
Als ich im Mai 2021 anfing, als Texterin im Marketing zu arbeiten, hätte ich nie gedacht, dass bereits 18 Monate später ein technologischer Sprung die Grundlage meiner Selbstständigkeit zerstören sollte. Ich hatte gerade erst angefangen, als freie Texterin Fuß zu fassen, da bröckelte bereits die Zahlungsbereitschaft meiner Kunden. Texte konnte man nun einfach mit einem Klick erwerben. Warum sollte man mir dafür noch teure Arbeitsstunden bezahlen?
Ich habe nicht sofort verstanden, wie tiefgreifend diese Veränderung war. Wenn es einen Hype gibt, bin ich eher skeptisch. Wenn alle sich auf eine Technologie stürzen, trete ich einen Schritt zurück. Ich versuche, das Gesamtbild zu verstehen, bevor ich mich selbst darin verstricke.
Als Texterin stand ich vor der Wahl: Mich zur KI-Marketing-Expertin weiterentwickeln – oder aussteigen. Ich stieg aus. Weil ich mir nicht vorstellen konnte, nur noch eine Maschine zu bedienen, statt selbst zu schreiben.
Ich denke heute, so ähnlich muss es sich für all die Gewerke angefühlt haben, als die Industrialisierung mit ihren Fabriken und Fließbändern einsetzte. Für die Weber, die ihre Lebensgrundlage verloren und nun in Fabriken Knöpfe drückten. Knöpfe von Maschinen, die Stoffe nicht unbedingt besser, aber schneller und billiger webten.
Was wir gerade erleben, ist eine neue Art der Industrialisierung. Genauso tiefgreifend und irreversibel. Und dieses Mal hat es mein Gewerk getroffen – und das von vielen Menschen, die jegliche Art von Kopfarbeit leisten.
Ich muss gestehen, dass ich darauf nicht vorbereitet war. Ich bin studiert, ich bin intelligent. Ich war mir sicher, dass ich beruflich niemals in einer Fabrik würde stehen müssen. Nun, ich muss nicht in die Fabrik, aber die Fabrik ist in meinem Mac. Wenn ich mit Texten Geld verdienen will, kann ich das tun. Ich muss nur anfangen, die KI zu bedienen. Mich ans Fließband zu stellen und Knöpfe zu drücken.
Das ist schmerzhaft, aber noch viel schmerzhafter ist etwas anderes:
Die technologischen Errungenschaften der KI fußen auf Reichtümern, die ihr nicht gehören. Ausnahmslos alle KI-Modelle wurden mit den kreativen Erzeugnissen von Menschen gefüttert, die dafür nicht entlohnt wurden. Es gab eine Zeit, da führte Meta Gespräche mit Verlagen, um eine mögliche Lizenzierung von Büchern zum Training der KI zu prüfen.
Daraus ist offensichtlich nichts geworden. Und doch wurden all die Bücher zum Training der KI verwendet. Illegal. Unlizenziert.
Dass die KI heute so treffend formulieren kann, liegt daran, dass sie mit den Werken unzähliger Kreativer gespeist wurde. Unzähliger Autorinnen und Autoren, die noch jedes Wort per Hand aufs Papier setzten oder Buchstabe für Buchstabe in den Rechner tippten.
Und nun verlieren all diese Menschen ihre Jobs. Die Gewinne, die die KI-Modelle erwirtschaften, fließen vollständig in die Taschen anderer. Kreative sehen davon keinen Cent, im Gegenteil. Sie geraten mit ihrer Kreativität weiter unter Druck. Und das ist auch der Ort, an dem ich stehe.
Ich frage mich heute: Gibt es eine Zukunft für Menschen wie mich? Eine Zukunft für Menschen, die schreiben, für Menschen, die malen, zeichnen? Doch Kreativität ist so viel mehr als schreiben, malen, zeichnen. Es geht gar nicht um die Wörter, den Text, das Bild, das entsteht. Kreativität ist eine menschliche Fähigkeit, eine Kraft, eine Energiequelle, die vieles hervorbringt. Für mich ist sie wie die Luft zum Atmen.
Und ich muss auch während der Arbeit atmen.
Ich kann mir eine Arbeit, bei der ich nicht kreativ sein darf, nicht vorstellen.
Ich möchte sie mir nicht vorstellen.
Ich möchte mir Kreativität nicht leisten wie eine Luxushandtasche.
Meine Kreativität ist Arbeit. Erfüllende Arbeit.
Und die Ergebnisse dieser Arbeit sind ebenfalls wertvoll. Für mich, für andere.
Und in diesen Worten deutet sich mir eine Erkenntnis an: Mir geht es in der Kunst, im Schreiben um Verbindung. Nicht um den Text, das Buch. Sondern um echte Erfahrungen. Um Austausch. Um Begegnung. Als Menschen.
Ich glaube, die gegenwärtige Zeit ist eine Chance, uns das wieder bewusst zu machen. Worum es eigentlich geht. Wollen wir wirklich einfach Texte und Bilder produzieren – oder wollen wir uns begegnen?
Ich möchte Begegnung. Ich möchte Echtheit. Ich möchte Verbundenheit.
Darum wirst du in diesem Newsletter auch immer nur meine echte Stimme hören. Meine Gedanken, meine Worte.
Eine KI kann das nicht wiedergeben. Was ich fühle, was ich denke, was ich erlebe.
Aber ich kann das. Und ich erzähle dir davon, weil ich dich daran erinnern möchte, dass es – egal wie hightech die Welt um uns herum erscheint – in uns immer noch etwas Menschliches gibt. Einen Kern, der unantastbar ist und den wir alle teilen. Eine Tiefe jenseits aller Technologie. Das kann uns niemand nehmen.
Alles Liebe
Miriam
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