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2026 bessere Zukünfte entwerfen?

oder: dem ethnonationalistischen Mainstream bei Dreharbeiten zu einer Hannah-Arendt-Doku trotzen

Vorab: Ich habe mir nun auch eine Substack-Seite eingerichtet (Öffnet in neuem Fenster). Hier bei Steady ist alles anwenderfreundlich, sympathisch und ein gutes Projekt außerhalb der US-Server- und Unternehmenssphäre. Was fehlt: So etwas wie eine “Community” drumherum. Substack bietet den Vorteil, dass mit “Notes” so etwas wie X oder Bluesky direkt angeskoppelt ist. So kann ein fließender Übergang zwischen kurzen und langen Formen entstehen. Es gibt eine Timeline, in der man Anderen folgt und diese einem ggf. auch. Videos und Audio, z.B. Podcast, kann direkt in die Plattform geladen werden. Es gibt viel Kritik an Substack, weil dort auch offen agitierende Neofaschisten publizieren. Die ist ernstzunehmen - nutzt man Substack, sind die Algorithmen jedoch so programmiert, dass , anders als bei X, dieser Content nicht dominiert. In meiner dortigen Timeline taucht er gar nicht auf.

Letzteres, X, ist zu einer annähernd puren AfD- und NIUS-Dreckschleuder verkommen, zudem ein reines Propagandatool von Musk (die Person, der Name sei als Platzhalter für den neuen Technofaschismus verstanden). Eines, das alles weg drückt, was sich nicht der ethnonationalistischen Agenda fügt. Das unter “Meinungsfreiheit” zu verbuchen ist Neusprech, der dazu dient, progressive Begriffe unbrauchbar zu machen, indem man sie annektiert.

Bei Substack finden sich hingegen viel international entstehende Texte, auch und vor allem lange, zu Subjets und Themenbereichen, die in Dutschland nur noch in publizistischen Nischen zu finden sind. Dadurch, dass hierzulande immer alles auf eine imaginierte Mitte zielt, verschiebt es sich nach rechts, wenn der Gipfelpunkt der Normalsverteilung dort hin wandert. Es bleibt ein lediglich in Kleinstformaten vor sich hin vegetierendes Überleben des Besonderen, Speziellen, Abstrakten, Progressiven, Widerständigen, Marginalisierten- eine Dissidenz, in der man sich einrichten kann, aber nicht muss.

Ich werde von nun an parallel die gleichen Texte hier und bei Substack posten. Der erste Text, den ich dort veröffentlicht habe - unter der Überschrift oben -, sei somit auch hier publiziert:

2025 - für mich ein außerordenlich erfolgreiches Jahr. Und das inmitten einer Welt, in der viele Reiche und Mächtige allgemeine Menschenrechte als “woke” auf dem Müllhaufen der Ideengeschichte entsorgen wollen. In der völkisches Denken in Deutschland bis in große Feuilletons hinein Textmassen initiierte, die den Apologeten und Anhängern “ethnischer Reinheit” tiefe Empathie zuteil werden ließen und ansonsten niemandem mehr. Einem Szenario, in dem das Völkerrecht vor allem dazu diente, wahlweise ignoriert oder bekämpft zu werden. In dem sich selbst ermächtigende Exekutiven Gewaltenteilung als ineffizient aushebelten und umgingen, Pluralismus und ausdifferenzierte Gesellschaften als Gefahr beschworen wurden und die Algorithmen der großen Plattformen ihren Teil zur allgemeinen Gleichmacherei beitrugen.

Es tarnt sich derzeit als “Freiheit”, was die der Anderen ausradieren will. Was sie zu reinen Objekten systemischer Prozesse in Grenzregimen degradiert - systemisch in dem Sinne, dass gar nicht mehr einzelne Akteure maßgeblich wirken oder etwas bewirken könnten. Die gesellschaftlichen Prozesse gewinnen vielmehr Eigendynamik, indem die Grenzziehungen zwischen denen, die dazu gehören, und jenen, die “ausgemistet” werden sollen, das Handeln der Exekutive leiten und hervor bringen.

Inmitten dieses dys- und retropischen Szenarios durfte ich als Autor und Regisseur einer Dokumentation wirken, ZDF/ARTE und Vincent Productions sei dank, die sich dem Leben Hannah Arendts widmete. Sie kann derzeit noch in der ARTE-Mediathek (Öffnet in neuem Fenster) wie auch bei Youtube (Öffnet in neuem Fenster) angeschaut werden.

Ich arbeite seit 1993 in verschiedenen Funktionen, mal angestellt, mal mit eigener Firma, nunmehr frei für und in TV-Produktionen. Lange Jahre widmete ich mich eher der Popmusik, dieses nun ist mein zweiter “Philosoph*innen-Film” nach “Habermas - Philosoph und Europäer.” Sowohl mit Hannah Arendt als auch mit dem Werk von Jürgen Habermas beschäftigte ich mich seit über 30 Jahren mal mit hoher Intensität, mal läuft das, was ich von ihnen lernte, als Hintergrundwissen automatisch mit.

Beide vereint, dass sie auf unterschiedlichen Wegen einen moralischen Universalismus ausgearbeitet haben. Jürgen Habermas, indem er die Vorausstzungen gelingender und verständigungsorientiert-rationaler Kommunikation (formale Gleichheit, Wechselseitigkeit, die Partizipationsmöglichkeiten und das hypothetische Einbeziehen der Interessen aller möglicherweise von einer Norm Betroffenen einbeziehend) in den Mittelpunkt rückte. Hannah Arendt gewann aus ihren Analysen des Totalitarismus wie auch der gewaltigen Flüchtlingsbewegungen in der Mitte des letzten Jahrhunderts die “Formel” vom “Recht, Rechte zu haben”. Sie gilt für Staatsbürger und Nicht-Staatsbürger gleichermaßen und soll Schutz bieten vor der Totalitarismen prägenden Entrechtung und Ent-Individualisierung von Menschen. Beide unterscheiden Macht von illegitimer Herrschaft und nicht zu rechtfertigender staatlicher Gewalt; sehen Prozesse politischer Willensbildung und -begründung im vorparlamentarischen Raum als gemeinschaftliches Handeln sich formieren und so bestenfalls auf die gesetzgebenden und administrativen Apparate wirken.

Obgleich sich zumindest auf Hannah Arendt scheinbar alle einigen können, sei es der Bundeskanzler oder die Kuratoren der bayerischen Walhalla, die sie dort aufstellen wollen, zeigt sich in aktueller Politik sehr wenig, was sich auf sie berufen könnte. Habermas wird zudem häufig als “Denker der alten Bundesrepublik” vorsichtshalber gleich komplett entsorgt, und statt seiner Visionen einer demokratischeren EU zu folgen, schiebt sich, teilweise beworben und auch erzwungen von der US-Regierung wieder die Dystopie eines “Europas der Nationen” in den Vordergrund. Alles, was sich als Zivilgesellschaft auf Habermas und Arendt berufen könnte, sieht sich verschärft agressiven Attacken ausgesetzt. So dass es scheint, dass schon bald nur noch jene Äußerungen sanktionsfrei möglich sind, die von den Algorithmen der Milliardäre gepusht werden.

Allmählich mutiert so mein eigenes Handeln und Produzieren im Rahmen des Denkens dieser beiden Philosoph*innen, und das auch noch für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, zu einem Akt der Rebellion. Es ist gerade ein paar Jahre her, da wurde Jürgen Habermas noch als “Staatsphilosoph” geschmäht und es gelang mir, Joschka Fischer und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier für Interviews zu gewinnen. Im Zuge des allgemeinen Rechtsdralls erscheint sein Denken beinahe schon wieder radikal.

Dennoch: Im Zuge der Dreharbeiten für die Hannah Arendt-Doku in New York geschah Erstaunliches. Nicht nur, dass alle um uns herum in Manhattan Hoffnung schöpften, weil Zohran Mamdani zum Kandidaten der Demokraten für die Wahl des Bürgermeisters gewählt wurde. Auch, weil wir in Queens zwischen Obstständen, Imbissen von nepalesischer bis zu kolumbianischer Küche und Büros für Beratung in Migrationsfragen überall Binnensolidaritäten erlebten und selbst kurz, mit geschulterter Kamera, auf den Stand eines Gemüsehändlers aufpassten. Er bat uns darum. Auch, weil der Bekanntheitsgrad von Hannah Arendt immens hoch war. Als Filmteam erkennbar, wurden wir immer wieder gefragt, was wir denn drehen würden. Ich antwortete “Hannah Arendt, Documentary”. “Ach, das war doch die mit der “Banalität des Bösen”?” “Ja, stimmt, sie hat doch gleich hier um die Ecke gewohnt!” Den seltsamsten und für mich beinahe schönsten Moment erlebte ich in China Town, als ein Youtuber mich ansprach. Ach ja, Hannah Arendt, spannend, aber ob ich mich denn schon mal mit Habermas beschäftigt hätte? Und er begann, wortreich von dessen Denken zu schwärmen. Das waren nicht die Kommunikationen, die ich im MAGA-Land erwartet hätte.

Vor der letzten Wohnung von Hannah Arendt kamen wir ins Gespräch mit betagten Juden, die noch sehr jung einst aus Deutschland ins US-Exil geflüchtet waren und auch Nachfahren von Holocaust-Überlebenden. Wir lernten eindrucksvolle Biographien kennen und führten angeregte Diskussionen darüber, was im Jahre 2025 gegen Antisemitismus helfen könne.

Tasächlich sind diese Kommunikationen in realen Lebenswelten entscheidende Zutaten dessen, was Habermas und Arendt als Macht im positiven Sinne beschreiben. In diesem Austausch bilden sich die Sichtweisen und Argumente, die Gleichschaltungen im ethnonationalistischen Sinne widerstehen und das Denken öffnen können. Tatsächlich glaube ich, dass beide einen Rahmen und Kriterien für bessere Zukünfte entworfen haben. Deshalb die Überschrift.

Beide für mich so wichtigen Denker*innen haben jedoch, obgleich sie dazu schrieben, keine ausgefeilte Ästhetik entwickelt. In Arendts “Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft” taucht z.B. Film als Vehikel totalitärer Propaganda nicht auf, es sei denn, ich habe das überlesen.

Diese Dimension des Handelns und Gestaltens und seiner Gefahren prägt nicht nur die Produktion von TV-Dokumentationen, sondern Gesellschaften in hoch ausdifferenzierter Form durch und durch - wie nicht zuletzt der ganze neofaschistische KI-Kitsch in sozialen Netzwerken belegt.

Um mich dem Thema Ästhetik literarisch anzunähern, habe ich im letzten Jahr auch meinen Debut-Roman “Das Erbe (Öffnet in neuem Fenster)” veröffentlicht. Eine Geschichte rund um eine Gruppe Queers im Hamburg der frühen 90er Jahre, die House-Music (und Hildegard Knef) lieben und dank eines Millionenerbes in die Lage versetzt werden, Community-Building zu betreiben. Doch gewaltige antagonistische Kräfte leisten ihnen Widerstand …

So weit im Konkreten das, worum es hier auf meiner Substack-Seite gehen wird. Das ist in etwa der Rahmen: Sozialphilosophie, Medien und Ästhetik in verschiedenen künstlerischen Formen. Meine Videos mit eigener Musik können bei Youtube geschaut werden (Öffnet in neuem Fenster) (bald wohl auch hier), bei Instagram findet sich Aktuelles (Öffnet in neuem Fenster), und auf meiner Steady-Seite (Öffnet in neuem Fenster) können bisher von mir verfasste Texte gelesen werden. Ich werde von nun an parallel hier und bei Steady posten.

Ich bin Mitglied des DJV und im FC St. Pauli sowie Teil der Family der Queer Media Society (Öffnet in neuem Fenster) und gehöre keiner politischen Partei an. Selbstverständlich freue ich mich über Abonnenten - auch solche, die finanziell die Arbeit hier zu unterstützen bereit sind.

Kategorie Medien

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