Lieber nur im Sale kaufen.

Wie immer gelten zwei Dinge:
Wenn dir das Buch gefällt, soll dich nichts davon abbringen es zu mögen, auch nicht dieser Text.
Es gibt Spoiler.
Diese Ausgabe hören:
Nach achtjähriger Pause erschien 2025 mit The Secret of Secrets ein neuer Robert-Langdon-Roman von Dan Brown. Dieses Mal verschlägt es den Symbolwissenschaftler nach Prag, wo seine Kollegin Katherine Solomon einen Vortrag zu ihrer Forschung in der Noetik hält. Nachdem sie darin ihre bahnbrechenden Erkenntnisse über das menschliche Bewusstsein andeutet, verschwindet sie.
Bis hierhin klingt alles nach dem Dan Brown, den wir in nostalgischer Erinnerung haben und erwarten. Leider lesen sich die 800 Seiten wie eine endlose, besserwisserische Aneinanderreihung von Fun Facts, die Brown in den letzten acht Jahren gesammelt hat.
Schon Ende dieses Monats erscheint die neue Ausgabe Debuff! Das ist das Online-Spielemagazin, das ich mich Daniel Ziegener und Florian Zandt gegründet habe.
Im aktuellen Newsletter für Mitglieder schrieb ich über das, was Leser:innen erwartet und die Struggle, die wir in den letzten Wochen damit hatten. Hier nochmal Ausgabe 1 nachlesen:
https://www.debuff.de/ (Opens in a new window)Für Mitglieder dieses Mini-Newsletters
verschickte ich diesen Monat 18 Mini-Rezensionen zu Büchern, die ich letztes Jahr gelesen habe. Horror, Sachbuch, Krimi, Fantasy, Novelle, Comic — alles dabei.
https://steady.page/de/chrissikills/posts/1818de15-e595-40a1-aa21-bd0d8184ff70 (Opens in a new window)Die Thriller-Formel
Dabei fängt alles vielversprechend an. Dan Brown weiß, wie ein Roman aufgebaut ist, wie man Spannung erzeugt und Expositionen schreibt. Die Formel dafür lautet wie folgt: Unvorstellbare Grausamkeiten und Geheimnisse müssen angeteasert werden. Eine Spur von Gewalt liegt in der Luft, aber nur ein zarter Hauch. Dann passiert ein Verbrechen, in diesem Fall das Verschwinden von Katherine Solomon. Von Anfang an wird angedeutet, dass zwischen ihr und Robert Langdon eine romantische Beziehung entstanden ist. Das sorgt für Fallhöhe; etwas steht auf dem Spiel. Das ist für den Protagonisten Motivation zu handeln und für uns Motivation zu lesen.
Dann wird ein unmittelbarer Gegner inszeniert. In diesem Fall, wie schon in Sakrileg, ist er ein Bauernopfer in einer größeren Intrige und unterliegt einer Illusion, die ihn unberechenbar wirken lässt. Er nennt sich Golem und sieht sich als Nachfolger der Prager Legende aus dem 16. Jahrhundert (Opens in a new window).
Eine gute Exposition ist eine, bei der man gar nicht merkt, wo sie anfängt und wo sie aufhört. Das ist auch hier der Fall. Ehe man sich versieht, startet die Action, die Ereignisse überschlagen sich. Es bleibt keine Zeit Luft zu holen, wir folgen Langdon in seiner Hast und Not.
Dieser wird von einer Situation in die nächste katapultiert, ohne dass er in den meisten Fällen dazu beiträgt. Dadurch fühlt sich ein Großteil des Plots weniger nach der Schnitzeljagd an, die man von einem Robert-Langdon-Roman erwarten würde, als nach einer Verfolgungsjagd. Wobei weniger Langdon die Entführer jagt als die ihn.
Alle mächtigen Menschen, die in dem Roman vorkommen, scheinen Teil der Verschwörung zu sein, was das Unterfangen des Protagonisten auf den ersten Blick aussichtslos erscheinen lässt. Dadurch wirkt das (in einem Dan-Brown-Roman unausweichliche) Überleben von Langdon und dessen Auflösung der Intrige noch großartiger. Denn es gilt die Faustregel: je größer die Hürde, desto größer das Aufatmen am Ende.
Textbuch
Wir erleben nicht nur Langdons Perspektive, sondern auch die diverser Nebencharaktere. Allen ist hier und da ein eigenes Kapitel gewidmet. Es sind eindimensionale Charaktere mit einfacher Motivation. Da wäre der Hauptmann, der Rache üben will, die eifersüchtige Pressesprecherin, die Laborassistentin, eine Botschafterin, ein Rechtsattaché, ein Lektor... Das sorgt einerseits für ein Gefühl von Komplexität und andererseits für ein Gefühl von Übersicht innerhalb dieser Komplexität. Es sind viele Figuren beteiligt, das verleiht dem Komplott eine gewisse Grandeur, aber wir Leser:innen können dabei den Überblick behalten, eben weil ihre Motivationen vergleichsweise überschaubar sind.
Dass wir ihre Geschichten aus unmittelbarer Perspektive erleben, erfüllt noch einen weiteren Zweck: Wir sind unausweichlich an ihrem Überleben interessiert, zumal die dazugehörigen Schicksale kaum dramatischer sein könnten. Wenn solche Charaktere gar sterben sollten, vermittelt das den Eindruck, dass nicht einmal Hauptfiguren sicher sind.
Selbst Gegenspieler erhalten ihre eigenen Kapitel, was es noch schwieriger macht, herauszufinden, wer auf welcher Seite steht. Und: Diese fragmentierte Erzählung sorgt dafür, dass jeder Abschnitt mit einem Cliffhanger enden kann. So endet ein Kapitel sinngemäß mit: “Sie sagte ihm sechs Worte. Diese Worte sollten alles verändern”.
Neben dem Cliffhanger zählt der red herring zu den Klassikern der Spannungsmache. In diesem Fall ist es der Golem, der uns in seinem Kapitel erklärt, dass er eine Frau beschützen will. Zu diesem Zeitpunkt kennen wir nur eine Frau, die relevant für die Erzählung ist, und gehen deshalb davon aus, dass sie gemeint ist — ist sie aber nicht.
Red herrings führen bewusst in die Irre. Wie das Läuten der Kirchenglocken, das Langdon als „traurig“ bezeichnet, nachdem er ins Hotel zurückkehrt und Katherine Solomon verschwunden ist. Gerade erlebte er, wie ihr Traum Wirklichkeit zu werden schien und interpretiert das traurige Läuten als Omen. Oder zumindest wird uns das suggeriert. Wir sollen nicht nur miträtseln, sondern auch entscheiden, ob die Hinweise, die uns gegeben werden, wahrhaftig sind. Ob die offensichtliche Wahrheit tatsächlich wahr ist.
„Miträtseln“ ist bei solchen Romanen das Stichwort. Wir kennen dank der Perspektivwechsel zwischen den Kapiteln das “Wer” und das “Wie”. Nur das “Warum” entzieht sich (theoretisch) unserer Kenntnis. Das hat der Protagonist uns voraus, spielt mehrmals darauf an, gibt vage Hinweise, erlöst uns aber erst ganz zum Schluss. Bis dahin sollen wir die Puzzleteile verbinden und vorausahnen, was selbst der Protagonist nicht weiß, nämlich wie die Geschichte am Ende ausgeht.
Das ist alles Textbuch. Selbst Subversion und Wendungen sind in diesem Roman Textbuch. Der ITler zum Beispiel, der nachts unvermittelt im Büro des Lektors steht und sagt, sie seien gehackt worden und er müsse da nochmal was auf dem PC des Lektors prüfen, soll nach mühsam aufgebauter, unheilvoller Atmosphäre als Bedrohung wahrgenommen werden. Der Effekt ist schnell durchschaubar.
Dieses Textbuch-Format hat also einen Vorteil und einen gravierenden Nachteil. Der Vorteil ist, dass es grundsätzlich funktioniert. Der Nachteil ist, dass die Erzählung vorhersehbar wird, sobald man einen Blick hinter den Vorhang wagt und realisiert, wie sehr Brown an dem Skelett hängt. Wer zum Beispiel diese mächtige Organisation ist, die hinter allem steckt, ist klar, noch bevor sie in Buchstaben auf dem Blatt erscheint. Auflösungen werden zu Formalitäten. Es ist eben ein sehr schmaler Grat zwischen bewusst verzögerter Auflösung, um den Leser:innen die Genugtuung der vermeintlich frühzeitigen Erkenntnis zu lassen und vorhersagbaren Ereignissen, die dann, wenn sie endlich pompös enthüllt werden und einen Schockeffekt erzielen wollen, schlicht langweilig sind.
Zwischen X-Faktor und Wikipedia
Zum Miträtsel-Teil eines Robert-Langdon-Romans zählt in der Regel auch die Dechiffrierung irgendwelcher Rollen, Inschriften oder letzten Worte. Das Wissen des Professors über Symbole und religiöse Ikonologie hilft ihm dabei selbst jahrhundertealte Rätsel zu lösen. Die Lösung des ersten und letzten Rätsels dieser Art lesen wir in The Secret of Secrets auf Seite 149. Die Lösung wird gleich drei Mal erklärt – The Secret of Secrets scheint wenig Vertrauen in seine Leserschaft zu haben.
Oder in sich selbst. Denn der Roman besteht nicht etwa nur aus Verfolgungs- oder Schnitzeljagden, einem Rätsel und Charakterisierungen. Nein, mitunter wird er zur X-Factor-Folge. In der Mystery-Sendung ging es um rätselhafte Begebenheiten, die am Ende von Jonathan Frakes „aufgelöst“ wurden. Genau von solchen Geschichten erfahren wir hier, denn die Forschungsergebnisse von Solomon bewegen sich an dieser Grenze zwischen Realität und gefühlter Realität.
Sie fragt: Wo ist unser Bewusstsein und was, wenn es nicht in unserem Gehirn stattfindet? Was, wenn es gar ein kollektives Bewusstsein gebe? Als Indiz dafür nennt sie paranormale Geschehnisse, die von der Wissenschaft bislang nicht erklärt werden können. Wie könne es sein, dass Morgan Robertson schon 1898 einen Roman über ein Schiff namens Titan verfasste, das im Nordatlantik nach einem Zusammenstoß mit einem Eisberg sinkt, 14 Jahre vor dem Untergang der Titanic?
Solomon (oder Brown?) begeht hier einen klassischen Fehler der wissenschaftlichen Arbeit: cherry picking. Sie nimmt nur die Ergebnisse an, die ihre eigene These unterstützen und ignoriert dabei alles, was sie widerlegen könnte. Dass zum Beispiel die Unterschiede zwischen der Titan und der Titanic die Gemeinsamkeiten überwiegen. Oder dass bereits 1880 ein Dampfschiff namens Titania nach einer Kollision mit einem Eisberg im Nordatlantik sank, wie so viele Schiffe zu dieser Zeit. Von solchen haltlosen Beispielen gibt es in diesem Roman zahlreiche.
Um dem mehr Gehalt zu verschaffen, ist das Buch zusätzlich gespickt mit „Fakten“. Als hätte Brown lieber ein Sachbuch geschrieben. Anders kann ich mir nicht erklären, wieso ich einen Wikipedia-Artikel nach dem anderen lesen muss und ein Großteil der Seiten darauf verwendet wird, die neue Theorie zu erklären. Diese vermeintlich neurowissenschaftlichen Erkenntnisse, die die kunstgeschichtlichen Ausführungen und Anagramm-Entschlüsselungen aus Sakrileg oder Illuminati ersetzen, machen den Roman einerseits unerträglich nerdig und versuchen ihm andererseits einen relevanten Anstrich zu verleihen.
Es kommt der Verdacht auf, Brown hätte sich von Longevity inspirieren lassen. Ist es tatsächlich Forschung, ist es ein Trend? Es ist zumindest eine Bewegung, in die Peter Thiel (Palantir) oder Sam Altman (OpenAI, ChatGPT) massiv investieren (Opens in a new window) und die Bryan Johnson so unerbittlich an sich selbst testet (Opens in a new window), dass er täglich mehr als 50 Tabletten schlucken und sich Bluttransfusionen unterziehen soll. Sein Ziel: nicht zu sterben. Da fragt man sich, was für Menschen schlimmer ist: Alt zu werden oder nicht alles zu beherrschen. Katherine Solomons Theorie hat denselben Anstrich von Größenwahn und Aktualität.
Problematisch
Ihre Theorie, die das ganze Abenteuer überhaupt ins Rollen bringt, soll, ähnlich wie Charles Darwins On the Origin of Species ein Paradigmenwechsel sein. Sie bietet alternative Fakten für eine ganze Reihe an Phänomenen: Angefangen bei Visionen, wie oben beschrieben. Oder wenn Menschen plötzlich etwas sehr gut können, das sie vorher gar nicht konnten, eidetisches Gedächtnis oder Autismus. Ihr lest richtig.
Teil der Theorie ist die Annahme, dass das Gedächtnis wie ein Cloud-Speicher funktioniert. Auf dem Weg zu diesem Vergleich wird ungelenk mit Fachbegriffen um sich geworfen und es wirkt ein wenig so, als hätte Brown sich zu viel mit moderner Technologie befasst, sie nicht richtig verstanden und dann versucht eine neue Theorie über das Bewusstsein zu formen.
Ich kenne mich mit „nanoelektrischen Biofilamenten“ und „Supraleitenden magnetischen Energiespeichern“ nicht aus. Zumindest die Behauptungen über Gamma-Aminobuttersäure aus dem Buch widerlegt dieser Artikel aus Psychology Today (Opens in a new window).
Das eigentliche Problem ist gar nicht die Theorie an sich, sondern dass sich das Buch dabei so ernst nimmt. So lautet das Vorwort: „Fakt: […] Alle Experimente, Technologien und wissenschaftlichen Erkenntnisse sind der Wirklichkeit entnommen. […]“. Zwischen Erklärungen, was VR ist und welche Experimente mit Gehirnimplantaten es bereits gibt, werden namentlich Firmen wie BlackRock und Neuralink genannt und deren Arbeit als Zukunft angepriesen. Am Ende wird auch noch der Imperialismus heraufbeschworen und Charaktere argumentieren, dass der militärische Einsatz von wissenschaftlichen Erkenntnissen notwendig für die eigene Sicherheit sei. Ein durch und durch amerikanischer Ansatz, der davon ausgeht, dass ausschließlich amerikanisches Leben und amerikanische Werte schützenswert seien.
Es geht neben der Theorie um das Bewusstsein um Fragen, für deren Diskussion dieser Roman 20 Jahre zu spät ist. Um doch noch die relevante Kurve zu kratzen, geht es schließlich um Terror-Management im Gehirn und Mortalitätssalienz, was tatsächlich so erwähnt wird. Denn letztendlich ist das gesamte Buch ein Namedropping von Fachbegriffen, an denen sich eine schwache Geschichte entlanghangelt.
Janick Nolting fasst die Misere gut zusammen (Opens in a new window): Es soll ein kurzweiliger Thriller sein, der irgendwie einen Wissensvorsprung suggeriert. Man soll sich danach schlauer fühlen. Wo Fiktion beginnt und Fakten enden, ist dabei nie eindeutig, was das Buch, zumindest in meinen Augen, problematisch macht. Denn niemand überprüft beim Lesen alle Fakten, mit denen die Leser:innen dieses Romans bombardiert werden. Verschwörungserzählungen und an Nationalismus grenzende Lobreden auf die Arbeit von Geheimdiensten werden hier mit medizinischen Begriffen und literarischem Werkzeug verwoben.
Robert „Es gibt da ein Lateinisches Sprichwort, mit dem ich dir das nochmal mansplainen kann“ Langdon
Dem Roman tun diese pseudowissenschaftlichen Ausschweifungen in zweierlei Hinsicht nicht gut. Erstens macht es keinen Spaß sie zu lesen. Zweitens wird der Protagonist zum Besserwisser und verharrt in einer Passivität, in der er zwar Fakten nennt, aber nicht handelt.
Als es darum geht, wie mit der Frau zu verfahren ist, die gleichzeitig Opfer und Täterin ist, die Beweise hat und gleichzeitig hilflos ist, treten andere Figuren schon in Aktion, während Langdon darüber sinniert, das Dilemma mit Apollo und Dionysus vergleicht. Er intellektualisiert die Situation, anstatt zur Lösung beizutragen oder anders ausgedrückt: er schwafelt und macht nichts. Das macht den Professor entbehrlich.
Um es noch schlimmer zu machen, ist The Secret of Secrets auch ein Boomer-Roman. Langdon kann nicht anders, als mit einem Seitenhieb auf „unsere neue Realität“ Menschen zu kritisieren, die für Instagram posieren. Die die Realität ignorierten, wie er sagt. Nichts schreit mehr Boomer als jemand, der nicht versteht, dass auch das Internet Teil der Realität ist. Langdon sagt, er verabscheue das implizierte Drängeln, das Textnachrichten mit sich brächten und bevorzuge deshalb E-Mail. Er macht sich darüber lustig, dass ein Influencer-Paar auf einem Turm Fotos für Social Media macht und kommentiert, dass der Wunsch nach Berühmtheit eigentlich nur beweise, dass wir alle Angst vor dem Tod, dem Sterben und Vergessenwerden hätten. Und lasst mich gar nicht erst davon erzählen, was er über Halo denkt.
Dan Brown liebt seine Hauptfigur – und das ist ein Problem. Denn Robert Langdon ist nahezu unfehlbar. Er stolpert hin und wieder, wenn es dramaturgisch sinnvoll ist, aber mehr als einmal wird erwähnt, wie athletisch (an einer Stelle wird explizit auf seine definierten Bauchmuskeln hingewiesen), intelligent, beliebt und erfolgreich er ist. Und er hat immer Recht. Niemand mag Leute, die immer Recht haben.
Jetzt könnte man meinen, dass seine Besessenheit von Rationalität die Schwachstelle ist, die ihn nahbar machen soll. Das Buch scheint da anderer Meinung zu sein. Immer wieder wird betont, wie logisch seine Schlussfolgerungen seien. Auf jede Frage hat er eine Antwort. Jedem Satz seiner Mitmenschen hat er zwei hinzuzufügen. Und dieses Besserwissertum macht selbst vor seinen inneren Monologen keinen Halt: Als er in einem Spiegelkabinett vor seinem Verfolger flieht, erklärt er, dass Rechtshänder statistisch gesehen den rechten Weg in einem Labyrinth nehmen würden, was Labyrinth-Bauer wüssten, weshalb der linke Weg hinausführe, wenn man ihm lange genug folge.
Wieder ist es ein schmaler Grat, in diesem Fall zwischen unterhaltsamen Fun Facts, die Teil der Charakterisierung sind, und nerviger Klugscheißerei, den Brown auf der falschen Seite überschreitet. Wenn der Professor bemerkt, dass fälschlicherweise der Hermesstab verwendet wird, obwohl doch der Äskulapstab das korrekte Symbol für Medizin ist, soll das seine weitreichende Kenntnis von Symbolen demonstrieren, lässt ihn aber – vor allem in der Masse solcher Anmerkungen – kleinlich und arrogant wirken.
Eine der unangenehmsten Eigenschaften, die ein Mensch haben kann, ist, dass er zuerst davon ausgeht, dass andere einen Fehler gemacht haben, bevor er alle anderen Möglichkeiten und vor allem die des eigenen Fehlers in Betracht zieht. Robert Langdon ist genau dieser Mensch, der sich erst ganz am Ende vorstellen kann, dass jemand etwas weiß, von dem er keine Ahnung hat.
Als er im inneren Monolog die sunk cost fallacy erklärt, denke ich mir, dass ich zwar gar keine Lust mehr habe, aber schon zu viele Seiten gelesen habe, um jetzt aufzuhören. Und ich dachte, das lateinische Sprichwort, das er zu einer Diskussion mit Solomon beiträgt, hätte mir den Rest gegeben, aber ich sollte eines besseren belehrt werden.
In einer der Rückblenden sitzen Langdon und Solomon mit ihrem Lektor beim Essen, verhandeln Katherines neues Buch. Sie versucht vereinfacht zu erklären, worum es geht, der Lektor ist dennoch verwirrt und Robert wirft ein, er solle froh sein: “Sie könnte das Mittagessen ruinieren, indem sie versucht, das triadisch dimensionale vortikale [Google sagt, es heißt “vertikale”] Paradigma zu erklären.” Sie kontert, dass ein Mann seines Intellekts in der Lage sein müsse, “eine neundimensionale quantisierte volumetrische Realität zu verstehen, die in ein unendliches Kontinuum eingebettet ist”.
Ich bitte dich.
Ich mag nicht mehr
Auch Langdons Partnerin muss intelligent und erfolgreich sein. Aber sie ist trotzdem nur eine Frau, deshalb sind Sätze wie “sie war zwar vier Jahre älter als Langdon, aber immer noch schön” obligatorisch. Denn 1. hat eine Protagonistin schön zu sein und 2. macht es sie besonders, dass sich bei ihr, im Gegensatz zu allen anderen Frauen auf der Welt, Alter und Schönheit nicht ausschließen.
Katherine soll Roberts Ausgleich sein. Sie widerspricht ihm, wenn er über Instagram lästert. Gleichzeitig ist auch Teil ihrer Persönlichkeit, dass sie nie eine irrationale Behauptung aufgestellt hat – etwas, das Langdon so an ihr liebt. Sie ist anders als alle anderen Frauen, die er kennt (Opens in a new window). Hier wird deutlich: Sie ist eine Erweiterung Langdons, eine Illusion.
Die Fassade zerfällt spätestens dann, wenn Langdon ihr erklärt, wie Verschwiegenheitserklärungen funktionieren. Einer Frau von Welt, die führend auf ihrem Gebiet ist. Denn scheinbar gilt auch 2025 noch: Frauen, egal, wie kompetent sie sind, wie intelligent und mächtig, werden im Laufe einer Geschichte zu einer Jungfrau in Nöten, die von einem männlichen Charakter beschützt werden muss.
Und dann erwidert Langdon nicht mal, das „Ich liebe dich“. Nichtig, könnte man meinen. Aber im Zusammenhang mit all den anderen Dialogen wird hier noch mal deutlich, wie überlegen er sein soll, dass er sich nicht seinen Emotionen oder spontanen Gefühlen hingibt. Es kommt noch dicker. Am Ende dankt sie ihm und nicht umgekehrt, obwohl sie die Wissenschaftlerin ist, die alles erkannt hat und er nur dabei war. Dieses vollkommen unbegründete Machtungleichgewicht wird verstärkt, ach, was sage ich, einbetoniert, durch die Tatsache, dass Langdon Solomons Arbeit den Titel gibt. Denselben Titel wie dieser Roman: The Secret of Secrets.
Das Ergebnis all dieser Kleinigkeiten, die sich zu einem großen Augenrollen summieren, ist ein Protagonist, der unsympathischer nicht sein könnte. Wobei man sich fragen muss, ob es nur der Protagonist oder nicht doch das ganze Buch ist.
Eine Frage des Erwartungsmanagements
Die gedachte Zielgruppe von The Secret of Secrets sind Menschen, die sich clever fühlen wollen. Die, wenn das geozentrische Weltbild erwähnt wird, wissen, was das ist. Die ein Bild vor Augen haben, wenn die Felsgrottenmadonna erwähnt wird.
Die tatsächliche Zielgruppe sind Menschen, die sich clever fühlen und ein Abenteuer voller Rätsel und Intrigen erleben wollen. Leider unternimmt der Roman alles Mögliche, um seinen Leser:innen keinen der beiden Wünsche zu erfüllen. Rätsel sind auf ein Minimum (1) begrenzt und die Intrigen gehen in langatmigen Schwafeleien unter, die man fast nicht gewillt ist zu ertragen, um wieder zum spannenden Teil des Buches zu gelangen.
Die besserwisserische Art der Hauptfigur ist geradezu beleidigend. Die pseudowissenschaftliche Theorie knüpft an Verschwörungserzählungen an, um ihre provokante und kontroverse Natur zu unterstreichen und reiht sich damit direkt in eben diese ein. Der Roman versucht sich mit Bezügen auf tatsächlich existierende Bücher, egal ob Sachbuch oder Fiktion, in unserer Welt zu verorten und damit einen Hauch von Legitimation zu erlangen. Dabei weiß er scheinbar nicht, ob er eine billige Black-Mirror-Dystopie oder Sachbuch sein will.
Das Liebäugeln mit der Idee von etwas Nicht-Fiktivem (Opens in a new window), also der Idee, dass da eine tiefere Wahrheit ist, die darauf wartet erschlossen zu werden, macht die Robert-Langdon-Romane aus. Mit The Secret of Secrets schießt Brown aber den Vogel ab.
Für casual reading okay.
2/10.
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Christina
Introsong: Keep it Down von Untimely Dosage via Free Music Archive, CC BY 4.0 DEED (Opens in a new window)
Jingle: Booth von Jesse Spillane via Free Music Archive, CC BY 4.0 DEED (Opens in a new window)