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Der Geist von Altona 93

Leere von Unkraut überwucherte Stehtraversen

Mit 2:1 (Opens in a new window) gewann Altona 93 sein erstes Heimspiel der Saison als Aufsteiger in der Regionalliga Nord gegen Eintracht Norderstedt. Knapp 3.000 Fans verfolgten die Partie an der Adolf-Jäger-Kampfbahn, seit dem Jahr 1908 bis auf wenige Ausnahmen Austragungsstätte der Heimspiele des Altonaer Fußballclubs. Doch es könnte die letzte Saison an der Griegstraße sein, laut eines 2007 geschlossenen Vertrags muss die “AJK” Ende 2026 geräumt sein, um Platz für Wohnungen zu schaffen.

Eine Entscheidung, die alle wehmütig stimmt, die es mit dem alten, ehrlichen Fußball halten. Und die dazu führt, dass die Zuschauerzahlen bei Altona 93 seit Jahren steigen, alle möchten noch möglichst oft Zeckenhügel, Meckerecke oder die brüchige Sitzplatztribüne genießen und den Spielstand von der selbstgebauten Holzanzeigentafel ablesen.

Selbstgebaute Anzeigentafel mit dem Spielstand 9:3

Wie es weitergeht, weiß oder sagt niemand genau. Der Baubeginn eines als Ersatz geplanten schicken kleinen Stadions an der Memellandallee steht in den Sternen – so gibt es immerhin vage Hoffnungen, dass vielleicht doch noch die eine oder andere Saison an der altehrwürdigen Adolf-Jäger-Kampfbahn gespielt werden kann. Der Namensgeber (Opens in a new window) der Sportstätte hat dazu ganz eigene Gedanken (folgender Text erschien in ähnlicher Form bereits im Fanzine “All-to-nah”):

Der Geist von Adolf Jäger

Früher war hier mehr los. An Spieltagen strömten die Anhänger an den alten Kassenhäuschen vorbei, die nun verlassen und zugewuchert sind. Altona 93 wollten sie sehen. Sie zahlten ein paar Mark und dann drängelten sie sich rund um den Platz. Was für ein Bild. Ach, das ist nun auch schon wieder einige Jahrzehnte her.

Fußball gibt es hier aber immer noch. Und es kommen auch wieder mehr Zuschauer, ich mag die. Ab und zu singen und schreien sie laut. Ich erschrecke mich dann immer ein wenig. Die meisten tragen schwarze Kleidung. Vielleicht sind sie traurig.

Traurig, weil es diesen alten Eingang zur Kampfbahn nicht mehr gibt. Ach, ich finde das ja gut. Denn so habe ich meine Ruhe – im alten Kassenhäuschen. Hier habe ich es mir richtig bequem gemacht. Ich bin ungestört, viel Natur, doch immer noch nah dran am Geschehen. Und viel Zeit, an früher zu denken. Was braucht man in meinem Alter mehr?

Doch nachts bin ich oft unterwegs. Schreite die alten Stehtraversen ab, setze mich auf die Tribüne. Bei Vollmond lege ich mich manchmal sogar mitten auf den Rasen. Neuerdings gibt es hier eine Lounge mit Sofas. Die sind bequem, doch ich fürchte immer, auf ihnen einzuschlafen. Und dann findet mich morgens jemand. Nein, das möchte ich lieber nicht riskieren.

Ich vermisse einen Freund. Bei den Spielen kam er oft in meine Nähe und versorgte mich mit Zwischenständen. Nein, nicht vom Altona-Spiel. Mit seinem kleinen Kofferradio war er immer über das Geschehen auf den anderen Plätzen informiert. St. Pauli, HSV, unsere ganzen alten Gegner. Er wusste alle Ergebnisse. Ich habe ihn lange nicht mehr gesehen. Schade.

Ab und zu bekomme ich trotzdem Besuch. Meistens in der Halbzeit oder nach dem Spiel. Kleine Gruppen werden dann durch das Gestrüpp an mein Häuschen geführt. Die Leute sprechen oft komisch. Dialekt aus Süddeutschland. Und manchmal auch englisch. Sie sind meistens total begeistert. Dabei sieht es hier doch schrecklich unordentlich aus.

Also, mir ist das ziemlich peinlich mit dem ganzen Unkraut. Ich ziehe mich dann immer in die hinterste Ecke zurück. Neulich hat einer dieser Besucher Bier verschüttet. Mitten in meine gute Stube. Oh, war das herrlich. Da hatte sich eine Menge Durst bei mir angesammelt nach all den Jahren. Also, der Mensch kann gerne mal wieder vorbei kommen.

Doch mein Idyll ist in Gefahr. Häuser wollen sie hier bauen. Mitten auf meiner Kampfbahn. Was soll dann werden aus meinen nächtlichen Ausflügen? Bei Vollmond im Gemüsebeet liegen? Das hinterlässt Spuren. Nachts alte Spielszenen nachstellen? Nein, das geht nicht leise. Ach, bei dem Gedanken wird mir ganz anders. Wer kommt bloß auf solche Ideen?

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