
Kann gut sein, was alle gut finden? "Hundesohn" von Ozan Zakariya Keskinkılıç scheint so ein Buch zu sein. Alle Kritiker*innen können sich darauf einigen und sind begeistert, Aspekte verleiht dem Autoren einen Preis (Öffnet in neuem Fenster). Ich frage mich ja, ob das Buch das verdient hat. Also, nicht Preise, die hat es definitiv verdient. Es ist fraglos preiswürdig, sollte gelesen werden und ist wichtig. Aber ob es nicht zu gut, zu sperrig, zu widerständig ist, um nun als so eine Art Konsensroman im Literaturgeschäft gefeiert zu werden, ohne dass die Rezensenten stolpern - während manche seiner Inhalte nicht ausreichend Würdigung erfahren.
Woher kommt diese einhellige Begeisterung bei einem Buch, das mit Filzläusen beginnt, über das Lutschen von Schwänzen vor dem Moscheebesuch erzählt, Promiskuität zugleich zelebriert als auch die damit einhergehende Leere in all den geschilderten Grindr-Dates; das dabei beinahe auf der Flucht vor Wirklichkeit in die Wiederverzauberung der Welt sich begibt und zugleich Seite um Seite der deutschen Mehrheitsgesellschaft auf die Glocke gibt, und das völlig zu recht? Obwohl man ansonsten nicht behaupten kann, dass das nun Themen wären, die den deutschen Mediendiskurs oder das Generieren des Literaturkanons beflügeln?
Ich fand die Lektüre anfänglich anstrengend, im letzten Drittel packend. Mich nervten zu Beginn die ganzen Verbuchstäblichungen - ein Element aus der Sprache greifen, es dann weiterspinnen, durch drei andere Sprachen drehen und das als Poetisierung zu inszenieren erschien mir hier und da zu technisch. Obwohl ich zugleich dachte, dass Passagen wie die folgenden grandios konzipiert sind:
"Zunge heißt auf Türkisch dil, es ist das gleiche Wort wie für Sprache. Das ist mir erst spät bewusst geworden. In der Schule staunten alle, als Frau Meier das Wort Muttersprache übersetzte in mother tongue, in langue maternelle, in lengua materna. Wie poetisch, sagte Max. Malerisch, sagte Lea. Irgendwie blumig, sagte Tim. Im Türkischen sagen wir auch Mutterzunge, habe ich durch das muffige Klassenzimmer gerufen und war wütend. Das Türkische fand niemand poetisch, malerisch und blumig. Max konnte sagen, siktir lan, wenn sich jemand verpissen sollte. Lea nannte Cemile immer Börek und Lahmacun und Döner, wenn sie sie ärgern wollte. Und Tim brüllte auf dem Spielfeld nach dem Ball, hadi oğlum, hadi."
Keskinkılıç, Ozan Zakariya. Hundesohn: Roman | (p. 18)
In den folgenden Passagen spielt Keskinkılıç literarisch die Sprachkenntnisse seines weißdeutschen Umfelds durch. Wie sie Französisch parlieren, aber keinen Ayran auf türkisch bestellen können. Sie die Filmmusik von Yann Thiersen auf dem Klavier zu spielen wissen, die er für die wunderbare Welt der Amelie komponierte, aber Yüksel Özkasap, die "Nachtigall von Köln", und deren "Almanya'ya Mecbur Ettin" nicht auswendig zu rezitieren vermögen. Shakespeare zitieren sie, aber die Gedichte von Aras Ören haben sie nicht gelesen.
Ich fühlte mich damit sehr wohl gemeint, ich kenne und kann das auch alles nicht und fand es prima, von dem Autor mit der Nase hinein gestupst zu werden wie in seinen wohl Lieblingsfetisch, getragene Socken.
Wieso ging es dem deutschen Feuilleton NICHT so?
Als würden die dort Schreibenden in ihrem Kanon, in dem sie sich bewegen, nun ständig auf Yüksel Özkasap oder Aras Ören Bezug nehmen.
Wieso feiern sie Zärtlichkeit in dem Buch, obwohl die kaum stattfindet?
Das Buch nutzt als Dramaturgie, auf die es ansonsten eher verzichtet, eine Art Countdown. Zeko, die Hauptfigur, wird in 9 Tagen Hassan, diesen Hundesohn, wiedertreffen . Die Tage bis zum Wiedersehen vergehen, werden gezählt. Erinnerungen an vergangene Treffen poetisiert der Autor - dazwischen schiebt sich die Freundschaft zur besten Freundin und gemeinsames Erleben wie auch viele Grindr-Dates. Zärtlich ist eines davon. Ansonsten ziehen diese Treffen vorbei wie ein Zeitvertreib, bei dem schon vorher gewusst wird, dass er eh keine Erfüllung bietet. Auch, weil die Erinnerungen an Hassan intervenierem, der eher als eine Art Fantasma denn als wirklicher Mensch beschrieben und dessen Körperlich überhöht wird; gegen Ende wird das auch als Fantasma aufgelöst. Falls ich das richtig verstanden habe.
Die erwähnten Texttechniken etabliert Keskinkılıç gleich bei der ersten Erwähnung von Hassan: er zählt dessen Leberflecke. Vom Zählen der Leberflecke wandert er zu den Berichten seiner Oma, die meinte, dass diese sich vermehren würden, zählt man sie, fügt ein weiteres Bild hinzu, das der gesprengten Melone, deren Kerne den Leberflecken entsprechen würden. Der Sprachfluss erkundet Hassans Körper, suggeriert, der habe auch den seinen untersucht, klar, auf der Suche nach Leberfleccken, und spielt weiter das Motiv des Zählens durch, Pistazienkerne, Bohnen, Trauben, um erneut bei Hassan zu landen - immer nur in der Erinnerung, der Imagination. So ähnlich werden das Buch hindurch mutierende Worte an poetisierenden Girlanden aufgehängt, und ich merkte immer wieder beim Lesen, wie viele literarische Bezüge mir fehlen. Ich wusste nicht, wann sich Keskinkılıç auf lyrische und Erzähltraditionen stützt, die ich nicht kenne - aus dem türkischen, arabischen und persischen Sprachraum. Das alleine lohnt die Lektüre. Auch die damit einhergehende Desorientierung. Weil auffällt, was man als weißdeutscher Bildungsbürger ebenso wenig kennt, wie man Ayran auf türkisch bestellen kann.
Ich war manchmal genervt, dass sich durch das Buch zieht, auf solche Worte und Handlungen assoziativ durchspielende Passagen dann wie eine Art “Schockeffekt” Sperma, schwulen Sex und allerlei Konkretes rund um Genitalien und Ärsche folgen zu lassen. Das erschien mir etwas schematisch.
Ich konnte nachvollziehen, dass man die Sprache als Organ der Zärtlichkeit lesen kann und auch das, was Zeko zu Hassan imaginiert oder erinnert, als Form des zärtlichen Blickes zu lesen. So klar ist dabei nicht, was Erinnerung, was Imagination ist. Aber das ist es ja im Allgemeinen auch nicht, wo Erinnerung aufhört und wo Imagination anfängt, wer weiß das schon? Das literarisch herauszuarbeiten, so habe ich es zumindest gelesen, ist schon eine Leistung des Buches.
Mittendrin erwürgt Hassan plötzlich einen Hund, Schockeffekt, klar - Hund, auch zentrales Motiv, Metapher des ganzen Romans, und die Zärtlichkeit bleibt auf der Strecke. Diese verbirgt sich eh wenig in Handlungen, dafür viel in Fantasien und in der Sprache. Ähnlich Liebe: es wird die Erinnerung an einen abwesenden Idealliebhaber vor allem in Schilderung der Körperlichkeit ausgiebig zelebriert und in vergangener Freundschaft, da, wo Zeko auf Menschen trifft, zeigt Liebe sich in Bezügen zur Familie - aber nicht zu den Männern, die er trifft. Die werden auf Tauglichkeit abgecheckt und fallen durch. Bis auf das Finale ...
Mich befremdet von daher, wieso sich nun das Feuilleton und auch der Klappentext so sicher sind, dass es sich um eine Liebesgeschichte handelt. Ich habe das Buch eher als eine Poetisierung der Abwesenheit von Zärtlichkeit und Liebe gelesen, der mit viel Sprachkunst begegnet wird, um diesen Mangel aushalten zu können. Liebe und Zärtlichkeit haben ja auch etwas mit Handlungen zu tun, nicht nur damit, nun zu schmachten, wenn sich jemand auf einem Balkon in der Türkei räkelt.
Ich fand beeindruckend, wie sich das Buch immer wieder ins Arabische, ins Türkische, ins Hebräische begibt, um so die "gebrochene Identität", wenn man das so nennen kann, zu verarbeiten, zu erweitern, als Stärke zu begreifen in einer Welt, in der all die Weißen keinen Ayran auf türkisch bestellen können. Auch, weil sie es nicht in der Schule lernen - in einem Roman von jemanden, der als Schwarzhaariger in Hessen rassistisch beschimpft aufwuchs und am liebsten eine Symbiose oder osmotische Verbindungen mit dem blonden Schulschwarm und dessen blasser Haut eingegangen wäre, um der Diskreditierung zu entrinnen, wie er beschreibt. Eine wieder wunderschön geschriebene Passage, die über etwas psychologisch außerordentlich Schreckliches berichtet.
Wieso wird das zwar wortreich abgefeiert, juchhu, postmigrantische Identität, aber dann doch nur als Sprachkunstwerk, nicht als politisches Statement gedeutet, das auch die Riten des Feuilletons, der Medien, auch weißdeutscher Selbstverständnisse hinterfragt? Es ist die Rede davon, dass Keskinkılıç Individuum und Gesellschaftliches, Körper und Sprache, Glaube, Liebe und Gewalt in eins bringt. Ja, aber was hat das denn für Konsequenzen für eigene Sprachpraxen und Wissensbestände, wenn die doch zugleich seziert werden?
Ich selbst bekam eher zunehmend dieses Gefühl von "Ertappt!" bei der Lektüre und fand das auch gut so. Ich habe im Zuge meiner medialen Arbeit viele schwarzen Subjektiven z.B. in der Soulmusik modelliert in TV-Dokus, aber nach der folgenden Passage musste ich mich erst mal erholen und danach googeln:
Sie ist hier geboren, 1957, flüstere ich aus dem Auto in die vorbeiziehende Landschaft. Wer ist hier geboren? Arbeiterin, Dichterin, Aktivistin, zähle ich auf, als würde ich aus einem Wikipedia-Eintrag zitieren. In den Siebzigern mit den Eltern nach Deutschland gekommen, zur selben Zeit wie meine Großeltern. Jemand aus deiner Familie? Nein, aber trotzdem irgendwie nah. Vay, wie heißt die verwandte Unbekannte? Ausländer!, schießt es mir laut aus dem Mund. Wie Ausländer? Mein Name ist Ausländer, das hat sie in einem Gedicht geschrieben. Semra Ertan, sie hat sich siebzehn Jahre vor meiner Geburt das Leben genommen. Hassan schweigt. Das kommt unerwartet. Mit Benzin übergossen, sage ich. Verbrannt. Simon-von-Utrecht-Straße. Hamburg.
Keskinkılıç, Ozan Zakariya. Hundesohn, (pp. 157-158)
Die Simon-von-Utrecht-Straße ist hier gleich um die Ecke; ich weiß nicht, wie oft ich diese Straße schon lang gegangen bin oder sie überquert habe, ohne an Semra Ertan zu denken. Was tatsächlich schlimm ist. Ich erinnerte mich dunkel an den "Fall". Bei allen Debatten rund um die "Stadtbild"-Aussage von Friedrich Merz musste ich immer wieder an diese Passage denken. Das hat schon gesessen. Wieso bezieht man sich so viel auf die Form und Liebe und Begehren, überliest aber solche Sequenzen, die wie ein Stachel in der Suche nach Zärtlichkeit und Liebe Schmerzen schon bei der Lektüre verursachen - auch hinsichtlich der eigenen Unfähigkeit zur Erinnerung. Ich frage mich, wie es Migrantisierten dabei ergeht. Eine Passage, die zudem in eine Autofahrt mit Hassan ja nicht zufällig eingewoben ist. Mitten in die “Liebesgeschichte”.
Soweit zu meinen Lektüreerfahrungen. Eine Kritik soll das hier ja gar nicht sein. Ich kann die Kafka-Bezüge auch nicht kompetent kommentieren. Der hat mir persönlich nie sonderlich viel gesagt, ja, Banause ich; ich wandere eher zwischen Sartre, Stephen King und Armistead Maupin durch die Welt der Literatur.
Aber, um zu der Ausgangsfrage zurückzukommen, angesichts all dessen, wo ich das Gefühl habe, dass das Feuilleton sich nicht selbst konzentriert genug an die eigene Nase fasst: Was mir in dem Roman wirklich fehlt ist Wut. Klar, in der Passage zur Mutterzunge ist Zeko wütend. Aber sonst?
Er schildert immer wieder Situationen, wo man die Wut im Hintergrund zu fühlen glaubt - ich zumindest. Das kann Absicht sein, dass die Poetisierung diesen Zorn gerade sublimiert, klassisch psychoanalytisch geschrieben. Also selbst Ausdruck dessen ist, Wut verbergen zu müssen. Keine Ahnung.
Aber auch bei der ganzen Lyrik rund um Sex: dass Sex auch derbe und wütend Machtverhältnisse erotisieren kann auch da, wo er nicht mit BDSM spielt, dass sich in ihm allerlei zeigen kann, was moralisch nicht in Liebe und Zärtlichkeit aufgeht auch da, wo die Praxen nicht in Geschlechtskrankheiten münden oder in Filzläuse und alles dennoch im wechselseitig einvernehmlichen Rahmen geschieht - das fehlt mir als Bruch in dem Sublimierenden, trotz aller Konkretion in den Schilderungen. Das wird mir zu sehr wegpoetisiert. Sex kann gefährlich sein - im postiven Sinne und das in diesem Sinne nur, wenn beide das gleiche wollen.
Ich habe ein wenig die Befürchtung, dass eben deshalb die Rezensenten den Roman so bruchlos abfeiern. Es verstört sie nichts. Ist das gut?