Hallo,
es kra(c)ht in der AfD!
Entschuldige das Wortspiel.
Jedenfalls: Die AfD streitet. Nicht nur mit sich, sondern auch mit ihrem radikalisierten Vorfeld.
Im Zentrum der Attacken steht Maximilian Krah. Er hat wiederholt vor juristischen Konsequenzen gewarnt, sollte die AfD weiterhin offenlassen, ob mit dem rechtsextremen Kampfbegriff “Remigration” neben Menschen ohne Aufenthaltsrecht auch Deutsche mit Migrationsgeschichte gemeint sind - wenn sie sich nicht “assimiliert” hätten.
Krah plädiert für Ersteres, weil nur das im Rahmen des Grundgesetzes liege. Alles andere würden einem möglichen Parteiverbotsverfahren mehr Erfolgschancen verleihen.
Martin Sellner nun sieht in Krahs Aussagen nichts weniger als Verrat: Wenn die AfD auf “Remigration” verzichte, und sei auch nur auf den Begriff (wie es die Parteispitze zuletzt ja getan hat (Opens in a new window)), schade man sich mit diesem “völlig unprofessionellem” Verhalten selbst. Ähnliches klingt laut Tagesspiegel (Opens in a new window) auch aus dem Vorfeld der Partei.
Sellner geht sogar soweit, dass er mit “neuen Bewegungen und Konkurrenzparteien” droht, wenn die AfD auf sein “Remigrationskonzept” verzichten sollte.
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Auch Götz Kubitschek hat sich öffentlich gegen Krah gestellt - in einem Beitrag auf Sezession: “Krah hat eine Spaltung zwischen Partei und Vorfeld herbeigeredet” und die Debatte “zu einer Lagerentscheidung gemacht und sie an Personen gebunden: Er oder Sellner.”
Kubitschek senkt den Daumen über Krah, er verbannt dessen Buch aus seinem Verlag. Und dann macht er Krah zur Zielscheibe, indem er schreibt, dass dieser ein “Näheverhältnis zu einem staatlich aufgerüsteten Feind” habe - gemeint ist Correctiv. Die Rechercheplattform habe laut Kubitschek maßgeblich zur Vergiftung des “Remigrations-Begriffs” beigetragen.
Die AfD steht an einem Scheideweg: Bleibt sie bei der grundgesetzwidrigen “Remigration”, wie es die radikalen Teile der Partei fordern oder mäßigt sie sich. Die Frage stellt der Tagesspiegel auch Josef Holnburger (Opens in a new window), Geschäftsführer des Centers für Monitoring, Analyse und Strategie (Cemas).
Der sagt: “Wenn die Entwicklung der AfD seit ihrer Gründung etwas gezeigt hat, dann dass es zu keiner Zeit einen Moment der Mäßigung gab.” Wer für Deradikalisierung eintrete, werde vom Höcke-Flügel abgesägt. Und das wüssten auch die Parteichefs Alice Weidel und Tino Chrupalla.
Bleib achtsam und alles Liebe!

Um was geht’s?
Zum Einstieg einige Zitate aus den Protokollen der Reaktionen auf Reden im Bundestag:
“Lachen bei Abgeordneten der AfD.”
“Lachen bei der AfD.”
“Lachen der Abg. Tino Chrupalla [AfD] und Dr. Alice Weidel [AfD]).”
“Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN - Lachen bei der AfD.”
AfD-Abgeordnete lachen.
Und das sehr viel öfter als Politiker:innen anderer Fraktionen.
Woran das liegt und was sie damit bezwecken - darum geht’s heute.
🤣🤪Das “gute” Lachen und das Verlachen
Im Bundestag ist Lachen nicht gleich Lachen - das geht aus den Protokollen der Bundestagsreden hervor. Daraus stammen die Eingangszitate.
Die Protokolle werden von Stenograf:innen angefertigt. Sie schreiben jedes Wort, jede Rede mit und unterscheiden dabei, wann ein Lachen freundlich ist und wann nicht. Entsprechend wird das Lachen anders beschrieben. Das hat vor Jahren ein Stenograf der SZ erzählt. Im Interview erklärte er (Opens in a new window):
“Wenn Leute nach einem lustigen Satz des Redners lachen müssen, dann umschreiben wir das im Protokoll mit ‘Heiterkeit’. Dieser Begriff umschreibt seit jeher die Reaktion auf etwas Lustiges.”
Das sei das “gute” Lachen, wie es der Stenograf nennt. “Daneben verzeichnen wir im Protokoll das ‘Lachen’, das anders gemeint ist - eher abfällig, abwertend, verlachend.”
Neben “Heiterkeit” und “Lachen” halten Stenograf:innen weitere hörbare Reaktionen der Politiker:innen fest, wie beispielsweise Beifall oder Unruhe. Das alles gibt Aufschluss über die Stimmung im Bundestag.
Die vollständigen Protokolle der Sitzungstage werden mitunter tagesaktuell, in der Regel am Folgetag, online gestellt. Sie sind dann sprachlich geglättet, faktengeprüft und - wenn gewünscht - von den Abgeordneten, die die Reden gehalten haben, korrigiert.
Wegen des Umfangs und ihrer Präzision sind diese Plenarprotokolle (Opens in a new window) Gegenstand vieler Untersuchungen. Eine davon hat die FAZ im Mai veröffentlicht (Opens in a new window).
🤏Lachen als Waffe zur Erniedrigung der Anderen
Journalist:innen der Zeitung haben sich dafür aber nicht das Gesagte angeschaut, sondern sie wollten wissen: Wer lacht im Bundestag - und wie oft. Durchsucht haben sie dafür alle Protokolle des Jahres 2024 und dabei sämtliche Lacher gezählt - also die abfällige Reaktion. Für die Vergleichbarkeit haben sie noch einen “Lachquotienten” gebildet, alle Lacher einer Fraktion geteilt durch die Zahl der Abgeordneten.
Das Ergebnis: Die AfD lacht viel häufiger als die anderen.
Sie lacht sogar mehr als Union, SPD und Grüne zusammengerechnet - das sind die Fraktionen, die am zweit-, dritt- und vierthäufigsten im Bundestag Lachen.
Die AfD verfolgt damit, laut FAZ, eine “ernste Absicht”. Man wolle ausdrücken, was man “von anderen halte, wie indiskutabel, lachhaft und klein” man sie finde.
Dazu zitiert die FAZ auch Abgeordnete der AfD. Einer davon ist Stefan Keuter (Opens in a new window). Er sagt über das häufige Lachen: “Wir nutzen das als Stilmittel, wir lachen viel öfter als andere.” Das Lachen erfülle mehrere Funktionen. Es könne “sarkastisch, triumphierend, schadenfreudig und fassungslos” sein. Letztlich gehe es darum, “eine Stimmung zu schaffen”.
Das Lachen ist deshalb orchestriert. Dafür stellt die AfD laut FAZ Abgeordnete wie Keuter zum Vorklatschen und Vorlachen ab. Ihr Auftrag: Sie hören sich alle Reden der anderen Fraktionen an und lachen vor. Andere Abgeordnete, die gerade nicht zuhören, nehmen das Signal auf und lachen mit. So wird Lachen zum politischen Werkzeug.
Das macht die AfD seit Jahren. Auch die SZ hat im Jahr 2018 das protokollierte “Lachen” gezählt und gezeigt, dass mit der AfD “Lachen als Mittel der Distinktion, Selbsterhebung und Erniedrigung des Gegners” in den Bundestag eingezogen sei:
“Der politisch Andere, seine Argumente werden verlacht, lächerlich gemacht und die AfD setzt die Waffe ‘Lachen’ sehr viel häufiger ein als alle anderen Fraktionen.”
Die SZ hat den Artikel damals “Das gespaltene Parlament (Opens in a new window)” genannt, diese Spaltung zeige sich demnach schon am Lachen: Einerseits lacht die AfD über alle anderen Fraktionen und andererseits, wenn auch seltener, lachen alle anderen Fraktionen über die AfD. So gut wie nie lachten damals die demokratischen Parteien übereinander.
Fraglich, ob das so geblieben ist.
😀🤬 Radikalisierung durch gemeinsames Lachen
Das AfD-Lachen dient nicht nur dem Sarkasmus oder der Schadenfreude - also der Erniedrigung Anderer und Sich-über-diese-Erheben - es soll auch nach innen wirken.
Die FAZ beschreibt es einerseits so: “Das Lachen soll die Leute lockermachen, sie sollen ihre moralischen Bedenken ablegen.” Wenn man gemeinsam lache, wirke das enthemmend und plötzlich gehe “jeder Witz und jedes Verhalten ist in Ordnung”.
AfDler Stefan Keuter sagt dazu, dass es diesen typischen AfD-Humor gibt, der genau das bespielt. Der dient dazu, “etwas zu sagen, was eigentlich unsagbar ist und sonst der Sprachpolizei unterliegt.”
→ Das gemeinsame Lachen dient somit der Radikalisierung. Die FAZ schreibt: “Wer mitlacht, hat seine Normen ein Stück verschoben, kann aber, wenn er kritisiert wird, schnell sagen: War doch nur ein Scherz.”
💪Lachen als neurechtes Empowerment
Die FAZ beschreibt das Lachen der AfD als politisches Stilmittel, das gezielt zur Stimmungserzeugung eingesetzt wird. Doch was bedeutet dieses Lachen für diejenigen, die es hören - und für diejenigen, die es teilen?
Das hat der Politologe Florian Spissinger in seinem Buch “Die Gefühlsgemeinschaft der AfD” aufgeschrieben. Er hat einen eigenen Abschnitt zu “Spott und Gelächter” verfasst, weil Spissinger beides für prägend in der AfD-Bubble hält: “Was ich beobachten konnte, war eine eingespielte, fast schon ritualisierte, kollektive Belustigungspraxis.”
Diese Belustigungspraxis hat er auf Veranstaltungen der rechtsextremen Partei gefunden, wo keine Politiker:innen anderer Parteien anwesend waren. Dennoch wurden diese Politiker:innen und ihre “Mainstream”-Positionen beständig mit “zynischen oder spöttischen” Aussagen adressiert - worauf AfD-Sympathisant:innen “nicht selten schallend gelacht” hätten.
Das sind laut Spissinger “Trockenübungen für die versammelte ‘Widerstandsgemeinschaft’, die vor allem der kollektiven Selbstvergewisserung und des neurechten ‘Empowerments’ dienen”.
Das drückt sich auch in den Witzen aus, die oft implizit sind und Unausgesprochenes behandeln. Es reichen einzelne Begriffe oder isolierte Narrative - wie das des “zwölfjährigen Syrers mit Bart”. Mehr müssen AfDler nicht sagen, um Gelächter zu ernten.
Dahinter steht der rassistische Diskurs über unechte und schwindelnde Asylsuchende, die sich jünger machen oder nur so tun, als seien sie notleidend. Das wird aber nicht explizit ausgesprochen - die Eingeweihten ergänzen das in ihren Köpfen. So werden lachend und pauschal Asylsuchende zu Betrüger:innen gemacht und eigene - teils menschenfeindliche - Forderungen und Positionen gegen sie gerechtfertigt, weil Betrüger:innen natürlich keine Hilfe verdienen.
Ähnliche Aussagen sind, dass Asylsuchende immer (teure) Smartphones besäßen oder kurz vor der Grenze anfangen würden, zu stolpern. Auch damit wird geraunt, dass hier ein Notleiden nur vorgetäuscht wird. Wer darüber lacht, hat das Gemeinte längst verinnerlicht. Es ist das Lachen der Eingeweihten. Spissinger schreibt: “Die Belustigungspraxis setzt eine spezifische Vorbildung auf Seiten der Lachenden voraus.”
Dieses geteilte Vorwissen und die extrem rechten Überzeugungen dahinter werden mit jedem Lachen bestätigt und aktualisiert.
Das ist neurechtes Empowerment. In dessen Zentrum steht das Selbstbild der “aufgeklärten Widerstandsgemeinschaft”, die genau weiß, dass Geflüchtete alle betrügen, während “die Anderen” - das sind die vermeintlich Naiven, Desinformierten, die “Schlafschafe” - der links-woke ideologisch verblendete Mainstream also, die alle wollen das nicht sehen oder können es nicht sehen. Spissinger folgert daraus:
“Beim gemeinsamen Gelächter kann sich rechte Politik somit nicht bloß heiter und harmlos, sondern auch überlegen und clever anfühlen.”
😄😃Lachen für die Zugehörigkeit
Das gemeinsame Gelächter stärkt zuletzt auch das Wir-Gefühl, es markiert Zugehörigkeit, erzeugt Bestätigung. Spissinger versteht das kollektive Gelächter bei AfD-Veranstaltungen als eine Form von “Gefühls- und Identitätstraining”. Das bedeutet: Wer lacht, vergewissert sich emotional darüber, auf der “richtigen” Seite zu stehen - ideologisch wie moralisch. Das Lachen stabilisiert das Gefühl der Zugehörigkeit und bestätigt ein bestimmtes Selbstbild: aufgeklärt, mutig, widerständig.
Das Gefährliche, aus Sicht der Demokratie, liegt in der Selbstverständlichkeit des Lachens: “Wer sich bei AfD-Veranstaltungen in die affektive Praxis des Spotts einklinkt und loslacht, kann streng genommen gar nicht mehr ‘verführt’ werden”, schreibt Spissinger - weil das neurechte Denken und Fühlen längst verinnerlicht ist.
→ Das Gelächter der AfD im Bundestag ist vielleicht nur ein “Stilmittel”, wie manche Abgeordnete sagen. Das ändert sich, wenn man das Parlament verlässt. Im gemeinsamen Lachen mit Unterstützer:innen der Partei über andere festigen AfD-Politiker:innen die rechte Weltanschauung. Das Lachen emotionalisiert rechte Ideologie in etwas, das sich gut und sogar lustig anfühlt.
Und so könnten Aussage und Gegenrede zu diesem Thema aussehen:
Aussage:
“Wenn ich mir anhöre, was die da im Bundestag so reden - da kann man ja nur lachen. Gender-Sternchen, Toiletten für Diverse, die haben doch den Verstand verloren.”
Gegenrede:
“Ich verstehe, dass einem das fremd vorkommen kann. Aber darüber zu lachen, ist kein neutrales Gefühl - das ist politisch. Die AfD nutzt dieses Lachen, um Spaltung zu erzeugen: Wer lacht, fühlt sich den anderen überlegen - nicht weil es objektiv absurd ist, sondern weil das Lachen dazugehört zum Wir-Gefühl einer bestimmten Ideologie.”
Aussage:
“Das ist halt Humor - da muss man drüber lachen dürfen! Immer diese Sprachpolizei.”
Gegenrede:
“Lustig darf vieles sein - aber Humor ist nie harmlos. Die AfD nutzt Lachen, um Themen und Personen ins Lächerliche zu ziehen, damit sie nicht mehr ernst genommen werden. Das ist ein Trick: Wer mitlacht, stimmt zu. Das ist schleichende Radikalisierung.”