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„Schritt für Schritt ins Paradies“

Plötzlich reden alle wieder von „Politischer Theologie“. Aber was ist das überhaupt?

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In jüngster Zeit sind die Kommentarspalten der Zeitungen, die Politik-Schlagzeilen der Magazine und die gelehrten Betrachtungsaufsätze im Kulturteil immer häufiger von einem bizarren Phänomen geprägt: der „Wiederkehr der politischen Theologie in der Gegenwart“, wie das der Ideenhistoriker Volker Weiß im Untertitel seines kleinen Büchleins namens „Katechon“ nennt – das, trotz des sperrigen alt-griechischen Wortes am Cover gleich zu einem Bestseller wurde. Dass sich im Jahr 2026 tausende Leute ein Buch mit dem Titel κατέχων kaufen, hätte man auch nicht unbedingt prophezeit.

Eine Sprache des Eiferertums

Gründe gibt es durchaus genug: Da sind amerikanische Gotteskrieger wie J.D. Vance und Verteidigungsminister Pete Henseth – der sich Kreuzrittersymbole tätowieren ließ und Racheparolen alttestamentarischer Propheten in seine Reden einbaut. Da ist Tech-Milliardär Peter Thiel, der seine Gegenwartsanalyse auf die Briefe des Apostel Paulus und die Offenbarung des Johannes aufbaut und die Welt in einem apokalyptischen Ringen gegen die Kräfte des Antichristen sieht. Da sind die westeuropäischen Rechtsextremisten, die gewiss ganz ohne theologische Grundierung, dafür im Geiste eines Kampfs der Kulturen eine Art Verteidigungskrieg des „christlichen Abendlandes“ wähnen, und, wie Herbert Kickl, plakatieren lassen: „Euer Wille geschehe“. Dabei beuten sie auf geradezu gotteslästerliche Weise die Rhetorik des Religiösen aus, eine Rhetorik, die oft eben auch eine Sprache des Eiferertums, des Wir-gegen-Sie, der Unbedingtheit ist. Alles zusammen muss für die Diagnose der Rückkehr der politischen Theologie herhalten.

Wer ohne Kenntnis des Schrifttums zu dem Thema diese Diagnosen liest, muss sich wie in einem Irrenhaus vorkommen, und zwar mit Recht. Versuchen wir also eine Einführung in die politische Theologie für Anfänger.

Jede Theologie ist politisch…

Politische Theologie, was soll das denn überhaupt sein? Nun, die Formel ist nicht neu, ihr moderner Gebrauch wurde aber primär von Carl Schmitt beeinflusst, dem autoritären, rechtsextremen Staatsrechtler, auf den unsere Neofaschisten so viel geben, und von dem sich auch Peter Thiel seine Begriffe borgt. Schmitts pointierte, legendäre Formel lautet: „Alle prägnanten Begriffe der modernen Staatslehre sind säkularisierte theologische Begriffe.“ Soll heißen: Viele neuzeitliche Konzeptionen haben theologische Hintergründe. Was in der modernen Staatslehre der „Souverän“ ist, ist in der Theologie der Allmächtige, was der Ausnahmezustand im Staatsrecht, ist das Wunder in der Theologie usw. Dass überdies in unserer Weltwahrnehmung ganz viele religiöse Hintergründe drinstecken, weil die Religion in der Sprache sitzt, ist nicht sonderlich überraschend. Wir kennen das aus vielen Bereichen: Glaube, Gläubige gibt es in der Kirche, den Gläubiger im Insolvenzrecht. Credo ist der Gläubige, Kredit hat jemand, an dessen Zahlungsfähigkeit wir glauben. In der Kirche dreht sich alles um die Schuld, im Bankwesen um die Schulden. Erlös und Erlösung, Offenbarung und Offenbarungseid – die Liste ist endlos. Die Begriffe haben ähnliche Wurzeln, aber sagt das schon mehr aus als dass es, wie bei Sprachbildern, eine metaphorische Ähnlichkeit gibt? Jemand, in dem „das Feuer der Leidenschaft“ brennt, geht ja auch nicht in einer Stichflamme auf, sobald er die Geliebte erblickt. Kritiker des Konzepts der „politischen Theologie“ haben gerade das unterstrichen, nämlich, dass Begriffe, etwa wenn sie vom religiösen Sprachgebrauch in den weltlich-säkularen transformiert werden, ihre Bedeutung nicht bewahren, sondern verlieren. Vage metaphorische Ähnlichkeit ist eben keine substantielle Identität.

…und jede Politik ist theologisch.

Aber schon der Begriff der „politischen Theologie“ versteht sich ja nicht von selbst, zumal damit nicht gemeint ist, dass eine Sprache aus einem „unpolitischen Bereich“, wie der Theologie, von politischen Akteuren quasi missbraucht werde. Heute wird der Begriff ganz gerne so verwendet, aber das ist nicht ganz akkurat. Letztendlich meinen die Fürsprecher eines Konzeptes von „politischer Theologie“, dass eigentlich jede Theologie politisch ist und folglich auch jede Politik theologische Wurzeln hat. Und damit haben sie nicht unrecht. Die jüdische Theologie besorgte den Zusammenhalt eines Volkes, des jüdischen Volkes. Paulus wiederum, dieser seltsame 13. Apostel, der Jesus gar nie gekannt hat, begründet ein neues Volk, das Volk der Christenheit, dem jeder angehören kann (egal welcher Abstammung, egal welcher Ethnie), der sich der Gemeinschaft der Gläubigen anschließt. Wenn Theologie aber Gemeinschaft begründet, dann ist das per se ein politischer Akt. Religion ist gemeinschaftsbildend. Es ist der politischste politische Akt, gewissermaßen.

„Politische Theologie“ hat aber immer Absichten, und die können sehr unterschiedlich sein. Schmitt und seine heutigen rechtsradikalen Nachplapperer benützen den Fundus des Theologischen zu Begründung autoritärer Politik. Die Weltauffassung der großen Religionen hilft dabei ohne Zweifel, man denke nur an den „Allmächtigen“ oder das Bild von „Gott in der Höhe“. Oben gibt es einen Herrscher, unten zwergenhafte Menschen, quasi Kriechtiere, die den Allmächtigen anbeten. Zicken die Kriechtiere herum, dann wird der Gott in der Höhe schnell mal zornig, dann ist Schluss mit dem „lieben Gott“ aus der Hausmütterchen-Theologie. Diktatoren lieben solche Weltverhältnisse verständlicherweise. Und Leute, die Angst vor Chaos haben und deswegen hierarchische Ordnungen lieben, tun das ebenso.

Theologie der Befreiung

Es gibt aber nicht nur die rechten, sondern auch die linken Spielarten der politischen Theologie, die geradezu die gegenteilige Bedeutung hat. Zu dieser gehörte etwa die Theologie der Befreiung, die zeitweise in Lateinamerika sehr stark war, aber im linken Christentum, in der Caritas, bei hiesigen Arbeiterpriestern auch Zuspruch fand. Interessant ist, dass sich rechte und linke politische Theologie gegen einen gemeinsamen Feind wenden, nämlich die „unpolitische Theologie“, die die Religionsausübung zur Privatsache machen, individualisieren und ins Innere des Gläubigen versetzen möchte, der quasi mit seinem Gewissen ringt. Der berühmte deutsche Theologe Johann Baptist Metz nannte seine „neue politische Theologie“ ein „kritisches Korrektiv gegenüber einer extremen Privatisierungstendenz“. Eine (neoliberale) Verbürgerlichung des Christentums verliere den „Hunger und Durst nach Gerechtigkeit“, die in der christlichen Botschaft enthalten sei, klagte Metz.

„Ihr habt aus meinem Haus eine Räuberhöhle gemacht“

Gerechtigkeit für die Erniedrigten, für die Beladenen, Eingedenken in fremdes Leid und auch der Zorn auf weltliche Herrschaft, Gier, Protz und Punk, all das findet sich in der christlichen Botschaft und kann nicht einfach vom gläubigen Individuum durch innere Einkehr erkämpft beziehungweise bekämpft werden, so die linke politische Theologie. Wie schleuderte Jesus schon den Geldwechslern, Händlern und Profithaien entgegen? „Mein Haus soll ein Bethaus sein; ihr aber habt eine Räuberhöhle daraus gemacht.“

Die linke politische Theologie will sich innerhalb der diesseitigen Welt schon für Gerechtigkeit und Solidarität einsetzen, die rechte politische Theologie will die hierarchischen Ordnungen mit theologischen Begriffen stützen. Und noch etwas will die rechte politische Ideologie: die Verlockungen abwehren, mit denen der Teufel, also der Antichrist, die Menschen zu ködern versucht. Und zu diesen Verlockungen gehören auch die Aufstachelung zur Rebellion gegen Mächtige und Reiche, die sich die linke politische Theologie wünscht.

Das messianische Zeitgefühl

Die linke politische Theologie hat nämlich auch noch ein starkes, religiös motiviertes Motiv auf ihrer Seite, das ursprüngliche jüdisch-christliche Zeitempfinden. Das ist, simpel gesagt, von der Art: Die Welt ist schlecht, das einfache Volk ist erniedrigt und geplagt, aber mit der Ankunft des Messias werde das „Ende der Zeiten“ eintreten und paradiesische Zustände ausbrechen. Noch simpler gesagt: Heute schlecht, morgen gut. Nicht wenige Denker haben darauf hingewiesen, dass etwa der Marxismus stark von diesem messianischen Zeitempfinden beeinflusst war und quasi den Messias durch das Proletariat und die Idee der proletarischen Revolution ersetzt hat. Für die Marxisten ist die klassenlose Gesellschaft das, was für die Christen das Paradies. Aber noch in der reformistischeren Fortschrittsidee steckte eine Schwundform dieses jüdisch-christlichen Zeitempfindens drinnen, das Vertrauen, dass es zwar nicht auf einem Schlag, aber langsam besser wird.

Nicht zufällig heißt es in dem berühmten Song der linksradikalen Rockband „Ton Steine Scherben“ von ihrer Platte „Keine Macht für Niemand“:

„Und der lange Weg, der vor uns liegt / Führt Schritt für Schritt ins Paradies“.

Linke politische Theologie denkt gewissermaßen von den Unterdrückten aus, rechte von der Beherrschung. Schmitt denke „von oben her, von den Gewalten; ich denke von unten her“, bemerkte der linksradikale Rabbiner und Philosoph Jacob Taubes einmal.

Jesus, der Stümper des Universums

Das sind quasi die großen Linien, das ABC von politischer Theologie. Wendet man sich den Details zu und dem Kleingedruckten, dann wird es schnell wirr. So sehen die rechtsextremen politischen Theologen in der heutigen Wokeness nicht nur den Antichristen am Werk, sondern auch eine Art übersteigertes Hyperchristentum, das die Nächstenliebe ordentlich übertreibt. Auch die Figur des „Katechon“, über die Peter Thiel so viel nachgrübelt, ist eine perfekte Sinnfigur für Ultrakonservatismus, der überhaupt nichts Positives versprechen muss, sondern sich damit begnügt, sich rein negativistisch gegen Unheil zu stemmen. Doch theologisch ist die Figur total unschlüssig. Denn einerseits warten in der theologischen Konzeption alle sehnlich auf die Wiederkehr des Messias, haben aber zugleich Angst, dass sich der Antichrist als „falscher Messias“ verkleiden könnte (Peter Thiel hat Greta Thunberg in Verdacht), weshalb ein „Katechon“ („Aufhalter“) den apokalyptischen Endkampf zwischen den himmlischen Engelsscharen und dem Satan verzögen sollte. Der Katechon verzögert aber damit auch die Wiederkehr des Messias und damit das Himmelreich. Man ersehnt sich, dass er kommt, aber er soll sich ruhig noch Zeit lassen. Crazy irgendwie.

Freilich, logisch ist das Christentum sowieso nicht. Denn mit Jesus ist der Messias ja schon einmal da gewesen, und dennoch ist nicht alles gut. So hofft man, dass mit der Wiederkehr endlich die strahlenden Zeiten anbrechen würden. Aber zugleich heißt das ja, dass bei der erstmaligen Ankunft des Gottessohnes die Sache nicht so recht geklappt hat, man quasi seine Schlampereien korrigieren müsse. Gott ist halt doch auch ein wenig ein Pfuscher, ein stümpernder Klempner des Universums. Aber das hat er mit Peter Thiel gemein, der seine Gedankengebäude auch wie einen windschiefen Hühnerstall zusammengetackert hat.

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