... und die Kraft der Imagination jenseits aller Formatierungen
Ich schreibe derzeit an meinem zweiten Roman; die Rohfassung besteht aus bisher 96 Seiten, wächst und gedeiht. Viele Überarbeitungen werden folgen, ich werde verzweifeln, mich fragen, was für einen Quatsch ich nun schon wieder geschrieben habe, ob ich das wirklich ernst meine und das Resultat doch, vermutlich wieder bei Amazon KDP, veröffentlichen. Etwas Kurioses vollzieht dabei sich “in mir”, ganz von selbst: Tauche ich hinab in die frühen 80er Jahre, in das Jahr 1982, in dem ich 16 Jahre alt und Helmut Kohl Kanzler wurde, verschiebt sich das Gefühl zu meinen Erinnerungen.
Ich lasse Vergangenheit teilweise an teilweise den Orten, die ich selbst quicklebendig “bespielte”, durch eine Figur “erfahren” und “wahrnehmen”, die völlig anders ist, als ich es je war. Als würde dadurch die emotionale Relation zu den von mir “gespeicherten” Jahren als zeitlich vorstrukturierten “Containern” des Erinnerns, zu diesem Flimmern “innerer Bilder” und sonstiger sinnlicher Wahrnehmungen und ihrer sich im Verlauf der Zeit immer mal verändernden Interpretationen, sich verändern.
Es heißt, auch fiktionales Schreiben sei eine Form von Therapie. Ob das bei nach gängigen Marktschemata schreibenden Autoren auch der Fall ist, denen, die Genres wie Krimis, Young Adult-Fantasy, Dark Academia, was auch immer bedienen, das können auch rechtskonservative Kolumnen und Meinungsstücke sein, gut bezahlte Tiraden, die ihren Rassismus nicht zugeben wollen und ihn mit Anekdoten würzen, während sie gegen “woke” fantasieren oder halluzinieren - ich habe keine Ahnung. Erfahrungen können sie eher nicht verarbeiten, “woke” dient ja zumeist als Strohmann für mangelnde Bereitschaft, Anderen, die man für minderwertig hält, Rechte zuzugestehen, die man exklusiv sich selbst vorbehalten möchte. Der Bezug auf Erfahrung kann in diesen Fällen allenfalls auf die gefühlte “Demütigung” sich richten, wenn Menschen, die klüger waren als sie selbst oder etwas tatsächlich besser wussten und darum das von ihnen Geschriebene nicht goutierten. So dass sie es zeitweise lieber beim CICERO versuchten, um mittlerweile auch im Falle von DIE ZEIT gutes Geld zu verdienen. Das kann schon sein.
Vielleicht arbeiten sie aber auch in Strukturen und basteln da vor sich hin, völlig unabhängig von eigenen Erfahrungen. Wie ich es bei manchen TV-Formaten eben auch praktizierte. Erlerntes, dem Format Angemessenes, Handwerk, Technik - in Üblichkeiten und Konventionen agitierend Sujets zu arrangieren und freudvoll hier und da mal einen Bruch hinein zu basteln, da, wo es der Markt bzw. die Kunden zulassen. Kann ja sein.
Vielleicht ist aber auch der vorauseilende Gehorsam gegenüber einer kommenden AfD-Regierung eine Form oder ein Genre wie Krimi oder Science-Fiction mit dem zusätzlichen Reiz, lange verdrängten Sadismus und die Lust an der Diskriminierung in rationalisierter Form ausleben zu können, ihn als funktionale Notwendigkeit zu behaupten und dafür auch noch gut bezahlt zu werden. Wenn man halbwegs progressiv orientiert ist, bleiben die Aufträge allmählich ja auch aus. Und wer will schon Ebbe in der Kasse.
Mein erster Roman “Das Erbe” (Öffnet in neuem Fenster) lag beinahe zwei 2 Jahre auf meiner Festplatte herum. Bei ihm habe ich mit einer relativ bekannten Struktur im Storytelling begonnen: “Save the Cat (Öffnet in neuem Fenster)”. Für jemanden, der so viel in Formatierungen gearbeitet hat wie ich, war das ein guter Einstieg. Ich hatte mir als Ziel gesetzt, wenigstens einen Roman geschrieben zu haben in meinem Leben, ganz unabhängig davon, ob ich ihn jemals jemandem zeigen würde oder auch nicht.
Andere Ziele hatte ich ja auch erreicht: den Magister abschließen und nicht - wie andere - kurz vor dem Examen in einen Job abzubiegen (die Möglichkeit hätte ich damals gehabt) und das Studium zu schmeißen. Noch einen “Doktor machen” (mit Mitte 50), eine Firma gründen - der anvisierte Grimme-Preis kam schon recht früh. Das Wissen aus meinem Studium (Philosophie, Soziologie, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte) implizit in Musik-Dokus und auch das Popkultur-Magazin TRACKS (ARTE) einfließen zu lassen - ich hatte von 2001 bis 2013 die Leitung der ZDF-Ausgabe dessen inne. Es gab verschiedene Zulieferer bei der ARD, konstant Program33 in Paris und eben uns.
Bei all den Produktionen von “Pop 2000 - 50 Jahre Popmusik und Jugendkultur in Deutschland” über “Sex’n’Pop” bis hin zu “Soul Power” nahm ich mir vor, einen Pop-Journalismus parallel zu dem zu generieren, der in Deutschland üblich war - abstrakt gesprochen mehr Gesellschaftstheorie, Geschichte und Ökonomie als Orientierung zu nutzen, um Culture Studies in einen solchen Rahmen zu integrieren. Ich wollte nicht so enden wie Benjamin von Stuckrad-Barre oder gar Ulf Poschardt. Die mögen zwar mehr Vermögen angehäuft haben als ich, aber persönliche Integrität erschien mir halt auch wichtig. Ich glaube, dass uns das in all den Teams, deren Teil ich war oder die ich leiten durfte, ganz gut gelungen ist.
Ich hatte mir vorgenommen, noch Dokumentationen über Philosph*innen als Autor und Regisseur zu realisieren. Bei zweien der mich am meisten Prägenden bekam ich dank ZDF/ARTE die Chance: Jürgen Habermas und Hannah Arendt.
Meine Dissertation “Docutimelines - Zur Produktion von Musikproduktionen (Öffnet in neuem Fenster)” fertigte ich zudem nicht an einer klassischen Universität im Rahmen der Medienwissenschaften oder Medienphilosophie an, sondern im Rahmen der Hochschule für bildende Künste in Hamburg und absolvierte dort noch ein Promotionsstudium. Schon zu Zeiten meines Philosophie-Studiums befiel mich manches Mal ein tiefes Misstrauen gegenüber den klassischen Wissenschaftssprachen. Bei aller Bewunderung für Jürgen Habermas, dessen “Theorie des Kommunikativen Handelns” noch den Rahmen meiner Dissertation bildet, zog es mich immer auch zu den Philosph*innen, die einen wuchtigeren, teils auch literarischen Stil pflegten - zur glänzenden, manchmal schillernden Rhetorik Michel Foucaults oder Jean-Paul Sartres Ansatz, mit Mitteln der Literatur zu philosophieren und jenen der Philosophie Dramen und Romane zu verfassen. “Künstlerische Forschung” bot die Möglichkeit, freier zu formulieren, stilistische Formatierungen aufzubrechen, Gedankengänge anders zu strukturieren. Das Ziel habe ich auch erreicht, das an der HfbK machen zu können.
Im Rahmen der Arbeit beim Fernsehen gab es immer wieder Phasen, in denen ich mehr Geld mit dem Schreiben als mit “Drehs” oder im Schnitt sitzend verdiente. Konzepte und auch Off-Texte, dafür buchte man mich - im Falle eines Spektrums von BRAVO TV über ProSieben Prime Time und das ZDF-Hauptprogramm bis hin zu ARTE und im Rahmen dieser Produktionen dann die Streuung von Popmusik bis hin zur Übersetzung zentraler Ansätze im Werk von Jürgen Habermas in für das ARTE-Publikum verständliche Formulierungen hieß das, immer wieder neue Sprachen zu lernen. Je nach medialem Genre und auch je nachdem, mit welchen Redaktionen man zusammenarbeitete, verschoben sich die Regeln, die Soziolekte, das mögliche Vokabular. Im Falle einzelner Doku-Abteilungen der ARD (ich schreibe nicht, im Falle welcher) hieß das auch: etwas zu verlernen. Weil das, was gefordert wurde, es nie durch die Textabnahme im Falle des ZDF geschafft hätte.
Effekt all dessen war das Verlernen der eigenen Sprache. Wenn es so etwas überhaupt gibt. Man tritt eh in präfigurierte Sprachen ein, orientiert sich in ihnen und das anders, je nachdem, ob man die BRAVO, einen Text von Kant oder einen Roman von Stephen King liest.
Um mich zum Fiktionalen durchzukämpfen, las ich verunsichert und durch die Arbeit beim Fernsehen auch dem entfremdet, was ich doch erst finden wollte, zunächst unzählige Texte darüber, wie man Romane schreiben müsse. Anschließend war ich noch verwirrter. Ich verfasste tatsächlich Jahrzehnte immer wieder neue Romananfänge und bin anschließend stecken geblieben. Als größte Herausforderung für mich erwies sich, das Verhältnis zur eigenen Biografie dabei zu ergründen.
Ich wollte nicht wie Edouard Louis einen Roman nach dem anderen über die eigene Familie schreiben. Ich hielte das für einen Vertrauensbruch und fände es auch langweilig. Warum etwas noch mal 1 zu 1 nachvollziehen, was man eh schon erlebt hat? Für manche Menschen ist das im Sinne der Traumaaufarbeitung und Selbsterkundung wichtig und sei hier auch nicht kritisiert. Aber mir erschien es immer wichtiger, Distanz zu meiner “Herkunft” zu gewinnen. Nicht, weil sie schlimm gewesen wäre. Sondern, weil ich möglichst immer wieder Neues erfahren wollte. Und sei es beim Schreiben.
Völlig ohne die eigenen Erfahrungen und Erlebnisse gelang es mir aber auch nicht. Zu meinen Erfahrungen gehörten die Lektüre von Philosophen, ja, das ist eine Erfahrung, kann eine umwälzende, sehr tiefe sein, weil sie künftiges Erfahren anders einfärbt und strukturiert, und das Genießen wie auch die Reflexion von Popkultur.
Beides sollte, so oder so, eine Rolle spielen in dem, was ich schreiben wollte. Nun aber autobiografisch Erlebnisse wie Interviews mit Blur, Joan Baez, den Spice Girls und The Cure aufzubereiten, das erschien mir eher sinnlos. Ein Ethos der Interviewführung hatte ich schon in meiner Dissertation ausformuliert, und es war spannend, aber nicht für einen Roman.
In “Das Erbe” löste ich es auf, indem ich eine Story rund um einen Philosophiestudenten in den House-Clubs auf St. Pauli erzählte. Ausgangspunkt war somit die eigene Erfahrung. Mich ärgerte es oft, dass in der Hamburger Lokalgeschichtsschreibung Phänomene wie die “Hamburger Schule” hochgejazzt wurden, während wir im “Or” direkt gegenüber derer Lokalitäten etwas völlig anderes erlebten - was durch Ignoranz abgewertet wurde.
So fand ich ein Setting. Ich hob Züge des schwulen Philosophiestudenten, der ich einst war, in einer der Hauptfiguren auf, ging über den realen Christian von einst hinaus und ließ ihn in eine Liebesbeziehung mit einem Eurodance-Produzenten eintreten. Mir war es zudem realbiografisch allenfalls phasenweise gelungen, so etwas wie eine “queere Ersatzfamilie” zu gründen; an sich mein Ideal in diesem Leben. Also rückte ich das Entstehen einer solchen in den Mittelpunkt der Geschichte.
Ich geriet in ernsthafte Rollenkonflikte. Eben noch den Bundespräsidenten zu Jürgen Habermas in “Schloss Bellevue” interviewt, und nun einen Roman mit einer schwulen Hauptfigur verfassen? War das noch seriös?
Es ploppen notwendig Elemente internalisierter Homophobie auf, versucht man so etwas. Die sitzen tief und sind stets reaktivierbar. Meines Erachtens wäre es falsch, Sex verschämt ins Off zu boxen, wenn man solch eine Figur in den Mittelpunkt rückt. Das macht Nelio Biedermann in „Lázár“ als Hetero schließlich auch nicht. Die Angst, für das eigene Begehren sanktioniert zu werden, saß als stets präsenter Schatten neben mir, während ich vor mich hingeschrieben habe. Die Diskussionen rund um die “Ehe für alle” bewirkten auch eine Domestizierung “devianten” Begehrens - so konnte die Mehrheitsgesellschaft vieles in die Privaträume verbannen, was sie verstörte oder bei vielen auch Aggressionen auslöste. Andere als heteronormative Praxen konnten unter “Lieb doch, wen Du willst!” verbucht und so die sexuelle Dimension der Wahrnehmung entzogen werden. Dass zunehmend Diskussionen rund um Kink und Fetisch im Falle von CSD-Demonstrationen bis hinein in “die Community” geführt wurden und auch polizeiliche Maßnahmen im Rahmen des “Vermummungsverbots” angesichts von Puppies nach sich zogen, das erschien mir als Grund, auch andere als die üblichen erotischen Formen in meinem Roman nicht ins Schweigen beamen zu wollen. “ Fifty Shades of Grey “ avancierte schließlich auch zu einem Bestseller. Obwohl ich verglichen damit solche Sujets dosierte. Etwas in die Richtung sollte eine Rolle im Plot spielen. So schrub ich es dann auch - nicht als dominantes Element, aber als eines, das auftaucht und im Rahmen der Entwicklung der Beziehung beider Hauptfiguren sie prägte.
Und wieder hielt mich die Furcht, mir damit selbst eine Rufschädigung zuzufügen, lange von der Veröffentlichung ab. Bis ich dachte “So what!”. Durch solche und weitere Entscheidungen näherte ich mich einer Sprache an, in der ich mich wohlfühlte, die “Achtung, Literatur!” gar nicht erst anstrebte und spürte, dass die Worte mir zuströmten. Eine, die erlernte Text-Techniken nicht vergaß und dennoch einen eigenen Weg suchte im steinigen Gelände des fiktionalen Storytellings.
Schon beim Verfassen dieses Romans fiel mir auf, dass ich sehr viel intensiver in den “Flow” geriet und auch etwas sich “in mir” veränderte, transformierte, wenn ich mich von den autobiografischen Zügen entfernte. Also anders als Edouard Louis zum Beispiel mich von der eigenen Vergangenheit “freischwamm”, ins Fabulieren geriet und dabei zugleich auch eine Alternativgeschichte zu meiner tatsächlichen Biografie entwickelte.
Ja, das ist sie, die Kraft der Imagination. Ich halte das für politisch bedeutsam. Nicht meinen Roman, diese Kraft als solche. Das ist ein im Falle der Realhistorie an Wahrheit orientierter Realismus auch, bedeutsam. Aber er verbleibt in dem, was geschah, fügt ihm nichts hinzu, mögen Expressives und Reflexives auch Medium sein. Diese Art von Text kann in eine berechtigte Anklage münden mit der Gefahr, dass man von dem, was kritisiert wird, weiterhin gebannt bleibt. Im Falle mancher Erfahrungen kann man diesem Bann auch nicht entrinnen. Dennoch, das zu vermeiden erschien mir beim Verfassen von “Das Erbe” wichtig. Ich wollte vor allem auch, dass Queers sich wehren, nicht einfach nur Opfer bleiben. Es durften Anklagen auftauchen, aber nicht unaufgelöst. Empowerment halt.
Beim Schreiben meines zweiten Romans nun arbeite ich mit einer Hauptfigur, die mit mir allenfalls noch den Musikgeschmack teilt und den Ort, an dem sie lebt. Ich bewege mich zurück in die frühen 80er Jahre, der Zeit meiner eigenen Jugend in Langenhagen und Hannover. Der Antiheld ist 12 Jahre älter, als ich es zu dem Zeitpunkt war; ein ehemaliger Bereitschaftspolizist. Er kämpft mit internalisierter Homophobie, verursacht durch u.a. bei der Polizei erlernte Ideale von Männlichkeit - er kämpft damit sogar buchstäblich. Eine Nahkampfausbildung durchlief er beruflich, ganz im Gegensatz zu mir. Die noch sehr ausgeprägte Schwulenfeindlichkeit der frühen 80er Jahre, als rosa Listen existierten, Großrazzien in Gay-Bars durchgeführt wurden, Menschen Platzverweise für Parks und öffentliche Toiletten erhielten und die Älteren durch den Nationalsozialismus und die kulturell bleierne Adenauer-Ära geprägt waren, thematisiere ich ausgiebig - und auch das, was das mit jemand potenziell gemacht haben könnte, der in einer Institution wie der Polizei arbeitete und sodann gefeuert wurde.
Das für mich Faszinierende ist: je weiter ich mich, trotzdem Orte auftauchen, an denen ich mich selbst als Teenager bewegte bis hin zu der Schule, auf die ich ging, von meinem tatsächlichen Erleben entferne, desto lebendiger breitet sich der Effekt des Schreibens in mir aus. Obgleich formal ein Krimi mit auch grausamen Sequenzen, möchte ich beim Schreiben ständig am liebsten in das hineinschlüpfen, was ich da erfinde. Das hätte ich so gar nicht erwartet. Die therapeutische Funktion des Schreibens verortete ich eher in “Aufarbeitung”, nicht in dem Kreieren einer parallelen Erlebniswelt - obgleich ich doch allein schon aufgrund des immensen Fantasy-Booms es besser wissen müsste. Es scheint in mir auch keine Trauer auf, meine Güte, Du arme Sau, was hast Du nur alles verpasst. Ganz im Gegenteil: eine Art “inneres Leuchten” glimmt auf und überstrahlt vergangene Emotionen.
Wiederum schreibe ich, wie schon in “Das Erbe”, vieles um popkulturelle Referenzen herum. Weil diese meinem tatsächlichen Erleben auch nie äußerlich blieben. Vor allem Musik, Kino-und TV-Ästhetiken, letztere wurden auch beruflich Sujet, als Zugang zu Gegenwart wie auch Historie als Vergegenwärtigter, ebenso das “Nachtleben” ziehen sich als Erfahrungsstränge durch mein Leben. Ich fand es immer unbefriedigend, wie das ansonsten in deutscher “Pop-Literatur” verarbeitet wurde. Ein anderer Zugang dazu macht mir Spaß. Im neuen Roman spiele ich auf “DIVA” und “Subway” an, lasse Synthie-Pop erklingen und erfinde Alternativen zum Punk.
Zunehmend erscheint es mir so, als würden diese Kraft des popkulturell gesättigten Imaginierens Teil dessen sein, was im Moment im Widerstand gegen die Faschisierung fehlt.
Das ist keine neue Erkenntnis für mich; aus dem Wissen heraus habe ich Musik-Dokus ja auch gestaltet. Manches in queerem Erfahren kann ich nur historisierend erzählen. Ich kann nicht wissen, erlebend nachvollziehen, wie die mit Dating Apps, einem freieren Zugriff auf Film, TV-Serien, einem breiten Angebot nicht Normiertem gemäßer Musik aufgewachsene Generation von Queers die Welt sieht. Klar, ich kann dazu recherchieren, mich eingrooven, manches habe ich auch erlebt, aber vor anderem Hintergrund. Als Sujet eines Romans erscheint es mir als zu schwierig.
Was ich versuche, ist, im Imaginieren Räume zu erkunden, die im historisch Realen Komponenten von aktueller Relevanz enthalten - auch widerständiger. Weil die Story-Telling-Ebene mir als zu wichtig erscheint als Motor der Politiken progressiver Kräfte.
Man kommt gegen die Faschisierung nicht an, wenn man nur argumentiert. Bei jedem Anti-Woke-Kommentar in den entsprechenden Sektionen bei Amazon, jedem neuen Homopropaganda- Gesetz, jeder verbrannten Regenbogenflagge fühle ich mich jedoch bestätigt. Sie haben ja Gründe, uns so zu hassen.
Weil wir als Stachel in ihrer totalitär durchnormierten Welt schon deshalb widerständig wirken, weil es uns gibt - weil wir im besten Fall frei und nonkonform unsere Existenz kultivierend ihre repressive und jederzeit vernichtungswillige Politik als reinen Terror gesellschaftlicher Gleichschaltung durch schlichtes Dasein entlarven können. Das gefährdet ihr Werk.
Und das soll es auch.