Über Negativziele, den globalen Funk-tionalismus und die Frage, wie wir leben wollen
Es gibt zwei Arten, ein Ziel zu formulieren. Die eine sagt: DAS DA und DIE DA sollen VERSCHWINDEN. Die andere formuliert, was gewollt, begehrt, erlebt werden will und , wenn es denn da wäre, Erfüllung schenken würde.
Negativziele sind billig zu haben. Man muss nur zeigen, was stört. Eine Vorstellung dessen, was schöner, besser, gelungener wäre zu formulieren erübrigt sich dann. Negativziele sind unwiderlegbar. Solange das „Übel“ existiert, kann man sie proklamieren. Ihr Erfolg ist niemals eingetreten. Notfalls erfindet man weitere Schrecken, die eliminiert werden müssen. So hat man immer recht, immer ein Ziel, und kann die Massen zum Vernichtungswillen anstacheln. Was dann kommt, wenn alles weg ist? Egal. Funktioniert alles wie das ewige Leben im Paradies: es kann nur gelebt werden, wenn alle Sünde ausgerottet ist und man anschließend stirbt.
Positivziele hingegen sind mit Risiko behaftet. Man muss sagen, was ein gutes Leben sei. Man riskiert, sich zu blamieren, zu irren, kitschig zu werden oder gar anderen vorzuschreiben, was ihnen gut tut. Man kann Scheitern belegen und behaupten, es sollten Andere zu ihrem Glück gezwungen werden.
Deshalb formulieren solche Ziele so wenige. Deshalb zeigt die Kartierung der politischen Landschaft, progressiv wie rechts, ein unwegsames Gelände aus Negationen. Mal ab von dem ewig beschworenen „Wachstum“, in dessen Fall aber auch niemand wirklich sagt, wer oder was wirklich etwas davon hat.
I. Der Junge aus der letzten Reihe
Anhand einer Serie aus Südkorea, basierend auf dem Theaterstück des spanischen Dramatikers Juan Mayorga, kann man die Struktur des politischen Negativ-Storytellings plus Funktionalismus, ganz gut aufzeigen. Und auch, wieso sie flankierende Horrorstories braucht.
“Notes from the Last Row” (맨 끝줄 소년) lief Ende Juni 2026 auf Netflix, sechs Folgen an. Regie Kim Kyu-tae, Buch Jang Myung-woo.
Choi Min-sik, Weltstar dank „Old Boy“ (Öffnet in neuem Fenster), spielt Heo Mun-oh. Ein Literaturprofessor, der vor Jahrzehnten einen Roman veröffentliche, dafür von seinem Kollegen, dem Starschriftsteller Kim Su-hun, verrissen wurde und seither literarisch nichts mehr zustande bringt außer Verbitterung und Hass auf alle Anderen. Leistungsnote 6, sozusagen.
Sein Antagonist wird gespielt vom zauberhaften Choi Hyun-wook - der verkörpert Lee Kang, einen Studenten, der in der letzten Reihe Menschen beobachtet und gut schreiben kann.
Die Serie beginnt mit Goethes “Werther”, diskutiert in einem Uni-Seminar. Der “Werther”: eine Geschichte über Konkurrenz und Rivalität. In diesem frühen Dialog zwischen den Hauptfiguren präsentiert die Serie einen Teil des Plots (ACHTUNG! SPOILER!). Werther liebt Lotte, Lotte heiratet Albert, und Albert erweist sich als schlicht der bessere Funktionär in der ständischen Ordnung des späten 18. Jahrhunderts - vernünftig und verlässlich -, während Werther nichts vorzuweisen hat als seine Leidenschaft in einer sozialen Hierachie, deren Demütigungen er als Gesandtschaftssekretär zu spüren bekommt, in einer sozialen Ordnung, in der er ohnehin keinen Platz findet.
Goethe hat die Grausamkeit dieser Rechnung in einem einzigen Requisit verdichtet: Werther erschießt sich mit Alberts Pistolen, die Lotte ihm eigenhändig aushändigt. Der Konkurrent liefert die Waffe. Und der „Werther-Effekt”, eine angebliche, nicht nachgewiesene Selbstmordwelle im späten 18. Jahrhundert, verdichtet die „Moral von der Geschicht’”: Eine solche Story zeigt kein Leben zur Nachahmung auf. Es bleibt nur dessen Beendigung. Sie formuliert ein Negativziel.
Dass eine koreanische Serie ausgerechnet damit beginnt, ist kein Zufall. Denn der Werther-Effekt ist dort kein literaturhistorisches Zitat, sondern messbare Gegenwart: Nach dem Selbstmord[1] (Öffnet in neuem Fenster) der Schauspielerin Choi Jin-sil 2008 stieg das Suizidrisiko in der ersten Woche um 73 Prozent und blieb sechs Wochen lang erhöht[2] (Öffnet in neuem Fenster) - inklusive Imitation der Methode; nach den Suiziden der Idols Jonghyun, Sulli und Gu Hara stiegen die Raten um das 1,2- bis 1,3-Fache. Am stärksten bei den 10- bis 29-Jährigen.
Sie endet damit (ACHTUNG, SPOILER!), dass der durch frei erfundene Geschichten seinen Professor beinahe in den Wahnsinn treibende Kang in einen Buchladen kommt. In dem arbeitet der ruinierte Lehrer Mun-oh inzwischen. Kang kauft eine Ausgabe von Goethes “Faust”. Er habe da eine Geschichte, sagt er.
Zwischen diesen beiden Klammern ist die Story verortet als eine Geschichte über das Geschichtenerzählen.
Das erste, was Kang für den Kurs schreibt, ist der Bericht darüber, wie er sich in die Familie seines wohlhabenden Mitschülers Se-yun einschleicht und sie beschreibt - eine Erzählung aus purem, unverstelltem Neid. Sein Lehrer Mun-oh ist elektrisiert. Nicht, weil es Literatur wäre. (ACHTUNG, SPOILER!) Sondern weil Se-yuns Vater ausgerechnet Kim Su-hun ist, der Mann, der ihn einst verrissen hat und als Literatur-Star hell erstrahlt, und weil Se-yuns Mutter die Frau ist, über die er nie hinweggekommen ist. Der Professor, der sein Leben lang gelehrt hat, Distanz zu Texten zu halten, verliert sie in dem Moment, in dem ein Text ihn durch ein Schlüsselloch in das Glück derer sehen lässt, die er beneidet. Kang berichtet aus diesem scheinbar glücklichen Kosmos und lässt diesen zunehmend in eine Horror-Story kippen. Eine, in der Glück nur Fassade ist und fast alle über Leichen gehen, um nur durch Plagiate ergaunerten Ruhm erlangt zu haben. Die Reichen sind auch nicht glücklich. So hält man die Underdogs bei Laune.
Mun-oh, der Professor, ist bei all den „Lügen“-Geschichten kein Opfer. Kang schenkt ihm die Story, die er hören wollte, um sich selbst zu täuschen. Er liefert ihm eine Horrorgeschichte, an der er sich weiden kann, Ein unwiderstehliches Angebot - weil Mun-oh in seinem eigenen Leben nichts hatte, worüber er sich freuen konnte.
Die Serien spielt in einer Universität in einem Land, das seine Jugend zu Bestleistungen treibt - mit bis zu 16 Stunden lernen täglich sind sie brutaler Konkurrenz ausgesetzt. Die Institution im Rücken ist ein Bildungssystem, das in PISA-Ranglisten regelmäßig ganz oben steht - dessen Jugendliche in denselben OECD-Vergleichen jedoch zu den unglücklichsten gehören. Südkorea führt die Suizidstatistik der OECD seit Jahren mit Abstand an; unter den jünger als Vierzigjährigen ist der Freitod die häufigste Todesursache. Das ist kein Betriebsunfall eines ansonsten funktionierenden Systems. Es ist die Kehrseite genau dessen, was das System produziert.
Mit besten Grüßen an Friedrich Merz und seinen Vorstellungen eines an Produktivität orientierten Bildungssystems.
Dieses hochfunktionale System wird flankiert von einer Erzählkultur, die von Neid, Demütigung, Rache und Untergang lebt (wie viele Filme und Serien aus Südkorea, „Parasite (Öffnet in neuem Fenster)“ zum Beispiel, von „Squid Game (Öffnet in neuem Fenster)“ ganz zu schweigen). Man kann das als Funktionszusammenhang lesen. Wer täglich beschämt wird, braucht ein Reservoir an Schrecken, an dem er sich abarbeiten kann. Der Horror ist die Kompensationsleistung für Minderwertigkeitsgefühle, die das System selbst permanent in extremer Konkurrenz und brutaler Selektion zwischen den Nützlichen und den Unnützen herstellt. Der Schrecken bildet keine Kritik am Betrieb. Er fungiert als sein Schmiermittel.
Final tritt dann der “Faust” in der Serie auf. Man liest ihn üblicherweise als Dokument der Größe: der unendlich Strebende, der nicht stillsteht, dem jedoch am Ende von Teil II verziehen wird. Doch worin genau bestand die Wette mit dem Teufel? Faust verpfändet seine Seele für den Fall, dass er zum Augenblick sagen könnte “Verweile doch! Du bist so schön!“. Dann soll ihn der Teufel holen. Das ist ein atemberaubend antihedonistischer Satz. Der Moment, in dem das Schöne, die Zufriedenheit, das Genügen sich zeigt, ist zugleich der, an dem alles endet. Glück ist Sterben. Erfüllung ist der Tod.
Das Modell des guten Lebens, das hier feierlich vorgetragen wird, ist eines, in dem niemand jemals da ankommt, wo es ihm gut geht - und in dem genau das auch noch, der ständige Aufschub der Erfüllung, als der Pflicht gemäß zu leben gilt.
Das ist die Kulturformel des Zwangs zum Selbstzwang (die Formulierung stammt von Norbert Elias - auch in der „Dialektik der Aufklärung“ von Horkheimer und Adorno geht es in anderen Worten eben darum).
Kang bringt Mun-oh ein Buch, den “Faust”, und Mun-oh will, degradiert, deklassiert, sofort die nächste Horror-Geschichte hören. Nicht, weil er glücklich werden will. Er will sich erneut am Unglück der Anderen weiden. Das stachelt ihn an.
II. Der Funktionalismus und seine Horrorgeschichten
Der Konservatismus - und ich meine eine Denkform, die in Seoul, in Alabama, in Sachsen-Anhalt und in Aufsichtsräten wie auch der Bundesregierung identisch agitiert - formuliert auf die Frage nach dem guten Leben eine Antwort, die gar keine ist. Er hebt Glück im Funktionieren auf. Nicht: hier ist etwas, wovon du etwas hast. Sondern: füg dich ein, dann wird das schon, und was, ist auch egal. Fleiß, Familie, Ordnung, so etwas.
Das Versprechen bleibt strukturell leer, weil es nie sagt, was an der Familie glücklich machen soll. Sie wird nicht als Ort beschrieben, an dem Menschen Zuneigung, Verlässlichkeit, Nähe, Erotik, Fürsorge leben, gemeinsam erfüllte Zeit verbringen. Sie wird als Pflichtform präsentiert, und alle, die von der heteronormativen gehobenen Mittelschichtsfamilie abweichen, verlieren derzeit staatliche Unterstützung. Sie funktioniert als ein Ort, der dadurch, dass man Mieten, Lebenshaltungs- und Energiekosten, Rentenzusatzversicherungen, Kita-Gebühren und vieles andere mehr erst einmal herbei schuften muss, der nur vom ständigen Aufschub bis zur nächsten Zahlung lebt. Familie ist etwas, in das man sich einfügt, um die Ökonomie am Laufen zu halten.
Das ist der Punkt, an dem Max Webers stahlhartes Gehäuse und Norbert Elias’ Zwang zum Selbstzwang zusammenfallen: Die Zumutung ist nicht mehr Fremdzwang, sie ist die Pflicht, sich selbst zu zwingen, und zwar freiwillig; wenn nicht, droht die Arbeitsagentur. Es ist die Wette des Faust als Sozial- und Wirtschaftspolitik: Verweile nie, es könnte schön werden.
Jedoch: Wenige haben etwas davon. Es hält niemanden bei Laune, dass all das funktioniert. Also braucht es eine Kompensation: Horror-Stories, Krimis, Legenden in Telegram-Gruppen. Schuldige. Es muss immer jemanden geben, der schlimmer dran ist, oder eben solche, die wegmüssen. Und Geschichten, dass die Reichen unglücklich und Schurken sind. Dann wird alles gut! Die Reichen leben prima davon.
Deswegen agiert die politische Rechte weltweit mit einem Katalog von Negativzielen und Gruselgeschichten. Es geht immer um Beseitigung von etwas: von Queers, BPoC, Migranten, Feministinnen, „Gender”, „woke”. Das Übel sind die NGOs, die Universitäten, die „Liberals“, Greta Thunberg als Antichrist, die Muslime, die Postkolonialen, die „linksgrün Versifften“, das „juste milieu“ usw.. Es geht nie darum, was danach entstehen würde. Außer im christlichen Nationalismus, und da erlangt man die Erfüllung im Paradies auch erst nach dem Tode.
Angenommen, alle, die euch stören, sind fort. Ihr sitzt dann in einer zerstörten Umwelt, in einem heruntergesparten Landkreis, mit einer kaputten Bahnverbindung und einer geschlossenen Bibliothek, und freut euch, dass etwas nicht da ist. Wovon genau habt ihr dann etwas?
Die Antwort lautet, wenn man sie ausspricht: von der sozialen Position. Man hat nichts, aber man steht über jemandem. Man hat kein gutes Leben, aber man funktioniert besser als der „Grundsicherungsempfänger”. Und weil das so befriedigend auch nicht ist, muss es täglich nachgeliefert werden - in Form von Geschichten über die Faulen, die Fremden, die Verweichlichten.
Und hier - das ist der Punkt, an dem die Serie und die Politik dasselbe sagen - schlägt der Neid durch. Der Hass auf Queers ist kein Projekt der „Volkstumspflege“ oder des „Schutzes der Familie“, die ja auch auf der Rechten als freudlose Reproduktionsmaschine konzipiert wird.
Es handelt sich um ein Neidproblem. Da sind Menschen, die sich die Freiheit genommen haben, aus der Formatierung auszubrechen. Die nicht gefragt haben, ob es erlaubt ist, ihr Leben am Leitfaden der Erfüllung ihrer Wünsche und ihres Begehrens einzurichten. Die auch noch sichtbar Freude haben. Für jemanden, der sein ganzes Leben lang zugestimmt hat, dass Ankommen Sterben heißt, ist „Lifestyle-Teilzeit“ und dann auch noch Spaß dabei unerträglich. Er ist der lebende Beweis, dass die Wette eine Lüge war.
Progressive Politik spiegelt das jedoch oft nur.
Keine Faschisten. Kein Rassismus. Keine Klimakatastrophe. Keine KI. Kein Kapitalismus. Nie wieder. Fünf vor zwölf. Das sind, formal betrachtet, dieselben Sätze wie die der Gegenseite, nur mit anderen Inhalten. Sie sind alle wahr, und das ist nicht das Problem. Es geht auch nicht im „Bothsidismus“. Klar ist gegen Rassismus sein besser, als Schwarze tot zu schlagen oder sie frei von Empathie im Mittelmeer ertrinken zu lassen. Keine Frage.
Das Problem ist die affektive Ökonomie: Auch sie läuft mit Angst als Schmiermitel, auch sie lebt vom Feind, auch sie eint durch Negation, und auch sie kommt bei der Frage nach dem „und was dann?“ ins Stottern. Was genau ist das Angebot? Wie sieht das gute Leben aus, in das die sozial-ökologische Transformation führt? Was hat man davon, außer dass etwas Schlimmes ausbleibt?
Das ist keine Kommunikationsfrage. Es handelt sich eine inhaltliche Lücke. Und wo sie klafft, füllt sie sich mit Verzicht - wieder ein Negativ, wieder Selbstzwang, wieder faustische Askese, nur diesmal moralisch richtig grundiert. Die Rechte sagt: Streng dich an, dann darfst du dazugehören. Die Linke sagt: Streng dich an, sonst geht die Welt unter. In beiden Fällen ist die Erfüllung nach hinten verschoben, und in beiden Fällen wird die eigentliche Frage - wovon hast du etwas? - nicht beantwortet.
III. Sen, Nussbaum und die Frage, wovon man etwas hat
Amartya Sen hat der Ökonomie eine Frage zurückgegeben, die sie loswerden wollte. Wohlstandsmessung und Wachstumspredigt fragen nicht nach dem “wer hat etwas davon?”. Utilitarismus erkundet Nützlichkeit: was bringt das dem Glück der größten Zahl? Das wird in der Regel jedoch nur im Sinne eines Durchschnitts berechnet, der auf das zuläuft, was wir gerade erleben: wenige sehr Reiche haben alles und der Rest immer weniger. Die Nützlichkeitskriterien wurden so umgestaltet, dass das Glück möglichst vieler Menschen heraus gerechnet wurde, auf dass die breite Masse nur noch für die Vermehrung des Vermögens einer schmalen Schicht von Superreichen zuständig ist.
Sen hingegen formulierte die Konzeption einer „Ökonomie für die Menschen“ - nicht für die Superreichen. Sens Vorschlag: Frag danach, was Menschen tun und sein können. Capabilities. Er widmet sich den die realen Möglichkeiten. Sein Modell kombiniert freien Markt und eine erweiterte Idee dessen, was allen gleichermaßen von Ökonomien zuzugestehen sei. Sen bekam den Wirtschaftsnobelpreis, nebenbei erwähnt. Er arbeitete die Bedingungen eines guten Lebens aus. Freiheit ist nicht die Abwesenheit von Fesseln, sondern das Vermögen, ein Leben zu führen, das man aus guten Gründen wertschätzt. Development as Freedom.
Martha Nussbaum, die eng mit Sen zusammengearbeitet hat, wagte den entscheidenden Schritt darüber hinaus: Sie listete diese Möglichkeitsbedingungen eines guten Lebens aller gleichermaßen auf. Zehn zentrale Capabilities, zu entfaltende Fähigkeiten, arbeitete sie in Women and Human Development und Creating Capabilities aus:
1. Leben - eine normale Lebensspanne, nicht vorzeitig sterben
2. Körperliche Gesundheit - Ernährung, Obdach, Fortpflanzungsgesundheit
3. Körperliche Integrität - Bewegungsfreiheit, Schutz vor Gewalt und sexueller Gewalt, geschlechtliche und sexuelle Selbstbestimmung
4. Sinne, Vorstellungskraft, Denken - Bildung, die diese Fähigkeiten nicht abrichtet, sondern kultiviert; produzieren und erleben dürfen; geistige Freiheit
5. Gefühle - sich an Dinge und Menschen binden dürfen; lieben, trauern, sich sehnen, zürnen; nicht von Angst und Sorge zerfressen werden
6. Praktische Vernunft - sich eine eigene Vorstellung des Guten bilden dürfen und das eigene Leben danach planen
7. Zugehörigkeit - mit anderen leben, Anerkennung als Wesen von gleicher Würde, Schutz vor Diskriminierung
8. Andere Spezies - in Beziehung zu Tieren, Pflanzen, der Natur leben, sie achten und ihnen den Raum zum leben lassen.
9. Spiel - lachen, spielen, erholsame Tätigkeiten genießen
10. Kontrolle über die eigene Umwelt - politisch (Mitbestimmung) und materiell (Eigentum, Arbeit, Arbeitsverhältnisse, in denen man Mensch bleibt)
Man muss diese Liste einmal langsam lesen und dabei an die Serie zurückdenken, siehe oben. (ACHTUNG SPOILER!)
Heo Mun-oh hat Punkt 4 verloren, obwohl er Literaturprofessor war. Er hat Punkt 5 verloren, obwohl er verheiratet war. Er hatte den vollständigen Funktionsnachweis - Lehrstuhl, Familie, Status - und keine einzige der Fähigkeiten, um derentwillen man so etwas wollen könnte. Alles weg - aufgrund einer aus Minderwertigkeitsgefühlen im Konkurrenzkampf entstandenen Lust an Horror-Geschichten. Ein Land kann PISA gewinnen und Punkt 4 dennoch flächendeckend zerstören.
Deswegen ist die Liste nicht einfach Wohlfühlvokabular für „woke“ Spinnereien. Sie ist die Möglichkeitsbedingung von Glück, ohne es an konkrete Lebensformen zu binden, die Zufriedenheit nur als Aufschub kennen.
Es sind Fähigkeiten, keine Pflichten. Niemand muss spielen. Aber jeder muss spielen können. Niemand muss glauben, aber jeder muss glauben können. Niemand muss eine Familie gründen; jeder kann sich binden und lieben, in welcher Form auch immer - muss es aber nicht.
Die Liste schreibt kein Leben vor, sie macht Leben, das mehr ist als Überleben, möglich.
Genau darin unterscheidet sie sich vom konservativen Funktionalismus, der in Wahrheit nur ein Pflichtenheft ohne Erfüllung ist. Und genau darin entgeht sie Isaiah Berlins berühmter Warnung vor der positiven Freiheit: Sie sagt nicht, was dein wahres Selbst wollen solle. Sie sorgt dafür, dass du überhaupt eines haben und ausbilden kannst - Punkt 6, praktische Vernunft, durchzieht dabei alle anderen.
Diese Liste ist zutiefst kooperativ. Zugehörigkeit ist nicht Punkt 7 unter zehn, sondern bildet zusammen mit der praktischen Vernunft das Gerüst des Ganzen. Fähigkeiten entstehen durch Institutionen: Schulen, in denen gedacht und nicht abgerichtet wird oder der Konkurrenzdruck so drastisch wird, dass manche lieber den Freitod wählen; Krankenhäuser; faire und gerechte Gerichte; Nahverkehr; Parks; eine intakte Umwelt; Arbeitsverhältnisse, die einen Feierabend möglich machen. Sie sind der Grund, warum man Gesellschaft überhaupt braucht.
Man darf die Frage nach dem guten Leben nicht dem Konservatismus überlassen und man muss ihm nicht in Katastrophenwarnungen ausweichen. Es gibt eine dritte Möglichkeit: konkret sagen, wovon Menschen etwas haben, und dann Politik daran messen.
Klimapolitik ist dann nicht die Abwehr der Katastrophe, sondern die Verteidigung von Punkt 1, 2, 8 und 10 - Leben, Gesundheit, ein Verhältnis zur Natur, das nicht aus der Asche von Waldbränden besteht, und die Möglichkeit noch der Enkel, ihr Leben noch selbst einzurichten. Sozialpolitik ist nicht „Alimentierung von Faulen“, sondern die materielle Basis dafür, dass Punkt 6 überhaupt wirken kann. Wer jeden Monat um die Miete kämpft, plant kein Leben, er verwaltet den Notstand. Queere Rechte sind nicht Minderheitenlyrik, sondern Punkt 3, 5, 6 und 7 in Reinform: den eigenen Körper haben, lieben dürfen, das eigene Leben zu entwerfen, dazugehören können. Das ist es, was die Rechten so wütend macht: dass jemand das lebt - jene, die selbst nicht mehr wissen, was sie glücklich machen würde und die deshalb immer etwas verbieten, abschieben oder vernichten wollen.
Aber halt - hat man das alles nicht schon mal irgendwo gelesen?
Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit.
Artikel 2 Absatz 1 Grundgesetz. Kein Negativziel. Kein Verbot. Ein Positivziel, im zweiten Artikel des Textes, hinter der Achtung der Menschenwürde und vor allem anderen. Und wer weiterliest, findet die Liste, in anderer Sprache wieder: das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit (Art. 2 II), Glaubens- und Gewissensfreiheit (Art. 4), die Freiheit von Meinung, Kunst und Wissenschaft (Art. 5), Versammlungsfreiheit und jene zur Vereinigung (Art. 8, 9), die natürlichen Lebensgrundlagen und die Tiere (Art. 20a - ja, die Tiere stehen tatsächlich drin), das Sozialstaatsprinzip (Art. 20 I).
Das Bundesverfassungsgericht hat 2010 im Urteil zum menschenwürdigen Existenzminimum ausdrücklich festgehalten, dass dieses Minimum nicht das physische Überleben meint, sondern die Teilhabe am gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Leben einschließt. Das ist, mit Nussbaum, ein Capability-Urteil. Auch der Klimabeschluss von 2021 folgt bemerkenswerterweise keinem Untergangs-, sondern einem Freiheitsargument: Wer heute nicht handelt, verbraucht die Freiheit derer, die morgen leben.
Das Grundgesetz ist, wenn man es so liest, eines der wenigen politischen Dokumente, die den Mut hatten, positiv zu formulieren. Nicht: Was soll weg. Sondern: Was soll da sein, damit Menschen sich entfalten können. Es wurde von Leuten geschrieben, die gerade erlebt hatten, wohin eine Politik führt, die nur wusste, wen sie beseitigen will.
Fausts Wette ist verloren, nicht gewonnen. Ein Leben, in dem der Satz „Verweile doch, du bist so schön“ in den Tod mündet, ist kein gelungenes Leben, sondern ein verunglücktes. Die Gegenformel wäre bescheidener und viel radikaler. Man darf ankommen. Man darf zufrieden sein. Man darf spielen, lieben, faul sein, sich freuen, und man muss sich das nicht verdienen. Es ist erlaubt, etwas vom Leben zu haben.
Wer das nicht sagen kann, dem bleibt am Ende nur, im Buchladen (oder beim CDU-, SPD- oder AfD-Parteitag) zu sitzen und auf die nächste Horrorgeschichte zu warten …
Auch Wachstum und eine Verteidigungspolitik ohne die Antwort darauf, wer etwas davon hat und was überhaupt verteidigt werden soll, kann zum ganz realen Schauerroman mutieren. Vielleicht ein Serienstoff für Südkorea …
[1] (Öffnet in neuem Fenster) Über Suizid zu schreiben heißt, vorsichtig zu sein: Er hat nie einen Grund, sondern immer viele. Wer selbst nicht weiterweiß, erreicht die TelefonSeelsorge jederzeit kostenfrei und anonym unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123, per Chat über online.telefonseelsorge.de (Österreich: 142, Schweiz: 143).
[2] (Öffnet in neuem Fenster) Über Suizid zu schreiben heißt, vorsichtig zu sein: Er hat nie einen Grund, sondern immer viele. Wer selbst nicht weiterweiß, erreicht die TelefonSeelsorge jederzeit kostenfrei und anonym unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123, per Chat über online.telefonseelsorge.de (Österreich: 142, Schweiz: 143).