Mein Mann ist mitten im Bewerbungsprozess um eine gute Stelle und ich habe Anfang der Woche die Nachricht erhalten, dass ich morgen ein Vorstellungsgespräch habe für ein Projekt, das mir sehr am Herzen liegt. Die freiberufliche Arbeit liegt mir, ich bin mein ganzes Leben bereits selbstständig und war nie angestellt – aber das letzte Jahr ohne feste Aufträge war heftig. Es geht also bergauf, zumindest wenn man optimistisch orientiert ist.
Jede beruflichen Umstellungsphase ist fürs Familienleben turbulent. Genau, wie jede Eingewöhnung, jeder Umzug, jeder Schulwechsel, jede Diagnostik. Die Abläufe zuhause müssen sich öfter neu ordnen, als es den meisten von uns lieb ist. Und auch wenn uns in vielen Instavideos verklickert wird, dass, wenn die Grundbasis Liebe und Vertrauen gegeben ist, alles möglich sei: das Leben und vor allem der Alltag sind komplex.
Schau her – ich bin´s – die Übermutter in Person
Ich rolle das Feld der Zuständigkeiten bei uns zuhause mal von hinten auf:
In den ersten Jahren hatte mein Mann eine Vollzeitstelle und ich habe zuhause alles allein gemeistert, parallel online gearbeitet und bin an zwei Tagen in eine muffelige Prominews-Redaktion auf der anderen Seite Londons in einer noch muffeligeren Tube gefahren. Habe mich an beiden Morgenden an der Tür meiner Schwägerin von meinem einjährigen Hasen verabschiedet, in der Mittagspause meinen schwangeren Bauch gestreichelt und von 21 Uhr bis Mitternacht zuhause britische Celebrity-Artikel hin und her manövrierend und daraus deutsche Beiträge gebastelt und glaubt mir – ohne Chat GPT war das damals noch Arbeit. Der organisatorische Aufwand für mich war immens.
Aber: ich habe es nicht eine Sekunde angezweifelt. Wie sexy ich es fand, mich als Hausfrau, Mutter PLUS Selbstständigkeit zu beweisen, ich erinnere mich vage an das Gefühl, aber ich weiß es bis heute. Das Patriarchat hatte alles erfolgreich bei mir eingepflanzt. Schau hin – ich bin die Übermutter – zwar in therapeutischer Behandlung, aber alle Aufgaben jonglierend. Ich wollte so sehr, dass er sieht, wie gut ich das alles kann. Dass ich gar nicht bemerkt hatte, dass er wegschaut, wegschauen konnte, während ich manisch jonglierend unsere Familienarbeit bestritt.
Daddys Zoommeetings hinter der Schlafzimmertür
Als die Kinder (mittlerweile drei) Jahre später dann alle in Kita und Schule mehr schlecht als recht untergebracht waren, habe ich meine selbstständige Arbeit auf den Vormittag gelegt und begann mich für feste Stellen zu bewerben. Parallel wurde immer deutlicher, dass eins unserer Kinder Zuwendung in einer Form braucht, die nur Gleichgesinnte verstehen. Die Vorstellung einer Anstellung machte Druck, Berlin keine Freude, mein Atem war verkürzt, mein Herz pumpte zu schnell und die letzte spürbare Kraft, an die ich mich erinnern kann, resultierte im Projekt Juni 2022 Auswanderung Gran Canaria.
Zu diesem Zeitpunkt waren wir bereits seit zwei Jahren beide zuhause – danke Covid für dieses Geschenk und das Homeoffice – in unserem Fall der Schreibtisch meines Mannes in unserem Schlafzimmer, erlöschte den letzten Funken Paargeschmack.
Kinder und Haushalt zum Großteil allein managen hat bereits ein Geschmäckle, wenn der andere körperlich nicht anwesend ist. Aber einen Vollzeitjob ins heimische Schlafzimmer bringen, während ich in den restlichen 70qm im nass-grauen Berliner Winter in den Lockdowns unsere drei Kinder davon abhalten sollte, Daddys Zoommeetings zu erhellen – dafür hatte ich das falsche studiert. Die Reslienz, das abzukönnen und Unbekümmertheit, darüber nicht nachzudenken, dass ich doch eigentlich eine weltweit gefeierte Künstlerin sein sollte – die hatte ich nicht.
Vor der Auswanderung stellte ich also meine Bedingung: auf der Insel machen wir 50-50. Nicht, was Oralsex betrifft, sondern Mental Load. Beide arbeiten in allen Bereichen – bezahlt und unbezahlt – gleich viel. Es klang nach DER Lösung. Allerdings nur, wenn man vorher nicht genau hingeschaut hat …
Überall wimmeln Ablenkungen
Long Story Short: Was eine Erleichterung sein sollte, war in der Praxis in den letzten drei Jahren – gelinde gesagt – eine Belastung.
Die Organisation des Alltags ist für mich mit Adhs generell sehr herausfordernd – überall wimmeln Ablenkungen und wenn mir alles zu viel ist, wartet das Bett und ich muss mich so dermaßen motivieren, am Ball zu bleiben. Ich hatte mir also viel davon versprochen – ein Team zu sein.
Was ich scheinbar vergessen hatte: Seit wir unser Leben miteinander verbringen – genau gesagt seit 11 Jahren – bin ich die, die Veränderungen angeht und sämtliche Prozesse managt. Davon bin ich müde geworden – welch Überraschung. Weil es nicht so gekommen ist, wie ich es mir erhofft hatte – wahrscheinlich zu wenig manifestiert – und keine Haushälterin im Hintergrund kocht und Wäsche in die Schränke räumt, vollgepulverte Bettlaken wechselt, unser über Jahre vertrauter Babysitter mega Spaß mit den Dreien hat, wir regelmäßig ausgehen usw usw – no.
Die Erkenntnis sitzt. Hart. Schaut mir jeden Morgen ins Gesicht: wir sind zwei Erwachsene, die sich streiten, wir haben eine Aufgabenverteilung, aber der Großteil liegt an mir, und alles daran macht schlapp und innerlich tot. Dieses Jahrzehnt hat mich vom Uschi Obermeier-Alles ist möglich – Feeling zu Zwei bei Kallwass gebracht. Beide zuhause ist ein Alptraum für mich. Er lässt alles liegen, seine alleinige Anwesenheit nervt mich. Ich erkenne mich nicht wieder, bleibe auf der Strecke. Fünf Jahre gemeinsames Homeoffice war der Turning-Point in die Hölle. Das Projekt 50-50 auf der Insel im Atlantik ist gescheitert, ich teile zwar gleichmäßig auf, aber im Reallife rufen die Kinder „Mamaaaaaaaaaaa“, während ich versuche eine Online-Präsenz, die einst hoffnungsvoll schien, zu reanimieren und es steht fest für mich: die neuen Jobs müssen klappen. Meine zweite Hälfte, von der ich mich aus lauter Verzweiflung des 24-7-Zusammenhockens täglich trennen möchte, muss hier zumindest tagsüber raus! Nachts möchte ich zwar auch allein schlafen, aber dafür wird sich auch noch eine Lösung auftun, jetzt erstmal für Kleingeld sorgen. „Mama, ich möchte einen Lamborghini! Unser Auto ist wirklich hässlich.“
Eine Chance, die Sachen neu auszurichten
Hier liegt sie also – für mich bereit – “der Anpackerin” – die Chance, die Sachen neu auszurichten. Aber ich bin komplett overwhelmed damit. Meine Therapeutin soll mir helfen, wie ich vorgehen soll. Wenn ich manivestiere, dass er den Job bekommt und wieder die alleinige Herrin des Hauses werde – wie sollen wir neu strukturieren? 90:10 und 10 und seine restlichen 40 soll sein Erwerbsteil für mich ausgleichen? Ihn wieder als Mann fühlen lassen – zumindest das, was er darunter versteht – die ganze Persönlichkeitsentwicklungsversuche untern Tisch kehren und es bei “Müll und Wocheneinkauf” belassen? Getrennt wohnen und alles bei mir allein machen und wöchentlich unsere Engel verabschieden? Wie stelle ich eine Balance zwischen meinen eigenen beruflichen Ambitionen und den Anforderungen des Alltags her – was ist sein Anteil?
Was meine Therapeutin sagt
Es ist Montag, 12.47 Uhr. Ich habe bereits eine Podcastaufnahme absagen müssen, weil ich als eingetragene Besitzerin das Auto zum TÜF bringen musste und der Autocomputer lustige Fehlermeldungen anzeigte, die Zahnspangenschachtelkette, die mein Sohn wollte, konnte ich kaufen, sogar im Einkaufszentrum selbst zur Toilette und da sitze ich im Auto – schwitzend und fertig – und freue mich, meine Grace gleich zu hören. Zu früh gefreut, die Verbindung geht nicht.
Diese Woche werde ich also keinen neuen Plan kreieren, das Leben hat anderes vor. Aber als ich los fahre, habe ich einen ganz klaren Gedanken: Wie normal ist es bitte, in Übergangsphasen Überwältigung zu empfinden. Das einmal akzeptiert, setze ich den Fokus der Woche: mich auf mein eigenes Vorstellungsgespräch vorzubereiten.
Was Grace mir rät, wie wir die Haushaltsaufgaben und Betreuung der Kinder gleichmäßig aufteilen, welche Präsenz wo stattfinden soll – davon lest ihr nächste Woche. Gleicher Ort, gleiche Zeit.
Habt einen wundervollen Valentinstag morgen, meine Schönen.
Hier ein kleines Geschenk (Opens in a new window) – in Zusammenarbeit mit meiner Freundin Tabea (Opens in a new window) – für Euch:
(Opens in a new window)Es ist kostenlos für Euch abrufbar (Opens in a new window) und soll Euch in den nächsten Tagen dabei helfen, Euch selbst in den Fokus zu setzen.
And if you should forget it at times: you are absolutely wunderbar!
Un Beso
Eure Uschi ♡