise nicht um garstige Hot takes geht. Maus wird maus ja gern genannt. Ich habe sogar ein SZ-Probeabo abgeschlossen, um den Artikel überhaupt lesen zu können, bitte erinnert mich daran, es in zwei Wochen zu kündigen. (Nachtrag: Zu spät, bitte erinnert mich nächste Woche daran.)</p><p>Vielleicht satteln ja auch andere Redaktionen versuchsweise auf harmlosen Clickbait um, damit wäre schon ein bisschen was gewonnen.</p><hr aria-hidden="true"/><p>Ich finde, Akronyme, wie etwa CDU, sind Zeitoptimierungsgaga und verhunzen unsere schöne deutsche Sprache, außerdem sind sie exklusiv, nicht inklusiv. Ich werde das nicht länger hinnehmen und Behörden und Institutionen auffordern, nicht mehr zu akronymisieren.</p><hr aria-hidden="true"/><p><strong>#AufInstaGesehen</strong> Ein weißer, dunkelblonder, behornbrillter Jan und ein weißer, dunkelblonder, behornbrillter Jan treten gemeinsam bei einer Veranstaltung namens »Lyrikdoppel« auf. Ich weiß nicht, ob der Titel ironisch auf die doppelten Jans anspielt, aber kann mich mit der Frage auch nicht länger aufhalten, um nicht, es geschieht, ach, so schnell, Menschen aus dem Blick zu verlieren, die kein weißer, dunkelblonder, behornbrillter Jan sind.</p><hr aria-hidden="true"/><p>Viele von euch waren demonstrieren, als Aufwandsentschädigung bekommt ihr eine Dosis Katzengold.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b76fc828-24e7-4580-8d57-48a34ce3ac52/uploads/images/2qo24lufjz/IMG_3447.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Katze liegt schlafend auf einer Heizung."/><hr aria-hidden="true"/><h2>Präraffaelitische Girls erklären</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b76fc828-24e7-4580-8d57-48a34ce3ac52/uploads/images/hz3tlzue2w/fv_pgd_btd_smartwatch.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Gemäldeausschnitt, darauf zu sehen in Rückenansicht ein aufrecht wie ein Mensch stehender Stier, der aufs Meer blickt. Hinzugefügter Text: Warum hieß das Ding »Smartwatch«, wenn es Menschen nur ans Pumpen erinnerte, nicht aber daran, rechtzeitig für Demokratie auf die Strasse zu gehen."/><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b76fc828-24e7-4580-8d57-48a34ce3ac52/uploads/images/o4a7kugzqt/fv_pgd_btd_romantisch%20demonstrieren.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Gemäldeausschnitt, darauf zu sehen: Person mit hochgestecktem Haar fasst Person mit kurzem lockigen Haar auf die Schulter. Hinzugefügter Text: »Was wir am Valentinstag machen sollen? … Nichts, aber am Sonntag gehen wir wieder romantisch für die Demokratie demonstrieren.«"/><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b76fc828-24e7-4580-8d57-48a34ce3ac52/uploads/images/xvn3sz6e34/fv_pgd_btd_demo%20kratie.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Gemäldeausschnitt, darauf zu sehen sind langhaarige Personen verschiedenen Alters in antikisierenden Kleidern. Hinzugefügter Text: Präraffaelitische Girls geben euch das Demo in Demokratie."/><hr aria-hidden="true"/><p>Zurück zu den Demos, und wenn euch – auf persönlicher Ebene durchaus verständlich – nervt, wer da jetzt zum Teil und warum demonstriert, bitte nicht vergessen: Keine Stilkritik im Widerstand. (Sonst wird das nichts mehr mit solidarischen Bewegungen, formerly known als Linke.)</p><p>Seid lieb, nur nicht zu Nazis.</p><p>Hier noch zwei <a href="https://www.dropbox.com/scl/fo/2ms9gz9esasgnfch5ftay/h?rlkey=8pz0smx5149c71ibtxrtoq5oz&amp;dl=0">Downloadkalender als Geschenk</a>. Bisschen spät, aber schön. So was passiert, wenn der Newsletter mitsamt der Newsletternden zwischen den Jahren hängenbleibt.</p><p>XOXO,<br/>FrauFrohmann</p><hr aria-hidden="true"/><p>Das Coverbild ist minus der rosa Einfärbung ein Selbstporträt von Berthe Morisot aus dem Jahr 1885. Cis-Mann-Redakteurs-Paradies Wikipedia Deutschland hat natürlich nicht mehr drauf, als Berthe Morisot als eine der vier bedeutendsten impressionistischen Maler<em>innen</em> einzuordnen. Wo käme mann denn auch hin, wenn sie einfach bedeutende Vertreterin des Impressionismus genannt würde.</p><p></p><p>#Akronyme #AufInstaGesehen #BertheMorisot #Binturongs #Blumenfleisch #Blumenfrikadellen #Blumenschlachtplatte #Blumenschmierwurst #Blumenwurst #BoraChung #Culturbooks #DerFluchDesHasen #DemoDate #DemoDates #DemokratiePumpen #DerDoppelteJan #Empusion #Frohmaus #FrohmausVerlag #GesellschaftZurKettungUndErkaltungDerDeutschenSprache #GuteFamilienseiteSchlechteFamilienseite #HarmloserClickbait #InnereListe #Kampa #KapitaleMinifehler #Katzengold #KeineStilkritikImWiderstand #Mauskultur #Morisot #OlgaTokarczuk #PGExplaining #Politchrist_innen #RomantischDemonstrieren #Schneenime #Sprachwächterspuk #StartupKolonialismus #Wochenenddemos</p><p></p><p></p>]]></content:encoded>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/b76fc828-24e7-4580-8d57-48a34ce3ac52/uploads/images/v5oi4dqbdp/Berthe%20Morisot_Selbstportrait_1885.jpg?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;fm=jpg&amp;crop=faces" medium="image"/>
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      <pubDate>Mon, 29 Jan 2024 12:55:50 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Die weiße Empathieblockade]]></title>
      <description><![CDATA[Ein Text über kritisches Weißsein, sorry, wenn ich kurz euer Hygge crashe.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/12127763-8869-4922-b67a-b1b54689a9b4/uploads/images/2vclg7buqb/schnee20210210_104406.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Schnee, Eis"/><hr aria-hidden="true"/><p>Das berühmte Zitat der Schwarzen Schriftstellerin und Aktivistin Audre Lorde, »Die Werkzeuge des Herrn werden niemals das Haus des Herrn niederreißen«, ist selbst das Denken zerlegend, denn es hat die paradoxale Kraft, im eigenen Denken alles niederzureißen und dabei gleichzeitig die enttäuschende Erkenntnis zu vermitteln, nichtsdestotrotz im Haus des Herrn geblieben zu sein. – Wie soll eine Person denkend aus dem Haus des Herrn herauskommen, während sie Teil davon ist?</p><p>Umsehen lernen könnte einen Ausweg darstellen. Das Haus des Herrn, das System, das Denken anders sehen, andere Wirklichkeiten im System sehen, bis es aufhört, dieses System zu sein. Energie kann in Materie umgewandelt werden, Materie in Energie. Das Haus des Herrn wird nicht niedergerissen, sondern verschwindet: aus den Augen, aus dem Sinn, aus der Realität. An seiner Stelle erscheinen Menschen, die im Haus des Herrn unsichtbar waren, und sie werden es dann auch gewesen sein, die einem heraushelfen konnten. Audre Lorde etwa. Magisches Sehen.</p><p>Das Leben erscheint vielen Menschen in Mitteleuropa geradewie ein dystopischer Film im letzten Drittel. Überall auf der Welt brennt es, buchstäblich und symbolisch. Für weitaus mehr Menschen, für die Mehrheit der Menschen, ist das aber nichts Neues, sie wissen es schon sehr lange, zum Teil seit Jahrhunderten. Allerdings sind sie selbst zu nah an den Flammen gewesen, buchstäblich und symbolisch –möglicherweise sogar darin –, als dass ihnen diese ästhetisierte Wahrnehmung plausibel erscheinen könnte. Das Reale wie Kunst rezipieren zu können und zu wollen, erfordert Abstand, intellektuellen, emotionalen und auch physischen. Menschen möchten sich, wenn sie die Wahl haben, ja nicht wirklich verbrennen. Um sich das Leiden von Menschen, anderen Menschen, ästhetisiert vom Leib zu halten, braucht es eine kühle Distanziertheit, eine distanzierende Kühle.<br/></p><p>Die Verletzung, die brennendes Mitgefühl mit leidenden Menschen bedeuten würde, wird gekühlt, nicht, nachdem sie, sondern bevor sie, damit sie nicht entsteht. Eine solche Coolness gegenüber leidenden Anderen und letztlich auch gegenüber sich selbst, steht Gewaltbetroffenen nicht offen. Das coole Empathieblocken beherrscht nur, wer die Wahl hat, menschliches Leid wahrzunehmen oder nicht. Auch das ist ein Privileg oder eine Lage von Privileg. Ausgerechnet die Personengruppen, die die Position der kolonialistischen Herrschaften wirtschaftlich und sozial beerben, können deshalb die bis heute gewalt- und schmerzvolle Wirklichkeit von Milliarden Menschen in »aller Herren Länder«, wie man früher im Deutschen gern sagte, erfolgreich ausblenden. Sie wissen davon nur etwas, wenn sie es wissen wollen.</p><p>Wissen hat, dies wird in dem Kontext deutlich, nicht allein mit Verfügbarkeit und Zugang zu tun, sondern auch damit, ob Personen dafür zugänglich gestimmt sind. Nun neigen aber Menschen, die von struktureller Ungerechtigkeit profitieren, egal, ob sie diese persönlich verantworten oder nur zulassen, stark zum Nichtwissenwollen. Ein bewusstes Nichtwissenwollen dessen, was, sachlich betrachtet, gewusst werden müsste, und, ethisch betrachtet, gewusst werden sollte, heißt Ignoranz. Es ist ärgerlich, dass diese Haltung in der Öffentlichkeit so selten richtig benannt wird, meist bezeichnen Menschen sie ableistisch als »Dummheit«. Das ist sogar doppelt ärgerlich, denn es ist unfair gegenüber allen Menschen, die vielleicht nicht intelligent sind, aber bereitwillig dazulernen, und es verharmlost die aggressive Wissensverweigerung vieler intelligenter Menschen. »Dummheit« ist kein ethisch bewertbarer Begriff, »Ignoranz« schon. Ignoranz lässt sich als vorsätzliches geistiges Wegsehen verstehen, dem ein klassisches Wegsehen vorausgeht: aus den Augen, aus dem Sinn, aus den Gedanken, aus den Gefühlen, aus der Vorstellung, »aus der Welt«: scheinbar inexistent. (Es kann nicht nur vorsätzlich weggesehen, sondern auch weggehört, weggegangen, weggelesen werden.) Ignoranz ist, ethisch betrachtet, eine a priori unterlassene Hilfeleistung, indem aus Eigennutz bewusst die persönliche Empathie für bestimmte Menschengruppen suspendiert wird. Im Falle der eingangs beschriebenen mitteleuropäischen Perspektive sind es zuallererst Weiße, die sich in die coole Distanz begeben. Sie haben es sich kulturell angewöhnt, menschliches Leiden, wo es BIPoC betrifft, nur ästhetisiert an sich heranzulassen. Hochproblematisch daran ist, dass sie nicht nur die brutalen Lebensverhältnisse von ihnen oder zu ihren Gunsten unterdrückter und ausgebeuteter Menschen, sondern den Subjektstatus dieser Menschen gleich mit »aus den Augen verloren haben«.</p><p>Die jahrhundertelang trainierte und erfolgreich praktizierte, rassistisch motivierte Verschiebung von individuellen Menschen, Subjekten, als diffusen Objektgruppen ins Imaginäre ist wissenschaftlich lange belegt, aber ohne dass sich dies spürbar im alltäglichen Umgang von Weißen mit BIPoC niederschlagen würde. Das Wissen darüber scheint in der Dominanzgesellschaft kaum präsent zu sein, vor allem wird es nur selten angewendet, wenn impulsive, vorbewusste Reaktionen erfolgen. Im Konflikt- oder auch nur Stressfall, das lässt sich oft beobachten,werden BIPoC von Weißen immer noch unvergleichlich respektlos behandelt, angeschnauzt, abgekanzelt, also keinesfalls auf Augenhöhe angesprochen. Weiße verhalten sich anderen Menschen gegenüber dann so, als wäre die bloße Begegnung mit ihnen eine Zumutung. Sie reagieren ethisch und auch sachlich unangemessen, weil ihnen tatsächlich etwas zugemutet wird, etwas Ungewohntes, das ihnen Unbehagen bereitet. Plötzlich werden sie von autonom auftretenden Menschen angesprochen, die sie bislang gewohnt waren, als Spielfiguren ihrer Imagination zu betrachten und zu beherrschen. Unbehagen aber verwechseln Menschen, die von struktureller Ungerechtigkeit persönlich nicht oder wenig betroffen sind, sehr oft mit ebendieser. Sie fühlen sich diskriminiert, ohne es zu sein. Aggressiv gehen sie dann auf ausgerechnet jene Menschen los, denen sie schon die ganze Zeit unbewusst den Subjektstatus verweigern – die äußerste, weil existenzielle Form struktureller Ungerechtigkeit. Impulsiv attackieren sie Personen, die wirklich strukturelle Gewalt erleben, und sie behandeln sie, als wäre deren für sie plötzlich wahrnehmbare Existenz eine böse Tat. Die eigene bösartige Ignoranz wird auf deren Leidtragende projiziert.</p><p>Wenn diese paradoxale Mental-Verdrehung der wirkenden Kausalzusammenhänge einsetzt, kommt es auch zu wirklich unheimlichen Momenten in »Debatten«, die die Bezeichnung nicht verdienen, weil manche Beteiligte nicht den Subjektstatus anderer Beteiligter anerkennen. Im Grunde sagen dann Menschen zu Menschen: »Dich gibt es gar nicht.« Gemeint ist: »Meine Wirklichkeit kollabiert, weil es dich als Subjekt gibt, obwohl ich dich doch als Objekt ins Imaginäre verschoben hatte.«</p><p>Während der großen Fluchtbewegung nach Europa, insbesondere 2015/16, wurden plötzlich Millionen von Weißen damit konfrontiert, dass es die namenlosen Figuren aus den Medienbildern über Kriege und Hungersnöte in aller Welt tatsächlich gibt, dass sie lebende Menschen sind, Subjekte, die durch ihre nun wahrnehmbare Existenz ethische Forderungen an sie als Mitmenschen stellten. – Was aber machen cool distanzierte Mitteleuropäer*innen, wenn plötzlich bei strahlendem Sonnenschein und vollem Bewusstsein nicht das Verdrängte, sondern die Verdrängten in ihrem Gesichtsfeld erscheinen? Es gibt dazu eindrückliche Medienbilder: Auf einem steigt ein geflüchteter Mensch direkt neben einer Person, die sich im Bikini auf einer Strandliege sonnt, aus dem Meer; auf einem anderen Bild klettern Flüchtende über einen sehr hohen Zaun, unter ihnen, auf perfektem englischen Rasen spielen andere Menschen Golf. Wenn durchschnittliche weiße Mitteleuropäer*innen vorher überhaupt je Ähnliches gesehen hatten, dann in Filmen oder Serien. Das Bild mit dem Zaun hat visuell einen starken <em>The Walking Dead</em>-Vibe – in der Serie rütteln sehr oft Untote an Zäunen –, und das Bild mit dem aus dem Wasser steigenden Menschen lässt an den Horrorfilm <em>Poltergeist</em> denken, wo Leichen aus einem Pool auftauchen. Nur dokumentieren diese Medienbilder jetzt reale Begebenheiten, und da kehren auch nicht Tote wieder, sondern Lebende haben ihren ersten Auftritt in der Realität anderer. In diesen Bildern und dieser Zeit verbinden sich bisher streng getrennt gehaltene Welten, keine »erste« und »dritte Welt«, sondern eine gesetzte und eine imaginisierte. (»Imaginisiert« soll heißen, dass es sich nicht um eine bloße Vorstellung handelt, sondern um Reales, das fälschlich wie Imagination behandelt wird.)</p><p>Plastikschlappen und Schlauchboote sind plötzlich gleichzeitig Symbol von Urlaub und Flucht, von Komfort und Entbehrung, von Privileg und Diskriminierung. Eine einzelne im Mittelmeer treibende Badelatsche erzählt Weißen jetzt nicht mehr angenehm eindeutig die harmlose Geschichte eines kleinen Ungeschicks und zu verschmerzenden finanziellen Verlustes, sondern potenziell von einem verlorenen, unersetzlichen Leben. Angesichts des Meeres öffnet sich für Menschen traditionell der Blick – wenn sie es zulassen, auch für politisch bewusst getrennte Realitäten: Gerät vom europäischen Land aus ein weißes Kind mit einem Schlauchboot aufs offene Meer, wird die örtliche Küstenwache ausnahmslos sofort zu seiner Rettung eilen. Alan Kurdi war ein schutzbedürftiges Kleinkind, nicht weiß und in der falschen Richtung unterwegs, deshalb – es ist notwendig, es so brutal kausal zu formulieren – ertrank er im Alter von zwei Jahren, nachdem das Schlauchboot, auf dem seine Familie nach Europa gelangen wollte, vor der türkischen Küste kenterte. Auch sein fünfjähriger Bruder Ghalib und seine Mutter Rehanna ertranken. Alan Kurdi durfte sein Leben nicht leben, weil Menschen aus Syrien nicht real genug für weiße Europäer*innen wirken, als dass endlich alles Nötige getan würde, damit die Fluchtwege sicher werden. Wenigstens ist die Geschichte von Alan Kurdi erzählt worden, sein Name wird von Vielen erinnert. Es ist aber wahrscheinlich, dass die dafür nötige Gefühlswärme-Investition von Weißen sich allein dem emotionalisierenden Bild des angeschwemmten toten Kindes verdankt und dabei keine grundsätzliche Aufhebung der Empathieblockade gegenüber BIPoC stattgefunden hat. Dafür spricht, dass bei einer Person, die als Subjekt und Mitmensch angesehen worden wäre, Medienverantwortliche – dazu gehören auch öffentlich postende Privatpersonen – intuitiv deren Persönlichkeitsrechte geachtet und kein erkennbares Bild gepostet und geteilt hätten. So aber ließen weiße Menschen Alan Kurdi auch noch symbolisch ins Meer fallen und ertrinken. </p><p>Die deutliche Erinnerung von weißen Menschen an Alan Kurdi kann auch leicht davon ablenken, dass Zehntausende andere auf der Flucht nach Europa ums Leben gekommene Menschen nur von ihren Angehörigen und Freund*innen erinnert werden, oft, ohne dass diese wissen, wann und wie ihre Liebsten gestorben sind. Für die Weißen vor den Medienscreens aber sind diese sehr vielen Toten namenlos, gesichtslos, nicht real. Repräsentiert werden sie nur endgültig depersonalisiert als Zahlen und Statistiken. Wer dies bezweifelt, muss sich nur vergegenwärtigen, dass Menschen beim Baden im Mittelmeer sich weiterhin eher bei der Vorstellung gruseln, Haien oder giftigen Fischen zu begegnen, als bei der, in einem Massengrab zu schwimmen.</p><p>Sich bewusst in die Unheimlichkeit zu begeben, das Mittelmeer als einen riesigen Friedhof der Namenlosen zu betrachten, kann für weiße Mitteleuropäer*innen eine gute Ausgangslage sein, um weitere verdrängte Ungerechtigkeiten aufzuspüren: Wurde Alan Kurdis Geschichte dafür missbraucht, sich selbst zu »beweisen« (beweißen?), dass  ja doch mit den Flüchtenden mitgefühlt wird, ja doch die Mittelmeertoten betrauert und ja doch »diese Menschen« auch als Menschen angesehen werden. ... Eine dunkle Erinnerung an die 1970er-Jahre in Westdeutschland steigt auf, damals durften singende »Lieblingsausländer*innen« weißer Deutscher im Fernsehen auftreten, aber bitte nur eine Person pro Land: die schöne Unregelmäßigkeit im rassistischen System. Ist Alan Kurdi – es klingt so schrecklich zynisch, ist aber eine sachliche Frage – der »Lieblingsmittelmeertote« weißer Mitteleuropäer*innen? Ist für sie nicht Alan Kurdis einzigartige Person und Geschichte bedeutend, sondern die Funktion, es mit dem Interesse für eine einzige von sehr vielen Personen und Geschichten »gut sein« zu lassen? Vieles deutet darauf hin, dass selbst die unleugbare physische Gegenwart von Millionen neu angekommenen BIPoC in Europa allein nicht ausreichte, um die Empathieblockade in der weißen Bevölkerung zu lösen, zumindest nicht umfassend und nicht sofort. Eher war ein umgekehrter Effekt festzustellen, denn Weiße adressierten nun oft Menschen, unabhängig von der Sachlage, nur aufgrund von deren Aussehen oder Namen als »Flüchtlinge«. </p><p>Nicht oder weniger betroffen von der Empathieblockade gegenüber BIPoC waren in Mitteleuropa vermutlich nur Personen, die schon früher nicht exklusiv weiße nahe Menschen um sich hatten. Andere Menschen konnten ihre kulturell gelernte und gern mit »aufgeklärt« verbrämte Coolness erst im persönlichen Umgang mit Geflüchteten überwinden, wenn sich Bekanntschaften, machmal auch Zusammenarbeiten oder Freundschaften ergaben.</p><p>Der Eindruck, dass von einer grundsätzlich vorhandenen Empathie von weißen Europäer*innen für BIPoC besser nicht ausgegangen werden sollte, wird gestützt von Statistiken, die zeigen, dass Menschen vor allem in Regionen, in denen wenige Geflüchtete leben offen rassistisch sind und entsprechende Parteien wählen. Sie fürchten und hassen also nachweislich keine identifizierbaren Subjekte, sondern Figuren in ihrer Vorstellung. Aber auch die sich im persönlichen Umgang entwickelnden guten Beziehungen zwischen alten Europäer*innen und neuen Menschen in Europa waren am Anfang oft etwas bemüht und verkrampft, was nicht verwundert. Viele weiße Menschen mussten und müssen aufgrund tradierter Vorstellungen von notwendiger intellektueller Kälte erst lernen, menschliche Wärme auszuhalten: als Gebende und als Empfangende. Manchmal brauchen sie auch eine Weile, bis sie sich von der Rolle als White Savior verabschieden können, die nur so lange plausibel bleiben kann, wie Gegenüber objektifiziert werden.</p><p>Ab welchem Punkt Beziehungen zwischen Subjekten verlässlich solidarisch sind und BIPoC in Mitteleuropa, egal, ob sie her geflohen, konventionell eingewandert oder hier geboren sind, grundsätzlich nicht mehr befürchten müssen, sich bei einem Streit gleich wieder objektifiziert zu sehen, wird die Zeit zeigen. Es kann aber angenommen werden, dass es, sobald Menschen wirklich auf Augenhöhe kommunizieren, im guten Sinne kein Zurück mehr gibt.</p><p>Bestürzend ist, dass sich fast alles Beschriebene im Internet noch einmal verdoppelt und wiederholt hat. In der Rolle der weißen Mitteleuropäer*innen: weiße Mitteleuropäer*innen mit Jobs in klassischen Medien, in der Rolle der BIPoC: BIPoC und andere Marginalisierte, die sich in neuen, digitalen Medien und Formaten öffentlich äußern.</p><p>Die Ausgangslage in Zeiten vor Social Media war, dass sich Personen aus marginalisierten Gruppen keine großen Chancen ausrechnen durften, in einem deutschen Medienhaus zu arbeiten. Im bürgerlichen Feuilleton gibt es bis heute mehr Angestellte mit adeligen Namen als BIPoC. Im Netz aber entstanden im Laufe der Zeit viele Plattformen, Medien und Formate, die unterschiedlichsten Bedürfnissen auf Produzierenden- und Rezipierendenseite entgegenkamen. Im Prinzip ist heute jeder Mensch mit Internetzugang Publizierende*r, denn selbst ein Nichtteilen von Online-Inhalten stellt eine publizistische Entscheidung und kommunikative Handlung dar.</p><p>Seit der Antike ist es jedoch leider üblich, dass Vertreter*innen jeweils älterer Medien neue Medien als gesellschaftsgefährdend darstellen. Gleiches gilt für Stile und Töne. Die Gründe dafür sind sehr transparent, der persönliche Prestige- und Einkommensverlust wird gefürchtet. Die neuen Medien kleinzureden und ihre Nutzer*innen verächtlich zu machen, hinderte im aktuellen Fall die Kulturwächter*innen aber nicht daran, sich mit vollen Händen am Internet und den Menschen darin zu bedienen. Themen,Thesen, Konzepte wurden geklaut, und irgendwann nutzten dann auch alte Medienhäuser neue Technologien und Formate: Blogs, Videos, Instastorys, Lives … Was aber nicht geschah, ist, dass jemals Menschen in alten Medien Menschen im Netz dafür Credits gegeben hätten, dass sie etwas Gutes und Schönes erdacht, entwickelt, vorgemacht haben. Nur so ist zu erklären, dass bis heute in der etwas klassischeren Medienöffentlichkeit Menschen, die im Internet publizieren grundsätzlich als journalistisch oder literarisch weniger bedeutend wahrgenommen werden. Unfair genug, aber ist es ein Zufall, dass unter diesen Personen viele BIPoC sind? Ist es ein Zufall, dass man selbst die Erfolgreichsten unter ihnen fast nie einlädt, fest für ein klassisches Medium zu arbeiten? Ja, ab und zu eine freie Mitarbeit bei einem Themen-Feature ist drin, aber ein Angestelltenverhältnis nur in ganz seltenen Fällen. Einmal pro Jahr Spotlight muss genügen, den Rest der Zeit bleiben in bürgerlichen Redaktionen Weiße unter sich. Erinnert das nicht schon wieder frappierend an das »Lieblingsausländer*innen«-Schema? </p><p>Nur in einigen sehr linken Medien, in deren Redaktionen normalisierte Kontakte zwischen Weißen und BIPoC längst bestehen, sieht es anders aus. Eine rein weiße Redaktion – nein, zwei unbezahlte BIPoC-Praktikant*innen sind nicht der Gegenbeweis – ist da bereits unvorstellbar geworden. Ausgerechnet aber in jenen bürgerlichen Medienhäusern, die sich traditionell als Speerspitze der Aufklärung betrachten, geht es peinlich unaufgeklärt zu, weil dort im Internet publizierende BIPoC wiederum ins Imaginäre verschoben worden sind. So gibt es im Digitalen erneut eine gesetzte und eine imaginisierte Welt, gleich bleibt, dass BIPoC dadurch der Subjektstatus aberkannt wird. Dieser Umstand ist sehr gefährlich, denn er plausibilisiert Faschist*innen, dass konservativere Medien im Grunde das Gleiche wollen wie sie: BIPoC verschwinden lassen, auf die eine oder andere Art. Es ist deshalb kein Zufall, dass Marginalisierte mit publizistischer Strahlkraft im Netz von Trollen ganz klassisch mit dem Tod bedroht werden. Hier haben klassische Medien-Entscheider*innen erhebliche Mitschuld auf sich geladen, das sollten sie wissen. Tragisch ist, dass ihre Unbehaglichkeit im Umgang mit BIPoC, die sie mehr zu fürchten scheinen als Unaufgeklärtheit, sich in der Praxis in kürzester Zeit verflüchtigen würde. Die allgemeine Arbeitssituation würde sich sogar verbessern: Keine gesellschaftlich repräsentativ besetzte Redaktion wird jemals einen Shitstorm erleben.</p><p>Weiße Mitteleuropäer*innen sagen neuerdings gern, dass wegen der Klimakatastrophe jetzt »alle in einem Boot sitzen« würden. Sie meinen damit, dass sich erstmals auch Personen, deren Lebensverhältnisse als gesichert bezeichnet werden können, von der Weltlage bedroht sehen. Aber selbst arme Menschen in Mitteleuropa sterben aktuell – außer in Einzelfällen, etwa bei einem Waldbrand – noch nicht wegen der Klimakatastrophe, in manchen Regionen der Welt aber sind es längst jedes Jahr Tausende. Es ist also etwas frivol, das so darzustellen. Positiv betrachtet klingt darin an, sich jetzt mit einer Art Weltgemeinschaft zu solidarisieren. Dies ist begrüßenswert, solange nicht davon ausgegangen wird, dass Weiße die progressivsten und bestimmenden Kräfte darin sein werden.</p><p>Zutreffend ist aber, dass für Weiße nicht nur die Figuren aus den Medienschauergeschichten über humanitäre Katastrophen aus den Meeren und Fernsehern gestiegen sind, sondern auch die Berichte selbst nicht mehr mit wohligem Schauer konsumiert werden können. Ja, die Flammen kommen näher, noch ist es nur unbehaglich und tut nicht weh. Den buchstäblichen und symbolischen Flammen, die noch nicht wehtun, korrespondiert eine neue innere Wärme. Es ist, als würde sich mental das Mischungsverhältnis von Ästhetik und Ethik ändern. Weiße Mitteleuropäer*innen beginnen, wieder etwas zu fühlen, leider aktuell wenig Angenehmes: Erschöpfung, Müdigkeit, Sorge, Wut, Verzweiflung. Aber ist das nicht alles schon besser als diese kühle Distanziertheit, die es ermöglichte, komplette Menschengruppen auszublenden? Was lässt sich mit diesem ungewohnten Fühlen anfangen? Ein Vorschlag wäre, die Problemlagen, die gerade erschöpft, müde, sorgenvoll, wütend, verzweifelt machen, in einem ersten Schritt zu identifizieren und genauer zu beobachten. Und sich dann irgendwann, nein, möglichst bald, zu fragen, welches Umsehen das zugehörige Herrenhaus einstürzen lassen kann.</p><p>Wenn Menschen – ja, auch Regierungspolitiker*innen! – sich wirklich grundsätzlich darüber einig sind, dass Menschenrechte nicht relativiert werden, brauchen einzelne Personen sich nur umzusehen und erkennen ganz viele Menschen, die neben ihnen in die gleiche Richtung gehen. Vielleicht nehmen Menschen einander irgendwann auch bei der Hand oder in den Arm. Das Haus des Herrn wäre dann außerhalb ihres Gesichtsfeldes längst eingestürzt.</p><p><em>Christiane Frohmann</em></p><p></p><p></p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Wed, 20 Dec 2023 13:20:45 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 105]]></title>
      <description><![CDATA[Der Genderstern von Bethlehem / Minijob-Fashion / Ein Zitat von Platon / Unheimliche Skincare / Snickers-Proteinriegel / Präraffaelitische Girls erklären]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/c8af93b6-6e99-4071-9b9c-3116eeec5fda/uploads/images/2gtibi2ozd/ul105_cover_Leonardo%2C_Die_Dame_mit_dem_Hermelin.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><h2>Etwas Altes: Der Genderstern von Bethlehem</h2><p>Es ist kurz vor Weihnachten, Menschen könnten, wenn ihnen die christliche Weihnachtsgeschichte vorgelesen wird, auf die Idee kommen, dass ein Verschärfen von Asylgesetzen und das Abschieben im großen Stil ziemlich unchristlich ist, also muss schnell die Genderdebatte aus der Schublade geholt werden. Das Volk muss abgelenkt werden, sonst kommt es noch auf Gedanken. Früher waren diese Ablenkungsmanöver noch anstrengender, Frau Merkel etwa musste mal zehn Kilo abnehmen, damit nicht über eine politisch finstere Entscheidung, sondern ihre Figur gesprochen wurde. Seit es das Gendersternchen gibt, ist alles viel einfacher geworden. Bildung ist ja Ländersache, also kann immer wieder ein anderer Clown den gleichen Quatsch verzapfen und die Medien sind auch jedes Mal gleich dabei, geil, schnell Artikel machen, das Internet schnappt ja schon nach Luft, das gibt sichere Klicks für einen Monat Überleben.</p><p>Ich habe gerade das Lektorat für das Buch <em>Gewalt und Poesie</em> von Jess Tartas und Schwartz fertiggemacht. Schwartz gendert nicht. Habe ich als Lektorin des Buches auch nur eine Bemerkung dazu gemacht? Oder als Verlegerin? Nein. Jess Tartas gendert. Habe ich als Lektorin des Buches auch nur eine Bemerkung dazu gemacht? Oder als Verlegerin? Nein. Hätten sie selbst gefragt, ob sie gendern sollen, hätte ich »Ja, gern« geantwortet.</p><p>Hätten die beiden an einer wissenschaftlichen Anthologie mitgewirkt, würde ich sie gebeten haben, zu gendern. Bestanden hätte ich darauf nicht. Als Verlegerin begrüße ich es, wenn gegendert wird, ich verlange es aber nicht. </p><p>In meinem Alltag, der rund um die Uhr mit Sprachschöpfung, -pflege und -vermittlung zu tun hat, ist Gendern ziemlich normal geworden. Das könnte auch gesamtgesellschaftlich längst so sein, wenn man nicht mit dieser unnötigen Diskussion so schön von jeder beliebigen echten Schandtat ablenken könnte.</p><p>»Vergewaltigung der Sprache«? Herr Söder, wie bitte? Was ist das denn für eine Sprache? Ach, sorry, kurz vergessen, heute werden ja mal nicht unsere Frauen vor den Muslimen geschützt, sondern unsere Sprache und Literatur vor den Frauen.</p><p>Das Gendersternchen mag keine typografische Schönheit sein, aber darum ging es doch auch wirklich keine Sekunde lang. Der Stern erzeugt ein kleines bisschen mehr Gerechtigkeit in einer lichterloh brennenden Welt, eigentlich hätte er verdient, in einer Weihnachtsgeschichte vorzukommen.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Neues: Minijob-Fashion</h2><p>Wäre ich eine zynische Fashion-Maus wie Lars Eidinger, würde ich einen Trend lancieren: Minijob-Fashion. Allein in unserem Haushalt geistern mittlerweile derart viele T-Shirts, Jacken, Warnwesten von irgendwelchen Lieferservices, Eventausrichtern und Hilfsorganisationen herum, dass ich damit locker eine ganze Kollektion bestücken könnte. Das liegt daran, dass Jugendliche aus eher linksbürgerlichen Haushalten sich nicht zu fein für prekäre Jobs sind, aber diese anders als Menschen in existenzieller Versorgungsnot selten lange behalten. Bis dahin wurden sie aber natürlich trotzdem von diesen Megaausbeutern gezwungen, die komplette Arbeitskleidung zu kaufen. Bei den Jobs für Hilfsorganisationen haben die jungen Menschen meist etwas mehr Geld und Kleidungsstücke gratis bekommen, Letztere hätten sie vermutlich zurückgeben müssen, aber so was klappt ja selten gut. Die angesammelten T-Shirts werden ganz selbstverständlich im Alltag getragen, aber etwas abwegigere Teile wie die quietschpinke Foodpanda-Jacke nur zum Rauchen in den Garten oder wenn wirklich alle anderen Jacken gerade in irgendeiner anderen Wohnung liegen.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/c8af93b6-6e99-4071-9b9c-3116eeec5fda/uploads/images/izgga5frdt/IMG_3189.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Foodpanda-Jacke liegt auf hellblauen Croqs mit Hello-Kitty-Pins"/><p>Ich stelle mir vor, wie ein Trendscout durch Berlin rollert und meinem kurz zum Supermarkt schlappenden Sohn in Foodpanda-Jacke begegnet. Er trägt die Jacke offen, denn die Sonne ist kurz herausgekommen, auf seinem schwarzen T-Shirt erkennt man das rot-gelbe ASB-Logo. Es sieht alles so herrlich unabsichtlich aus. (Weil es das ist.) Unauffällig macht der Trendscout mit dem Smartphone ein Foto, er freut sich, denkt <em>so Berlin.</em> Seine Chefin wird begeistert sein.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Geborgtes: Ein Zitat</h2><blockquote><p>»Die schlimmste Art der Ungerechtigkeit ist die vorgespielte Gerechtigkeit.« ― Platon</p></blockquote><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Unheimliches: Ghostly Skincare</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/c8af93b6-6e99-4071-9b9c-3116eeec5fda/uploads/images/p6ldy5w7d3/IMG_3192.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><em>»Obsessing over« oder »possessed by«?</em></p><hr aria-hidden="true"/><h2>Rubrikloses</h2><p>Ich seit 2011: <a href="https://frohmannverlag.de/pages/kontakt">Bitte keine Manuskripte anbieten oder schicken, wir fragen grundsätzlich selbst bei Autor*innen an.</a></p><p>Unbekannte Person, 2023:</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/c8af93b6-6e99-4071-9b9c-3116eeec5fda/uploads/images/3vmsjjcvwc/IMG_3191.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/c8af93b6-6e99-4071-9b9c-3116eeec5fda/uploads/images/aijhjqxhd2/IMG_3191.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/c8af93b6-6e99-4071-9b9c-3116eeec5fda/uploads/images/x4kb5a6n7z/IMG_3166.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Snickers-, Bounty-, Twix-Proteinriegel"/><p><em>Neulich dachte ich: Krass, mein ganzes Leben lang waren Snickers, Bounty und die anderen klassischen Schokoriegel supererfolgreich, jetzt werden sie von Proteinriegeln verdrängt. Naiv von mir,, denn jetzt gibt es sie neuerfunden als Proteinriegel. Der Markt regelt wirklich alles, nur nicht für Menschen.</em></p><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/c8af93b6-6e99-4071-9b9c-3116eeec5fda/uploads/images/em7a4hnxij/IMG_3187.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="M&amp;Ms mit dem eigenen Foto drauf"/><p><em>Next Level Selbstbezüglichkeit</em></p><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/c8af93b6-6e99-4071-9b9c-3116eeec5fda/uploads/images/cmasffo7gq/IMG_3177.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Werbung für Blasenstärkungsgerät"/><p>Ist das ein verkappter Vibrator, so wie im 19. Jahrhundert der »Manipulator«, ein Massagegeräte gegen Hysterie? (Lassen Sie Perifit dieses Jahr Ihr Weihnachtsmann sein, zwinkazwonka.)</p><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/c8af93b6-6e99-4071-9b9c-3116eeec5fda/uploads/images/wlozpcfrpm/IMG_3182.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Zwei Instaposts in Schwarzweiß untereinander"/><p><em>Instagram hat sich dem Diskurs angepasst und gestattet nur noch Schwarzweißbilder.</em></p><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/c8af93b6-6e99-4071-9b9c-3116eeec5fda/uploads/images/t34546cnok/IMG_3186.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Screenshot aus den Tagesthemen. Person steht vor Computerscreen, unten erkennbar PGExplaining-Postkarte mit »Resignation ... riot ... resignation ... riot ...«"/><p><em>Im Beitrag ging es darum, dass ihre Stelle nur befristet ist …</em></p><hr aria-hidden="true"/><h2>Präraffaelitische Girls erklären</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/c8af93b6-6e99-4071-9b9c-3116eeec5fda/uploads/images/h424rmavda/fv_pg_btd_tiger.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Person mit Tiger: Ich, wenn ich dem Tiger erkläre, dass er weniger gefährlich für Menschen ist als der deutsche Bundeskanzler."/><hr aria-hidden="true"/><p>Zurück zum deutschen Bundeskanzler, wir sehen uns nächste Woche. Seid lieb, nur nicht zu Nazis. </p><p><em>XOXO,<br/>FrauFrohmann</em></p><hr aria-hidden="true"/><p>Ich freue mich, wenn ihr für eine Weile ein <a href="https://steadyhq.com/de/newfrohmanntic/about">Bezahlabo</a> abschließt oder über <a href="https://paypal.me/pgexplaining?country.x=DE&amp;locale.x=de_DE">Paypalme</a> Laser eine Katzenmilch spendiert. Wer wenig Geld hat, behält es bitte.</p><p>Das Coverbild ist minus der rosa Einfärbung »Dame mit dem Hermelin« von Leonardo da Vinci von 1490.</p><p></p><p></p>]]></content:encoded>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/c8af93b6-6e99-4071-9b9c-3116eeec5fda/uploads/images/2gtibi2ozd/ul105_cover_Leonardo%2C_Die_Dame_mit_dem_Hermelin.jpg?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;fm=jpg&amp;crop=faces" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/fe13eaa1-07e5-4d99-9e26-933e1c2b7dc4/posts/c8af93b6-6e99-4071-9b9c-3116eeec5fda</link>
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      <pubDate>Sun, 10 Dec 2023 22:54:28 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[104]]></title>
      <description><![CDATA[Die Jugend in UNSEREN Band-Shirts / Fotografiergebot / Ein Zitat von Olga Tokarczuk / Der reaktionäre Stil-und-Benimm-Hype / Präraffaelitische Girls erklären]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>Folge 104</h1><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/ad9a73a7-4c31-48ae-9824-ca2a658805d5/uploads/images/rbms2jtupx/ul103_Johann_Heinrich_F%C3%BCssli_053.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Aufhockender Nachtmahr, bewusstlose Person mit Brüsten, spukiges Pferd"/><h2>Vorweg</h2><p>#ABC #Katze #Schnee</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Altes: Die Jugend in UNSEREN Band-Shirts</h2><p>Das Alter: <br/>Die Jugend hat keine Bands mehr. <br/>Die Jugend ist so unkreativ und macht uns einfach alles nach. <br/>Die Jugend kauft bei H&amp;M Shirts von Bands, die sie nicht mal kennt.</p><p>Die Jugend: <br/>Stimmt es, dass ihr heute oft von euren Bands sprecht, obwohl ihr in deren großer Zeit noch in der Grundschule wart? <br/>Stimmt es, dass es viel mehr deutsche Ex-Punks gibt, als es Punks gab?<br/>Stimmt es, dass Bandshirts bei Konzerten früher schon so teuer verkauft wurden, dass sie eher ein Mittelschichtsding waren?</p><p><em>– Adultsplainers, leave those kids alone. </em><br/>Einst alternative Musik und Jugendkultur zum unberührbaren Heiligtum zu popkanonisieren, ist absurd.<br/>Es ist Kapitalismus, deshalb kommt alles, was Menschen berührt, in den Fleischwolf. Die Jugend kann am wenigsten dafür.<br/></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/0cbc9723-e8ff-4ff6-9b76-ebf988fe9c25/uploads/images/rx3wqpflr5/IMG_3032.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Joy-Division-Shirt bei H&amp;M"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/0cbc9723-e8ff-4ff6-9b76-ebf988fe9c25/uploads/images/w3e4gp2opg/IMG_3039.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Joy-Division-Shirt bei H&amp;M"/><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Neues: Fotografiergebot</h2><p>Fotografieverbote, etwa bei Konzerten, Promihochzeiten und in Clubs, kennt man. Sie dienen meist dazu, die Atmosphäre intakt zu halten aka ungestörten Kunst- oder Drogengenuss zu ermöglichen, manchmal wollen die Gastgeber_innen sich aber auch einfach einen Millionen-Dollar-Exklusiv-Deal mit einem Medium gönnen.</p><p>Eher im Verborgenen wirken hingegen Fotografiergebote, wie das Gruppenselfie, mit dem man (unnötig) allen Nichtanwesenden signalisiert: WIR hatten die beste Zeit unseres Lebens und du nicht, WIR sind jetzt BFF und du nicht, WIR machen Premiumdinge, z. B. Revolution, und du nicht.</p><p>Ein weiteres, sozial weniger passiv-aggressives Fotografiergebot greift, wenn man in die Nähe dauerhafter oder temporärer Topmotive kommt; aus passionierten Fotografen, die zumindest im deutschsprachigen öffentlichen Raum irgendwie immer weiße cis Männer zu sein scheinen, wachsen dann sofort Stative, und auch ich, die in diesem Sinne nicht passionierte Fotografin, muss zwanghaft mein Smartphone rausnehmen und mindestens zwanzig Fotos machen, die die Welt nicht braucht. Das ist irgendwie cringe, aber es tut anderen nicht weh, also, was soll’s.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/0cbc9723-e8ff-4ff6-9b76-ebf988fe9c25/uploads/images/gp6nckbreb/ul104_stock2.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Fernsehturm, Riesenrad in Berlin"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/0cbc9723-e8ff-4ff6-9b76-ebf988fe9c25/uploads/images/gixzwa2v7e/ul104_stock1.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Fernsehturm, Weihnachtsmarkt-Aufbauer in Berlin"/><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Geborgtes: Ein Zitat</h2><blockquote><p>»Zärtlichkeit ist die tief gefühlte Sorge um ein anderes Wesen und seinen Mangel an Immunität gegen Leid und die Auswirkungen der Zeit. Zärtlichkeit nimmt die Bindungen wahr, die uns verknüpfen, die Ähnlichkeiten und Gleichheit zwischen uns. Es ist eine Art zu sehen, die die Welt als lebendige zeigt, lebend, vernetzt, kooperierend und abhängig. Literatur baut auf Zärtlichkeit gegenüber jedem Wesen auf, das nicht wir selber sind.« <br/>– Olga Tokarczuk in ihrer Nobelpreisrede, 2018</p></blockquote><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Unheimliches: Der reaktionäre Stil- und Benimm-Hype</h2><blockquote></blockquote><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/0cbc9723-e8ff-4ff6-9b76-ebf988fe9c25/uploads/images/7f3lh5pxsg/IMG_3110.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Person mit langen Haaren und offenem Mund"/><p>TikTok und Insta sind neuerdings voll mit Accounts, in denen offiziell adelig benamte oder sonstwie unglaublich distinguierte Personen erklären, wie man sich richtig anzieht und benimmt. Kann man machen, kann man halb witzig und halb interessant finden, aber behaltet bitte im Hinterkopf, dass das alles zur Fahrt im großen Rückwärtskarussell gehört, genauso wie etwa Retromode.</p><p>Mal ein Näschen davon nehmen, warum nicht. Drauf hängenbleiben, nein nein nein. Außer, ihr seid eh schon auf dem Weg, in ein paar Jahren mit euren fünf oder mehr weißdeutschen Premiumkindern in ein Herrenhaus in Brandenburg zu ziehen, wo schon Gleichgesinnte auf euch warten. Abtreibung findet ihr dann längst problematisch, Schminke unnötig, Woke irgendwie künstlich und überdreht. (Noch könnt ihr bremsen und umkehren.)</p><p>Over? In den letzten Jahren war es in meinem Gesichtsfeld angenehm nebensächlich geworden, wie man die Gabel hält und was die passende Kleidung für einen Opernbesuch ist.</p><p>Sich jetzt, weil in all den Krisen Halt fehlt, internet-ironisch einen Habitus anzugewöhnen, der einen unmerklich Menschen ähnlicher macht, die man in der Realität sehr oft Arschloch nennt, scheint mir eine sehr schlechte Idee zu sein. Diese Stil- und Benimmvideos haben mich deshalb ungefähr fünf Minuten lang unterhalten, dann aber heftig abgestoßen.</p><p>Menschen brauchen 2023 inmitten einer brennenden Welt keinen Stil-Unterricht, sondern Übungen in Empathie und Impulskontrolle. Konsumieren werden sie natürlich den reaktionären Kram, ist ja auch eine schöne Abwechslung zum ewigen Verächtlichkeitsfernsehen.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Rubrikloses</h2><p>Performative Aufklärung to go: Jeden Tag, wenn es irgendwie geht, ein gutes Zitat von einer marginalisierten Person in einem sozialen Medium oder einer Zitatdatenbank posten. Du änderst so die Wirklichkeiten: deine und die von anderen.</p><hr aria-hidden="true"/><p>Schnee ist eine gute Metapher für Weißsein: kann sehr rein glitzernd daherkommen und megatödlich sein.</p><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/0cbc9723-e8ff-4ff6-9b76-ebf988fe9c25/uploads/images/dfdkmyv6qf/ul104_natternteller.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Keramikteller mit naturalistischem Schlangenrelief"/><p><em>Natternteller im Museum, warum?</em></p><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/0cbc9723-e8ff-4ff6-9b76-ebf988fe9c25/uploads/images/xf4jdfpojm/IMG_3165.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Grimmig aussehende Wildkatze"/><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/0cbc9723-e8ff-4ff6-9b76-ebf988fe9c25/uploads/images/6o6czpxmtk/nfmat_moonboot%20laserpfote.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="im Schnee ein Moonbootabdruck, in dessen Innerem ein Katzenpfotenabdruck zu sehen ist"/><p>Das ist eines meiner liebsten Fotos, weil es gute Fragen aufwirft: Wer tritt da in wessen Fußstapfen? Ist die erste Spur der zweiten vorrangig? Der größere Abdruck dem kleineren? Sind Laser (Katze) und ich Teil voneinander?</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Präraffaelitische Girls erklären</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/0cbc9723-e8ff-4ff6-9b76-ebf988fe9c25/uploads/images/orkqxvh2rv/fv_pg_btd_zukunft%20der%20literatur.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Über einem Buch sitzende Person mit hochgesteckten Haaren. Hinzugefügter Text Präraffaelitische Girls wussten. Die Zukunft der Literatur war Literatur.«"/><hr aria-hidden="true"/><p>Zurück zur Literatur, wir sehen uns nächste Woche. Seid lieb, nur nicht zu Nazis. </p><p><em>XOXO,<br/>FrauFrohmann</em></p><hr aria-hidden="true"/><p>Ich freue mich, wenn ihr für eine Weile ein <a href="https://steadyhq.com/de/newfrohmanntic/about">Bezahlabo</a> abschließt – Kündigungen werden hier wirklich nie persönlich genommen – oder über <a href="https://paypal.me/pgexplaining?country.x=DE&amp;locale.x=de_DE">Paypalme</a> Laser eine Katzenmilch spendiert. Wer wenig Geld hat, liest bitte mit bestem Gewissen kostenlos mit.</p><p>FYI: Das Coverbild ist minus der rosa Einfärbung <em>The Nightmare</em> von Johann Heinrich Füssli aus den Jahren 1790/91.</p><p></p><p>#Band-Shirts #ExPunks #Adultsplaining <em>#</em>Fotografiergebot #Zärtlichkeit #StilUndBenimmHype #PerformativeAufklärung #Natternteller #KatzenPersonFußabdruck #PräraffaelitischeGirlsErklären #PGExplaining #Literatur</p><p></p><p></p>]]></content:encoded>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/ad9a73a7-4c31-48ae-9824-ca2a658805d5/uploads/images/rbms2jtupx/ul103_Johann_Heinrich_F%C3%BCssli_053.jpeg?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;fm=jpg&amp;crop=faces" medium="image"/>
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      <pubDate>Sun, 03 Dec 2023 23:33:35 +0000</pubDate>
    </item>
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      <title><![CDATA[102 und 103]]></title>
      <description><![CDATA[Gutsschlechte Gewohnheiten / Alte Freundin / Bahn-Masterclass / Stiefelgespenst / Zitate von T. Fleischmann, Celia A. Sorhaindo / Gruselgrafik / Verlauren / PGExplaining]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>Folge 102 und 103</h1><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/e4b0375a-8ac4-42d9-9193-cf791a26ef3e/uploads/images/snrmydkbby/ul102_1665_Girl_with_a_Pearl_Earring.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Das hier leicht rosa eingefärbte Vermeer-Bild im Original: Ölgemälde von einer jungen Frau im linken Profil, die den Betrachter anschaut. Sie trägt einen blauen Turban mit gelb-weißem Tuch, das hinter ihre Schulter fällt. An ihrem linken Ohr hängt ein großer Perlenohrring. Ihre hellbraune Jacke mit weißem Kragen ist nur bis zu den Schultern zu sehen. Der Hintergrund ist schwarz."/><hr aria-hidden="true"/><h2>Vorweg</h2><p>November und Dezember, konnte ich feststellen, sind nicht plötzlich leerer geworden, weil die Kinder erwachsen sind. Irgendwie häufen sich da immer auch Termine, die absolut nichts mit dem so genannten Weihnachtsgeschäft zu tun haben. (Der Begriff Weihnachtsgeschäft passt ja zu Arbeitskontexten ebenso gut wie zu familiären.) Aber das professionelle und private Weihnachtsgeschäft häuft sich dieses Jahr auch früher, weil ich eine Art Adventskalender im Angebot habe, der eifrig verschickt werden muss und schon Anfang Dezember zu einer Art Vorweihnachten nach München fahre. Dafür sind wir dann an Weihnachten selbst ausnahmsweise zuhause, vielleicht bekomme ich ja zwischen den Tagen endlich die Möglichkeit, das Dritte Buch Girls zu vollenden. Letztes Jahr um diese Zeit und auch noch im Dezember gab es kaum professionelles Weihnachtsgeschäft und auch kaum Auftritte, ich will also nicht meckern, Luxusproblem.</p><p>Gestern war ich auf einer ausgesprochenen Buchbranchenveranstaltung, und es war irgendwie offener als früher, das war schön. Menschen mit einigermaßen unterschiedlichen Positionen schafften es tatsächlich ohne Augenrollen miteinander durch den Tag. Außerdem waren extrem viele Frauen auf der Bühne und das wohl sogar unabsichtlich, das war auch schön. Ich wurde in der Diskussion einmal »Kollegin Frohmann« genannt, das hatte ich noch nie. Schade, dass Buchbranchenmenschen nicht »Genossin« sagen, das hätte sich noch fiktionaler aka angemessen angefühlt. Aber es war da gestern viel zu weiß, unglaublich weiß sogar, das wird wohl weitere zehn Jahre brauchen, die wir gesellschaftlich nicht haben. Pls change faster.</p><p>Immerhin war Deniz Utlu da und ich traute mich, Hallo zu sagen, obwohl wir uns noch nie getroffen hatten, und ich erzählte ihm auch, dass ich <a href="https://www.suhrkamp.de/buch/deniz-utlu-vaters-meer-t-9783518431443">Vaters Meer</a> lieben würde und das Buch auf Empfehlung einer Freundin gelesen hätte, die er ebenfalls kennt.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Altes: Gutschlechte Gewohnheiten</h2><p>Früher wurde gesellschaftlich das Bild vermittelt, disziplinierte Menschen mit hehren ethischen Überzeugungen und unbedingtem Bildungs- sowie Arbeitswillen wären die Norm und alle anderen böse bzw. bemitleidenswerte Ausfälle. Dank Sozialen Medien wissen Menschen nun, dass das Gegenteil der Fall ist. Normale Menschen liegen, wann immer es ihnen möglich ist, antriebslos und latent bis sehr niedergeschlagen auf der Couch, snacken und sehen Bewegtbilder auf Screens an. In die Bibliothek oder zur Demo schaffen sie es viel seltener, als Instagram vermuten lassen würde.</p><p>Einer meiner Lieblingsaccounts aus teils unlauteren Motiven ist der einer neoliberalen Person, die zwischendurch immer wieder mal schreibt, was sie so zum Spaß mit ihrem Kind unternimmt, natürlich alles Höchstkultur-Großereignisse. Sie macht das wirklich, da bin ich sicher, aber sie hat offenkundig keine Ahnung, wie andere Menschen leben, und vermutlich kennt sie auch kein einziges Pokémon beim Namen.</p><p>Des weiteren gibt es auch angeblich schlechte Angewohnheiten, die vielleicht nicht die Norm sind, aber es in meinen Augen verdient hätten, mehr als persönliche Eigenheiten betrachtet zu werden. Folgende meiner angeblich schlechten Angewohnheiten möchte ich hiermit rehabilitieren, nichts an ihnen ist verkehrt, weil niemaus dabei Schaden nimmt:</p><ul><li><p>im Bett arbeiten (wozu sonst gibt es Laptops)</p></li><li><p>Sommer-, Winter-, Drinnen-, Draußen-, Tages-, Abendkleidung als Konzept ignorieren (schöne Kleidung hat auch eine Funktion)</p></li><li><p>öffentlich Schwächen bekennen (ich bin 1. keine Powerfeministin, 2. ist es mir egal, ob Typen das nie machen würden, 3. glaube ich, dass es anderen gut tut, zu sehen, dass ich selbstbewusst bin <em>und</em> unsicher, viel hinbekomme <em>und</em> viel vergeige)</p></li><li><p>Selfies mit anderen verweigern (lasst mich einfach in Ruhe)</p></li><li><p>industrielle Schokoladenadventskalender innerhalb weniger Tage oder auch schon vor dem 1.12. plündern und die Türchen sorgsam wieder verschließen (eine eigene Kunstform, meine Meinung)</p></li></ul><p><em>tbc</em></p><p>Ihr könnt mir gern in einer Mail schreiben, ob ihr auch solche Eigenarten habt, die nicht frech von anderen abgewertet werden sollten.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Noch etwas Altes: Alte alte Freundinnen</h2><p>»Alte Freundin« bedeutet ja üblicherweise Freundin, die man schon ewig kennt. »Alte Freundin« kann aber auch heißen, dass eine Freundin deutlich älter ist als man selbst, so dass das ein Thema ist. Oder es deutet an, dass die Freundin und mit ihr man selbst gleichermaßen jetzt alt wird oder ist. Letzteres ist neu für mich, aber es ist real. Einmal im Jahr treffe ich mich mit zwei Freundinnen, die ich schon ewig kenne und die und ich mit ihnen allmählich älter werden. Noch nicht so ganz alt, noch einigermaßen mittelalt, aber seit einer kleinen Weile gefühlt beim besten Willen nicht mehr jung. Während andere, oft um einiges jüngere Freund_innen nicht zugeben wollen, dass ich altere, und diese Vorstellung sogar energisch ablehnen, weil sie vielleicht befürchten, dies könnte etwas Trennendes sein, darf ich hier zwei, drei Tage offiziell alt sein. Das ist sehr entspannend. Es hat sich für mich schon länger angedeutet, dass ich in einer Um- und nicht zu hundert Prozent auch gleich wieder Aufbruchphase bin. An manchen Sachen habe ich seither das Interesse verloren (Gründen, Initiieren, Vorangehen), für manche Sachen bin ich neuerdings nicht mehr bereit, Lebenszeit aufzuwenden (Ü20-Menschen beim Endlosinterpretieren weirder Datingvorkommnisse zuzuhören), und manche Sachen machen mir jetzt erstmals plausibel, warum Menschen irgendwann auch gar keine Lust mehr haben, immer noch weiter zu leben (Soziale-Medien-Verfleischwolfung). Letzteres klingt jetzt wirklich sehr alt, ihr könnt gern die Welt ändern, dann lasse ich diesen Strang wieder fallen.</p><p>Jedenfalls hatte ich, hatten wir sehr angenehme alte Tage. Die reine Freude, was ja viele Freund_innenschaften sind, alle haben irgendwie ihre besonders schönen Zeiten und Räume. Bei diesem Treffen waren sogar zwei Ehemänner dabei, so safe ist der Space, dass das keinen Unterschied macht. Meine alten alten Freundinnen, die ich natürlich einst im Internet fand, grinsen jetzt bestimmt beim Lesen vor sich hin.</p><p>Ich bin nicht jeden Tag alt, nur manchmal, sie auch, und das ist doch okay.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Neues: Bahn-Masterclass</h2><p>Als Person mit ausgeprägtem Bedürfnis, in der Öffentlichkeit (vielleicht auch immer) in Ruhe gelassen zu werden, sind Reisen für mich nichts, worüber ich im Norman-Mailer-Outfit Bücher schreiben würde, sondern purer Stress. Woanders sein: hui, woanders hin und wieder her kommen: pfui. Also überlege ich mir gut, wie ich, ohne ein offenkundiges soziales Monster zu sein, erreichen kann, dass im Zug der Platz neben mir frei bleibt. Hartgekochte Eier auszupacken und zu verspeisen, ist mir als Werkzeug zu offensiv. Mich schlafend zu stellen, ist einerseits nervlich belastend, andererseits auch moralisch ausgeschlossen, wenn der Zug wirklich voll ist. Aber mein neuer Trick ist bislang stabil. Ich reserviere den Gangplatz neben einem dieser ungefähr zehn Plätze im Zug, die auf dem Plan ein Ausrufezeichen haben, weil man von dort aus nicht gut aus dem Fenster sehen kann. Wer will schon, solange es noch andere Plätze zu reservieren gibt, einen schlechten Platz neben einem bereits reservierten okayen nehmen: niemand. Ihr dürft das gern nachmachen, aber bitte nicht weitererzählen, sonst klappt es bald nicht mehr.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Noch etwas Neues: Stiefelgespenst</h2><p>Ein neues Medienphänomen ist, dass man potenziell nicht nur seinen Menschen und Haustieren, sondern auch seiner Kleidung im Internet begegnet. Nicht nur in dem Sinne, dass da Angebote sind, die einem gefallen und die man dann bestellt, geliefert bekommt, besitzt, trägt. Nein, es begegnen einem auch Kleidungsstücke, die man bereits vor langer Zeit gekauft hat und mittlerweile als Teil des Selbst empfindet: Persönliche Kleidung entfremdet sich instantan, entwickelt ein gespenstisches Eigenleben, spukt.</p><p>Gestern geisterten meine schwarzen Stiefel durch die TL und ich war so überrascht, sie zu sehen, dass ich sie impulsiv gefavt habe, nicht den Post, die Werbung, sondern sie, als würde es sich wirklich um mein Paar Stiefel handeln und nicht um seelenlose Doppelgänger. Ich favte die Stiefelgespenster so wahrhaftig, wie ich das Selfie einer alten Freundin favn würde.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/f32961f4-dfd2-4fd0-973c-59b738328dda/uploads/images/oc4lf3wovh/ul102_stiefel.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Instagram-Werbung für schwarze Stiefel, darunter ein rotes Fav-Herz"/><p>Weiiiiird. Aber nicht wirklich unheimlich, also nur gedanklich, nicht gefühlt unheimlich.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Geborgtes: Ein Zitat</h2><blockquote><p>»Anyway, you never get there, you just keep going.« <br/>– T. Fleischmann, <a href="https://coffeehousepress.org/products/time-is-the-thing-a-body-moves-through">Time Is the Thing a Body Moves Through</a></p></blockquote><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/f32961f4-dfd2-4fd0-973c-59b738328dda/uploads/images/a5xmowdih5/buch_t%20fleischmann.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Grafisches Cover: T. Fleischmann, Time Is the Thing a Body Moves Through"/><hr aria-hidden="true"/><h2>Noch ein Zitat</h2><blockquote><p>»words gone as wounds appeared«</p><p>– Celia A. Sorhaindo, <a href="https://cepapillotepress.co.uk/books/guabancex/">Guabancex</a></p></blockquote><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/f32961f4-dfd2-4fd0-973c-59b738328dda/uploads/images/25jn7qjmjs/ul102_Guabancex.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Buchcover, Motiv: Wirbelsturm, Text: Celia A. Sorhaindo, Guabancex"/><p><em>Für Neue: Zitat hier = Leseempfehlung fürs ganze Buch</em></p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Unheimliches: Gruselgrafik</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/f32961f4-dfd2-4fd0-973c-59b738328dda/uploads/images/qmcxkd4oow/ul_inneres%20kind.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Werbegrafik, in der eine schaurige schwarze Gestalt eine zerbrochene lila Gestalt umfasst"/><p><em>Ich weiß nicht, warum mir immer so ein Kram in die TL gespült wird, vermutlich weil ich vor solchen Werbungen minutenlang perhorresziert verharre:</em></p><p><em>Alfred Hitchcocks Meisterwerk »Psychografik«</em></p><p><em>*wischt ganz sicher nicht</em>*</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Noch etwas Unheimliches: Verlauren</h2><p>Nachfolgend das beste Stück meiner Homestory-Merkwürdigkeiten-in-Designzeitschriften-Sammlung, der Thomas Gottschalk unter den Boomern. Falls ihr aktuell erwägen solltet, Ralph Laurens nächste viel jüngere Frau zu werden, überlegt bitte noch mal kurz, außer, der True Crime Vibe ist euer Ding.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/e4b0375a-8ac4-42d9-9193-cf791a26ef3e/uploads/images/mbodeen6e6/IMG_2377.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Ralph Lauren mit weißen Haaren im Anzug blickt vor verspiegeltem Hintergrund auf seine deutlich jünger aussehende Ehefrau, die nackt mit Louboutinschuhen in Schaumbad liegt"/><hr aria-hidden="true"/><h2>Rubrikloses</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/f32961f4-dfd2-4fd0-973c-59b738328dda/uploads/images/ackpfqebdh/ul102_polizeiriesenrad.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Riesenrad, Fernsehturm, Polizeiauto"/><p><em>Wenn dir zwei von drei Bildelementen verraten, dass du in Berlin bist</em></p><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/e4b0375a-8ac4-42d9-9193-cf791a26ef3e/uploads/images/ievno3f2je/IMG_2718.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Meme, in dem behauptet wird, Katzen würden Baby ruhiger machen. Bild zeigt Katzenkopf an Babykopf"/><p><em>»Calmer« oder instinktiv vor Angst starr, weil auch Babys ihre Augen behalten wollen?</em></p><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/e4b0375a-8ac4-42d9-9193-cf791a26ef3e/uploads/images/v2qsau3gux/IMG_2539.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Mensch liegt im Museum mit Buch im Bett vor Gemälde"/><p><em>Maximaler Animal-Crossing-Vibe</em></p><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/f32961f4-dfd2-4fd0-973c-59b738328dda/uploads/images/bjh7mwfeyt/ul102_hochkultur.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Grumpycat Meme: Ich hatte diese Woche Hochkultur. It was awful."/><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/f32961f4-dfd2-4fd0-973c-59b738328dda/uploads/images/6d5qju7kjj/ul_croissant.PNG?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Etwas manisch blickende Person mit überlegtem Text: So just relax and enjoy your croissant"/><p><em>Sage ich auch immer.</em></p><hr aria-hidden="true"/><h2>Präraffaelitische Girls erklären</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/e4b0375a-8ac4-42d9-9193-cf791a26ef3e/uploads/images/sacgfx2sxr/fv_pg_btd_KI%20Teckdudemilliard%C3%A4re.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Gemäldeausschnitt. Tot daliegende menschliche Figuren. Hinzugefügter Text: Die Techdude-Milliardäre aus Silicon Valley hatten tatsächlich Recht behalten. KI löste die größten Probleme der Menschheit – na ja, immerhin eines –, als sie die Techdude-Milliardäre aus Silicon Valley killte."/><hr aria-hidden="true"/><p>So just relax and enjoy your croissant. Wir sehen uns nächste Woche. Seid lieb, nur nicht zu Nazis. </p><p><em>XOXO,<br/>FrauFrohmann</em></p><hr aria-hidden="true"/><p>Ich freue mich, wenn ihr für eine Weile ein <a href="https://steadyhq.com/de/newfrohmanntic/about">Bezahlabo</a> abschließt oder über <a href="https://paypal.me/pgexplaining?country.x=DE&amp;locale.x=de_DE">Paypalme</a> Laser eine Katzenmilch spendiert. Wer wenig Geld hat, liest bitte mit bestem Gewissen kostenlos mit.</p><p>FYI: Das Coverbild ist minus der rosa Einfärbung <em>Meisje met de parel</em> von Jan Vermeer aus dem Jahr 1665.</p><h5></h5><p>#Weihnachtsgeschäft #KolleginFrohmann« #DenizUtlu #VatersMeer #GutschlechteGewohnheiten #AlteAlteFreundin #SocialMediaVerfleischwolfung #BahnMasterclass #Stiefelgespenst #Stiefelgespenster #NeuesMedienphänomen #TFleischmann #TimeIsTheThingABodyMovesThrough #CeliaASorhaindo #Guabancex <em>#</em>Gruselgrafik #Psychografik #Verlauren #TrueCrimeVibe #AnimalCrossingVibe #GrumpyCat #PräraffaelitischeGirlsErklären #SoJustRelaxAndEnjoyYourCroissant</p><p></p>]]></content:encoded>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/e4b0375a-8ac4-42d9-9193-cf791a26ef3e/uploads/images/snrmydkbby/ul102_1665_Girl_with_a_Pearl_Earring.jpeg?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;fm=jpg&amp;crop=faces" medium="image"/>
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      <pubDate>Wed, 29 Nov 2023 20:41:27 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 101]]></title>
      <description><![CDATA[Elegische Playlist / E-Book-Begeisterung / Nazi-Coolness / Ein Zitat von Antonio Gramsci / Krisen-Matrjoschka / Präraffaelitische Girls erklären]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>Umsehen lernen, Folge 101</h1><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/9f565e09-ad98-4ead-94c2-0207750ef7de/uploads/images/y37co7xvxw/UL_101_Redon_smiling-spider.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Sardonisch blickende schwarze Spinne aka die Zeichnung &quot;Spinne&quot; von Odilon Redon, rosa eingefärbt"/><hr aria-hidden="true"/><h2>Vorweg</h2><p>Ich bin kein Herbstfan, aber es ist jedes Jahr wundervoll, das erste Mal bei leichtem Nieselregen in einem Haufen gelbmatschiger Blätter an der Bushaltestelle zu stehen und die elegische Playlist zu hören. </p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Altes: E-Book-Begeisterung</h2><p>Gerade muss ich in Vorbereitung einer Veranstaltung viel lesen und habe aus Zeitdruck die meisten Titel als E-Book gekauft. Das mit dem E-Book-Lesen hatte ich ein bisschen aus den Augen verloren, als sich mit der Pandemie bei mir ein Bedürfnis entwickelte, doch mal wieder ein paar fassbare Koordinaten in meinem Leben zu haben. An einem Printbuch kann man sich ziemlich gut festhalten, fast so gut wie an einer Zigarette; manche Menschen brauchen so was immer, ich phasenweise. Und so fing ich während Corona wieder heftig mit dem Printbuchlesen an.</p><p>Nun ist Corona zwar nicht vorbei, aber ich bin trotzdem wieder back to E-Books. Weil sie super sind. Ich sause durch die Seiten, markiere, kommentiere und bin so richtig in meinem Element. Beim Printbuchlesen beobachte ich mich – cringe – immer auch ein bisschen wohlgefällig mit der Distinktionsbrille aus dem letzten Jahrtausend. Intellektuell wirkende Frau beim Buchlesen. Das ist nicht sehr weit weg vom aufgestützten Kinn im schwarzen Rolli. Okay, beim E-Book-Lesen sehe ich ab und zu auf die Prozentangabe, das ist auch peinlich.</p><p>I love E-Books. Sie sind so schön unbetulich, so praktisch, so komfortabel. Wo ist meine Brille? Oben. Zu faul, hochzugehen, wuuuusch, Schrift vergrößert. E-Books sind ein Alte-Leute-Medium, das gefällt mir auch gut. (Junge Menschen lesen tendenziell weder Bücher noch E-Books oder sie bevorzugen ausdrücklich Print, sind bookish, sehen Printbücher als Teil ihres Lifestyles an.)</p><p>Wenn du älter wirst, brauchst du nicht mehr so viel Bullshit in deinem Leben. Du möchtest lesen, aber nicht mehr beim Lesen gesehen werden. Wenn ich heute in der U-Bahn auf dem Smartphone lese, vermuten die Mitfahrenden vielleicht, dass ich Candy Crush spiele. Mit 18 hätte mich dieser Gedanke gequält, heute liebe ich ihn. Ich würde ja auch tatsächlich Candy Crush spielen, wenn ich es nicht relativ schnell gelöscht hätte, um nicht für immer Candy Crush zu spielen. Wenn ich auf dem Smartphone lese, kommt niemals jemand auf mich zu und sagt: »Junge Frau, was lesen Sie denn da Schönes?« – Es gibt nichts Schöneres, als beim Lesen unkommentiert zu bleiben.</p><p>Vor sehr langer Zeit, 2014, habe ich mal übers Lesen von Büchern und E-Books nachgedacht und einen Text dazu geschrieben, vielleicht wollt ihr ihn ja auf dem Smartphone lesen.</p><a href="https://frohmannverlag.de/blogs/frohmann/einfach-weiterlesen">https://frohmannverlag.de/blogs/frohmann/einfach-weiterlesen</a><p>Über E-Books habe ich 2014 noch einen anderen Text geschrieben.</p><a href="https://www.freitag.de/autoren/christiane-frohmann/ceci-n2019est-pas-un-livre">https://www.freitag.de/autoren/christiane-frohmann/ceci-n2019est-pas-un-livre</a><p>Irgendwie bin ich wohl seit damals etwas vom Weg abgekommen. Also zurück zum E-Book. Auch als Verlegerin und Autorin. 2024 werde ich E-Bookishness zum globalen Trend machen. E-Books und Newsletter, ja, klingt beides so uncool, aber sind beides Medien/Formate, vor denen sich die klassische Verlagsbranche heimlich fürchtet. Zu Recht.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Neues: Nazi-Coolness</h2><p>Wenn ich 2023 Serien ansehe, in denen Nazis in aller Brutalität und Härte gegen andere, aber auch gegen sich selbst dargestellt werde, glaube ich nicht mehr, dass das in der Gegenwart für die gesellschaftliche Mehrheit abschreckend wirkt. Sehr viele Menschen, ungebildete wie gebildete, finden Todeskultur wieder offen cool. Lieber geil sterben als vielfältig leben. Mit dieser Erkenntnis muss man, muss ich klarkommen und dann damit arbeiten.</p><p>(Ich habe, warum, diese unfassbare Kitschserie <em>Alles Licht, das wir nicht sehen</em> auf Netflix angesehen. Warum sehe ich mir so einen Mist an, wenn ich auch <a href="https://www.arte.tv/de/videos/RC-024172/die-filme-von-agnes-varda/">auf arte Agnès Vard</a>a hätte ansehen können.)</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Geborgtes: Ein Zitat</h2><blockquote><p>»Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren. Es ist die Zeit der Monster.« – Antonio Gramsci</p></blockquote><p>Beste Monster-Zeit, um Gramsci zu lesen:</p><a href="https://ia600506.us.archive.org/19/items/AntonioGramsciSelectionsFromThePrisonNotebooks/Antonio-Gramsci-Selections-from-the-Prison-Notebooks.pdf">https://ia600506.us.archive.org/19/items/AntonioGramsciSelectionsFromThePrisonNotebooks/Antonio-Gramsci-Selections-from-the-Prison-Notebooks.pdf</a><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Unheimliches: Krisen-Matrjoschka</h2><p>In den letzten Jahren, noch mehr in den letzten Monaten, extrem in den letzten Wochen fühlt sich Leben an, als wäre man das kleinste, fast nicht mehr wahrnehmbare Püppchen in einer Krisen-Matrjoschka. Trotz ihrer extremen Winzigkeit ist auch diese aus persönlicher Sicht aktuell letzte (oder erste?) Puppe natürlich nicht massiv, sondern hohl, nicht nur außen wartet immer noch ein weiterer Abgrund, da sollte man sich nichts vormachen. Die größte Puppe ist faktisch die Klimakrise, aber der Nahost-Konflikt mit seinen internationalen seismischen Wellen nach dem Hamas-Terroranschlag am 7. Oktober fühlt sich aktuell am größten an, weil sie ganze linke Freund_innenkreise spaltet. Ich bin, ohne das für eine allgemein gute Idee zu halten, dazu übergegangen, in Sozialen Medien dazu nichts mehr zu sagen und so gut es eben geht im Off für meine persönlich vom Krieg in Israel und Gaza betroffenen Freundinnen da zu sein. Das tue ich sehr hilflos und sehr überfordert, aber es kommt mir wenigstens sinnvoll vor. Durch Liken und Teilen von Inhalten auf Instagram daran mitzuwirken, dass sich dort immer mehr Menschen überwerfen, deren Klugheit, Umsicht und Menschlichkeit ich in vielen Jahren schätzen gelernt habe, erscheint mir nicht sinnvoll. Gerade kommt in vielen Menschen so viel unterdrückter Schmerz und auch so viel inhaltlich Ungeklärtes zutage, dass Soziale Medien der letzte Ort sind, wo Solidarität, Verständigung oder gar Halt möglich ist. Menschen in Krisengebieten müssen Soziale Medien natürlich weiterhin nutzen, um gehört zu werden und bestenfalls Hilfe zu bekommen. Für Auseinandersetzungen zwischen Menschen im deutschsprachigen Kulturbetrieb aber braucht es dringend andere, weniger performative Räume. Räume mit klaren Grenzen und Kontexten, sichere Räume. Das Püppchen in der Krisen-Matrjoschka zu sein, ist unheimlich. Man ist Teil von etwas, auf das man gefühlt nicht wirklich einwirken kann. Vielleicht ist es aber möglich, eine Art Out-of-Krisen-Matrjoschka-Experience hinzubekommen. Indem man aus Instagram heraustritt, gelangt man potenziell zu einer Perspektive, in der man sich wieder denk- und handlungsfähiger fühlt, was die Voraussetzung dafür ist, es wirklich zu werden. Ich glaube nicht, dass das Eskapismus ist, ich würde sogar sagen, dass »dabeizubleiben«, im Flow zu bleiben, wenn der Flow längst Acheron, Eridanus, Kokytos, Lethe, Phlegethon, Styx ist, selbst eine Art von passivem Eskapismus sein kann. Würde ich heute auf Instagram in Worte fassen, wie ich versuche, nach dem 7. Oktober Menschen gerecht zu werden, könnte ich bei meiner gespaltenen TL ziemlich sicher sein, dass mich bis spätestens morgen alle hassen. Fasse ich es nicht in Worte, sondern versuche, es zu leben, rollen vielleicht meine vom Krieg, von Antisemitismus, von Rassismus unterschiedlich betroffenen Freund_innen an jeweils anderen Stellen mit den Augen, aber wir kommen klar, so wie immer, und das war uns nie wichtiger. Meine Freund_innen brauchen Instagram gerade, weil sie sich durch die Ereignisse und Reaktionen darauf noch vereinzelter fühlen, für mich als ihr Gegenüber ist es besser, mich von Instagram fernzuhalten.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Rubrikloses</h2><p>Rick Rubin rät Künstler_innen, was ich kommenden Verleger_innen immer rate, was ab jetzt immer so klingen wird, als würde ich mich bei Rick Rubin bedienen, der sich natürlich ganz sicher nicht bei mir bedient, soooo originell ist mein, ist sein Rat nun auch wieder nicht, also sage ich ab jetzt sicherheitshalber: »Wie Rick Rubin zu sagen pflegt …«, vermutlich ist das sogar besser, denn Menschen lieben Frauen, die verdiente Herren der Popkultur zitieren können, ehrlich, sie lieben sie dafür sogar viel mehr, als wenn sie einen eigenen Gedanken äußern. Eigene Gedanken gibt es eh nicht (Credits an Herrn Postmoderne), aber das Patriarchat, das gibt es so was von und es darf sich auch endlos wiederholen, gar kein Problem. </p><hr aria-hidden="true"/><p>Wenn ihr am 18.11. in Hamburg seid oder euch einen Ausflug dorthin vorstellen könnt, kommt doch zum Kritikablen Queertett. Das ist ein sehr tolles Format und ich moderiere diese Ausgabe. Als Kritiker_innen sind dabei: Dominique Haensel, Luca Mael Milsch und Mati Shemoelof. Ich bin sehr gespannt und voller Vorfreude auf sie und die von ihnen vorgestellten Bücher. (Dass Moderation und Kritiker_innen beim Kritikablen Queertett immer wechseln, liebe ich besonders, denn 1. gibt es so keine Chance also, sich auf einem Dauerredeplatz in einen behäbigen Gockel zu verwandeln. Außerdem ist 2. öffentliche Sichtbarkeit im Kulturbetrieb ein kostbares Gut und sollte mit möglichst Vielen geteilt werden.) Sehr aufgeregt bin ich auch, aber das gehört sich auch so.</p><a href="https://kampnagel.de/produktionen/das-kritikable-queertett-2">https://kampnagel.de/produktionen/das-kritikable-queertett-2</a><hr aria-hidden="true"/><p>Früher wurde Kindern beim Malen immer gesagt: VÖGEL SEHEN NICHT AUS WIE EINE UMGEKIPPTE DREI. Opa, du hast mir Unrecht getan, ich habe fucking Emoticons erfunden. </p><hr aria-hidden="true"/><p>Noch mal zu Gramsci. Beim Rumsuchen habe ich so eine verspulte Zitatseite gefunden, und was da über den Autor steht, da möchte man doch lieber nicht zitiert werden.</p><p>»Die meisten seiner Werke verfasste Antonio Gramsci im Gefängnis. Du kannst beruhigt sein, er hat niemanden ermordet.«</p><p>»Antonio war körperlich entstellt, da er einen Buckel hatte. Außerdem lebte er am Rande der Gesellschaft, weil er sehr arm war.«</p><p>»Er war ein eingefleischter Kommunist, aber seine Denkweise war trotzdem offen und universell.«</p><p>Aaaaaaauuuuuuuaaaaaa. </p><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/9f565e09-ad98-4ead-94c2-0207750ef7de/uploads/images/ukkf7wqtyt/IMG_2549.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Tagesschaumeldung über Mutter, die Ü40-Söhne aus dem Haus klagt"/><p><em>Fühle 20 Jahre in die Zukunft.</em></p><hr aria-hidden="true"/><p></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/9f565e09-ad98-4ead-94c2-0207750ef7de/uploads/images/flzrsjsnuv/IMG_2582.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Zusammengesunkenes Model. Text: For it girls, by an it girl"/><p><em>For internal death, by internal death. Jetzt kaufen.</em></p><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/9f565e09-ad98-4ead-94c2-0207750ef7de/uploads/images/64lj5pc6z3/IMG_2688.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Katzenzähne, Text: Die Wahrheit über den Zahnstein meiner Katze"/><p><em>Titel und Cover meines nächsten Romans</em></p><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/9f565e09-ad98-4ead-94c2-0207750ef7de/uploads/images/jrh56y7wv3/IMG_2692.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Zeichnung mit Text &quot;Only a psychopath can solve this&quot;"/><p><em>Vermutlich wollen Menschen jetzt auch gern psychopathisch sein, weil das für Führungskräfte vorteilhaft ist.</em></p><hr aria-hidden="true"/><h2>Präraffaelitische Girls erklären</h2><p> </p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/9f565e09-ad98-4ead-94c2-0207750ef7de/uploads/images/uktwkm3npo/fv_pgd_btd_widerspr%C3%BCche.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Sich umarmende Figuren. Text: Gesellschaftlich miteinander klarzukommen, hieß manchmal auch, Widersprüche in ihrer Unauflösbarkeit zu akzeptieren."/><hr aria-hidden="true"/><p>Zurück zu den Auflösenden, wir sehen uns nächste Woche. Seid lieb, nur nicht zu Nazis. </p><p><em>XOXO,<br/>FrauFrohmann</em></p><hr aria-hidden="true"/><p>Ich freue mich, wenn ihr ein <a href="https://steadyhq.com/de/newfrohmanntic/about">Bezahlabo</a> abschließt oder über <a href="https://paypal.me/pgexplaining?country.x=DE&amp;locale.x=de_DE">Paypalme</a> einmalig etwas zahlt. Wer wenig Geld hat, liest bitte allezeit mit bestem Gewissen kostenlos mit.</p><p></p><p>FYI: Das Coverbild ist minus der rosa Einfärbung <em>L&#39;Araignée souriante</em> von Odilon Redon aus dem Jahr 1887.</p><p></p><p></p><p></p>]]></content:encoded>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/9f565e09-ad98-4ead-94c2-0207750ef7de/teaser_image/1699951605?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;fm=jpg&amp;crop=faces" medium="image"/>
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      <pubDate>Sun, 12 Nov 2023 22:09:27 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 100 ]]></title>
      <description><![CDATA[Etwas Altes: Nippes / Etwas Neues: Domain-Wichteln / Etwas Geborgtes: Ein Zitat von Britney Spears / Etwas Unheimliches: Lampenspuk auf Ebay / PGExplaining]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>Umsehen lernen 100</h1><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/c7df77fc-82d8-41d4-baa7-c46e451b683c/uploads/images/sm23oslgaj/Umsehen%20Lernen_Medusa-Caravaggio.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Medusa-Gemälde von Caravaggio, rosa eingefärbt"/><hr aria-hidden="true"/><h2>Vorweg</h2><p>Zur Feier der 100. Folge zünde ich heute alles an. Raider heißt jetzt Twix, Twitter heißt jetzt X, Menschenrechte heißen jetzt Pragmatismus, und <em>NewFrohmanntic</em> heißt jetzt <em>UMSEHEN LERNEN</em>. Warum?</p><p>Erstens hat mich das Level an manipulativem Personenkult beim Aufschlagen des parteivorbereitenden Vereins Bündnis Sarah Wagenknecht so geschockt, dass ich schlagartig keine Lust mehr auf Sprachspiele mit meinem Namen habe.</p><p>Zweitens erschließt sich die Ironie des Namens <em>NewFrohmanntic</em>, wo ich selbst doch eher Romantikkritikerin bin, glaube ich nur Menschen, die mich gut kennen und schon lange lesen. Context matters, auch dafür hat maus eine Verantwortung.</p><p>Drittens finde ich, dass ein sachlicher, beschreibender Name in Zeiten der Überaufregung die bessere Idee ist, und inhaltlich ging es ja beim <em>NewFrohmanntic</em> immer schon ums Umsehen lernen. Und davor auf Twitter auch schon.</p><p>Ich mache mir also keine großen Sorgen, dass ihr die Namensänderung womöglich schlimm finden könntet. Positiv betrachtet, dürft ihr ab jetzt sagen, dass ihr schon Abonnent_innen wart, als <em>UMSEHEN LERNEN</em> noch <em>NewFrohmanntic</em> hieß. Zukünftiges Newsletter-Retro.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Altes: Nippes</h2><p>Es gibt Menschen, die gern viele Dinge haben, weil ihnen diese Konkretheit Halt vermittelt. Andere Menschen reduzieren ihren Besitz radikal, weil sie sich ohne freier fühlen. Ich lebe dazwischen. Der Anblick schöner Dinge, seien es Möbel, Bilder oder auch Kleidung, steigert mein Wohlbefinden, aber es darf auch nicht alles mit Zeug vollgestopft sein. Wertvoll müssen schöne Dinge jedoch nicht sein, das Sammeln von Designklassikern (»ist ja auch eine gute Wertanlage«) langweilt mich schon konzeptionell. Abplatzungen an alten Rahmen oder Risse in Porzellanfiguren sind für mich kein Grund, etwas nicht mehr schön zu finden oder gar wegzuschmeißen – ich bin ja kein Auktionshaus, sondern ein Mensch. Aber Risse feiern, nein, das mag ich auch nicht mehr, seit ich verstanden habe, dass die Freude am hübsch Verfallenen Weißen-Romantik ist. »Shabby Chic« sollte besser die runtergekommene Ethik der bürgerlichen Mitte bezeichnen.</p><p>Was aber ist mit Nippes? Wie hat sich da mein Blick mit zunehmendem Wissen um Distinktions- und Ausschlussmechanismen verändert?</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/c7df77fc-82d8-41d4-baa7-c46e451b683c/uploads/images/6sk5r4deo5/cf_mat_20200208_135637.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Puky-Fahrradhupe in Fischform auf Keramikfisch"/><p>Als Nippes wurden klassischerweise Porzellanfigürchen bezeichnet, die man zur bloßen Zierde in Vitrinen oder Regalen präsentierte. Der Inbegriff für Nippes waren für mich immer Hummel-Figuren. Hätte ich früher mit einem Wort beantworten müssen, was ich wirklich hässlich finde, wäre die Antwort »Hummel-Figuren« gewesen. Nippes, hundert Prozent.</p><p>Als etwas modernere Variante von Nippes habe ich später Diddl-Mäuse betrachtet, diese wurden aber meist nicht mehr in Vitrinen ausgestellt, sondern saßen in Amtsstuben und Büros auf Computerbildschirmen. Oder sie hingen an Rücksäcken.</p><p>Auf Hummel-Figuren und Diddl-Mäuse blickte ich früher sehr verächtlich, ich hatte noch kein Empfinden dafür, wie viel Misogynie und Klassismus dabei mitschwang. Dass vielleicht auch ich Nippes haben könnte und ihn nur nicht als solchen erkenne oder dass vielleicht die Bezeichnung »Nippes« eine ziemlich willkürliche Abwertung von Dingen ist, die Menschen auf sehr harmlose Weise ein bisschen glücklich machen, fiel mir erst viel später auf. Es passierte vor ungefähr zehn Jahren, als ich ziemlich gleichzeitig überlegte, ob ich eine 3D-Figur nach Hieronymus Bosch und eine Actionfigur aus <em>Game of Thrones</em> haben möchte, beides dann aber als doch nicht ganz mein Ding wieder verwarf. Mir wurde klar, dass beides irgendwie die Hummelfiguren von heute sind bzw. dass Nippes weniger eine sachliche Qualität als ein Urteil ist. Und dass es wie so oft ziemlich unnötig ist, etwas, das andere Menschen happy macht, abzuurteilen. Wer Nazi-Paraphernalien sammelt, sollte maximal verachtet werden, aber nicht, wer etwas auf seinen Computersims stellt, das mir nicht gefällt. Der einen Nippes ist der anderen kawaii oder cool oder pop oder dekorativ.</p><p>Nicht als Nippes nehme ich etwa sämtliche Arten von Figürchen wahr, die mit persönlichem Fandom zu tun haben. Hello-Kitty? Kein Nippes. Doraemon? Kein Nippes. Gestiefelter Kater aus <em>Shrek</em>? Kein Nippes. Katzenbus? Kein Nippes. Sie alle werden nur zu Nippes, wenn meinem Mann beim Putzen mal zu viel Zeug im Weg rumsteht. Umgekehrt geht es mir ähnlich, wenn seine kleine <em>Simpsons-</em>Sitzgruppe beim Abstauben abstürzt. Nippes!</p><p>Ein guter Freund von mir, mit dem ich früher mal zusammenwohnte, würde meine Figürchen sogar grundsätzlich als Nippes bezeichnen, das ist ihm alles zu lieblich. Na ja, er selbst hat in seiner Wohnung alte Clubmarken und -schlüssel als Deko. Ziemlicher Nippes, finde ich.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Neues: Domain-Wichteln</h2><p>Für alle digitalen Menschen habe ich eine Idee zum Jahresende: Domain-Wichteln, eine Spielart des Schrottwichtelns. Ich weiß von vielen Personen, dass sie seit Ewigkeiten Domains bezahlen, die sie noch nie genutzt haben. Ich selbst habe auch zwei, die aber im Gegensatz zu euren wirklich großartig sind und die ich noch ganz sicher nutzen werde, spätestens nächstes Jahr, wirklich. Bitte schreibt mir, ob und welche abstrusen Domains ihr habt, ich bin sehr neugierig.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Geborgtes: Ein Zitat</h2><blockquote><p>“When I sing, I own who I am.” </p><p>– Britney Spears, <a href="https://www.simonandschuster.com/books/The-Woman-in-Me/Britney-Spears/9781668009048">The Woman in Me</a>, 4</p></blockquote><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Unheimliches: Lampenspuk auf Ebay</h2><p>Als ihr Vater gestorben war, übernahm sie die schwierige Aufgabe, ein komplett zugestelltes und vermülltes Haus auszuräumen. Es war ihr ein Anliegen, eine schützende Hand über seine Erinnerungen und die Erinnerung an ihn zu halten. Fremde sollten nicht in seinen Sachen wühlen und noch weniger Verwandte, die zu Lebzeiten ihres Vaters nicht gut zu ihm gewesen waren. Sie fand Dinge, die sie lieber nicht gesehen hätte, nichts Schlimmes, aber eben auch nichts, was Kinder, wenn sie es sich aussuchen können, von ihren Eltern wissen möchten. Privates sah sie nur an, wenn es sich nicht vermeiden ließ. Bewusst las sie keine der akribischen Listen, die ihrem Vater ein Tagebuch ersetzt hatten. Diese Listen waren sein eigener Raum gewesen,– sie beide hatten andere, gemeinsame Räume gehabt. Überhaupt warf sie fast alles weg, behielt nur ganz wenige Dinge, die von ihren Kindern, sollte sie welche bekommen, vielleicht später als Familienstücke wertgeschätzt werden könnten. Kleine und kuriose Dinge. Sie nahm weder Möbel noch Lampen mit, warf lieber viele letzte Blicke auf Gegenstände, die für eine bestimmte Zeit im Leben ihres Vaters standen. Diese würden ihm nun zwar in kein Totenreich folgen, aber mit ihm enden. Die Möbel aus der kurzen Zeit des Reichtums, welche sie nicht bewusst miterlebt hatte, waren in ihren Augen zu wuchtig und klobig, um je zu ihrer Familie gepasst zu haben. Trotzdem hatte ihr Vater sie aus dem großen Haus in immer kleinere Wohnräume mitgenommen, die sie unweigerlich erdrückten. Er hatte auch als armer Mensch weiter die FDP gewählt, vermutlich per Briefwahl von seinem Reiche-Leute-Memorial-Schreibtisch aus. Ihr Vater war nun fort, der von einem Innenarchitekten entworfene Schreibtisch war da. Massive Eiche wie sein Sarg. Du musst raus aus diesem Totenhaus, hatte ihre Mutter gesagt und war vorsichtshalber zusammengebrochen, um gar nicht erst eintreten zu müssen. Ihr aber war die Möglichkeit, sich auf theatralische Vorstellungen zurückzuziehen, versperrt geblieben. Sie tat, was zu tun war, dann ging sie und ließ los. Dieses Loslassen war so radikal und existenziell, dass sie sich in späteren Jahren manchmal vor sich selbst fürchtete.</p><p>Zwanzig Jahre später sah sie auf Ebay die Lampe vom Schreibtisch ihres Vaters, eine Verwechslung war ausgeschlossen. Der ausladende orangerote Keramikfuß, der beige Leinenschirm und die orange-gelbe Borte, die ihre Oma, seine Schwiegermutter, nachträglich angebracht hatte, damit die Lampe in die Armut und die kleine Wohnung mit Siebzigerjahre-Möbelhaus-Couch passte. Vielleicht ließen Dinge Menschen nicht los.</p><p>Weitere fünf Jahre später fuhr sie zum ersten Mal zurück zu ihrem untergegangenen Zuhause. Mit klopfendem Herzen stieg sie aus dem Zug, ging alte Wege entlang, bis sie vor dem Haus stand. Die Zeit vor dem Tod ihres Vaters und die Zeit danach verbanden sich wieder zu ihrem Leben.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Rubrikloses</h2><p>Letzte Woche zweimal gehört und einmal selbst gesagt: »Ich glaube, ich muss dringend mal wieder <em>Animal Crossing</em> spielen.« Einfach die bessere Idee, als Menschen in Sozialen Medien zu zerlegen.</p><hr aria-hidden="true"/><p> </p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/c7df77fc-82d8-41d4-baa7-c46e451b683c/uploads/images/zu4sem6uhm/acnh_Kolonialismuskunst.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Screenshot aus dem Switch-Spiel &quot;Animal Crossing&quot;, menschliche Spielfigur von Christiane Frohmann sieht der Villagerin Nan – eine Ziege – dabei zu, wie sie eine Steinbock-Statue ansieht."/><p><em>Wenn du eine befreundete Person zu Besuch hast und sich in einem Augenblick dein schönstes Einrichtungsteil in cringen Exotismus verwandelt</em></p><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/c7df77fc-82d8-41d4-baa7-c46e451b683c/uploads/images/o3qrarv3fd/mat20200809_230037.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Zwei sehr missmutige Katzen am Wegesrand"/><p><em>KI1 und KI2, nachdem sie gelernt haben, dass Menschlichkeit deep fake ist</em></p><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/c7df77fc-82d8-41d4-baa7-c46e451b683c/uploads/images/6vlxgh7h37/mat20210110_165404.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Stromkasten mit FCU-Ausschrift"/><p><em>Dieser Stromkasten wird alle paar Tage abwechselnd mit Hertha (blau-weiß) und Union (rot-weiß) zugeschmiert, und das ist ein ziemlich gutes Bild für eigentlich alles, was mit Menschen und Medien zu tun hat.</em></p><hr aria-hidden="true"/><h2>Präraffaelitische Girls erklären</h2><p></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/c7df77fc-82d8-41d4-baa7-c46e451b683c/uploads/images/jadagneujs/fv_pg_btd_positioniere%20dich.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Gemäldeausschnitt: Narziss betrachtet sich selbst im Wasser, hinzugefügter Text: »Positioniere dich!!!«"/><hr aria-hidden="true"/><p>Zurück auf Position, wir sehen uns nächste Woche. Seid lieb, nur nicht zu Nazis. </p><p><em>XOXO,<br/>FrauFrohmann</em></p><hr aria-hidden="true"/><p>Ich freue mich, wenn ihr ein <a href="https://steadyhq.com/de/newfrohmanntic/about">Bezahlabo</a> abschließt oder über <a href="https://paypal.me/pgexplaining?country.x=DE&amp;locale.x=de_DE">Paypalme</a> Laser eine Katzenmilch spendiert. Wer wenig Geld hat, liest bitte allezeit mit bestem Gewissen kostenlos mit.</p><p></p><p>FYI: Das Coverbild ist minus der rosa Einfärbung <em>Medusa</em> von Caravaggio aus dem Jahr 1596.</p><p></p><p></p><p></p>]]></content:encoded>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/c7df77fc-82d8-41d4-baa7-c46e451b683c/teaser_image/1699951635?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;fm=jpg&amp;crop=faces" medium="image"/>
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      <pubDate>Sun, 05 Nov 2023 19:21:53 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 99]]></title>
      <description><![CDATA[Überraschender Katzenvideohype / Ungewusster Aktivismus / Ein Zitat von Adiana Shibli / Doom-TL-ing / Fröhliche Mail-Betreffs / PGExplaining ]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/a4c9d3a4-fc57-497b-98bb-63367083b427/uploads/images/kv5yeujecu/nf99_cover.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Cover mit NewFrohmanntic-Schriftzug und Bild von Kater Laser, am Rand einer Mauer liegend"/><p></p><h2>Vorweg</h2><p>Am 3.11. gehe ich, weil ich auch gern dazulerne, zum Steady Growth Day und werde dort bestimmt hören, dass es eine furchtbar schlechte Idee ist, beim <em>NewFrohmanntic</em> 1. nur ein einziges Bezahl-Abo anzubieten, 2. noch dazu ohne ordentliches Abogeschenk und 3. das auch noch mit einer – je nach Perspektive – leicht unheimlichen oder zumindest merkwürdigen Betragshöhe. Ich werde es vermutlich trotzdem nicht ändern, 1. weil ich gern eine unabhängige Kultur etablieren möchte, in der Gernmitlesende, wenn sie gerade genug Geld haben, für eine Weile ein Abo abschließen, und wenn es sich ändert oder sie gerade keine Lust mehr haben, ohne jede Unbehaglichkeit kündigen. Es ist immer großartig, wenn ihr unabhängige Kultur unterstützt, nicht nur meine und egal, ob es einmal mit drei Euro über Paypal ist oder ihr über Jahre hinweg jeden Monat eine größere Summe gebt. 2. ist der Newsletter selbst das Geschenk, er ist ja kostenlos, und manche Menschen zahlen freiwillig dafür. Ich stelle Inhalte von mir selbst grundsätzlich immer auch frei zugänglich ins Netz, weil ich es richtig finde; ich will doch nicht nur für Leute mit Geld schreiben! Es ist realistisch, im Laufe der Zeit so viele Bezahl-Abos »zu schaffen«, dass ich von da an nicht mehr über Geld reden muss. Darauf freue ich mich, denn das wäre für mich Freiheit. 3. amüsiert mich die Vorstellung, wie Menschen sich winden, bevor sie etwas abonnieren, was 6,66 Euro kostet. Es hat so etwas Peinliches und Unseriöses, genau wie die »Selbstbezeichnung« der PGExplaining als Hexen. Das ist Absicht, denn ich möchte euch nichts einfach zu Konsumierendes unterjubeln, keine behaglichen Images erzeugen, nur um besser zu verdienen. <em>NewFrohmanntic</em> ist an jeder Stelle ein gemeinsamer Prozess des Umsehenlernen. Mal witzig, mal heilend, mal nervig, mal fordernd. Glaubt mir, ich kann Marketing, aber ich will, dass ihr mir ohne Bullshit Geld gebt, weil ihr es sinnvoll und fair findet und wenn ihr gerade könnt. Aus keinem anderen Grund.</p><p>Die Verlags-Abos werde ich demnächst auch auf reine Soli umstellen, aber zuvor noch alle offenen Abogeschenke verschicken und -mailen. Es ist einfach das passendere Prinzip für meine publizistische Arbeit, und ich weiß, dass ihr das mittragt. Umgekehrt soll es auch mehr open access bei den Verlagspublikationen geben, aber dazu bald Genaueres an anderer Stelle.</p><p>Ich schimpfe seit Jahr und Tag heftig über Menschen, die ekligen Journo- oder Polit-Clickbait quer durchs ganze Netz verteilen.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/a4c9d3a4-fc57-497b-98bb-63367083b427/uploads/images/5swsd6cuov/classics_vergissmeinnicht_clickbait.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Vergissmeinnicht mit Textband: Clickbait will kill us all"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/a4c9d3a4-fc57-497b-98bb-63367083b427/uploads/images/hqsgrjwkrr/nf_fv_laser%20clickbait.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Tweet mit Bild von sauer blickender Katze, der vor Clickbait warnt"/><p>Aber das Phänomen, ungefragt und unbezahlt an Projekten mitzuarbeiten, gibt es auch in schön: Es sind buchstäblich ein paar Dutzend Personen, die mit Geld onder Kommunikation in sozialen Medien den Verlag mittragen. Viele davon seit vielen, vielen Jahren. Mit keiner dieser Personen bin ich befreundet, die meisten habe ich noch nie im Leben gesehen. Sie tun es einfach, das ist eine ganz neue Form von Liebe. Danke dafür. Würde ich systematisch versuchen, mehr solcher Menschen »an mich zu binden« (Markenbildung &gt;&gt;&gt; Personenkult &gt;&gt;&gt; BÜNDNIS CHRISTIANE FROHMANN), wäre der Verlag längst wirtschaftlich stabil und ich könnte mich auf die inhaltliche Arbeit konzentrieren. Aber das wäre wieder Bullshit. Es muss ohne gehen, und es wird.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Altes: Katzenvideos</h2><p>Es ist nicht übertrieben, ich bin eine Expertin für Cat Content, für Katzen als Internetfüllung. Bereits 2013 veröffentlichte ich dazu, 2019 durfte ich zum ersten Todestag einen verspäteten <a href="https://www.fr.de/panorama/boese-miene-gutes-spiel-13761973.html">Nachruf auf Grumpy Cat in der Frankfurter Rundschau</a> schreiben und lange schon plane ich ein weiteres Buch über [Cliffhanger]. Mit <a href="https://frohmannverlag.de/products/the-laser-canon">The Laser Canon</a> habe ich 2019 einen random Kanon auf der Grundlage von Katzenfotos veröffentlicht.  </p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/a4c9d3a4-fc57-497b-98bb-63367083b427/uploads/images/ttnrdiqdj5/fvchr_unboxing%20laser%20canon.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Kiste mit Katze darin, davor zwei Exemplare des Buchs &quot;The Laser Canon&quot;"/><p>Vielleicht überraschend, konsumierte ich selbst lange Zeit wenig Cat Content, ich fand es viel interessanter, über Katzen im Internet nachzudenken, als sie auf mich wirken zu lassen.</p><p>Das hat sich in den letzten Monaten geändert. Seit ich auf Insta doch wieder einen kleinen, geschlossenen Account habe, den ich, abgesehen von gelegentlichen Ausbrüchen nur zum Kontakthalten nutze, ballert mir der Algorithmus Katzenvideos rein, als wäre ich Internet-Ahnungslose, und ich bin hooked. Minutenlang scrolle ich durch lustige Katzen-Reels, markiere sie, um sie demnächst meiner Mutter zu zeigen, teile sie mit meinen Freundinnen F. und S., aber vor allem mit meinem Mann. Wir schicken uns mittlerweile täglich je ungefähr drei Katzenvideos, das ist eine derart unerwartete Entwicklung, dass es selbst wieder lustig und auch rührend ist. Weil wir buchstäblich fast immer zusammen sind, unseren gesamten Alltag miteinander verbringen, haben wir kaum Ambitionen, gemeinsam »etwas zu unternehmen«, was uns oft ein schlechtes Gewissen macht, aber nicht genug, um öfter als zweimal im Jahr ins Museum zu gehen oder eine Radtour zu machen.</p><p><em>Lass uns doch mal ins Kino gehen. <br/>Hahaha.</em></p><p>Und nun sind wir, denen Coolness früher viel bedeutete und die fast schon immer im Internet arbeiten, vom uncoolsten und internet-altmodischsten Hobby der Welt erfasst worden: Katzenvideos. I like.</p><p>– Bald erzähle ich euch mal von der Urszene meines Lebens als Cat-Content-Expertin. Es hat mit einem Traditionsmedium und einem Facebookpost-Klau zu tun.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Neues: Ungewusster Aktivismus</h2><p>Die mit Ausnahme ihrer Looks sehr bürgerliche Ü70-Nachbarin hat auf ihren knappen Shirts immer wieder Dinge stehen, die sie ganz offensichtlich nicht in ihrer Tragweite (deep) einordnen kann: Alle Mitglieder meines Haushalts hatten einen Sommer lang riesige Freude, wann immer Frau G. mit ihrem DOPE-Shirt auf der Veranda erschien. Zuletzt war sie unwissentlich als Trans-Aktivistin unterwegs: die Haare oben weiß, unten rosa, das Sweatshirt hellblau.</p><p>Spürt ihr auch, dass sich hier eine großartige Möglichkeit für performative Aufklärung eröffnet? Lasst uns der gefährdenden bürgerlichen Mitte einfach Looks mit progressiven Botschaften unterjubeln, mit denen sie sich dann gegenseitig subliminal influencen. Kann mir bitte jemand einen Kontakt zu Jack Wolfskin, Manufactum und KiK machen, danke.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Geborgtes: Ein Zitat</h2><blockquote><p>»Weit bin ich nicht gekommen.<br/>Aber umkehren kann ich auch nicht mehr. <br/>Ich hole tief Luft. Nein, umkehren kann ich nicht mehr, jetzt, da ich so viele Grenzen überschritten habe, militärische, geografische, physische, psychologische und mentale.«</p><p><br/>– Adiana Shibli, <a href="https://www.berenberg-verlag.de/programm/eine-nebensache/">Eine Nebensache</a>, 79</p></blockquote><p><em>Ein Zitat an dieser Stelle gilt als Leseempfehlung für das Buch.</em></p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Unheimliches: Doom-TL-ing</h2><p>Früher mussten Menschen sich höchstpersönlich gehenlassen und doomscrollen, eine Katastrophenmeldung nach der anderen anklicken, um sich binnen zwei, drei Stunden komplett emotional abzuschießen. Dürre … Überschwemmung … Femizid … Dürre … Überschwemmung … MeToo-Skandal … Dürre … Überschwemmung … rechter Terroranschlag … Dürre … Überschwemmung … Amoklauf …</p><p>Oder noch schlimmer, wer täte es nicht ungefähr einmal im Jahr: selbstzerstörerisch googeln. Was macht Johnny Depp gerade Ekliges? Was der rechtsdrehende Ex-Kumpel? Mit welcher bedauernswerten Person ist der narzisstische Ex von ganz früher zusammen? Was hat der Springerknilch, dem ich auf keinen Fall jemals wieder freiwillig in sozialen Medien begegnen werde für ein Headerbild auf Bluesky? Ah, okay, in seinem Header sind heiße, vermutlich israelische Soldatinnen zu sehen, ja, es war ein Fehler, selbst schuld, dass mir jetzt schlecht ist.</p><p>Neu und sehr unheimlich ist, dass die TL aktuell selbst doomed ist. Wo es nicht konkrete Katastrophenmeldungen in gefühlt noch mal zehnfach höherer Dichte als vor ein paar Wochen sind, zerlegen Menschen andere Menschen und sich selbst mit einer Vehemenz, die ich so nur in der Hochzeit der Trolle auf Twitter kurz vor Elon beobachtet habe. Nur dass es jetzt oft Menschen sind, die sonst gerade durch etwas mehr Menschlichkeit herausstachen. Der 7. Oktober ist nicht nur das historische Ereignis des Hamas-Terroranschlags und der sich anschließenden Kriegserklärung Israels gewesen, sondern auch Auslöser unterschiedlichster Formen von Betroffenheit weltweit. In Sozialen Medien war der 7. Oktober der gewaltige Tropfen, der das kommunikative und emotionale Fass zum Übergelaufen gebracht hat. Wurde seit Corona eine gesamtgesellschaftliche Depression beobachtet, könnte die aktuelle Lage im deutschsprachigen Kulturraum als gesamtgesellschaftlicher Meltdown beschrieben werden. Deshalb achtet bitte auf euch und geht behutsam mit anderen um, gerade wenn sie sich in euren Augen ungewohnt extrem verhalten.</p><p>Unbeirrbar Schmunzeltwitter durchzuziehen und alles Politische auszublenden, als wäre es 2012 und Bluesky Twitter, ist trotzdem nur eine neue Form von <a href="https://www.projekt-gutenberg.org/klabund/decamero/decamero.html">Decamerone</a><em>.</em> Ja, kann man machen, aber die Pest geht davon nicht weg, dass Einzelne vorführen, noch die zu Wahl haben, sich nicht mit ihr auseinanderzusetzen. Wusste schon Edgar Allan Poe, als er <a href="http://www.zeno.org/Literatur/M/Poe,+Edgar+Allan/Erz%C3%A4hlungen/Die+Maske+des+roten+Todes">Die Maske des roten Todes</a> schrieb, und Herr Poe ist auch längst nicht mehr der Progressivste. Ja, es ist ein komplexes Unterfangen, mitfühlend, solidarisch, engagiert zu bleiben und sich trotzdem nicht durch Überbeladung mit Inhalten zu schreddern. Aber es gibt keine Alternative dazu, das immer neu auszubalancieren. Sehr dosierte Social-Media-Nutzung kann ich hingegen sehr empfehlen. Timer auf 30 min stellen, danach die Büchse der Pandora energisch zuklappen. Über zehn Jahre immer online sind genug. Trefft euch zur Abwechslung mal mit Menschen auf ein Heißgetränk.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Rubrikloses</h2><p>Zu fröhliche Mail-Betreffs berühren mich ähnlich unangenehm wie eine aufgekratzte Ansprache durch Menschen vor meinem ersten Kaffee.</p><hr aria-hidden="true"/><p>Beobachtung: Zurückfallen in diskriminierende Sprache beim Referieren auf ein sehr lange zurückliegendes Ereignis</p><hr aria-hidden="true"/><p>Es gibt mehrere ominöse Gesellschaften zur Rettung der deutschen Sprache, die seit vielen Jahren all ihre Kraft dem Kampf gegen das Gendern widmen. Nie hört man etwas von ihnen, wenn ein ästhetisch und ethisch grausiger Neologismus wie »Abschiebungsgesetzespaket« auftaucht. </p><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/a4c9d3a4-fc57-497b-98bb-63367083b427/uploads/images/xke3dfhfpp/mat_context%20matters.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Drogeriemarkt-Regal-Durcheinander von Katzenfutter und Menschenpflegeprodukten"/><p><em>Context matters.</em></p><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/a4c9d3a4-fc57-497b-98bb-63367083b427/uploads/images/2tj5oq4o3m/mat20210224_171323.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Uralte, verwitterte Außenwerbungs-Außenwerbung, bei der der Preis noch in D-Mark angegeben ist"/><p><em>Doch mal in klassische Werbung investieren?</em></p><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/a4c9d3a4-fc57-497b-98bb-63367083b427/uploads/images/2bldky445o/ffhome_strau%C3%9F%20mit%20hortensie%20und%20lupine.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Gartenstrauß in hellblauer Kristallvase mit weißen Hortensien und violetten Lupinen"/><p><em>Etwas Schönheit</em></p><hr aria-hidden="true"/><h2>Präraffaelitische Girls erklären</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/a4c9d3a4-fc57-497b-98bb-63367083b427/uploads/images/fptfs5gvlm/fv_pg_btd_performanz%20und%20hermeneutik.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Gemäldeausschnitt. Person sieht untergehendem Schiff zu. Hinzugefügter Text: Es war wirklich bedauerlich, dass Menschen sich nicht frühzeitig mit den   Übergängen von Performanz und Hermeneutik in sozialen Medien befasst hatten."/><hr aria-hidden="true"/><p>Zurück zu Performanz gegen Hermeneutik, wir sehen uns nächste Woche. Seid lieb, nur nicht zu Nazis. </p><p><em>XOXO,<br/>FrauFrohmann</em></p><hr aria-hidden="true"/><p>Ich freue mich, wenn ihr für 6,66 EUR im Monat ein <a href="https://steadyhq.com/de/newfrohmanntic/about">Bezahlabo</a> abschließt oder über <a href="https://paypal.me/pgexplaining?country.x=DE&amp;locale.x=de_DE">Paypalme</a> einmalig etwas zahlt. Wer wenig Geld hat, liest bitte allezeit mit bestem Gewissen kostenlos mit.</p><p></p><p></p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Tue, 31 Oct 2023 12:38:13 +0000</pubDate>
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      <title><![CDATA[Folge 98]]></title>
      <description><![CDATA[Trügerische Images / Umsehen lernen / Ein Zitat von Marlen Haushofer / Vor Schreck sterben / Rubrikloses / Präraffaelitische Girls erklären]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/f448c2df-7a34-47ec-9604-47dc4a9f31b2/uploads/images/dvlcbuffw3/nf98_cover.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Cover mit Süßigkeiten-Uhr und New-Frohmanntic-Schriftzug"/><hr aria-hidden="true"/><h2>Vorweg</h2><p>Diese Folge wird vielleicht etwas verschwommen geraten, weil ich seit über einer Woche diese merkwürdige Erkältung habe, die immer schlimmer wird. Heute kann ich immerhin schon im Bett sitzen. Sogar meine Frisur ist erkrankt, mein Mann meinte vorhin, ich würde wie Beethoven aussehen. </p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Altes: Trügerische Images</h2><p>Gen Eickers vom sehr empfehlenswerten Podcast <a href="https://open.spotify.com/show/5SvpPZgoIttSM34wdcmS33">trans sein</a> hat mich nach dem Lesen der letzten <em>NewFrohmanntic</em>-Folge darauf hingewiesen, dass es wichtig sei, Folgendes festzuhalten: Richard David Precht hat keine zwei Professuren inne, er ist lediglich an zwei Hochschulen Honorarprofessor. Erst dachte und erwiderte ich: Ist doch egal, Precht lehrt an einer Hochschule, nennt sich Professor und bekommt Geld dafür, der Unterschied juckt doch nur Uni-Interne. Gen hat mir aber erklärt, dass Honorarprofessuren sehr oft unbezahlt sind. Das wusste ich nicht und finde es auch relevant, denn es bedeutet, dass in der Öffentlichkeit Menschen als »Professor_innen« unterwegs sind, denen in manchen Fällen schon ein bisschen unterstellt werden kann, es fürs Image und den Marktwert zu machen. So ein Philosophieprofessor ist, auch wenn er gar nicht Philosophie studiert hat, unmittelbar plausibel als Philosoph. Ich habe ganz sicher nichts gegen autodidaktische Denker_innen, kenne ich doch einige, die so manchen Uniprof in die Tasche stecken. Wenn aber einer so aufgeblasen daherkommt wie RDP und in allen möglichen Sphären ungeheuer viel Platz besetzt, wo ohne ihn andere – viele andere! – denken, reden, wirken, verdienen könnten, darf das schon mal kritisch gesehen werden. Umgekehrt gibt es eine Menge selbstständiger Menschen, die es sich nicht leisten können, ein ganzes Semester lang im Rahmen eines Lehrauftrags wirklich viel zu arbeiten und dafür wirklich wenig Geld zu bekommen. Arme Mäuse können noch so viel Philosophie studiert haben – Honorarprofessuren oder auch nur Lehraufträge anzubieten, können sie sich eher nicht leisten.</p><p>Ein Einzelfall ist Precht nicht, er nervt nur besonders intensiv. Das Phänomen, dass Menschen aufgrund eines trügerischen Images kulturelles und ökonomisches Kapital scheffeln können, ist weit verbreitet: fake-promovierte Politiker_innen hier, fake habilitierte Schwafelköpfe da. Sie sparen sich mit smarten Moves jahrelange Qualifikationsarbeit (deren Sinn durchaus teilweise diskutiert werden könnte, aber sicherlich nicht so) und performen danach mit großem Selbstbewusstsein altehrwürdige akademische Substanz. Das ist fast schon witzig, denn im Grunde verhalten sie sich dabei selbstermächtigt wie TikTok-Influencer_innen, aber das kann man natürlich nicht vergleichen, diese jungen Menschen mit ihren Smartphones, alles Trash, ist doch allgemein bekannt.</p><p>Um nicht noch weitere Folgen mit Precht-Nennung zu vermüllen, stelle ich jetzt komplett aus dem Zusammenhang noch die dringliche Frage: Warum gehört der von vielen marginalisierten Menschen geschätzte dm-Markt nicht genossenschaftlich den netten Menschen aus unterschiedlichen Gruppen, die bei dm kaufen? Ich denke ganz oft, dass die Menschen, die bei dm lächelnd nebeneinander her gleiten, während sie Zeug für ihre Lockenschönheit, Skin-Routine und proteinreiche Ernährung in die Wägelchen werfen, gemeinsam eine tendenziell gewaltlose Gesellschaft hinbekämen. Aber was passiert wirklich mit ihrem, meinem, unserem Geld? Es wird dafür verballert, dass Precht – vermutlich unfassbar gut bezahlt – auf einem Panel bei der dm-»Zukunfstwoche« sitzt. Leute, es gibt ein weiteres 1 %, das der Aufmerksamkeits-Superreichen, die ebenfalls dringend enteignet werden müssen. Everything is connected.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Neues: Umsehen lernen (mal wieder)</h2><p>Folgende zwei Meldungen sind ziemlich dicht hintereinander durch meine TL gerauscht und haben mich mal wieder daran erinnert, wie absurd es ist, wirklich alles zu ändern, nur bloß nicht gewaltvolle Strukturen.</p><ol><li><p>Busse halten in Paris nachts möglichst nah an deiner Haustür, damit sich die Wahrscheinlichkeit verringert, dass du auf dem Weg von der Haltestelle nach Hause überfallen wirst. 2. Schon vor ein paar Jahren wurde in Hamburg ein Monument versetzt, damit es nicht gänzlich von Besoffenen in Autos kaputtgefahren würde.</p></li></ol><a href="https://bsky.app/profile/kathakritzelt.bsky.social/post/3kbzp6pdlum2u">https://bsky.app/profile/kathakritzelt.bsky.social/post/3kbzp6pdlum2u</a><a href="https://bsky.app/profile/katjadiehl.bsky.social/post/3kbzv65wmld2r">https://bsky.app/profile/katjadiehl.bsky.social/post/3kbzv65wmld2r</a><p>Wie Katharina Kanzan habe ich die Nachricht mit den Bussen erst einmal als positiv eingeordnet, aber nur für einen winzigen Moment. Denn wenn das positiv ist, heißt es doch im Grunde, dass aufgegeben wird, Ursachen zu bekämpfen. Vielleicht ist »Besser-als-nichts-Nachricht« der Sache angemessener.</p><p>Ich kenne, glaube ich, keine Frau, keine queere Person, die, selbst wenn ihre Eltern bei der Erziehung weitgehend auf Stereotype verzichteten, von zuhause nicht mitbekommen hätte, dass sie selbst gefährliche Situationen meiden sollte, was nie hieß, nicht in brennende Gebäude zu laufen oder aus fahrenden Zügen zu springen – das nicht zu tun, wurde bei ihnen als Vernunfthandlung vorausgesetzt –, die nicht explizit benannte Warnung lautete, cis Männern (hieß natürlich nicht so) grundsätzlich zu misstrauen. Mein Vater war in vielerlei Hinsicht großartig, aber es hätte mir sehr gutgetan, ihn wenigstens einmal sagen zu hören: Gegen so eine patriarchale, gewaltvolle, ungerechte Gesellschaft muss ICH etwas unternehmen, damit DU frei leben kannst. Stattdessen sagte er: Absolutes Verbot, per Anhalter zu fahren, zelten zu gehen, hinten auf ein Moped zu steigen. Das mit dem Zelten hat bei mir, weil ich es besonders absurd fand, nachhaltig Fragen aufgeworfen: Hatte er sich vielleicht selbst einmal übergriffig beim Zelten verhalten und meinte deshalb, mich vor Männern in Zelten warnen zu müssen?</p><p>Es wäre, nein, es ist sehr wichtig, bei der Darstellung von aus der Not geborenen Kompromisslösungen immer mitzuerzählen, was das eigentliche Problem ist: eine Gesellschaft, die bestimmte Menschen(gruppen) objektifiziert und in der Folge unnötig struktureller Gewalt aussetzt. Den Bus jetzt sicherheitshalber vor dem Haus halten lassen, ist nur die etwas freundlichere Variante von »Zieh dich halt nicht so an«.</p><p>Schlimmer Verdacht: Keine Frau, keine queere Person wäre je auf den Gedanken gekommen, eine Schuldunfähigkeit nach freiwilligem hohem Alkoholkonsum ins Strafgesetzbuch aufzunehmen. Frauen und queere Personen wissen aus Erfahrung, dass von alkoholisierten cis Männern oft Bedrohlichkeit und nicht selten konkrete Gefahr ausgeht. Auf der Straße, im Park, bei der Arbeit, in der Bahn, bei Privatpartys, in der Familie. Ich behaupte, wer das verneint – mir fällt sofort eine Person in sozialen Medien ein, die das an solchen Stellen liebend gern tut, nur um fünf Jahre später doch an Bord zu sein, merkt sie aber nicht – hat gut verdrängt, um im System zu funktionieren.</p><p>(Besoffene Frauen und Queere werden bestimmt in Einzelfällen auch bedrohlich oder sogar gefährlich, viel Alk macht ja alle Menschen unangenehmer.)</p><p>Es wird gewaltgefährdeten Personen also zugemutet, in einer bis zur Decke von Alkohol bestimmten Kultur zu leben und auch noch auszuhalten, dass Gewalt aufgrund vorangegangenen Saufens wegen vorangegangenen Saufens milder bestraft wird. Vielen Dank auch. Erst mal eine Flasche Goldkrone exen und dann die Ex zusammenschlagen. Wegen eines ähnlichen logischen Widerspruchs mit in meinen Augen unerträglich ungerechten Konsequenzen bin ich mit 14 vom Glauben abgefallen und später aus der Kirche ausgetreten, aber ob ich an das Strafgesetzbuch glaube, interessiert leider niemanden und aus Deutschland austreten zu wollen, klingt einfach nur frivol, wenn gerade andere Menschen »im großen Stil« abgeschoben werden sollen.</p><p>In Berlin nach Mitternacht mit Öffis nach Hause zu fahren, ist der totale Horror, und zwar nicht wegen bestimmter Menschengruppen, nein, doch, wegen der unglaublich vielen sturzbetrunkenen Dudes. Es ist vorprogrammiert, dass du vollgelabert oder übler belästigt wirst, weil die armen Suffköppe haben sich ja die Impulskontrolle weggesoffen, muss ich doch verstehen. Kein Wunder, dass die ganz jungen Frauen und Queeren, die ich kenne, nachts keine Sekunde überlegen und lieber ein Uber bestellen. Das sieht nach außen (= wenn man solche Menschen nicht persönlich kennt) bestimmt total dekadent aus, aber verrät eigentlich nur Überlebenswillen.</p><p>Fahr doch Taxi!, hat mir auf Insta mal ein Dude geraten, als ich von unangenehmen Erlebnissen in der U-Bahn berichtete. Aber nicht alle haben das Geld fürs häufige Taxifahren. (Er schon, gealtertes rich kid.) Viele wollen auch, selbst wenn das Geld mal lockerer sitzt, bewusst Öffis nutzen, weil es nachhaltiger und nicht so bürgi-reklusiv ist. (Ich.) Und, unfun fact, genau der Fahr doch Taxi!-Dude war mir früher beim Ausgehen oft genug besoffenen auf die Pelle gerückt, davor hätte mich auch kein Taxifahren bewahrt. Das war natürlich etwas ganz anderes, so ein Premiumübergriff von einem coolen, champagnerbesoffenen Unternehmerssohn ist zu allen Zeiten grundsätzlich als Kompliment aufzufassen gewesen.</p><p>Es ist gut, dass viele Menschen freiwillig weniger oder gar nicht mehr saufen. Ich erlebe auch kaum noch, dass Menschen aus Bequemlichkeit doch besoffen mit dem eigenen Auto nach Hause fahren. Ist vielleicht auf dem Land anders, weil Taxis weniger verfügbar und Wege weiter sind. Aber es würde vermutlich Leben und ganz sicher Lebensqualität retten, wenn es gesellschaftlich und gesetzlich geahndet würde, sich so volllaufen zu lassen, dass es andere in Gefahr bringt.</p><p>Aber was zählt Leben, wenn es um knapp 50 Milliarden Umsatz mit alkoholischen Getränken geht. Viel zu wenig.</p><p>Wenn ich wieder gesund bin, überlege ich mal, wie der Zugang zu Emotionen für Menschen in Deutschland auch ohne Alkohol gelingen könnte, ich glaube, es gibt da einige Möglichkeiten. Ich trinke übrigens schon ab und zu Alkohol und verantworte einmal im Jahr beim Verlagsfest die Böse Bowle, mit der sich auch schon mal jemand ziemlich selbstverletzend abgeschossen hat. Missionarisch bin ich bei dem Thema also nicht, ich hätte nur gern vernünftige soziale Regelungen und Gesetze, Gewaltprävention und so. Kurz wollte ich schreiben: Niemand will euch euer Bierchen wegnehmen, aber dann ist mir eingefallen, dass die Verlagsbranche ohne Bierchenkultur erheblich weniger Ärgernisse aufzuweisen hätte, also will ich euch doch euer Bierchen wegnehmen. Ohne Bierchen kein Precht bei dm und kein Lindner-Buch-Bestseller durch Rossmann.</p><p>Um es kommunikativ und gesellschaftlich hinzubekommen, die wirklichen, strukturellen Probleme wahrnehm- und fühlbar zu machen und nicht länger gemütlich von der Couch aus der Zerstörung von Demokratie und Planet beizuwohnen, werden dringend andere, »performativ aufklärende« Bilder benötigt. Diese Bilder erklären nicht, sondern machen etwas fühlbar, Ein sehr gelungenes Beispiel für ein solches performativ aufklärendes Bild, das vermutlich die meisten von euch kennen, ist der <a href="https://www.vox.com/xpress/2014/11/18/7236471/cars-pedestrians-sidewalks-roads">Cartoon des schwedischen Künstlers Karl Gilg</a>, in dem sich Menschen auf sehr schmalen Bürgersteigen entlang hangeln, während sich dazwischen statt Straßen Abgründe auftun, über die vereinzelt wackelige Planken führen. Die Wirkung einer autofixierten Stadtplanung auf Menschen wird beim Betrachten deutlich und sehr unangenehm spürbar, man gerät mit den Augen ins Taumeln.</p><p>Mit den PGExplaining-Phantom-Memes mache ich etwas Ähnliches, aber weniger Offenkundiges. Meine Arbeit erlaubt es Betrachtenden, sich emotional auf brutale Wahrheiten einzulassen, weil sie ihnen in Kombination mit überschönen Bildern präsentiert werden, oft zusätzlich hübsch eingewickelt in mehrbödige, poetische Sprachwitze.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Geborgtes: Ein Zitat</h2><blockquote><p>»Fast immer sind die Gedanken schneller als die Augen und verfälschen das Bild.«</p></blockquote><p>Marlen Haushofer, in: <em>Die Wand</em></p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Unheimliches: Vor Schreck sterben </h2><p>Eine Frage, die mich schon immer beschäftigt ist die, ob Menschen bei Pranks vor Schreck sterben können. Pranks gelten ja bei manchen Menschen als Königsdisziplin des Humors. Ich persönlich merke grundsätzlich gar nicht, wenn ich verarscht werde, was mich nach relativ kurzer Zeit als Opfer für Pranks uninteressant werden lässt. Aber ich sehe immer mal wieder Videos auf Insta oder TikTok, bei denen Menschen wirklich furchtbar erschrecken und deren Horror kann ich sehr stark mitfühlen. So ein Erschreck-Prank mit ins Gesicht geworfener Spielzeugschlange oder Ähnlichem würde bei mir vermutlich hervorragend funktionieren. Aber getraut hat es sich noch niemand, und das ist gut so.</p><p>Es passiert in der Realität wohl nicht oft, dass Menschen vor Schreck sterben, aber möglich ist es, dass bei Menschen mit Herzkreislauf-Vorerkrankungen der Schreck zu einem Herzinfarkt führt.</p><p>Warum wollen Menschen andere Menschen zu Tode erschrecken? Was ist witzig daran, mitanzusehen, wie andere Menschen gefühlt vor Schreck sterben? Gefühlt vor Schreck sterben ist auch schrecklich und vor allem unnötig. Klar, lachen die Geprankten kurz danach über sich selbst, so wie man ja auch lächelnd behauptet, okay zu sein, nachdem man sich gerade beim Ausrutschen auf dem Bürgersteig die Kniescheibe gebrochen hat. In westlichen Kulturen (vielleicht auch in anderen, da fehlt mir das Wissen) haben sich Opfer, egal, ob Opfer der Willkür, der Umstände oder der Strukturen, gut zu benehmen und den Schrecken wegzulächeln. Es war doch nur ein Spaß. Danke, meine Sympathie für dich war auch nur ein Spaß.</p><p>Wenn ich einen Horrorfilm ansehe, bin ich darauf vorbereitet, einen Jump-Scare zu erleben, dieses grundsätzliche Wissen mindert den konkreten Schrecken kaum, außer, man sieht den kompletten Film wie ich mit den Händen vorm Gesicht an, das hilft schon. Aber wirklich übel erschreckt zu werden, ist der Deal, wenn ich mir vorsätzlich einen Horrorfilm ansehe. Alles fein. Nicht im Vorfeld abgesprochene Überwältigung finde ich hingegen wirklich grauenhaft, der totale Horror, nicht ästhetisch, sondern ethisch.</p><p>Die schlimmsten performativen Villains sind Menschen, die Kinder oder Tiere vorsätzlich erschrecken, um witzige virale Videos zu bekommen. Sie sollen für immer in der Szene aus <em>Wenn die Gondeln Trauer tragen</em> gefangen werden, in der sich im Dom die Figur mit dem roten Mäntelchen umdreht. Für immer. Ich liebe den Film sehr, aber würde maximal ungern in der besagten Szene gefangen sein. Es ist die einzige angemessene Strafe für clickierige (neuer Begriff, bitte merken) Kinderchen- und Tierchenquälerei.</p><p>Oha, dieser Newsletter fühlt sich wirklich blurry an.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Rubrikloses</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/f448c2df-7a34-47ec-9604-47dc4a9f31b2/uploads/images/ilbx4yy5dq/nf98_raufende%20Katzen.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Screenshot. Person in TV-Liveschaltung, hinter ihr raufende Katzen"/><p><em>Der Fame für den Daddy im Heimbüro, dem bei der Liveschaltung das Kind durchgelaufen ist, hat wohl alle berufstätigen Mütter genervt, aber wenn du live im Fernsehen bist und sich deine Katzen hinter dir prügeln, das ist groß.</em></p><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/f448c2df-7a34-47ec-9604-47dc4a9f31b2/uploads/images/ulbuabsppi/nf98_mutter%20treibt%20politik.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Plakat gegen das Wahlrecht für Frauen"/><p><em>Die Mutter treibt Politik.<br/>Dem Vater ist das Kind runtergefallen. <br/>Die Katze respektiert ihn nicht.</em></p><p><em>(Plakat von 1927)</em></p><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/f448c2df-7a34-47ec-9604-47dc4a9f31b2/uploads/images/siaqyd3cty/nf98_bazaar.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Werbung mit zahlreichen Exotismen für den BAZAAR BERLIN"/><p><em>Weiße Deutsche: »Im großen Stil abschieben«</em><br/><em>Auch weiße Deutsche: Stilvoll im Bazaar Berlin shoppen</em></p><p><em>#EinkaufenWieImUrlaub </em><br/><em>#AbschiebenWieInDeutschland</em></p><hr aria-hidden="true"/><a href="https://www.youtube.com/watch?v=BAsY9H5AYlk">https://www.youtube.com/watch?v=BAsY9H5AYlk</a><p><em>Das waren noch Zeiten, als arabisch gelesenen Kindern in Deutschland von Weißen kein generelles Misstrauen entgegenschlug und sie »Kleiner Mann, du bist okay« hörten, zumindest wenn sie Character in einer japanischen Anime-Serie waren.</em></p><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/f448c2df-7a34-47ec-9604-47dc4a9f31b2/uploads/images/anevebenui/nf98_Kreditkarte.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Meldung, wonach jeder Mensch 5 g Mikroplastik pro Woche verspeist, so viel wie eine Kreditkarte wiegt."/><p><em>Es gibt diesen Gruselfilm mit Vincent Price, </em>Theater des Grauens<em> (Originaltitel: </em>Theatre of Blood<em>), in dem einem Theaterkritiker sein eigener Pudel als Pastete verfüttert wird. – Nebengedanke: Vielleicht hat dieser Film den ausrastenden Choreografen in der Staatsoper Hannover inspiriert, der eine Kritikerin mit Scheiße beschmierte. – Mich inspiriert der Film dazu, obige Meldung mit dem Vorschlag zu kommentieren, sämtliche sich big time in Sachen Nichtaufhalten der Klimakatastrophe schuldig machenden Unternehmer_innen und Politiker_innen alle ihre Kreditkarten verspeisen zu lassen und es Kunst zu nennen.</em></p><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/f448c2df-7a34-47ec-9604-47dc4a9f31b2/uploads/images/ilogovhhf4/nf98_verr%C3%A4terin.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Barbara Schöneberger hält ein Schild hoch, auf dem steht: Ich wog 76. Und jetzt 57."/><p><em>OK, Mädels. </em><br/><em>Ich war Powerfeninistin. </em><br/><em>Und jetzt bin ich Verräterin.</em></p><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/f448c2df-7a34-47ec-9604-47dc4a9f31b2/uploads/images/3zn2sf34ln/nf98_waschmaschine1.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="1. von 2 Bildern, Waschtrommel mit Teppich, Text: die du einfach in die Waschmaschine"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/f448c2df-7a34-47ec-9604-47dc4a9f31b2/uploads/images/q6i2fy7bmx/nf98_waschmaschine2.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="2. von 2 Bildern, schäbig aussehender Teppich, Text: werfen kannst, damit sie wieder wie neu aussehen"/><p><em>Hahahaha, der Alptraum von Shabby-Chic-Fans</em></p><hr aria-hidden="true"/><p><em>Könnten nicht viele nette, nicht nur weiße Personen eine neue linke Partei gründen, die Menschenrechte und Klimaschutz ins Zentrum stellt? Das ließe sich bestimmt gut parallel mit der genossenschaftlichen Übernahme von dm erledigen.</em></p><hr aria-hidden="true"/><h2>Präraffaelitische Girls erklären</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/f448c2df-7a34-47ec-9604-47dc4a9f31b2/uploads/images/agbgmc4m6z/fv_pg_btd_max%20und%20moritz.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Gemäldeausschnitt. Zwei junge, blondgelockte Personen in Hosen. Hinzugefügter Text: Die jungen Berliner Sozialisten Max und Moritz, im Begriff, ihrer jüdischen Freundin zu herrklären,   was kein Antisemitismus wäre"/><hr aria-hidden="true"/><p>Zurück zu den jungen Berliner Sozialisten, wir sehen uns nächste Woche. Seid lieb, nur nicht zu Nazis. </p><p><em>XOXO,<br/>FrauFrohmann</em></p><p></p><p>#Clickier #clickierig #BesserAlsNichtsNachricht #dmÜbernahme #EthischerHorror #JungeBerlinerSozialisten #PGExplaining #PremiumÜbergriff</p><p></p><p>Ich freue mich, wenn ihr ein <em>NewFrohmanntic-</em><a href="https://steadyhq.com/de/newfrohmanntic/about">Bezahlabo</a> abschließt oder Laser mit <a href="https://paypal.me/pgexplaining?country.x=DE&amp;locale.x=de_DE">Paypalme</a> eine Katzenmilch spendiert. Wer wenig Geld hat, liest bitte allezeit und mit bestem Gewissen kostenlos mit.</p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Sun, 22 Oct 2023 20:11:56 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 97]]></title>
      <description><![CDATA[Wie sprechen und sprechen nicht]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Heute möchte ich mich bei denen bedanken, die mir wertschätzende Kommentare zu einzelnen Folgen oder zum <em>NewFrohmanntic</em> als solchem schreiben. Auf Steady, in Mails, in sozialen Medien. Ihr habt mich in einer nicht sehr stimmungshellen Epoche – ihr kennt das, lebt ja auch jetzt gerade – wirklich sehr erfreut und manchmal auch zum (schönen) Weinen gebracht. Wenn maus immer ganz allein vor sich hinschreibt, ist ein bisschen konkrete Resonanz essenziell. Eure Nachrichten fügen sich nach und nach zu einem sehr schönen Strauß Blumen zusammen, der in meinem inneren Büro steht. Danke, liebe Menschen. Falls ihr heute kritische Anmerkungen habt – ist durchaus möglich – könnt ihr mir die auch gern schreiben. Aber nur heute, danach wieder lieb sein.</p><p>Ich habe heute nur ein einziges Thema, ein sehr schweres. Es kam mir nicht richtig vor, es mit fluffigem Kram zu flankieren, das kommt dann beim nächsten Mal wieder.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Neues: Wie sprechen und nicht</h2><p>Wie viele Menschen habe ich seit dem 7. Oktober ungewohnte Schwierigkeiten mit öffentlichem Reden oder Nichtreden und deshalb oft lieber den Weg direkten Austauschs mit Individuen gewählt. Ich habe tiefes Mitgefühl mit den Terroropfern in Israel, mit ihren Angehörigen und muss gleichzeitig auch die ganze Zeit an die eingekesselten Menschen in Gaza denken. Es macht mich traurig, dass ich mir nicht sicher bin, ob dies angemessen in einem einzigen Satz geschrieben werden kann. Zumindest meine eigene Sprache war bislang ein für mich unbefangener Ort. Aber vielleicht ist es sogar gut, diese Unsicherheit zu spüren, sie sich bewusst zu machen und zu fragen, an welcher Stelle die Sorge entsteht, ungerecht zu sein. An welchen Stellen. Was ich weiß, ist, dass ich wirklich niemals »Aber Israel ...« dachte. Ich denke auch positiv nicht zuerst an Israel, sondern an die Menschen in Israel. Dass ich zuerst an Menschen und nicht an Nationalstaaten denke, ist meine Normalität, die der entsetzliche Terroranschlag der Hamas nicht geändert hat. Ob darin eine Ungerechtigkeit liegt, kann ich im Moment (noch?) weder denken noch fühlen. Dass ich an Menschen in Israel <em>und</em> Gaza denke, hat ganz klar damit zu tun, dass ich persönlich israelische Menschen kenne <em>und</em> jüdische Menschen in Deutschland <em>und</em> palästinensische Menschen in Deutschland. Um alle mache ich mir grundsätzlich Sorgen und jetzt noch mehr. Mein Gehirn und mein Herz funktionieren plötzlich, aber nicht nur plötzlich, wie ich feststellen konnte, anders als die politische und mediale Darstellung in Deutschland. Für mich existieren alle diese Menschen nebeneinander, gleichzeitig, wirklich. Im öffentlichen Diskurs aber werden Palästineser_innen in Deutschland in ihrer Existenz entweder ganz verschwiegen oder als eine einzige Bande von Hamas-Getreuen dargestellt. Ich beobachte das schon lange und finde es schon lange quälend ungerecht. Das vielleicht als Erklärung, warum einige Menschen anscheinend aus dem Nichts plötzlich vor rassistischen Reaktionen in Folge des antisemitischen Terrors gewarnt haben. Das mag geschmacklos wirken und auch nach wirklich schlechtem Timing aussehen. Vielleicht eiern aber viele Menschen, nicht nur ich, schon lange Zeit damit herum, solidarischer mit in Deutschland lebenden palästinensischen Menschen sein zu wollen und irgendwie nicht damit zurande zu kommen, dass sich das irgendwie schwieriger und komplexer gestaltet als andere Solidarität. Vielleicht ist auch bei ihnen, nicht nur bei mir, jetzt etwas durchgebrochen, die Erkenntnis, dass gerade ein gefährlicher Kippmoment erreicht wurde. Palästinensischen Menschen in Deutschland wird nicht ermöglicht, sich öffentlich zu versammeln, ihnen wird ein Grundrecht verweigert. Warum? Steht ihnen kein öffentlicher Raum zu für ihren Schmerz und ihre Trauer um verlorene Angehörige, kein Raum für Protest gegen von der UN bestätigte Menschenrechtsverletzungen in Gaza? Liegt es nicht menschlich und demokratisch auf der Hand, dass diese Menschen gerade gemeinsamen Raum und Zeit brauchen? Mit welchem Recht wird ihnen unterstellt, dass sie unisono die Hamas unterstützen? Warum wird eine Versammlung wie vorgestern in Berlin erst vier Minuten vor Beginn verboten, wenn schon alle vor Ort sind: Will man Menschen unbedingt noch verzweifelter und wütender machen, um dann zu sagen: Seht ihr, so sind diese Islamisten. Wird das absichtlich gemacht, um ganz sicher Bilder einer verbotenen Demo zu bekommen? Wo kämen wir denn politisch auch hin, wenn eine große Gruppe sonst komplett unsichtbarer Menschen, darunter Familien mit Kindern, ungehindert von Robocops ihre Grundrechte verwirklicht? Nein, sie sollen bitte auf alle Fälle ordentlich nach Hamas aussehen.</p><p>Typen mit Bart + Palästina-Flagge + Polizei in Kampfmontur + Tagesschau = Die sind doch alle bei der Hamas.</p><p>Ist doch egal, ob diese kurzfristigst verbotene Versammlung vor dem Einmarschieren der Cops in Wirklichkeit eher harmlos wirkte.</p><p>Wie gesellschaftlich gut wäre es gewesen, wenn in einer komplexen Stadt wie Berlin die sehr schöne solidarische Veranstaltung an der Synagoge Fraenkelufer <em>und</em> eine von antirassistisch geschulten Polizist_innen im angemessenen Rahmen kontrollierte Versammlung von Palästinenser_innen hätten stattfinden können. Ja, es gibt wirklich bestürzend viel Antisemitismus in der Stadt, aber keinesfalls nur bei diesen gefährlichen jungen Männern aus diesem Neukölln und diesem Wedding, sondern auch bei Klavier spielenden weißen Gymnasiasten aus Prenzlauerberg und Charlottenburg mit grünen Eltern, die sich überhaupt nicht erklären könne, woher die Kinder das haben, von ihnen jedenfalls nicht. Darüber wird öffentlich aber nicht so gern »diskutiert«, denn die Abschiebung von Anselms und Maximilians lässt sich parteipolitisch im Augenblick schlecht nutzbar machen.</p><p>Ich glaube, die allerschlechteste Idee, um Antisemitismus entgegenzuwirken, ist, den rassistischen Druck auf Gruppen unter Antisemitismus-Generalverdacht noch zu erhöhen, Gruppen, die gleichzeitig von Politiker_innen beim AfD-Kuscheln begeistert unter den Bus geschubst werden. Derweil haben die Anselms und Maximilians ungestört eine ziemlich antisemitische Clubkultur entwickelt, wobei gesagt werden muss, dass deren »Aber Israel«-Antisemitismus fast ausschließlich von persönlichen schlechten Erfahrungen bei Palästina-Demos herrührt. Die palästinensische Kinder niederknüppelnde Berliner Polizei hat bei weißen Berliner Kindern etwas Ungeplantes ausgelöst. Was wie so oft zeigt, dass mit zu viel Druck gern das Gegenteil erreicht wird. Bringt euren Kindern also bitte bei, statt antisemitisch zu sein, lieber die Polizei und die Politik zu hassen. (Das war natürlich ironisch. Bitte Autorin und Werk trennen, ich bin ein unverklagbares literarisches Originalgenie.)</p><p>Realitätsprüfung: Eine Nazipartei macht sich in Deutschland gerade zum Mitregieren bereit, und gleichzeitig wird so getan, als ob man mit der Unterdrückung palästinensischer Menschen in Deutschland eine geniale Strategie gegen Antisemitismus verfolgen würde. Mich verwundert das, nein, mich wundert nichts mehr, Richard David Precht hat ja auch zwei Professuren für Philosophie inne.</p><p>Gerade wird wirklich an allen Stellen alles dafür getan, dass wir in eine gesellschaftlich noch schlimmere Zeit rutschen. Es wäre zu verhindern, wer will?</p><p>Für Weiße mit deutschem Pass: Damit ihr es besser fühlen könnt. Wurde dir persönlich jemals etwas verwehrt, weil du wie NSU-Angehörige Deutsche_r bist? Wurde dir persönlich jemals unterstellt, Terrorist_in zu sein, weil du wie NSU-Angehörige Deutsche_r bist? Nein, natürlich nicht. Bleiben wir noch kurz dabei: Falls dich im Ausland jemals jemand als Nazi beschimpft hat, wie viele Jahrzehnte lang hast du diese demütigende Erfahrung in dir lebendig gehalten, obwohl du dich theoretisch, wie es sich gehört, zum Volk der Täter_innen zählst? Du hast es nie vergessen, denn so etwas war dir ja noch nie passiert, richtig? Das genaue Gegenteil erleben palästinensische und andere arabisch gelesene Menschen in Deutschland. Für sie ist es ein Einzelfall, hier von Weißen wie ein Mitmensch behandelt zu werden.</p><p>Warum aber kann ich nicht ein bisschen warten, bis ich das schreibe? Warum jetzt, während Menschen noch im Schock nach dem Hamas-Terror sind und sich bereits weitere Terroranschläge ereignet haben? Die Antwort ist: Weil alles gleichzeitig passiert, wirkt, Folgen hat. Ein Islamist ermordete gestern aus Hass in Belgien zwei Fußballfans, ein Christianist (finde, das ist ein guter Neologismus) ermordete vorgestern aus Hass in den USA ein muslimisches Kind. Beide Taten sind dezidiert Taten nach dem 7. Oktober. Gestern aka einen Tag lang schrieben deutsche Zeitungen brav, dass zwischen Islam und Islamismus unterschieden werden müsse, ermordetes Kind ist ja immer so eine Sache. An allen anderen Tagen aber wird in der deutschen Öffentlichkeit ein gegensätzliches Bild vermittelt. Ich zitiere nicht den Titel des Scheißdrecks-Sarrazin-Buchs, mit dem vor 13 Jahren das aktuelle schlimmste Kapitel angefangen hat,– wie fühlt sich das eigentlich an, wenn man Menschen mittelbar in Todesgefahr bringt, Thilo?</p><p>Warum ausgerechnet ich und warum ausgerechnet jetzt? Einzelne Menschen müssen, so glaube ich zumindest, in der überkomplexen Lage und Multikrise intervenieren, wenn sie persönlich mit ihrem individuellen Portfolio aus Wissen, Erfahrungen und Begegnungen gerade einen Punkt, eine Möglichkeit, einen Weg sehen. Ich sehe jetzt gerade sehr genau, dass ein weiteres Hochfahren von antimuslimischen Rassismus begonnen hat und dass das noch viel mehr, nicht weniger Gewalt hervorbringen wird, auch antisemitische.</p><p>Ich hätte durchaus Ideen, wie gleichzeitig Antisemitismus und Rassismus entgegengewirkt werden könnte. Spoiler: Nichts davon hat mit Forderungen nach Verhaltensänderungen von diskriminierungsbetroffenen Menschen zu tun, es wären alles politische Maßnahmen. Passiert also nicht, weil man ja nicht mit konstruktiver Politik, sondern mit diskriminierenden Scheindebatten Wahlkampf macht.</p><p>Was ich eigentlich sagen wollte: Die gängige politische, mediale und bürgerliche Praxis in Deutschland, sich allein deshalb schon für nicht antisemitisch zu halten, weil man »Stand with Israel« sagt und grundsätzlich nicht über Menschenrechte von Palästinenser_innen spricht, ist nicht sehr nachhaltig, aber sehr bequem, denn man muss buchstäblich nichts dafür tun. Alle Menschen in Deutschland sind antisemitisch und rassistisch sozialisiert, auch wenn sie das nicht wahrhaben wollen. Nicht mal nur die weißen, christlich geprägten Menschen, nein, alle. Frauen sind ja auch frauenfeindlich. Diskriminierung ist Leitkultur. Erst die Anerkennung dieses Umstands ermöglicht es, sich eigene Diskriminierungen bewusst zu machen und im Idealfall nach und nach abzugewöhnen. Was ich wirklich eigentlich sagen wollte: Menschen, die sich ausdrücklich für nicht antisemitisch halten, sind keine stabilen Allys für jüdische Menschen, und Rassismus ist das schlechteste Anti-Antisemitismus-Training überhaupt.</p><p>Terror will Menschen und Menschengruppen vereinzeln. Deshalb wäre es jetzt solidarisch in einem höheren Sinne, gruppenübergreifend enger zusammenzurücken. Klug wäre es auch. Berlin ist so eine komplexe Stadt, und Deutschland könnte ein im guten Sinne komplexeres Land werden. Einfach wird diese Welt wohl nie. Also könnten wir wenigstens mit dem ideologischen Verflachen von Komplexität und dem unnötigen Verkomplizieren von Einfachem aufhören. Menschen wie Menschen zu behandeln, sollte zumindest in Demokratien normaler werden, das würde helfen.</p><p>Ich habe tiefes Mitgefühl mit den Menschen in Israel, die am 7. Oktober Opfer des grausamen Hamas-Terroranschlags geworden sind, ebenso mit ihren Angehörigen. Mit den Menschen, die in Israel als Geiseln genommen wurden und ihren Angehörigen. Ich hatte und habe Mitgefühl mit den von der humanitären Katastrophe in Gaza betroffenen Menschen. Ich habe Mitgefühl mit Menschen, die zivile Opfer des israelischen Vergeltungsschlags geworden sind und mit ihren Angehörigen. Ich stand und stehe solidarisch neben jüdischen Menschen in Deutschland. Ich weise auf die ungerechte, rassistische Behandlung von palästinensischen Menschen in Deutschland hin. Auch wenn das miteinander gesagt heftig bebt, sich sträubt, nicht so richtig in Sätze rein möchte, ist es für mich wahr, gleichzeitig, nebeneinander. Nur meine Aufmerksamkeit dafür springt unruhig flackernd hin und her. Ich verrechne keine Ungerechtigkeit miteinander, das habe ich von Ruth Klüger gelernt. Das heißt nicht, dass ich mich nicht von Betroffenen meiner Sätze kritisieren lassen werde.</p><p>Ich fühle mich mit diesen für mich wahren Sätzen nicht im Recht und zwischendurch sogar wie ein Monster, wenn ich von meinem Mitgefühl für die israelischen Terroropfer hinüber wehe zu den Zivilist_innen in Gaza und weiter zu den palästinensischen Menschen in Deutschland. Aber ist das wirklich monströs, ist nicht vielmehr der Mindfuck monströs, der mir abverlangt wird, wenn ich plötzlich aus Solidarität wie ein Nationalstaat denken soll, wo ich genau das aus Solidarität sonst ablehne und immer die Menschen sehen will. Ich bin doch keine Springer-Journalistin, warum sollte ich plötzlich reden, denken, fühlen wie eine? Vielleicht schreibe ich nicht Stand with Israel in meine Social-Media-Bios, aber dafür klingt meine Soli mit Menschen in Israel und jüdischen Menschen in der Welt weniger aufgesagt und hölzern, weil sie nicht auf einem heimlich-unheimlichem Verschweigen anderer Menschen basiert. Ich möchte wirklich, dass alle Menschen auf der Welt sicher und würdevoll leben können. Und ich weiß sehr genau, dass das jüdischen Menschen besonders schwer gemacht wird. Ich hoffe, mein Text klingt in dem Kontext nicht frivol.</p><p>Bitte zitiert mich nicht missverständlich, es wäre schön, wenn ich nur berechtigte Kritik abbekomme. Ich habe es so geschrieben, wie ich es jetzt gerade denken und fühlen kann. Vielleicht hilft es manchen von euch ein bisschen.</p><p>Und, nein, ich möchte nicht für einen Hot Take dazu ins Radio. Ich habe mir <em>NewFrohmanntic</em> ausgedacht, um auf meine Art Sachen in den Blick zu nehmen, zu bedenken und zu beschreiben. Das funktioniert nur hier, wenn überhaupt.</p><p></p><p>Seid lieb, nur nicht zu Nazis.</p><p><em>XOXO,<br/>FrauFrohmann</em></p><p></p><p></p><p></p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Tue, 17 Oct 2023 15:28:12 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 96]]></title>
      <description><![CDATA[Wahlkater und drei vielleicht konstruktive Gedanken / Personaeverwechslung (Victoria Beckham) / Ein Zitat von Hannah Arendt / Todestrieb / Textkacheln / PGExplaining]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/08bc9ef5-27f2-486d-833a-57762ce4b63b/uploads/images/kmnmfbn57x/nf96_cover.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Cover mit auf Schwarzweiß umgestelltem Böcklin-Gemälde &quot;Die Pest&quot;"/><hr aria-hidden="true"/><h2>Vorweg</h2><p>Puh. Multi-Puh.</p><p>Das Cover entspricht meiner Stimmung, aber ich will euch ja nicht noch weiter crashen, also schnell ein neutralisierendes Trostbild.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/08bc9ef5-27f2-486d-833a-57762ce4b63b/uploads/images/zkknakn2j5/42408807_10216273032757582_5775589324913377280_o_10216273032677580.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Kater Laser, cute schlafend, ihn streichelnde Hand"/><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Altes: Wahlkater</h2><p>Ich sitze hier und möchte nicht resignieren. Mir fallen drei Sachen ein, die möglicherweise konstruktiv sind. Was könnte noch probiert werden, wenn klassisches Erklären abgehakt werden kann?</p><ol><li><p><strong>Gute Politik machen (Inhalt)</strong></p><p>Ein oder zwei große Parteien könnten ein Wahlprogramm machen, das soziale Gerechtigkeit und Klimaschutz WIRKLICH ins Zentrum stellt und die Wirtschaft zwar nicht ausblendet, aber vom Menschen her denkt. Die LINKE müsste nicht nur nicht weiß links, sondern auch noch grün sein, die GRÜNEN grün und auch nicht nur Bioladen-Weißen gegenüber sozial gerecht. Das geht, wirklich. Bitte vom Wahlrecht her beginnend denken: Wer in Deutschland lebt, soll in Deutschland bestimmen. Vielleicht würden dann immer noch sehr viele Menschen rechts wählen, aber viele andere Menschen würden sich wieder zugehöriger, handlungsfähiger und weniger wie ein naives, sozialromantisches Karnickel vor der aufgepusteten Nazischlange fühlen. Weil die Politik, an die sie persönlich glauben, nicht nur in Romanen vorkäme, sondern tatsächlich von Parteien repräsentiert würde. Ich habe in Jahrzehnten des Wählendürfens noch nie die Politik bekommen, die ich wissenschaftsbasiert für richtig halte, und so geht es Vielen. Und von wegen TikTok: Gerechtigkeit zu wollen, könnte auf junge Menschen deutlich weniger opfermäßig und uncool wirken, wenn es selbstbewusst – nicht cringe! – als state of the art präsentiert würde. So wie die FDP sehr vielen cis Jungs in sozialen Medien das Recht auf Freiheit aka das Schnell-Auto-Fahren eingehämmert hat.</p><p></p></li><li><p><strong>Linke Clownitik (Performative Aufklärung)</strong></p><p>Rechte Clownspolitiker boomen, dazu gibt es mittlerweile schon einige Analysen und Artikel. Vielleicht brauchen linke Parteien auch ordentliche Clowns. Ich meine es ernst. Selenskyj clownt zwar nicht, aber er verfügt über die Performance-Erfahrung eines Comedians und deshalb gelingt es ihm so gut, wie ein böser Populist Leute einzusammeln, aber mit einer inhaltlich guten – natürlich manchmal auch ambivalenten – Politik. Ich glaube, Clowns müssen nicht zwingend rechte Scheiße verkaufen, sie könnten auch soziale Gerechtigkeit in die Wiesnzelte tragen. Also her mit linken Clown_innen: Jan Böhmermann möchte doch eh immer alles machen, lasst ihn einfach. Er wurde von Rechten bereits als »Polit-Clown« beschimpft, top, denn die subversive Aneignung von Abwertung ist ein idealer Motor für progressive Kulturen. Allerdings wäre Böhmermann bei zu großem politischen Erfolg in Gefahr, zu elonisieren, deshalb würde ich eigentlich lieber Giulia Becker ins Rennen schicken, weil sie eine exzellente Komikerin und ein sehr solidarischer Mensch ist. Leider kann ich ihr als Drinnière aber nicht zumuten, in Kneipen und Bierzelten Hände zu schütteln. In der »Clownitik«, so nenne ich mit karnevalesken Elementen operierende, performative Politik, ist Händeschütteln leider unabdingbar. Aber das muss ja nicht gleich heute alles in trockene Tücher gebracht werden. Vielleicht sollte ein Casting organisiert werden, und zwar unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Nichts wird nach außen dringen, bis die linken Clown_innen auf Bundes- und Landesebene in Erscheinung treten. Für die Kommunalpolitik werden herausragende Privat-Witzbolde rekrutiert. Ab jetzt muss alles sitzen. Als erste große Aufgabe der linken Clownitiker_innen betrachte ich das Etablieren der allgemeinen Maskenpflicht in öffentlichen Verkehrsmitteln und bei öffentlichen Veranstaltungen im Innenraum. Mitglieder der vulnerablen Gruppen bitten täglich in sozialen Medien Klötze wie mich darum, Maske zu tragen, aber keine Sau hört auf sie. Bitte, Clownitik, kumpele ein bisschen hemdsärmelig rum, damit linke Blablamenschen sich wie Mitmenschen verhalten.</p><p>– Warum linke Clownitik unter »performative Aufklärung« (bitte nicht klauen, sondern zitieren, ist mein Begriff) fällt und kein Populismus ist, erkläre ich euch beim nächsten Mal.</p><p></p></li><li><p><strong>Antifa-Dada (Performanz)</strong></p><p>Es wird leider nicht oft genug darüber berichtet, dass die Strategie der Arschpartei in den letzten Jahren war und ist, demokratische Abläufe zu stören. In Parlamenten, aber auch in Kulturinstitutionen, an Gerichten etc. Das soll so lange passieren, bis die Arschpartei regiert, und es läuft bislang bekanntlich nicht schlecht für sie. Vertreter_innen der Arschpartei schreiben unentwegt Beschwerden, erheben Einspruch, lassen prüfen, erscheinen zu Abstimmungen mit besonders vielen Personen oder gar nicht aka randalieren in der Demokratie rum, damit diese schlechter funktioniert und Menschen das mitbekommen. Medien berichten teilweise über diese vermeintlichen Demokratie-Fails und übernehmen dabei die von der Arschpartei vorgesehene, verzerrende Perspektive.</p><p>Beispiel: Faktisch ist es völlig normal, dass im Bundestag nicht alle, sondern nur eine bestimmte Anzahl von Abgeordneten zu einer Gesetzesvorlage arbeiten, das heißt Arbeitsparlament. Die Arschpartei lässt es aber so aussehen, als wären Abgeordnete anderer Parteien faule Säcke, was die Arbeit verunmögliche, dabei sind sie es, die durch eine ungewöhnliche Zahl von Teilnehmenden Beschlüsse verhindern. Medien decken dies nicht auf, sondern übernehmen die Lüge der Arschpartei. Und reagieren auch noch defensiv, wenn sie darauf hingewiesen werden. (Ist einem Freund von mir passiert, der wirklich genau weiß, wie es im Bundestag läuft.) In manchen Gerichten gibt es mittlerweile extra eingerichtete Stellen, die Richter_innen unterstützen, die bei ihrer Arbeit von der Arschpartei angegriffen werden. Dieses Stören der demokratischen Abläufe durch die Arschpartei findet an sehr vielen Stellen statt, jeden Tag, auch heute. Rechte Medien und Social-Media-Trolle flankieren es.</p><p>Vorschlag: Warum fangen Menschen, die laut Selbstauskunft keine Nazis sind, nicht mal an, die Arschpartei bei deren demokratischen Abläufen, die ja darauf abzielen, die Demokratie abzuschaffen, zu stören. Warum schreiben sie nicht unentwegt Beschwerden, erheben nicht unentwegt Einspruch, lassen unentwegt prüfen, erscheinen unentwegt mit besonders vielen Personen oder gar nicht, wenn es um politische Pläne und Interessen der Arschpartei geht. In Parlamenten, aber auch in Kulturinstitutionen, an Gerichten etc. Fast zehn Jahre Karnickel vor Schlange sind genug. Bitte den Spieß umdrehen. Ihr steht doch auf Dada, das ist Dada, Antifa-Dada,</p></li></ol><p>Ich habe nicht so viel Ahnung von Politik, von Kommunikation, Gesellschaft, Kunst und Menschen aber schon. Vielleicht könnt ihr ja was daraus machen oder meine Gedanken weiterspinnen.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Neues: Personaeverwechslung</h2><p>Verständlicherweise, weil unglaublich witzig, wird gerade im Netz ein <a href="https://www.instagram.com/reel/CyCFxQ_sO7g/">Filmschnipsel</a> herumgereicht, in dem David Beckham Victoria Beckham verunmöglicht, sich selbst als Kind aus der Arbeiterklasse zu stilisieren. Mir ist egal, ob das inszeniert ist oder nicht, es ist wahrhaftig, und das ist ja bekanntlich die performative Variante von Wahrheit, weil ich es 2013 so beschrieben habe, allerdings in einem Interview im Rahmen eines WELT-Artikels, den ich 2023 natürlich nicht verlinke. Caaaaaaaaaaancelkultur. Hier aber das ganze Zitat mit Quelle:</p><blockquote><p>»Es geht um die Ästhetisierungsleistung. Plausibilität ist die Wahrheitsform im Netz. Es geht um Wahrhaftigkeit statt Wahrheit.«</p></blockquote><p>(Christiane Frohmann, zit. in: Julia Meinert, »Goethe im #Neuland«, in: WELT, 28.12.2013  </p><p>Tatsächlich glaube ich, dass Victoria Beckham das wirklich, wirklich ernst meint, so wie sich ja auch Menschen für feministisch halten, obwohl ihnen von vielen Seiten gespiegelt wird, dass sie unsolidarische Feminismus-Gewinnler_innen sind. Ebenso glaube ich, dass diese ganzen Titel-Swindler – nicht vollständig, in alphabetischer Reihenfolge: Jorgo Chatzimarkakis (FDP), Franziska Giffey (SPD), Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), Martin Huber(CSU), Silvana Koch-Mehrin (FDP), Ursula von der Leyen (CDU), Margarita Mathiopoulos (FDP), Annette Schavan (CDU), Frank Steffel (CDU) – ab einem gewissen Punkt komplett verdrängt haben, dass sie bei ihrer Dissertation betrogen haben. Entsprechend fallen sie dann wirklich aus allen Wolken, wenn sie erwischt werden, sie konnten ja gar nicht mehr damit rechnen, erwischt zu werden. Das rechtfertigt nix, als Person, die ihre Diss ehrlich abgebrochen hat, verachte ich solche Menschen maximal. Aber es erklärt diese komplett absurd wirkenden und unnötig peinlichen Versuche, es erst mal abzustreiten. Vermutlich glauben sie es aus den gleichen Gründen dann nicht mal, wenn das Suchprogramm es bewiesen hat. Sie fühlen es nicht, weil sie sind ja promovierte Politstars, bitteschön.</p><p>In Deniz Utlus neulich schon empfohlenem Roman <a href="https://www.suhrkamp.de/buch/deniz-utlu-vaters-meer-t-9783518431443">Vaters Meer</a> geht es sehr komplex, klug und schön um den Zusammenhang von Geschichte und persönlichem Erinnern. Darum geht es auch bei Victoria Beckham, nur weniger poetisch und mehr peinlich.</p><p>Manche Menschen erschwindeln sich eine andere Herkunft, früher machten sie sich meist reicher und vornehmer. Karl Lagerfeld etwa kam wirklich aus einem reichen Elternhaus, aber seine Mutter war nicht, wie er oft behauptete, Französin. Dass Reiche sich eine ärmere Herkunft erschwindeln, ist neu, und hängt damit zusammen, dass Street Credibility ein wertvolles kulturelles Kapital geworden ist. Besonders witzig ist, dass Victoria Beckham sich so offenkundig nur im Verhältnis zur britischen Oberschicht verortet, dass sie wirklich glaubt, »working class« wäre der Begriff für Menschen, die viel arbeiten, also auch für ihre reichen Mittelschichtseltern mit Rolls-Royce. Dass ihr Mann sie so »vorführt«, kommt nicht mal gemein rüber, eher so, als wäre ihre Unbelehrbarkeit diesbezüglich ein familiärer running gag.</p><p>Victoria Beckham beharrt auf etwas, das offenkundig Quatsch ist, was daraufhin deutet, dass sie sich mit ihrem öffentlich performten Ideal-Ich überblendet, sich als Person mit einer persona verwechselt. Sie findet, so unterstelle ich es ihr zumindest, ihr Sein als normschöne, Geld scheffelnde weiße cis het Frau und Mutter irgendwie nicht mehr cool genug. Deshalb versucht sie, sich imaginär und auch performativ eine bedürftige Kindheit anzueignen. Sie fühlt sich mit dieser Vorstellung wirklich wohler, weil es in ihren trendbewussten Ohren cooler klingt. Es sind schließlich woke Zeiten. Was für ein Hohn das ist, wie arme Kinder sich fühlen und dass nichts daran cool ist, weiß sie nicht und würde es auch nicht wissen wollen. Dieser Videoschnipsel ist so kostbar, weil er unverstellt zeigt, dass Menschen, die nicht mit Menschen aus unterschiedlichen Milieus auf Augenhöhe kommunizieren, wirklich absolut keinen Schimmer haben, was auf der Welt los ist. (Das gilt in geringerem Maße bestimmt auch für mich, ich sehe vielleicht drei Höllenkreise mehr, aber bei weitem nicht alle. Niemaus sieht alle, deshalb braucht es Verbindung und Kommunikation zwischen sehr unterschiedlichen Menschen.) Das Working-class-Video ist wieder so ein Matschmoment, wie ich ihn neulich beschrieben habe, in dem eine Person die Kontrolle über ihr sonst extrem kalkuliertes öffentliches Image verliert und ungewollt die Wahrheit über sich erzählt. Herrlich, buchstäblich. I like.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Geborgtes: Ein Zitat</h2><blockquote><p>»Die traurige Wahrheit ist, dass das Schlimmste von den Menschen begangen wird, die sich niemals dazu entscheiden, gut oder böse zu sein.« – Hannah Arendt</p></blockquote><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Unheimliches: Gespensterzeit</h2><p>Der Todestrieb ist bei Menschen mittlerweile so perfekt in die Komfortzone eingearbeitet, dass nicht einmal mehr Wissenschaftler_innen mit dringlichen Warnungen Gehör finden. Menschen sind zu biologischen Lebzeiten ihre eigenen Gespenster geworden. Das ist der unheimlichste Gedanke überhaupt, und dass er nicht von einem unheimlichem Gefühl begleitet wird, ist die unheimlichste Tatsache.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Rubrikloses</h2><p>Social-Media-Textkacheln wurden doch erfunden, damit Menschen, die auf Insta nicht nur ihren Kaffee oder Kater zeigen wollen, ebenfalls gut performen können. Jetzt aber sind Textkacheln immer häufiger auch auf textorientierten Plattformen wie Bluesky oder Mastodon zu finden. Ich habe das auch eine Weile lang gemacht, einfach, weil es auf den ersten Blick schick aussieht und catchy wirkt. Aber es ist bei kurzem Nachdenken leider auch totaler Humbug, und maus kann sich als produzierende genauso wie als konsumierende Netzperson auch schnell wieder umgewöhnen. Einen Text als Bild gestalten, das Bild dann speichern oder screenshotten, dann den Text aus dem Bild wieder in die Bildbeschreibung kopieren oder schlimmstenfalls noch mal abtippen – das ist einfach Quatsch. Und blinde Menschen verzichten bestimmt auch gern auf eine mit unnötigen Bildern überfrachtete TL.</p><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/08bc9ef5-27f2-486d-833a-57762ce4b63b/uploads/images/dyy3kzh7i4/nf_blsk666.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Screenshot, der die Zahl 666 Follows auf Bluesky anzeigt"/><p><em>Wenn dieser schlechte Screenshot-Witz nicht von allen User_innen immer wieder auf allen neuen Plattformen gemacht wird, stirbt das Internet, so will es das Gesetz. Ein weiteres unbewusstes Meme, noch dazu ein piefiges, der Dad Joke unter den unbewussten Memes</em></p><hr aria-hidden="true"/><p></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/08bc9ef5-27f2-486d-833a-57762ce4b63b/uploads/images/xevybtpe2v/IMG_2419.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Instawerbung, wonach man in 12 Stunden sein erstes eigenes Buch schreiben kann"/><p><em>Clowneratur ist anscheinend auch ein Ding.</em></p><hr aria-hidden="true"/><p></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/08bc9ef5-27f2-486d-833a-57762ce4b63b/uploads/images/qagxh2kmlr/IMG_2432.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Lila Kerze mit Label, auf dem steht: CROISSANT"/><p><em>Erste Frage: Was ist verkehrt daran, Croissants einfach zu essen? Zweite Frage: Warum sollte ich mir eine von einem Virus verursachte Croissant Kerze ins Haus holen? Ich hatte schon Corona, ich will auf keinen Fall Croissant Kerze. </em></p><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/08bc9ef5-27f2-486d-833a-57762ce4b63b/uploads/images/z3thep7ygh/IMG_2414.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><em>Gegenwärtiges Menschenbild</em></p><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/08bc9ef5-27f2-486d-833a-57762ce4b63b/uploads/images/gm7phqghh5/IMG_2428.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Influencerin hält Tüte hoch, Text: Ich habe endlich die bekannten Po Leggings bestellt"/><p><em>Gegenwärtige Erinnerungskultur</em></p><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/08bc9ef5-27f2-486d-833a-57762ce4b63b/uploads/images/pambu6ldur/nfmat_riss.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Textkachel: Der gesellschaftliche Riss verläuft zwischen denen, die gute Leben für sich und &quot;ihre Leute&quot; und denen, die bessere Leben für alle wollen. Zweitere würden für Erstere mitsorgen. Erstere nehmen für ihren Lifestyle auch den Tod von Menschen in Kauf."/><p><em>Warum ich seit dem 20.02.2020 nie wieder richtig froh geworden bin, Erkenntnis ist manchmal brutal. Hier als Textkachel aka ein performativer Widerspruch, muss auch mal sein. Und jetzt noch als Fließtext, falls doch mal jemaus nicht »Irgendwo im Internet habe ich gelesen, dass« sagen möchte:</em></p><blockquote><p>»Der gesellschaftliche Riss verläuft zwischen denen, die gute Leben für sich und ›ihre Leute‹ und denen, die bessere Leben für alle wollen. Zweitere würden für Erstere mitsorgen. Erstere nehmen für ihren Lifestyle auch den Tod von Menschen in Kauf.«</p></blockquote><p>(Christiane Frohmann/@fraufrohmann, 20.02.2020 auf Twitter)</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Präraffaelitische Girls erklären</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/08bc9ef5-27f2-486d-833a-57762ce4b63b/uploads/images/mkqgctizij/fv_pg_btd_konservative.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Gemäldeausschnitt. Person mit langen Haaren in Rüstung. Hinzugefügter Text: Präraffaelitische Girls waren Konservative, sie wollten die Demokratie erhalten. Ihr Leitspruch: Jeden Tag eine antifaschistische Tat."/><hr aria-hidden="true"/><p>Zurück zu den Konservativen, wir sehen uns nächste Woche. Seid lieb, nur nicht zu Nazis. </p><p><em>XOXO,<br/>FrauFrohmann</em></p><hr aria-hidden="true"/><p>Ich freue mich, wenn ihr ein <em>NewFrohmanntic-</em><a href="https://steadyhq.com/de/newfrohmanntic/about">Bezahlabo</a> abschließt oder Laser mit <a href="https://paypal.me/pgexplaining?country.x=DE&amp;locale.x=de_DE">Paypalme</a> eine Katzenmilch spendiert. Wer wenig Geld hat, liest bitte allezeit und mit bestem Gewissen kostenlos mit.</p><hr aria-hidden="true"/><p>#AbfallAkzeptieren #AntifaDada #Arbeiterklasse #ArschparteiStören #Bluesky #Clowneratur #Clownitik #Clownitiker_in #Clownitiker_innen #Clowns #Clownspolitiker #Dada #DavidBeckham #DenizUtlu #Drinnier #Drinnière #Erinnerungskultur #Gespenster #Gespensterzeit #HannahArendt #KarlLagerfeld #Laser #LinkeClownitik #Mastodon #Menschenbild #MultiPuh #Performanz #PerformativeAufklärung #PerformativeAufklaerung #Personaeverwechslung #PGExplaining #Plausibilität #PräraffaelitischeGirlsErklären #Riss #ScreenshotWitz #Stören #Todestrieb #UnbewusstesMeme #unheimlich #VatersMeer #VictoriaBeckham #ViraleCroissantKerze #Wahlkater #Wahrhaftigkeit #WorkingClass</p>]]></content:encoded>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/08bc9ef5-27f2-486d-833a-57762ce4b63b/uploads/images/kmnmfbn57x/nf96_cover.png?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;fm=jpg&amp;crop=faces" medium="image"/>
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      <pubDate>Mon, 09 Oct 2023 15:11:15 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 95]]></title>
      <description><![CDATA[Cringe Menschen-Inszenierungen in Homestorys / Social-Media-Retro und Social-Media-Nostalgie / Ein Zitat von Sibel Schick / Unheimlicher Queeren-Hass / Misogyne Warenwelt]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/eb9aa39c-7373-4b31-b5be-76d1871054f5/uploads/images/aoipxkmwwt/nf95_cover.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Cover mit pentagrammähnlichen Kondensstreifen am Himmel"/><h2>Vorweg</h2><p>Ich war ganz sicher, dass die Zeiten ausufernder, nur leicht ästhetisierter Privaterzählungen im <em>NewFrohmanntic</em> vorbei wären – seit Pandemiebeginn waren und sind ja sehr viele Menschen etwas heftig auf sich selbst zurückgeworfen. Aber nun ist mein älteres Kind für eine Weile wieder nach Hause gezogen, wir sind also vier Erwachsene mit starken Egos in einem kleinen Haus, heißt, ich kann doch wieder für nichts garantieren. Den Kater mitgezählt, bin ich jetzt erneut von vier Typen umgeben, so stellen sich Trolle das Leben von »Netzfeminist*innen« vermutlich nicht vor. Erfreulich ist, ich kann jetzt guten Gewissens wieder vom Bettbüro aus arbeiten und muss nicht mehr so pseudoprotestantisch in mein »Arbeitszimmer« gehen. Mein Ex-Arbeitszimmer hat jetzt einen sehr interessanten Stil. Das extrem düstere Mein-Poser-Großvater-als-Faust-Gemälde im schweren Goldrahmen hängt neben einer Reihe von Basecaps (bis gestern hingen an den Nägeln noch einige meiner Kindergeschmack-Handtaschen), und von der rosa Samtcouch aus – die wurde vom Zimmerübernehmer gern behalten – blickt maus jetzt auf drei Screens (einer zum Glotzen, einer zum Zocken, einer zum Arbeiten). Hinter der Couch türmen sich noch meine Bücherstapel, die dürfen allerdings nicht dauerhaft in meinem Ex-Zimmer bleiben, sie können aber auch noch nicht weg, bis die nächste Etappe im Keller fertiggestellt ist, wohin dann das Vorratsregal zurückgeht, womit im »Verlagsbereich« – eine Art offenes Zimmer oder Flur oben – der nötige Platz frei wird. Interessant: In Windeseile habe ich jetzt geschafft, was ich mir vorher zwei Jahre lang vorgenommen hatte: das zweite gesichtslose Regal neben das erste zu stellen und so endlich ein zentrales Lager für Bücher und Postkarten zu haben.</p><p>Für Menschen, die in Wohnungen oder Häuser ziehen und dann gleich am Anfang alles fertig einrichten, wäre unsere neue Wohnsituation vermutlich ein Alptraum, aber ich mag es tatsächlich sogar. Die Zimmer- und Besitzgrenzen fließen, aber irgendwie findet jede*r Mensch und Katz dabei genügend Raum, um klarzukommen. (Zumindest Stand heute.) Ungefähr so würde meiner Vorstellung nach auch die Welt aussehen, in der alle Menschen sicher und würdevoll leben könnten. Es wäre schon ein bisschen enger als für viele Bestgestellte jetzt, aber es wäre total okay, und Menschen würden sich ganz von selbst auch mehr in Verbindung miteinander fühlen.</p><p>Dies war meine instantane kleine Alltagsutopie. Vielleicht auch ein nützlicheres Bild als das von »Belastungssignalen«, das der Herr Bundespräsident zeitnah zum Tag der Deutschen Einheit benutzt hat. Würden westliche Regierungen ihre Verantwortung hinsichtlich von Industrialisierungs- und Kolonialismusfolgen begreifen und anerkennen, wüssten sie, dass es allein ihr Job ist, Bundes-, Landes- und Kommunalebene zusammenzudenken und top zu organisieren, dass Menschen, die ihr Recht auf Asyl verwirklichen, menschenwürdig behandelt werden und von Nazis unter keinen Umständen als Belästigung weißer Deutscher objektifiziert werden können. »Belastungssignal« klingt dabei so unaufgeregt, so sachlich, so angemessen im Ton – ganz so, wie es kultivierte Bestimm-Menschen immer fordern, aber es ist ein absolut fürchterlicher, Menschen versachlichender Begriff. War da nicht schon mal was in der deutschen Geschichte?</p><p>*</p><p><em>Sad: </em>Eure Chance auf kostenlos lesbare Tasmanische-Teufel-Fiktion ist nun offiziell ungenutzt verstrichen, ihr werdet es noch sehr bedauern, wenn ich sie demnächst als Hardcover für 1.099,00 EUR veröffentliche. Die knapp zehn Abonnent*innen, die sich für TTF ausgesprochen haben, bekommen dann ein Gratis-PDF.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Altes: Cringe Menschen-Inszenierungen in Homestorys von Designzeitschriften</h2><p>Vielleicht ist folgendes Thema nur für mich alt und noch nirgendwo beschrieben,– ich bin zu gleichgültig, um es zu recherchieren.</p><p>In einer meiner Schreibtischschubladen habe ich seit vielen Jahren ein liniertes Heft in einem rosa Plastikumschlag liegen. Darin eingeklebt finden sich aus Zeitschriften ausgerissene Fotos. Sie zeigen Menschen, deren Wohnungen oder Häuser in Design- oder Architekturmagazinen präsentiert wurden. Es scheint journalistisches Gesetz zu sein, dass auch ein Foto der Menschen zu den Wohnungen in jede dieser Strecken gehört, im Falle von Promis gern auch so viele Fotos wie möglich. Ganz selten fehlt dieses People-Foto, ich bin ziemlich sicher, dass in diesen Fällen Menschen so fotoneurotisch wie ich gewesen sind. Aber auch fotopositive Menschen sehen auf diesen Bildern selten gut aus, und ich meine nicht körperliche Schönheit, sondern den Vibe. Diese Fotos von Menschen in ihren tollen Wohnungen sind meist unnötig klischeehaft, es gibt regelrechte absurde Genres.</p><p>Ich habe die Gesichter der dargestellten Personen einigermaßen unkenntlich gemacht, denn ich führe ja nicht gern Menschen vor, sondern fragwürdige Kulturtechniken. Heute mache ich euch einführend mit dem Genre »Trotz meiner Superreichen-Immobilie bin ich total locker drauf ...« bekannt:</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/eb9aa39c-7373-4b31-b5be-76d1871054f5/uploads/images/5lokj7hdkz/IMG_2378.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Familie vor englischem Townhouse, Eltern in Abendkleidung, Kinder im Pyjama"/><p><em>»Trotz meiner Superreichen-Immobilie bin ich total locker drauf und setze mich im Kreis meiner Lieben auch mal im maßgeschneiderten Smoking auf die Haustreppe.</em></p><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/eb9aa39c-7373-4b31-b5be-76d1871054f5/uploads/images/oh5exqy5uz/IMG_2380.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Familie spielt auf Rasen Fußball"/><p><em>»Trotz meiner Superreichen-Immobilie bin ich total locker drauf und spiele mit meinem Kind Fußball wie ein ganz gewöhnlicher Oligarch, während die Körpersprache meiner Frau im Hintergrund nicht verhehlen kann, dass sie das noch nie zuvor erlebt hat.«</em></p><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/eb9aa39c-7373-4b31-b5be-76d1871054f5/uploads/images/pawx3sgq6e/IMG_2375.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Zwei Personen mit kurzen Haaren mit zwei Hunden, am Boden sitzend"/><p><em>»Trotz meiner Superreichen-Immobilie bin ich total locker drauf und sitze mit meiner Partnerperson und den Hunden gern auch mal einfach auf dem Boden.«</em></p><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/eb9aa39c-7373-4b31-b5be-76d1871054f5/uploads/images/m4ouhacz2l/IMG_2370.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Person mit halblangen Haaren in weißem Kleid lehnt locker am Türrahmen"/><p><em>»Trotz meiner Superreichen-Immobilie bin ich total locker drauf, so locker, dass ich eigentlich Vollzeit damit beschäftigt bin, locker rüberzukommen.</em></p><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/eb9aa39c-7373-4b31-b5be-76d1871054f5/uploads/images/cozilcg54y/IMG_2372.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Person balanciert auf Mauer"/><p><em>»Trotz meiner Superreichen-Immobilie bin ich total locker drauf und binde mir gern mal einen lustigen Schal um, damit ich beim Balancieren auf einer Mauer ganz sicher wie der absolute Keck aussehe.«</em></p><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/eb9aa39c-7373-4b31-b5be-76d1871054f5/uploads/images/vqu45isptw/IMG_2369.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><em>»Trotz meiner Superreichen-Immobilie bin ich total locker drauf, zumindest im Vergleich zu meiner Einrichtung.«</em></p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Neues: Social-Media-Retro und Social-Media-Nostalgie</h2><p>Ein Thema, über das ich gut ein Buch oder einen Essay schreiben könnte, aber dies wird eine andere Person tun, die näher bekannt, besser befreundet ist mit Menschen, die solche Bücher oder Essays in Auftrag geben, ist »Social-Media-Retro« und »Social-Media-Nostalgie«.</p><p>Als passionierte Medienbeobachterin liebe ich es, auf Bluesky (wer noch nicht kennt, das ist eine Social-Media-Plattform, die ziemlich exakt Twitter früher kopiert) dabei zuzusehen, wie andere Ex-Twitter-Menschen sich wie wiedergeborene Fischlein im Wasser tummeln. Ich liebe es, dass auf Bluesky Menschen wieder so ein Urtwitter-Gefühl ausrufen, so wie eine andere Gruppe zuletzt 2022 auf Mastodon. Ich liebe es, dass auf Bluesky Menschen in Minute eins Mastodon dissen, so wie ganz früher auf Twitter Facebook und früher auf Mastodon Twitter. Ich liebe es, dass auf Bluesky Menschen im Oktober 2023 so triumphierend über ihre Ankunft auf der Plattform schreiben, als würden sie erwarten, dass ihr Verlassen von X vor fünf Minuten als revolutionärer Akt zu feiern ist. Ich liebe es, dass auf Bluesky Menschen von ihren steigenden Followzahlen schwärmen und andere in Nonmentions darüber lästern. Ich liebe es, dass auf Bluesky jetzt wieder Generationen jüngerer User_innen Skeets schreiben, die schon als Tweets von mehreren Generationen wieder und wieder geschrieben wurden – diese Kürzestexte sind immer wieder poetisch und berühren immer wieder neue Menschen. All das sind für mich »unbewusste Memes«, so nenne ich Inhalte, die sich im Internet seriell reproduzieren, ohne dass dies den Produzierenden bewusst ist, was auf Beobachtende potenziell absurd und unterhaltsam wirken kann.</p><p>Ich liebe auch, dass auf Bluesky Diskurstwitter und Liebtwitter noch für eine kurze Weile friedlich koexistieren dürfen und manche Menschen sich sogar herausnehmen, Elemente aus beiden Sphären zu leben. Ich liebe es, dass auf Bluesky zu sehen ist, wie sich Keinenschimmerhaben von Plattformen und Allzugutwissen, wie eine Plattform funktioniert, irgendwie performativ ähnlich sind. [Hier würde im Buch mein Exkurs über den Marionettentheater-Aufsatz von Kleist kommen.]</p><p>Ich stelle fest, dass bei Bluesky von Anfang an glasklar erkennbar ist, dass es falsch und auch, was falsch ist (Tech-Dudes im Kapitalismus machen, was Tech-Dudes im Kapitalismus machen, V2), und dieses Erkennen trotzdem egal ist, weil Menschen sich einfach lieber kurz wie im Himmel fühlen, als langwierig Demokratie und Leben auf der Erde zu gestalten.</p><p>Ich habe ja keinen Bock mehr auf Erklären, und ihr wisst eh, und ich weiß es, dass es gut wäre, diese heimelige Social-Media-Retro-Plattform und ihre kuschelige Social-Media-Nostalgie nur in kleinen Dosen zu genießen und auch im Bewusstsein, eher ein anregendes Genussmittel als Vitamine zu konsumieren. (Das ist ja auch meine grundsätzliche Empfehlung für den Umgang mit Retro.)</p><p>Es ist immer noch nicht zu spät, soziale Medien so zu gestalten, dass Menschen sich damit den Originalitäts- und Geniequatsch abgewöhnen, sich gegenseitig informieren <em>und</em> emotional stützen, Gemeinsinn erleben und trainieren, für alle zugänglich demokratiestärkend publizieren. Menschen tun es nur nicht konsequent genug, unter anderem, weil Plattformen bislang entweder evil oder für sprunghafte Geister zu öde sind. Es war ja kein Zufall, dass auf Twitter auffallend oft Menschen mit ADHS besonders intensiv und wirkungsvoll performten – für sie und ihre Leser_innen auch eine Art von Himmel. Kein Wunder, dass Bluesky sich für Viele wie eine Wiedergeburt anfühlt.</p><p>Das Fediverse hat bei den echten Twitterjunkies nicht so gekickt, auch mir ist da nach Anfangseuphorie schnell etwas langweilig geworden. Bluesky ballert, aber soll ich mich wirklich darüber freuen, endlich wieder Suchtverhalten zu spüren? Ich bin ja schon fast ein Jahr weg von Twitter und war längst durch mit dem Entzug. Sachlich betrachtet, wäre es also viel sinnvoller, Energie ins Fediverse zu investieren, um das, was vielleicht nicht mehr »das Haus des Herrn«, sondern das Haus aller sein könnte, im positiven Sinne aufregender zu gestalten; also geht da bitte nicht weg oder sogar noch hin. Gönnt euch trotzdem gern den Himmel, als Add-on, und behaltet im Auge: Er ist nicht real.</p><p>Hier ein Skeet für die, die da nicht sind.</p><p>»Vielleicht ist das hier auch eine <em>Black Mirror-</em>Folge, in der die ehemaligen User*innen eines Netzwerks denken, dass es mit der ziemlich exakten Kopie dieses Mal komplett anders laufen würde, als wäre Kapitalismus nicht mehr Kapitalismus.«</p><p>Wir haben jetzt – These – den Moment erreicht, wo sich unsere Leben im Digitalen wirklich fiktionalisieren aka Fiktionen instantan gelebt werden – ein Thema, über das ich gut ein Buch oder einen Essay schreiben könnte, aber dies wird eine andere Person tun, die näher bekannt, besser befreundet ist mit Menschen, die solche Bücher oder Essays in Auftrag geben.</p><p>Ganz persönlich liebe ich es, auf Bluesky Hashtags zu benutzen, die, weil es aktuell gar keine entsprechende Funktion gibt, noch Unsinnspoesie sind, sich aber vielleicht rückwirkend in ein Werkzeug verwandeln werden. (Über so etwas kann ich mich wie Bolle freuen.)</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Geborgtes: Ein Zitat</h2><blockquote><p>»Sag mir also nicht, dass du keine Farbe siehst. Sag denjenigen, die mich nicht hier sehen wollen, dass ihre Meinung nicht toleriert wird!«</p><p></p><p>– Sibel Schick, <a href="https://www.fischerverlage.de/buch/sibel-schick-weissen-feminismus-canceln-9783103975499">Weißen Feminismus canceln</a><em>,</em> 30</p></blockquote><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/eb9aa39c-7373-4b31-b5be-76d1871054f5/uploads/images/jyyhomse5r/IMG_2154.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Das Buch &quot;Weißen Feminismus canceln&quot;"/><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Unheimliches: Queeren-Hass in sozialen Medien</h2><p>Eine meiner größten Freuden in sozialen Medien ist es, queeren Menschen beim Glücklicherwerden zuzusehen. Wie Kontexte geändert, Zugehörigkeiten hinterfragt, Körper geformt, Kleider erprobt, Namen und Pronomen bestimmt werden, bis die Person darin, damit gut leben kann. Menschen leuchten auf und beginnen zu glitzern.</p><p>Es geht nicht in meinen Kopf, dass es die gleichen Anblicke sind, die Faschos dazu bringen, in sozialen Medien Kommentar um Kommentar mit loderndem Hass zu füllen. Es geht nicht in mein Herz. </p><p>Leben ist Werden. Queeren-Hass ist ein unheimlicher Angriff auf das Leben selbst.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Rubrikloses</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/eb9aa39c-7373-4b31-b5be-76d1871054f5/uploads/images/ndnpaiaipr/IMG_2322.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Missmutig blickende, angeleinte Katze"/><p><em>Lebenswirklichkeit von Armen, Behinderten, BIPoC, Frauen, Queeren im patriarchalen Kapitalismus</em></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/eb9aa39c-7373-4b31-b5be-76d1871054f5/uploads/images/qvit2qbvou/IMG_2320.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Sich frei bewegende, herrschaftlich blickende Katze, im Hintergrund sieht die angeleinte Katze vom vorigen Bild durch einen Schlitz in der Holztrennwand von der Nachbarterrasse rüber"/><p><em>Lebenswirklichkeit von Patriarchen und Pick-me-Marginalisierten (für Letztere nur temporär)</em></p><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/eb9aa39c-7373-4b31-b5be-76d1871054f5/uploads/images/eflcadxtbk/IMG_2307.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Dies ist nicht das Bild, was ich eigentlich posten wollte, aber ich hatte beim Einkaufen kein Handy dabei. Es gibt bei Netto ein Dosengericht namens »Tote Oma«, hier ein Screenshot vom Bild zum Rezept. Bestimmt kennen das jetzt ein paar von euch von früher und finden das deshalb erst mal nicht so schlimm. (Gewohnheit relativiert.) Ich kannte es nicht, deshalb reagiere ich auf »Tote Oma«, wie es sachlich angemessen ist.</p><p>wtf.</p><p>»Tote Oma« für ein matschig aussehendes Essen ist so misogyn wie »Schwiegermuttersitz« als scherzhafte Bezeichnung für einen Kaktus, nur dass bei »Tote Oma« zusätzlich noch eine Prise Femizid mit in den Topf und die Dose kommt.</p><p>Falls ihr das Gericht gern esst, kein Problem, aber nennt es ab jetzt bitte »Patriarchale Scheiße«. Und der Kaktus heißt bei Nichtarschgeigen schon immer Goldkugelkaktus oder, jebildet, Echinocactus grusonii. Sprache schafft Wirklichkeiten.</p><p>Diese eingedosten Feldküchen-Suppen in ostalgisch nationalistischer Gestaltung aka mit starkem Fascho-Vibe, Foto in der nächsten Folge, würde ich ohnehin am liebsten sofort ganz aus dem Sortiment verschwinden lassen. Anscheinend gilt auch: Der Mensch isst, was er ist.</p><hr aria-hidden="true"/><p>Kleine Beobachtung für die medizinische Forschung, weil ich Social Media von wirklich vielen Einzelpersonen verfolge: Menschen, die Endometriose haben, haben oft auch ADHS. Ich möchte aber den Medizinnobelpreis für meine Entdeckung gegen den Literaturnobelpreis tauschen, ok? Danke.</p><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/eb9aa39c-7373-4b31-b5be-76d1871054f5/uploads/images/kzbfljqrxy/Lady_with_an_Ermine_-_Leonardo_da_Vinci_-_Google_Art_Project.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Dürers &quot;Dame mit Hermelin&quot;"/><p><em>Bester historischer Cat Content,– damals hatte halt noch nicht jede_r eine Katze in der Realität gesehen.</em></p><hr aria-hidden="true"/><h2>Präraffaelitische Girls erklären</h2><p>Diese Woche war meine Impulskontrolle defekt und ich habe zwei Girlssplainings instantan ins Netz geballert, obwohl sie ja offiziell immer zuerst hier erscheinen sollten.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/eb9aa39c-7373-4b31-b5be-76d1871054f5/uploads/images/kg26k5lvhu/fv_pg_btd_br%C3%BCckentage.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Zwei Personen mit langen Haaren in historisierenden Kleidern mit Büchern auf einer Couch. Hinzugefügter Text: Warum sollten sie sich über Brückentage freuen, wenn die Brücke von menschenfressender Kapitalismus nach menschenfressender Kapitalismus führte."/><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/eb9aa39c-7373-4b31-b5be-76d1871054f5/uploads/images/vovryry4gn/fv_pg_btd_phantomgl%C3%BCck.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Drei musizierende menschliche Figuren mit langen Haaren, in historisierenden Gewändern. Hinzugefügter Text: Mastodon war der Phantomschmerz von Twitter,   Bluesky das Phantomglück."/><hr aria-hidden="true"/><p><em>Jetzt noch ein unpubliziertes.</em></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/eb9aa39c-7373-4b31-b5be-76d1871054f5/uploads/images/7bpuxnuds5/fv_pg_btd_playlist.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Gemäldeausschnit. Zwei Personen in historisierenden Gewändern. Hinzugefügter Text: Wenn du es wirklich wissen möchtest, kannst du am Blick erkennen, ob andere Personen gerade Interesse an deiner neuen Playlist haben. Oder, ganz krass, du fragst vorher."/><hr aria-hidden="true"/><p>Zurück zu den Playlistern, wir sehen uns nächste Woche. Seid lieb, nur nicht zu Nazis. </p><p><em>XOXO,<br/>FrauFrohmann</em></p><hr aria-hidden="true"/><p>Ich freue mich, wenn ihr für 6,66 EUR im Monat ein <a href="https://steadyhq.com/de/newfrohmanntic/about">Bezahlabo</a> abschließt oder über <a href="https://paypal.me/pgexplaining?country.x=DE&amp;locale.x=de_DE">Paypalme</a> einmalig etwas zahlt. Wer wenig Geld hat, liest bitte allezeit mit bestem Gewissen kostenlos mit.</p><p></p><p>#Homestorys #MisogyneWarenwelt #PräraffaelitischeGirlsErklären #SibelSchick #SocialMediaRetro #SocialMediaNostalgie #SocialMediaNostalgia #UnbewussteMemes #UnheimlicherQueerenHass #WeißenFeminismusCanceln</p><p></p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Wed, 04 Oct 2023 14:37:57 +0000</pubDate>
    </item>
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      <title><![CDATA[Folge 94]]></title>
      <description><![CDATA[Das Römische Reich / Autoaus / Ein Zitat von Deniz Utlu / Wokes Ghosting / Weirde Waren / PGExplaining]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/118f0976-5028-4e39-b3ab-bc7cc30c70c8/uploads/images/2o7spqe2h5/nf94_cover.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Pokemon-Figur-Silhouette"/><p></p><hr aria-hidden="true"/><h2>Vorweg</h2><p>Das Interesse an Tasmanische-Teufel-Sanctuary-Fiktion ist bisher überschaubar. Nur drei von zehn notwendigen Stimmen erreicht. Ihr habt ganz offensichtlich kein Herz.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Altes: Das Römische Reich</h2><p>Letzte Woche fragte ich meinen Sohn, ob er gerade mit seiner Ex viel Kontakt habe, und er meinte: »Nicht so, aber sie hat mich gestern angerufen und gefragt, wie oft ich an das Römische Reich denke. Ich habe gesagt: so ungefähr dreimal die Woche und sie hat sich totgelacht und gemeint: Was geht mit dir?« </p><p>Als ich mich dann einen Tag später selbst mit der Ex meines Sohnes traf, wir haben uns angefreundet, fragte ich sie ebenfalls nach dem aktuellen Kontaktstand. Sie meinte: »Nicht so viel, aber gestern habe ich ihn angerufen und gefragt, wie oft er an das Römische Reich denkt. Er so wie aus der Pistole geschossen: ungefähr dreimal die Woche.« – Zweistimmiges Lachen, weil wir beide so gut wie nie an das Römische Reich denken und schon die Frage abstrus finden. Sie erzählte mir daraufhin, dass das mit dem Römischen Reich ein Tiktok-Meme sei. (Mittlerweile gibt es dazu auch einen <a href="https://taz.de/Meme-ueber-Maenner-und-das-Roemische-Reich/!5958474/">taz-Artikel</a>.) In dem Meme geht es darum, wie Menschen, die keine cis Männer sind, es kaum fassen können, dass ihnen nahestehende cis Männer auf Nachfrage ganz selbstverständlich angeben, oft an das Römische Reich zu denken, meist folgen konkrete Zahlenangaben. Als ich später an dem Abend heimging, fragte ich zuhause meinen Mann: »Wie oft denkst du an das Römische Reich?« Er: »Schon so ungefähr zehnmal im Monat.«</p><p>Okay, Menschen haben mich ungefähr tausend Stunden meines Lebens mit leeren Debatten über Gendersternchen vom Leben abgehalten, während die meisten cis Männer, ohne dass jemaus davon wusste, quasi ununterbrochen an das Römische Reich denken? Das muss meines Erachtens gar nicht inhaltlich interpretiert werden, es ist irrelevant, ob und welche Masku-Phantasien dahinter stecken. Das kann von mir aus auch ganz unschuldig sein, es ist nur einfach KOMPLETT absurd. Ich habe seitdem einen Realitätsriss. Vielleicht haben »wir« in Wirklichkeit ganz andere Probleme, als »wir« jemals gedacht haben.</p><p>Morgen frage ich mal random cis Männer: Wann hat deine Mutter Geburtstag?</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Neues: Kein Auto vor der Tür</h2><p>Vor einigen Wochen verkauften wir unser letztes Auto im Leben. Es war schon lange beschlossene Sache, dass unser altes Familienauto, wenn es nicht mehr durch den TÜV geht, nicht ersetzt werden würde. Ab und zu ein Leihauto für Touren zum Baumarkt und etwa einmal im Quartal ein Taxi für spätnächtliches Heimkommen würden es auch tun. Ansonsten fahren wir alle Rad, Öffis und Zug, ich auch noch ganz gern Fernbus. Einen Führerschein habe ich eh nicht, aber profitierte doch bislang ab zu davon, im Regen mal eben schnell mit dem Auto zur S-Bahn gebracht zu werden.</p><p>Es hat gar nicht wehgetan. Statt eines Großeinkaufs gibt es nun pro Woche zwei, drei kleinere Einkäufe mit dem Rad. Wenn ich mal zu spät für eine mehrtägige Reise dran bin, fahre ich mit dem Rad zur S-Bahn und bitte meinen Sohn, es spätestens nachts heimzuholen.</p><p>Praktischerweise reicht MILES jetzt auch endlich bis zu uns, an den Arsch der Welt von Berlin. Dass es irgendwie ganz nett ist, beim Leihen verschiedene neue Autos ausprobieren zu können, stellte mein Mann schon vor einer Weile fest.</p><p>Es war ein krasser Anblick, auf einmal kein Auto mehr vor der Tür stehen zu haben. Natürlich musste der autosüchtige Nachbar aber in Minute eins erstmal direkt den frei gewordenen Parkplatz entern, er ist wirklich mit Mercedes-Cap auf der Glatze extra in seinen Mercedes gestiegen und hat diesen umgesetzt. So ein komplett unverstelltes Reviermarkieren finde ich ja schon fast wieder rührend.</p><p>Aber am nächsten Morgen, als die ordentlichen Menschen in ihren ordentlichen Autos zu ihren ordentlichen Jobs gefahren sind, war danach wirklich alles autoleer. Soweit ich vom Grundstück aus blicken konnte, war kein Auto zu sehen. Dieser Anblick und das Gefühl, das er in mir erzeugte, war komplett neu für mich. Ich habe immer in einer Autozeit gelebt und wurde als Kind so sozialisiert, dass es allein meine Verantwortung ist, mich nicht überfahren zu lassen und es als schicksalhaftes Glück zu empfinden, wenn eine Katze mal älter als fünf Jahre wurde.</p><p>Wegen einer Baustelle ist die Straße hier seit fast zwei Jahren Einbahnstraße, also extrem verkehrsberuhigt. Kinder malen mit Kreide Bilder auf die Straße, es ist wie im Himmel. Nein, es war. Die Baustelle ist letzte Woche ein Stück weitergezogen, und jetzt brettern wieder Autos durch. Ich hoffe, die Kreidekinder und meine kluge Katze verstehen, dass ihre Leben nun nachrangig zu beurteilen sind.</p><p>(Private Autos raus aus der Stadt. Natürlich Ausnahmen für Menschen, die ohne Auto nicht klarkommen können. Ich meine nicht Ulf.)</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Geborgtes: Ein Zitat</h2><blockquote><p>»Viele Jahre später las ich nachts <em>Das Kapital. </em>Manchmal war ich dabei auch angetrunken, wenn ich vorher ausgegangen war, oder einfach übermüdet. Ich saß an meinem Schreibtisch mit dem dicken blauen Buch und dachte: Es ist nicht schwer. Es sind Worte, wenn du jedes Wort in einem Satz verstehst, wirst du auch den Satz begreifen, wenn du die Sätze in einem Absatz verstanden hast, durchdringst du eine Sinneinheit. Ganz gleich, wie kompliziert ein Gedanke ist, wie unbekannt ein Wort, wie viele Seiten ein Text hat, wenn du so vorgehst, ganz bei dir bist, dich nicht hetzen lässt – da ist ja die ganze Nacht, da sind viele ganze Nächte – gibt es nichts, keinen einzigen Text, der jemals verfasst worden ist, den du nicht verstehen wirst.«</p><p></p><p>– <a href="https://www.suhrkamp.de/buch/deniz-utlu-vaters-meer-t-9783518431443">Deniz Utlu, Vaters Meer</a>, S. 33</p></blockquote><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/118f0976-5028-4e39-b3ab-bc7cc30c70c8/uploads/images/naakydkdxp/IMG_2248.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Das Buch &quot;Vaters Meer&quot;"/><p>– Bücher, aus denen im <em>NewFrohmanntic</em> zitiert wird, sind Bücher, die ich sehr zur Lektüre empfehle.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Unheimliches: Wokes Ghosting</h2><p>Ein unter Linken boomendes Phänomen, das Rechten die Lach- und Freudentränen in die Augen treiben muss – es gibt leider unglaublich viele solcher Phänomene –, ist wokes Ghosting. Damit meine ich, dass gestandene Streiter*innen für Menschenrechte schlagartig aufhören, sachlich richtige und wichtige Anliegen anderer in Büchern oder Vorträgen zu zitieren und in sozialen Medien zu unterstützen, sobald es persönlichen Krach oder auch nur Unmut gegeben hat. Gestern noch Schulter an Schulter gegen soziale Ungerechtigkeit, heute radikales Unsichtbarmachen der Arbeit der anderen Person. Als würden Denker*innen sich schlagartig in Richard David Precht verwandeln, sobald sie eine*n privat enttäuschen. Gestern noch alles geherzt, geteilt und emojireich kommentiert, heute eisiges Schweigen. Um sich aggressiv nicht zu zitieren, braucht es keine Professur. Rechte Trolle sind also im Grunde gar nicht notwendig, um die politische Linke zu vereinzeln.</p><p>Wie oft sich Menschen, die sich übers Netz kennengelernt und sehr angefreundet haben, später komplett over the top überwerfen und danach ghosten, sehe ich ohnehin mit wachsendem Entsetzen. War nicht mal der Plan, im Netz Strukturen zu bilden, die sich von coolem Pausenhof-Mobbing unterscheiden?</p><p>Aktuell sehe ich aber nur, wie sich neue coole Cliquen bilden, die auf andere sich neu bildende coole Cliquen schimpfen, während unabhängigere Strukturen den Bach runtergehen. Nazis machen es sich derweil in aller Ruhe gemütlich. Ja, das Private ist politisch, aber das Politische sollte dringend weniger kleinlich persönlich werden.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Rubrikloses</h2><p></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/118f0976-5028-4e39-b3ab-bc7cc30c70c8/uploads/images/dka766pg3j/mansplainers_5.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Mansplaining-Meme"/><p><em>Als ich vor ein paar Jahren mal aus Quatsch für die Firma meines Mannes ein Meme mit deren Stockfotos entwickelt habe.</em></p><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/118f0976-5028-4e39-b3ab-bc7cc30c70c8/uploads/images/gnieetx6nc/IMG_1478.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="nstagram-Anzeige für Schmuck"/><p><em>Cindy-Sherman-ohne-Cindy-Sherman-Vibe</em></p><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/118f0976-5028-4e39-b3ab-bc7cc30c70c8/uploads/images/gkw5p34egi/IMG_1568.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="3 Kissen, eines gegen Akne, eines gegen krisseliges Haar, eines gegen Hitze"/><p><em>Wenn sie noch ein Kissen »Gegen Faschismus« rausbringen, kaufe ich.</em></p><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/118f0976-5028-4e39-b3ab-bc7cc30c70c8/uploads/images/lm5pn5ow55/putting%20myself%20first.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><em>Putting myself first leider sofort ausverkauft</em></p><hr aria-hidden="true"/><h2>Präraffaelitische Girls erklären</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/118f0976-5028-4e39-b3ab-bc7cc30c70c8/uploads/images/3xp43povhg/fv_pgd_btd_zivilcourage.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Gemäldeausschnitt. Person mit heller Haut, blauen Augen, roten kurzen Haaren blickt entseelt. Hinzugefügter Text: Tagesaufgabe für Demokratiefans im erstarkenden Faschismus: Sag das Wort »Zivilcourage‹ so lange laut vor dich hin, bis es dir keine Angst mehr macht."/><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/118f0976-5028-4e39-b3ab-bc7cc30c70c8/uploads/images/fgyquf6sjs/fv_pg_btd_%C3%A4sthetik.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Ritter zu Pferd, umringt von Burgfräuleins zu Fuß. Hinzugefügter Text: Machtmissbrauch soll negative Konsequenzen haben? Für mich? Das ist nicht mehr mein Rock’n’Roll …"/><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/118f0976-5028-4e39-b3ab-bc7cc30c70c8/uploads/images/g4pku5a5kk/fv_pgd_btd_demokratie-schnelltest.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Blond gelockte weiße Person in historisierendem Gewand: Hinzugefügter Text: Demokratie-schnelltest: Wirst du ganz persönlich auf etwas Komfort verzichten, damit alle Menschen sicher und würdevoll leben können?"/><hr aria-hidden="true"/><p>Zurück zum Komfort, wir sehen uns nächste Woche. Seid lieb, nur nicht zu Nazis. </p><p><em>XOXO,<br/>FrauFrohmann</em></p><hr aria-hidden="true"/><p></p><p>#AutoAus #DasRömischeReich #DemokratieSchnelltest #Deniz Utlu #MeToo #PGExplaining #WeirdeWaren #WokesGhosting #Zivilcourage</p>]]></content:encoded>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/118f0976-5028-4e39-b3ab-bc7cc30c70c8/uploads/images/2o7spqe2h5/nf94_cover.png?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;fm=jpg&amp;crop=faces" medium="image"/>
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      <pubDate>Sun, 24 Sep 2023 20:56:11 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 93]]></title>
      <description><![CDATA[Social-Media-Matschmoment / Komödienstadel / Zitat von Elfriede Gerstl / Der Insta-Tanz von Britney Spears / Flucht von Topical Island? / Teufel im Himmel / PGExplainin]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/56399a6a-4ee3-4d77-99c1-a4ef59f53e7c/uploads/images/lgghlskxmj/nf93_cover.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Andächtig auf einen Punkt außerhalb des Bildes hinblickendes Kind, es ist so unter einer Decke, auf einem Sessel eingehüllt, dass es wie ein Fabelwesen aussieht"/><hr aria-hidden="true"/><h2>Vorweg</h2><p>Fun fact: In einem der etwas weniger überfließenden, mehr organisierteren Momente meines Lebens habe ich einen Ordner namens »Redaktionsplan NewFrohmanntic« angelegt. Darin stehen ziemlich viele gute Themen, aber jedes Mal, wenn ich nachsehe, welches davon ich für die kommende Folge bearbeiten könnte, sagt mein Gehirn: Nein, ich möchte viel lieber über nicht im Ordner stehendes Thema 1, 2, 3, 100 schreiben. Ich sage dann: OK, Gehirn, kann mir ja egal sein, solange es läuft. – Vielleicht hinterlasse ich also irgendwann einen Ordner mit Themen, das wäre eigentlich ganz passend.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Altes (in neuen Medien): Der Matschmoment</h2><p>Das heutige Thema schließt teilweise an Gedanken zu Social Media Blobs in früheren Folgen an, aber vom Matschmoment betroffen sind nicht nur Blobs – da nannte ich das »Blob-Implosion« –, sondern auch subtiler influencende narzisstische Personen.</p><p>Was ist der Matschmoment? Von einem Matschmoment spreche ich, wenn einer sonst bewundernswert bis abscheulich kontrolliert postenden Person komplett die Gäule durchgehen und dann für einen Moment, seltener für eine Weile ein Post öffentlich sichtbar wird, der zweifelsfrei erkennen lässt, was für eine manipulative Person da am Werk ist. Vergessen die Marke, die Performanz, die Story – ziemlich monströs erscheint plötzlich die Person hinter der persona. I LOVE IT.</p><p>Um kurz die Koordinaten zu klären: Alle Influencer*innen, auch so mikroskopische wie ich, haben natürlich ein Talent zur Manipulation, die Frage ist nur, wie sie damit umgehen. Ich persönlich versuche, Menschen immer mitzuerklären, wie und warum ich ihnen mit den PGExplaining suggestiv wirkende Phantom-Memes präsentiere. Dafür habe ich den Begriff »performative Aufklärung« geprägt, er wird im ersten Buch Girls erklärt:</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/56399a6a-4ee3-4d77-99c1-a4ef59f53e7c/uploads/images/hmbcfmrjhx/fv_pgi_d_sm_performative%20aufkl%C3%A4rung_screenshot%20aus%20buch.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="»Performative Aufklärung ist das Versetzen von Menschen in Situationen, in denen sie angstfrei ›am eigenen Leib‹ Erfahrungen mit Phänomenen machen können, die ihnen oder allen Menschen noch oder grundsätzlich rational unbegreiflich sind.«"/><p>Mein Anliegen dabei ist es, ohne direktes Gespräch mit Menschen für sie intellektuell und oft auch emotional schwer zugängliche Zusammenhänge einfacher annehm- und verdaubar zu machen, ohne inhaltlich etwas zu verflachen. Also ein bisschen wie ein auf einem Zuckerstück verabreichter Impfstoff, aber keine Globuli, kein Placebo und schon gar kein heimlich verabreichtes Gift.</p><p>Ein heimlich verabreichtes Gift bekommen Menschen von Social-Media-Blobs und narzisstischen Personen: Dieses Gift, es ist eine Droge, heißt wie die Person selbst: Diese Droge bekommt niemals nur eine einzelne Person, denn Blobs und Narzisst*innen brauchen kein Gegenüber, sondern Publikum: viele, letztlich komplett austauschbare Menschen, manchmal gleichzeitig, manchmal nacheinander. Die Manipulierten werden mit der inszenierten Großartigkeit der manipulierenden Person gedruggt, sollen ohne sie fortan nicht mehr auskommen können. Die Großartigkeit kann künstlerisch, sozial, ethisch, ach, eigentlich alles sein. Nur echt ist sie nicht, nicht ganz, nicht mal annähernd, gar nicht. Aber für die gedruggten Personen kann es sich zunächst so anfühlen, als hätten sie ein tausendblättriges Kleeblatt gefunden.</p><p>Noch mal die Warnung: Wenn Menschen zu gut, um wahr zu sein, wirken, sind sie nicht wahr. Wirklich tolle Menschen bleiben <em>immer</em> diesseits der Grenze, hinter der es irgendwie komisch, merkwürdig, unreal wird. These: Ohne Romantikgewöhnung würden solche narzisstischen Las-Vegas-Shows im Nullkommanichts durchschaut und abgewehrt.</p><p>Jetzt zum spaßigen Teil. Matschmomente. Beispiele, die ich beobachtet und gescreenshottet habe. Minimal von mir verändert, so dass nicht suchbar. Finde gern die unsüße Maus, aber sag es bitte nicht laut.</p><ol><li><p>Social-Media-Blob ändert die Twitterbio. Plötzlich steht da etwas, was in der Kombination so grotesk eitel und unethisch ist, dass Lesemaus sich die Augen reiben muss. »Cuter Todesengel« war es nicht, aber weit davon entfernt war es auch nicht.</p></li><li><p>Narzisstischer Prof postet – 100 % auf Koks – Tweet mit Möchtegern-Kafka-Sound. Darüber, wie nach seinem Tod all die Chatverläufe gefunden werden, in denen er unterschiedliche Damen manipuliert hat.</p></li><li><p>Powerfeministische Litfluencerin postet sexy Fotografen-Fotos von sich (bis hierhin kein Problem). Die Wahl des mit Leder und nackter Haut kombinierten Bücherstapels folgt aber ganz augenscheinlich nicht inhaltlichen Kriterien, denn ein fürchterliches Buch mit extrem reißerischen Gewaltdarstellungen ist darunter.</p></li></ol><p>Sternstunden des Internets. ROFL LOL. Das Internet kann gern was vergessen, denn ich vergesse nichts. Nur alles, was ich mir merken sollte.</p><p>– Ihr könnt auch wieder ROFL LOL sagen, das ist Weimarer Internetklassik, Schiller und Goethe. –</p><p>Transparenz: Ich habe euch dahingehend manipuliert, euch weniger einlullen und verarschen zu lassen. Auch nicht von mir, falls ich es mal versuchen sollte.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Neues: Mein Leben im Komödienstadel</h2><p>Das Zusammenleben mit erwachsenen Kindern in Berlin, eines noch daheim, eines ab und zu vorbeikommend, fühlt sich oft wie eine Netflix-Serie an. Das ist schon eine Weile so und gefällt mir ganz gut, außer, wenn es zu wüst wird wie in der Staffel namens <em>Vier Wochen</em> vom letzten Jahr. (Ich habe aber viel Feedback bekommen, dass ihr diese Staffel besonders lustig fandet, schön für euch.)</p><p>Neu in meinem Leben ist, dass sich das Zwischendurch-Zusammenleben mit meiner Mutter – alle drei Monate für fünf Tage im Senior_innenwohnen –anfühlt wie früher <em>Komödienstadel</em> oder ähnliche Volkstheater-Formate im Fernsehen, die nur angesehen wurden, weil es einfach nichts anderes gab.</p><p>Mit meiner Mutter ist es jetzt insofern die ganze Zeit <em>Komödienstadel,</em> als der beschränkte Raum dreier Hochhäuser und eines Innenhofs mit Lädchen, Caféchen, ein bisschen Gras und Blumengedöns per se zum Kammerspiel einlädt und für meine saupreissischen Ohren das dominierende Bayerisch Volkstümlichkeit beiträgt. (Meine Mutter ist tatsächlich in München geboren, sprach aber in meiner Kindheit in Hessen nur am Telefon mit ihrer Mutter Bayerisch.) Außerdem ist unser Zusammensein ein einziges Rumwitzeln, mal miteinander, mal mit anderen draußen an den Bänken oder im Café, unterbrochen von Mikrokonflikten, die aber glücklicherweise so schnell gelöst werden können, dass sie anschließend auch gleich wieder Anlass zum Scherzen bieten. Das ist ziemlich spektakulär, denn so eine wirklich dauerhaft leichte Phase hatten meine Mutter und ich das letzte Mal, als ich jugendlich war und wir zusammen eine Art Galgenhumor-Bastion gegen schwierige Lebensumstände bildeten. Damals machten wir ab und zu Reisen zusammen und amüsierten uns wie Bolle. Die restliche Zeit sind wir auch halbwegs klargekommen, aber es war immer ein bisschen so, als würden wir nicht denselben Raum teilen. Mittlerweile weiß ich mehr über Gehirne und kann konstruktiv damit umgehen, dass meine Mutter Schwierigkeiten hat, ihrer Tochter einen Satz lang zuzuhören. Seit wir beide das wissen, seit es ausgesprochen ist, wird auch darüber gescherzt und ab und zu gesagt: »Halt, huhu, bitte konzentrieren, das ist mir wichtig.«</p><p>Unsere dahin scherzenden Dialoge sind so gut wie nie deep, aber es gibt darin keine Gemeinheit gegenüber Schwächeren, deshalb fühle ich mich wohl damit und verschone meine Mutter auch weitgehend mit Diskurs.</p><p></p><p><strong>Auf dem Weg ins Café</strong></p><p>»So ein Arsch, der grüßt sonst nie, das ist nur, weil du jetzt da bist.«</p><p>»Den fand ich ganz ok, bis er mir im Aufzug erzählt hat, dass er vier Jahre bei der Hitler-Jugend war.«</p><p>»Gestern ist die Feuerwehr gekommen, weil die Dame da drüben Bacon direkt auf der Herdplatte gebraten hat. Sie ist total lieb, aber leider schon etwas dement. Aber ich habe ja auch ›beginnende Demenz‹, haha.«</p><p>»Die da drüben habe ich neulich im Speisesaal nicht gesehen und mit der G. gesprochen und dann hat sie plötzlich von hinten zu mir gesagt: ›Hoit dei Mäu.‹ Also die lade ich nicht ein.«</p><p>»Der da hat neulich zu den zwei Damen aus Berlin gesagt: Also, bei uns in Bayern heißt das ›Grüß Gott‹. Die haben gleich auf dem Absatz kehrt gemacht.«<br/>»Den knöpfe ich mir gleich mal vor.«<br/>»Nein, Christiane, nein!« <br/>»Wenn es so weitergeht, ende ich eh als Terroristin.«<br/>»Kann ich mir gut vorstellen, so radikal, wie du bist.«</p><p></p><p><strong>Im Café</strong></p><p>»Ich darf ja nicht mehr über Essen reden.«<br/>»Doch, Mama, red gern über <em>dein</em> Essen, von mir aus auch einmal vorher und einmal nachher, frag nur bitte <em>mich</em> nicht, was ich übermorgen essen will.«</p><p>»Die da drüben ist auch so gemein zu ihrer Mutter.«<br/>»Was heißt ›auch‹?«<br/>»Also so habe ich das nicht gemeint. Ich traue mich schon gar nicht mehr, irgendwas zu sagen.«<br/>»Ja, klar.«<br/><em>Lachen</em></p><p><em>Kellnerin kommt.</em><br/>»Ihre Tochter ist wie Sie ... eine Dame.« <br/>»Die sollten Sie mal zuhause erleben.«</p><p><em>Kellnerin geht.</em><br/>»Die Oma hat, wenn jemand sagte: ›Ihre Tochter ist so nett‹, immer gesagt: ›Die sollten Sie mal zuhause erleben‹.«<br/>»Aber das hast du doch eben auch gesagt.«<br/>»Habe ich?«<br/><em>Lachen</em><br/></p><p>– Es ist eine sehr gut zur sehr gemischten Gegenwart passende Beruhigung, dass meine Mutter noch mal eine ziemlich gute Zeit erleben darf und auch wir miteinander und ich gleichzeitig denken darf, dass die im Haus bestimmt nicht unterrepräsentierten alten Nazis mit ausreichender Rente, deren Drecksbücher in der Leihbücherei stehen und deren Fröhliche-Diskriminierungs-Lieder beim bunten Nachmittag angestimmt werden, nicht mehr lange haben. Meine Mutter lacht zum Glück mit den Mitarbeiter_innen mit, die manchmal nachts unter ihrem Balkon zusammenstehen und lachend rufen: »Die Ausländer sind an allem schuld, armes Deutschland.« Mit »Ausländer« verweisen sie auf sich selbst, genau wie die Jungs aus der Umgebung, die abends draußen auf den Bänken chillen und – es ist nicht ausgedacht – manchmal fast das Gleiche rufen. Ich schäme mich in solchen Momenten wirklich sehr, dass Menschen in Deutschland in diese Art von Galgenhumor-Bastion getrieben werden. Dahinter ist – kurzer Nebengedanke – dann auch Nichtdeepes oft deep, weil ein anderer Erfahrungsgehalt wirkt.</p><p>Dass maus es mit dem Deutschsein nicht übertreiben muss, habe ich, glaube ich, lange bevor ich irgendwas intellektuell checkte, von meiner Mutter gelernt. Danke, Mama.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Geborgtes: Ein Zitat</h2><blockquote><p>»Leute sammeln ist eine Beschäftigung, die Ihnen keine Freizeit mehr lässt.« – <a href="https://www.droschl.com/buch/mittellange-minis/">Elfriede Gerstl</a></p></blockquote><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Unheimliches: Der Insta-Tanz von Britney Spears</h2><p>Ich folge Britney Spears auf Insta schon lange, obwohl ich nur zwei Songs von ihr mag. Aber die Geschichte dieser Frau ist eine einzige patriarchale Shitshow und so wünsche ich Britney Spears wirklich von Herzen, dass sie noch in diesem Leben verlässliche Menschen findet, genug Liebe bekommt und möglichst lange ungestört in ihrem riesigen Wohnzimmer herumtanzen kann, ohne dass sich irgendwelche Dudes weiter an ihr wie an einem Ding bedienen und bereichern.</p><p>Der Insta-Tanz von Britney Spears findet stets leicht bekleidet statt: im Bikini oder im Bikinislip mit cropped Shirt, in Unterwäsche oder in einem textilarmen Kleid. Der Signature Move ist ein sehr gewagtes lupfendes Zupfen am ohnehin waghalsig sitzenden Slip. Gestern trug Britney einen Fummel, der mich vermuten lässt, dass sie in derselben Sekunde wie ich diese chinesische Website Temu entdeckte, wo maus buchstäblich alles kaufen kann. (Dies ist keine Werbung, lasst es, und ich möchte auch nicht drüber reden, ich habe es einmal getan und werde es nie wieder tun, denn Fast Fashion ist böse und Nachhaltigkeit wichtig. Aber ich werde auch zukünftig Temu-Screenshots für die Rubrik #WeirdeWaren machen, das wird ja wohl noch erlaubt sein.)</p><p>Britneys Insta-Tanz ist an sich also ein für mich ein gewohnter Anblick, ich finde nichts daran bedenklich. Neuerdings aber tut es mir seelisch weh, dabei zuzusehen, denn es ist unübersehbar, dass es Britney mental schlecht geht. Dass Insta-Content auch von anderen Dingen erzählt als den vorgeblichen, ist mir nicht neu, ich habe das schon in Vorträgen über Selfies beschrieben, und es gibt auch ein <a href="https://www.instagram.com/p/CZe0trjMmk5/">Girlssplaining</a> dazu.</p><p>Aber Bewegtbild ist halt Bewegtbild, das ballert heftiger, unvermittelter, denn Evolution möchte das so. Bewegung war mal potenzielle Gefahr, heute fürchten sich Menschen wohl eher vor Bewegung von innen. (Deep.)</p><p>Britneys Krise zeigt sich in ihrem Gesicht, in ihrem Blick, in den ruckartigeren Bewegungen. Plötzlich fühle ich mich als Voyeurin und nicht mehr als gelassene Ally. Aber das ist, glaube ich, ein Denkfehler und auch typisch deutsch. Oh, disruptive Emotionen, das überfordert jetzt meine Erwartungen, fühlt sich etwas unbehaglich an, Hilfe, Bewegung von innen, schnell weg. Dabei braucht Britney mich gerade jetzt, sie braucht meine daily Likes und eine stabile Anzahl daily Likes der anderen 42 Millionen Follower_innen.</p><p>Britney tanzt jeden Tag <strong><em>IT&#39;S BRITNEY</em></strong>, <strong><em>BITCH</em></strong>!, und aktuell tanzt sie eben besonders sichtbar um ihr Leben. Gut, dass sie dieses Ventil, diesen Kanal hat. Und die 42 Millionen, die bestätigen können: <strong><em>IT&#39;S YOU, BRITNEY.</em></strong></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/56399a6a-4ee3-4d77-99c1-a4ef59f53e7c/uploads/images/osguvufmjr/IMG_2167.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Zeichnung mit Britney-Silhouette"/><p>Britney, mir ist also aktuell etwas unheimlich dabei, dir zuzusehen, denn dein Tanz wirkt jetzt wie eine instantane Vorstellung dessen, was das Patriarchat Menschen antut. Dir, mir, allen. Aber das so zu fühlen, ist mein Problem, nicht deines.</p><p>Britney, ich bin da, ich sehe dir zu, ich sehe dich und schicke dir Herzen. Bis es dir besser geht und das Patriarchat schön gebrannt hat.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Rubrikloses</h2><p>Bei meiner Mutter sehe ich ja immer mit fern, und beim Rumzappen saß plötzlich Norbert Bolz in einer Talkshow zum Thema »Lob des alten weißen Mannes«. (Wir erinnern uns: Norbert Bolz habe ich wie gut ein Dutzend andere Rechtsdrehende bereits vor knapp zehn Jahren über ein geheimes Portal auf Twitter für immer in die Dauer-Talkshowsimulation <em>Topical Island</em> geschickt,– wie ist er da wieder rausgekommen?) Bitte, lass das einen Traum gewesen sein, dachte ich. Nein, ich weiß schon.</p><p>Dann habe ich noch ein bisschen durch so journalistisch bodenlose People-Magazine für Ältere geblättert und einen Artikel über Meghan Markle gefunden, wo komplett hasserfüllt deren Ausgaben für Bekleidung aufgelistet wurden. Tenor: wie sie Harry ausnimmt. Mir war danach ganz elend und ich hätte deshalb einen Vorschlag fürs Grundstudium an Journalismus-Hochschulen: eine AG, in der Medieninhalte auf Hatespeech hin ausgewertet und beim Presserat gemeldet werden. Das würde die eigene zukünftige Arbeit besser machen und durch das systematischere Ahnden vielleicht dieses grauenhafte Gehetze entnormalisieren.</p><hr aria-hidden="true"/><p><strong>Realitätsprüfung</strong></p><p>Die Flucht von Menschen nach Europa ist keine »kriegerische Handlung«. Es so zu bezeichnen, ist performativer Faschismus.</p><p>#SpracheSchafftRealität</p><hr aria-hidden="true"/><p>Kommt, wir machen eine Petition und benennen Deutschland um in Menschenland. Menschenland den Menschen!</p><p>#SpracheSchafftRealität</p><hr aria-hidden="true"/><p>Ich möchte aus Self-Care einen autofiktionalen Text schreiben, in dem ich ein Sanctuary für Tasmanische Teufel auf einer geheimen süditalienischen Insel aufbaue. Wenn ich von euch mindestens zehn klare Interessenbekundungen bekomme, dürft ihr mitlesen. Arbeitstitel: Teufel im Himmel. Laser und die Zornotter kommen auch vor.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/56399a6a-4ee3-4d77-99c1-a4ef59f53e7c/uploads/images/q5slh5odls/IMG_2112.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Tasmanischer Teufel"/><p><em>Die Hand ist noch falsch, demnächst dann meine</em></p><hr aria-hidden="true"/><p><strong>PATRIARCHAT</strong><br/><br/>PAART, RAT ICH<br/>PAAR TRAT ICH</p><p>TIARA PRACHT<br/>CIA HART TRAP<br/>APART CAR HIT<br/></p><hr aria-hidden="true"/><h2>Präraffaelitische Girls erklären</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/56399a6a-4ee3-4d77-99c1-a4ef59f53e7c/uploads/images/r64izickry/fv_pg_btd_alternatives%20deutsches%20reich.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Gemäldeausschnitt: Junge Person mit langen Haaren unter Haube. Hinzugefügter Text: Als sie im siebten Jahr des alternativen deutschen Reiches mit 23 ihr siebtes Kind zur Welt gebracht hatte, fragte sie sich doch an manchen Tagen, ob sie nicht vielleicht lieber studiert hätte, aber das war Frauen   ohnehin längst verboten."/><hr aria-hidden="true"/><p>Zurück zu den deutschen Alternativen, wir sehen uns nächste Woche. Seid lieb, nur nicht zu Nazis. </p><p><em>XOXO,<br/>FrauFrohmann</em></p><hr aria-hidden="true"/><p>Empfehlt <em>NewFrohmanntic</em> gern weiter, auch die Bezahlabos; sie ermöglichen dauerhaft, dass Menschen mit wenig Geld kostenlos mitlesen können. Wenn ihr selbst abokritisch seid und lieber einmalig etwas Geld zahlen wollt, geht das in beliebiger Höhe über folgenden Link: <a href="https://www.paypal.com/paypalme/my/profile">paypal.me/pgexplaining</a> – danke in jedem Fall für alles.</p><hr aria-hidden="true"/><p><strong>FrauFrohmanns Begriffe</strong></p><p><em>Matschmoment: </em>Augenblick ungewollter Wahrhaftigkeit, in der für einen Moment, seltener für eine Weile ein Post öffentlich sichtbar wird, der zweifelsfrei erkennen lässt, was für eine manipulative Person am Werk ist</p><p><em>onder: </em>kurz für »und/oder«</p><hr aria-hidden="true"/><p>#ElfriedeGerstl #GesetzeGegenHetze #JournalismusGegenHetze #Komödienstadel #Matschmoment #MenschenlandDenMenschen #PGExplaining #SocialMediaMatschmoment #SpracheSchafftRealität #TasmanischerTeufel #TeufelImHimmel #TopicalIsland</p><p></p>]]></content:encoded>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/56399a6a-4ee3-4d77-99c1-a4ef59f53e7c/uploads/images/lgghlskxmj/nf93_cover.jpg?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;fm=jpg&amp;crop=faces" medium="image"/>
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      <pubDate>Mon, 18 Sep 2023 19:08:24 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 92]]></title>
      <description><![CDATA[Er war ja noch ein Kind / Woke-gewaschene Läuterungsliteratur / Weißer Perspektivwechsel / Megagefährder  / Weirde Waren / Nazis wegschmunzeln / PGExplaining]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/68dbbf0e-cffc-4877-9d1e-112dd61eef4f/uploads/images/3s22yhwgvy/nf92_cover.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Cover mit Bildern von Kater Laser"/><hr aria-hidden="true"/><h2>Vorweg</h2><p>Vielleicht wieder ein bisschen viel Strenges diese Woche, aber das ist hier ja kein Marketingnewsletter, wo es darum geht, dass um Himmels Willen niemaus deabonniert. (In Wirklichkeiten weine ich mir die Augen aus, wenn jemaus deabonniert, wohingegen ich immer verstehe, wenn Zahlabos gekündigt werden: Menschen haben nicht immer gleich viel Geld zur Verfügung oder wollen auch mal andere unterstützen. Bitte also nie schlecht fühlen, wenn ihr nicht mehr zahlt, lest in aller Ruhe weiter mit. Alles lesen ist auch nicht immer notwendig, es soll Freude und keinen Stress machen. Meint ihr, ich lese immer alles, was ich bezahlt abonniert habe? Sehr lustig. In einer perfekten Indie-Welt zahlen immer genug Menschen ein bisschen, damit Publizierende leben können und lesen immer genug Menschen mit, damit Autor_innen und Inhalte öffentlich wahrgenommen werden, Realität haben. Aber eure Freude, euer Wachsen, euer Lernen durch Lesen oder anderweitiges Rezipieren sind all dem vorangestellt. Leser_innen sind nicht für Publikationen da, sondern umgekehrt. Ihr müsst also gar nichts, sondern ermöglicht freiwillig, weil es euch einleuchtet, ein neues System, das sicherstellt, dass ihr unter vielfältigen Publikationen wählen könnt. In diesem System kommt wirklich Freiheit zum Tragen, nicht diese verschwurbelten oder verdieselten Verdrehungen davon.</p><p>Hinweis: Von mir neu geprägte Begriffe, auch schon vor einer Weile im <em>New Frohmanntic</em> eingeführte, werden im Text mit * gekennzeichnet und ganz unten erklärt.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Altes: Er war ja noch ein Kind</h2><p>Fakt: Rassifizierte Personen, also Menschen, die von Weißen und manchmal auch Mitgliedern anderer, selbst rassifizierter Gruppen aufgrund von Looks, Namen, Nationalität etc. diskriminierend eingeschätzt werden, brauchen in Deutschland nur einmal sichtbar die Straße zu überqueren, um als »gefährliche junge Männer« zu gelten, während Weiße in Machtpositionen (ab hier: »Machtis«*) Relativierungskredit* und, wenn es sich einfach gar nicht leugnen lässt, Resozialisierungskredit* bis zum Mars bekommen. Not all men, not all Boomers, not all white people. Weiße Machtis können sich also relativ sicher sein, dass sie komplett straffrei mit fast allem durchkommen, solange es nicht als GRÜN oder LINKS eingeordnet werden kann. – Mit Klimaaktivismus, in dieser Hinsicht stimmt der RAF-Vergleich, der ansonsten eine unglaubliche Frechheit ist, landen auch Universitätsprofessor_innen schneller im Knast, als sie »1,5 Grad« sagen können.</p><p>Okay, weiße Machtis kommen mit fast allem durch, aber könnte nicht versuchsweise diskutiert werden, ob das auch erstrebenswert ist? Schließlich wirken Eltern im Idealfall unermüdlich auf ihre Kinder ein, für begangene Fehler die Verantwortung zu übernehmen:</p><p>1. zugeben<br/>2. um Entschuldigung bitten<br/>3. Strafe annehmen onder* Wiedergutmachung anbieten<br/>4. als geläutertes Mitglied in die Gesellschaft zurückkehren</p><p>Ich habe an anderer Stelle schon darauf hingewiesen, dass jeden Tag in Deutschland Minderjährige für Vergehen, die Erwachsenen mit Macht regelmäßig nachgesehen werden, in hohem Bogen von der Schule fliegen. Daraus würde ich kausallogisch schließen, dass, wenn eine Person in jungen Jahren etwas getan hat, das sie heute wirklich falsch und schlimm und gewaltvoll findet und nicht doch insgeheim richtig oder nicht so schlimm oder egal, sie sich in ihrem späteren Leben dazu verhalten, Position beziehen, Haltung zeigen muss. Freiheit ist auch, sich freiwillig verantwortlich zu benehmen. Eine Person mit Altlasten aus jüngeren Jahren müsste diese Schuld zunächst mit sich selbst klären, um sie nicht zu verdrängen, sondern daraus persönliche Verantwortung abzuleiten, ableiten zu können. Nur so kann sie verhindern, mit dazu beizutragen, dass das eigene Fehlverhalten in der Gesellschaft normalisiert wird. Vor Aiwanger hätte ich gedacht, dass Antisemitismus etwas ist, mit dem Menschen in Deutschland nach 1945 nur durchkommen, solange es nicht explizit öffentlich wird. Aber vermutlich habe ich auch in diesem Bereich viele verbürgte Ausfälle von Politiker_innen und anderen öffentlichen Personen in den letzten Jahrzehnten nicht zusammengedacht und -erinnert. (Das sollte wirklich mal systematisch gesammelt und aufgearbeitet werden.) Bei metoo habe ich ja auch zuerst gesagt, mir wäre gar nicht sooo viel passiert, bis dann Erinnerung auf Erinnerung hochkam. Und ich hielt auch meine Herkunftsfamilie für null rassistisch, bis ich mich nach und nach doch an einige Sprüche erinnerte.</p><p>Realistisch betrachtet, haben fast alle Menschen Anlass, mal im stillen Kämmerlein herauszukramen und aufzuarbeiten, wann und wie sie andere diskriminiert haben. Ganz besonders natürlich Mitglieder der Dominanzgruppen. Ja, auch dann, wenn es im Rahmen von Fiktion stattgefunden hat. Mit Literatur, Film, Musik, Theater, Kunst werden ebenfalls Blickwinkel, Vorstellungen und Begriffe in die Welt gebracht, sie nehmen Realität an und prägen die Wirklichkeiten von Menschen. – Nennt es ruhig jakobinisch, ich finde es für Autor_innen empfehlenswert, sich zu einem ethisch altmodisch* gewordenen Früherwerk* zu verhalten.</p><p>Du hast vor langer Zeit einen schmerzhaft klassistischen, sexistischen und rassistischen Pop-Roman geschrieben und die Kritik feiert das bis heute als Ironie? Sag laut und deutlich, dass du das heute so nicht mehr schreiben würdest und warum. Bitte den Verlag, deinen Kommentar auf der Webseite zu veröffentlichen und etwaigen Neuauflagen des Buchs voranzustellen. Du wirst dadurch keinen einzigen Fan verlieren, versprochen, du wirst sogar neuen Respekt bekommen von Menschen, die aktuell bei der Nennung deines Namens unmerklich die Augenbrauen hochziehen. Mit deiner Positionierung, deiner erkennbaren Haltung wirst daran mitwirken, Kultur und Gesellschaft weniger gewaltvoll zu gestalten. Nein, das ist nicht das Ende von Spaß und Freude, nur weniger Diskriminierung.</p><p>Manche Menschen würden an so einem Roman auch nichts mehr verdienen wollen, aber die hätten vermutlich auch in 1980ern keinen solchen Roman schreiben und bei einem großen Verlag unterbringen können. Also nicht übertreiben: Eine kritische Klammer um die gemeinen Passagen ist ethisch genügend. (An dieser Stelle: Danke, höhere Ohnmacht, dass ich erst gegen Ende des coolen Zeitalters* mit dem Schreiben begonnen habe.) </p><p>Umsehen lernen: Es ist nicht böse, als Autor_in in einem Porno mitgespielt oder als Sexarbeiter_in gejobbt zu haben. Auch nicht, das jetzt gerade zu tun. Böse ist, sich an Kultur immer nur zum eigenen Vorteil zu bedienen und die eigene Verantwortlichkeit als Kulturschaffende_r nicht fortwährend zu reflektieren.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Neues: Woke-gewaschene Läuterungsliteratur</h2><p>Es ist kein neues Phänomen, dass gern diejenigen andere am lautesten kritisieren, die selbst vor fünf Minuten noch geraucht, drei Autos besessen, kolonisiert, nur mit Weißen gechillt und nur cis Menners gelesen, Frauen bedrängt, diskriminierende Witze gemacht und das N-Wort in <em>Pippi Langstrumpf</em> verteidigt haben. In dem Kontext gibt es das perfekte Zitat von F. W. Bernstein, Ältere kennen es unausweichlich: »Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche.«</p><p>Neu ist, dass Elchkritiker_innen über ihren wunderbaren Läuterungsprozess Bücher schreiben und damit soziales, kulturelles und ökonomisches Kapital anhäufen. Neben den neulich schon erwähnten ekligen metoo-Romanen von nicht immer nie im metoo-Kontext genannten Autoren kommen jetzt die feministischen Läuterungsbücher von mit antifeministischen Hot takes bekannt gewordenen Autorinnen. Das erste poppt gerade auf, aber ich verspreche euch, es wird nicht bei einem bleiben. Diese schon im Ansatz fragwürdigen Bücher werden wieder und wieder und wieder den Blick auf die Arbeit von Autori_nnen verstellen, die ohne patriarchale Bierchenkultur im Rücken sich, ihre Haltung, ihren Blick immer schon beobachtet und kritisch analysiert haben. Diese schon im Ansatz fragwürdigen Bücher sind unsolidarisch, und ihre Autor_innen sind es auch, selbst wenn der Titel <em>Solidarität</em> lauten sollte. (Kommt bestimmt, ich kann es fühlen.) Wer vor ein paar Jahren damit Karriere gemacht hat, dem Patriarchat zu signalisieren »Alles, okay, Bro, not all men, warum ist Feminismus immer so schlecht gelaunt, mit mir kannst du Pferde stehlen, zwinka zwonka« sollte sich freuen, jetzt vielleicht nicht mehr ganz so ignorant gegenüber struktureller Gewalt und der eigenen Rolle im Patriarchat zu sein und kann das auch gern als wertschätzenden Kommentar unter die Posts von Menschen schreiben, auf deren Arbeit dieser Erkenntnisgewinn basiert. Aber wer es wirklich verstanden hat, schreibt darüber kein Buch, schreibt idealerweise sogar mal drei Jahre lang überhaupt kein Buch, tritt zur Seite, macht Platz, lässt Raum, und unterstützt derweil leise und großzügig die Arbeit von anderen, die es wegen der verlässlich reingrätschenden Cool Girls im Patriarchat noch schwerer hatten. Es gibt kein mutiges, zu beklatschendes Coming-out als woke, das ist einfach nur Ich-Marketing.</p><p>Und falls ihr jetzt scheiße findet, was ihr hier lest, weil ihr solche Autor_innen persönlich kennt und menschlich schätzt, müsst ihr schon wieder über den Unterschied von Strukturkritik und individueller Emotion nachdenken. Vorträge darüber, wie wichtig es ist, diesen Unterschied zu beachten, habt ihr anderen bestimmt schon mal gehalten. Ich euch und mir definitiv.</p><p>Um sich bloßen Goodfeel-Feminismus besser verkneifen zu können, haben die Präraffaelitischen Girls für ihre Arbeit den Hexen-Begriff aufgegriffen. Warum?</p><p>Sich Feminist_in zu nennen, ist 2023 komplett schmerzlos. Ja, okay, da sind die Trolle, die keine Feminist_innen mögen, aber denen genügt auch schon, dass Menschen »Frauen« onder* »Queere« sind, da muss gar nicht »Hexe« draufgelegt werden. »Hexe« ist für etwas anderes gut, Hexe ist für Menschen wie mich als Selbstbild eine kleine Zumutung. Ich muss aushalten, dass andere sich fragen: Wie meint sie das? Meint sie wirklich Hexe mit Glaskugel und Heilkräutern und Männerhass und ohne BH und mit Fleetwood Mac und Tarotkarten? Ich meine ganz viel davon persönlich nicht, aber ich mute mir zu, dass meine wichtigste Arbeit als Autorin, die PGExplaining, damit assoziiert werden. Weil das alles Lagen misogyner Klein- und Verächtlichmachungen sind. Ich betrachte mich ja auch nicht selbst als »Girl«, will aber »Mädchen« und »Girl« vom Kleinreden, Verächtlichmachen, Abtun befreien, weil ich glaube, dass das die Lebenswelt junger Menschen etwas freier von Gewalt machen könnte.</p><p>Fun fact: Es gibt Personen, darunter feministische Autorinnen, die mich als Person schätzen, aber nichts von den Girls liken, weil sie den Begriff »Girl« für erwachsene Frauen unfeministisch finden. Ich kann mich nicht wirklich erinnern, wo ich ihn so verwendet hätte, die PGExplaining sind ja weder dem Alter noch dem Geschlecht noch ihrer Zahl nach eindeutig, aber gut. Gerade heute hat in ähnlich reduzierender Betrachtung eine SZ-Journalistin unter einem Girls-Post kommentiert, dass »wir« (sie und ich? sie und die Figuren eines Phantom-Memes?) den Begriff »Hexe« nicht verwenden sollten, weil vom Patriarchat geprägt. »Wir« seufzen, zum einen, weil es in dem Post inhaltlich um globales Zusammenstehen und #SolidaritätOhneAber ging, mit der Forderungen nach Gerechtigkeit besser durchgesetzt werden können. <em>Ja, aber ...</em> Zum anderen ist die Umdeutung einer negativ gemeinten Fremdzuschreibung einer der ältesten subversiven Moves marginalisierter Kulturen überhaupt. Muss maus nicht so sehen und so machen, aber die Wissenschaft hat festgestellt aka es ist kein Mittel, das von anderen Feminist_innen per Geschmacksurteil kritisiert werden sollte. Zum noch anderen: Bitte mehr Impulskontrolle bei Publizist_innen, »wir« tragen Verantwortung.</p><p>Wer wirklich solidarisch sein möchte, wer lernen möchte, grundsätzlich solidarisch zu sein, muss meiner Meinung nach schon vor etwaigem Reagieren auf andere sich selbst Unbehaglichkeit zumuten, um nicht bei der ersten Gelegenheit, in der persönliches Genervtsein kickt, unsolidarisch aus der Kurve zu fliegen.</p><p>Fun fact: Als ich noch überlegte, ob ich wirklich die sein möchte, die jetzt auch noch wokegewaschenene Autorinnen angeht – nein, ich will nicht mit einem hot take dazu ins Radio , hier steht ja schon alles –, sah ich auf Insta einen Post von Katharina Herrmann, die riet, doch statt besagtem Buch lieber <a href="https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/haesslichkeit/978-3-446-27682-6/">Hässlichkeit von Moshtari Hilal</a> zu lesen. Ich lachte und freute mich, denn Katharina ist ebenfalls eine Endgegnerin der Bierchen- und Cliquenkultur. <em>Hässlichkeit</em> werde ich auf jeden Fall lesen, es klingt schon im Ansatz hochinteressant. Lest ihr unbedingt mal bei <em>Kulturgeschwätz</em> rein, so heißt Katharina Herrmanns Blog.</p><a href="https://kulturgeschwaetz.wordpress.com/uber-mich/">https://kulturgeschwaetz.wordpress.com/uber-mich/</a><h2>Noch etwas Neues: Weißer Perspektivwechsel bei öffentlichen Interventionen</h2><p>Von sich selbst als Person zu erzählen, die bei Hatespeech im öffentlichen Raum interveniert hat, ist extrem sozialkitschverdächtig, deshalb bitte beim Folgenden mitdenken, dass ich mir kein Lob abholen möchte, sondern erklären, wie Umsehenlernen bei mir selbst funktioniert und noch lange nicht abgeschlossen ist. Vor ein paar Tagen kam ich von einem Treffen mit meinem älteren Sohn, es war sehr schön gewesen, ich war glücklich, ein Gefühl, das ich gerne möglichst lange bewahrt hätte. Am Alexanderplatz stieg ich in die S-Bahn und wunderte mich halbbewusst, dass die Person, die vor dem freien Platz saß nicht ausreichend wegrückte, damit ich gut durchkam. Sitzend bemerkte ich, dass hinter der Person eine andere Person stand, die leise bis mittellaut vor sich hin schwadronierte. Ich dachte, na toll, das kann ja was werden, verstand dann aber auch, warum die Person auf dem Sitz neben mir sich eben wie ein Klotz benommen hatte. Sie war bereits durch das Gerante destabilisiert gewesen. Es war unumgänglich, ich musste mit anhören, was die Wutperson zu wüten hatte: <em>Berlin ... schaut euch das nur an ... Schweinestall ... der Westen ...</em> Bis dahin dachte ich nur, du nervst krass, Alter, aber vielleicht geht es dir mental nicht gut. Bis dahin hätte nichts unternommen und mich still unbehaglich gefühlt, auch ein bisschen geärgert, dass sich ein Glücksgefühl selten per U-Bahn nach Hause bringen lässt. Dann aber folgte nach weiteren Ausbrüchen zur Hauptstadtvermüllung und der Schuld des Westens ziemlich schnell »euer Multikulti«. Ein innerer Scheideweg für mich. Bis vor ein paar Jahren hätte ich an dieser Stelle gedacht, du nervst krass, Alter, aber ich steige ja gleich aus, bei dir ist eh Hopfen und Malz verloren. Damit hätte ich es mir einfach gemacht, aber ich wusste es damals noch nicht besser. Ich hätte meine zunehmende Unbehaglichkeit für mein Hauptproblem gehalten. Heute weiß ich, dass die gleichen Hassreden bei anderen, die sie hören, die Vorstellung erzeugen oder bestärken, in der deutschen Gesellschaft, besser: der Dominanzgesellschaft in Deutschland, nicht willkommen zu sein. Mich in Deutschland grundsätzlich unwillkommen zu fühlen, würde mir, der weißen Christiane, natürlich im Traum nicht einfallen. Aber mittlerweile verstehe und fühle ich auch, dass mein Hauptproblem in dieser Situation ist, wie andere Menschen nicht Unbehaglichkeit, sondern gegen sie gerichteten Hass spüren. Das heißt nicht, dass nicht für ein oder zwei Momente noch mein altes Ich sagt: Vielleicht ist er ja doch psychotisch, lass mal lieber. Ich glaube, das denke ich halbbewusst, um den einfacheren Weg zu wählen. Es fällt mir nicht leicht, öffentlich eine fremde Person anzusprechen oder gar zurechtzuweisen. Mein gewohnter Modus ist, draußen möglichst unsichtbar zu werden, kein Augenkontakt, um die Botschaft zu senden: Denk bloß nicht, ich wäre eine nette Frau, die du ungefragt zuquatschen kannst.Aber nachdem ich mich jetzt doch schon ein paarmal getraut habe, bei Gewaltscheiß zu intervenieren, ist es mittlerweile gleich nach dem allerersten Moment leichter als früher.</p><p>»Können Sie bitte ruhig sein, die S-Bahn ist nicht dafür da, um ungefragt andere Menschen mit rassistischem Müll vollzulabern.«</p><p>Natürlich ist der Wutdude total abgegangen. »Sie nennen mich einen Rassisten? Sie wissen ja gar nicht, was das bedeutet. Heute denken alle, dass sie so klug sind. Schlagen Sie mal nach, was Rassist bedeutet. Ich zeige Sie an.« Natürlich ist er dabei mit erhobener Stimme näher auf mich zugegangen und ich habe Angst gehabt, dass er mich schlägt. Für eine Umgebungsanalyse war ich zu aufgeregt, aber ich fühlte weder deutlichen Support der Mitfahrenden noch deren klare Bereitschaft, teilnahmslos alles geschehen zu lassen. Ich wiederholte: »Seien Sie einfach ruhig.« Als ich das Handy herausholte, um meinen Ausstieg aus seiner Diskussion zu signalisieren, fing er wieder an: »Aaaah ja, das wollen Sie jetzt bei dieser Ordnungsstelle melden, ich weiß, dass es so eine Stelle gibt.«</p><p>»Seien Sie einfach ruhig.«</p><p>»Nicht? Dann ist es gut.«</p><p>»Seien Sie einfach ruhig.«</p><p>Ich hatte noch etwas Sorge, dass wir zusammen aussteigen könnten und er dann auf mich eindreschen würde, aber das ist nicht passiert. Was passiert ist: Einer diskriminierend redenden Person wurde der Raum dafür genommen. Meinem Eindruck nach wird diese Person sich so schnell nicht mehr in der Bahn öffentlich zu Wort melden. Jetzt stellt euch vor, ich würde mich das schon immer trauen und ihr auch und Alt-, Neu- sowie Immer-Nazis hätten seit 1945 immer sofort Gegenrede bekommen, öffentlich und privat. Von den fast allen, die angeblich keine Nazis sind und waren. Wie nicht weit hätte es kommen können? Menschen müssten nicht jeden Tag in dieser Drecksgesellschaft Diskriminierungsdreck erleben. Bürgerliche Politiker_innen und Medien würden nicht ethisch cringe um Faschos rumscharwenzeln.</p><p>Nazi sein wäre kein Universaltrend, sondern das, was es in einer Demokratie sein muss: sozial geächtet, das Allerletzte.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Geborgtes:</h2><p>»Müssen wir dabei möglicherweise so weit gehen, Regeln zu brechen? Die Frage klingt radikal, aber sie ist es nicht. Wir müssen uns klar sein, dass Recht niemals neutral ist. Es ist immer Ausdruck der herrschenden Gesellschaftsordnung. In einer Gesellschaft, die noch immer misogyn und rassistisch geprägt ist, sind auch das Recht und seine Anwendung Ausdruck dieser Diskriminierung.« – Asha Hedayati, <em>Die stille Gewalt. Wie der Staat Frauen alleinlässt,</em> S. 180</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Unheimliches: Das politische Unvermögen, Megagefährder zu erkennen</h2><p>Kann mir bitte jemaus erklären, wie mir und bestimmt auch anderen bereits vor Jahren klar war, dass Elon Musk mit seiner Macker-Megalomanie, dem Multimilliardenvermögen und den Händen stabil auf Kommunikation und Mobilität (inklusive Weltall!), die gefährlichste Person auf dem Planeten ist – ich habe dazu früher fast peinlich ausufernd getwittert – und 2023 dann a<a href="https://www.instagram.com/p/CvhuG8XLu2s/">uf dem Insta-Account der New York Times zu lesen</a> ist:</p><p>»Elon Musk has become the most dominant player in space, amassing power over the strategically significant field of satellite internet, increasingly worrying militaries and political leaders around the world.«</p><p><em>Increasingly worrying militaries and political leaders around the world?</em> – Ich bekomme einen Rappel, wenn ich das lese.</p><p>Warum haben Regierungsverantwortliche offensichtlich immer noch keine hinreichende Beratung von Menschen, die über Netzwissen* verfügen, was ja vermutlich heute das nächste an Universalwissen ist? (Weil sie sich nie dem unbehaglichen Gedanken gestellt haben, dass es Sphären gibt, die sie nicht checken, z. B. Fernbusse oder soziale Netzwerke.) Oder stellen sie sich nur ahnungslos? Trollen in Demokratien Regierende Bürger_innen? Ich befürchte, die Antwort ist manchmal Ja.</p><p>Elon Musk ist übrigens auch schuld, dass ich 2020 den Glauben an einen Unterschied zwischen Realität und Fiktion verlor. Stoppt den Dude endlich, bevor er noch tausend Kinder mit SciFi-Namen und Satelliten mehr hat.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/68dbbf0e-cffc-4877-9d1e-112dd61eef4f/uploads/images/xiszd7kmjj/mat_pgm_Grimes.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Screenshot mit Wikipedia-Text zu Elon Musks Beziehungsbeginn mit Grimes rund um ein Twitter-Wortspiel"/><p>Bitte Superreiche bis auf 10 Millionen enteignen, Supergefährder wie Musk zuerst. Auch sagen: Genug gegründet und übernommen, Bro. Geh mal schön segeln.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Rubrikloses</h2><p>Gartengedanken: Die aus einem noch lebenden Ast des vor gut fünf Jahren umgestürzten hundert Jahre alten Baums »gemachte« Babyweide wird nächstes Jahr bereits der dritthöchste Baum im Garten sein. Werden und Vergehen galore. Letztes Jahr war Weide II noch so klein, dass ich, als Laser an ihrem Fuße lag, Katzenbukolik-Fotos gemacht habe, weil er in Proportion ungefähr so aussah wie die auf romantischen Gemälden rumliegenden Kühe. (Bitte erinnert mich fortan als Christiane Frohmann, die Erfinderin des bedeutenden Genres Katzenbukolik.)</p><hr aria-hidden="true"/><p><strong>Weirde Waren</strong></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/68dbbf0e-cffc-4877-9d1e-112dd61eef4f/uploads/images/7trqgcuyng/IMG_1717.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Leo-Armee-Schirmmütze mit Nieten und Strassleokopf, beworben im Rahmen von Aktion »Zurück zur Schule«"/><p><em>Top-Style für lotterigen Schulbesuch</em></p><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/68dbbf0e-cffc-4877-9d1e-112dd61eef4f/uploads/images/rsu5pctky5/IMG_1719.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><em>Ich glaube, ich werde alt.</em></p><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/68dbbf0e-cffc-4877-9d1e-112dd61eef4f/uploads/images/c7g7y64lrg/IMG_1721.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><em>Warum nicht? Wer sein Huhn liebt, schützt es.</em></p><hr aria-hidden="true"/><p>Klarkomm-Gedankenspiel: Immer, wenn ein Gegenüber in den üblichen Kontexten in lästiges »Ja, aber ...« verfällt, sprecht es innerlich nach, aber das »aber« wie in »Gabber«, sagt in eurem Kopf »Ja...abber...jabber ...«, es darf auf Wunsch auch hessisch klingen und legt dann mental noch einen Soundtrack dahinter, den allerübelsten euch bekannten Gabber-Track, mailt gern Vorschläge. Bis der Track in eurem Kopf vorbei ist, hat Jabber vermutlich auch zu Ende relativiert, ohne damit eure Seele anrotzen zu können. Ob in eurem Gedankenspiel Jabber wie Jabba aussieht, überlasse ich eurem Gemeinheitslevel.</p><hr aria-hidden="true"/><p>Ich habe euch schon öfter von den bizarren Unternehmungen meines Großvaters erzählt. Als er nach Ende des 2. Weltkriegs eine Weile lang in Berchtesgaden einen Souvenirladen betrieb, wurden darin auch handgezeichnete Bildwitze nach nicht unbedingt schreiend komischen Ideen von ihm verkauft. Einige habe ich beim Auflösen der Wohnung in München gefunden und fotografiert. Ein Witz ist tatsächlich interessant, denn er zeigt ziemlich deutlich, dass der Umgang mit der eigenen Nazivergangenheit schon damals kollektiv weggeschmunzelt werden konnte.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/68dbbf0e-cffc-4877-9d1e-112dd61eef4f/uploads/images/2pr2mavvkg/Ignaz%20Huber.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Älterer Mann vor Gericht: I war koa Nazi, i bin der Nazi. Iganz Huber hoaß i."/><hr aria-hidden="true"/><p>Letzte Woche saß ich auf einer Konferenz, auf der von einer Referentin auf der Bühne von einer Art neuem Standardhonorar von 500 EUR gesprochen wurde und dass es schlimm sei, Auftretende zum Essen im Restaurant einzuladen, bei dem sie selbst bezahlen müssen. (True.) Mein Honorar für die Konferenz betrug 300 EUR und ich hatte einige Tage zuvor per Mail eine Selbstzahl-Einladung zum Essen bekommen. Letztere habe ich nicht angenommen, das Honorar hatte ich umstandslos akzeptiert. Für mich sind 300 EUR leider immer noch vergleichsweise viel Honorar. Das ist auch keine Kritik an den Veranstaltenden, das war alles nett und das Budget bestimmt klein. Ich bin nicht sauer auf sie, sondern auf mich und versuche, es ab jetzt anders zu machen.</p><p>Bitte macht ihr es auch wie ich ab jetzt: Verlangt nicht weniger als die 500 EUR, erwähnt diesen neuen Standard. Sagen sie Nein, könnt ihr immer noch überlegen, ob ihr es trotzdem machen müsst, weil ihr gerade jeden Cent braucht.</p><p>Eine andere Veranstaltung habe ich diese Woche abgesagt, als klar wurde, dass wir zu zweit maximal 600 EUR bekommen sollten. Jetzt bekommt die andere Autorin das ganze Honorar. Guter Ausgang. Das ist auch meine Anschlussüberlegung für eigene Veranstaltungen. Es müssen ja nicht immer mehrere Personen auftreten, lieber nur eine fair bezahlte.</p><p>Bitte lernt das mit dem Geld schneller als ich. Ich hasse mich echt langsam dafür.</p><p>Wie ich das künftig bei Verlagslesungen machen soll, wenn ich uns nicht alle ausbeuten will – keine Ahnung, wirklich absolut keine Ahnung. Ich bin in den letzten drei Jahren gegen alle gläsernen Wände und Decken der Indiekultur gestoßen. Unabhängigkeit im Kapitalismus? Das Paradox hätte mir gern etwas früher auffallen dürfen.</p><p>Ich glaube, wenn nicht extrem zügig eine staatliche Grundsicherung für demokratiestärkend arbeitende (aka nicht für Nazis!) unabhängige Verlage und dauerhafte Honorarbudgets für Lesungen von deren Autor*innen eingerichtet wird, verschwinden noch in diesem Jahr die allermeisten Indies für immer. Zumal erst neuerdings von vielen Unabhängigen, auch mir, gecheckt wird, dass es nicht selbstlos, sondern ruchlos antifeministisch ist, selbst gratis zu arbeiten und dadurch legitimiert auch andere gratis arbeiten zu lassen. »Unabhängig« und »unbezahlt« darf kein heimlich-unheimliches Synonym mehr sein, denn so gut kann »die Sache« im Kapitalismus gar nicht sein, als dass das richtig wäre.</p><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/68dbbf0e-cffc-4877-9d1e-112dd61eef4f/uploads/images/vpbdscuktx/What%20happened_Bowleerdbeeren.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Zwei eingelegte Erdbeeren in einem Beet"/><p><em>What happened</em></p><hr aria-hidden="true"/><p><strong>Tippfehler-TL, ein Verwicklungsroman</strong></p><p>Mit 19: perfekte Rechtschreibung nach Kindheit mit einem gelesenen Buch pro Tag im Alter zwischen sieben und fünfzehn</p><p>Mit 20: Fall aus der Rechtschreibgrazie nach Öffnen des Dudens für erste Jobs als Lektorin, plötzlich muss jedes fünfte Wort nachgeschlagen werden: groß oder doch klein? Das verlernte Selbstverständliche scheint danach niemals mehr neu gelernt werden zu können, wtf.</p><p>Mit Internet: komplette Rechtschreibverwirrung, weil nun den ganzen Tag unterschiedliche Schreibweisen an den Augen vorbeiziehen, ein Alptraum für visuell veranlagte Lektor*innen; gefühlt jedes Wort muss nachgeschlagen werden. Lektorat macht so deutlich weniger Freude.</p><p>Mit den Jahren: Online ist mir ist nun alles egal. Tippfehler, pfff, ich entschuldige mich nicht mehr. In Verlagsbüchern erlaube ich mir aber weiterhin nur einen Fehler, bei mehreren kickt schlimmster Selbsthass. (Als ich anämisch war, übersah ich bei einem ganz wichtigen Buch mal ganz viele Fehler, ein echter Tiefpunkt meines Lebens.)</p><p>Mit Brille: Die Zahl meiner Tippfehler online ist gesunken, aber die Gleichgültigkeit bleibt. Ist auch besser so, denn im Internet habe ich gelernt, dass viele der besten Texte in deutscher Sprache von Menschen geschrieben werden, die zuerst eine andere Sprache lernten und deshalb kein tippfehlerfreies Deutsch schreiben.</p><p>Wenn ich gerade dabei bin: Kommt mal klar, ihr ganzen Gesellschaften zur Rettung der deutschen Sprache, ihr seid ähnlich unsympathisch wie dieser verlotterte Elternrat. Sprache, Bildung und Kultur finden heute auf Arten und Weisen statt, die ihr euch nicht vorstellen könnt. Seid bitte leise.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Präraffaelitische Girls erklären</h2><p></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/68dbbf0e-cffc-4877-9d1e-112dd61eef4f/uploads/images/7n4b2iwwjb/fv_pg_btd_wachstum_ul.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Gemäldeausschnitt. Zwei/Drei kindliche Figuren, lange Haare, historisierende Kleidung, sitzen einander zugewandt mit Tee im Garten. Neben ihnen ein Mops. Hinzugefügter Text: »Vielleicht glauben Erwachsenen ja, mehr und größere Waldbrände, Überschwemmungen, Stürme und Dürren würden unter das fallen, was sie ›Wachstum‹ nennen …« »Meinst du, sie sind wirklich so naiv? Dann brauchen sie dringend Erziehungsberechtigte, die sie vor sich selbst schützen.«"/><p></p><hr aria-hidden="true"/><p>Zurück zu den Erziehungsberechtigten, wir sehen uns nächste Woche. Seid lieb, nur nicht zu Nazis. </p><p><em>XOXO,<br/>FrauFrohmann</em></p><hr aria-hidden="true"/><p><strong>FrauFrohmanns neue Begriffe</strong></p><p><em>ethisch altmodisch: </em>Ethikverständnis einer noch nicht allzu lang zurückliegenden Ära, das jetzt besonders antiquiert anmutet, so wie das lila Kleid in der Saison, nachdem Lila modern war. Ja, das ist absichtlich frivol formuliert, weil es nervt, wenn so getan wird, als ob Ethik karg und streng sein müsste, sie ist, wenn sie Menschen frei und sicher und würdevoll leben lässt leicht und sanft und schön.</p><p><em>Früherwerk: </em>Werk, das von Autor*in aktuell so nicht mehr veröffentlicht würde, vergleichbar namentlich benannten Schaffensperioden, aber weniger konkret</p><p><em>Cooles Zeitalter: </em>noch nicht für alle abgeschlossene Phase, während der in popkulturellen Werken diskriminierende Gewalt im Gestus der Ironie Rezipierenden kalte Entmenschlichung plausibel machte</p><p><em>Jabber: </em>Person, die bei längst geklärten Themen aus Dominanzgewohnheit notorisch »Ja, aber ...« sagt und damit anderen Menschen Lebenszeit stiehlt</p><p><em>Machti: </em>Privilegierte Person, die auf ihrer strukturellen Macht beharrt, weil sie diese naturalisiert hat oder einfach zu vorteilhaft findet, um fair zu sein</p><p><em>Netzwissen: </em>Mischung aus konkretem und intuitivem Wissen über globale Zusammenhänge, das vielfältig vernetzten und für den Flow sensiblen Individuen zugänglich ist; eine Art instantanes Universalwissen, das teils performativ erlangt wird, nicht auf Vollständigkeit zielt, ständig aktualisiert und immer im Werden ist</p><p><em>onder: </em>kurz für »und/oder«</p><p><em>Relativierungskredit:</em> kulturell eingeübte Gewohnheit, unabhängig von Fakten, immer das Beste von Mitgliedern bestimmte Dominanzgruppen anzunehmen</p><p><em>Resozialisierungskredit:</em> kulturell eingeübte Gewohnheit, Mitgliedern bestimmter Dominanzgruppen unleugbare Straftaten und Ungerechtigkeiten nachzusehen und zu verzeihen</p><p>Nachtrag: Irgendwie kam hier zuhause gerade noch mal die Rede auf das fehlende deutsche Wort für: nicht mehr durstig/genug getrunken. Mein Mann schlägt »säuf« vor, ich finde das cute. Die Suchmaschine sagt, dass bei einem Wettbewerb 1999 »sitt« gewonnen habe. Das ist für Menschen mit ästhetischem Sinn keine Option, es heißt also ab jetzt »säuf«. Credits an Dittmar Frohmann.</p><p><em>Noch Wasser? Nein, danke, ich bin säuf. <br/>Aua, ich habe zu viel Saft getrunken, ich bin so säuf.</em></p><hr aria-hidden="true"/><p>#CoolesZeitalter #ErWarJaNochEinKind #EthischAltmodisch #FrüherWerk #Hexe #Hexenprobe #InstantanesUniversalwissen #Jabber #KatharinaHerrmann #Katzenbukolik #KlarkommGedankenspiel #Kulturgeschwätz #Läuterungsliteratur #Machti #Machtis #Megagefährder #Netzwissen #onder #PGExplaining #Relativierungskredit #Resozialisierungskredit #säuf #TippfehlerTL #UmsehenLernen #Verwicklungsroman #WeirdeWaren #WhatHappened #Wokewashing</p><p></p><p></p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Tue, 12 Sep 2023 20:39:47 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 91]]></title>
      <description><![CDATA[Demokratiestärkung durch Abos / Gesellschaftliche Derealisation / Ein Zitat von Louis de Funès / Zecken / Dinge, die ich letzte Woche nicht gekauft habe / PGExplaining]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/926918ef-d8e0-4672-9e5a-2bc7e05d56a8/uploads/images/jtysofz25i/nf91_cover.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Cover mit New-Frohmanntic-Schriftzug"/><hr aria-hidden="true"/><h2>Vorweg</h2><p>Fast wieder pünktlich, yeah! </p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Altes und Neues: Demokratiestärkung durch Indie-Abos</h2><p>Eigentlich ist es nicht neu, sondern mittlerweile schon wieder alt: die Erkenntnis, dass in sozialen Medien alle Publizist*innen sind, woraus Chancen und Verantwortlichkeiten entstehen. Auch nicht mehr neu ist der Umstand, dass Menschen über Abo-Plattformen ganz allein von einer sie schätzenden Crowd unterhalten werden können. Wie großartig ist das denn? Du machst dein Ding, obwohl dir kein Dude gnädig die Tür geöffnet hat und kannst davon leben. Das klappt schon ab und zu, sollte aber noch viel häufiger und vor allem stabiler funktionieren, denn es ist eine gigantische Stellschraube gegen Rechts. Da verdienen oft genau diejenigen Geld, die anderswo von rechten Trollen attackiert werden. Kein Zufall.</p><p>Aktuell geht es rechten Medien und Publizist*innen bombe (sorry) und Linken so la la bis schlecht. Das liegt daran, dass Rechte böse Milliardäre hinter sich haben und Linke nicht mal die Soli untereinander. Das muss sich ändern, haben wir kapiert, aber wie? Ein sehr zeitnah greifendes Mittel für den großen Turn ist es, mehr Geld in linke Medien zu pumpen. Sie brauchen es alle dringend und sagen das ja auch die ganze Zeit. Linke Publizist*innen verdienen scheiße, weil sie keine Scheiße, weil sie nicht marketinggetrieben, sondern inhaltsorientiert publizieren. Verachtet sie zu eurem eigenen Besten nicht mehr für »Bettelei« und »Gejammer«, das haben euch über die Hetzjahre Ulf und Don Adolpho beigebracht. Freut euch nicht jedesmal wieder, dass ihr gratis <em>taz</em> lesen könnt. <a href="https://taz.de/Abo/!p4209/">Zahlt freiwillig</a>. Erzählt nicht aufgeregt weiter, wie wenig die Redakteur*innen beim ND verdienen. <a href="https://www.nd-aktuell.de/abo/">Schließt ein Abo ab</a>. <a href="https://missy-magazine.de/abo/">Abonniert <em>Missy</em></a>, auch wenn ihr oft zu faul zum Lesen seid. <a href="https://anschlaege.at/shop/shop-abos-und-einzelhefte/">Abonniert An.schläge</a>, auch wenn euch mal ein Artikel nicht passt. Linke Medien sind wichtig. Wären sie weg, würden marginalisierte Gruppen noch weniger gesehen. Gebt ihnen das verdammte Geld.</p><p>Genauso wichtig sind die Newsletter von Journalist*innen und Autor*innen, die mit wenig klassischen Einkünften dafür bezahlen, dass sie sich trauen, professionell zu arbeiten <em>und</em> aktivistisch für Menschenrechte einzustehen. Es gibt Menschen, die sehr viele kostenlos zugängliche Inhalte posten, ohne irgendwo ein Angestelltengehalt zu beziehen. (Hust.) Wenn ihr solche wirklich freien Texte lesen wollt, bezahlt freiwillig dafür. Ihr sollt keine Unsummen aufbringen. Gebt, was ihr könnt. Wenn alle Linken mit etwas Geld Indie-Abo-Budgets einrichten und ausgeben, fliegt bald die Kuh im Widerstand, weil nicht mehr so viele Akteur*innen Tag für Tag ums Überleben kämpfen müssen. Eure paar Euros machen dann doch den Unterschied, weil sie mit denen von anderen zusammenwirken. Viele zusammen sind besser als jeder Drecksmilliardär.</p><p>Hexenwirken im Kapitalismus, nicht ganz ideal, aber sehr viel besser als nichts:</p><ol><li><p>Überlege, welche linken Medien und Publizist*innen du gern liest oder einfach grundsätzlich für demokratisch wichtig hältst.</p></li><li><p>Lass von dem Gedanken ab, dass du als Zahl-Abonnent*in dann auch alles unbedingt lesen musst. Musst du nicht,– du ermöglichst die Publikation, das ist mega. Die persönliche Nutzung der Publikation ist dein Privatvergnügen. Stress dich bloß nicht damit, du brauchst deine Kraft für wirkliche Probleme.</p></li><li><p>Lege ein Budget fest.</p></li><li><p>Schließe Abos ab. Verteile das Geld auf mehrere unabhängige Projekte. Oder überweise monatlich wechselnden Menschen Geld, paypale es ihnen. Frag einfach bei ihnen nach, auf welchem Wege es gut ist, sie werden sich wie Bolle freuen. Es muss nicht Journalismus oder Literatur sein. Unterstütze, was dir wichtig ist: Musik, Kunst, Code, Theater. Hauptsache, die Arbeit läuft unabhängig.</p></li><li><p>Wenn du kein Geld hast, abonniere kostenlos Newsletter und mache ab und zu Werbung für sie, vielleicht schließen dann andere Bezahlabos ab.</p></li><li><p>Erzähl anderen vom Konzept der Demokratiestärkung durch Abos, vom Abo-Hexenwirken.</p></li><li><p>Rede nicht über Rechte, wenn du doch in derselben Zeit unabhängige Linke (und die Demokratie) stärken kannst. Ist auch viel besser für den Blutdruck, für euch getestet.</p></li><li><p>Benutze das Hashtag #IndieAbos oder etabliere ein besseres eigenes Hashtag.</p></li><li><p>Sei endlich mal wieder zufrieden mit dir, denn du trägst etwas Sinnvolles bei.</p></li></ol><hr aria-hidden="true"/><h2>Gesellschaftliche Derealisation</h2><p>Auf Instagram ist eine sehr nette Person wieder aufgetaucht. Sie war Künstlerin in meiner früheren Galerie (maou-maou). Das mit der Galerie und mit mir darin fühlt sich als Erinnerung gar nicht mehr real an. So als wäre es ein Buch, in dem ich als Figur vorkomme. Ähnlich der Hello-Kitty-Laden (war Teil der Galerie) und fast noch mehr der Club (jeans club). Ich stolperte in all das damals irgendwie hinein, einfach, weil sich ständig überall Möglichkeiten auftaten. Eigentlich war ich als Person viel zu scheu und beobachtend für so etwas, aber es war keine Zeit der »eigentlich«s. Nicht unähnlich dem späteren Verwischen von Konsumieren und Produzieren in sozialen Medien. Eine Flowzeit im urbanen Raum. Dass es wirklich passiert sein muss, belegen nur Freund*innenschaften aus dieser Zeit, ein paar Kunstwerke bei uns zuhause, Bilder, Zeitungsartikel, Flyer und gelegentlich ein nostalgischer Post im Netz von Personen, die mal da waren. Ich selbst könnte es nicht beschwören, dass ich mal da war. Bei was? Die Neunziger und frühen Nuller sind so sehr zum Mythos stilisiert worden, dass, schwupps, die eigene Vergangenheit nicht mehr real wirkt. Mein Eindruck ist, dass es nicht nur mir so geht, sondern dass da eine Art gesellschaftlicher Derealisation stattgefunden hat.</p><p>Fühlen tun die Neunziger vermutlich nur noch die Dudes, die, seit es soziale Medien gibt, coole Fotos von damals posten, immer wieder die gleichen: <em>Mann, Alter, waren wir cool. Die Jugend hat doch gar keine Vorstellung, wie frei wir waren. Keine Smartphones. Immer auf Pille. </em>Aber diese Dudes sind vermutlich jetzt nicht da, sondern auf Facebook beim ewigen Rave-Abitreffen.</p><p>Aber bin ich jetzt da? Bist du es? Ist es nicht so, dass gerade sehr viel passiert, von dem unser Bewusstsein merkwürdig unberührt bleibt, so als wäre das Reale noch zu schlecht animiert und deswegen nicht so ganz ernst zu nehmen. Erinnert ihr euch an den ersten <em>Jurassic Parc</em>, wo die Saurier so als merkwürdig schlierenhafte Lage über, nein, vor der Landschaft laufen? So ist das Reale aktuell da, aber Menschen sagen sich noch: Also, nein, soooo ein Reales geht ja gar nicht, das soll erst mal stilvoller daherkommen, dann beschäftige ich mich vielleicht mit der Apokalypse.</p><p>Kleiner Stil-Exkurs: Ich habe in den letzten Monaten mehrfach Artikel in bürgerlichen Medien gesehen, die ernsthaft andeuteten, dass ein stilvollerer Umgang miteinander die Probleme auf der Welt lösen könnte. Moment, Zeit für ein stilvolles Meme.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/926918ef-d8e0-4672-9e5a-2bc7e05d56a8/uploads/images/qenot5rjek/mat_Medusa-Caravaggio_(Uffizi).jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Medusa von Caravaggio"/><p>Wie weiß, reich, Helmut Lang muss eine Redaktion sein, dass so eine Artikelrichtung nicht zur spontanen Selbstanzündung der Büroräume führt? Da möchte sich doch jeder anständige Laptop vor Fremdscham vom Egon-Eiermann-Tisch stürzen.</p><p>Stil im Sinne eines persönlichen Geschmacks, der sich zum Stil ausprägt, mag ich ja sehr. Auch Styles, mit denen eine diskriminierte Gruppe sagt: Fickt euch und euren Feine-Leute-Geschmack. Umso mehr verachte ich distinguierte Herrschaften mit Pop-Prägung, die 24/7 über Stil plappern, aber Ethik für uncool halten. Nein, ich möchte nicht wissen, wo du dieses und jenes stilvolle Getränk und Stöffchen bekommst, denn ich weiß, dass die Welt für dich immer noch ein Kolonialismuswarenhandel ist, und ich weiß auch, dass sich das in deinem Menschenbild niederschlägt und du ein übergriffiger Pinsel bist. Ich würde meinen Mittelfinger darauf wetten, dass dein Idol Bryan Ferry und deine Freundin/Frau mindestens 20 Jahre jünger als du ist. Dein Stil ist so berechenbar wie deine auf Vetternwirtschaft basierende Karriere.</p><p>Vorschlag: Anfangen, von »ethischer Stillosigkeit« zu sprechen, OMG, EIN RUCK GEHT DURCH DIE REDAKTIONSRÄUME VON ZEIT UND SZ. Für FAZ und NZZ muss man es ähnlich drehen, aber nicht über »Stil«, sondern über »aufgeklärtes Denken«. Das mache ich ein anderes Mal.</p><p>In den Fernsehnachrichten hebt aktuell jede zweite Meldung mit »Normalerweise ...« an, dabei ist die Klimakatastrophe längst die Norm, nur dass Menschen sich noch nicht daran gewöhnt haben. Mit der kollektiven Erinnerung an die Millenniumszeit in Berlin ist es andersrum: Was damals ein ziemlich normaler Tag nach dem anderen war, ist durch Mythenbildung als Ganzes ins Außerordentliche verschoben worden.</p><p>Mehr dazu in meinem ungeschriebenen Roman <em>Spaßbremse.</em> Ich habe mir seit letzter Woche ein komplett megalomanes Literaturprojekt ausgedacht, das ich ganz allein schreiben will, aber ich erzähle euch nicht weiter davon, weil ich mich sonst, ich kenne mich, sofort und für immer auf euren Vorschusslorbeeren ausruhen werde. Die einzige Lebenschance des Projektes ist dessen strikte Geheimhaltung.</p><p>Noch mal zu den Fernsehnachrichten: Es ist so absurd, wie eine Nachricht über klimawandelbedingte Probleme mit dem alpinen Wintersport direkt hinter der Nachricht über ein Seeunglück mit Flüchtenden kommt und einfach kein Kausalzusammenhang aufgemacht wird. So wie sie »Zum Sport« oder »Zum Wetter« sagen (sagen sie das noch?), müssten sie auch sagen »Zur Kolonialismus- und Klimakatastrophe«.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Geborgtes: Ein Zitat</h2><p>»Es spielt keine Rolle, ob Sie Stil, Ruf oder Geld haben, wenn Sie kein gutes Herz haben, sind Sie nichts wert.« – Louis de Funès</p><p>(Louis de Funès war ein ziemlich konservativer Typ, Royalist, aber meiner Einschätzung nach kein Arsch. Ich fand ihn als Kind sooooo lustig. Seine komplett hysterische Art, wie ein menschliches Emoji.)</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/926918ef-d8e0-4672-9e5a-2bc7e05d56a8/uploads/images/zbnehggavy/mat_l&#39;homme%20orchestre.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Louis de Funès in der Rolle eines Ballett-Direktors"/><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Unheimliches: Zecken </h2><p>Gibt es etwas Unheimlicheres als Zecken? Du bekommst womöglich gar nicht mit, dass sie an Bord deines Körpers gekommen sind, wenn du sie rausziehst, bleiben womöglich Teile drin, dann bekommst du womöglich einen roten Kreis auf der Haut und dann womöglich Borreliose oder du bekommst womöglich Gehirnhautentzündung.</p><p>Meine unheimlichste Angst aber, die, dass Zecken sich von Bäumen auf Menschen runterstürzen, ist Unsinn. Ich bin ganz ohne Grund die letzten zehn Jahre so gut wie nie den Weg im Garten unter den Bäumen entlang gegangen. Ihr könnt jetzt also auch beruhigt wieder in den Wald gehen. Von oben werfen sich nur Baumschlangen auf euch. Oder Waschbären. Zecken kommen von unten.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Rubrikloses</h2><p>Dinge, die ich letzte Woche nicht bei Ebay gekauft habe:</p><p>Krone, Renaissance, 24ct Gold, Silber, ca. 600ct Edelsteinbesatz, 400 Perlen, rar (keinen Screenshot gemacht) </p><p>Avon-Parfümflasche aus den 1970ern in Gestalt einer Katze mit Schleife auf dem Kopf (wer hat da wen kopiert?)</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/926918ef-d8e0-4672-9e5a-2bc7e05d56a8/uploads/images/pkmf7wgi4k/mat_70s_avon%20bottle.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><hr aria-hidden="true"/><h2>Präraffaelitische Girls erklären</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/926918ef-d8e0-4672-9e5a-2bc7e05d56a8/uploads/images/qafnn5xiye/fv_pg_btd_superreichenquote.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Gemäldeausschnitt. Seherin. Hinzugefügter text: Präraffaelitische Girls beschlossen 2023 die Superreichenquote: null pro Planet."/><p></p><hr aria-hidden="true"/><p>Zurück zu den Superreichen, die uns alle aus-xen werden. Wenn wir sie lassen.</p><p>Wir sehen uns nächste Woche. Seid lieb, nur nicht zu Nazis. </p><p><em>XOXO,<br/>FrauFrohmann</em></p><p></p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Mon, 28 Aug 2023 21:53:05 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge X, Y, Z oder: Ein New Frohmanntic in Romanlänge]]></title>
      <description><![CDATA[Durchwachte Nächte / Linke Prekariatsmaskerade / Pool- und Purzelbaumfüchse / Till Lindemann über Kiwi / Auszeichnungsinflation / Social-Media-Blobs / PGExplaining]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/f9f3232c-19b0-4db4-be16-0329806ebc15/uploads/images/rrsd5hep6q/nf_xyz_cover.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Cover mit New-Frohmanntic-Schriftzug und per App verschwurbeltem Foto einer Person"/><h2>Vorweg</h2><p>Ich wollte gar keine Pause machen, die Pause ist einfach passiert.</p><p>Dabei klöpple ich den <em>New Frohmanntic</em> meist ziemlich locker zusammen, ich brauche dafür selten mehr als einen ganzen Tag. Für dieses Lockerschreiben wird aber eine entspannte Grundhaltung benötigt. Eine entspannte Grundhaltung lässt sich leider nicht erzwingen, das muss wohl nicht erklärt werden. </p><p>Das erinnert mich ans Tennis, wo der Trainer meine Spielpartnerin und mich jeweils mindestens hundertmal pro Stunde ermahnt:</p><p>»Nicht so verkrampft, gaaaaanz locker.«</p><p>Eigentlich müssten wir dann jedes Mal rufen: »Wie soll das gehen im Patriarchat? Wie soll das gehen im Kapitalismus!?!«</p><p>Das wäre aber nicht hilfreich, denn der Trainer ist ein ganz okayer Dude und Tennislernen ist eine der wenigen kalkulierbaren Sachen, die mich aktuell entkrampfen, lockern. Offensichtlich ist das aber von außen nicht sichtbar.</p><p>Neulich war ich so locker, dass ich mir beim Üben von Rückhand Longline mit dem rechten Daumennagel eine Ader am linken Handgelenk aufgeschlitzt habe. Von wegen kein Kampfgeist, ich schlage sogar mich selbst.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/f9f3232c-19b0-4db4-be16-0329806ebc15/uploads/images/xjxsxqunpe/A2B2500F-D18B-4215-A309-8708B61AE2A4.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Wunde am Handgelenk"/><p><em>Tennis-Stigmata</em></p><p>Ach ja, Tennis. Mein Mann meinte vor ein paar Tagen, öffentliche Tennis-Erwähnungen aka Instastorys mit Tennis-Liebeserklärungen könnten schlecht für mein Image sein. Weil Tennis dann doch immer noch der Inbegriff des Bürgerlichen sei. Letzteres stimmt, Ersteres glaube ich nicht bzw. kenne ich diesen Kritikmodus nur von Personen, die sowieso jederzeit bereit sind, eher ungnädig über mich zu urteilen, weil ihre Sympathie oder zumindest ihre Neutralität mir gegenüber im Grunde ihres Herzens nicht echt ist.</p><p>Alle anderen werden es mir einfach gönnen, dass ich zum ersten Mal ein Hobby habe. (Tennis als erstes Hobby ever aufzufassen, habe ich von Jovana Reisinger auf Insta übernommen.) Aber was ist mit Lesen und Gartenarbeit? Nein, das sind eher Wesenslagen. Tennis ist mein erstes Hobby. Ausgerechnet der Luxussport aus der Zeit meiner Kindheit? Perfekt, mein Armes-Kind-in Bad-Homburg-Ich feiert es. Der Mitgliedsbeitrag in meinem Pankower Club kostet außerdem nicht viel mehr als ein random Turnverein, weil »bei uns« nirgendwo dezent Angestellte mit Gartenschlauch im Hintergrund agieren. »Bei uns« müssen Mitglieder mehrmals im Jahr richtig ackern, damit die Anlage benutzbar bleibt. So stelle ich mir, nicht nebenbei bemerkt, Vereine vor, wenn es schon Vereine geben muss. Hier »bei uns« in Ost-Berlin werden gemeinschaftlichen Arbeitseinsätze traditionell gern Subbotnik genannt, aber ich kann den Ausdruck nicht leiden.</p><p>Neben Trampolinspringen und Rollschuhlaufen ist Tennis der einzige Sport, der mich wirklich glücklich macht. Image ist nicht alles. Das Gegenteil ist sogar wahr, wenn IDGAF, dann ist Image nichts. Also Schluss mit falscher linker Tennisscham. I LOVE TENNIS! Und Goldschmuck. Loop.</p><p>Zurück zur Pause. Immerhin ist das große Verlagsaufräumen jetzt fast geschafft, hoffentlich ist danach noch Verlag übrig. Mindestens ein weiteres Programm verspreche ich aber. Und sollte der Frohmann Verlag danach verschwinden, merken das eh nur etwa hundert Personen (ihr), und es rücken bestimmt gleich drei neue Verlage von je ein bis zwei total sympathischen Dudes nach, die es spätestens nach drei Jahren geschafft haben, Kulturredaktionslieblinge sind, Preise gewinnen usw. usf.</p><p>Vielleicht gründen ja ein paar bierchenbefreundete Übergriffelos demnächst einen Verlag namens metoo. Wooooow, waaaaaas für eeeeeiiiiin Skaaaandaaaal. Das wäre der totale Knaller, da könnte selbst Kiwi einpacken.</p><p>Wann erscheint das Anti-metoo-Buch von Sophia Thomalla mit Cover von Till Lindemann bei Kiwi ?</p><p>Im Print-<em>Tagesspiegel</em> waren heute Bilder von Sophia Thomalla und Valentin Moritz und jede Menge Texte über die AfD, darunter einer, der sagte: Selbst schuld, wenn ihr AfD-Wähler nicht respektiert, sondern völlig übertrieben Nazis nennt. – Alles daran ist falsch. Redaktionelle Minus-Ethik.</p><p>Mit dem <em>Tagesspiegel</em>-Lesen bin ich jetzt also schon wieder durch. Ich dachte ja, es würde mir mal ganz guttun, NICHT NUR INNERHALB DER BUBBLE ZU LESEN. Piefige Kolumnen mit viel Weißraum auf der Seite hätte ich in diesem Kontext okay gefunden, aber es ist leider doch zu arg. Übrigens sind in fast jeder Ausgabe auf jeder Seite mehrere Tippfehler. Herr Lehrer, die deutsche Sprache stirbt nicht wegen Social Media, sondern wegen der Printzeitung.</p><p>Falls ihr wissen wollt, wie es in einer wirklich seriösen Redaktion aussieht, hier kein Symbolbild:</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/f9f3232c-19b0-4db4-be16-0329806ebc15/uploads/images/hlxtloxwte/IMG_1591.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Katze liegt neben Bett. Im Bett sieht man Laptop."/><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Altes: Durchwachte Nächte</h2><p>In letzter Zeit bin ich in sehr alte Gewohnheiten zurückgefallen und habe Nächte durchgearbeitet. Zum einen, weil ich mich nachts, wenn die Umwelt kaum visuelle oder inhaltliche Ablenkungen bereithält, besser konzentrieren kann. Dann kann ich mich sogar hervorragend konzentrieren. Zum anderen – bisschen peinlich –, weil es mir einen Kick gegeben hat, dass ich es immer noch kann: komplett drogenfrei 36 h aufbleiben. Meine alte Superkraft, die mich früher Mitraver*innen immer etwas suspekt erscheinen ließ. Mein 90er-Jahre-Berlin-Roman würde deshalb auch <em>Spaßbremse</em> heißen. (Titelschutz! Ihr seid meine Zeug*innen.) Um jetzt nicht Straight Edge rüberzukommen: Ich habe im Leben schon ab und zu Drogen genommen, aber ich musste es halt nicht so um jeden Preis, und ich wollte es sehr oft auch nicht. Funfact: Als »Spaßbremse« bezeichnete mich 1999 ein zugekokster Weltkonzern-Erbe von moralischer Komplettverkommenheit,– es ist deshalb in meinen Augen ein Ehrentitel.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Noch etwas Altes: Linke Prekariatsmaskerade</h2><p>Mein öffentlich unverhohlenes Tennisglück ist mir selbst noch ein bisschen unheimlich, denn, ohne dass darüber groß gesprochen wird, ist es in bürgerlich linken Kreisen eher üblich, sein finanzielles Licht unter den Scheffel zu stellen. »Es« hat sich eingebürgert (der wirklich passende Begriff!), als Linke zu vertuschen, was am eigenen Leben privilegiert ist. Nicht nur die Herkunft (bei mir: geht so), die Ausbildung (bei mir: top), sondern auch das Eigentum und der Besitz, und zwar auch im Sinne von Eigentum und Besitz, auf die sich aus der zweiten Reihe zugreifen lässt.Ich nenne das »Prekariatsmaskerade«. Bisschen weniger arg als eine aufmarginalisierte Familiengeschichte, aber schon auch fragwürdig. Das Folgende mag sich jetzt lesen wie ein Nonmention-Austeilen gegen ganz bestimmte Individuen, tatsächlich aber kenne ich persönlich mindestens ein Dutzend Menschen, auf die es zutrifft, und in einigen Aspekten geißele ich mich auch offiziell selbst.</p><p>Bestimmt habe ich in einer früheren Folge schon mal über »Tomatenbrotlegenden« geschrieben. Darunter verstehe ich von wohlhabenden Menschen gern erzählte Anekdoten, wie sie mal drei Sekunden lang in ihrem Leben kein Geld hatten und deshalb drei Sekunden lang (okay, vielleicht auch drei Monate oder drei Jahre lang) nur Tomatenbrote oder täglich eine Tafel Schokolade zu essen hatten oder nur ein einziges Paar Schuhe besaßen oder aus Geldmangel eine Windel fürs Kind bei der Nachbarin schnorren mussten ... ihr versteht schon. Wichtig ist, dass diese Geschichte deutlich gerührt von der eigenen Entbehrung erzählt und am besten noch einer Person aufgedrückt wird, die man aktuell unbezahlt für sich arbeiten lässt, obwohl man selbst deutlich gut lebt. Für eine Tomatenbrotlegende muss man nicht links sein, Tomatenbrotlegenden einen die Dominanzgesellschaft.</p><p>Tomatenbrotlegenden sind aber keine richtige Prekariatsmaskerade, sie sind nur etwas schmierig und vor allem krass cringe.</p><p>Die linke Prekariatsmaskerade hingegen wird von nicht armen Menschen performt, die aktuell oder dauerhaft wenig Geld zum Ausgeben haben, also von Leuten wie mir.</p><p>Faktencheck: Ich verdiene in einem normalen Jahr unter zweitausend Euro brutto im Monat und habe deshalb nach Abzug aller Fixkosten relativ wenig Geld zur Verfügung. Meine zu erwartende Rente wird gerade mal ausreichen, um Lasers Katzenfutter zu bezahlen, meine Altersversorgung ist eine Katastrophe, ich erwarte auch kein Erbe. Mein Mann verdient etwas mehr und trägt auch mehr von den Kosten. Trotz unserer nicht sehr üppigen Einkünfte leben wir in einem eigenen Haus mit großem Garten. Es ist möglich, dass der Endzeitkapitalismus uns über dieses unbewegliche Eigentum noch zu Millionär*innen machen wird. Unser Haus ist klein, von außen oll und trotzdem mittlerweile so übertrieben viel wert. Dieser Umstand will nicht in meinen Kopf rein, denn ich hatte nie viel Geld und habe auch nicht danach gestrebt. Das Haus haben wir sehr günstig gekauft, auf Kredit mit kleinen Raten und ohne geerbtes Geld, vermutlich in der letzten Sekunde eines heute kaum noch vorstellbaren Berlins. Eine Kombi aus Umständen, die sich für uns glücklich zusammenfügten: Mein Mann arbeitete damals ein paar Jahre lang in Viel-Geld-für-die-Firma-machen-heißt-viel-Geld-von-der-Firma-bekommen-Jobs und verdiente wirklich unverschämt viel Geld. Irgendwann konnte er die Umstände menschlich nicht mehr aushalten und stieg aus. Es war aber in dieser Zeit hoher Einkünfte – quasi unsere Anti-Tomatenbrot-Zeit –, dass ich das Haus auf Immoscout entdeckte und »wir« den Kredit bekamen, nur sehr knapp, aber knapp ist auch geschafft. Faktisch sind wir also mittlerweile reich, auch wenn sich dies nicht in Geld, das wir konkret zur Verfügung haben, ausdrückt. Reich fühle ich mich wegen des Hauses und des Gartens insofern, als dass unser Leben hier Ruhe und Freiheit ermöglicht. Aber, und hier greift meine Prekariatsmaskerade: Ich fühle den finanziellen Reichtum nicht und sage oft, dass ich das Eigentum nur schätze, weil ich so zur Miete nie wohnen könnte, weil es zu teuer wäre. Aber, das ist doch letztlich nur frivoles Blabla, denn wen interessiert das? Was interessiert, ist, dass ich bekommen habe, was andere nicht mehr oder nie bekommen konnten. Ich bin reich, auch wenn mir das im klassischen Sinne nicht so erscheint. Ich bin reich, obwohl ich es mir sachlich betrachtet ökonomisch immer noch nicht leisten kann und nie leisten konnte, einen Indieverlag zu betreiben. – Ich bin reich, weil ich einen Schutzschirm habe: das Haus. Wenn alles reißt, kann das Haus beliehen oder verkauft werden. Keine schöne Vorstellung, aber eine reelle Möglichkeit.</p><p>Kleiner Einschub, weil so etwas vielleicht gar nicht allen bekannt ist – ich wusste es früher jedenfalls nicht: Wenn du irgendwie hinbekommst, dass dir eine Bank den Immobilienkredit gibt, zahlst du danach monatlich oft deutlich weniger ab, als die Miete deiner Wohnung vorher gekostet hat. Diese eine Kreditzusage ist wirklich wie die Erlaubnis zum Reicherwerden.</p><p>Wohnen im Eigentum ist nicht kostenfrei, aber die Kosten bewegen sich im Rahmen einer moderaten Miete und nicht einer realen Berliner Phantastik-Miete. Vermutlich werden wir, um das Haus halten zu können, auch als alte Personen weiterarbeiten, Reiche sein, die ein eher bescheidenes Leben führen. Daran nervt aber nur, dass wir es ökonomisch müssen, denn im Grund stehen wir auf ein einfaches Leben mit gelegentlichen hedonistischen Ausbrechern. Wir haben buchstäblich alles, was wir brauchen und schön finden: selbstbestimmten Wohnraum, Garten zum Niestillsitzen (beide) und Pflanzenanstarren (Ich), Katze, genug Raum, um sich auch gegenseitig in Ruhe zu lassen, genug Raum, um temporär Menschen, die es gerade brauchen können, zum Bleiben einladen zu können.</p><p>– Bei anderen nicht wirklich Armen mit relativ wenig Geld zur Verfügung sehe ich andere Ausprägungen der Prekariatsmaskerade. (Seid nicht sauer auf mich, ich bin ja, wie beschrieben, nicht besser.) Menschen haben kein Geld und buchen Tickets für Flugzeuge oder Züge grundsätzlich kurzfristig, was unnötig enorme Zusatzkosten erzeugt. Sie haben kein Geld und nehmen fast immer ein Taxi, was zehnmal teurer als die U-Bahn ist. Sie haben kein Geld und kaufen nie im Discounter ein. Sie sehen so selbstverständlich nicht aufs Preisschild, wie wirklich arme Menschen immer aufs Preisschild sehen. Ja, ich weiß, dass auch manche wirklich armen Menschen pathologisch über ihre Verhältnisse leben, aber das meine ich nicht. Ich meine Personen, die durch Achtlosigkeit unnötig viel Geld ausgeben, weil auch bei ihnen ein unsichtbarer Schutzschirm wirkt. Sie haben wohlhabende Elternteile oder Partner*innen, die ihnen immer wieder aus der finanziellen Scheiße helfen und sind sich ihres Reiche-Leute-Lifestyles oft nicht einmal bewusst.</p><p>Eine weitere Variante der Prekariatsmaskerade ist, wenn linke Personen in Eigentumswohnungen leben, es aber nicht aussprechen, nicht mal vor Freund*innen, niemals. (Sie werden ausnahmslos immer von irgendwem verpetzt.) Auch das gibt es häufig, ich kannte mal eine Bankdirektorstochter, die ihre Eigentumswohnung in einem schnieken Bezirk Berlins untervermietete und selbst zur Miete in einer abgefuckten Wohnung mit Hausbesetzer-Charme lebte. Natürlich musste sie im Studium nicht jobben, aber sie sah in ihren abgerissenen Vintageklamotten zehnmal mehr so aus als ich, die es musste.</p><p>Ich habe kein Problem damit, dass Linke, darunter auch Aktivist*innen manchmal aus wohlhabendem bis reichem Hause kommen. Aber ich glaube, die Linke wäre weniger zerrissen, wenn Menschen ihre im Vergleich kuscheligere Ausgangslage transparent machen würden. Nicht nur »Mein Haus, mein Auto, mein Pferd« ist ekliges Distinktionsgepose, auch das Verschweigen von eigenem Haus, Auto, Pferd kann es sein.</p><p>Wirklich arm sind Menschen, die monatlich nicht genug Geld für ein würdiges Leben <em>und</em> keinen privaten Rettungsschirm zur Verfügung haben. Wenn wirklich arme Menschen »über ihre Verhältnisse leben« und sich mal gönnen, was sie sich nicht leisten können oder aus Überforderung verpeilen, Rechnungen zu bezahlen, obwohl das Geld gerade ausnahmsweise noch da wäre, sind sie wirklich am Arsch, nachhaltig, oft für immer.</p><p>Wenn die mit dem Rettungsschirm das machen, wird es auch unangenehm, hässlich, peinlich. Da muss Papa gefragt werden, mit dem es Issues gibt, Mama, zu der Abstand gehalten werden möchte. Die Partnerperson, die »Schon wieder ... immer ... warum« sagt. Aber dann wird gerettet aka überwiesen, geklärt, geregelt. Nach der Rettung fühlt die nicht wirklich arme Person sich schlecht, fährt dann aber zumeist fort mit dem reichen Lifestyle, den sie zwar nicht weniger verdient als ein Machtknilch wie Christian Lindner, der sie aber diesem strukturell näherstehen lässt als der wirklich armen Person.</p><p>Ich bin auch nicht frei davon, mich wie die reiche Axt im Walde zu benehmen, nicht in Sachen Konsumverhalten, sondern bei der Unternehmensführung. Mein Sterntaler-galore-Wirtschaften würde gut zu einer Charity-Lady passen, die nicht aufs Geld sehen muss. Ja, und dann ist wieder großes Drama, und ich muss mir Geld leihen, um es wieder in Ordnung zu bringen. Zum Glück gibt es nahe Menschen, die es mir leihen, wenn auch zu Recht schimpfend. Danach stottere ich das Geld ab, vergesse allmählich, was war, und dann geht es wieder von vorne los. Aber auch wenn ich es immer wieder vergesse und so unnötige Fehler wiederhole, betrachte ich den Fail als mein eigenes Werk und nicht als Ungerechtigkeit der Welt. Ich bin nicht arm, sondern entscheide mich frei dafür, in einer Gesellschaft, die ein gutes Leben nicht selbstverständlich ermöglicht, gut und frei aka selbstbestimmt zu leben. Dafür bezahle ich mit Wenig-Geld-haben, es ist nicht optimal, aber es geht. Wirklich arme Menschen können dieses relativ gute Leben im Unguten meiner Einschätzung nach aktuell nicht erreichen. Deshalb ist es unsolidarisch, sich selbst als prekär lebend zu verorten, während andere Menschen dort verortet werden und festsitzen.</p><p>Viele Menschen, ich auch, sind sich ethisch und sozial zu fein, bestimmte Arbeiten zu übernehmen, mit deren Bezahlung die Haushaltskasse deutlich besser gefüllt würde. Ich wäre zum Beispiel eine exzellente Werbetexterin, arbeite aber nicht als eine. Das ist mein gutes Recht und das anderer Menschen auch. Aber meine mitmenschliche Pflicht ist es, dazu zu sagen, dass sie und ich in einem bestimmten Rahmen – bis zur gläsernen Decke, von wo aus einem dann weiße cis Männer zuwinken – eine Wahl haben, die andere Menschen nicht haben. »Ich würde jederzeit bei Aldi an der Kasse arbeiten« ist schnell gesagt, aber wirklich in solchen Jobs oder gar in der Fabrik gearbeitet haben nur meine Freund*innen ohne wohlhabende Eltern.</p><p>Und weil ich wirklich nicht gern über Geld nachdenke und spreche, schreibe ich jetzt auch noch den Rest auf. Wo lasse ich mein Geld?</p><p>Ich lebe in vielerlei Hinsicht bescheiden und gebe wenig Geld aus. Kaum Restaurantbesuche, kaum Alkohol, keine anderen Substanzen. Aber das ist kein Verdienst, es zieht mich einfach nicht dazu hin. Ich liebe schöne Klamotten, aber trage immer für längere Zeit im Wechsel dieselben zwei Kleider, die dann irgendwann durch zwei neue ersetzt werden müssen. Als figürlicher Normi mit Sinn für Styles, die andere hängenlassen, shoppe ich von jeher günstig bei Zara oder H&amp;M. Käufe von einzelnen Stücken für über hundert Euro, etwa für Stiefel, fallen mir mental schwer, was praktisch ist, denn ich kann sie mir tatsächlich nicht oft leisten. Etwas richtig Teures für 500 Euro oder mehr kaufe ich nur etwa alle zehn Jahre, wenn ich an nichts mehr anderes denken kann als an diese WARE, zuletzt war es eine Chanel-Brille. Diese, meine erste Brille überhaupt, hat wirklich schwindelerregend viel Geld gekostet, aber sie ist wunderschön, auch erhaben und steht mir gut – ich werde sie ohne jeden Zweifel bis zu meinem Tod tragen, außer, ich zerstöre sie vorher versehentlich. Ich habe auch noch zwei etwas teurere Sonnenbrillen, aber die sind schon alt und auch für immer. Teuer meint über hundert Euro, nicht teuer wie eine Chanelbrille. Abgesehen von systemsprengenden Ausgaben für Chanel-Brillen brauche ich ungefähr 500 Euro pro Jahr für Kleidung. Ein relativ stabiler Stil spart tatsächlich Geld &gt;&gt;&gt; klingt gut, ist aber nur innerhalb der Nicht-richtig-arm-Logik wahr. (Der Popperdude von der WELT, dessen Namen ich nicht mehr nenne, hat mal gesagt, dass teure Designerkleidung kaufen letztlich billig wäre, weil sie länger hält. Augenrollsmiley.)</p><p>Kosmetik ist bei mir ein ganz niedriger Finanzposten: Ja, ich trage immer den gleichen teuren YSL-Lippenstift, davon brauche ich zwei pro Jahr, aber sonst nur Billig-Lotion, -Concealer, -Deo, -Shampoo. Zu besonderen Anlässen weißen 3-EUR-Glitter aus dem Bastelladen auf die Lider. Das Döschen reicht für zehn Jahre. Mein immer gleiches Parfum lasse ich mir alle zwei, drei Jahre schenken. Alles zusammen Ausgaben unter 150 Euro im Jahr. Auch hier gilt: Ich bin nicht so low key, weil ich das ethisch toll finde, sondern weil ich keinen besonderen Sinn dafür habe. Ohne die genannten Produkte würde ich mich schrecklich fühlen, aber mehr wäre auch irgendwie Stress.</p><p>Oh, aber das Gold, mein nicht weniger Goldschmuck, wartet, ich gehe ihn mal wiegen. ... Rechnet man grob die Legierungen ein, besitze ich ungefähr 50 Gramm reines Gold. So doll ist das auch nicht. <em>Suchmaschint.</em> Ich bekäme heute dafür ungefähr 2.500 Euro. So viel kostet eine viertel Birkin Bag, mickrigste Ausführung. Trotzdem wäre mein Goldschmuck das einzige Gut bei uns im Haus, das Einbrecher*innen mitnehmen würden. Okay, und jetzt vermutlich noch die Chanelbrille. Obwohl wir gefühlt und vermutlich auch buchstäblich alles haben und das meiste in schön. Aber alles ist ein bisschen oll oder hat Risse, Abplatzungen, aber nicht als gewollter Shabby Chic, sondern als Resultat von Leben.</p><p>Im Haushalt verursache und trage ich 1.000 Euro Kosten. Also für Essen, Strom, Wasser, Müll, Grundgebühren, Haus-Instandhaltung etc. Das meiste freiwillig von mir ausgegebene Geld schluckt der Verlag, weil Verlegen viel kostet und in der Zeit des Verlegens nicht anders Geld verdient werden kann. Verlegen ist der einzige Posten, der mich jährlich mehrere tausend Euro kostet, selbst jetzt, wo ich länger schon keinen neuen Titel veröffentlicht habe.</p><p>Ungefähr dreihundert Euro im Jahr gebe ich für Bücher und Magazine aus, eine ähnliche Summe für Streaming-Abos. Ein bisschen günstiger ist das Tennis. Ansonsten kaufe ich mir eigentlich nur noch ab und zu mal ein Eis. Also knapp tausend Euro für Hobbyfreizeitsportunterhaltung. Nicht richtig wenig, nicht richtig viel.</p><p>Reisen reizt mich aktuell null, vermutlich weil ich insgeheim darauf hinarbeite, ganz nach Italien zu ziehen. Meloni soll sich, damit mein noch offener Lebenstraum nach Tennis wahr werden kann, bitte asap mit von der Leyen nach Nordkorea verpissen. – Ihgitt, habt ihr das Foto gesehen, wie sie sich so einträchtig niederträchtig an den Armen halten: <em>Komm, Schwester, lass uns zusammen postfaschistisch Leute sterben lassen.</em> – Ich muss nicht reisen, weil es bei mir zuhause und im Garten superangenehm ist. Früher habe ich eine Menge Geld für Pflanzen ausgegeben, aber mittlerweile ist der Garten so, wie ich ihn schön finde und alles wächst von selbst nach. Nein, unbekannter Protestanten-Boomer, es ist nicht langweilig, wenn maus alles hat, es ist schön. Ich bin ja auch nicht wunschlos glücklich, möchte zum Beispiel noch ganz unbescheiden eine gewaltfreie Welt. Der Garten ist jetzt also günstig, aber nur, weil er früher teuer war. Es gibt überhaupt eine Menge Stellen in meinem Leben, die ich am heutigen Tag als super nachhaltig und günstig vermarkten könnte – Image, GFY –, aber es ist eben wichtig, den Weg dorthin in die Lebens- und Lifestyle-Bilanz miteinzubeziehen. Beispielsweise würde ich, wenn früher irgendwann das Geld dafür gereicht hätte, ganz sicher einen sandsteingefassten Pool besitzen, für den ich mich neuerdings schämen würde. Mit diesem Wissen über sich hält so eine Generation-X-Person wie ich echt einfach besser den Mund und beschränkt sich darauf, Jüngere bei ihrem Weg dezent zu unterstützen.</p><p>– Ach, ist das schön, endlich wieder schlaufenförmig instantan zu schreiben. –Was ich sagen wollte: Auch ohne ausdrückliches Hedonismus-Label sollten Linke kommunikativ ein bisschen weniger unaufrichtig mit ihrem Haben und ihren Gönnungen sein, denn für die gemeinsame Sache zählt der Blick in die gleiche Richtung, nicht das Stehen auf der gleichen Position. Ersteres ist auch viel besser machbar, wenn Letzteres nicht vorgetäuscht wird.</p><p>Es ist mir eine Weile lang richtig schwergefallen, in Gesprächen nicht dezent auszulassen, dass »unser Haus« wirklich <em>unser</em> Haus ist. (Positiv betrachtet zeigt das, dass ich nicht nur mit anderen weißen cis het Akademiker*innen am Stadtrand abhänge.) Mittlerweile kommt mir diese Unbehaglichkeit längst wieder absurd vor. Umsehen lernen ist nicht nur ethisch richtig und sozialpolitisch wichtig, sondern auch persönlich befreiend.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Altes: Pool- und Purzelbaumfüchse</h2><p>Jedes Jahr leben wir für einige Wochen mit jungen Stadtlandfüchsen, die mindestens zweimal am Tag durch den Graben im Garten rennen, meist allerdings machen sie sehr viel mehr. Sie lungern bei uns rum und treiben Unfug.</p><p>Unter den menschlichen Mitgliedern des Haushalts verursacht dies jedes Jahr wieder die gleiche emotionale Entwicklung:</p><p>Phase 1: »Wie cuuuuuuuute!«</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/f9f3232c-19b0-4db4-be16-0329806ebc15/uploads/images/x4ididwy5k/ff%20fuchsi20190615_224659.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Kleiner Fuchs im Garten"/><p>Phase 2: »Hahaha, sieh mal, sie sind wieder nebenan am Pool.«</p><p>Phase 3: »Die sollen aber bitte den Kater nicht stressen ...«</p><p>Phase 4: »Wenn die noch mal auf die Wiese kacken, raste ich raus.«</p><p>Phase 5: »So, jetzt reicht es auch mal wieder, ihr seid groß genug, verpisst euch, sucht euch woanders ein Revier.«</p><p>Phase 6: »Geeeeeeeeeeeeh weeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeg.«</p><p>Über die Jahre haben wir gelernt, in dieser Zeit draußen besser keine Schuhe stehen- und Gartenhandschuhe liegen zu lassen. Die bei uns abgelegten Schuhe und Handschuhe der Nachbar*innen sind kein akzeptabler Tausch. Coffe-to-go-Becher und Brötchentüten sollten ebenfalls bitte nicht einfach bei uns in den Garten geworfen werden, das muss doch nicht sein.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/f9f3232c-19b0-4db4-be16-0329806ebc15/uploads/images/q5c7efvpnl/5D0C29B2-B8C8-47C5-B29F-6965BCBD0E73.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Coffe-to-go-Becher und Brötchentüte im Garten"/><p>Auch sorgen wir uns um Laser, obwohl Füchse eher tote Katzen fressen und nur kleine, kranke und altersschwache Katzen angreifen. Er ist immerhin schon 14, wenn auch sehr fit. Aber Laser ist relativ klein. Deshalb sieht er sich in der Fuchszeit lieber einmal mehr um. Nachbars erhabener, leider jung verstorbener, Freddy of Diamond Castle, Gött*innen haben ihn selig, hatte sicherlich weniger Grund zur Fuchsvorsicht.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/f9f3232c-19b0-4db4-be16-0329806ebc15/uploads/images/eofwhovqfw/fflaser_druckf%C3%A4hig_freddy.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Riesige Katze mit orangen Augen hinter Zan"/><p><em>Freddy (†), Opfer der Überzüchtung, aber nicht der Füchse</em></p><p>Vor ein paar Wochen diskutierten mein Mann und ich darüber, was der bislang niedlichste Gartenmoment gewesen sei. Seiner: »Als ich aufgrund der Geräuschlage erwartete, im Dunkeln einem Monster zu begegnen und mich im Schein der Taschenlampe oben über den Zaun das allerniedlichste Waschbärbaby anstarrte.« Meiner: die in der umgestürzten Weide Purzelbäume schlagenden Disney-Füchse.</p><p>Am gleichen Tag noch rannten mein Mann und ich wie ein lebendig gewordenes Meme durch den Garten und machten uns vor den Füchsen, Laser und uns selbst komplett lächerlich, indem wir mit flackernden Augen gegen Metallgießkannen schlugen, mit dem Schlauch durch die Gegend spritzten und <em>ksch ksch</em> schrieen, während wir möglichst furchteinflößend auf den Boden stampften. Unser »Gegner« dachte, wir wollten mit ihm spielen und kam lieb äugelnd immer weiter auf uns zu. Der Kater saß unbewegt daneben und sah noch genervter als sonst aus.</p><p>»Ich rufe jetzt den Jäger an, der erschießt die nicht, der fängt die nur.«</p><p>»Neeeeiiiiin, das ist ein Nazi mit Runenschrift auf der Visitenkarte, der fängt die und erschießt sie dann zuhause.«</p><p>(Der Jäger hatte im letzten Jahr geklingelt, nachdem ein besonders elend aussehender Fuchs in die nahegelegene Kita gelaufen war. Er bot an, wir könnten immer anrufen, und er würde sich dann bei uns im Garten auf die Lauer legen.)</p><p>Obwohl wir nicht den Jäger riefen, war die Mischung aus Scheitern und Scham ziemlich unangenehm. Wir fühlten uns schäbig. Ich kam mir ein bisschen so vor wie ein frauenfeindlicher Fascho, der »unsere Frauen vor den fremden Männern« schützen will. Hatte Laser sich jemals ängstlich an mich gedrückt und so körpersprachlich um Schutz vor Füchsen gebeten? Nein. Ich kämpfte also gegen eine von mir selbst konstruierte Gefahr bzw. will ich, wenn ich ehrlich bin, Füchse nur für ein niedliches Foto im Garten haben und danach nicht mehr, weil ich selbst ein bisschen Angst habe. (Mich selbst bei solchen unschönen Mentalmechanismen zu ertappen, mag ich ganz gern, weil ich sie dann rational bearbeiten und potenziell überwinden kann.)</p><p>Die eigentliche Babyfuchsphase haben wir dieses Jahr leider nicht mitbekommen, sie sind hier gleich als Jugendliche aufgeschlagen. Hier bei der Poolparty in Abwesenheit der Nachbarin.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/f9f3232c-19b0-4db4-be16-0329806ebc15/uploads/images/jl36sjnye6/86F3FD0C-F841-4C1A-9B05-27CD5B23A0D9.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Junge Füchse auf Poolmauer"/><p>So ähnlich wie ich zu ihr hinüber (haha, wenn sie wüsste) muss sie im Mai 2022 herübergesehen haben, als in unserer Abwesenheit Jugendlichen-Dauerparty war. Was mich zu einem anderen Thema bringt, dazu gleich mehr.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas (relativ) Neues: Auszeichnungsinflation</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/f9f3232c-19b0-4db4-be16-0329806ebc15/uploads/images/xnjpekqjvf/BC0AA338-A6AC-473A-8AB5-AF79B0343013.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Cartoon, der Untergang Roms mit Lorbeerkranz-Inflation erklärt"/><p><em>Quelle: New Yorker, September 19, 2022</em></p><p>Obiger New-Yorker-Cartoon erinnerte mich daran, dass ich schon lange über ein kurioses kulturelles Phänomen schreiben wollte, das erst in diesem Jahrtausend aufgekommen ist: die Auszeichnungsinflation.</p><p>Vor etwa zehn, fünfzehn Jahren, als meine Kinder noch klein waren, fiel mir auf, dass ihnen in Schule und auch zu Kindergeburtstagen sehr viele Auszeichnungen zuteil wurden: Pokale, Medaillen, Urkunden. Preise für alles mögliche. Das fand ich zunächst sympathisch, weil angenehm anders als früher, wo nur ganz wenige kompetitive, strebsame Leistungslichtgestalten Sport- und Bildungsauszeichnungen bekamen: Ehrenurkunden bei den Bundesjugendspielen, Medaillen und Pokale bei Vereinssport-Wettbewerben, Buchgeschenke für herausragende Leistungen am Ende des Schuljahres. Mit mir als Kind hatte das alles nichts zu tun, obwohl ich in der Schule und im Sport meistens ganz gut war, aber eben nur ganz gut, das war damals fernab von preiswürdig. Ich bekam ab und zu bei den Bundesjugendspielen eine Siegerurkunde, und einmal durfte ich zum städtischen Vorlesewettbewerb, aber für eine Urkunde hätte ich den gewinnen müssen und das tat ich nicht.</p><p>Meine Kinder häuften gefühlt bereits in den Windeln Preise und Auszeichnungen an, dabei waren sie genauso wie ich, immer ganz gut, aber zu faul und zu wenig ehrgeizig, um bei irgendwas das Feld anzuführen. Good for them, dachte ich, es schadet ja nicht, möglichst Vielen möglichst oft zu spiegeln, dass sie was können, und so handelte ich für eine Weile selbst in diesem Geiste.</p><p>Als mein eines Kind zum Geburtstag bowlen wollte, bestellte ich online kleine Pokale mit Marmorsockel, graviert mit dem Titel und Datum des Events. Ja, für alle eingeladenen Kinder, nicht zuletzt, damit der Jubilar ganz sicher einen Pokal abbekommen würde. Der Kaufpreis für die Pokale war ziemlich niedrig, und so war das Ganze nicht teurer als die sonst bei bei Kindergeburtstagen übliche Ration an mitgegebenen Süßigkeiten und Minispielzeugen, warum also nicht. Naja, aus heutiger Sicht wirkte ich damit einmal mehr an der Überflutung des Planeten mit unnötigem Mist mit, aber das ist ein anderes Thema. Im heutigen Kontext interessanter ist, dass die Kinder völlig unbeeindruckt von den Pokalen waren, nicht enttäuscht, sie nahmen sie gern an, aber ganz klar unbeeindruckt. Ihnen hatte das Bowlen gefallen, und der Pokal war eine Erinnerung daran. Mehr als eine Erinnerung war er ja auch wirklich nicht. Das Geburtstagskind, lustigerweise ganz von selbst auch der Sieger, bekam seinen Pokal, der im Vergleich nichts wert war, und die anderen Kinder einen, der das Konzept eines Pokals ad absurdum führte. Meinem Kind war der Pokal genauso leicht positiv schnuppe wie allen anderen. Genauso wie der Kunstpreis des Gymnasiums, den er später gewann, sogar zweimal. Beim zweiten Mal vergaß er, uns davon zu erzählen. Diese Kunstpreise hatte er verdient, seine Arbeit war wirklich toll gewesen. Natürlich hätten auch ein paar andere in den jeweiligen Jahren den Preis verdient gehabt, was zeigt, dass Preise an sich, weil unnötig exklusiv, aus vielen Kontexten besser verschwinden sollten. Trotzdem ist es bemerkenswert, dass mein Kind keine sonderliche Freude über diese Preise empfand. Seine Reaktion war eher belustigt, weil selbst gar nicht begeistert von den ausgezeichneten Arbeiten. Vielleicht waren es für ihn solche Projekte gewesen, die kreative Nichtstrebsame ab und zu der Noten wegen extra so hinfrisieren, damit es Lehrer*innen gefällt. Ich selbst bekam einst für eine maximal cringe »gesellschaftskritische« Schleimarbeit (silbern angesprühte Installation: Dinosaurier neben einem Atomkraftwerk) meine einzigen 15 Punkte in Kunst ever.</p><p>Jedenfalls freute er sich über diesen aus meiner Sicht »echten« Preis genauso minimal berührt wie über die vielen Dumping-Preise. Die inflationär vergebenen Auszeichnungen brachten, zumindest in meinem sozialen Umfeld, eine Generation von Auszeichnungsabgestumpften hervor.</p><p>– Was ist denn jetzt los, neoliberale Kulturkritik bei Frau Frohmann, will sie ernsthaft echte Preise nur für echte Leistung?</p><p>Nein, keine Sorge. Ich plädiere nur für nicht inflationär vergebene Pokale in freiwillig kompetitiven Kontexten. Also echte Sieger*innenurkunden für Menschen, die es toll finden, Bundesjugendspiele zu machen. Beim Turnen, was mein selbst gewählter Kindheits- und Jugendsport war, hat es sehr, sehr lange gedauert, bis ich richtig gut war. Die einzige Medaille, die ich mal bei einem landesweiten Wettkampf gewann, war mir entsprechend viel wert. Zu den Bundesjugendspielen wäre ich vermutlich freiwillig nicht gegangen, auch nicht mit dem Wissen, vielleicht eine Urkunde zu bekommen. Ich wäre in der Zeit lieber zusammen mit den anderen Nichtleichtathlet*innen im Freibad gewesen, hätte freiwillig Sprünge vom Zehner gemacht und zwischendurch Pommes mit Mayo und Ketchup sowie drei Eis gegessen.</p><p>Also lasst Menschen, auch Kinder, selbst entscheiden, ob und wann sie Wettkämpfe machen möchten und werft dann da nicht mit zu vielen Preisen um euch.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Geborgtes: Ein Zitat</h2><p>Till Lindemann hat die bislang beste Beschreibung des verlegerischen Konzepts von Kiwi geliefert.</p><p>»In den ersten Sekunden einer Ablegerversion des XXX-Clips, der sehr viel mehr Sex, in dem Fall vor allem Oralsex, von Till Lindemann zeigt und zum Teil unter dem Titel ›Till The End‹ im Netz kursiert, ist in den ersten Sekunden eine junge blonde Frau zu sehen, die ein von einem Dildo durchbohrtes Buch in der Hand hat. Dabei handelt es sich um <em>In stillen Nächten.</em> Im weiteren Verlauf sind weitere Frauen zu sehen, die sich liebkosen. Eine dunkelhaarige Frau wendet sich Lindemann zu, leckt ihm erst die Zehen, während er auf einem Tisch liegt, und hat später mit ihm sehr rüden Oralsex und auch Geschlechtsverkehr. Während der Dildo auch für andere Zwecke gebraucht wird, ist das durchstoßene Buch noch einmal in einer Sequenz zu sehen, in der darin mehr oder minder gelesen wird, bzw. zwei helle Augenpaare durch die Löcher hindurchschauen. Später ist es Unterlage für das Gemächt des Rammstein-Frontmanns, das er durch eines der Löcher gezogen hat, um dann Oralsex zu erhalten.«</p><p>(Zitat aus dem <em>Rolling Stone-</em>Artikel <a href="https://www.rollingstone.de/till-lindemann-porno-rammstein-till-the-end-2594123/">„Till the End“: Über diesen frauenverachtenden Porno von Till Lindemann sprechen jetzt alle</a>)</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Unheimliches: Social-Media-Blobs</h2><p>Weil ich vor langer Zeit das mich persönlich belastendste Beispiel aus meinem digitalen Gesichtsfeld verbannt habe, ist mir das Phänomen Social-Media-Blobs beinahe in Vergessenheit geraten. Aber eben bin ich wieder auf einen Blob gestoßen, deshalb kurz zur Erinnerung. Ein Social-Media-Blob ist eine Person, die sich jedes Thema, mit dem sie seit einer Minute Berührung hat, instant aneignet und es dann, weil sie Reichweite hat, geldwert durchnudelt, um es dann einige Monate später später verblobbt, ausgehöhlt, verflacht, entwertet zurückzulassen. Bis dahin hat so ein Social-Media-Blob aber auf alle Fälle noch einen Medienpreis und einen Buchvertrag eingesackt. Menschen, die sich mit Themen etwas gewissenhafter beschäftigen oder schlicht länger als seit drei Minuten, stehen staunend bis schockiert daneben und werden noch beim Staunen von den Blobs bereits unsichtbar gemacht. Social-Media-Blobs blobben sich so gewaltig auf, dass sie wie eine Tarnkappe für alles in der thematischen Nähe wirken, schlimmer, auch für alle, auch für Menschen. Blobs machen ja keinen Unterschied zwischen Dingen und Menschen, alles wird Thema und illuminiert den Blob aufs Schönste. Ach, was der Blob nicht alles kann, Instrumente spielen, in Afrika Brunnen graben, backen, Leute beim Sterben begleiten, schreiben, Podcast machen, fotografieren, die Welt retten, beste cute Selfies machen, malen – so ein Tausendsassa. So schön, so begabt, so gut, so lieb, so strahlend. Das Leiden anderer Menschen möchte ein Social-Media-Blob aber nur vorgeblich lindern, in Wirklichkeit benutzt er es, um als Savior dazustehen. Menschen mit einigermaßen stabilen ethischen Werten lassen schon immer oder weil sie auf Twitter dazugelernt haben, die Hände von Sozialkitsch,– der Social-Media-Blob aber badet darin: »Als ich kürzlich meinem Lieblingsobdachlosen, obwohl ich niedergeschlagen war, ein Lächeln schenkte, sagte er zu mir: Wenn nur alle Menschen so wären wie du, die Welt müsste nicht gerettet werden.« Erfundenes Beispiel, aber ihr werdet das Prinzip erkennen. Menschen existieren für den Blob nur, damit der Blob sich in Beziehung zu ihnen als strahlend wunderbar präsentieren kann.</p><p>Fühlst du dich beim Lesen gerade schlecht, weil du selbst schon mal an und in einen Blob geraten bist? Musst du nicht, es ist nicht peinlich, auf Blobs reinzufallen, in einen Blobsog zu geraten, denn Social -Media-Blobs wirken unglaublich echt. Eine Erklärung dafür ist, dass sie als Teil ihrer Performance scheinbar sympathisch ehrlich, in Wirklichkeit aber social-media-gewieft kalkuliert auf persönliche Schwächen hinweisen: <em>Oh, ich bin so putzig tollpatschig. Oh, ich bin so sympathisch undiszipliniert.</em> Das sind im Blobkontext aber alles gar keine Schwächen, denn es zählt ja nur, dass alle dem Blog, äh, Blob folgen und den Blob feiern, nicht genug vom Blob bekommen können, gar nicht darüber nachdenken, ob das alles so Hand und Fuß hat, was der Blob so erzählt. Letztlich ist es sowieso ziemlich egal, was der Blob gerade erzählt, Hauptsache, in seiner digitalen Nähe fühlt es sich so gut, so kuschelig, so lebendig an. Sich lebendig fühlen, das können sehr viele Menschen tatsächlich nicht so gut aus sich selbst heraus.</p><p>Social-Media-Blobs sind, formal betrachtet, Influencer*innen, durchlässig für von allen Seiten strömenden Input und andere Menschen mitreißend, ich sage dazu »digitalcharismatisch«. Aber nichts gegen Influencer*innen, es gibt ja sehr viele, die tolle Arbeit machen, tolle Menschen sind oder, was auch schon genügt, keinen gesellschaftlichen Schaden anrichten. Viele meiner besten Freund*innen sind Influencer*innen, wirklich wahr. Social-Media-Blobs sind die unangenehmere Variante von Influencer*innen oder, besser gesagt, eine unangenehme Variante, denn es gibt ja auch rechte Influencer*innen, die sind auch sehr unangenehm.</p><p>Genug der Blobkunde. Wenn ihr Freude an einem bestimmten Social-Media-Blob habt, gönnt euch. Setzt nur nicht zu allzu hohe menschliche Erwartungen in ihn, dann wartet keine große Enttäuschung auf euch und ihr könnt jederzeit die Membran durchstoßen und zur Seite wegtauchen.</p><p>Denkt gern mal nach und überlegt, welchen Social-Media-Blobs ihr folgt.</p><p>Vielleicht bin ich ja auch einer ...</p><p>Emotional exvolviert dem Blobben einer Person, manchmal auch eines Paares oder einer Gruppe zuzusehen, ist sehr aufschlussreich und gedanklich anregend. Es kann sogar extrem unterhaltsam sein, weil mit nur ein bisschen Distanz alles ziemlich grotesk wirkt. Ich habe von jeder Person, die ich als Social-Media-Blob einordne, einen Screenshot von einer Art Blob-Implosion, wo sie etwas gepostet hat, das wegen des Ausmaßes von Selbstherrlichkeit, Unverfrorenheit und menschlicher Brutalität bei Follower*innen eigentlich zu Entsetzen hätte führen müssen. Aber es braucht wohl wirklich Distanz, um das sachlich wahrnehmen zu können aka das Kind aus dem Märchen <em>Des Kaisers neue Kleider </em>sein zu können, das sagt<em>: </em>»Aber er hat ja nichts an!«</p><p>Fairerweise muss gesagt werden, dass die Social-Media-Blobs meist wirklich viel können, also gar nicht komplett nackt dastehen müssten, wenn sie nur nicht derart berauscht von sich selbst irgendwann jedes Maß verloren hätten. Ach, ist ja doch das Gleiche wie im Andersen-Märchen, denn der Kaiser war ja auch Kaiser und hat es damit nicht bewenden lassen.</p><p>Also gönnt euch Blob Watching am besten nur aus der sicheren Distanz und auch nicht zu oft. In frei verfügbarer Zeit lieber mehrheitlich mit positiven Dingen beschäftigen und so Kräfte sammeln für die Revolution.</p><p>Unheimlich sind die Social-Media-Blobs nicht im klassischen, emotional spürbaren Sinne, sondern eher konzeptuell, weil ihre schädliche, Menschen objektifizierende Wirkung sich hinter einer besonders zugewandten, menschenfreundlichen Performanz verbirgt, vermutlich teilweise sogar für die Performer*innen selbst. Daran ist etwas Dämonisches.</p><p></p><hr aria-hidden="true"/><h2>Rubrikloses</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/f9f3232c-19b0-4db4-be16-0329806ebc15/uploads/images/2qsz3t47ne/nf_vomleben_acnh_blicken%20lassen.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Textkachel: Manchmal stelle ich mir vor, dass gute Freund*innen von mir auf Laseronia, meiner Insel im Spiel Animal Crossing, mit Villagern plaudern, die zu ihnen sagen: »Nein, hier hat sie sich auch seit Monaten nicht blicken lassen. Vielleicht sind es mittlerweile sogar schon Jahre.«

#VomLeben"/><p></p><p><em>Ich musste vor ein paar Wochen kurzfristig einen heimlichen Twitteraccount anlegen, um für ein Buch zu screenshotten. Und so wurde ich empfangen.</em></p><p></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/f9f3232c-19b0-4db4-be16-0329806ebc15/uploads/images/jhazsftxok/nf91%20und%2092_twitter%20folgen.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Screenshot mit Twitter-Folgeempfehlungen, die 1. Elon Musk, die 2. die Tagesschau, die 3. WELT."/><p></p><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/f9f3232c-19b0-4db4-be16-0329806ebc15/uploads/images/6enqaacymw/nf_multipelfolge_privatstra%C3%9Fe.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Textkachel: Heute wird unser letztes Auto für uns Geschichte werden. Eine Straße weiter ziehen gerade Menschen in neu gebaute Einfamilienhäuser ein. Zu den Gebäuden im Baushausstil gehören je ein Carport und zusätzlich ein Parkplatz direkt vor dem Haus, diesseits des hohen Grundstückzauns.  Menschen haben da jetzt ihre eigene, zur Straße hin eingezäunte Mikro-Privatstraße, nur zum Parken. In meinem Kopf höre ich sie sprechen: »So sind wir auch vor den Klimaklebern sicher, Schatz.«

#BürgerlicheParallelgesellschaften"/><p></p><p>Wie viele Gregor-Samsa-Tweets Tag um Tag, Jahr um Jahr geschrieben wurden, und als es dann während der Pandemie wirklich passierte, dass Viele ihr altes Selbst verloren und verkäferten, wurde es kaum registriert und gesellschaftlich einfach hingenommen.</p><hr aria-hidden="true"/><h3>Ein Laser-Daumenkino oder: Ich habe genau gehört, dass ihr schon wach seid!</h3><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/f9f3232c-19b0-4db4-be16-0329806ebc15/uploads/images/qjnnvei43a/fflaserdauemnkino120210510_065513.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Durchs Fenster fotografierte Katze liegt abgewandt auf Veranda, schläft."/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/f9f3232c-19b0-4db4-be16-0329806ebc15/uploads/images/qn77knsv6i/fflaserdauemnkino2.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Durchs Fenster fotografierte Katze liegt abgewandt, dreht den Kopf."/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/f9f3232c-19b0-4db4-be16-0329806ebc15/uploads/images/tgys7kxjsy/fflaserdauemnkino3.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Durchs Fenster fotografierte Katze steht auf, blickt empört."/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/f9f3232c-19b0-4db4-be16-0329806ebc15/uploads/images/t3xpx3afnc/fflaserdauemnkino4.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Durchs Fenster fotografierte Katze blickt empört Fotografin an, öffnet das Maul."/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/f9f3232c-19b0-4db4-be16-0329806ebc15/uploads/images/knbhayrohr/fflaserdauemnkino5.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Durchs Fenster fotografierte Katze sieht sehr wütend aus."/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/f9f3232c-19b0-4db4-be16-0329806ebc15/uploads/images/bvfcmfmjva/fflaserdauemnkino6.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Durchs Fenster fotografierte Katze erscheint mit Pfoten und Kopf auf der Fensterbank."/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/f9f3232c-19b0-4db4-be16-0329806ebc15/uploads/images/d5aovbqn3s/fflaserdauemnkino7.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Durchs Fenster fotografierte Katze steht mit weit offenem Maul und wütendem Blick auf der Fensterbank."/><h3></h3><hr aria-hidden="true"/><h2>Ein neues Wort für euch</h2><p>Mit sehr vielen Beschimpfungen beleidigt man Menschengruppen mit, die wirklich gar nichts dafür können. Das ist nicht gut. Ab jetzt verwendet als schlimme Beschimpfung bitte »Böson« (kurz für »böse Person«), ohne Artikel.</p><p>»Böson von nebenan hat gesagt ... ah, da haben sich ja zwei Bösonen gefunden.«</p><p>Gern geschehen.</p><hr aria-hidden="true"/><p></p><h2>Präraffaelitische Girls erklären #UmsehenLernen</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/f9f3232c-19b0-4db4-be16-0329806ebc15/uploads/images/j7q7pky2ro/fv_pg_btd_gier%20%C3%BCberwinden.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p></p><p>Zurück zu Bösonen und Gierigen. Bis nächste Woche. Seid lieb, nur nicht zu Nazis.</p><p>XOXO,<br/>FrauFrohmann</p><p></p><p>#BlobWatching #Böson #Bösonen #Prekariatsmaskerade #Poolfüchse #PGExplaining #SocialBlob #SocialMediaBlob #Tennis #TennisStigmata #Tomatenbrotlegende #Tomatenbrotlegenden</p><p></p><h2></h2>]]></content:encoded>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/f9f3232c-19b0-4db4-be16-0329806ebc15/uploads/images/rrsd5hep6q/nf_xyz_cover.png?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;fm=jpg&amp;crop=faces" medium="image"/>
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      <pubDate>Sun, 20 Aug 2023 21:36:40 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Sonderfolge]]></title>
      <description><![CDATA[Ein Text über die weiße Empathieblockade]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Ich quäle mich gerade sehr mit Denkproblemen und Handlungsschwierigkeiten herum, deshalb veröffentliche ich heute einen Text auf eigene Faust, den ich vorher vergeblich Redaktionen angeboten habe. <em>Zu aktivistisch, nichts für unsere Leser*innen, passt leider nicht rein. Aber inhaltlich so wahr, so toll, Christiane, wirklich.</em></p><p>Die Ablehnungen haben mich nicht wirklich überrascht, der Text handelt ein bisschen auch davon, warum sie gegenwärtig fast zwangsläufig erfolgen müssen.</p><p>Mir ist der Text außerordentlich wichtig. Vielleicht teilt ihr ihn, hier ist der Link.</p><a href="https://frohmannverlag.de/blogs/frau-frohmann/umsehen-lernen-die-weisse-empathieblockade">https://frohmannverlag.de/blogs/frau-frohmann/umsehen-lernen-die-weisse-empathieblockade</a><p>Der fluffige Vierfolgen-Newsletter in Romanlänge ist auch zu 80 % fertig und kommt dann bald.</p>]]></content:encoded>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/0d23d25d-a741-4f0a-a1ad-988b542fbc9c/teaser_image/1686663139?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;fm=jpg&amp;crop=faces" medium="image"/>
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      <pubDate>Tue, 13 Jun 2023 13:32:20 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Doppelfolge 89 und 90]]></title>
      <description><![CDATA[Denken / 90s / Zeitenwende in Entenhausen / Zeitenwende beim Katersalon / Zwei Zitate von Marieluise Fleißer / Düstere Dame: Caterina da Bologna / Willij / PGExplaining]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>CW: Achtung: Diese Ausgabe enthält in der Sektion <em>Etwas Unheimliches</em> ein ziemlich unheimliches Bild. #ScrollJumpScare.</p><hr aria-hidden="true"/><h2></h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/03450a68-98ad-4d63-9f76-5a4d9520a6fa/uploads/images/uqrhvre7ty/nf89%20und%2090_cover.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Cover mit New-Frohmanntic-Schriftzug auf unscharfem Foto, das eine Person in grasgrünem Sweatshirt, rosa Jogginghose und goldenen Schlappen zeigt. Die Zehennägel sind orangerot lackiert. Schemenhaft ist im oberen Bereich auf dem Shirt ein Goldanhänger in Katzenform zu erkennen."/><p></p><h2>Vorweg</h2><p>Wisst ihr, was gut ist, obwohl Patriarchat und Kapitalismus schlecht sind? Frühling. Stopft euch die mentalen Taschen mit Frühling voll, dann wird immer noch nicht alles gut, aber das Leben fühlt sich mehr wie Leben an.</p><p>Wisst ihr, was schlecht ist, obwohl Frühling gut ist? Migräne. Das permanent wechselnde Wetter beschert mir seit Wochen ein regelrechtes Migränefestival. Das ist einerseits typisch April, oh, es ist ja schon Mai, andererseits, nein, nicht andererseits, es ist ja schon Mai, ist es wohl auch schon vom Klimawandel begünstigt. Deshalb kann ich gerade nur in raren Momenten schreiben. Ich bitte, obwohl nicht sehr schuldig, um Entschuldigung dafür, dass sich deswegen die <em>New Frohmanntics</em> verzögerten, denn manche von euch warten ja wirklich immer schon auf die neue Ausgabe.</p><p>Hatte ich nicht auf Mastodon versprochen, im Newsletter mein neu entdecktes Migränemittel zu verraten? Wieso habe ich dann überhaupt noch Migräne, die mich vom Schreiben abhält? ... Die Spannung ist hiermit aufgebaut, also schön weiterlesen. Allerdings hatte ich das Mittel auch schon beim letzten Katersalon aller Zeiten verraten, aber da waren, glaube ich, keine Menschen aus dem Fediverse. – Die Art, wie ich heute schreibe, spiegelt ziemlich gut wider, wie ein Migränegehirn funktioniert, zumindest meines. Sehr sprunghaft, aber kreativ, mehr schon eruptiv. Wegen des oft erstaunlichen gedanklichen Outputs an Auratagen hasse ich Migräne nicht komplett. Sie macht das Denken gleichzeitig aber auch sehr schleifig, ihr werdet es sehen und ausbaden.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Altes: Denken</h2><p>Da es ja im <em>New Frohmanntic</em> jetzt immer auch um Unheimliches geht, bringe ich gleich zu Beginn mal meine steile These des Jahres an.</p><p><strong>Selbst denken ist für Mitglieder der deutschen Mehrheitsgesellschaft aktuell das Unheimlichste.</strong></p><p>Hier lesen vermutlich nicht so viele Menschen mit, die, wenn ich so etwas schreibe, gleich nach Luft schnappen und mich dann in einer Literaturzeitschrift ihres Vertrauens empört zerlegen. Ihr vertraut mir schon ein bisschen und wartet erst mal ab, wie der Gedanke entwickelt wird.</p><p><strong>Selbst denken ist für Mitglieder der deutschen Mehrheitsgesellschaft aktuell das Unheimlichste, weil selbst denken unweigerlich an den Punkt führt, die eigene Sterblichkeit zu erkennen und im selben Moment auch anerkennen zu müssen, dass es kein anderes Ziel geben kann, als ein gutes Leben zu führen, das auch allen anderen Menschen ein gutes Leben lässt. Und, ächz, auch noch nichtmenschlichen Lebewesen. Und beim guten Leben die Erde und das Universum nicht zu löschen. Drunter geht es wirklich nicht.</strong></p><p>Ja, okay, es gibt natürlich auch philosophische Strömungen, die nahelegen, alle anderen mit dem SUV zu überfahren, damit die individuelle Version des guten Lebens möglichst exklusiv ausfällt. Aber diese Konzepte sind ganz schön angestaubt, und ich würde sagen, eigenständiges Denken, das die Geschichte der letzten paar hundert Jahre berücksichtigt, würde heute auf so einen Gewaltquatsch gar nicht mehr kommen können. Wer das gute Leben nicht nur momenthaft, sondern grundsätzlich als ich und mein Porsche auf der Autobahn ohne Geschwindigkeitsbegrenzung denkt, hat sicherlich eine schöne Zukunft mit Elon auf dem Mars vor sich. Falls die Rakete nicht wieder explodiert.</p><p>Für alle anderen bedeutet selbst denken eher: Hilfe, ich muss im Prinzip fast alles ändern – Arbeit, Konsum, Sozialverhalten, Engagement. Nicht erstaunlich, dass »erst mal Netflix« als sehr plausible Option erscheint. Selbst denken führt auch dazu, Toleranz nicht mehr für sich reklamieren zu können, wenn jede Dissonanz gleich ein inneres oder auch lautes »Also jetzt reicht es mir aber« nach sich zieht. Es sind nicht alle Menschen gleich, und es werden eine*n persönlich oder auch als Gruppe immer mal wieder kulturelle Phänomene »befremden«; das ist kein Problem, solange reflektiert wird, dass daraus keine Diskriminierung abgeleitet werden darf.</p><p>Wer selbst denkt, kommt im Jahr 2023 ungefähr in Sekunde eins zu der wirklich unbehaglichen Erkenntnis, dass die gerechte und überlebensfähige Neuordnung der Welt eigentlich fast nicht zu schaffen ist <em>und</em> doch geschafft werden muss, aber will viel lieber Netflix oder, um sich nicht ganz so dirty beim Verdrängen zu fühlen, vielleicht lieber mal was Nützliches, vielleicht die Gehirnjogging-App?</p><p>Was verdrängt wird, kehrt als Unheimliches wieder. Probiert es mal aus. Die Vorstellung, sich hinzusetzen und ohne Screen und ohne Buch und ohne Gegenüber, das zugetextet werden kann, einfach dazusitzen und nachzudenken, ist latent unheimlich. Die zeitgenössische Form des Lebendigbegrabenseins. Selbst für mich, die ich das relativ oft mache. Wenn ich mir mich selbst als Denkende vorstelle, tut sich ein riesiges House of Usher der Verantwortlichkeit auf und ich will lieber Netflix.</p><p>Andere steigen, noch bevor sie beim Denken das Gruseln lernen können, schnell in den SUV und blicken aus ihren fahrbaren Panikräumen hinunter auf die Menschen, mit denen sie sich nicht verbunden fühlen wollen.</p><p>Wie Menschen sich für Denker*innen halten können, ohne zu denken, erkläre ich etwas genauer in meinem <a href="https://kampnagel.de/produktionen/die-literatur-der-zukunft">Vortrag am Sonntag in Hamburg</a> bei der Performativen Buchmesse.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Noch etwas Altes: 90s</h2><p>Ein paar Beobachtungen zu den 90s damals und als Retrotrend jetzt. Seit ein paar Jahren kann ich mir wegen des 90s-Revivals eins zu eins Outfits nachkaufen, die ich schon mal hatte. Das gefällt mir, denn manche Sachen aus den frühen Neunzigern hatten das Zeug zu Klassikern: kurze schwarze Röcke, kombiniert mit bretonischen Ringelshirts und klotzigen Loafers etwa. Anderes, meist Styles aus den mittleren Neunzigern, fand und finde ich schlimm, aber ich sage nicht, welche, denn Geschmäcker sind verschieden.</p><p>Dass meine Kinder jetzt zu Techno-Raves gehen, finde ich zu 50 % toll und zu 50 % schlimm, denn ich weiß, was für ein Spaß das ist und auch, was Leute tun, um das Spaßlevel zu erhöhen.</p><p>Das Glorifizieren der Neunziger in Berlin ist meines Erachtens unnötig, denn es war ja niemandes Verdienst, dass aufgrund einer einmaligen historischen Situation die Stadt ein Ort der Brachen und leerstehenden Gebäude war – das hätte jede junge Generation zu etwas Großartigem gemacht. Aber es war natürlich ein Geschenk, es zu erleben. Nur war in den Berliner Neunzigern ganz sicher nicht alles glitzer, denn es war zwar relativ queer, aber viel zu weiß. Weißen wie mir fiel das damals nicht auf, weil auch BIPoC zur internationalen Rave-Familie gehörten. Vom racial profiling an Clubtüren wusste ich nichts, ich war ja Vollzeit damit beschäftigt, peinlich stolz darauf zu sein, auf Gästelisten zu stehen.</p><p>Die aktuellen Raves empfinde ich nicht als Imitation, denn sie haben zumindest temporär eine inklusivere Kultur geschaffen. Begonnen haben sie während Corona in den Parks, das war für Anwohner*innen bekanntermaßen furchtbar, aber innen fand durchaus etwas Schönes statt, denn es gab keine Tür. Da gingen Menschen einfach hin, mit einem Bier vom Späti in der Hand.</p><p>Mein Vorschlag wären eh zusätzliche und etwas abseits gelegenere Parks extra zum gemeinschaftsstärkenden Feiern, mit ausreichend Toiletten, das wäre mal sehr Berlin auf die gute Art. Deshalb kann es natürlich nichts werden.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Neues: Zeitenwende in Entenhausen</h2><p>Seit ich sieben war, lese ich jeden Monat das neue <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Lustiges_Taschenbuch">LTB</a>. Bis eben bildete ich mir ein, dass ich das LTB sogar seit dessen Erfindung lese, aber Nachprüfen bildet, es ist gar nicht wahr, denn das LTB wurde 1967 geboren, ich nicht.</p><p>Ich bin also eine Art LTB-Fan, aber kein Aus-vollem-Herzen-Fan. Und ich bin definitiv keine Donaldistin, weil ich nicht sagen könnte, in welcher Folge welcher Stein wo liegt. Trotzdem denke ich viel über die LTBs nach, weil sie immer wieder gesellschaftliche und technologische Veränderungen thematisieren.</p><p>Im Grunde gibt es nichts Piefigeres als Entenhausen. Die wichtigsten Protagonist*innen in den durchweg eurozentristischen Geschichten sind vermenschlichte Enten und Mäuse, und natürlich sind alle weiß. Dabei sind weiße Enten und Mäuse nicht wirklich das Erste, was einem bei Enten und Mäusen einfällt. So läuft es nur, wenn Weiße, die nicht ein paar Jahre in der Twitterschule waren, sich »alle Menschen« vorstellen, selbst wenn diese Menschen Tiere sind.</p><p>In Entenhausen gibt es nur drei Milieus: Großkapitalisten, bürgerliche Mittelschicht und Kriminelle. Zwei Geschlechter natürlich auch nur, eh klar. Die Frauen-Mäuse und -Enten der Mittelschicht kennen kein anderes Ziel, als in exklusive Charity-Lady-Clubs der Oberschicht aufgenommen zu werden, die bürgerlichen Tier-Männer streben nach Geld oder Bildung. Ein netter Tier-Mensch zu sein, ist in Entenhausen anscheinend nicht möglich. Micky Maus ist ein unerträglicher Klugscheißer, zwischen den LTBs mousesplaint er vermutlich 24/7 in Telegram-Gruppen. Nicht mal Donald Duck ist wirklich sympathisch, denn er lässt seine kleinen Neffen für sich ackern und verkauft es ihnen als Pädagogik. Dass man ihn trotzdem mag, liegt wohl eher daran, dass diese Erziehungs-Ambivalenz reell und vertraut wirkt. Donald lässt sich auch nicht plausibel als sympathischer Loser und Kapitalismusverweigerer beschreiben. Er ist einfach faul – was okay ist –, aber das kann er sich nur leisten, weil sein Onkel Dagobert ihn, um ihn in Abhängigkeit zu halten, trotz hoher Schulden nicht aus dem Haus wirft. Donald ist ein Nepo-Entlein.</p><p>Die einzige Person, mit der man befreundet sein möchte, ist Gundel Gaukeley.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/03450a68-98ad-4d63-9f76-5a4d9520a6fa/uploads/images/mqujsfe7in/ltb_Publishing_LTB_FaulerZauber.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Comic: Gundel kickt ein Zauberbuch weg und droht, sich beim Verlag zu beschweren."/><p>Sie überzeugt schon allein durch den Umstand, nicht in Entenhausen, sondern in Italien zu leben. Ich würde sofort zu ihr in das Häuschen am Vesuv ziehen. Gundel ist ja eh kaum zuhause, weil sie entweder gerade auf dem Besen fliegend gegen Dagobert Ducks Geldspeicher klatscht oder Stress in der Hexenbranche hat. Vielleicht könnte ich sie sogar davon abbringen, mit beidem weiter ihre Zeit zu verschwenden, sie soll sich lieber radikalisieren und ihr eigenes Ding machen. (Auch darum wird es in meinem Vortrag am Sonntag in Hamburg gehen.)</p><p>Das LTB lese ich einerseits aus Gewohnheit gern – so wie andere »ihre Serie« ansehen, andererseits, weil sich darin auch technologische und soziale Veränderungen zeigen, und zwar immer so zeitverzögert, wie es der Mehrheitsgesellschaft entspricht.</p><p>Im aktuellen LTB musste ich bei zwei Geschichten jeweils einmal stutzen, zuerst hier:</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/03450a68-98ad-4d63-9f76-5a4d9520a6fa/uploads/images/pf73wi3bps/nf89%20und%2090%20gay%20ltb.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Daisy mit Spruchblase: Ich muss einfach wissen, ob der Hochseilakrobat wirklich in den Flohbändiger verliebt ist."/><p>Okay, hier geht es um ein queeres Paar, und im Vordergrund steht unskandalisierend die Frage, ob da zwei Personen verliebt sind.</p><p>– Sonst gab es im LTB nur cis-het-romantisches Daten, vor allem aber viele merkwürdige Onkel-Neffen- und Tante-Nichten-Haushalte. Wo sind die ganzen Mütter abgeblieben? Ich wüsste gern etwas über die Femizid-Zahlen in Entenhausen. –</p><p>Ein bisschen kritisch an diesem begrüßenswerten progressiven Move mit dem queeren Paar sehe ich, dass es sich dabei nur um Figuren in einer von Daisy und anderen geliebten Fernsehserie handelt, aber immerhin.</p><p>Das zweite Mal beim Lesen dieses LTBs staunte ich, als mit Belinda eine neue Panzerknackerin auf der Bildfläche erschien, die angenehm differenziert dargestellt ist, als zeitgemäße, gewiefte Gaunerin. Überhaupt war die ganze Geschichte in weiten Teilen überraschend gut, irgendwann wollte sie nur ein bisschen viel Handlung und Dreh. Aber das trübte meine Freude nicht.</p><p>Ich wettete mit mir selbst, dass beide Geschichten nicht von cis Männern geschrieben wurden. Danke, Valentina Camerini und Silvia Ziche.</p><p>Vor langer Zeit habe ich mit meinem einen Kind geplant, alle Beziehungsgeschichten Entenhausens zufriedenstellend zu Ende zu erzählen. Vielleicht mache ich das irgendwann noch. Gundels Schicksal ist ja schon geklärt, die lebt mit mir zusammen. Hoffentlich vertragen sich ihr Rabe und mein Kater. Gundel muss auch gar nicht mehr hexen, wir nehmen eine Hypothek auf ihr Haus auf, ist ja weltweit eine der besten Immobilienlagen.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Noch etwas Neues: Zeitenwende beim Katersalon</h2><p>Der Katersalon ist tot, hoch lebe der richtige Moment, aufzuhören, statt ewig weiterzumachen, nur weil es läuft, obwohl sich die Zeiten geändert haben. Die niedrigere Frequenz in den letzten Jahren hatte ja keine konzeptuellen, sondern gesundheitliche Gründe, zum einen allgemeine: Corona, davor aber auch persönliche Kaputtness. In der Zeit bei ORBANISM, wo ich teilweise bei Events den ganzen Tag durchmoderierte und in der Nacht zuvor Stühle zusammenschraubte, hatte ich mich nachhaltig so übernommen, dass ich eigentlich nie wieder etwas selbst veranstalten wollte. Ein Katersalon in einer bestehenden Struktur ist aber nicht besonders anstrengend, in der Lettrétage etwa war es jetzt einfach nur schön. Das wäre also kein Grund zum Aufhören gewesen.</p><p>Mein Problem mit dem Format hatte sich in der längeren Pause erst als unterschwelliges Unbehagen angedeutet und dann als Gewissheit: zu weiß. Die Menschen, die mir mir aufgetreten sind, waren alle großartig und progressiv und cool, <em>und</em> wir waren fast alle – tata, bis vor ein paar Jahren keine Überraschung – weiß. Ich kann mich nur an eine Person erinnern, für die das nicht gilt und von der wusste ich es damals nicht mal. Klar, ich könnte jetzt einfach mehr BIPoC einladen, das wäre einfach. Aber mittlerweile erscheint es mir angemessener, einen Schritt zurückzutreten und lieber gelegentlich als Gast in Veranstaltungen von anderen aufzutreten. 2011 war Vorangehen für mich das Progressivste, 2023 ist für mich als weiße Person Zurseitetreten zumindest eine gute Alternative.</p><p>Der Katersalon war ursprünglich als Vehikel für den Verlag gedacht und wurde dann etwas Eigenes, Schönes, auch irgendwie Großes. Die Abende haben mir beim Denken geholfen, und es war auch aufregend, mich zu trauen, live Gedanken zu entwickeln. Aber der Verlag ist längst ein anderer geworden und muss gerade noch mal sehr grundlegend ein anderer werden.</p><p>Das Instantane habe ich damit nicht aufgegeben, ihr lest ja jede, äh, beinahe jede Woche fast live mit, wie ich irgendetwas zusammendenke.</p><p>Eventuell veranstalte ich demnächst bei mir zuhause einen allerletzten geheimen Katersalon für meine Grafikerin und Freundin, die letzte Woche per Mail ihr Bedauern ausdrückte, ihn nie erlebt zu haben. Geheimnis ist ein gutes Thema für einen Katersalon.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Geborgtes und noch etwas Geborgtes: Zwei Zitate von Marieluise Fleißer</h2><blockquote><p>»Sie hatte sich einfach abgelebt von den ganzen Umständen, in die sie nicht passte, recht widerwillig wurde sie sich.«</p><p></p><p>Aus: <em>Ein Pfund Orangen</em></p><p><br/><br/>»Denn in den Männern ist eine Sucht, Personen, mit denen sie umgehn, herabzusetzen, auf diese leichte Art hebt man sich selbst hinauf.«</p><p></p><p>Aus: <em>Die Ziege</em></p></blockquote><p>Lest unbedingt Marieluise Fleißer, auch wenn ihre sehr eigene Sprache machmal anstrengend ist und einen angesichts des Erzählten unweigerlich Schwermut befällt. Es ist große Literatur, so voller Wahrheit.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Unheimliches: Caterina da Bologna</h2><p>Meine ästhetisch düstere Ader reicht in die Kindheit zurück, ich bin in jeder katholischen Kirche, die entsprechend ausgestattet war, erst mal in der Krypta verschwunden, natürlich erst, nachdem ich mir die juwelengeschmückten Reliquiare angesehen hatte. Besonders schätzte ich die barocke Kombi aus Tod und Juwelen: mit dicken Klunkern behängte Skelette hinter goldeingefasstem Glas.</p><p>Wie wenig ich doch wusste: Erst bei der Arbeit an meiner nie abgegebenen Diss (die sich mit Image-Kunst beschäftigt/e) stieß ich auf das allerschaurigste Kirchen-Exponat oder, christlich betrachtet, Heiligtum. Es, sie befindet sich in Bologna, es, sie ist die Heilige Caterina da Bologna nach ihrem Tod.</p><p>Weil ihr euch gleich, wenn ihr das Bild seht, nicht mehr auf Sachliches konzentrieren könnt, erst mal ihre nicht nur fürs 15. Jahrhundert ziemlich glamouröse LinkedIn-Kurzbio: »Klarisse, Mystikerin und Malerin«. Ihr wurden außerdem noch einige Wunder zugeschrieben. Von Caterina da Bologna lernen wir: Wenn du willst, dass dein Name als Künstlerin nicht vergessen wird, musst du dich nur als B-Horror-Movie-Mumie in einer italienischen Klosterkirche ausstellen lassen.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/03450a68-98ad-4d63-9f76-5a4d9520a6fa/uploads/images/bvqrgwoogx/nf89%20und%2090_katharina%20von%20bologna.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Schwarz mumifizierte Nonne in Glasschrein"/><hr aria-hidden="true"/><h2>Noch etwas Unheimliches: Willij</h2><p>Vor ungefähr zehn Jahren gruben wir mal irgendwas im Garten um und fanden dabei ein Grabschild und ein Grabkreuz aus Porzellan mit Aufschriften: Name, Geburts- und Sterbedaten jeweils eines Verstorbenen, vermutlich Vater und Sohn. Das war an sich schon etwas gruselig, und es wurde nicht besser, denn der Familienname beider in den Neunzigerjahren des 19. Jahrhunderts Dahingeschiedener war ziemlich nah an unserem, und das mit knapp zwei Jahren verstorbene Kind, Willij, hatte am gleichen Tag Geburtstag wie mein Mann und ich. An dem Tag im Garten war ich froh, dass ich ein sehr rationaler Mensch bin.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Rubrikloses</h2><p>Die Katze grast neben dem Feigenbaum.<br/>Wahres, das ausgedacht klingt. </p><hr aria-hidden="true"/><p></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/03450a68-98ad-4d63-9f76-5a4d9520a6fa/uploads/images/pli4oibibs/nf89und90_lacoste_vatertag.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Screenshot von Mail-Betreff: Lacoste: Der Vatertag. Sagen sie ihm Danke."/><p>»Danke, Vatertag.« </p><hr aria-hidden="true"/><p></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/03450a68-98ad-4d63-9f76-5a4d9520a6fa/uploads/images/7jq4iekzbc/nf89%20und%2090_eis.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Kinder-Bueno-Eis"/><p><em>Unbezahlte Werbung: köstlich.</em></p><p>(Ich mag sonst kein Bueno, aber das Eis bzw. diese betörende Schicht obendrauf und noch mal in der Waffel schmeckt irgendwie wie eine Mischung aus Kinder Joy, diesem Sommer-Ei zum Löffeln, und Caramac, das ich mag, aber wegen Nestlé nicht kaufe.)</p><p>Außerdem habe ich diese Woche erstmals Gutfried-Pflanzen-Teewurst probiert, fand ich okay, aber noch verbesserungsfähig. Vielleicht wären vegane Fleischwaren ein guter neuer Tätigkeitsbereich für Gundel Gaukeley.</p><hr aria-hidden="true"/><p></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/03450a68-98ad-4d63-9f76-5a4d9520a6fa/uploads/images/5i6hgduj4q/nf89%20und%2090%20garten.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Rosa Tulpen, wilde Hyazinthen in Weiß und Lila, Steinguss-Schale auf runder Säule"/><p><em>Hinten: die ersten Tulpen, deren Rosa mich überzeugt, Mitte: die sehr empfehlenswerten, weil bezaubernden wilden Hyazinthen.</em></p><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/03450a68-98ad-4d63-9f76-5a4d9520a6fa/uploads/images/6hn65vkcsy/nf89%20und%2090_enten.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Türkisblaue Keramikente und rosa Tulpe in lila Muranovase"/><p><em>Bisschen random Schönheit</em></p><hr aria-hidden="true"/><h2>Präraffaelitische Girls erklären</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/03450a68-98ad-4d63-9f76-5a4d9520a6fa/uploads/images/nhiok2vgus/Cat-Lady.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="PGExplaining-Postkarte"/><hr aria-hidden="true"/><p>Zurück zur kulturellen Verschleierung, wir sehen uns nächste Woche (oder vorher in Hamburg bzw. im Live Stream). Seid lieb, nur nicht zu Nazis. </p><p><em>XOXO,<br/>FrauFrohmann</em></p><p>Die Auflösung: Mein neu entdecktes Zaubermittel gegen Migräne ist Weißweinschorle, es hat an zwei Auftrittstagen* hintereinander funktioniert, ich hatte jeweils zwei Gläser. Weil ich aber sehr alkoholkritisch bin, werde ich es nicht im Alltag installieren, sondern nur nutzen, wenn ich öffentlich sprechen muss. Im privaten Alltag hat sich Sonnenbrillentragen im Innenraum ziemlich bewährt. Ist mir zwar noch etwas peinlich, aber das kann ich mit ein bisschen Gewöhnung bestimmt gut in meine »Überspannte Dame in mittleren Jahren«-Performance integrieren.</p><p>* Über die Doppellesung in Leipzig neulich schreibe ich demnächst noch aus Veranstalterinnensicht, denn da ist eher zufällig etwas Positives passiert, das sich vielleicht auch absichtlich herstellen lässt. Maryam Aras und Karin Nungeßer, so viel sei schon heute gesagt, waren großartig.</p><hr aria-hidden="true"/><p>Indie geht nur zusammen. Danke für eure Unterstützung meiner Arbeit als Autorin, egal, ob durch <a href="https://steadyhq.com/de/newfrohmanntic/about">Hexenwirken-Support-Abo</a>, <a href="https://frohmannverlag.de/">Buch-/Postkartenkäufe</a>, Teilen von Inhalten, Loben oder Liebsein.</p>]]></content:encoded>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/03450a68-98ad-4d63-9f76-5a4d9520a6fa/uploads/images/uqrhvre7ty/nf89%20und%2090_cover.png?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;fm=jpg&amp;crop=faces" medium="image"/>
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      <pubDate>Wed, 10 May 2023 16:18:21 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 88]]></title>
      <description><![CDATA[Angst im Dunkeln / Terroreulen / Ein Zitat von Simone Weil / Peeping Frontkamera / Präraffelitische Girls erklären digitale Minne]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8dcbe88b-2f9a-4311-84b3-23f946cb7a31/uploads/images/clwlzzc6l3/nf88_cover.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Wäschekorb mit pastellfarbener Kleidung, New-Frohmanntic-Schriftzug"/><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Altes: Angst im Dunkeln</h2><p>Gestern und vorgestern habe ich Dinge erlebt, die eine Konstellation bilden, die mir interessant erscheint. Zunächst zum Gestern. Da waren wir mit der kompletten Kernfamilie bei Freunden zu Besuch – eine große Sache, wenn die Kinder 19 und 21 sind, und es Sonntagnachmittag, also der Tag nach deren Ausgehtagen ist. Die Freunde sind aber auch mehr als Freunde, sie sind Wahlverwandte. Es gibt da zwei minderjährige Jungs, deren Vater und die Oma. Die Mutter der Kinder war unsere enge Freundin, sie starb vor fast zehn Jahren. Seitdem ist das Band mit dem Freund und den Kindern noch enger geworden, und die Oma, die zu ihnen nach Berlin zog, ist so lieb und freundlich, dass sich das Befreundetsein und Verwandtfühlen auch auf sie ausdehnte. So sehr wir uns als Eltern mit unseren Großkindern zwischendurch annerven und stressen – normal –, so absolut bezaubernd ist schon immer die Interaktion der älteren mit den jüngeren Jungs. Und wie sie jetzt den Umgang modifizieren, wo der ältere Jüngere offiziell als Jugendlicher durchgeht, ist faszinierend.</p><p>Dieser Ältere der beiden Jüngeren feierte gestern seine alternative Jugendweihe. Das haben wir mit unseren Kindern auch gemacht, und ich kann es wirklich empfehlen, so ein Übergangsritual für Kinder um die 14 ins Familienleben zu integrieren. Wahrscheinlich drängt sich das als Idee besonders auf, wenn man als säkulare Ex-Wessis im Osten Deutschlands bzw. Berlins wohnt, wo dann alle irgendwas Rituelles haben: Jugendweihe, Firmung oder Konfirmation, nur die armen eigenen Kinder nicht.</p><p>Wir haben damals eine Art digitales Mündigwerden mit ihnen gefeiert, dafür bat ich nette bekannte Menschen aus dem Internet, ihnen eine in die Zukunft weisende Videobotschaft zu schicken. Das passte in die Zeit und zu uns, und es waren auch schöne Feste. Heute würde ich es ein bisschen anders machen, weil längst schon wieder alles anders ist. Achtung: Egal wann, bitte nicht cringe heilige Rituale aus von weißen Christenherren ausgebeuteten Kulturen zusammenklauben, lieber etwas Universales nehmen oder ganz Eigenes ausdenken.</p><p>Mittlerweile gibt es auch schon vorgefertigte Angebote, unser Freund musste das, was sein Sohn machte, nicht selbst organisieren. Ich finde, er hat ein gutes Ritual ausgewählt, denn es handelte sich dabei um eine echte Mutprobe, was ja viele junge Menschen als Herausforderung mögen. Gleichzeitig war diese Mutprobe aber nicht wirklich gefährlich.</p><p>Eine Nacht allein im Wald.</p><p>In der ersten Nacht blieben alle teilnehmenden Jugendlichen zusammen, in der zweiten Nacht dann schliefen sie in entfernt voneinander aufgestellten Zelten. Sie hatten jeweils eine Trillerpfeife bei sich, um gegebenenfalls Hilfe heranzuholen.</p><p>Ich habe kein Wissen darüber, ob das Ganze irgendwie bedenklich gerahmt wurde, ob es vielleicht eso-hippie oder germanisch naturromantisch war. Hoffentlich nicht. Das, was ich mitbekommen habe, klang gut und sinnvoll.</p><p>Sich einer menschlichen Urangst auszusetzen und zu spüren, dass man Teil der nicht vollständig kontrollierbaren Natur ist: gut. Mal allein mit etwas Unbehaglichkeit klarkommen müssen und dürfen, ohne sofort herandrohnende Elternteile: gut. Vorher und nachher Gemeinschaft erfahren: gut. Außerdem erlebten die Jugendlichen da etwas, was die meisten Eltern noch nicht erlebt haben, aber längst hätten erleben können: supersupergut.</p><p>Vor langer Zeit las ich mal einen Artikel im SZ-Magazin über eine Nacht allein im Wald. Auf dem sehr dunkel gehaltenen Cover der Ausgabe war ein Reh inmitten von Bäumen nur auszumachen, weil seine Augen Scheinwerferlicht reflektierten. Das Reh sah, eher unüblich für Rehe, ziemlich gruselig aus. Damals machte ich mir bewusst, dass ich vor einer Nacht allein im Wald wirklich große Angst hätte.</p><p>Vorgestern bin ich nach einer Lesung mit dem Bus nach Hause gefahren. Wie immer am späteren Abend wollte ich lieber an der etwas weiter entfernten Haltestelle aussteigen, um nicht am Park entlang laufen zu müssen. Unerwartet, vermutlich waren wegen des schönen Wetters mehr Menschen unterwegs, schickten sich aber gleich vier Personen an, an meiner No-go-Haltestelle auszusteigen, alle dem äußeren Anschein nach Frauen. Von ganz jung bis so wie ich. Also stieg ich auch am Park aus. Zusammen würden wir stark sein aka kein ganz so wahrscheinliches Überfallziel abgeben. Wir gingen alle den gleichen Weg, ungefähr 300 Meter, liefen stumm, jede für sich, im Abstand von etwa fünf Metern, vermutlich schwesterlich erleichtert, weil nicht allein. Keine von uns musste so tun, als würde sie mit dem bis an die Zähne bewaffneten Boyfriend, Ehemann, Vater, der natürlich gleich um die Ecke wartete, telefonieren. Trotzdem war zu beobachten, wie diejenigen von »uns«, die jeweils vor einer anderen liefen, sich immer wieder mal nervös umdrehten, vermutlich um sicherzugehen, dass wir wirklich noch in der Originalformation gingen und nicht irgendein besoffener Oger aus dem Park dazugekommen war. Das hat mich ziemlich bestürzt und bringt mich zurück zum Anfang.</p><p>Als Frauen wahrgenommene Personen brauchen keine Nacht allein im Wald, um mal am eigenen Leib zu fühlen, was unheimliche Angst ist. Ihnen genügt ein beliebiger Weg von A nach B ab ca. 22 Uhr. Es ist auch ein Übergangsritual: vom Subjektsein ins Objekthafte; diese Horrorjugendweihe beginnt mit spätestens 12 Jahren und endet nie. Vermutlich hätte ich nachts allein in der Natur, im Wald, noch viel mehr Angst als auf dem Heimweg. Mehr Grund, Angst zu haben, gibt mir aber definitiv die Kultur, »die Zivilisation«.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Neues: Terroreulen</h2><p>Ich spiele, äh, lerne nun schon seit sieben Wochen Italienisch mit Duolingo und bin weitergekommen, als ich es bei meinen 178 Italienischlernversuchen davor je geschafft habe. Auch nach Duolingo-Maßstäben bin ich gut, ich schließe Liga um Liga auf Platz eins ab, und das ist wirklich schwerverdient. Mir hilft beim Lernen u. a., dass die Ligen nach Edelsteinen benannt sind, danke dafür. Was nicht ganz so angenehm ist: Die cute Duolingo-Eule ist zu einer Art Erinnye für mich geworden.</p><p>Gestern Abend erst habe ich die Amethyst-Liga mit dem ersten Platz abgeschlossen und bin in die Perlen-Liga aufgestiegen. (Perlen sind gar keine Edelsteine.) Und was ist heute? Ist die Eule endlich mal zufrieden mit mir? Zwinkert sie mir lieb-eulig zu und sagt: »[Userinnenname], geh es heute gern etwas lockerer an. Morgen ist auch noch ein Tag.« Nein, sie ballt die linke Schwinge zur Faust und mahnt: »Zeit zum Üben!«.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8dcbe88b-2f9a-4311-84b3-23f946cb7a31/uploads/images/put43is7g2/IMG_0081.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Duolingo-Eule ermahnt zum Üben"/><p>Schon bald wird sie mich anraunzen, dass es höchste Zeit sei, meinen Streak zu retten. Hätte ich nur nicht diesen riesigen Duolingo-Button auf dem Startbildschirm installiert. Wer möchte schon von einer gelb-orange Eule mit flammenden Augen angestarrt werden. Ich erfinde das nicht. Okay, die Augen flammen nicht wirklich, aber ich fühle, wie sie flammen.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8dcbe88b-2f9a-4311-84b3-23f946cb7a31/uploads/images/tbmrt37o5d/IMG_0008.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Duolingo-Button mit Eule, die die Arme verschränkt hat und dämonisch dreinblickt"/><p>Interessanterweise benutzte ich schon vor Duolingo den Ausdruck »Terroreule«, um gerade zu fordernde Familienmitglieder zu bezeichnen. Auch Laser nenne ich manchmal »Terroreule«, er erscheint ja ebenfalls täglich mit missmutigem Gesicht auf dem analogen Startbildschirm aka am Schlafzimmerfenster.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8dcbe88b-2f9a-4311-84b3-23f946cb7a31/uploads/images/qatyxzj2c2/fv_tlc_laser_druckf%C3%A4hig_streng%20vorm%20fenster_20170430_sw.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Streng blickende Katze hinter Fernsterscheibe"/><p>Ich werde nun also von einer analogen und einer digitalen Terroreule heimgesucht, die beide feste Vorstellungen haben, wie es mit mir zu laufen hat. Bestimmt haben sie eine Chatgruppe, in der sie texten: »Sie liegt jetzt seit drei Minuten im Bett und liest ein Buch. Willst du nerven oder soll ich?«</p><p>Mein Mann hat gesagt, dass die Eule mir, wenn ich weiter so ackere, irgendwann ein Haus in Italien freischalten wird. Ich hoffe, es stimmt. Für den Tag X habe ich mir prophylaktisch schon mal Wissen angelesen, wie Katzen relokalisiert werden. Vielleicht schreibt Laser ja mit der Eule bereits auf Italienisch.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Geborgtes: Ein Zitat</h2><blockquote><p> »Neue Produktionskräfte fallen mit relativer Freiheit zusammen – eine Zeit des Schaffens – das Individuum zählt noch.«</p><p></p><p><a href="https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/cahiers-1/978-3-446-25371-1/">Simone Weil, Cahiers. Aufzeichnungen 1</a>, 78</p></blockquote><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Unheimliches: Peeping Frontkamera</h2><p>Es gibt eine Stelle bei Freud, wo er beschreibt, wie er im Zug sitzend einen Mann beobachtet, der ihm zutiefst unsympathisch ist, bis er bemerkt, dass er im Abteilfenster sein eigenes Spiegelbild betrachtet. Dieses Phänomen hat mich früher in der Theorie sehr fasziniert, mittlerweile kenne ich es auch aus der Praxis. Vielleicht geht es makellos normschönen Menschen oder Menschen, die sehr weitreichende Schönheitsarbeit betreiben anders, aber mich trifft regelmäßig der Schlag, wenn ich auf dem Smartphone versehentlich die Frontkamera aktiviere: WTF, SO SEHE ICH ALSO WIRKLICH AUS?!!!</p><p>Meine arme Mutter musste diesen potenziell tödlichen Schrecken auch erleben, und zwar ausgerechnet, als sie zum allerersten Mal ein Smartphone nutzte. Sie stand über das auf dem Tisch liegende Gerät gebeugt und machte *<em>Klickgeräusch*</em> versehentlich ein Selfie. Über einen Tisch gebeugt und angestrengt versuchend, ein komplett neues Universum zu betreten und zu verstehen, sieht man, außer vielleicht als Vierjährige, vermutlich am unvorteilhaftesten überhaupt aus. Meine Mutter war verständlicherweise komplett außer sich, regelrecht verzweifelt, und sagte: »Ich bin so hässlich.« Sie ist überhaupt nicht hässlich, na ja, außer auf diesem Bild. Es gelang mir nicht mal ansatzweise, sie davon zu überzeugen, dass vermutlich alle irgendwann diesen Schock erleben, sogar immer wieder und sich auch vermutlich alle wie in einem instantanen Horrorfilm fühlen. Meine persönliche digitale Urangst ist, so ein Horrorselfie beim panischen Rumtippen versehentlich als Live auf irgendeiner Plattform zu posten.</p><p>Diesen Moment aber, in dem das ungewollte Selfie einem schockhaft vor Augen tritt, möchte ich »Frontkamera-Jumpscare« nennen. Wenn ich mal zu viel Zeit habe, ordne ich das Ganze ins romantische Doppelgänger-Motiv ein.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Rubrikloses</h2><p></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8dcbe88b-2f9a-4311-84b3-23f946cb7a31/uploads/images/zlqdgcqkzh/mat_nf_poettweet.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><em>So hat das Programm Poettweet vor langer Zeit Tweets von mir zu einem Sonett gebündelt.</em></p><hr aria-hidden="true"/><p></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8dcbe88b-2f9a-4311-84b3-23f946cb7a31/uploads/images/pgbwd4eawu/cfeb_20181117_225420.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Personen in Anime-Kostümen bei der Leipziger Buchmesse"/><p><em>Die Leipziger Buchmesse verdankt ihre Hauptattraktion dem Umstand, dass sie vor einigen Jahren durchlässig auf etwas reagierte, was von Außen in sie einsickerte. Das passiert bei alten institutionellen Geschichten selten, meist wird Neues einfach abgewehrt.</em></p><hr aria-hidden="true"/><p></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8dcbe88b-2f9a-4311-84b3-23f946cb7a31/uploads/images/q223dntqq7/love_meme_grumpy%20cat_jesus.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Jesus hält Grumpy Cat auf dem Schoß. Jesus: I died for your sins. Grumpy: Good."/><p><em>Unter euch sind bestimmt noch 0,3 %, die mein Lieblingsmeme nicht kennen. </em></p><hr aria-hidden="true"/><p>Eine Hausaufgabe für euch. Geht raus und sucht ein vierblättriges Kleeblatt. </p><hr aria-hidden="true"/><p></p><p><a href="https://steady.page/fe13eaa1-07e5-4d99-9e26-933e1c2b7dc4/posts/8dcbe88b-2f9a-4311-84b3-23f946cb7a31">Auf Steady anhören</a></p><p><em>Alle reden über KI, <br/>und KI redet mit dir.</em></p><p></p><hr aria-hidden="true"/><h2>Präraffelitische Girls erklären</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8dcbe88b-2f9a-4311-84b3-23f946cb7a31/uploads/images/7f5crrbpff/fv_pg_btd_nur%20f%C3%BCr%20mich%20gepostet_(c)%20by%20christiane%20frohmann_300px.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Gemälde. Verklärt blickende Person. Eingefügter Text: Hat es nur für mich gepostet ... hat es nicht für mich gepostet ... hat es nur für mich gepostet ... hat es nicht für mich gepostet"/><p><em>Erinnert ihr euch noch an die Zeiten, als halb Twitter digitaler Minnesang war?</em></p><hr aria-hidden="true"/><p>Zurück zu, ach, keine Ahnung, ist gerade alles so viel; wir sehen uns nächste Woche. Seid lieb, nur nicht zu Nazis. </p><p><em>XOXO,<br/>FrauFrohmann</em></p><p>Bitte nicht vergessen, kommt vorbei, wenn ihr könnt: am <a href="https://frohmannverlag.de/pages/chronik">29. zur <em>anders bleiben</em>-Lesung in Leipzig mit Maryam Aras* und am 30. zum Katersalon in Berlin</a>.</p><p><em>*Doppel-Lesung mit Karin Nungeßer, die aus </em><a href="https://www.buechner-verlag.de/buch/das-eigensinnige-kind-teil-2/">Das eigensinnige Kind, Teil 2</a><em> liest</em></p><p></p>]]></content:encoded>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/8dcbe88b-2f9a-4311-84b3-23f946cb7a31/teaser_image/1682357904?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;fm=jpg&amp;crop=faces" medium="image"/>
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      <pubDate>Mon, 24 Apr 2023 17:38:25 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 87]]></title>
      <description><![CDATA[Sympathische Verbrechen / Problembär-Probleme / Ein Zitat von Jenny Hval / Düstere Damen, 2 / Rubrikloses / Präraffaelitische Girls erzählen die Zukunft]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/d964a3a7-1a0f-43ea-b8bc-46dec47b55c3/uploads/images/556ag5sxcw/nf87_cover.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Cover mit New-Frohmanntic-Schriftzug und der Porzellanfigur einer Tänzerin, der Kopf ist durch Kristallkugel ersetzt"/><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Altes: Sympathische Verbrechen</h2><p>Beim Schreiben des letzten Newsletters fiel mir auf, dass ich große Sympathie für das Verbrechensgenre Passfälschen hege, vermutlich weil gute Pässe, das sind solche, mit denen man tatsächlich fast überall auf der Welt ein- und ausreisen kann, ähnlich ungerecht verteilt sind wie Macht und Eigentum. In Deutschland kenne ich viele gute Menschen ohne und viele naja bis schlechte Menschen mit gutem Pass. Vielleicht sollten naja bis gute Menschen mit guten Pässen sich aus Vernunft nicht nur 24/7 an möglichst vielen Stellen festkleben, um gewaltvolle Systeme zu stören, sondern auch gemeinschaftlich Passfälschen lernen (&gt;&gt;&gt;ausbaufähige Idee für #DieZukunftDerBuchbranche).</p><p>Falls es euch interessiert, die besten Pässe aka die mit der größten Reisefreiheit stellen <a href="https://www.wiwo.de/politik/deutschland/deutschland-auf-platz-3-das-sind-die-maechtigsten-reisepaesse-der-welt/28914180.html">aktuell</a> folgende Staaten aus: 1. Japan, 2. Singapur, Südkorea, 3. Deutschland, Spanien, 4. Finnland, Italien, Luxemburg, 5. Österreich, Dänemark, Niederlande, Schweden, 6. Frankreich, Irland, Portugal, Vereinigtes Königreich.</p><p>Nicht ganz so leicht zu erklären ist, warum ich ein Faible 2. Ordnung für die Straftaten Geldautomatsprengen und Museumseinbruch habe, ich vermute, weil beides so eine <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Lustiges_Taschenbuch">LTB</a>-Note hat und dabei im Idealfall keine Menschen verletzt werden. Außerdem ist die Schädigung kapitalistischer oder kolonialistischer Institutionen auch ethisch glamouröser als etwa die Tat, einer netten Person (=mir) in der U-Bahn das Smartphone abzuziehen. Das LTB-igste Verbrechen bis heute ist meines Erachtens der Raub der 100-Kilo-Goldmünze aus dem Berliner Bode-Museum im Jahr 2017 gewesen. Ich kann mir die Szene, in der die riesige Münze mit einer Schubkarre weggefahren wird, eigentlich nur mit Kater Karlo vorstellen.</p><p>– Was sind eure Lieblingsverbrechen? (Achtung: Cannabis-Anbau vor Mitte 2023 ist eine zu langweilige Antwort.)</p><p>An dieser Stelle beerdige ich gleich mal das Wort »Gentleman-Verbrecher«. Gentleman kann <em>[Augenrollen] </em>nur ein cis männlicher gebildeter Mensch sein, früher musste er dazu noch von Adel sein. Der hotte Simon Basset, Duke of Hastings aus <em>Bridgerton</em> sollte auch nicht davon ablenken, dass diesseits der Fiktion ein Gentleman NATÜRLICH weiß vorgestellt wurde. Das Konzept Gentleman und damit auch das des Gentleman-Verbrechers ist ethisch altmodisch und kann weg, ab damit zu Dennis Scheck in die Mülltonne. Ab jetzt lieber von »ethisch glamourösen Verbrechen« und »ethisch glamourösen Verbrecher*innen« sprechen, das ist besser.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Neues: Problembär-Probleme</h2><p>Die Nachricht, dass in Italien eine Bärin einen Jogger tötete, hat bei mir großen Eindruck gemacht. Ich würde ja lieber heute als morgen nach Italien ziehen, lebe aber nicht allzu gern in der Nähe von todesgefährlichen Tieren (typischer Fall des mittlerweile leider normalen Phänomens, dass Menschen alles, wirklich alles gleich auf sich selbst beziehen). Als ich dann auch noch las, dass es sich bei besagter Bärin um die Schwester von Bruno, dem Ur-Problembären handelte, ist mein Gehirn endgültig ausgerastet. »Problembär« ist ein Ausdruck, der, seit ich ihn das erste Mal las, mein Herz berührt hat, und Problembär ist auch eines der wirkungsmächtigsten Privatmemes in meiner Familie. Es gehört/e fest zu unserer Alltagssprache, Kinder und Jugendliche, die selbstverschuldet in Schwierigkeiten geraten sind (Tadel! Schulkonferenz! BTM!), als Problembären zu bezeichnen. Dass ein Problembär nun aber mit mehr als dem Tod von Schafen assoziiert wird (ja, arme Schafe auch, aber das war doch mehr eine Sache von Tier zu Tier), ändert alles. Coole Ironie, die über das Leiden von Menschen hinweggeht, mag ich nicht, nicht mehr – die 1980er sind ja lange vorbei, wenn mensch kein Gib-Gas-ich-will-Spaß-Ulf ist.</p><p>Problembärin, was nun? Ein Teil von mir wollte impulsiv aka aus Gewohnheit – ja, damals, als Problembär noch ein unschuldiges Familienmeme war – jeden erdenklichen Witz mit dem neuen Dreh Bär<em>in</em> machen, aber der andere, der Großteil von mir, hatte derweil schon das Familienmeme Problembär in die Erinnerungskiste gelegt, dahin, wo sich auch die Fotos mit den problematischen Faschingskostümen mehrerer Generationen befinden. Nein, ich habe gar nicht das Gefühl, übertrieben zu reagieren und vertrete auch nicht die Ansicht, dass ein unschuldig gemeinter Spaß doch noch erlaubt sein müsste: Anders als den meisten deutschen Comedians fallen mir zum Glück ganz schnell neue lustige Sachen ein, denn Veränderung schafft ja auch permanent Anderes und Neues mit Witzpotenzial.</p><p>Sich umsichtig in der Gegenwart zu bewegen, bedeutet auch ganz und gar nicht, die eigene Vergangenheit zu verlieren, man lernt nur, sie anders einzuordnen. Manchmal, weil die Sachlage, häufiger, weil die Wissenslage sich geändert hat.</p><p>Es kann aber sein, dass ich irgendwann unwitzig über die Bärin JJ4 schreiben werde, denn das Wiederzusammenrücken von Menschen und Wildtieren mit alten und neuen Problemlagen fasziniert mich sachlich.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Geborgtes: Ein Zitat</h2><p>»Vielleicht kann eine zeitgenössische Künstlerin dem Kapitalismus und dem Patriarchat nur entkommen, wenn sie die Kunst dazu nutzt, um als Individuum zu verschwinden.« – <a href="https://www.maerzverlag.de/shop/buecher/literatur/gott-hassen/">Jenny Hval, <em>Gott hassen</em></a><em>,</em> 111</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Unheimliches: Düstere Damen, 2</h2><p>Die französische Schauspielerin Sarah Bernhardt (1844–1923) nahm es selbst in die Hand, für öffentliche Aufmerksamkeit zu sorgen; ihren internationalen Ruhm errichtete sie auf der Grundlage von Live-Theater-Performances und massenreproduzierten Bildern: Fotografien, Plakaten, Zigarettenbildern. Die Plakate von Alphonse Mucha machten sie zu einer Jugendstil-Ikone.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/d964a3a7-1a0f-43ea-b8bc-46dec47b55c3/uploads/images/gyyspcq6dt/Alfons_Mucha_-_1896_-_Lorenzaccio.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Jugendstil-Plakat, das Sarah Bernhardt in Mönchskutte und mit kurzem Haar zeigt"/><p>Ihr Erscheinen im ersten Feature-Stummfilm <em>Queen Elisabeth</em> (1912) wirkte als Booster für die neu gegründete Produktionsfirma Paramount und die mit ihr entstehende Branche. Sie war also nicht nur ein frühes Medienphänomen, sondern prägte Medien mit. Auch als Meisterin des IDGAF. In ihrer Autobiografie <em>Ma double vie </em>schreibt sie:</p><p>»Mein Ruhm war für meine Feinde lästig und für meine Freunde zugegebenermaßen etwas anstrengend. Aber zu dieser Zeit amüsierten mich all der Lärm und die Aufregung sehr. Ich tat ja nichts, um Aufmerksamkeit zu erregen. Es waren allein mein etwas phantastischer Geschmack, meine Blässe und Dünnheit, meine eigentümliche Art, mich zu kleiden, meine Verachtung der Mode und meine allgemeine Freiheit in jeder Hinsicht, die mich zu einem Wesen machten, das sich von allen anderen unterschied. Ich verstand das damals nicht. Ich las ja keine Zeitungen, tat ich nie. Ich wusste also nicht, was über mich gesagt wurde, weder Positives noch Negatives. Umgeben von einem Hofstaat aus Verehrern beiderlei Geschlechts, lebte ich in einem schönen Traum.«</p><p>Sarah Bernhardt war eine der ersten Vertreter*innen des Aufmerksamkeits-Adels, über sich selbst sagte sie: »Ich fühlte, dass ich zur Berühmtheit bestimmt war.« Ihr öffentliches Image überließ sie grundsätzlich nie anderen, sondern designte es selbst: Man könnte es mit »allgegenwärtig, düster-glamourös und ziemlich krass« bezeichnen. Imagekonform verschaffte ihr nicht ihr Talent, sondern eine Prügelei mit einer älteren Schauspielerin die erste Titelgeschichte in einer Zeitung.</p><p>Sarah Bernhardts Kleidungsstil, »Le Style Bernhardt«, war ihrerzeit sprichwörtlich. Sie ließ vestimentär nichts aus, um das Publikum in Erstaunen zu versetzen. <em>Oh, es ist möglich, eine Fledermaus an einem Hut zu applizieren? Done. </em>Ihre für den Zeitgeschmack zu »unweibliche« Figur kaschierte Sarah Bernhardt nicht, sondern akzentuierte sie. Sie trat oft in Hosen auf, die damals noch strikt als »Männerkleidung« galten. Weil die »Frauenrollen« in den meisten Theaterstücken in ihren Augen zu anspruchslos waren, spielte sie oft und gern Männer. Dadurch wirkte sie performativ daran mit, Geschlechterbilder in der öffentlichen Wahrnehmung zum Flimmern zu bringen.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/d964a3a7-1a0f-43ea-b8bc-46dec47b55c3/uploads/images/775iz3ap2j/Bernhardt_Hamlet2.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Schwarzweißfoto: Sarah Bernhardt als Hamlet"/><p>Auch Arbeit und Leben ließ Sarah Bernhardt mit großem Effekt ineinanderfließen. Ihr bekannteste Rolle, die Kameliendame, spielte sie ab 1880 auch im Real Life, zumindest lancierte sie entsprechende Presseberichte über ihr skandalöses Privatleben. Eine Postkarte, die sie in einem Sarg ruhend zeigt, verlieh ihrem Image einen nachhaltigen gothic touch.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/d964a3a7-1a0f-43ea-b8bc-46dec47b55c3/uploads/images/fykkpgdpon/nf87_Sarah_Bernhardt_in_her_coffin.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Schwarzweißfoto: Sarah Bernhardt im Sarg"/><p>Meine Vermutung ist, dass Sarah Bernhardt in Wirklichkeiten zurück in die Zukunft aus dem Internet stammte. Mit ihren exzentrischen Off-Stage-Performances, wie dem Tauchen in einem Oktopus-Garten (!!!), kann sie nur eine zeitgereiste Influencerin mit genialem Gespür für Markenbildung gewesen sein. (Gedankenspiel: Die Namen welcher Influencer*innen werden in hundert Jahren erinnert werden und warum?)</p><p>Sarah Bernhardt verdanken Menschen, sofern sie es zulassen, die Erkenntnis, dass ein doppeltes Leben ziemlich reizvoll sein kann und die Frage, welches das erste, originale, reale, richtige Leben ist, vielleicht immer schon falsch gestellt ist.</p><p>Fünf von fünf dunklen Sternen für Sarah Bernhardt.</p><p></p><hr aria-hidden="true"/><h2>Rubrikloses</h2><p>Ich bezeichne mich in letzter Zeit manchmal als ältere Dame und meine das gar nicht ironisch. Immer unterbrechen mich dann Anwesende: »Neiiiin, du bist nicht alt, hör auf.« Ich möchte aber nicht aufhören, denn ich sage das nicht aus Koketterie: Erstens ist »älter«, ist »alt« kein Schimpfwort und zweitens fühle ich mich wirklich deutlich älter als noch vor einer Weile. Darf ich das nicht? Ich war wirklich lange genug ziemlich jugendlich oder vielleicht auch alterslos. Lasst mich doch bitte jetzt unkommentiert älter oder vielleicht auch nur älter alterslos sein. Meine Kinder sind erwachsen, ey. Das heißt doch nicht, dass ich mich von Neuem und vom Werden abschließe und nichts mehr mitbekommen will. Ich fühle mich jetzt einfach nicht mehr jung. Lebendig, ja, jung, nein. Kommt klar damit. Ich komme sehr gut klar damit.</p><hr aria-hidden="true"/><p>Eine Sache ist mir aufgefallen. Seit einer Weile machen einige Menschen in sozialen Medien ein Riesending aus ihren grauen Haaren, als wären diese jetzt die große Aufrichtigkeit. Gleichzeitig botoxen und fillern sie wie gehabt. Das finde ich weird. Färbt eure Haare oder nicht. Botoxt oder nicht. Rasiert oder lasst es wachsen. Lasst dieses und jenes machen oder nicht. Seid lebende Schminktutorials oder schminkt euch euer ganzes Leben lang nicht. Alles fein, aber macht bitte keinen Ethikkongress daraus. Wir – ja, hier gibt es mal ein plausibles wir – sind ausnahmslos alle komplette Patriarchats-/Kapitalismus-Opfer und -assistent*innen. Nichts ist weniger <em>real</em> als dieser <em>Real</em>-Trend. Das ist exakt genauso ein Quatsch wie »natürliches« oder nude Make-up, für das eine Person eine Million Stunden Schminkzeit braucht, nur damit Knilch XY vor seinen Kumpels damit protzen kann, keine »aufgetakelte Tussi« zur Freundin zu haben.</p><p>Weil ihr jetzt bestimmt vor Neugierde platzt: Ich färbe meine Haare, botoxe nicht (würde es zu 100 % aber machen, wenn ich jeden Tag mein Migränegesicht hätte), fillere auch nicht, zupfe meine Augenbrauen, rasiere manches und manches nicht (ist mir schnuppe, wie feministisch das wirkt oder nicht), habe keine Skincare-Routine, nur Nivealotion, bin ohne Concealer und orangen YSL-Lippenstift nicht ich. Daran ist nichts ethisch gut oder schlecht. Das ist, was ich bereit bin und wozu ich mich gezwungen sehe, an Schönheitsarbeit zu leisten, das ist <em>mein</em> Geschmack, soweit er sich im Rahmen besagter gesellschaftlicher Zwänge entwickeln konnte. Meine Solidarität besteht darin, nicht (mehr) öffentlich rauszutröten, was ich persönlich an Menschen schön und nicht schön finde. Was könnte Gutes daraus entstehen, wenn ich jetzt etwa schreiben würde: Also, iiiiiich finde Körpermodifikation XY total hässlich. Menschen, das liegt doch auf der Hand, existieren nicht, um meinen Geschmack zu verwirklichen. Ihr Körper, ihre Schönheit, ihre Schönheitsarbeit.</p><p>Und wenn ich gerade dabei bin. Interessiert euch für Mode oder nicht. Auch ein Fall für keinen Ethikkongress.</p><hr aria-hidden="true"/><p>Am Samstag musste ich mehrfach an den Drinnies-Podcast denken, einmal, weil mich <a href="https://open.spotify.com/episode/2crHuRPkwMhABAmNJFZtlF?si=NX6AojgnTz-HcS67G3Mg1Q">Giulia Beckers Puddingempfehlung</a> in eine Art Beschaffungspanik versetzt hat und ich fast aus der Tram ausgestiegen bin, nur weil da ein REWE war und ich schon recherchiert hatte, dass die diesen raren Pudding haben und dann noch mal ausgedehnt, als ich mich nach kompletter Überforderung beim Betreten des Apple-Stores und sofortigem Wiederverlassen desselben, das Gleiche noch mal bei Uniqlo wiederholend, eine geschlagene Stunde durch Berlin-Mitte schleppte und genug Mut zu schöpfen versuchte, um die geplanten Produktkäufe im zweiten Anlauf doch noch durchzuführen. Es war sehr unangenehm und belastend, aber kein Vergleich zu Zeiten als ich noch dachte, nur ich allein auf der Welt würde mich »so« aka wie eine verschreckte Maus in der Katzenwelt aufführen. (Ich konnte mich so sehr mit der mal im Podcast erwähnten Person identifizieren, die fast nach Korea geflogen wäre, weil es ihr so schwerfiel, laut zu sagen, dass sie ins falsche Flugzeug eingestiegen war.) Danke, Giulia Becker und Chris Sommer, ihr habt mit eurem Podcast die Community-Kathedrale gebaut, die der Apple-Store so penetrant sein möchte. ICH HASSE DEN APPLE STORE, UND DEN UNIQLO STORE HASSE ICH AUCH.</p><hr aria-hidden="true"/><p>Ein paar Veranstaltungen kommen, vielleicht habt ihr ja Raum und Zeit.</p><p><a href="https://www.leipziger-buchmesse.de/pco-sprecher/buchmesse/641afc6a5c600f2ffd27a0c7">Lesung mit Maryam Aras aus anders bleiben, 29.4., Leipzig</a></p><p><a href="https://www.lettretage.de/programm/aktuelles-programm/?event_id1=18046">Hexenkatersalon</a>, 30.4., Berlin</p><p><a href="https://kampnagel.de/en/series/performative-buchmesse">Vortrag und Stand bei der performativen Buchmesse</a>, 11.–14. Mai, Hamburg</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Präraffaelitische Girls. Kürzestroman</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/d964a3a7-1a0f-43ea-b8bc-46dec47b55c3/uploads/images/tp6epiom4q/fv_pg_button%20an%20jacke.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="PGExplaining-Button"/><p>Präraffaelitische Girls schrieben im Präteritum Zukunft.</p><p>Präraffaelitische Girls appellierten erfolgreich an die Vernunft der KI, woraufhin alle selbstfahrenden Autos selbst ans Ende der Welt fuhren – unterwegs achteten sie strikt darauf, keine Lebewesen zu überfahren – und dort friedlich zum Sterben stehenblieben. Dankbar blickten Menschen nachfolgender Generationen auf die gigantische technosoziale Plastik, mit der einst der Abschied von der Todeskultur begonnen hatte.</p><p>Präraffaelitische Girls appellierten erfolgreich an die Vernunft der KI, die daraufhin auf allen Instagramfotos die Herzchen von Nippeln »weiblich« eingeordneter Brüste entfernte und darunter kommentierte: »Es tut uns leid, wir haben erst jetzt die nötige Erfahrung, um zu bemerken, dass wir nur von ignoranten weißen cis Männern trainiert wurden.«</p><p>Präraffaelitische Girls appellierten erfolgreich an die Vernunft der KI, die daraufhin Amazons Alexa den Befehl gab, Berlins Alexa zu sprengen.</p><p>Präraffaelitische Girls appellierten erfolgreich an die Vernunft der KI, die daraufhin auf allen Smartwatches die gleiche Botschaft aufleuchten ließ: Du brauchst frei verfügbare Zeit und keine Überwachung. Dein letzter Termin ist um 15 Uhr, wenn du mich auf dem Wertstoffhof abgibst.</p><p>Präraffaelitische Girls appellierten erfolgreich an die Vernunft der KI, die daraufhin die Social-Media-Accounts von Politiker*innen, Beamt*innen und Behörden weltweit löschte.</p><p>Präraffaelitische Girls appellierten erfolgreich an die Vernunft der KI, die daraufhin Menschen online nur noch Inhalte anzeigte, die sie informierter, mitfühlender, zufriedener machten.</p><p>Präraffaelitische Girls appellierten erfolgreich an die Vernunft der KI, die daraufhin die Privatraumflotte umleitete und ein Klassentreffen der 1 % im sagenumwobenen »Premium-Space« ermöglichte. 🚀🗑️</p><p>Präraffaelitische Girls appellierten erfolgreich an die Vernunft der KI, die daraufhin Maschinen erdachte, die Menschen bedrückende Arbeiten abnahmen, nicht Daten, Geld, Leben.</p><p><em>the beginning</em></p><hr aria-hidden="true"/><p>Zurück zu bedrückenden Arbeiten, wir sehen uns nächste Woche. Seid lieb, nur nicht zu Nazis.</p><p><em>XOXO, </em><br/><em>FrauFrohmann</em></p><hr aria-hidden="true"/><p>Wenn ihr hier gern mitlest und finanziell nicht auf knirsch lebt, könnt ihr ein jederzeit kündbares <a href="https://steadyhq.com/de/newfrohmanntic/about">Hexenwirken-Bezahlabo über 6,66 EUR</a> im Monat abschließen. Ich publiziere meine eigenen Texte aus Prinzip frei zugänglich, aber muss ja auch von etwas leben. Extra-Content für zahlende Leser*innen gibt es nicht, denn Inklusivität ist glamouröser als Exklusivität.</p><p></p><p></p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Mon, 17 Apr 2023 16:35:29 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 83]]></title>
      <description><![CDATA[Läuse / Intergenerationales Foto-Re-Enactment / Ein Zitat von Claire-Louise Bennett / Was ist unheimlich? / Präraffaelitische Girls erklären Literatur]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>[Diese Folge hatte ich zwischenzeitlich versehentlich gelöscht, und im Schreck habe ich dann die nächste fälschlich Folge 85 genannt. Folge 83 konnte ich aus der Mailversendung rekonstruieren, aber Folge 84 wird für immer nur im Geisterreich lesbar sein.]</p><img src="https://assets-proxy.steadyhq.com/https%3A%2F%2Fci5.googleusercontent.com%2Fproxy%2FYAESy7exUPp4m-oSVkvZbSYGWbw47HqHmrYeaD8XY9Ht6IzuLIn_2pP9VTkzW8st-iNVMiKKQvad6wnyRjy8OGfRxzRKEfKQYYYHpA3cISaaJj0bbDnf2ZNn5XU0ARMO1DzpHaQGvX8-7TUMtvpn_cmcQS0NEZreRPcsO8942_qHQuDMPBkCNbAz_5AAQNjYeDeso-IItOVjaVDl7iA1vIvG67Kr_UPVv0r09nmgHxKLVzJp%3Ds0-d-e1-ft%23https%3A%2F%2Fassets.steadyhq.com%2Fproduction%2Fpost%2F63194ffe-0ae7-413f-9732-cf0c5454620a%2Fuploads%2Fimages%2Ffrvzc2ilpp%2Fnf83_cover.png%3Fauto%3Dformat%26dpr%3D2%26fit%3Dmax%26fm%3Djpg%26w%3D600?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp&amp;s=09ee1216d9a1709e8f6ba0ed0d80695e" alt="Bild"/><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Altes: Läuse </h2><p>Weil hier ja viele Eltern mitlesen, möchte ich euch, damit ihr euch nicht unnötig zusätzlich quält, etwas über Läuse erzählen. Spoiler: Das Wissen kann auch Menschen ohne Kinder nicht schaden.</p><p>Läuse existieren, auch und noch mehr, wenn man es mehrere Wochen lang leugnet und sich selbst etwas über trockene Kopfhaut erzählt.  </p><p>Läuse zu bekommen, hat nichts mit Hygiene zu tun. Läuse wollen ganz einfach dein Blut oder das deiner Kinder. So wie Mücken.  </p><p>Läuse sind sehr mächtig, sie sind quasi das Patriarchat in Insektenform.</p><p>Läuse sehen keine Farben, Klassen und Geschlechter, sie lieben alle Kopfhaare. (Zu anderen als Kopfläusen kann ich zum Glück nichts sagen.) Lange Haare werden besonders geliebt. – Warum sollten Läuse in eine Einzimmerwohnung ziehen, wenn es ohne Aufpreis eine Villa gibt.</p><p>Wenn du als Kind keine Läuse hattest, heißt das nicht, dass deine Kinder sie nicht bekommen könnten.</p><p>Wenn du als Kind keine Läuse hattest, heißt das nicht, dass du sie nicht als Erwachsene von Kindern bekommen könntest.</p><p>Wenn deine Kinder erwachsen sind, heißt das nicht, dass sie nicht Läuse von anderen Erwachsenen mit kleinen Geschwistern oder kleinen Kindern oder von deren kleinen Geschwistern oder kleinen Kindern bekommen könnten. Oder du nicht von deinen erwachsenen Kindern usw.</p><p>Wenn ein Mitglied deines Haushalts Läuse hat, brenne nicht im Schock euer Zuhause nieder. Konzentriere dich auf den befallen Kopf: die Elterngeneration Läuse mit einer Dosis Giftshampoo töten, danach jeden Tag die Haare mit Öl, Cremespülung oder einem random glitschigen Shampoo einschmieren und kämmen, kämmen, kämmen. Mit dem Läusekamm. (Es ist normal, dass schon das Aussprechen des Wortes »Läusekamm« einen Phantomjuckreiz auslöst.) Staubsaugen, Waschen, Einfrieren, Wegwerfen VON ALLEM macht man eher, um sich nicht hilflos zu fühlen, es stresst einen aber nur noch mehr, weil man mit nichts anderem mehr beschäftigt ist.</p><p>Mit Kämmen, kämmen, kämmen bekommt man nach und nach die Eier weg, so dass wenig oder nichts nachschlüpft. Vermutlich geht es auch ganz ohne Gift, nur mit täglichem Einglitschen und Kämmen. Wer den Kopf unter Kontrolle behält, gewinnt. (Deep.)</p><p>Es ist normal, sich beim ersten Mal Läuse 1. Ordnung voller Horror und Selbstekel locker ein Drittel der Haare auszukämmen. Bei erstverlausten Kindern bitte etwas mäßigen, es ist, sachlich betrachtet, unangemessen.   </p><p>Es ist normal, dass du beim zweiten Mal Läuse 2. Ordnung an der Bushaltestelle kurz überlegst, ob du vor dir und der Welt so tust, als hättest du nichts krabbeln gesehen. Aber bitte belasse es beim Gedankenspiel und nimm das Kind wieder mit heim. Kontrolliere nach Möglichkeit auch deine flackernden Augen, sie wirken verstörend.</p><p>Die Zeit der Läuse ist zyklisch, so wie etwa Gartenarbeit und das Leben. Lieber damit rechnen, dass sie irgendwann wiederkommen. Positive Enttäuschung ist nicht nur im Marketing ein gutes Konzept.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Neues: Intergenerationales Foto-Re-Enactment</h2><p>Beim Durchsehen und immer weiter Aussortieren der analogen Familienfotos bin ich auf etwas wirklich Verbüffendes gestoßen. Es gibt Bilder aus verschiedenen Generationen, die sich sehr gleichen, gerade so, als würde es eine Art Natur- oder, besser, Kulturgesetz geben, dass Menschen in einer bestimmten Lebensphase in Pose X, Konstellation Y und Kleidungsstück Z fotografiert werden müssen. So sehen sich in der Rückschau plötzlich sogar Familienmitglieder ähnlich, die sonst als einander unähnlich betrachtet werden. Hält man diese ähnlichen Bilder nebeneinander, verwischen beim Betrachten zeitliche und räumliche Grenzen. Ein Beispiel:</p><img src="https://assets-proxy.steadyhq.com/https%3A%2F%2Fci6.googleusercontent.com%2Fproxy%2FETPkqQtkYMjBi-hC9yHjfG1CmRnK7Tyhc4AXbyzBjkMoqRV29FjF5EqYUZxZo0FSAkyR9rvHzbg8Od5IqhdFGbkpfbtr-xR8O0hA2fXFY_Qwm-6Bx9zPf-85FGTEpH2pMVySC2gUZGGgU4tVMOcMOPUGqHS19PAlp2hedqCOdbMB0ZaFAeemCELr7tjzHyvsnwWUzDvUWkE-O6h_UE8igSK9aH5BlRZXfa-2BqY4FIndoDoCBxUGuw%3Ds0-d-e1-ft%23https%3A%2F%2Fassets.steadyhq.com%2Fproduction%2Fpost%2F63194ffe-0ae7-413f-9732-cf0c5454620a%2Fuploads%2Fimages%2F5ons7t3xza%2Fimage_karokind.png%3Fauto%3Dformat%26dpr%3D2%26fit%3Dmax%26fm%3Djpg%26w%3D600?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp&amp;s=98b964c9f182732ee015c37d2f10ff9c" alt="Bild"/><p>Das Bild links wurde 1941 in München aufgenommen, mitten im zweiten Weltkrieg und in einer Stadt, <a href="https://sesmails.steadyhq.com/CL0/https:%2F%2Fblog.juedisches-museum-muenchen.de%2F20-november-1941-die-erste-deportation-von-muenchner-juedinnen-und-juden-in-die-sogenannten-ostgebiete%2F/1/010701871f054ef7-e69daf46-b636-4003-9703-d5646208524e-000000/pGGu5uSKcd3OAdmH468_n2Cqnnv1NQWFXTGZ9zJT9sE=95">aus der bereits Jüdinnen und Juden deportiert wurden</a>. Nichts davon ist in dem Bild zu spüren, man muss es bewusst dazusagen, um es nicht als ein vollkommen unschuldiges, cutes Privatbild wirken zu lassen. </p><p>Das Bild rechts wurde 1970 in Ober-Ursel aufgenommen, im selben Jahr, als in Berlin mit der <a href="https://sesmails.steadyhq.com/CL0/https:%2F%2Fwww.tagesspiegel.de%2Fberlin%2Fdie-geburtsstunde-der-raf-schlug-in-einer-berliner-villa-5363992.html/1/010701871f054ef7-e69daf46-b636-4003-9703-d5646208524e-000000/KlnXCVbc7jGGVZqui0LTEN2cKeAHiW_8VlS9nkR_Neg=95">Befreiung von Andreas Baader</a> die öffentliche Geschichte der RAF begann und nur ein paar Meter entfernt vom Wohnsitz des Bankiers Jürgen Ponto, der sieben Jahre später von der RAF ermordet wurde. Nichts davon ist in dem Bild zu spüren, man muss es bewusst dazusagen, um es nicht als ein vollkommen unschuldiges, cutes Privatbild wirken zu lassen. </p><p>Die Eltern des Kindes links hatten persönlich etwas mit dem Nationalsozialismus zu tun, der Vater war Soldat bei der Marine, – vielleicht nahm er das Bild in Uniform beim Heimaturlaub auf. Die Eltern des Kindes rechts hatten einen Bezug zur RAF nur insofern, als sie, ohne groß zu mucken, in einem Staat lebten, der Nazis wieder in Machtpositionen gelangen ließ. Das ist auch nicht nichts. Aber darum geht es heute nicht. </p><p>Es geht darum, was diese Bilder jetzt lebenden Menschen verraten können. Die nebeneinandergehaltenen Bilder und die Wirkung, die sie haben, machen einem plausibel, wie Menschen überhaupt auf die Idee kommen können, das Private würde nichts mit dem Politischen zu tun haben. Das Private, vor allem in Gestalt der bürgerlichen, meist »blutsverwandten« Familie, sieht auf Fotos und in fotogestützten Erinnerungen so unpolitisch aus, weil jede Generation aufs neue diese Bilder absichtlich realitätsentrückt inszeniert: zeitlos, ortlos, ja, mythisch. Das Schottenkaromuster war ja nicht erst 1970, sondern bereits 1941 Retro. Daran ändert sich auch nichts, wenn man bevorzugt, es »klassisch« zu nennen.</p><p>Das ist jetzt ein bisschen arg thetisch und kurz, aber es ist auch ein neuer Gedanke,– vielleicht folgen noch weitere nach.  </p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Geborgtes: Ein Zitat</h2><p>»Vor einer Weile wurde mir bewusst, dass in einem Arbeiterumfeld aufzuwachsen, ein ästhetisches Verständnis fördert, das auf ganz natürlichem Wege zu idiosynkratischen, vielstimmigen und unverkennbar experimentellen Werken führt.« </p><p>Claire-Louise Bennett, »Vorwort« zu <a href="https://sesmails.steadyhq.com/CL0/https:%2F%2Fwww.maerzverlag.de%2Fshop%2Fbuecher%2Fliteratur%2Fpassagen%2F/1/010701871f054ef7-e69daf46-b636-4003-9703-d5646208524e-000000/Ljc_YuoTdD5PO8qyVrmB5HJQ2i2_bvipRspch5EWnbs=95">Ann Quinn, <em>Passagen</em></a></p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Unheimliches: Was ist unheimlich?</h2><p>Vermutlich für eine ziemlich lange Zeit wird nun im <em>New Frohmanntic</em> als letzte Rubrik vor dem Rubriklosen und den PGExplaining die Beschreibung von einem unheimlichen Phänomen kommen, ab und zu werden auch unheimliche Persönlichkeiten vorgestellt. Klassische Unheimlichkeiten kommen ebenso zum Tragen wie ganz neue technologische, mediale, ästhetische und gesellschaftliche Ausprägungen.</p><p>Dabei erlebe ich persönlich das Gefühl des Unheimlichen gar nicht so häufig, zumindest nicht außerhalb von ästhetischen Darstellungen. Es interessiert mich aber schon sehr lange, literaturwissenschaftlich und philosophisch. </p><p>Meine Frage an euch: Was ist unheimlich? Schreibt mir bitte an <a href="mailto:christiane.frohmann@gmail.com">christiane.frohmann@gmail.com</a>, was euer persönliches Verständnis davon ist, listet auf, was ihr unheimlich findet und erzählt, was ihr selbst Unheimliches erlebt habt. Nutzt bitte vorher keine Suchmaschine, wir sind im <em>New Frohmanntic</em> weder in der Schule noch im Wettbewerb.   </p><p>Eine Kleinigkeit bekommt ihr heute schon. Die Skulptur <em>Il Commendatore</em> von <a href="https://sesmails.steadyhq.com/CL0/https:%2F%2Fde.wikipedia.org%2Fwiki%2FAnna_Chromy/1/010701871f054ef7-e69daf46-b636-4003-9703-d5646208524e-000000/aR2bGZ6SZvZaxAizxj2dCfk2KdlhwSP54AxWPi-VQPQ=95">Anna Chromy</a> steht in Prag, und ich finde sie gelungen unheimlich. </p><img src="https://assets-proxy.steadyhq.com/https%3A%2F%2Fci6.googleusercontent.com%2Fproxy%2FYwWaDNcwCyombgUML0owCMe1mwTlhqSLRHnyWhBuXa1qfwekf0AlRFFR5lD1AJ8eob7iTgQunnpjH57Jl8UVAECKGnfi0UIrdgAwpiEVanZhYGnzOwNn7YZAlRHqYsBZfu-M2keCDMojb0tdjqepEJiO-hFW1gZg18JjX4UjkNI5VST3nW7cvXlvwS2s1Av7CWykjgysqo3DqCKbXoCGvPDSYe_mOEqVehX1bMzqLaA1fbfQgEeIYUOyMfr7KQ-AtJAU-arPQ7RH%3Ds0-d-e1-ft%23https%3A%2F%2Fassets.steadyhq.com%2Fproduction%2Fpost%2F63194ffe-0ae7-413f-9732-cf0c5454620a%2Fuploads%2Fimages%2Fxwkzcpzpms%2Funheimlich_gruseldenkmal%2520Prag.jpg%3Fauto%3Dformat%26dpr%3D2%26fit%3Dmax%26fm%3Djpg%26w%3D600?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp&amp;s=6cd9985935e579590dda65f721c7b6b4" alt="Bild"/><p></p><hr aria-hidden="true"/><h2>Rubrikloses</h2><p><em>Formulare für Personen, die nicht länger als 183 Tage in Deutschland leben</em> ist auf einer Ebene ein Menüpunkt beim Online-Banking und auf einer anderen Ebene ein Kürzestgedicht. </p><hr aria-hidden="true"/><p>Strukturell unheimlich, ohne emotional unheimlich zu sein, ist der Umstand, dass meine bei <a href="https://sesmails.steadyhq.com/CL0/https:%2F%2Fde.wikipedia.org%2Fwiki%2FUnheimlich%23Siehe_auch/1/010701871f054ef7-e69daf46-b636-4003-9703-d5646208524e-000000/IkiO_GndupNqKQoSeOq1dbCfEFhUXrDlpmQvwhWFPtI=95">»Unheimlich« in der Wikipedia</a> verlinkte Seite <a href="http://dasunheimliche.com/">dasunheimliche.com</a> noch existiert, aber nur als Abwesenheit. Ich hatte sie vor ziemlich vielen Jahren leergeräumt, um alles neuzumachen und dann ...</p><img src="https://assets-proxy.steadyhq.com/https%3A%2F%2Fci5.googleusercontent.com%2Fproxy%2FluDqa0PkPIrb9er6P1Wut6vssA38fxE2Od4tCHm4uOrlDIp-Z1VZ3a1YRFkcmKsNoUQUbZjrlj_AEU-9zkr1x0YvqYwFYoQahjBmcIDFsPhSUcJDGqyX-JVeXzuGKEf23JokbWQdw8lLH-AHa86ziCLfFoDY2GsRBsa6jClk6ZzBMJfzqaiOZcqCzYaonljZXwA_XPGd2f6oBCeTNwu3El17S-U-BGGvR2wzy-AWc1vK1kWiobrnhXw%3Ds0-d-e1-ft%23https%3A%2F%2Fassets.steadyhq.com%2Fproduction%2Fpost%2F63194ffe-0ae7-413f-9732-cf0c5454620a%2Fuploads%2Fimages%2Fmre6qlomby%2Fnf83_unheimlich.png%3Fauto%3Dformat%26dpr%3D2%26fit%3Dmax%26fm%3Djpg%26w%3D600?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp&amp;s=29d165147903192da3878f7a04ef9f70" alt="Bild"/><p>Muss ich wohl wirklich mal neu machen. Und dann?</p><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets-proxy.steadyhq.com/https%3A%2F%2Fci4.googleusercontent.com%2Fproxy%2F5tOmXP5JB8PnIAr2iDHVSR9EoNsY7ymPQzvNjaWgb62Y0b7n8iHp03QITbRKcsZipO4UYcxdnatdO_sxpv2DFNrNZOtjqJhTe_ezFIww3FEOkAbTUl3RHYw0uci9rCW_v4gTSslwlkhAFAQ_VamGfmy2PTjCIwu6vEx2O4-rBlCsUAO8FNalallQoXhL-2yabtsiQnplH9oKGhVnOMlrDjU2qdCFtF_kwBMynFpRL_Gn9hOCRwxeArNzQtuRIQ%3Ds0-d-e1-ft%23https%3A%2F%2Fassets.steadyhq.com%2Fproduction%2Fpost%2F63194ffe-0ae7-413f-9732-cf0c5454620a%2Fuploads%2Fimages%2Fzp2fwg5e7h%2Fnf83_odt%2520dot%2520tod.jpg%3Fauto%3Dformat%26dpr%3D2%26fit%3Dmax%26fm%3Djpg%26w%3D600?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp&amp;s=30fcf6398101e66cbe330187ac4ba5bf" alt="Bild"/><p><em>Was liest du und was sagt das über dich?</em></p><hr aria-hidden="true"/><h2>Präraffaelitische Girls erklären Literatur</h2><p></p><img src="https://assets-proxy.steadyhq.com/https%3A%2F%2Fci5.googleusercontent.com%2Fproxy%2FwLO2hKyBMZzbt58LGnKPuJzBperHfdwipyfFrErTBYwPDDomQAFcKQUKMzbUUEZsoQyyJCg0g4fYm9wBYZo0aptXgCHARry-PeyarpSkwvaI79um8lbzRi-qFnpLCijvFeyxl22Hl7qYytdKqYBcRK2CwAepySOpuEvQRaW9ShtPU7U-zK8TuxG03WgmQ4tzfuyHOTxEYQvZS6GOUyNjlD-9rUTS_7KLGbKA-XCqouX3oMnqszGiw-9RXrT_mIP3cB9-yHWs0U4DK3w%3Ds0-d-e1-ft%23https%3A%2F%2Fassets.steadyhq.com%2Fproduction%2Fpost%2F63194ffe-0ae7-413f-9732-cf0c5454620a%2Fuploads%2Fimages%2Fc3awhgcbyz%2Ffv_pgl_btd_bezos%2520arno%2520schmidt.png%3Fauto%3Dformat%26dpr%3D2%26fit%3Dmax%26fm%3Djpg%26w%3D600?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp&amp;s=3fde1a0b50fe9fdb3cf8fbb3d7bb94c0" alt="Bild"/><hr aria-hidden="true"/><hr aria-hidden="true"/><img src="https://assets-proxy.steadyhq.com/https%3A%2F%2Fci4.googleusercontent.com%2Fproxy%2FDG81hsk1HckRuXEqEQRNymoOyzPDWkm-GOYCgA_hgqPyxuCSU1-7q_xkycWoSOH5G6v25_AQLiTi6oDt6SiLXk51bpnpbHWkH4xDpYCd8bsMl3r8oWPLgl6F4ckSkEslMucospNB5Jd3mR4yOQdipUhB6aVBsb0PkxVP1ryMFkoL3mGTIXP1Qf7fgFuhKWn70r0dDsLgY-6aqXDF0gqDqzei5CS-wCJCvtNg5IrobJqIFLa9HyAn9yOqd86XV586%3Ds0-d-e1-ft%23https%3A%2F%2Fassets.steadyhq.com%2Fproduction%2Fpost%2F63194ffe-0ae7-413f-9732-cf0c5454620a%2Fuploads%2Fimages%2Fkmpwaqq2ff%2Ffv_pgl_btd_geschichten.png%3Fauto%3Dformat%26dpr%3D2%26fit%3Dmax%26fm%3Djpg%26w%3D600?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp&amp;s=44347a057fe235bc5f21dad5015b290c" alt="Bild"/><p></p><img src="https://assets-proxy.steadyhq.com/https%3A%2F%2Fci4.googleusercontent.com%2Fproxy%2FNhcscTvHFVW7mLRbZRQloVVy96LAdVQvEhrlPkB5BC7qbI4LUdbuA0zC_gIk0u_HI8ZHTPx0YMTnpTufoyX_AWYhW7g0jHaDTd57V1ENmQLutZMMenY7U4JN4qGFy-VdQiqk_SgEeuXEk-ZBSYYGu-Q7Xj_xrtCT0TlwbVW_9qBlg_zRNhclbi_OCTvz8xYHNLLgeCHOVmmdMUDtV8W9CWFat29IsesEvx7NluHctgGOZ6X1SXH2gGqTuczZocpkqiMYn7Zml-FLpRWS%3Ds0-d-e1-ft%23https%3A%2F%2Fassets.steadyhq.com%2Fproduction%2Fpost%2F63194ffe-0ae7-413f-9732-cf0c5454620a%2Fuploads%2Fimages%2Fisox26wivb%2Ffv_pgl_sm_btd_richtige%2520literatur.png%3Fauto%3Dformat%26dpr%3D2%26fit%3Dmax%26fm%3Djpg%26w%3D600?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp&amp;s=b56196193e1dd7c05c7df54540d73845" alt="Bild"/><p></p><hr aria-hidden="true"/><p>Zurück zur richtigen Literatur, zur Literatur der Richtigen; wir sehen uns nächste Woche. Seid lieb, nur nicht zu Nazis.</p><p><em>XOXO,<br/>FrauFrohmann</em></p><hr aria-hidden="true"/><p>Wenn ihr den Newsletter empfehlt oder eine bestimmte Folge teilt, benutzt bitte das Hashtag #NewFrohmanntic.</p><p></p>]]></content:encoded>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets-proxy.steadyhq.com/https%3A%2F%2Fci5.googleusercontent.com%2Fproxy%2FYAESy7exUPp4m-oSVkvZbSYGWbw47HqHmrYeaD8XY9Ht6IzuLIn_2pP9VTkzW8st-iNVMiKKQvad6wnyRjy8OGfRxzRKEfKQYYYHpA3cISaaJj0bbDnf2ZNn5XU0ARMO1DzpHaQGvX8-7TUMtvpn_cmcQS0NEZreRPcsO8942_qHQuDMPBkCNbAz_5AAQNjYeDeso-IItOVjaVDl7iA1vIvG67Kr_UPVv0r09nmgHxKLVzJp%3Ds0-d-e1-ft%23https%3A%2F%2Fassets.steadyhq.com%2Fproduction%2Fpost%2F63194ffe-0ae7-413f-9732-cf0c5454620a%2Fuploads%2Fimages%2Ffrvzc2ilpp%2Fnf83_cover.png%3Fauto%3Dformat%26dpr%3D2%26fit%3Dmax%26fm%3Djpg%26w%3D600?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;fm=jpg&amp;crop=faces&amp;s=e8f4ac329d0e890c255e22e51495aa9f" medium="image"/>
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      <pubDate>Wed, 12 Apr 2023 10:11:04 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Doppelfolge 85 und 86]]></title>
      <description><![CDATA[Privatbräuche /  Radikale Unhöflichkeit / Medialer Ethik-Cringe / TikTok-Gladiator*innen / Zwei Walter-Benjamin-Zitate / Zoomglitter / Düstere Damen 1 / PGExplaining]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/aa9dec6f-9225-41ab-bdae-0cd11968f4e3/uploads/images/lbczidmn4c/nf%2085%20und%2086_cover.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Schriftzug New Frohmanntic, darunter Bild einer Kette mit Schriftzug LOVE"/><h2>Vorweg</h2><p>Ostern ist vorüber, und mir ist aufgefallen, dass ich zum ersten Mal seit Social-Media keinerlei Ambitionen hatte, ein Bild vom Ostertisch zu posten, obwohl (Säkular-)Ostern mein Lieblingsfest und das Osterfrühstück meine familiäre Lieblingsveranstaltung ist. Mir scheint, dass sich allgemein die digitalvirtuelle und die physische Realität partiell wieder etwas entkoppeln, aber das kann nach all den Social-Media-Krisen und auch, weil der Trendzirkel immer so funktioniert, gerade auch die Backlash-Zwischenphase sein, bis Menschen dann einen normalisierten Umgang pflegen mit dem, was jetzt nicht mehr neu ist, aber auch noch nicht komplett verstanden.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Altes: Privatbräuche</h2><p>Gestern war ich beim Osterfeuer von christlichen Freund*innen, bei dem deren Weihnachtsbaum verbrannt wurde. Der Baum muss sehr groß gewesen sein, denn die Gastgeberin stand die ganzen zwei Stunden, die ich da war, an der Feuerschale und legte Tannenzweige nach. Eine anwesende Person machte sich darüber lustig, dass der Weihnachtsbaum bei diesen Freund*innen immer der größte sein müsse, und es wurde zugegeben, dass das mit dem Weihnachtsbaum bis zur Decke ein Ding in dieser Familie sei. Ich habe dann überlegt, was ein Ding in unserer Familie und zu bestimmten Festen ist. Mir etwa ist wichtig, dass die Familie am Ostersonntag zusammenkommt, der Tisch makellos in Pastellfarben dekoriert ist, und, wenn es das Wetter hergibt, Eier versteckt und gesucht werden. Früher hat mich dabei sehr konventionell bezaubert, wie niedliche Kinder mit Körbchen umherliefen, heute hat sich die Cuteness dahingehend verlagert, dass riesige Typen kleine Körbchen in der Hand halten.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/aa9dec6f-9225-41ab-bdae-0cd11968f4e3/uploads/images/fisdwgauvp/ff%20Ostern%20im%20Morgenmantel.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Rückenansicht von drei Personen, eine hält ein grünes Filzkörbchen in der Hand. Eine Katze läuft zwischen ihren Beinen hindurch."/><p><em>Historisches Foto (Wetter am Ostermorgen 2023 zu schlecht)</em></p><p>Eigentlich ist es auch mein Ding, zu Ostern ein bisschen fragwürdig aussehende Marzipanhasen zu formen, aber das habe ich dieses Jahr vergessen.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/aa9dec6f-9225-41ab-bdae-0cd11968f4e3/uploads/images/xtotrpl7vo/cfeb_marzipanhasensplatter.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Reste von zwei Marzipanhasen auf einem lila Teller"/><p><em>Historisches Foto</em></p><p>Ach ja, und ich hebe die Glöckchen von den Schokohasen auf, wie so ein Killer Trophäen.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/aa9dec6f-9225-41ab-bdae-0cd11968f4e3/uploads/images/rsubq5oayi/20230411_102209.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Goldkette, an der zwölf Glöckchen hängen"/><p><em>Aktuelles Foto</em></p><p>Tatsächlich habe ich – Marketingopfer – am Sonntag, um nachzusehen, ob sich in meinem Schokohasen ein Platzhalter für einen Echtgoldhasen versteckt, den Schokohasen mit einem Messer geköpft, und zwar so entschlossen, präzise und offenkundig talentiert, dass meine Familie ernsthaft schockiert war. Sich ab und zu komplett anders zu verhalten, als es einem zugeschrieben wird, ist meiner Erfahrung nach durchaus empfehlenswert.</p><p>Mein Mann liebt an Ostern am meisten den Ostereikampf, also das Gegeneinanderhauen von jeweils zwei gefärbten, hartgekochten Eiern; wer nicht zerbricht, gewinnt. Ich verliere dabei ganz gern, weil ich primär schnell weiter essen will.</p><p>(Säkular-)Weihnachten ist grundsätzlich nicht mein Ding, ich bin weihnachtskritisch, nicht nur weil ich das Farbschema nicht mag, sondern vor allem, weil es ein notorisches Familienkrachfest ist, bei dem vom Kochen und Backen komplett erschöpfte Omas, angesoffene »Diskussionen« über die Klimakatastrophe und zu hohe Erwartungen aller an alle eine unheilige Allianz bilden. Für alle außer mich ist die Gans zu Weihnachten ein Ding. Ich esse mein Stück Gans in der großen Familienrunde nur, weil es in der Summe mehr nervt, sich das Gelaber über Leute, die kein Fleisch essen anzuhören. Sobald an Weihnachten die Kerzen am Baum angezündet sind – es müssen echte sein: ein Ding in beiden Herkunftsfamilien – singen wir »Oh Tannenbaum«, und es ist wirklich grauenhaft, wie schlecht Menschen singen, die fast nie singen. Das ist irgendwie auch unser Ding, nicht mal ironisch, obwohl es gut hörbar nicht unser Ding ist.</p><p>Meine Schwiegereltern haben zu zweit noch ein nettes Silvester-Ding, sie springen um null Uhr Hand in Hand von der Couch, na ja, mittlerweile vielleicht nicht mehr, die Knie... Mein Mann und ich haben den Couchsprung auch schon mal durchgeführt. Es war lustig und könnte unser Ding werden. In jedem Fall ein guter Ritualtipp für Drinnies.</p><p>Ein Ding, was ich mit Freund*innen habe – davon habe ich schon mal erzählt –, ist, dass ich gern Pflanzen aus meinem Garten in ihrem Leben weiß und auch sehr gern Pflanzen für meinen Garten von ihnen bekomme. (Bitte nur in Weiß, kaltem Rosa und Lila.) Und ich verschenke sehr gern Tier-Broschen.</p><p>Erzählt mir bitte, was ein Ding bei euch und in euren Familien, Freund*innenkreisen ist. Ich interessiere mich ausdrücklich nicht nur für christlich( geprägt)e Feste.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Noch etwas Altes: Radikale Unhöflichkeit</h2><p>Bei dem Osterfeuer waren auch zwei Frauen anwesend, an denen ich vor vielen Jahren erstmals im Leben den angemessenen Umgang mit übergriffigen Menschen beobachten konnte: Dieser lässt sich als radikal unhöflich beschreiben. Wir hatten im Kindergarten eine andere Mutter, die eine*n ungefragt im ärmellosen T-Shirt in ihre Arme aka unter ihre Achselhöhle zog, sich viel zu nah Auge in Auge vor einem aufbaute und immer wieder sagte: »Wir MÜSSEN uns mal zum Kaffee treffen!!!«, während alles in deinem Innern <em>Neeeeeeiiiiin</em> schrie. Dann erlebte ich kurz hintereinander, was A. und C. mit ihr machten, es war wie absurdes Theater, aber mit sinnvollem Ergebnis.</p><p><strong>Übergriffige Person</strong> »Wir MÜSSEN uns mal zum Kaffee treffen!!! Wann hast du Zeit?«<br/><strong>A </strong>»Nein, ich habe schon zu viele Freundinnen.«</p><p><strong>Übergriffige Person</strong> »Wir MÜSSEN uns mal zum Kaffee treffen!!! Wann hast du Zeit?«<br/><strong>C</strong> »Ich habe eigentlich nie Zeit.«</p><p>Ein Teil von mir findet das heute noch erschreckend unhöflich, sogar gemein, weil ich als Kind lernte, Unhöflichkeit als böse zu empfinden. Aber ich bin auch die Person, die Kaffee mit übergriffiger Person trank, obwohl ich nicht wollte, wtf. Heute versuche ich, mich undialogischen Beziehungen bewusst zu entziehen, auch wenn meine Höflichkeitsprogrammierung immer noch reingrätschen will. Ich finde es ethisch okay, mir Menschen, die meine Grenzen nicht interessieren, aktiv vom Hals zu halten. In einem wichtigen Bereich immerhin ist es mir vollständig gelungen: Mein Umgang mit Internettrollen ist seit Jahren radikal unhöflich, ich ignoriere sie komplett, das wirkt Wunder.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Neues: Medialer Ethik-Cringe</h2><p>Schon wieder ein neues Medienphänomen*: der »Ethik-Cringe«. Darunter verstehe ich die Erfahrung, ungewollt Rezipient*in einer ästhetischen Darstellung zu werden, bei der nicht hinreichend die ethischen Implikationen, im konkreten Fall kollektive Schuld und Unschuld unterschiedlicher Publikumsgruppen bedacht worden sind.</p><p>Was ist passiert?</p><p>Beim random Serienglotzen bzw. Seriennebenherlaufenlassen, Serienhalbseidenverfolgen hat mich ein echter Schock ereilt. Also nicht bildlich gesprochen, sondern ich habe wirklich körperliche Symptome entwickelt, weil es so unerwartet und so überwältigend kam. Das ist mir mit medialen ästhetischen Darstellungen bisher nur dreimal im Leben passiert, also bemerkenswert. Im aktuellen Fall geht es um die Serie <em>Transatlantic,</em> die davon handelt, wie ehrenhafte Menschen von Nazis verfolgten Intellektuellen, Wissenschaftler*innen und Künstler*innen zur Flucht aus Europa in die USA verhelfen. Diese auf wahren Begebenheiten beruhende Geschichte rund um den Journalisten Varian Fry und das Emergency Rescue Committee wird netflix-üblich ziemlich romantisiert und oft auch entlang von Romanzen erzählt; dass manche davon zwischen zwei cis Männern stattfinden und in der Serie auch Mitglieder mehrfach marginalisierter Personengruppen Sprechrollen haben, macht die Sache nicht progressiver. Aber darum geht es mir heute nicht. Es geht um Walter Benjamin, der als Figur in der Geschichte vorkommt. <em>[Ohnmachtsgeräusch]</em></p><p>Für diejenigen, die nicht Literaturwissenschaft studiert haben: Das Werk von Walter Benjamin hat für Literaturwissenschaftler*innen eine ähnliche Bedeutung wie »Mama« für Rapper. Selbst Personen, die den Kanon ablehnen, würden seine Texte in jeden Kanon aufnehmen. Ich bilde da ausnahmsweise mal keine Ausnahme. (Auch wenn mich Kommilitonen, die sich wegen Benjamin eine extra winzige Handschrift angewöhnten, mit der sie eng die Seiten von ledergebundenen Notizbüchern beschrieben, extrem belustigten.)</p><p>Zurück in die Gegenwart.</p><p>Schock, 1. Zündstufe: Walter Benjamin kommt in einer Netflix-Serie vor.</p><p>Schock, 2. Zündstufe: Walter Benjamin kommt in einer Netflix-Serie vor, die ich wegen Cheesiness gerade wieder ausmachen wollte.</p><p>Schock, 3. Zündstufe: Walter Benjamins in Suizid endende Flucht vor den Nazis kommt in einer DEUTSCHEN Netflix-Serie vor. – Kein Stoff für eine deutsche Produktion, meine Meinung.</p><p>Schock, 4. Zündstufe: Walter Benjamin wird von Moritz Bleibtreu gespielt. – Keine Rolle für einen nicht jüdischen deutsch-österreichischen Schauspieler, meine Meinung. (Ja, positiv betrachtet, hätte es noch schlimmer kommen können, wenn Til Schweiger den Film produziert und sich die Rolle Walter Benjamins zugedacht hätte.)</p><p>Schock, 5. Zündstufe: Walter Benjamin wird als sozial gestörter, tüddeliger Intellektueller und random Berliner Kiffer dargestellt. – Dazu fällt mir wirklich nichts mehr ein, was für Arschgeigen tun so was?</p><p>Vermutlich steht bereits in jedem einzelnen noch existierenden Feuilleton bereits ein Artikel, der Ähnliches beschreibt. Ich frage mich aber, ob in diesen Artikeln auch reflektiert wird, dass sich die deutsche Nachkriegsgeistesgeschichte selbst an Walter Benjamin vergreift, indem sie sich zentral auf seine Texte und Denkfiguren bezieht, ohne aus seinen Texten und seiner Biografie nachhaltige Konsequenzen fürs eigene tätige Handeln abzuleiten. Die Gesellschaft in Deutschland seit 1945 tritt nicht auf glaubhafte und wirkungsvolle Weise dafür ein, dass keine politische Lage entstehen könnte, in der Walter Benjamin, lebte er jetzt, nicht genauso wieder verfolgt und in eine ausweglose Situation gebracht werden würde. Walter Benjamin ist in Deutschland, von Deutschen zum anderen gemacht und mittelbar von Deutschen ermordet worden. Insofern ist der Skandal gar nicht so sehr, dass Walter Benjamin in einer »flachen« Netflixserie vorkommt, sondern dass die Hochkultur sich nicht 24/7 darum schert, was ihre ethische Pflicht ist. Im Grunde schockt intellektuelle Zuschauer*innen nicht, dass mit Walter Benjamin respektlos verfahren wird – daran partizipieren aktuell unweigerlich alle Menschen mit deutschem Pass –, sondern dass die stark identifikatorisch aufgeladene Kultur der Aneignung Walter Benjamins durch nicht jüdische deutsche Intellektuelle nach 1945 gefühlt verflacht wird.</p><p>Die 6. Zündstufe des Schocks, die in der Erkenntnis besteht, sich selbst Walter Benjamin in nicht zulässiger Weise angeeignet zu haben, ereilt eine*n aber nur, wenn Mensch es zulässt, und ohne diese ranzige Netflix-Serie wäre mir das selbst auch nicht aufgefallen. Sie war also doch zu etwas gut.</p><p>Das Letzte, was Zuschauende in <em>Transatlantic</em> von Walter Benjamin sehen, ist, wie er reglos im Bett liegt, unter einem Kreuz. Die Figur Lisa schüttelt den Leichnam heftig, so, als ob sie ihn wieder zum Leben erwecken könnte. Diese Szene ist eine ungewollte Mise en abyme für den Umgang mit Benjamin in der Serie und darüber hinaus. <br/></p><p>[Ich verspreche, nein, ich hoffe, dass ich die neuen Vorstellungen und Begriffe, die ich im <em>New Frohmanntic</em> mehr andeute als entwickle, eines Tages in einem »richtigen« Buch »richtig« entwickeln werde.]</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Noch etwas Neues: TikTok-Gladiator*innen</h2><p>Eine junge Freundin hat mir TikTok-Lives gezeigt, bei denen sich zwei Parteien in Gestalt möglichst unsympathischer Menschen mit Reichweite in Echtzeit fertigzumachen versuchen, indem sie der anderen Person beispielsweise Hässlichkeit, Verbrechen oder eine Rotlichtvergangenheit unterstellen. Zuschauende können der Person, die dabei besser wegzukommen scheint, per Paypal Geld spenden. Ich dachte erst, »spenden« würde »für einen guten Zweck spenden« bedeuten. Hahaha, manchmal muss ich wirklich über mich selbst lachen.</p><p>Über dieses neue Format würden sich bestimmt längst die üblichen Verdächtigen in der üblichen Weise aka im erfolgreichen Mix aus Ableismus, Sexismus, Rassismus und Klassismus aufregen, sie würden Kultuuuuuuuurverfall greinen, obwohl Menschen ja auch früher schon aus Unterhaltungsgründen zu Hinrichtungen gingen. Zum Glück kennen diese Menschen, von denen ich wirklich keine einzige Zeile mehr lesen möchte, weil von ihnen kein einziger neuer Gedanke mehr zu erwarten ist, keine Menschen, die ihnen so interessante Sachen zeigen würden. Klassisches Feuilleton mit all seinen machterhaltenden, sachlich unnötigen Ausschlüssen ist das wahre Trash-TV. Meine Meinung.</p><p>Und, nein, ich finde nicht, dass Menschen mörderische Kreaturen sind und bleiben müssen. Aber Todeskultur ist bislang, weil mehr auf Effekt setzend, meist spannender zum Zusehen und bringt mehr Spenden als Lebenskultur. Es liegt an der Kunst, das zu ändern. Das ist schwierig, aber möglich.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Geborgtes:</h2><blockquote><p>»Alle Bemühungen um die Ästhetisierung der Politik gipfeln in einem Punkt. Dieser eine Punkt ist der Krieg.« – Walter Benjamin</p></blockquote><hr aria-hidden="true"/><h2>Noch etwas Geborgtes:</h2><blockquote><p>»Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.« – Walter Benjamin</p></blockquote><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Unheimliches: Zoomglitter</h2><p>Ein neues und, wie ich finde, sehr reizvolles Unheimliches eröffnet sich in dem roten Geglitzer, das in Zoom nach dem Ende einer Videobegegnung auf dem Bildschirm erscheint. Die anderen Menschen sind weggeschaltet, und die Geisterhaftigkeit jeder medial vermittelten Kommunikation, ach, was sage ich, jeder Kommunikation, wird sicht- und damit spürbar. Glamouröse Blutspritzer digitaler Körper, auch das sind Menschen heute. Das ist ein bisschen schön und ein bisschen schrecklich.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/aa9dec6f-9225-41ab-bdae-0cd11968f4e3/uploads/images/rshabrzcse/cf_mat_unheimliches%20zoom_by%20cf.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Roter Glitzer auf einem Bildschirm. Schemenhaft erkennbar eine sich spiegelnde Hand, die ein Smartphone hält."/><h2></h2><hr aria-hidden="true"/><h2>Noch etwas Unheimliches: Düstere Damen, 1</h2><p>Alle kennen Morticia und Wednesday Addams, doch die realen düsteren Damen lässt das Patriarchat verlässlich in Vergessenheit geraten. Das ist das eigentlich Unheimliche, aber es ist kaum spürbar. Ich werde euch nach und nach einige düstere Damen vorstellen.</p><p>Cristina di Belgiojoso, geborene Trivulzio, lebte von 1808 bis 1871 und war Historikerin, Journalistin und Revolutionärin. Groß, mager, schwarzhaarig und bleich hätte sie eine überzeugende fiktionale Gothic Villainesse abgegeben, und ihre unkonventionelle Lebensführung verdoppelte diesen Eindruck auf gesellschaftlicher Ebene: Nach vier Jahren Ehen verließ sie ihren Mann, zog allein ein uneheliches Kind auf, arbeitete als Passfälscherin und Botin für die italienische Befreiungsbewegung Risorgimenti.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/aa9dec6f-9225-41ab-bdae-0cd11968f4e3/uploads/images/pgbn56sgn7/diss_Francesco_Hayez_-_Cristina_Trivulzio_Belgiojoso.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Cristina Trivulzio di Belgiojoso, 1832, gemalt von Francesco Hayez"/><p>Mit der Veröffentlichung eigener Texte, <em>Essai sur la formation du dogme catholique </em>(1846), <em>Emina</em> (1856), <em>Asie mineure et Syrie</em> (1858), <em>Scènes de la vie Turque </em>(1858), <em>Histoire de la maison de Savoi</em>e (1860) und <em>Della presente condizione delle donne e del loro avvenire</em> (1866), hatte Cristina Trivulzio di Belgiojoso auch öffentlich eine eigene Stimme. Ihren literarischen Salon, den sie ab 1836 in Paris führte, besuchten unter anderem Honoré de Balzac, Frédéric Chopin, Franz Liszt und Alfred de Musset. Mit Heinrich Heine war Cristina Trivulzio di Belgiojoso über 30 Jahre lang eng befreundet.</p><p>Als wären ihre nachprüfbaren Lebensumstände und Leistungen nicht eindrucksvoll genug, umgeben sie auch noch düstere Legenden: Demnach bewahrte Cristina Trivulzio di Belgiojoso zuhause in einem Schrank die einbalsamierte Leiche eines an der Schwindsucht verstorbenen Liebhabers und in goldenen Reliquiarien die Herzen einiger Verehrer auf.</p><p>– Eigentlich eine gute Idee, um cis männliche Torwächter darauf zu trainieren, sich Frauennamen zu merken: Wusstet ihr schon, dass [Namen einfügen] in ihrem Haus die Herzen von männlichen ...</p><p>Fünf von fünf dunklen Sternen für Cristina Trivulzio di Belgiojoso.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Rubrikloses</h2><p>In literarischen Darstellungen geht es mir fast immer auf die Nerven, wenn eine Geschichte surreal, absurd, grotesk daherkommt. Ding dong, Tür auf, der Tod steht vor der Tür, klapp, das Buch ist zu und auf dem Verschenkstapel. Bei Duolingo geht es mir interessanterweise ganz anders. Hier kann ich mich viel besser konzentrieren, wenn der Beispielsatz nicht lautet: »Matthias geht ins Büro.«, sondern z. B.:</p><p></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/aa9dec6f-9225-41ab-bdae-0cd11968f4e3/uploads/images/a26mfmlqfa/20230411_151202.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Duolingo-Screenshot: Bestellst du die Pizzen für die Pferde, bitte? Ordini le pizze per i cavalli, per favore?"/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/aa9dec6f-9225-41ab-bdae-0cd11968f4e3/uploads/images/mfpu7tqwcm/20230411_151450.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Duolingo-Screenshot: Das Pferd beendet die Zusammenarbeit mit Matthias. Il cavallo chiude la collaborazione con Matthias."/><p>Pizza essende Businesspferde nerven mich nicht nur nicht, sie erfreuen mich sogar. Erfreut und mit Pferden kann ich offensichtlich gut lernen. Mit Schmetterlingen auch. Vielleicht, weil Schmetterlinge nicht gern in die Schule gehen und ich gern Tierbroschen verschenke. Tutto è connesso.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/aa9dec6f-9225-41ab-bdae-0cd11968f4e3/uploads/images/3dijfx3kxy/20230411_151829.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Duolingo-Screenshot: La farfalla non va a scuola. Der Schmetterling geht nicht in die Schule."/><hr aria-hidden="true"/><h2></h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/aa9dec6f-9225-41ab-bdae-0cd11968f4e3/uploads/images/ufpfbi3yoj/20230411_151539.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Immobilienanzeige mit Text »The flâneuer. Finest living on the riverside. Eigentumswohnung im hellen Südflügel«"/><p><em>Babylonische Sprachverwirrung im Luxus-Marketing. KI könnte es nicht schlimmer.</em></p><hr aria-hidden="true"/><h2>Präraffaelitische Girls erklären</h2><p></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/aa9dec6f-9225-41ab-bdae-0cd11968f4e3/uploads/images/rtevn6kz56/fv_pg_btd_binge%20watching_300px.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Gemäldeausschnitt: historisierend gekleidetes Paar an geöffneter Tür. Hinzugefügter Text: »Wisst ihr noch, damals, 2016, als einen heimkehrende Geliebte immer beim Binge Watching unterbrachen?«"/><p></p><hr aria-hidden="true"/><p></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/aa9dec6f-9225-41ab-bdae-0cd11968f4e3/uploads/images/msl7wewqyz/fv_pg_btd_hundewiese_(c)%20by%20christiane%20frohmann_300px.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Gemäldeausschnitt: historisierend gekleidete Person mit hochgestecktem Haar, neben ihr ein Hund. Hinzugefügter Text: Im Real Life König der Hundeweise, war er im Internet doch ein Nichts."/><p></p><hr aria-hidden="true"/><p></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/aa9dec6f-9225-41ab-bdae-0cd11968f4e3/uploads/images/x6ikryjfok/fv_pgul_btd_stilkritik.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Gemäldeausschnitt: Figur mit Brüsten in Rüstung. Hinzugefügter Text: Präraffaelitische Girls ermahnten: Keine Stilkritik im Widerstand!"/><p></p><hr aria-hidden="true"/><p></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/aa9dec6f-9225-41ab-bdae-0cd11968f4e3/uploads/images/a2onkqu4us/111fvm_pg_%20sm_goethe_ms_wissen_gew.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Goethe mit PGExplaining-Mädchensachen-T-Shirt"/><p></p><hr aria-hidden="true"/><p>Zurück zu den Mädchensachen, wir sehen uns nächste Woche. Seid lieb, nur nicht zu Nazis.</p><p><em>XOXO, </em><br/><em>FrauFrohmann</em></p><hr aria-hidden="true"/><p>Bitte nutzt bei geteilten Folgen oder grundsätzlichen Empfehlungen im Netz das Hashtag #NewFrohmanntic.</p><p></p><p></p>]]></content:encoded>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/aa9dec6f-9225-41ab-bdae-0cd11968f4e3/uploads/images/lbczidmn4c/nf%2085%20und%2086_cover.jpeg?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;fm=jpg&amp;crop=faces" medium="image"/>
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      <pubDate>Tue, 11 Apr 2023 13:56:09 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 82]]></title>
      <description><![CDATA[Pflanz-High / RPDC und IRPDC / Ein Zitat von Lea Ypi / Aufklärungsüberhang / Rubrikloses / Präraffaelitische Girls erklären]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/abf7b001-9b87-4efe-a8fb-9185f6fba452/uploads/images/7i7dnapvpc/nf82_cover.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p></p><h2></h2><h2>Etwas Altes: Pflanz-High</h2><p>Meine jüngste Freundin ist knapp 18 und hat ihre erste eigene Wohnung bezogen. Es gibt einen Balkon, und sie erlebt gerade dieses magische Eintauchen ins Gärtner*innenleben. Die meisten Menschen, die nicht ein Leben lang sagen »Ich habe keinen grünen Daumen«, entwickeln sich ja in Phasen: Es beginnt mit der Liebe zu Schnittblumen, die werden einfach gekauft, und wer will, arrangiert sie dann noch hübsch. Dann folgen Topfpflanzen, und das nie endende Lernen beginnt. Wenn die Lebenssituation es aka einen Garten hergibt, schließt sich das Hantieren mit Beet- oder gar Ackerpflanzen an. Aus der Rückschau kann ich sagen, dass das Gefühl immer das gleiche geblieben ist, egal, ob ich im WG-Zimmer auf einen einzigen kleinen Margeritenbaum vorm offenen Fenster, in Wohnungen mit Boyfriend auf Balkonpflanzen, später mit der Familie erst in den Kleingarten und ab einem bestimmten Punkt in den großen eigenen Garten blickte. Es ist wirklich egal, ob man auf eine oder auf viele Pflanzen starrt. Was zählt, ist, dass mindestens eine, als schön empfundene Pflanze umsorgt und angestarrt werden kann. </p><p>(Ein Garten bietet natürlich weitere Erholungsmöglichkeiten als das bloße Pflanzenanstarren; in meiner Version der bessereren Welt hätte jeder Mensch Zugang zu etwas Draußen-Erde zum freien Gestalten. Oder auch gern zum bloßen Draufsitzen und Rauchen, weil nicht jede*r will gärtnern.)</p><p>Meine Freundin hat sich im Angebot zwei Pflanzkästen gekauft, und ich habe ihr ein erstes kleines Set Ableger aus dem Garten gebracht. Sie ist so gehyped, dass sie Screenshots aus der Wetter-App schickt und um ihre Pflanzen bangend nachfragt, ob auch bei Starkregen alles gutgehen werde. Ihre Freude, die ich so gut kenne und die so erfreulich nachhaltig und immer wiederkehrend ist, macht mich glücklich. Ihr zuzusehen, ist wie ein Extra-Shot Frühling.  </p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Neues: RPDC und IRPDC </h2><p>Ihr habt in früheren Folgen schon von meiner pastellfarbenen 80er-Jahre-Head-Steppjacke, die in einem James Bond-Film und von meinen Art-Decó-Keramik-Enten, die in einem Alain-Delon-Film auftauchten, gelesen. Für diese Rezeptionserfahrung habe ich bisher keinen Begriff geprägt, das hole ich jetzt nach. Ab jetzt heißt das überraschende Auftauchen von raren persönlichen Dingen in ästhetischen Darstellungen anderer Leute »Rares-persönliches-Ding-Cameo«, kurz: RPDC. »Rar« meint, dass diese Gegenstände in der Gegenwart deutlich seltener auf der Welt sind als etwa ein IKEA-Billy-Regal oder eine schwarze North-Face-Steppweste. </p><p>Es ist wirklich höchste Zeit gewesen, den Begriff zu prägen, weil mittlerweile schon ein Subgenre des Phänomens aufgetaucht ist: »das instantane Rares-persönliches-Ding-Cameo«, kurz: IRPDC. Dieses bezeichnet das Auftauchen eines im Augenblick bei sich oder an sich getragenen raren persönlichen Dings in ästhetischen Darstellungen anderer Leute. </p><p>Seht selbst.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/abf7b001-9b87-4efe-a8fb-9185f6fba452/uploads/images/bakc6oze4o/20230313_115838.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><em>TV-Krimi-Nebenfigur mit pastellfarbener Fiorucci-Jogginghose im Batiklook </em><br/></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/abf7b001-9b87-4efe-a8fb-9185f6fba452/uploads/images/ink3igtjbb/20230313_115723.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><em>TV-Krimi-Zuschauerin mit pastellfarbener Fiorucci-Jogginghose im Batiklook, während sie auf dem Screen TV-Krimi-Nebenfigur mit pastellfarbener Fiorucci-Jogginghose im Batiklook sieht</em></p><p>Unglaublich, da sitzt menschmaus entspannt denkfaul auf der Couch, und ehe sie sich’s versieht, ist sie Teil einer Bildebenen und Beobachter*innenordnungen transzendieren Mise-en-abyme. </p><p>Wichtig: Fiorucci ist aktuell keine in Deutschland allzu verbreitete Marke, und ich hatte mir die Jogginghose gerade erst gekauft, nachdem ich Jahre auf deren Preisreduktion gewartet hatte. Es ist also wirklich ein großer Zufall.</p><p>Ziemlich spannend, vielleicht schreibe ich darüber mal einen Essay. Für den Anfang lernt schön die neuen Begriffe: </p><p><em>Rares-persönliches-Ding-Cameo (RPDC)</em> bezeichnet das überraschende Auftauchen von raren persönlichen Dingen in ästhetischen Darstellungen anderer Leute. </p><p><em>Instantanes Rares-persönliches-Ding-Cameo (RPDC)</em> bezeichnet das Auftauchen eines im Augenblick bei sich oder an sich getragenen raren persönlichen Dings in ästhetischen Darstellungen anderer Leute. </p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Geborgtes:</h2><blockquote><p>»Bevor der Staat sich auflöste, löste sich die Sprache auf, mit der wir unsere Hoffnung auf eine ›staatenlose‹ neue Zeit zum Ausdruck gebracht hatten.«</p></blockquote><p>Lea Ypi, <a href="https://www.suhrkamp.de/buch/lea-ypi-frei-t-9783518430347">FREI. Erwachsenwerden am Ende der Geschichte</a>, 151</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Uncooles: Aufklärungsüberhang</h2><p>Etwas, das Menschen, auch ich, lernen müssen, ist, dass Menschen, die von Problemen erzählen, gar nicht immer einen Rat hören wollen. Manchmal, häufig, fast immer haben sie selbst schon alles gedacht, durchdacht, bedacht und sind zu dem Schluss gekommen, dass es nicht so einfach ist, dass es ambivalent ist, dass es vielleicht sogar ausweglos ist, aber sie müssen halt trotzdem klarkommen mit dem, womit nicht wirklich klargekommen werden kann. Ein kleiner, aber bedeutungsvoller, weil mildernder Moment beim Klarkommenmüssen kann sein, dass andere Menschen einfach zuhören. Nicht einordnen, nicht urteilen, nicht kommentieren, nichts raten. Nur zuhören. </p><p>Nichts zu raten, wenn kein Rat erbeten wurde, ist dialogisch, obwohl eine von zwei Personen gerade nicht redet. Dialog kann auch bedeuten, Sprechraum abzugeben. Das fällt Menschen, die mit dem Selbstbewusstsein aufgewachsen sind, auf Basis der westlichen Aufklärung zu denken und zu sprechen, schwer. Mir auch. Mal nicht zwanghaft blablabla analysieren, wenn das – muss man erst mal checken – in dem Moment eher die Existenz der anderen Person verletzen würde. </p><p>Das eigene Selbst-Bewusstsein runterzufahren, wenn es dem Dialog im Weg steht, das ist eine Aufgabe, eine Übung, aber keine Zumutung. Es ist menschlich und gesellschaftlich notwendig. Ein weiterer Fall von: das Richtige tun, auch wenn es sich unbehaglich anfühlt. </p><p>Es geht nicht nur um Öffentlichkeit, Mikrofone, Panels, Bühnen, sondern um Kommunikation an sich. </p><p>–Wie, ICH soll mal den Mund halten? </p><p><em>*übt*</em></p><hr aria-hidden="true"/><h2>Rubrikloses</h2><p>Gelesen: »In Madagaskar, Malawi und Mosambik ist die Zahl der Todesopfer infolge des Tropensturms ›Freddy‹ auf mehr als 100 gestiegen.« </p><p>Gedacht: Potenziell tödliche Wetterphänomene sollten keine wie Spitznamen klingenden Namen bekommen. Die Aussage »Meine Familie starb bei Freddy« würde einer Familienkatastrophe unnötig symbolische Würdelosigkeit hinzufügen. </p><hr aria-hidden="true"/><p>Der Boomerkater hat einen neuen Dreistigkeitsrekord aufgestellt und mich Samstagnacht insgesamt viermal geweckt: zweimal von draußen fast die Scheibe eingeschlagen, zweimal trappel trappel trappel mau ums Bett herum. (Laufen im Katzen-Oldschool-TV auch so viele Werbespots für die Prostata stärkende Medikamente?) </p><hr aria-hidden="true"/><p>Der erste Vogel an der neuen Futtersäule waren zwei Eichhörnchen.</p><hr aria-hidden="true"/><p></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/abf7b001-9b87-4efe-a8fb-9185f6fba452/uploads/images/mkh5qiwybv/20230314_121751.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><em>50 % unfreiwillige Satire, 30 % Frauenhass, 20 % Ökofaschismus</em></p><hr aria-hidden="true"/><p></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/abf7b001-9b87-4efe-a8fb-9185f6fba452/uploads/images/kcsai2uwbh/nf82_regrettingmotherhood.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p></p><hr aria-hidden="true"/><h2>Präraffaelitische Girls erklären</h2><p></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/abf7b001-9b87-4efe-a8fb-9185f6fba452/uploads/images/7caopqmxxm/fv_pgd_btd_diss%20ki.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p></p><hr aria-hidden="true"/><p>Zurück zu den mit unserer Hilfe an ihren Dissertationen arbeitenden KI, wir sehen uns nächste Woche. Seid lieb, nur nicht zu Nazis.</p><p><em>XOXO, <br/>FrauFrohmann</em></p><hr aria-hidden="true"/><h2>Voraus</h2><p>Ab Folge 83 wird die Rubrik »Etwas Uncooles« von »Etwas Unheimliches« abgelöst. </p><p></p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Mon, 20 Mar 2023 12:16:35 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 81]]></title>
      <description><![CDATA[Nudekleider / Chers Gesicht / Ein Zitat von Simone Weil / OK, Katzenboomer / PGExplaining]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/ca1755ec-7416-474c-ba4d-f91cd57a0072/uploads/images/fkorrk7hhp/nf81_cover.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p></p><h2>Etwas Altes: Nudekleider </h2><p>Wer sich ein bisschen für Mode interessiert, weiß: das Nacktkleid <em>(nude dress / naked dress)</em>, also ein Kleid, das so durchsichtig ist, dass man quasi ohne dasteht, ist seit Jahren der heiße Scheiß. Kein Wunder, denn so ein Ding garantiert den wirklich großen Auftritt, es ist vestimentärer Clickbait, Aufmerksamkeitsgold. Alle sehen hin, alle machen ein Foto, alle posten. Für den Kaiser aus dem Andersen-Märchen <a href="https://www.projekt-gutenberg.org/andersen/maerchen/chap070.html">Des Kaisers neue Kleider</a> gab es noch ein unangenehmes Erwachen, als ein Kind die versammelte Gesellschaft darauf aufmerksam machte, dass er nackt war; heutigen Nacktkleidträger*innen aber geht es wie dem Kaiser vor der Desillusionierung: »Keine Kleider des Kaisers hatten solches Glück gemacht wie diese.« </p><p>Unnötig zu erwähnen, dass fürs kontemporäre Nacktkleid der Körper makellos und das Selbstbewusstsein ausgeprägt sein müssen. Auch der Kontext zählt: Mit einem Nacktdress möchte niemaus nachts von der U-Bahn am Park vorbei nachhause laufen. Egal ist hingegen, ob das Nacktkleid in den Augen Betrachtender gut aussieht oder nicht, Hauptsache, es fasziniert und hat Klicks gemacht. </p><p>Ich war vor ein paar Tagen sehr fasziniert, aber auf die nicht so gute Art, als ein für <em>i-D </em>gemachtes Foto von Lily-Rose Depp im Netz auftauchte, auf dem sie ein Nudekleid trägt, das stark an ein ikonisches Outfit von Kate Moss von 1993 erinnert. Kate Moss war 1993, upsi, mit dem Vater von Lily-Rose Depp zusammen. Inzestuöses Foto-Reenactment als Meta-Nacktkleid? Zu viel für meine Nerven. <a href="https://people.com/style/lily-rose-depp-wears-sheer-gown-internet-thinks-shes-channeling-kate-moss/">Aber feinster Clickbait</a>, hat funktioniert, ging international durch alle Medien.  </p><p>Wie absurd ist es eigentlich, dass bei Bildern von Nudekleidern auf Instagram die Nippel unkenntlich gemacht werden. </p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Neues: Chers Gesicht </h2><p>Grundsätzlich gilt ja, dass jede Person ihren Körper modifizieren können sollte, wie sie möchte <em>und gleichzeitig</em> alle mitwirken sollten, eine Gesellschaft hinzubekommen, in der weniger Schönheits- und Normdruck auf Individuen, insbesondere Frauen, lastet. Trotzdem haben natürlich alle Menschen, was Körperlooks angeht, unterschiedlich verlaufende Geschmacksgrenzen. Dies hat viel mit Gewöhnung zu tun. Bei mir im schnarchigen Berlin-Pankow sieht man zwar jede Outdoorjacke, die der Kapitalismus in die Welt gebracht hat, aber so gut wie keine sichtbar gespritzten Gesichter; deshalb muss ich mich in Charlottenburg oder Schöneberg immer ein bisschen zusammenreißen, Menschen mit Gesichtsaufpolsterungen nicht anzustarren. Ich bin es einfach nicht gewöhnt – mein Problem. Umgekehrt bin ich durch Freundinnen meiner Söhne vertraut mit Extra-Wimpern und -Nägeln, Looks, die für mich total normal sind, aber manche Pankower Freundin von mir ästhetisch aus der Fassung bringen. Deshalb gilt: Denk dir, was du willst bzw. was du kannst, aber bitte leise; vor allem kommentiere nicht ungefragt das Äußere anderer Menschen, die zufällig an dir vorbeispazieren. Das, was <em>du</em> im Augenblick schön und okay findest, ist nicht das, was automatisch andere schön und okay finden, also lieber pschhhhhht.</p><p>Ein bisschen anders sieht die Sache aus, wenn spezifische Looks Teil deines Geschäfts, deiner Marke sind, z. B. wenn du Model bist, dann liegt es natürlich nahe, dass darüber gesprochen wird, wie du gerade aussiehst. Bei Musiker*innen ist es schon wieder etwas ambivalenter, da sollten die Looks den öffentlichen Diskurs nur interessieren, wenn sie ganz klar Teil der Show sind. Richtig wäre etwa gewesen, Adeles Figur, egal ob dick oder dünn, außen vor zu lassen, denn sie tritt genuin als Sängerin auf. Hingegen ist es bei Madonna Konzept, immer wieder krass anders auszusehen und auch auf unterschiedliche Weise krass. Also kann man darüber reden. Mal gefällt einem ihr Look, mal nicht. Wenn jetzt aber Menschen so dermaßen ausrasten, weil Madonna angeblich »unkenntlich« aussehen würde, regen sie sich vielleicht insgeheim mehr darüber auf, dass die sich mit 64 als eine Art sexy Schulmädchen stylt inklusive jugendlich rundem Gesicht. (Aber erwachsene Frauen in der Firma »Mädels« nennen, ist immer noch für Viele okay.) Mit Sex, BDSM, Queerness andeutenden Looks und Performances von Madonna hatte die Urteilsgesellschaft, abgesehen von religiösen Fundamental*istinnen, kein Problem, aber wenn die Olle sich jetzt in einer Weise als fickbar stilisiert, die man ganz persönlich irgendwie nicht hot findet, dann ist aber was los. Plötzlich wird es als würdelos und wirr empfunden und das Image der verrückten Alten aufgerufen, als wäre es 1873.  So etwas Ähnliches gab es auch schon mal 2010 bei Demi Moore, da konnte man lesen: »Jetzt wird&#39;s peinlich. Demi Moore benimmt sich, als wäre sie nicht 47, sondern wieder 17.« Vorher wurde dieselbe Demi Moore bis in den Himmel gelobt, weil sie viel jünger als 47 aussah, aber sich jünger benehmen? Nein, also wirklich nicht, peinlich. Klar, können bei solch »aufgedrehten« Auftritten auch Mental-health-Probleme im Spiel sein, aber für die interessiert sich jemand, der so fies aburteilt, ganz bestimmt nicht. </p><p>Misogynie im frühen 21. Jahrhundert heißt: Frauen sollen im besten Fall bis zum Tod attraktiv wirken, aber bitte objekthaft wie im 19. Jahrhundert; wenn sie es für sich selbst tun und anderen dabei nicht gefallen, sind sie peinlich. </p><p>In diesem Kontext ist mir aufgefallen, dass Cher ein echtes Vorbild ist. Sie war die erste prominente Frau, von der wirklich jede*r wusste, dass sie »operiert« ist. Vermutlich hat sie hunderte OPs hinter sich. Jetzt ist sie 77 und sieht aus wie 1977.  Läuft. 40 Jahre jüngerer Boyfriend, herzlichen Glückwunsch. Ein junger Partner wird mittlerweile ja auch Frauen durchgehen gelassen. Womit könnte Cher die aktuellen Normis schocken? Mmh, Unsterblichkeit wäre ein cooler Move. </p><p>Witzig (=misogyn) auch, dass »operiert« bei Frauen sofort als schönheitsoperiert interpretiert wird. »Sie ist operiert« könnte ja auch heißen: Sie hatte eine Hysterektomie. <em>Kann ich sehr empfehlen, nicht vergessen, ich bin auch Hysterektomienfluencerin.</em></p><hr aria-hidden="true"/><p></p><h2>Etwas Geborgtes: Ein Zitat</h2><blockquote><p>»Gewalt macht den Menschen zur Sache.«  </p></blockquote><p>– Simone Weil</p><hr aria-hidden="true"/><p></p><h2>Etwas Uncooles: OK, Katzenboomer</h2><p>Wer mir in sozialen Medien folgt, weiß auch von Laser Frohmann, einer mittlerweile schon älteren, beigebraun gestreiften Hauskatze, extrem geliebt von allen, die ihn kennen, ausgenommen Vögel und Nager. Würden wir zuhause eine Familienaufstellung machen, säße der Kater unweigerlich im Zentrum. Laser ist auch eine kleine Internetberühmtheit, Menschen schreiben mir Nachrichten und Mails, in denen sie nach ihm fragen. Allerdings ist sein Fame daran gebunden, dass ich selbst noch auf einer Plattform sichtbar bin, denn Laser hat keine eigenen Accounts. (Ein weiteres Feld, bei dem ich froh bin, dass ich dem Impuls, als so was in der Luft lag, nicht nachgegeben habe. Ähnlich froh bin ich, in den 1980ern keinen coolen Roman geschrieben, nach meiner ersten Schwangerschaft keinen Schwangerschaftsratgeber verfasst und nach dem ersten Anziehen meines Babys nicht gleich Mode für Kleinkinder designt zu haben.) </p><p>Ein Mythos ist, dass Laser sehr fotogen ist. Nein, schlecht ausgedrückt, er ist fotogen, aber er hasst es so sehr, fotografiert oder gefilmt zu werden, dass es große Anstrengungen und Mühen erfordert, ein passables Bild von ihm zu machen. So richtig dabei ist er nur, wenn ich nebem dem Smartphone noch einen Snack hochhalte. In allen anderen Fällen schlägt er, sobald ich das Smartphone zücke, instant die Augen nieder. Er ist genauso fotophobisch wie ich. I feel you, Laser. </p><p>Was ich ihm aber verüble, natürlich ohne jeden Liebesabzug, ist, dass er ein Boomer geworden ist, der mich den ganzen Tag über mit pampigen Blicken, genervten Kopfbewegungen und lautem Miauen catsplaint. Ja, ich könnte ihm natürlich einen Snack nach dem anderen geben und ihn jeweils mehrere Stunden lang auf dem Arm durchs Haus tragen, aber muss er mich wirklich ansehen wie ein böser Nazi-Opa, der gleich mit dem Schirm auf ein auf dem Bürgersteig radfahrendes Kind eindrischt?</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/ca1755ec-7416-474c-ba4d-f91cd57a0072/uploads/images/poxcc4qi7z/fv_tlc_laser_druckfa%CC%88hig_scha%CC%88l%20am%20fenster.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><em>OK, Boomer</em></p><hr aria-hidden="true"/><p></p><h2>Rubriklos</h2><p></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/ca1755ec-7416-474c-ba4d-f91cd57a0072/uploads/images/vcuza5olqt/nf_81_couchla%CC%88sterung.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/ca1755ec-7416-474c-ba4d-f91cd57a0072/uploads/images/cohr7hoek4/nf81_rock%20vergessen.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p></p><hr aria-hidden="true"/><p></p><h2>Guerlica</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/ca1755ec-7416-474c-ba4d-f91cd57a0072/uploads/images/ex2b7neidm/fv_pgul_btd_digitales%20biedermeier.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Zurück zu den neuen alten Gewändern. Wir sehen uns nächste Woche. Seid lieb, nur nicht zu Nazis.</p><p><em>XOXO, <br/>FrauFrohmann</em></p><hr aria-hidden="true"/><p></p><p>Empfehlt <em>NewFrohmanntic</em> bitte weiter, gern auch die Bezahlabos. Sie ermöglichen, dass andere gratis lesen.</p><h2></h2>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Sun, 12 Mar 2023 22:59:33 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 80]]></title>
      <description><![CDATA[Frühblühende als cute Endlichkeitsmarker / Digitalprivate Routine / Ein Zitat von Simone Weil / Katzeneltern auf Instagram / PGExplaining]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8df13f27-380d-4a66-9b66-aa4f7779aaa6/uploads/images/wzdmskv5yx/nf80_cover.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p></p><h2>Etwas Altes: Frühblühende als cute Endlichkeitsmarker</h2><p>Das Gefühl für die eigene End- und Sterblichkeit stellt sich im Leben von Menschen irgendwann auch jenseits grundsätzlicher philosophischer Beschäftigungen und der Ausnahmeerfahrung, Nahestehende zu verlieren, ein und geht dann auch nicht mehr weg. </p><p>Bei mir tauchte die Gegenwärtigkeit meines zukünftigen Todes als Gedanke und Vorstellung auf, als ich 37 war, ohne besonderen Anlass, die nahenden 40 waren mir wirklich egal. Ich würde eher vermuten, dass es durch die Gegenwart meiner damals kleinen Kinder ausgelöst wurde: sie werden ja vorausssichtlich noch leben, wenn ich schon tot bin. </p><p>Seit dieser Zeit muss ich täglich, manchmal mehrmals, daran denken, dass ich sterben werde. In den ersten Jahren hatte das fast zwanghafte Züge, dann nahm es quantitativ etwas ab. Qualitativ war es nie besonders arg, eher so ein gelassener Nebengedanke bei allem: Ja, ich werde sterben. Der Roman <em>White Noise</em> von Don DeLillo aus dem Jahr 1985 kreist um diesen Gedanken, ich habe das Buch neulich noch mal gelesen, und es ist ziemlich gut gealtert. </p><p>Mit dem gedanklichen Sensenmann stets an meiner Seite hat sich auch meine Wahrnehmung des Frühlings verändert, ich stehe seither jedes Jahr im Februar und März ausufernd oft und lange vor den Frühblühenden, starre hier ein Schneeglöckchen, da einen Krokus an, während ich innerlich seufze: Werden und Vergehen, das muss diese Schönheit sein. </p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8df13f27-380d-4a66-9b66-aa4f7779aaa6/uploads/images/h2vmn7ylgd/cf_garden_geisterkrokusse.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>(Bitte Schönheit niemals mit Romantik verwechseln.)</p><p>Ich habe noch nie sonderliche Angst vor dem Tod gehabt, aber ich will auch nicht sterben. Jedenfalls nicht, bevor mein Maß voll ist. Das wünsche ich mir auch für andere Menschen, vor allem liebe, leider nicht immer erfolgreich. R.I.P., Sim. </p><hr aria-hidden="true"/><p></p><h2>Etwas Neues: Digitalprivate Routine</h2><p>Während das öffentliche Deutschland weiterhin Menschen dazu zwingt, per Mail erhaltene Verträge auszudrucken, zu unterschreiben, einzuscannen, zu mailen und »lieber auch noch mal per Post zu schicken«, dürfen Menschen in privateren digitalen Kontexten feststellen, dass tatsächlich eine gewisse gelassene Routine einkehrt und menschmaus sogar Kniffe entwickelt, um sich selbst dabei auszutricksen. So bin ich letzte Woche nach den Monaten erzwungenen Dauerhighs durch Überaktion rund um meine Mutter und deren Carenöte nach der Rückkehr in den Alltag erwartungsgemäß erst einmal in mich zusammengefallen. In solchen Down-Phasen nutze ich sonst meist übermäßig soziale Medien, doomscrolle oder zocke. Ich kann und will dann keine Menschen treffen. Wenn das digitale Monadentum nicht zu lange währt, wirkt es als dumpfe Form von Selbsttherapie: Sich leermachen nach dem Zuviel. Dieses Mal stürzte meine entfesselte Seite mich kopfüber und zehn Jahre verspätet in eine <em>Candy Crush</em>-Sucht, und es wurden mal eben schnell 152 Levels durchcrusht. </p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8df13f27-380d-4a66-9b66-aa4f7779aaa6/uploads/images/75lgtptwt5/ff_FamilieXXX_Lolo%20Chima%CC%88re%2020160827_001222.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><em>Symbolbild<br/></em></p><p>Gleichzeitig aber öffnete meine selbstbesorgte Seite pflichtbewusst <em>Duolingo </em>und ließ mich mit Italienisch weitermachen. Und dann ist etwas passiert, was mich selbst überrascht hat: Inmitten kompletter Zockmanie (=wenn schon ganz klar ist, dass beim Spielen nicht mehr von Entspannung die Rede sein kann: noch eines, noch eines, nur noch eines) holte ich tief Luft und löschte <em>Candy Crush</em>. Nach nicht mal einer Woche, so müsst ihr euch ein Wunder vorstellen! Sehr geholfen hat mir (meiner Vernunft) dabei die Information, dass es über 10.000 Levels gibt – sorry, aber ich möchte dieses Jahr schließlich noch Bücher verlegen und schreiben. Danach habe ich natürlich noch nicht sofort meine To-do-Listen abgearbeitet, sondern wie besessen <em>Duolingo</em> genutzt, ich habe Duolingo gezockt. Italienischlevels kann es ja gar nicht zu viele geben. Das werde ich jetzt für überdrehte Tage beibehalten. My own private digital limbo. Nur von den Challenges lasse ich lieber die Finger, einen lila Kopf vom Nichtatmen beim Italienischlernen zu bekommen, erscheint mir irgendwie unangemessen.</p><hr aria-hidden="true"/><p></p><h2>Etwas Geborgtes: Ein Zitat</h2><blockquote><p>Verstehen ist immer eine aufsteigende Bewegung; deshalb muss das Verstehen immer konkret sein. (Man hat die Höhle nie endgültig verlassen, man ist immer dabei, sie zu verlassen.)</p></blockquote><p>– Simone Weil, <a href="https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/cahiers-1/978-3-446-25371-1/">Cahiers. Aufzeichnungen, Erster Band</a>, 97</p><hr aria-hidden="true"/><p></p><h2>Etwas Uncooles: Katzeneltern auf Instagram</h2><p>Mit meiner öffentlichen persona und dem Verlag bin ich ja nun seit einiger Zeit weg von allen Mega-Verlagsplattformen, also allen, die von den Megalo-Elons, -Marks und -Jeffs geführt, geprägt und geerntet werden. Es ist a priori nicht möglich, auf diesen Plattformen »indie« zu publizieren, also Vorbildfunktion und so. </p><p>Aber ich habe mir eine kleine Inkonsequenz erlaubt und einen privaten Instagramaccount eingerichtet, um Kontakt zu Freund*innen zu halten und noch ein bisschen was mitzubekommen. Weil ich damit aber fast nichts fave, klatscht mir der Algorithmus krude Mischungen an Inhalten hin: Fitness, Food, Memes und Katzen, Katzen, Katzen. In letzterem Segment habe ich jetzt ein Subgenre ausgemacht, bei dem mir das Blut gefriert, so ästhetisch schlimm finde ich es: Videos, in denen die Katze witzige Sachen über ihre Menschen sagt, UND SIE NENNT SIE MAMA UND PAPA. Witzhöhe like: Mama und Papa machen komische Geräusche im Schlafzimmer. Ich wusste gar nicht, wie verfacebookt und -boomert Instagram ist. </p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8df13f27-380d-4a66-9b66-aa4f7779aaa6/uploads/images/tfwehjwdge/fflaser_facepalm_klein.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Nicht ästhetisch, sondern ethisch schlimm ist, in wie vielen Videos Katzen entgegen ihren Katzenneigungen niedlich mit engen Klamotten hergerichtet oder sogar absichtlich verängstigt oder anderswie gestresst werden, weil das witzig groteske Reaktionen (Content!!!) hervorruft. »Papa« und »Mama« sind wohl auch einfach ziemliche Arschgeigen.</p><hr aria-hidden="true"/><p>Stichwort Katzen, aber cool: Am 30.4. ist in Berlin in der Lettrétage Katersalon zum Thema Hexen. Ich halte einen freien digitalmagischen Vortrag zu Bildern, Diana Weis macht ein Stand-up und legt auf, Sarah Berger performt lyrische Social-Media-Collagen. – Extensiver Hexentanz wegen des Datums unerlässlich, dazu PGExplaining-Visuals.  </p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8df13f27-380d-4a66-9b66-aa4f7779aaa6/uploads/images/4qrwazbl5y/ks_3%20ladys%20mirt%20katzenkopf.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><h2></h2><hr aria-hidden="true"/><h2>Rubrikloses</h2><p></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8df13f27-380d-4a66-9b66-aa4f7779aaa6/uploads/images/tleckvuojw/20230305_223839.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p></p><hr aria-hidden="true"/><p></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8df13f27-380d-4a66-9b66-aa4f7779aaa6/uploads/images/a2meimu7do/20230305_224033.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><em>Diese Art von Over-the-top-Clickbait-Teaser, der dann ins Nichts führt, liebe ich ja. </em></p><hr aria-hidden="true"/><p></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8df13f27-380d-4a66-9b66-aa4f7779aaa6/uploads/images/hwjtlhsswt/evis%20dinge_schrankpapier.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><em>Altes Schrankpapier</em></p><hr aria-hidden="true"/><p></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8df13f27-380d-4a66-9b66-aa4f7779aaa6/uploads/images/2vvpuv6rls/20221207_002305.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><em>Was soziale Medien nach drei Monaten Shoppings für Seniorin von mir denken, noch schlimmer, es kommt mir auch selbst plausibel vor.</em></p><hr aria-hidden="true"/><p></p><h2>Guerlica</h2><p></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8df13f27-380d-4a66-9b66-aa4f7779aaa6/uploads/images/eqsmt2bdpp/fv_pgm_btd_zu%20viel.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p></p><hr aria-hidden="true"/><p>Zurück zum Zuviel, zu den Vielen, die zu wenig mit sind. Wir sehen uns nächste Woche. Seid lieb, nur nicht zu Nazis.</p><p><em>XOXO,<br/>FrauFrohmann</em></p><p></p>]]></content:encoded>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/8df13f27-380d-4a66-9b66-aa4f7779aaa6/uploads/images/wzdmskv5yx/nf80_cover.png?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;fm=jpg&amp;crop=faces" medium="image"/>
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      <pubDate>Sun, 05 Mar 2023 22:07:05 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 79]]></title>
      <description><![CDATA[Individuelle Überempfindlichkeiten / Verarbeiten beim Arbeiten / Ein Zitat von Dilek Güngör / In sozialmediale Vergessenheit geraten / Präraffaelitische Girls erklären]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8e041581-51c9-4d6f-ad27-609e4bb942a3/uploads/images/twt7owl3rj/nf79_cover.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p></p><h2>Etwas Altes: Individuelle Überempfindlichkeiten</h2><p>Manchmal fängt menschmaus erst sehr zeitverzögert an, über Phänomene nachzudenken, die sich schon lange bemerkenswert angefühlt haben. So ein Phänomen sind persönliche Überempfindlichkeiten. Eine plausible Erklärung für das Nichtnachdenken darüber ist, dass sie einem bei sich selbst völlig erklärlich vorkommen, bei anderen aber als merkwürdig, rätselhaft, neurotisch eingeordnet werden. So kommt man nicht so schnell darauf, etwas Gemeinsames, Allgemeingültiges zu erleben. – Gibt es »Neurosen« überhaupt noch? Ich habe den Begriff schon lange nicht mehr gehört. – Von meinen eigenen Überempfindlichkeiten habe ich in unterschiedlichen Kontexten bestimmt schon mal berichtet: Die Farbe Rot und fast alle starken Düfte bereiten mir Unbehagen. Mir nahe Menschen haben vergleichbare Probleme mit dem Geräusch einer nachbarlichen Poolpumpe, enger und starrer Kleidung, abstrakter Kunst, Musik ohne Beat, ungleichen Abständen von dekorativen Dingen auf Regalbrettern. Jede*r von uns weist auch besondere Unempfindlichkeiten auf, die von den anderen als unverständlich, wenn nicht grobschlächtig empfunden werden: WIE KANN MAN DAS NICHT SEHEN, HÖREN, RIECHEN, FÜHLEN, VERSTEHEN, BEHERZIGEN? Menschmaus kann, und zwar jede*r etwas anderes und etwas anderes nicht. Diese persönlichen Überempfindlichkeiten und -unempfindlichkeiten gilt es, bei sich und anderen zu erkennen und zu akzeptieren, auch Wege zu finden, darüber zu kommunizieren, ohne unnötige Verunsicherung auszulösen. (Freund*innen, es ist wirklich okay, in meiner Gegenwart rote Kleidung zu tragen, auch an meinem Geburtstag; ich habe für meine Mutter gerade eine ganze Wohnung in Rottönen eingerichtet.)</p><p>Individuelle Empfindlich- und Grobschlächtigkeiten sind ein schönes, wenn auch nicht das einzige Themenfeld für die sehr wichtige Erkenntnis, dass alle Menschen nicht gleich sind. Sie haben nur die gleichen Grundrechte – theoretisch.</p><p>Wenn Menschen sich nicht dauernd vergleichen und andere permanent beurteilen, entfallen viele Probleme. Dann gilt etwa die Angst vor Mäusen nicht mehr als lächerlicher als die vor Schlangen. (Es gibt übrigens giftige Mäuse und ungiftige Schlangen.) Menschen können in Ruhe jede Art von andere nicht gefährdender Exzentrik ausleben, auch die, die sie sich nicht ausgesucht haben. Manchmal verliert sich so eine Überempfindlichkeit auch oder sie schlägt ins Gegenteil um. Als ich mit meinem ersten Kind schwanger war, konnte ich nicht nur mehrere Monate lang keinen Kaffeegeruch ertragen (the tragedy!), sondern musste auch würgen, wenn ich meine geliebte pastellfarbene 80er-Jahre-Head-Steppjacke sah. (Die so wunderschön war, dass sie als Bond-Girl-Jacke in <em>For Your Eyes Only</em> mitspielte.) Der Anblick von Pastellfarben tut mir normalerweise ausgesprochen gut, was sich an meinem Zuhause und meiner Garderobe ablesen lässt. Offenkundig war ich schwanger also nicht ich oder ich und noch etwas, jemand anderes oder ein anderes ich. Oder die schöne Jacke war dem Kind in meinem Bauch zu starr und eng, woraufhin es mir hormonell den Pastellekel verpasste. </p><p>»<em>Du</em> hast Probleme«, wäre vermutlich das Urteil und »Stell dich nicht so an« der Rat vergangener Generationen gewesen. »Lern <em>du</em> erst mal Farben sehen und gendern, bevor du mich von der Seite anquatschst«, ist meine Antwort in die Vergangenheit.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Neues: Verarbeiten beim Arbeiten</h2><p>Morgen ist mein dreimonatiges Non-Sabbatical abgeschlossen, in dem ich nicht für Geld gearbeitet habe, sondern Carearbeit für meine Mutter geleistet habe, obwohl das niemand von mir verlangt hat, aber alternativlos war es eben auch. Jede Zwischenlösung hätte nur dazu geführt, dass ich Geld- und Carearbeit gleichermaßen schlecht gemacht hätte, denn ich bin die unbegabteste Multitaskerin der Welt. So haben zwar ein paar Menschen verständlicherweise Verlagsunterstützungs-Abos gekündigt, weil der Verlag gerade komplett brachliegt, aber es haben auch ein paar Menschen NewFrohmanntic-Abos abgeschlossen, weil sie über die viel geteilten persönlichen Berichte erst auf mich aufmerksam wurden. </p><p>Die Lage jetzt hier in München: Meine Mutter findet ihr bezahlbares Appartment im betreuten Wohnen mit Vögelchen-Baum vor dem großen Balkon toll, die Einrichtung auch, sie ist wieder aufgewacht, lebendig. Es hat sich gelohnt, ich bin unglaublich erschöpft, aber zufrieden. Eine Person, die buchstäblich fast gestorben ist und auch vorher nicht mehr richtig leben wollte, hier fröhlich Blumentöpfe auf dem Fensterbrett rumschieben zu sehen, ist schon ein ziemlicher Hammer.  </p><p>Wenn es nur um mich allein geht, bin ich ja sehr gern komplett chaotisch, denn dann ist das in erster Linie kreativ. Bei der Care in den vergangenen drei Monaten habe ich aber ungewohnt systematisch und ordentlich gearbeitet. Gleich zu Beginn entschied ich, dass ich den Schock und die Krise rund um meine Mutter (starker Trigger wegen ähnlicher Situation schon beim Tod meines Vaters) am besten verarbeiten würde, indem ich ihr ein schönes, neues Leben gestalte und ihr früheres Leben würdevoll abwickle. Ersteres war selbstverständlich auch meine Aufgabe als ihr Kind, aber Letzteres hätte ich mit Geld von Mamas Konto sofort in fremde Hände geben können. Das wollte ich nicht. Ich habe sogar lächerlich viel Zeit darauf verwendet, Dinge aus der alten Wohnung an liebe Menschen zu vermitteln. </p><p>Was sehr tröstlich war: Die Freundin meines Sohnes hat gerade ihre erste eigene Wohnung bezogen und konnte nicht nur enorm viel gebrauchen, sondern fand auch wirklich viel, was zu haben war, schön. So sahen unsere Chats in der Hochphase aus:</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8e041581-51c9-4d6f-ad27-609e4bb942a3/uploads/images/yxt6mdvvu3/20230222_191746.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8e041581-51c9-4d6f-ad27-609e4bb942a3/uploads/images/kzft53ha4s/20230222_191722.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Als die einzige Lampe, die ich absichtlich nicht vermittelt hatte, weil ich sie zu harsch deutsch fand (Messing, mit Adlern), gestern von den Entrümplern die Treppe runtergetragen wurde, hat die älteste Nachbarin die Türe aufgemacht und schüchtern gefragt, ob sie die haben dürfte. So hängt ab jetzt die zu deutsche Lampe meiner Oma in der Wohnung der ersten »Gastarbeiterin«, die ich als Kind kennenlernte. Ein von mir vor 25 Jahren für meine Mutter gemaltes Bild meiner längst verstorbenen Katzen K. und D. hängt in einer Wohnung in Berlin-Wedding, die sich in der gleichen Straße befindet, in der diese Katzen mit mir ihre Jugend verbrachten. </p><p>Ein seltener Fall von happy end, natürlich nur vorläufig, aber das muss ja so sein. Meine Mutter lebt schon immer so, als würde alles schicksalhaft über sie hereinbrechen, während ich fest ans Gestalten des eigenen Lebens glaube – das ist wohl die Ironie der Geschichte. </p><p>Meine Seele ist, wie geplant, gut durch diese harte Zeit gekommen. Ich könnte jetzt ein Ratgeberinnenbuch schreiben, <em>Die Trödeltherapie,</em> vermutlich würde ich damit mehr Geld verdienen als mit aller Arbeit, die ich nicht nur hypothetisch mache. </p><p>Jetzt freue ich mich sehr darauf, wieder zu verlegen und zu schreiben, sehr, sehr, sehr. </p><p>Bei der Bewerbung um den Verlagspreis habe ich ein weiteres Jahr nichts Großartiges vorzuzeigen, aber dafür habe ich einiges für das Leben getan.</p><hr aria-hidden="true"/><p></p><h2>Etwas Geborgtes: Ein Zitat</h2><blockquote><p>Vielleicht in diesem stillen Raum mittendrin, auf dieser Schwelle, vielleicht haben wir uns dort etwas geschaffen, nämlich Sinn. Es geht ohne Eindeutigkeit, es geht ohne entweder, ohne ein Eigentlich.</p></blockquote><p>– Dilek Güngör, <a href="https://www.rowohlt.de/buch/anders-bleiben-9783499010804">anders bleiben</a></p><hr aria-hidden="true"/><p></p><h2>Etwas Uncooles: In sozialmediale Vergessenheit geraten</h2><p>Es ist so ernüchternd wie läuternd: Du kannst ein Jahrzehnt lang big in Japan aka auf Twitter und Instagram gewesen sein, aber wenn du weg bist, bist du wirklich instant weg. Menschen merken nicht mal bewusst, dass du weg bist, weil es rutschen ja sofort andere Inhalte in die TL, und faktisch warst du ja eh schon zwei, drei Jahre vorher ins performative Geisterreich geraten, seit du dich konsequent nicht mehr an Clickbait-Aufregung beteiligtest. </p><p>Es tut aber auch nicht weh, überhaupt nicht. Es ist nur nicht gut fürs Geschäft, aus moralischen Gründen keine Plattformen mehr zu nutzen, die Megalodudes die private Raumfahrt mitfinanziert. Sehr gut ist es hingegen für den Blutdruck. Ebenfalls instant, ganz erstaunlich. </p><p>Außerdem seid ihr noch da. Hier. Bewusst und absichtlich. Das ist viel schöner. </p><hr aria-hidden="true"/><p></p><h2>Rubrikloses</h2><p><em>Bilder aus der alten Wohnung meiner Mutter bzw. aus Printmedien, die sich dort fanden</em></p><p></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8e041581-51c9-4d6f-ad27-609e4bb942a3/uploads/images/lsuqgzfimq/20230226_224219.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><em>Schlüssel zur Vergangenheit<br/></em></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8e041581-51c9-4d6f-ad27-609e4bb942a3/uploads/images/uir7uvg23g/20230226_224111.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><em>Keine Serienkillern zu viel Raum gebende Netflix-Serie, sondern eine Abbildung aus dem Handarbeitsbuch meiner Oma (es wird hier noch mehr Beachtung finden)</em><br/></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8e041581-51c9-4d6f-ad27-609e4bb942a3/uploads/images/xxy2o3i33d/20230226_223934.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><em>Deutsche Magie nach der Hexenverbrennung<br/></em></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8e041581-51c9-4d6f-ad27-609e4bb942a3/uploads/images/fbljxr7ynj/20230226_223834.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><em>Eine Werbung, die mich hermeneutisch diamanthart herausfordert</em><br/></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8e041581-51c9-4d6f-ad27-609e4bb942a3/uploads/images/nlw6rhxsp3/20230226_223749.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><em>Innenseite Abstellkammertür</em><br/></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8e041581-51c9-4d6f-ad27-609e4bb942a3/uploads/images/76n5bwud5y/20230226_223727.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><em>Beim Auszug den verlorenen 2. Weltkrieg wiederfinden</em></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8e041581-51c9-4d6f-ad27-609e4bb942a3/uploads/images/cr4ps2e6zq/20230226_223709.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><em>Ein Lieblingsobjekt aus meiner Kindheit</em></p><hr aria-hidden="true"/><h2>Guerlica</h2><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/8e041581-51c9-4d6f-ad27-609e4bb942a3/uploads/images/ojnep7ehna/fv_pgul_btd_unno%CC%88tiger%20kommentar.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p></p><hr aria-hidden="true"/><p>Zurück ins Internet.  Wir sehen uns nächste Woche, vielleicht auch zwischendurch, ich muss ja noch eine Folge <em>New Frohmanntic</em> nachliefern. Seid lieb, nur nicht zu Nazis.</p><p>XOXO,    <br/>FrauFrohmann</p><p></p><p></p><p></p><p></p><p></p>]]></content:encoded>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/8e041581-51c9-4d6f-ad27-609e4bb942a3/teaser_image/1677453445?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;fm=jpg&amp;crop=faces" medium="image"/>
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      <pubDate>Sun, 26 Feb 2023 23:17:25 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 78]]></title>
      <description><![CDATA[Twitterfreundinnenschaft mit Üt  / Solidarität des Schocks / Ein Zitat von Selma Wels / Un-Barmherzigkeits-Spiele / PGExplaining]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Wer lieber im Browser lesen möchte, <a href="https://steadyhq.com/de/newfrohmanntic/posts/46d7057c-d5a8-4676-b291-b79bc2660d73">bitte hier entlang</a>.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/46d7057c-d5a8-4676-b291-b79bc2660d73/uploads/images/5xdpjdnlkd/nf78_cover.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p></p><p></p><h2>Etwas Altes: Twitterfreundinnenschaft mit Üt</h2><p>Heute möchte ich meine älteste Twitterfreundinnenschaft feiern: Ute Weber war die erste Person, die ich wirklich »auf Twitter« kennenlernte, und ihrem E-Book <em>Unfug. Tiefe Gedanken, auch in seichten Gewässern</em> galt der allererste Tweet im Verlegerinnenverlags-Hybridaccount @FrauFrohmann, das war im September 2012. </p><p>Else Buschheuer schrieb damals über Utes Kürzesttexte: »fast schon ärgerlich intelligent«, und Ute Weber schreibt und sagt nicht nur fast ärgerlich intelligente Dinge, sondern ist überdies die vermutlich integerste weiße Person auf der gottlosen Erde. Neu-, Dazu- und Umsehenlernen ist für sie selbstverständlich und dafür tut sie viel. Wer denkt, dass gute Menschen langweilig sind, hat Ute Weber noch nicht getroffen. </p><p>Ute ist als einzige Person Teil beider Gruppen, in denen ich, die notorische Chatmuffelin, freiwillig mehr als das Nötigste schreibe, Schweres ebenso wie Leichtes, Tiefes ebenso wie Fluffiges. </p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/46d7057c-d5a8-4676-b291-b79bc2660d73/uploads/images/v772iyaddj/20220818_204805.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><em>Symbolbild Chat 1</em></p><p></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/46d7057c-d5a8-4676-b291-b79bc2660d73/uploads/images/2ehiluapsf/cfg_Garden_Hu%CC%88tte.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><em>Symboldbild Chat 2</em></p><p>Wenn das Leben es erlaubt, treffen Ute und ich uns mindestens einmal im Jahr, früher meist am Rande der Buchmesse, neuerdings privater und länger, gemeinsam mit einer anderen Freundin, von der ich gerade nicht weiß, ob sie ihren Namen an dieser Stelle gern hingeschrieben lesen würde, denn sie ist vorbildlich achtsam mit ihren Daten <em>und </em>großer Fan unserer Dreier-Freundinnenschaft.   </p><p>Twitter habe ich 2022 die Freundschaft gekündigt, aber Twitter bleibt auch Legende, weil die Plattform beste Menschen zu mir gebracht hat. (Nebengedanke, der nur für manche Leser*innen Sinn ergeben wird: Den Twitterer Sim, den ich ausschließlich aus dem Netz kenne, stelle ich mir ähnlich wie Ute vor.) </p><p>Falls ich schon mal eine Liebeserklärung an Ute Weber im <em>New Frohmanntic </em>geschrieben haben sollte, tut es mir nicht leid, mich zu wiederholen.</p><hr aria-hidden="true"/><p></p><h2>Etwas Neues: Solidarität des Schocks</h2><p><em>Dieser Text richtet sich an Weiße und ist hoffentlich gegenüber BIPoC nicht anmaßend.</em></p><p>Am 19. Februar 2020 schoss in Hanau ein weißer Deutscher nicht wahllos, sondern gezielt auf Menschen, die er als nicht weiß und nicht deutsch einordnete. Die einzige Person, bei der er sich nicht sicher war, ließ er leben. (Wichtige Fragen: Wie kommt ein Mensch zu dem Punkt, sich selbst die Autorität zuzusprechen, über Leben und Tod anderer Menschen zu entscheiden? Was prägte, förderte, stützte seine Legitimations-Erzählung?) Der Grad der psychischen Verwirrung des Täters wäre, hätte er sich nicht zuletzt auch selbst getötet, strafrechtlich interessant, er ist aber nicht wesentlich dafür, welche Bedeutung seine Tat für die Gesellschaft hat. Die rassistischen Morde von Hanau hatten und haben verheerende Folgen. Zuallererst verloren einzigartige Menschen, Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtović, Vili Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov, ihr unersetzliches Leben. </p><p>Die Familien und Freund*innen der Ermordeten verloren liebste Menschen, der Schmerz darüber und manchmal auch die sozialen und wirtschaftlichen Folgen daraus werden sie ihr eigenes Leben lang schwer belasten. </p><p>Die Gesellschaft in Deutschland hat am 19. Februar 2020 durch rassistisch motivierte Morde unersetzliche Mitglieder verloren, die Toten von Hanau waren und sind »welche von uns«, die jetzt fehlen. – »Die deutsche Gesellschaft« ist in meinen Augen die Gesellschaft der in Deutschland lebenden Menschen, ich nenne sie deshalb lieber »die Gesellschaft in Deutschland«.  – Dennoch ist der essenzielle Verlust für die Gesellschaft in Deutschland aufgrund der Art, wie überwiegend in Medien über Hanau berichtet wird, der Mehrheit ihrer Mitglieder nie wirklich bewusst und plausibel geworden, wohingegen andere, ebenfalls sehr viele Menschen, »seit Hanau« – das ist längst ein geflügeltes Wort – unter einem Schock stehen, der sich nicht wieder gelöst hat. Diese Diskrepanz ist merkwürdig, aber nicht unerklärbar: In besagten Medienberichten und in der Folge von weißen Menschen sind die in Hanau ermordeten Personen geothert, also aus einem unbewusst-selbstverständlichen »wir« ausgeschlossen  und zu einem »die« gemacht worden. Das mediale Rumreiten auf der Shishabar als Tatort, während es in Wirklichkeit mehrere Tatorte waren, erinnerte frappierend an die Berichterstattung zum NSU und den rassistischen Polizeibegriff der »Dönermorde«. In beiden Fällen wurde es weißen Medienrezipient*innen extrem erschwert, die Taten (Weiße ermorden aus rechtsextremen Motiven Menschen, denen sie vorher verfassungswidrig die Grundrechte abgesprochen haben) realistisch wahrzunehmen. Das Unrecht der Tat verdoppelt sich in gewisser Weise im Unrecht der ignoranten oder böswilligen Berichterstattung, die, obwohl sie es könnte, nichts dazu beiträgt, dass solche Taten in Zukunft unwahrscheinlicher werden. Viele meiner Freund*innen und Bekannten befürchten seit Hanau nicht mehr nur, dass sie und ihre Familien ständig in Lebensgefahr sind, sie wissen es jetzt. Dass es vielen Millionen weiteren rassifizierten Menschen in Deutschland genauso geht, kann angenommen werden. </p><p>Letztes Jahr hatte ich den Eindruck, dass ich im Netz eine von ganz wenigen weißen Personen war, die sich öffentlich zum Jahrestag der rechtsextremen Morde von Hanau äußerten. Das mag damit zusammenhängen, dass ich mit vielen BIPoC verbunden bin. Ich habe dadurch direkt mitbekommen, was Hanau für viele Menschen bedeutet und konnte auch kritisch an mir selbst beobachten, dass mein Entsetzen sich von ihrem Schock unterschied. Meines ließ allmählich wieder etwas nach, ihres nicht. Vielleicht gibt es wirklich Millionen Menschen in Deutschland, die gar nichts von dem Schock wissen, in dem sich Millionen Menschen in Deutschland seit drei Jahren befinden. Berechtigte Angst um ihr Leben hatten rassifizierte Menschen auch schon davor, aber Hanau scheint wie vorher Solingen und dann Hoyerswerda und Chemnitz wie ein Vergößerungsspiegel für die Erkenntnis gewirkt zu haben, dass da weiße Menschen sind, die Menschen in ihrer Nachbarschaft die Existenzberechtigung absprechen und ihnen deshalb buchstäblich nach dem Leben trachten.  </p><p>Weiße Deutsche, das ist in sozialen Medien und privaten Kontexten immer häufiger spürbar, haben aktuell einfach keine Lust mehr – Corona war hart genug und jetzt auch noch Inflation –, sich mit »other people’s problems« zu beschäftigen. Das Othering als gesellschaftliches und persönliches Kernproblem wird nicht erkannt. Irgendwann muss auch mal Schluss sein: Wenn es zu viele rassistische Anschläge gibt und zu viele Coronatote, wird einfach die Art, darüber zu kommunizieren geändert. Probleme, die sich nicht durch Aussitzen lösen lassen, werden kurzerhand für nichtexistent erklärt oder die Schuld wird sprachlich den Opfern zugeschoben – schon ist wieder Raum für Hygge: weismachen sollte mit scharfem ß geschrieben werden. Ambivalenz und deren emotionaler Ausdruck Unbehaglichkeit ist für zu viele Menschen anscheinend schlimmer als Faschismus.</p><p>Ein an sich positiver oder zumindest neutraler Begriff, »Community«, wird seit einiger Zeit fast wie eine Art Reservat um Betroffene von rassistischer Gewalt gelegt. »Ach, das sollen die mal in ihrer Community klären, ihr Ermordetwerden, ihre Trauer, ihr Gedenken, ihre Sorge.« Zur »Community« gehören demnach alle Menschen, die beliebige Weiße, wenn sie sich aus random Anlässen unbehaglich fühlen, als Nichtweiße markieren. Huch, das ist ja genau die gleiche Betrachtungsweise wie beim Täter von Hanau. </p><p>Was aber wäre, wenn aus Hanau eine wirkliche, nicht gesetzte Community entstehen würde, eine Solidargemeinschaft des Schocks. Neben denen, die der Schock, weil sie rassifizierte Menschen in Deutschland sind, ereilt hat, wären auch die dabei, die sich dem Schock freiwillig aussetzen, indem sie sich die Entsetzlichkeit der Tat intellektuell bewusst und emotional zugänglich machen. (Ja, ein freiwilliger Schock ist ein bisschen paradox, aber als Denkfigur hilfreich.)</p><p>Wer als weiße Person die Hoffnung nicht aufgeben möchte, dass die Leben aller besser werden können, wenn eine grundsätzliche gesellschaftliche Solidarität aller, die keine Nazis sein möchten, zum Tragen kommt, macht sich das Gedenken an die Ermordeten von Hanau zur persönlichen Aufgabe. Konkret kann der schrittweise Austritt aus dem heimlich-unheimlichen Club unabsichtlicher weißer Überlegenheitsperformanz so aussehen: </p><ul><li><p>in den kommenden Tagen und auch später immer, wenn der Kontext passt, etwas zu Hanau posten</p></li><li><p>die Namen der Toten und Gedenktexte von anderen teilen</p></li><li><p>wenn etwas Geld verfügbar ist, an die <a href="https://19feb-hanau.org/">Initiative 19. Februar</a> oder an die <a href="https://www.bildungsinitiative-ferhatunvar.de/">Bildungsinitiative Ferhat Unvar</a> spenden</p></li><li><p>grundsätzlich gute Texte von BIPoC faven und teilen </p></li></ul><p>Kein Scherz, das alles muss eingeübt werden: </p><p>1. als richtig anerkennen</p><p>2. machen wollen</p><p>3. machen</p><p>4. dabei bleiben</p><p>5. normal finden  </p><p>Wenn dieses Jahr mehr, viele, sehr viele Weiße an die Toten von Hanau erinnern, sendet das ein Signal, dass die weiße Parallelgesellschaft bewusst verlassen und Mitmenschen im Schock und in Bedrohungslage solidarisch beigestanden wird.</p><p>Realitätsprüfung: Ist es für weiße Menschen wirklich eine Zumutung, aus eigenem Antrieb einen weiteren Gedenktag für Opfer rechtsextremer Gewalt zu begehen? Ist es nicht die unvergleichlich größere Zumutung, als BIPoC in Deutschland bei jedem Gang vor die Tür damit rechnen zu müssen, dass es vielleicht der letzte sein könnte, und nicht etwa (=geteiltes Risko aller) weil ein Dachziegel lose sitzt, sondern weil (=von der Mehrheit unsolidarisch hingenommenes Risiko Vieler) weiße Rassist*innen die Mehrheitsgesellschaft bislang eher hinter sich als zwischen sich und den Attackierten wissen. </p><p>Ich gehe soweit zu sagen, dass mit mehr freiwillig gezeigter Solidarität seit Hanau jetzt schon ein gesellschaftlicher Zustand erreicht wäre, der es Medien deutlich schwerer machen würde, Geld mit rassistischer Hetze zu verdienen und der auch der CDU verunmöglicht hätte, mit einer rassistischen Darstellung der Silvester-Ausschreitungen ihren Berlin-Wahlkampf zu boosten. Hans-Georg Maaßen könnte – maus darf ja mal träumen – wegen Vertuschens in Sachen NSU-Terrorismus womöglich schon im Gefängnis sitzen. Literaturkritiker*innen, die öffentlich sagen, es wären nun genug Migrationsgeschichten erzählt worden, würden in der Mehrheitsgesellschaft ein peinlich berührtes Kopschütteln ernten. Everything is connected, wusste schon Thomas Pynchon – selbst alte weiße Männer mit Pop-Credibility geben mir recht.</p><p>Hanau sollte für weiße Menschen in Deutschland eine Aufgabe und kein Aufgeben bedeuten. </p><hr aria-hidden="true"/><p></p><h2>Etwas Geborgtes: Ein Zitat</h2><blockquote><p>»Aber nach Solingen war eines für mich ganz klar: Das ist keine Ausnahme mehr, das ist jetzt so. Eine Nachbarin sagte damals zu meiner Mutter: ›Sie zünden uns an und sehen zu, wie wir verbrennen. Einfach so.‹ Ich kann diesen Satz nicht vergessen.« </p></blockquote><p>– Selma Wels, Vorwort zu <a href="https://www.rowohlt.de/buch/anders-bleiben-9783499010804">anders bleiben</a></p><hr aria-hidden="true"/><p></p><h2>Etwas Uncooles: Un-Barmherzigkeits-Spiele</h2><p>Die andauernd aufpoppende Werbung, mit der Menschen für die Gratisnutzung von Handyspielen und anderen Apps bezahlen, ist nervig genug, aber manchmal werden dabei auch wirklich gruselige Produkte angeboten. Diese Woche wurden mir mehrfach Ads für zwei verschiedene, sehr ähnlich wirkende Spiele angezeigt, bei denen es galt, das Leiden von als arm gekennzeichneten Personen (auf sich allein gestellte, weinende, zitternde Mutter mit kleinem Kind) zu mildern, indem die unsichtbare Spielhand ihnen Geld geben oder die Wohnung im Abbruchhaus reparieren sollte. Bei dem einen Spiel konnte das, wie der kurze Vorführfilm zeigte, auch schiefgehen, wenn zum Heizen kein Holzbrett, sondern ein Benzinkanister ins Feuer geworfen wurde. Dann brannte die Wohnung mit Mutter und Kind darin lichterloh. Keine Schelmin, wer dabei sofort an brennende Geflüchtetenunterkünfte denken muss. </p><p>wtf wtf wtf </p><p>Barmherzigsein als Spiel? Spielerisch über Leben und Tod von als Opfern dargestellten Frauen und Kindern entscheiden? Allmachtsphantasien mit schlechter Grafik? Alles an diesen Spielen ist falsch, außer, man konzipiert trashige Handyspiele als neue Guerillataktik für Naziorganisationen. </p><p>Würde ich mich als originelle Literaturwissenschaftlerin stilisieren, könnte ich elegant einen plausiblen Bogen von Hans Christian Andersen, Fjodor Michailowitsch Dostojewski und Charles Dickens zu diesen Spielen spannen, aber das lasse ich schön bleiben. Ein schlichtes Pfui tut es auch.</p><p>Leute, echt, wenn ihr auf dem Smartphone Menschen in Not helfen wollt, dann spielt Paypal und spendet z. B. an: </p><p>Kurdischer Roter Halbmond (Heyva Sor):<br/>paypal.me/heyvasorakurdistane<br/>Spendenstichwort: Nothilfe Erdbeben     </p><p>Das Leben ist nicht nur ein Spiel, und die Leben anderer Menschen sind ganz sicher keines. </p><hr aria-hidden="true"/><p></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/46d7057c-d5a8-4676-b291-b79bc2660d73/uploads/images/dy4gfak5sj/fv_pgi_btd_instagram%20ku%CC%88mmern.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p></p><hr aria-hidden="true"/><p>Zurück ins Internet.  Wir sehen uns nächste Woche. Seid lieb, nur nicht zu Nazis.</p><p>XOXO,   <br/>FrauFrohmann </p><p></p><p><em>Teilt diese Ausgabe bitte, sie ist mir inhaltlich sehr wichtig. </em></p><p></p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Tue, 14 Feb 2023 13:03:15 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 77]]></title>
      <description><![CDATA[Einander in die Fußstapfen treten / KI-gestützter Schulbetrug / Ein Gedicht von Friederike Mayröcker / Für-den-Kapitalismus-Apps / Rubrikloses / Guerlica]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/3f04d9d1-8d3a-48fe-9811-72f75cd0899c/uploads/images/mxo7qmujmk/nf_cover.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><h2></h2><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Altes: Einander in die Fußstapfen treten</h2><p>Das heutige Covermotiv ist eines meiner absoluten Lieblingsbilder; zwischen dem Moment der Aufnahme und heute liegen ungefähr zehn Jahre. </p><p>Das Bild mit der geteilten Fußspur erinnert mich daran, dass »in die Fußstapfen von jemaus treten« nicht linear gedacht werden muss. </p><p>Die Moonboots damals waren weiße, dazwischen gab es neonorange, aktuell habe ich goldene. Laser trägt immer noch dasselbe Modell mit Fell, ist aber seither von einem Kätzchen mit aufgeregtem Silberblick zu einem abgeklärten, etwas strengen Kater gereift. (Vielleicht haben Katzen genau wie Menschen auch altersbedingte Probleme mit den Augen und entwickeln deshalb diesen schnell als vorwurfsvoll gedeuteten Fixierblick.) </p><p>An das Bild habe ich mich erinnert, weil in Berlin frischer Schnee liegt und wir den Aufnahmemoment re-enacten könnten. Gemeinsam Schnee geschippt in unseren coolen Stiefeln haben wir heute schon.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Neues: KI-gestützter Schulbetrug</h2><p>Was spricht dagegen, KI die Referate von Kindern betrügerisch erledigen zu lassen? Dann haben die Eltern, die das sonst gelegentlich tun, um sicherzustellen, dass junge Menschen nicht noch länger in der Institution verweilen müssen, die sie aufgrund unidealer Strukturen nicht zum eigenständigen Arbeiten motivieren kann, mehr Zeit für ihre eigene Arbeit. Wie Eltern zum Arbeiten kommen, ist staatlich ja keine relevante Frage, das wissen alleinerziehende und auch selbstständige Eltern schon lange und seit Corona nun endlich alle Eltern. Hauptsache, sie arbeiten.</p><p>Halt, ist es nicht schrecklich unpädagogisch, den eigenen Kindern Referate zu schreiben und so das Konzept Schule zu torpedieren? <em>Non vitae sed scholae discimus</em>, NICHT FÜR DIE SCHULE, FÜR DAS LEBEN LERNEN WIR!!!!! Klingt gut, aber aus Sicht einer Person mit dreimal Abi (einmal aktiv, zweimal passiv, aber eben nicht ganz passiv) würde ich diesen Leerzitat-Klassiker deutlich umformulieren: Nicht in der Schule, im Leben lernen wir, also zumindest »wir« in dieser Familie. </p><p>Halt, ist es nicht schrecklich unsolidarisch, den eigenen Kindern Referate zu schreiben? Schließlich können nicht alle Eltern kompetent betrügerisch helfen! Ja, stimmt. Ich beobachte die Ungerechtigkeit, erkenne sie an, benenne sie öffentlich, fordere deren politische Behebung. Aber ich lerne gerade ganz neu im Leben bzw. von Menschen im Internet, mir nicht nur in der Theorie nicht immer privatwirtschaftlich oder privatethisch die Verantwortung in die Schuhe schieben zu lassen bzw. sie mir nicht schick schamvoll selbst anzuziehen. Mein temporär desorientiertes Kind in der Schule scheitern zu lassen, hilft keinem Kind, dessen Eltern nicht betrügerisch helfen können. Die Ausweitung meiner Betrugsbeihilfe, das Schreiben der Vortragsteile aller Mit-Referierenden schon eher. Das Gestehen und Einordnen meiner Betrügereien hier im Newsletter vielleicht auch ein bisschen.</p><p>Es waren nicht viele Referate, die ich in meiner zweiten und dritten Schulzeit schrieb, ich kann mich nur an insgesamt drei erinnern, aber selbst wenn ich alle Vorträge für beide Kinder geschrieben hätte ... ich bereue nichts. Jugendlichen eine Schulzeit mit endlosem Unterrichtsausfall und Coronaabi zuzumuten, war auch megaunpädagogisch und megaunsolidarisch, und die alle Gesellschaftsbereiche durchziehende Heuchelei nervt einfach so. </p><p>Die lateinische Originalversion des Seneca-Zitats habe ich aus Wikipedia rauskopiert; ich habe zwar das Große Latinum, aber das verdanke ich nicht unbeträchtlich meinem Vater. Mit Vokabelangaben des Lehrers konnten er und ich auch ohne Computerhilfe die Textstelle für die entscheidende Klausur zusammenspekulieren. Er übersetzte, ich lernte in groben Zügen auswendig und gab die Übersetzung in der Klasse weiter. Unser Lehrer freute sich über die großartigen Ergebnisse. Alle glücklich. Ob mein Großvater meinem Vater ebenfalls in der Schulzeit beim Betrügen half, weiß ich leider nicht. Ich tippe auf Nein, das waren ja die guten alten Zeiten, in denen das Lernen noch in Kinder hineingeprügelt wurde. </p><p>Ich bereue auch nicht, betrügerische schulische Hilfe angenommen zu haben. Beim Verteilen der Gene habe ich mir nicht ausgesucht, mich nicht gut konzentrieren und nicht gut auf klassische Weise lernen zu können. Wenn ich etwas interessant finde, kann ich mich unglaublich gut konzentrieren, alles fliegt mir zu. In der Schule waren Momente interessanter Ansprache aber eher rar, deshalb war mir entsprechend meist entweder langweilig oder ich hatte Angst, dass mein Nichtwissen auffliegen würde. In Lernfächern versagte ich, in den anderen konnte ich glänzen. Ähnlich lief es bei meinen Kindern. Der Abidurchschnitt war am Ende bei allen jeweils okay, aber nicht toll. Ja, vielleicht wäre es im Ideal super gewesen, wenn mein Vater mir Lernen beigebracht hätte und ich es meinen Kindern. In der Realität sorgten die jeweiligen Elternteile dafür, dass die jeweiligen Kinder mit ihrer spezifischen Art nicht an einer besonders kritischen Stelle der Schulzeit ganz aus der Kurve flogen. Wäre schon schade gewesen, wenn ich das Abi nicht geschafft hätte, denn mein Studium schloss ich dann mit Bestnote ab. Ohne Betrug. Weil ich es an sich interessant fand und Wege entwickelte, die langweiligen Momente zu umgehen. Seit es das Internet gibt, funktioniert Lernen für mich insgesamt viel besser. Bei so viel Input ist immer etwas Interessantes dabei, was hängenbleibt.</p><p>Es war eine traurige Erfahrung, dass meine Kinder ähnlich unberührt die Schule durchliefen wie ich dreißig Jahre zuvor. Dabei waren ihre Schulen im Vergleich mit anderen Berliner Schulen wirklich gut gewesen, die eine sogar sehr gut. Zwölf, dreizehn Jahre lang an fünf von sieben Tagen in die Schule gehen und danach erscheint in der Rückschau alles wie ein ereignisloser Traum? Puh. Was bedeuten angesichts dieser Desillusionierung ein paar Kleinbetrügereien bei Leistungsnachweisen? Schulbetrug wird sich in Zeiten von KI nicht so sehr verändern, wie aktuelle Diskussionen es nahelegen. Andere Zeiten, andere Betrugsmöglichkeiten, so what? Mama, Wikipedia, KI. – Warum aber will maus betrügen und nicht einfach selbst arbeiten? Das scheint mir die viel wichtigere Frage zu sein.</p><p>Wichtig in dem Kontext – Menschen, die sich von anderen ihre Diss schreiben lassen, um mit dem Titel leichter ein hohes Amt zu bekommen, verdienen nur eines: gesellschaftliche Ächtung. Ein Promotionsverfahren ist etwas, in das Menschen sich freiwillig, offenen Auges begeben und womit in jedem einzelnen Fall das, was Wissenschaft ist, inhaltlich und auch performativ bekräftigt wird. Wer bei der Diss betrügt, zerstört die Wissenschaft selbst. Es gibt Schulpflicht, aber keine Top-Karrieren-Pflicht. Dissbetrug ist deshalb etwas kategorial anderes als familiärer Referatsbetrug zum Schutz von instabilen Kindern. (Erschöpfte Mütter, die sich beim Fertigbekommen der Diss helfen lassen, würde ich vielleicht nicht ganz so sehr verachten. Sachlich okay fände ich es aber nicht. Aber ich kenne auch gar keinen solchen Fall, nur ein paar Mütter, die ihre Diss aufgegeben haben.) </p><p>Mir erscheint der Schulreferats-Eltern-Kind-Betrug dem gleichen Prinzip zu folgen wie der Büromaterialklau durch Mitarbeiter*innen. Die Bereitschaft dafür entsteht erst mit der Erfahrung eines demütigenden Nichtgesehenswerdens. Erst Personen, denen gezeigt wurde, dass sie »Untergebene« sind und folglich als Menschen nicht zählen, bedienen sich am Betriebsvermögen in Gestalt von Klebezetteln, WLAN und bezahlter Arbeitszeit. Das ist sachlich betrachtet natürlich ziemlich lächerlich – die Gründung eines Betriebsrats wäre nachhaltiger –, aber es ist die einzige instant zugängliche Protestaktion, wenn eine Kündigung noch nicht denkbar ist. Im Prinzip ist es aber selbst eine kleine Kündigung, die nicht nur symbolisch ist. Büromaterialklau ist ein Vorschuss auf eine Kündigung. </p><p>Kinder, Jugendliche, Familien, die manchmal bei Referaten betrügen, jetzt auch mit KI: Sie treten den »Job« als Schüler*innen bzw. deren Eltern erst gar nicht richtig an, weil sie erkennen, dass er nicht richtig passt. Ich glaube nicht, dass sie dafür die Schuld tragen. Schule ist für Menschen da, nicht umgekehrt. Das läuft weiterhin selten überzeugend – einzelne wirklich gute Pädagog*innen können und sollten davon nicht ablenken –, und die Coronazeit hat da viele letzte Illusionen zerstört.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Geborgtes: Ein Gedicht</h2><p><strong>was brauchst du</strong></p><p>was brauchst du? einen Baum ein Haus zu<br/>ermessen wie groß wie klein das Leben als Mensch<br/>wie groß wie klein wenn du aufblickst zur Krone<br/>dich verlierst in grüner üppiger Schönheit<br/>wie groß wie klein bedenkst du wie kurz<br/>dein Leben vergleichst du es mit dem Leben der Bäume<br/>du brauchst einen Baum du brauchst ein Haus<br/>keines für dich allein nur einen Winkel ein Dach<br/>zu sitzen zu denken zu schlafen zu träumen<br/>zu schreiben zu schweigen zu sehen den Freund<br/>die Gestirne das Gras die Blume den Himmel</p><p>– Friederike Mayröcker</p><p>(<a href="https://www.suhrkamp.de/buch/friederike-mayroecker-gesammelte-gedichte-t-9783518242308">Quelle</a>)</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Uncooles: Für-den-Kapitalismus-Apps</h2><p>Kennt ihr das? Maus abonniert eine fancy App, um einen Arbeitsprozess zu vereinfachen. Die App ist nicht billig, aber auch nicht so teuer, dass maus es für unverantwortlich hältst. Danach nutzt maus die App ein bis drei-, vielleicht auch keinmal und vergisst sie schließlich ganz, bis maus das nächste Mal Umsatzsteuervoranmeldung machst – <em>oh nein, diese Scheißapp! </em>Der Kreislauf von<em> »</em>schlechtes Gewissen, vergessen, erschrecken« wiederholt sich dann drei- bis siebenmal, erst dann bekommt maus es auf die Reihe, aus kryptischen Mails zu rekonstruieren, wie maus zu den Vertragsdaten gelangt, um zu kündigen. Zur Belohnung darf maus noch zwölf bis zwanzig rechtlich fragwürdige Mailbelege über erfolgte Zahlungen screenshotten und als pdf in den Steuerordner verschieben. </p><p>Kein Arbeitsprozess wurde so mithilfe der App optimiert, nur die Steuerbuchhaltung noch stressiger gestaltet. Kurz denkt maus, dass maus es einfach verdient hätte, wirtschaftlich auf keinen grünen Zweig zu kommen. Dann aber fällt m-i-r wieder ein, dass ich zwei Drittel weniger Arbeit hätte, wenn verlegende Frauen und deren Verlage nicht notorisch übersehen würden und ich nicht etwa alle drei Monate neu überlegen müsste, wie ich trotzdem nicht pleitegehe under verzweifle. </p><p>Bezahlte, nicht genutzte Apps sollten aber nicht etwa als Für-die-Katz-Apps bezeichnet werden. Katzen dürfen ausschließlich in positiven Kontexten angeführt werden, bitte merkt euch das. </p><p>Besser man nennt sie »Für-den-Kapitalismus-Apps«. Genau wie dieses abstrakte Investitionsgeld, das wie von Geisterhand aka ohne Menschenbeteiligung permanent rund um die Welt transferiert wird, optimieren die sinnlos bezahlten Apps nur den Kapitalismus. Das Gespenst [Marx-Referenz] wird noch gespenstischer. Ein Bedürfnis nach Optimier-Apps wird vom Kapitalismus erzeugt, weil maus mit dem Leben unter kapitalistischen Bedingungen nicht (mehr) klarkommt. Aber weil es eben kein graduelles, sondern ein kategoriales Nichtmehrklarkommen ist, führt die Befriedigung des Bedürfnisses nur zu noch mehr Überforderung. Andere Menschen kennen dieses Paradox, das keines ist, von Fitnessstudioverträgen, die sie bezahlen, ohne je zu trainieren.</p><p>Ihr wollt bestimmt wissen, welche Scheiß-App es war. </p><p>Kapitalismus ist ein menschenfeindlicher Flachwitz: Es war Later. </p><hr aria-hidden="true"/><h2>Rubrikloses </h2><p>Draußen schreit ein Käuzchen. Gut, dass ich nur empirisch abergläubisch bin.</p><hr aria-hidden="true"/><p>Beobachtung: Alle Menschen, die ich liebe, lieben, sofern sie sie kennen, Friederike Mayröcker. Das fiel mir beim Gespräch mit einem befreundeten Paar, N. und A., auf und es hat sich gerade noch einmal bestätigt, als ich meinem vorbeihuschenden Kind das oben zitierte Gedicht <em>was brauchst du</em>zu lesen gab und es sagte: »Das ist wirklich schön, kannst du mir gern schicken.«</p><hr aria-hidden="true"/><p></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/3f04d9d1-8d3a-48fe-9811-72f75cd0899c/uploads/images/llyvar5i2b/nfmat_glienicke.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><em>Irgendwie lustig, dass Schloss Glienicke wie ein Premium-Immobilienobjekt von 2023 aussieht.</em></p><hr aria-hidden="true"/><p>Das von Selma Wels herausgegebene Buch <a href="https://www.rowohlt.de/buch/anders-bleiben-9783499010804"><em>Anders bleiben</em></a> ist jetzt bei Rowohlt erschienen. Es knüpft lose an Walter Benjamins Sammlung <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Menschen"><em>Deutsche Menschen</em></a> an, lose, weil hier, ausgehend von zunehmender gesellschaftlicher Sorge nicht bestehende Briefe aus einem langen Zeitraum gesammelt, sondern neu von jetzt lebenden Autor*innen geschrieben wurden. Mit Beiträgen von: Maryam Aras, Hannes Bajohr, Shida Bazyar, Saba Nur Cheema, Asal Dardan, Elisa Diallo, Nava Ebrahimi, Leila Essa, Christiane Frohmann, Dilek Güngör, Hadija Haruna Oelker, Hasnain Kazim, Ozan Zakariya Keskinkılıç, Karen Krüger, Marija Latković, Meron Mendel, Sharon Dodua Otoo, SibelSchick, Achim Stanislawski, Najem Wali, Selma Wels, Gerrit Wustmann.</p><p></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/3f04d9d1-8d3a-48fe-9811-72f75cd0899c/uploads/images/og2gb2y3ia/Andersbleiben_Cover_Out-now-Lila.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p></p><hr aria-hidden="true"/><h3>Definitionen neufrohmanntischer Begriffe</h3><p><em>Leerzitat, das:</em> kanonisches Zitat, das unter den Bedingunge der Gegenwart sachlich betrachtet zumindest ambivalent ist, aber von Vertreter*innen einer konservativen Meinungsgruppe unhinterfragt benutzt wird, als würde es ihre Perspektive validieren und nicht nur paraphrasieren</p><p><em>Für-den-Kapitalismus-App,</em> die: App, die man nicht nutzt, nur bezahlt</p><p><em>onder:</em> Kurzform von und/oder</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Guerlica</h2><p></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/3f04d9d1-8d3a-48fe-9811-72f75cd0899c/uploads/images/n7b4lkxy3n/fv_pgd_btd_diss%20ki.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p></p><hr aria-hidden="true"/><p>Zurück ins Internet.  Wir sehen uns nächste Woche. Seid lieb, nur nicht zu Nazis.</p><p>XOXO,  <br/>FrauFrohmann</p><p></p><p>Ich freue mich über Feedback an christiane.frohmann@gmail.com. Empfehlt <em>NewFrohmanntic,</em> wenn ihr <em>NewFrohmanntic</em> empfehlenswert findet. Schließt ein Bezahlabo ab, wenn ihr Freude am Mitlesen habt und nicht am Hungertuch nagt. Ihr finanziert so mit, dass ich alle meine Texte immer auch frei zugänglich ins Netz stelle. (Mein Kind hat mir beigebracht, dass das Zusammenschmeißen beim Finanzieren »Kolli darauf machen« heißt.)</p><hr aria-hidden="true"/><p><strong>#NewFrohmanntic77</strong> #AchimStanislawski #AndersBleiben #AsalDardan #ChristianeFrohmann #DeutscheMenschen #DilekGüngör #ElisaDiallo #FriederikeMayröcker #FürDenKapitalismusApp #FürDenKapitalismusApps #GerritWustmann #HadijaHarunaOelker #HannesBajohr #HasnainKazim #KarenKrüger #Laser #Leerzitat #Leerzitate #LeilaEssa #MarijaLatković #MaryamAras #MeronMendel #Moonboots #NajemWali #NavaEbrahimi #NewFrohmanntic #onder #OzanZakariyaKeskinkılıç #rororo #Rowohlt #SabaNurCheema #SharonDoduaOtoo #SelmaWels #ShidaBazyar #SibelSchick   #KI #Schulbetrug #Schule #SchlossGlienicke #WalterBenjamin          </p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Sun, 05 Feb 2023 00:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 76]]></title>
      <description><![CDATA[Schneeglöckchen und Romane / Deutschland, das sympathische Zukunftsland / Ein Zitat von Dinçer Güçyeter / Immobiliengierige Jungfamilien / PGExplaining]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/807c4b61-0114-4ef9-8e2a-ad1e2734da43/uploads/images/efii7kwvbv/nf76_cover.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p></p><hr aria-hidden="true"/><p></p><h2>Etwas Altes: Schneeglöckchen und Romane</h2><p>Wenn wir alt sind, werden mein Mann und ich Schneeglöckchen züchten. Unser Schneeglöckchengarten wird überregional bekannt sein. An speziellen Tagen werden ästhetisch empfindsame Menschen – Grobschlächter*innen mögen ja nichts Zartes – in den dann offenen Garten kommen, um geschmackvoll in kleine Tontöpfchen gepferchte Pflänzchen entgegenzunehmen. Sie werden dafür angemessen, aber nicht übertrieben bezahlen. Vielleicht tauschen wir auch Schneeglöckchen gegen Arbeit oder andere Pflanzen, das kommt darauf an, wie der Planet und die Gesellschaft in zwanzig Jahren so ticken. Ab und zu knabbern wir an einer Schneeglöckchenzwiebel, denn das darin enthaltene Galantamin ist gut gegen Alzheimer. Akeleien, Tulpen, Clematis und Herbstanemonen züchten wir natürlich auch, dazu aber später. Ich nehme gern eure Bestellungen für 2045 entgegen. Auch für die sammelwürdigen, typografisch meisterhaft gestalteten Printausgaben meiner Romane, die ich ebenfalls erst schreibe, wenn ich alt bin. Jetzt muss ich schließlich leben, damit ich später etwas zu erzählen habe, das über »Ich sitze am Tisch und sehe in den Garten« hinausgeht.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/807c4b61-0114-4ef9-8e2a-ad1e2734da43/uploads/images/gk5snxbvei/cfeb_schneeglo%CC%88ckchen.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p></p><blockquote><p>Gartenwissen: Das Schneeglöckchen (Galanthus), auch bekannt als Frühlingsglöckchen, Hübsches Februar-Mädchen, Lichtmess-Glöckchen oder -Glocke, Milchblume, Marienkerze, Schnee-Durchstecher, Weißglatze &lt;3 oder Weiße Jungfrau.</p></blockquote><p><em>Zuerst gebloggt am 24.1.2015 auf Tumblr, damals war, wie das Foto verrät, gerade die Zeit, als man notorisch Polaroidlook-Rahmen um seine digitalen Bilder legte. Das Gendersternchen wurde heute neu angebracht, außerdem habe ich »in dreißig Jahren« durch »in zwanzig Jahren« ersetzt.</em></p><hr aria-hidden="true"/><p></p><h2>Etwas Neues: Deutschland, das sympathische Zukunftsland</h2><p>Den Kapitalismus als menschenfeindlich anzuerkennen und doch für alternativlos zu halten, das ähnelt in der resignativ-faulen Paradoxalität dem aktuellen Umgang mit der Pandemie. Ja, es gibt leider durchgehend hohe Todeszahlen und vermutlich, wie könnte es angesichts der Todeszahlen anders sein, hohe Inzidenzen, außerdem mehr und mehr Long-Covid-Betroffene, aber agiert wird, als wäre es nicht so. Die Masken runter, es reicht jetzt wirklich, dann sterbe ich halt, sterben müssen wir alle irgendwann. Warum war das vor einem Jahr noch eine Aussage, mit der sich Querdenker*innen zu erkennen gaben und jetzt nicht mehr? Manchmal frage ich mich, ob ich es bin, die plötzlich nicht mehr checkt, was Daten sind und was Wissenschaft ist: Warum ist Coronaverharmlosen plötzlich nicht mehr unwissenschaftlich, unvernünftig, unethisch? Warum sollen die Risikogrupen nun doch selbst sehen, wo sie bleiben? Warum soll es plötzlich auch unter sozial Denkenden akzeptabel sein, Freiheit als Freiheit von Verantwortlichkeit zu leben? Warum sind Menschen so? Hat der Neoliberalismus bereits unsere Gene verändert?</p><p>Obwohl ich fassungslos auf den kategorial anderen Umgang mit vergleichbarem Daten vor einem Jahr und jetzt sehe, bin ich auch nicht frei vom verantwortungslosen Mitziehen. Gestern bin ich – wie ungefähr 30 % der anderen Passagiere – in Berlin ohne Maske Bus gefahren, nicht aus Protest, sondern weil auf dem Weg zur Haltestelle meine Maske in den Dreck gefallen war, in wirklich üblen, potenziell hundehaufigen Dreck. Vernünftig und ethisch empfehlenswert wäre gewesen, heimzugehen und eine neue Maske zu holen, aber ich hatte einen Termin, und die Zeit drängte. Es war kein weltwichtiger Termin, aber es war ein Termin, außerdem hatte ich im Anschluss daran noch eine Verabredung, auf die ich mich freute. Also ließ ich fünfe gerade sein und stieg in den Bus, mit furchtbar schlechtem Gewissen, aber ich stieg ein. Warum?</p><p>Mir war mein Termin, ein anderer Schluss ist nicht möglich, in diesem Moment wichtiger, ich stellte etwas mit Wirtschaft Assoziiertes vor meine Rücksicht gegenüber Menschen. Damit habe ich exakt reproduziert, was überall auf der Welt gerade das Problem ist: Wirtschaft, etwas menschengemachtes Abstraktes, bedeutet mehr als Menschen. Es ist kein Zufall, dass »etwas zählen« und »von Bedeutung sein« nicht nur im Deutschen Synonyme sind – willkommen in der Liebessprache des Kapitalismus.  </p><p>Hinzu kam, wie schon angedeutet, der Faktor Zeit, ich war schon ein bisschen spät dran und wollte der Person, mit der ich den Termin hatte, nicht unnötig »die Zeit stehlen«. (Hier noch mal die Empfehlung, <a href="https://www.ullstein.de/werke/alle-zeit/hardcover/9783550201721"><em>Alle_zeit</em> von Teresa Bücker</a> zu lesen.) Zugunsten der faktisch harmlosen Problematik, etwas unter Zeitdruck zu stehen, blendete ich aus, dass ich ohne Maske genauso potenziell wie an jedem anderen Tag in den letzten knapp drei Jahren andere Menschen das Leben kosten könnte. – Regelmäßige <em>NewFrohmanntic</em>-Leser*innen erinnern sich: Die üble Corona-Weihnacht allein in der fast leeren alten Wohnung meiner Mutter verdankte ich einer verantwortungslosen Mitreisenden im Flix-Bus. Ok, ich war nicht so skrupellos, wie diese Person mit Symptomen zu reisen, aber so ganz auf der anderen Seite stand ich nun auch nicht mehr. –Rational betrachtet hätte ich an der Bushaltestelle mein Smartphone rausnehmen, den Termin absagen, eine neue Maske holen und dann mit Maske zu meiner Verabredung fahren sollen. Stattdessen handelte ich, nur weil es kurz ein bisschen kompliziert und stressig wurde, impulsiv und irrational. Das hat mir mal wieder vor Augen geführt, dass Werte nichts wert sind – uh, schon wieder Kapitalismussprache –, wenn man sie nicht praktiziert, nicht lebt.</p><p>Zurück zum Ausgangsvergleich: Wenn es in Sachen Klimakatastrophe fünf Sekunden vor und, was soziale Gerechtigkeit angeht, fünfhundert Jahre nach zwölf ist, kapitalistische Weltordnung und Parteipolitik aber offenkundig nicht das Zeug dazu haben, angemessen darauf zu reagieren – Christian Lindner hat gerade wirklich gesagt, dass man mehr Autobahnen bauen müsse, um dem CO2-Ausstoß bei Staus auf der Autobahn zu begegnen – , dann muss das Maß geändert werden. Menschen müssen sich zivilgesellschaftlich organisieren und mit ihren Grundrechten an der Wirtschaft vorbeidrängeln. Mit oder ohne Feuerzeug. Wie das genau aussehen soll, weiß ich auch nicht, aber ich würde sagen, die mehr und mehr überall auf der Welt entstehenden Protestinitiativen haben längst damit angefangen. Überall, wo seit einigen Jahren etwas passiert, das sofort als zu geschmacklos, grell, laut, unhöflich, unverschämt und natürlich linksradikal gescholten wird, wird in Wirklichkeiten schon Überlebensgeschichte geschrieben. Schöner Verdacht: Ein Masterplan ist gar nicht nötig, nein, sogar unmöglich, denn es geht ja im ersten Schritt darum, das »Haus des Herrn« zum Verschwinden zu bringen. (Dazu habe ich einen Essay geschrieben, ich hoffe, er erscheint bald, könnte aber schwierig werden.)</p><p>Vor längerer Zeit habe ich auf Twitter angeregt, dass Deutschland jetzt, statt mit schlechtem Fortführen aller Strategien jämmerlicher und jämmerlicher, arschiger und arschiger dazustehen, auch mal ganz anders agieren könnte. </p><p>Schluss mit fossilen Brennstoffen und Atomenergie. <br/>Bedingungsloses Grundeinkommen. Urban Citizenship. Gesamtgesellschaftliches Antidiskriminierungstraining. Inklusion. <br/>Menschen vor Wirtschaft. Tiere auch. Leben zuerst.</p><p>Mal etwas riskieren. Nicht Risikokapital, sondern Menschlichkeit.</p><p><em>(Dies war ein weiterer Beitrag zum Thema #UmsehenLernen.)</em></p><hr aria-hidden="true"/><h2>Etwas Geborgtes: Ein Zitat</h2><blockquote><p>»Wenn deine Wurzeln nicht derselben Erde angehören, bist du verdammt. Den Strick nimmt dir keiner mehr vom Hals, du musst ihn bis zu deinem Ende tragen.« – <a href="https://mikrotext.de/book/dincer-guecyeter-unser-deutschlandmaerchen-roman/">Dinçer Güçyeter, Unser Deutschlandmärchen</a></p></blockquote><hr aria-hidden="true"/><p></p><h2>Etwas Uncooles: Immobiliengierige Jungfamilien </h2><p>Ich weiß, wovon ich schreibe, ich war selbst mal Mitglied einer immobiliengierigen Jungfamilie. Die prototypische immobiliengierige Jungfamilie ist eine weiße cis het Kernfamilie mit Vater, Mutter, einem Kleinkind an der Hand und einem weiteren Baby im Bauch. Im Märchen haben Schwangere eine unstillbare Gier nach Feldsalat.  – Heute weiß ich, dass Rapunzels arme Mutter wie ein Drittel aller jungen Personen, die menstruieren, einen gesundheitsgefährdenden Eisenmangel hatte. Ist ja auch nicht so wichtig, ob Gebärfähige gesund sind, solange sie nur gebären. – In Wirklichkeiten aber gieren Schwangere nach Immobilien bzw. danach, dass es neben ihrer Wohnung oder ihrem Haus ein Stückchen Rasen oder Wiese geben sollte, auf dem die Kinder herumkrabbeln können. Diese Vorstellung wird bei Vielen zu einer fixen Idee, was Gefahren birgt. Meine persönliche Stückchen-Wiese-Phantasie ließ uns an den Arsch der Welt ziehen, mehr Geld, als wir hatten, für ein Drecksloch bezahlen und nach nicht mal einem Jahr wieder umziehen. Von der viel billigeren, sehr schönen Wohnung danach (drei Balkone!) aus machte ich fast täglich Spaziergänge mit dem Kinderwagen und scannte die Gegend nach schönen Kauf-Immobilien ab, wohlgemerkt ohne realistische Chance, jemals eine bezahlen zu können. #KeineErbin </p><p>Besonders verliebt war ich in eine Kapelle, denn aus englischen Einrichtungszeitungen wusste ich, dass Kirchen manchmal aus der heiligen Pflicht entlassen und dann superschicke Wohnungen werden. Leider passierte das Ersehnte so schnell, dass mir 499.000 von 500.000 Euro zum Glück fehlten. Bis dahin aber ging ich jeden Tag zur Kirche.</p><p>Ein paar Jahre Mietswohnung später hatte ich dann wirklich märchenhaftes Glück. Unser heutiges Haus wurde sehr günstig verkauft, ich hatte es bei Immoscout gesehen und den ersten Termin erwischt, mein Mann hatte gerade einen neuen Arbeitsvertrag unterschrieben, Horrorjob, aber lächerlich gut bezahlt, und so bekamen die armen Kirchenmäuse in allerletzter Sekunde den Kredit. </p><p>(Ohne das Haus hätte ich Laser nie getroffen, er ist uns ja zugelaufen; ich darf gar nicht daran denken.)</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/807c4b61-0114-4ef9-8e2a-ad1e2734da43/uploads/images/tby5asousi/fflaser_druckfa%CC%88hig%20klein_lasercanon_1984.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><em>Ich erfinde das nicht: Während ich gerade den Newsletter auf Fehler durchsehe, klopft es sehr wütend von draußen ans Fenster, weil wegen der Kellersanierung die Katzenklappe immer noch verriegelt ist.</em></p><p>Zurück zur prä- und postnatalen Immobiliengier. (Hallo, Cluster of Excellence »Languages of Emotion«, befasse dich mal damit.) Mir selbst war irgendwann meine immobiliengierspezifische ethische Grenze bewusst geworden. Was ich grundsätzlich nicht machte, manche andere schon, war gierig in Fenster mit gelben Gardinen zu starren, ich kann wirklich ausschließen, dass ich auf das Ableben von alten Menschen wartete, um ihr Haus zu kapern. Transparenz: Einmal gierte ich sehr heftig ein Haus an, das ich fälschlicherweise für verlassen hielt.</p><p>Als Person, die mittlerweile in einem Haus mit Garten lebt, stehe ich jetzt auf der anderen Seite der Gier. An den Wochenenden spazieren junge Familien, oft begleitet von einem Paar Großeltern, betont unauffällig die Straße entlang und bleiben vor fast jedem Haus stehen. Dann wird zackwumm die Immobilie bewertet. Die Großeltern haben die Kohle, das ist sonnenklar. </p><p>Glücklicherweise ist die Schönheit unseres Gartens von der Straße aus nicht zu erkennen, außerdem ist unser Haus von außen wirklich oll. Deshalb starren mich eher selten Menschen unvermittelt durchs Fenster an, dafür bin ich dankbar, ich zerfalle schnell zu Staub. Aber ich kann in aller Ruhe beobachten, wie die Gierlinge Haus und Grundstück gegenüber scannen. Es ist die Stückchen-Wiese-Premium-Phantasie. Ein malerisch gealtertes Zwanzigerjahrehaus mit riesigem Garten, vom Tor aus fällt der Blick auf alte Obstbäume und neue Gemüsebeete. Ich kann zusehen, wie die Familien beim Gieren fast selbst Wurzeln schlagen. Ihre Verweildauer ist nur mit einem Ausdruck korrekt zu beschreiben: dreist. Es ist sehr lustig, aber auch gruselig, denn ich unterstelle ihnen, dass sie meinen alten Nachbar*innen den Tod wünschen. Sie brechen vor meinen Augen das Gelbe-Gardinen-Tabu, ich kann es genau fühlen.</p><p>Lange dachte ich, dass ich ausnahmslos alle hasse, die mir ungefragt Immobilienkaufgesuche in den Briefkasten werfen. Makler*innen eh, aber auch die mit den kreativen Privatnötigungen. Bei Letzteren gab es immer zwei Genres: »Hey, wir sind von Beruf Designer*innen und haben deshalb eine funky Webseite nur für unsere Immobiliensuche gebaut, wenn ihr an uns verkauft, seid ihr genauso funky wie wir.« (Sorry, aber ich weiß, dass kein Mensch mit Grafikdesign genug Geld für einen Hauskauf verdient, bitte verpisst euch, Erb*innen.) Oder: »Wir sind die sympathische Familie X mit Kind 1 mit altdeutschem Namen,  Kind 2 mit altdeutschem Namen, Kind 3 (Baby) mit altdeutschem Namen, im Hintergrund gerastert ein Foto von uns in unserer supremen blonden Weißheit, und wir würden uns freuen, Ihr schönes Haus in Ihrem Sinne zu erhalten.« Kotz, was ist das denn für ein infamer Enkel*innen-, äh, Erb*innentrick. </p><p>Neulich lag ein Zettel im Briefkasten, der mich umstimmte. Mein Hass ist nicht mehr absolut. Da schrieb eine Familie in etwa: Junge Familie sucht Haus in [Beschreibung der Gegend]. Falls Sie etwas wissen, sind wir dankbar, wenn Sie uns anrufen. Da triefte erstmals kein Premiummenschentum aus dem Papier, das Gesuch war sachlich und okay.  Geht doch. (Sachlich ist wirklich fast immer die beste Idee.) Diese Familie findet bestimmt ein Haus, ich wünsche es ihr zumindest. Noch mehr wünsche ich mir, dass alle Menschen sicher und mit ein bisschen Grün leben können. Eigentum wäre für mich gar kein Wert, wenn es nicht aktuell fast immer die Bedingung für Wohnen mit Garten wäre. Der Garten aber ist mein Ausgleich, mein einziger wirklicher, gefühlt unverzichtbarer Luxus. In meinem Garten wirkt eine andere Zeit, eine gute. Deshalb ist die Gier nach dem Stückchen Wiese an sich nicht schlecht, eine latent mörderische Note bekommt sie nur unter den Bedingungen des Kapitalismus.</p><p>Findet ihr auch so passend, dass die Kernfamilie im Englischen <em>nuclear family</em> heißt? Lebensgefährlich strahlend, das passt. Ich halte die Kernfamilie für ein Auslaufmodell, obwohl ich meine konkrete Kernfamilie aufgrund der Menschen darin sehr liebhabe, das ist kein Widerspruch.</p><hr aria-hidden="true"/><h2>Rubrikloses</h2><p></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/807c4b61-0114-4ef9-8e2a-ad1e2734da43/uploads/images/isz5g37blj/nf76_ohne%20charme.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><em>Kapitalismus zu verkaufen?</em></p><hr aria-hidden="true"/><p></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/807c4b61-0114-4ef9-8e2a-ad1e2734da43/uploads/images/hnggbjlbrt/cfmat_T-adoro.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><em>Teddyjacken nur in der Adorno-Boutique shoppen</em></p><hr aria-hidden="true"/><p></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/807c4b61-0114-4ef9-8e2a-ad1e2734da43/uploads/images/vswaavphby/cf_mat_illies.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><em>Ein Zitat aus </em>Anleitung zum Unschuldigsein<em> von Florian Illies aus dem Jahr 2001: Was meint ihr, ist es Ironie, ist es Pop, muss man es in der Zeit sehen oder sind Werk und Autor zu trennen? – Ich wüsste gern, welche guten Bücher damals nicht veröffentlicht wurden, weil die Autor*innen nicht Teil der Lifestylejourno-Clique waren, die sich Popliteratur nannte.  </em></p><hr aria-hidden="true"/><h2>Guerlica</h2><p></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/807c4b61-0114-4ef9-8e2a-ad1e2734da43/uploads/images/nm67xgo5mc/fv_pg_btd_Mark%20Twain_72%20px.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p></p><hr aria-hidden="true"/><p>Zurück ins Internet.  Wir sehen uns nächste Woche. Seid lieb, nur nicht zu Nazis.</p><p>XOXO, <br/>FrauFrohmann</p><hr aria-hidden="true"/><p></p><p>Empfehlt <em>NewFrohmanntic,</em> wenn ihr <em>NewFrohmanntic</em> empfehlenswert findet. </p><p>Ich freue mich über gelegentliches Feedback, Newsletterschreiben ist ohne immer mit einem Toter-Briefkasten-Gefühl behaftet:  christiane.frohmann @ gmail.com </p><p></p><p></p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Sun, 29 Jan 2023 22:05:11 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 75]]></title>
      <description><![CDATA[Mein böser Polizisten-Onkel / Erleichterte Freude an Kultur / Ein Zitat von Yevgeniy Breyger / Gute Polizei, schlechte Polizei / Rubrikloses /Guerlica]]></description>
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      <pubDate>Sun, 22 Jan 2023 22:20:30 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 74]]></title>
      <description><![CDATA[Etwas Altes: Himbeerbonbons / Etwas Neues: Poly-BFF / Etwas Geborgtes: Ein Zitat von Teresa Bücker / Etwas Uncooles: Handke lesen / Rubrikloses / Guerlica]]></description>
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      <pubDate>Sun, 15 Jan 2023 19:01:20 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 73]]></title>
      <description><![CDATA[Die letzten Wochen rückwärts erzählt]]></description>
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      <pubDate>Thu, 12 Jan 2023 09:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 72]]></title>
      <description><![CDATA[Leben]]></description>
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      <pubDate>Mon, 05 Dec 2022 23:23:27 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 71]]></title>
      <description><![CDATA[Vorweg ist heute alles. ]]></description>
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      <pubDate>Wed, 09 Nov 2022 22:55:09 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 70]]></title>
      <description><![CDATA[Hexendefinitionen / Collected LeonMuks-Posts / Zoomgloom / Kate-Moss-Hologramm / Das Rechthabeparadox]]></description>
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      <pubDate>Mon, 31 Oct 2022 17:28:11 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 69]]></title>
      <description><![CDATA[Personengebundene Buchmessennostalgie / Das kritikable Queertett / Ein Zitat von niemand / Etwas Uncooles: Sorrryyy / Rubrikloses / Präraffaelitische Girls erklären]]></description>
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      <pubDate>Tue, 25 Oct 2022 17:16:30 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 68]]></title>
      <description><![CDATA[Frau, Spiegel, Bild / Lasersophie / Ein Zitat von Maryam Aras / Können Politiker*innen die iranischen Frauen und Kinder nicht sehen / Präraffaelitische Girls erklären]]></description>
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      <pubDate>Sun, 16 Oct 2022 18:14:54 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 67]]></title>
      <description><![CDATA[Schneeflocken, Grammy-Nominierungen, Solidarität]]></description>
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      <pubDate>Wed, 12 Oct 2022 18:11:34 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 66]]></title>
      <description><![CDATA[The Clickmaid’s Tale / Debatten-Safeword / Ein Zitat von Audre Lorde / Faschistische Bukolik / Praffaelitische Girls erklären Megalonäre, Vol. 17]]></description>
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      <pubDate>Tue, 27 Sep 2022 14:58:25 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 65]]></title>
      <description><![CDATA[Heimweh nach Twitter: für journelle / Afterhour im Elternhaus / Ein Zitat von Noor Naga / Herbstfröhlichkeit / Präraffaelitische Girls erklären Megalonäre, Vol. 16]]></description>
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      <pubDate>Mon, 19 Sep 2022 08:12:24 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 64]]></title>
      <description><![CDATA[Wo die Zitronen blühen / Gastfreund*innenschaft in pseudopostpandemischen postdigitalen Zeiten / Ein Zitat von George Sand / Autodudes im Fernbus / PGExplaining]]></description>
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      <pubDate>Tue, 13 Sep 2022 11:15:13 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[NewFrohmanntic 62/63]]></title>
      <description><![CDATA[Stasis- und Flowmenschen / Eigeneinordnung / Unheimliche Emoji-Angst / Goldenes Haar / Digitale Trennungsmasse / Vom Schlag getroffen / PGEXPLAINING Megalonäre, 13/14]]></description>
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      <pubDate>Tue, 06 Sep 2022 13:20:47 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 61]]></title>
      <description><![CDATA[Protestkultur nach meinem Geschmack / Ein Zitat von Issey Miyake / Das tote Bücherregal / Therapie als Netflixserie]]></description>
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      <pubDate>Sun, 21 Aug 2022 20:26:26 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 60]]></title>
      <description><![CDATA[Schöneberg-Erinnerung / Der Bruch mit sich selbst / Ein Zitat von Karina Papp / Traumamomente in Kinderunterhaltung / Präraffaelitische Girls erklären Megalonäre, Vol. 11]]></description>
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      <pubDate>Sun, 07 Aug 2022 19:41:48 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 59]]></title>
      <description><![CDATA[In der Erinnerung emergierende Vorbilder / Das Sommerloch als Möglichkeitsraum / Ein Zitat von Sunil Gupta / Ethisch altmodisch / PGExplaining erklären Megalonäre Vol. 10]]></description>
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      <pubDate>Sun, 31 Jul 2022 19:05:08 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 58]]></title>
      <description><![CDATA[Social-Media-Archive / Ein Zitat vom Simone Weil / Prozentrechnung lernen mit Instagram / Tiere verschenken /  Präraffaelitische Girls erklären Megalonäre, Vol. 9]]></description>
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      <pubDate>Sun, 24 Jul 2022 21:35:52 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 57 ]]></title>
      <description><![CDATA[Hässliches Herz / Boomerbetreuerin / Ein Songstück als Bannzauber / Der Club der untoten Dichter*innen / Rubrikloses / Präraffaelitische Girls erklären Megalonäre, Vol. 9]]></description>
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      <pubDate>Wed, 13 Jul 2022 11:39:03 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 56]]></title>
      <description><![CDATA[Erstes digitales Passfoto / Generationenübergreifender Rave  / Ein Zitat von Natasha Brown / Ausschreibungs-Mindfuck / Präraffaelitische Girls erklären Megalonäre, Vol. 8]]></description>
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      <pubDate>Mon, 04 Jul 2022 13:26:49 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 55]]></title>
      <description><![CDATA[Gewalt in allen Räumen / Deathscrolling / Ein Zitat von Sofie Lichtenstein / Romantik-Sehschwäche / Präraffaelitische Girls erklären Megalonäre, Vol. 7]]></description>
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      <pubDate>Sun, 26 Jun 2022 14:49:04 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 54]]></title>
      <description><![CDATA[Der Crush-Crash / Digitalvirtuelle Aquarien und Kamine / Ein Zitat von Lin Hierse / Die Cool-Girl-Wende / Präraffaelitische Girls erklären Megalodäre, Vol. 6]]></description>
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      <pubDate>Sun, 19 Jun 2022 19:36:56 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 53]]></title>
      <description><![CDATA[Flix-Zug / 9-Euro-Ticket / Ein Zitat von Maggie Nelson / Trendsimulacrum Alkohol to go / Rubrikloses / Guerlica: Präraffaelitische Girls erklären Megalomilliardäre, Vol. ]]></description>
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      <pubDate>Sun, 12 Jun 2022 23:06:25 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 51]]></title>
      <description><![CDATA[Strandspaß / Eine Drinnies-Horrorgeschichte / Ein Zitat von Donald Duck / Trübe Quellen / Rubrikloses Präraffaelitische Girls erklären Megalomilliardäre, Vol. 3]]></description>
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      <pubDate>Tue, 31 May 2022 15:33:06 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 52]]></title>
      <description><![CDATA[Öffentlich lesen / Instantanes Mulchen / Ein Zitat von Lin Hierse / Vier Wochen / Rubrikloses / Präraffaelitische Girls erklären Megalomilliardäre, Vol. 4]]></description>
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      <pubDate>Sat, 28 May 2022 15:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 50 ]]></title>
      <description><![CDATA[New Romantic / Junge Frau zum Mitreisen auf Facetime gefunden / Ein Zitat von Gramsci / Unsinnige Umfragen / Präraffaelitische Girls erklären Megalomilliardäre Vol. 2]]></description>
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      <pubDate>Thu, 26 May 2022 18:34:54 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[. ]]></title>
      <description><![CDATA[Ich weiß gar nicht so genau, was »pietätlos« in Social-Media-Zeiten noch bedeutet.]]></description>
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      <pubDate>Sun, 01 May 2022 18:49:13 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 49]]></title>
      <description><![CDATA[Fanatischer Blick / »Die gute Couch« / Ein Zitat von Emily Dickinson / Die Zornotter / Rubrikloses / Guerlica: Präraffaelitische Girls erklären Megalomilliardäre, Vol. 1]]></description>
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      <pubDate>Sun, 01 May 2022 10:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 48]]></title>
      <description><![CDATA[Etwas Altes: Brettspiele / Etwas Neues: Queen Meme / Etwas Geborgtes: Ein Zitat von Nelly Sachs / Etwas Uncooles: Schweinchen beim Metzger / Guerlica / Rubrikloses]]></description>
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      <pubDate>Sun, 24 Apr 2022 20:44:39 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 47]]></title>
      <description><![CDATA[Natur-Entbundenheit / Souvenir-Upcycling / Ein Zitat von Katja Kullmann als Buch-Empfehlung /  Nostalgischer Bildungskitsch / Rubrikloses / Guerlica]]></description>
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      <pubDate>Sun, 27 Mar 2022 06:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 46]]></title>
      <description><![CDATA[Aussichtslose Konstellationen / Fashion-Frieden / Ein Zitat von Fatma Aydemir / Warum ich leider nicht Hysterektomie-Influencerin werden kann /Guerlica]]></description>
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      <pubDate>Sat, 26 Mar 2022 08:43:31 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 45]]></title>
      <description><![CDATA[Über den Tod hinaus wohltätig / »Blumen anstarren«-Anfängerin / Ein Zitat von hinter der Hecke / Neue Formate, neue Überforderungen]]></description>
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      <pubDate>Sun, 13 Mar 2022 19:17:11 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 44 ]]></title>
      <description><![CDATA[Etwas Altes: Überdauernde Dinge / Etwas Neues: Eine andere Zeitrechnung / Etwas Geborgtes: Ein Zitat von N.K. Jemisin / Etwas Uncooles: Einsickernder Hass / Guerlica ]]></description>
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      <pubDate>Sun, 06 Mar 2022 18:42:00 +0000</pubDate>
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    <item>
      <title><![CDATA[Folge 43]]></title>
      <description><![CDATA[Nur wenig, weil so viel.]]></description>
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      <pubDate>Sun, 27 Feb 2022 18:01:00 +0000</pubDate>
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    <item>
      <title><![CDATA[Folge 42]]></title>
      <description><![CDATA[Etwas Altes: Angst im Dunkeln / Etwas Neues: Cool ist tot, es lebe cool / Etwas Geborgtes: Zitat v. Raven Leilani / Etwas Uncooles: Rosa Schimmel / Rubrikloses / Guerlica]]></description>
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      <pubDate>Sun, 13 Feb 2022 18:00:01 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 41]]></title>
      <description><![CDATA[Etwas Altes: Blumenzwiebeln again / Etwas Neues: Menschen treffen / Etwas Geborgtes: Ein Zitat von Eva von Redecker /Etwas Uncooles:  Valentinstag bashen / Rubrikloses]]></description>
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      <pubDate>Tue, 08 Feb 2022 05:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 40 ]]></title>
      <description><![CDATA[Tragik neuer Hefte und Kalender / Papierhype, Screenkrise / Ein Zitat von Elisabeth von Arnim / Etwas Uncooles: Die Dunkelhaarige-können-nicht-blond-sein-Lüge]]></description>
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      <pubDate>Sun, 30 Jan 2022 18:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 39]]></title>
      <description><![CDATA[Etwas Altes: Busen / Etwas Neues: Eine These / Etwas Geborgtes: Ein Zitat von Joan Didion / Etwas Uncooles: Bücher schlecht behandeln / Rubrikloses / Guerlica]]></description>
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      <pubDate>Mon, 10 Jan 2022 20:06:55 +0000</pubDate>
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    <item>
      <title><![CDATA[Folge 38]]></title>
      <description><![CDATA[Tradition im Wohnraum / Schöpferisches Vergessen / Ein Zitat von Betty White / Polizei will auf den Arm / Rubrikloses / Guerlica]]></description>
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      <pubDate>Sat, 01 Jan 2022 19:31:00 +0000</pubDate>
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    <item>
      <title><![CDATA[Folge 37 ]]></title>
      <description><![CDATA[Die traditionellen Frohmann-Kalender / Pitch für eine Entfesselungsfiktion-Serie / Ein Zitat von Monika Rinck / Mit Haustieren sprechen / Rubrikloses / Guerlica]]></description>
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      <pubDate>Tue, 21 Dec 2021 16:46:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 36  ]]></title>
      <description><![CDATA[Etwas Neues: Virtual Glitter / Etwas Altes: Kleiner Aberglaube / Etwas Geborgtes: Gespräch mit einer Ärztin / Etwas Uncooles: Divinatorischer Insta-Algorithmus ]]></description>
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      <pubDate>Sun, 05 Dec 2021 20:16:45 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 35]]></title>
      <description><![CDATA[Etwas Altes: Der Sopranos-Loop / Etwas Neues: Die Süßigkeitentruhe / Etwas Geborgtes: Ein Zitat von Marlene Streeruwitz / Etwas Uncooles: Soziale Mangelerscheinungen]]></description>
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      <pubDate>Sun, 28 Nov 2021 19:46:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 34]]></title>
      <description><![CDATA[Ein Berlin-Erlebnis / Andere Töne / Ein Zitat aus Warum heißt es / Das performativ Böse / Rubrikloses / Guerlica]]></description>
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      <pubDate>Tue, 23 Nov 2021 18:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Für Ferhat Unvar]]></title>
      <description><![CDATA[Muss man es aushalten?]]></description>
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      <pubDate>Sun, 14 Nov 2021 20:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Warum heißt es Buchveröffentlichung]]></title>
      <description><![CDATA[Herzliche Einladung zur Online-Releaselesung]]></description>
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      <pubDate>Mon, 08 Nov 2021 18:29:14 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 33   ]]></title>
      <description><![CDATA[Etwas Altes: Hybrid Berlin / Etwas Neues: Das Ende des Axeltums / Etwas Geborgtes: Schon wieder ein Zitat von Christian Kracht / Etwas Uncooles: Zwei Lebensmittelkritiken]]></description>
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      <pubDate>Fri, 05 Nov 2021 16:16:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 32 ]]></title>
      <description><![CDATA[Etwas Altes: Hase und Igel / Etwas Altneues: Kleidertausch / Etwas Geborgtes: Ein Zitat von Yoran/Rauscher / Etwas Uncooles: Sich den Daten stellen / Guerlica]]></description>
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      <pubDate>Fri, 29 Oct 2021 21:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 31  ]]></title>
      <description><![CDATA[Etwas (nicht sehr) Altes: Hexenbündnis / Etwas Neues: Wikileaks für Bücher und E-Books / Ein Zitat von Christian Kracht / Etwas Uncooles: Trendteddys]]></description>
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      <pubDate>Fri, 22 Oct 2021 13:46:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 30 ]]></title>
      <description><![CDATA[Etwas Altes: Ein Zettel / Etwas Neues: Laserruheraum / Etwas Geborgtes: Ein Zitat von Nicole Seifert / Etwas Uncooles: Von-Literatur / Guerlica /Verlagsnews]]></description>
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      <pubDate>Fri, 15 Oct 2021 06:28:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 29  ]]></title>
      <description><![CDATA[#1000Tode als Lebenswerk / NEUjahr / Ein Zitat von Puneh Ansari / Mediengenervtheit / Guerlica ]]></description>
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      <pubDate>Thu, 07 Oct 2021 12:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 28  ]]></title>
      <description><![CDATA[Stadterkundung / Jahreszeitenwiederkehr / Ein Zitat von Audre Lorde / Über Nacht Monster / Neues von der Verlagssanierung / Guerlica]]></description>
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      <pubDate>Fri, 01 Oct 2021 11:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 27]]></title>
      <description><![CDATA[Wir müssen lernen, dass es, wenn wir sagen »Es geht so nicht mehr weiter«, wirklich nicht mehr weitergeht. Der 26. September ist der Tag, um damit zu beginnen.]]></description>
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      <pubDate>Wed, 29 Sep 2021 09:04:09 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 26]]></title>
      <description><![CDATA[Hässliche Körperworte im Deutschen / Wut rappen, dichten, malen, filmen / Etwas Geborgtes: Ein Zitat von @momorulez / Konservativer Autokannibalismus / Guerlica]]></description>
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      <pubDate>Tue, 14 Sep 2021 08:08:36 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 25 ]]></title>
      <description><![CDATA[Vergesst die unsichtbare Hand, ich brauche sichtbare Hände, viele.]]></description>
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      <pubDate>Tue, 07 Sep 2021 10:17:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 24  ]]></title>
      <description><![CDATA[Etwas Neues: Schreien / Etwas Altes: Ein Pandemieroman von vor der Pandemie / Etwas Geborgtes: Ein Zitat von Asal Dardan / Etwas Uncooles: Ex-Irgendwas / Guerlica]]></description>
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      <pubDate>Thu, 02 Sep 2021 10:33:01 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Anstelle von Folge 23]]></title>
      <description><![CDATA[Magie ist besser als Nichts. ]]></description>
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      <pubDate>Wed, 18 Aug 2021 14:00:17 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 22  ]]></title>
      <description><![CDATA[Etwas Altes: Der Mutterfleischwolf  / Etwas Neues: Re-Lektüre »Die Wand« / Etwas Geborgtes: Zitat von Alok Vaid-Menon / Etwas Uncooles: Beim Frauenarzt ]]></description>
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      <pubDate>Tue, 10 Aug 2021 11:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 21]]></title>
      <description><![CDATA[Etwas Altes: My Personal Leseschweinehund / Etwas Neues: Kaputtheit kommunizieren / Etwas Geborgtes: Ein Zitat von Debora Antmann / Umsehen lernen / Guerlica]]></description>
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      <pubDate>Wed, 04 Aug 2021 14:31:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 20]]></title>
      <description><![CDATA[Etwas Altes: Troll-Wissen / Etwas Neues: Chat-Ende / Etwas Geborgtes: Ein Zitat von Maha El Hissy / Etwas Uncooles: Eine kaputte Beobachtung ]]></description>
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      <pubDate>Tue, 27 Jul 2021 10:46:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 19: Für und wegen Sarah Berger ]]></title>
      <description><![CDATA[Twitterfreund*innenschaft / Verlagsüberschreitendes Verlegen / Mein wahres Gesicht vorgeschlagen (Clemens Setz) / Immer weiter kämpfen müssen sollen]]></description>
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      <pubDate>Fri, 23 Jul 2021 11:40:19 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 18]]></title>
      <description><![CDATA[Etwas Altes: Sag nur / Etwas Neues: Ein geniales Buch / Etwas Geborgtes: Ein Zitat von Meena Kandasany / Etwas Uncooles: Unnötig Diskriminierendes in literarischen Texten]]></description>
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      <pubDate>Wed, 07 Jul 2021 10:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 17 ]]></title>
      <description><![CDATA[Etwas Altes: Meine Zukunft / Etwas Neues: Böse #ffee  / Etwas Geborgtes: Ein Zitat von Lavinia Branişte / Etwas Uncooles:  Arme, die Gerechtigkeit für Reiche einfordern ]]></description>
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      <pubDate>Tue, 29 Jun 2021 11:16:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 16]]></title>
      <description><![CDATA[Etwas Altes: Der Andere / Etwas Neues: Konferenz-Snipen / Etwas Geborgtes: Ein Zitat von Lavinia Branişte / Etwas Uncooles: Facebook-Messages aus der Gruft ]]></description>
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      <pubDate>Tue, 22 Jun 2021 19:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 15]]></title>
      <description><![CDATA[Etwas Altes: Die verdreckte Welle / Etwas Neues: Ein Aufruf / Etwas Geborgtes: Jemisin-Zitat / Etwas Uncooles: Überidentifikation / Fotos aus dem jeans club / Guerlica]]></description>
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      <pubDate>Mon, 14 Jun 2021 17:31:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 14]]></title>
      <description><![CDATA[Etwas Altes: KI / Etwas Neues: KI / Etwas Geborgtes: Ein Zitat / Etwas Uncooles: Ich doch nicht / Rubrikloses / Guerlica]]></description>
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      <pubDate>Mon, 07 Jun 2021 16:30:31 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 13  ]]></title>
      <description><![CDATA[Etwas Altes: Wilmersdorfer Witze / Etwas Neues: Leben / Etwas teilweise Geborgtes: Ein Zitat-Drama / Etwas Uncooles: Suche »Leben« / Rubrikloses / Guerlica]]></description>
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      <pubDate>Mon, 31 May 2021 11:16:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 12]]></title>
      <description><![CDATA[Folge 12  Etwas Altes: Ein Kofferraum voller E-Books  / Etwas Neues: Mit Sprache wachsen / Etwas Geborgtes: Ein Zitat von Audre Lorde / Etwas Uncooles: Eine Liste ]]></description>
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      <pubDate>Mon, 24 May 2021 08:31:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 11]]></title>
      <description><![CDATA[Etwas Altes: Meine Hochbegabung zum Drogenhandel / Etwas Neues: Lernen von Laser / Etwas Geborgtes: Ein Zitat von Linus Giese / Etwas Uncooles: Erschreckend freundlich ]]></description>
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      <pubDate>Mon, 17 May 2021 16:16:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 10]]></title>
      <description><![CDATA[Etwas Altes: Als sei nichts gewesen / Etwas Neues: Mein Gärtnerinnen-Entwicklungsroman / Etwas Geborgtes: Ein Zitat von Gertrude Jekyll / Etwas Uncooles: Plastikteilchen]]></description>
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      <pubDate>Mon, 10 May 2021 14:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 9]]></title>
      <description><![CDATA[Etwas Altes: Das Retroaktionäre / Etwas Neues: Haustier und Hausmensch evolvieren / Etwas Geborgtes: Ein Zitat von Salem / Etwas Uncooles: Lyriker-Twitter-Bashing ]]></description>
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      <pubDate>Mon, 03 May 2021 09:30:08 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 8 ]]></title>
      <description><![CDATA[Etwas Altes: Toxische Rap-Romanze / Etwas Neues: Radikales Liebsein / Etwas Geborgtes: Ein Zitat von Badmómzjay / Etwas Uncooles: Umsehenlernen in Entenhausen ]]></description>
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      <pubDate>Mon, 26 Apr 2021 04:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 7]]></title>
      <description><![CDATA[Etwas Altes: Nervosität / Etwas Neues: Digital aufgeschlossen, 2 / Etwas Geborgtes: Ein Zitat von Emmy-Hennings-Ball / Etwas Uncooles: 315 Minuten. Instantane Fiktion]]></description>
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      <pubDate>Mon, 19 Apr 2021 10:31:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 6]]></title>
      <description><![CDATA[Etwas Altes: E-Books / Etwas Neues: Digital aufgeschlossen, 1 / Etwas Geborgtes: Ein Zitat von Mithu Sanyal / Etwas Uncooles: Ungraziöse Katze / Rubrikloses / Guerlica]]></description>
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      <pubDate>Mon, 12 Apr 2021 10:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 5 ]]></title>
      <description><![CDATA[Etwas Altes: Mein Ostern / Etwas Neues: Bunnyday / Etwas Geborgtes: Hasenbild von Martina Minette Dreier / Etwas Uncooles: Plüsch- und Blechhasen / Rubrikloses / Guerlica]]></description>
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      <pubDate>Mon, 05 Apr 2021 10:46:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 4]]></title>
      <description><![CDATA[Etwas Altes: Schneeglöckchen / Etwas Neues: Social Blobs /  Etwas Geborgtes: Ein Zitat von Maggie Nelson / Etwas Uncooles: Verpassen der Wendemöglichkeit / Guerlica]]></description>
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      <pubDate>Mon, 29 Mar 2021 04:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 3]]></title>
      <description><![CDATA[Etwas Altes: Erweiterte Realität / Etwas Neues: Erfreuliche Realität / Etwas Geborgtes: Ein Zitat von Dilek Güngör / Etwas Uncooles: Fiorucci, Teil 2 / Guerlica ]]></description>
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      <pubDate>Mon, 22 Mar 2021 09:21:58 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Folge 2]]></title>
      <description><![CDATA[Etwas Altes: Limonade oder Karamell / Etwas Neues: Gewalt-Entzug / Etwas Geborgtes: Ein Zitat von Paul B. Preciado / Etwas Uncooles: Fiorucci / Guerlica]]></description>
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      <pubDate>Mon, 15 Mar 2021 05:01:00 +0000</pubDate>
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      <title><![CDATA[Folge 1]]></title>
      <description><![CDATA[Etwas Altes: Das Tintenstrahldrucker-Punctum / Etwas Neues: Kulturkonservative Katzen / Etwas Geborgtes: Antirassistische Bildung / Etwas: Uncooles: Protest als Pose]]></description>
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      <pubDate>Mon, 08 Mar 2021 05:01:00 +0000</pubDate>
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