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Ist Wolfgang Kubicki ein Feind der Freiheit?

Wolfgang Kubickis Angriff auf "Queer Theory" und Judith Butler im "Cicero": Über innere Widersprüche, antisemitische Strukturmuster und warum Freiheit nur in Pluralität existieren kann

Wolfgang Kubicki hat im Cicero einen Text veröffentlicht (Öffnet in neuem Fenster), der sich Liberalismus auf die Fahnen schreibt und seine Leser mit dem Versprechen einfängt, das Individuum gegen ideologische Zumutungen zu verteidigen. Der Text ist rhetorisch geschickt - und wurde vielleicht ja auch von einem Mitarbeiter, Grok nutzend, verfasst.

Er ist zudem, in jedem seiner zentralen Ansätze, in sich widersprüchlich - und in der Angriffslinie auf Judith Butler folgt er Mustern, die sich analytisch als strukturelle Analogien zu tradiertem Antisemitismus lesen lassen. Das verdient keine aufgeregte Empörung, sondern eine genaue Analyse - weil viele Formen des historischen Antisemitismus aufgrund einer Reduktion auf die Haltung zu Israel mittlerweile vermutlich gezielt überschrieben werden.

Deshalb vorab: mit Hannah Arendt halte ich das zionistische Projekt “Israel” für eine historische Notwendigkeit im Rahmen einer Fluchtbewegung vor nicht nur europäischem Antisemitismus und es gerade deshalb für geboten, die Arm in Arm mit Donald Trump vollzogene Politik Netanjahus in Gaza wie auch im Südlibanon harsch zu verurteilen. Gerade im Sinne des historischen Zionismus.

Nun aber zu Kubicki und seiner Selbst-Verortung in bestimmten deutschen Traditionslinien, die einen an Bürgerrechten orientierten Liberalismus eher schreddert denn einfordert.

I. Gesellschaftliche Determinanten zurückweisen, “biologische” proklamieren

Kubicki eröffnet mit dem Kernsatz einer “liberalen Anthropologie”: Der Mensch stehe im Mittelpunkt — nicht als Teil einer Gruppe, nicht als Objekt gesellschaftlicher Zuschreibungen, sondern als freies Individuum. Soweit zustimmungsfähig - nur, um mit Michel Foucault zu sprechen: “der Mensch, von dem man uns spricht und zu dessen Befreiung man aufruft, ist in sich schon das Resultat einer Unterwerfung, die tiefer ist als er”. Das betrifft alle materialen Menschenbilder. Es ist eine der vielen Aussagen Foucaults, die ihn zum Vordenker der Queer Studies werden ließen. Kubicki kennt ihn vermutlich nur vom Hörensagen, wenn überhaupt.

Was die Queer Theory Kubicki zufolge falsch mache, sei drum: Sie begreife den Menschen als Produkt seiner Umstände. „Verantwortung wird relativiert, Individualität dekonstruiert (Öffnet in neuem Fenster).” Das sei, so Kubicki, ein Rückfall hinter die Aufklärung.

Das lasse man wirken. Wer den Menschen als durch äußere Verhältnisse geformt , also deterministisch denkt, tilge seine Freiheit und Verantwortung.

Wenige Absätze später wendet sich Kubicki gegen das Selbstbestimmungsgesetz. Sein Einwand: Es „entkoppelt die Frage der Geschlechtlichkeit vollständig von objektiven Tatsachen (Öffnet in neuem Fenster).” Was sind diese Tatsachen? Biologische. Genetische. Körperliche. Das Geschlecht, das Kubicki verteidigt, ist kein selbst gewähltes - es ist ein gegebenes, ein von der “Natur” gesetztes, ein dem Individuum vorausliegendes. Dessen sich der Einzelne offenkundig noch nicht mal bewusst sein kann.

Der Unfug liegt schon darin, dass es sich im Falle der Geschlechtsangleichung ja gar nicht um einen “Geschlechterwechsel” handelt, sondern um das, was nur das Individuum wissen kann, nämlich, welchem Geschlecht es zugehörig ist und das auch leben zu können - in Freiheit und Selbstverantwortung. Es geht um den subjektiv gelebten Körper, den eigenen - und wie der empfunden und erlebt wird, kann keine Messmethode ermitteln. Dem Verfassungsgericht zufolge im Sinne des Grundgesetzes hat es Verfassungsrang, das Recht auf geschlechtliche Selbstbestimmung.

Ein Liberaler also, der Selbstbestimmung dezidiert zurück weist im Namen einer Fiktion von “Biologie”? Und zudem mit unsinnigen Begiffen wie “transsexuell“ um sich wirft, als handele es sich um einen Fetisch, nicht um eine Frage der Geschlechtsidentität? Bevor man Grok anwirft, kann man ja wenigstens die Basics zu verstehen versuchen, wozu man schreiben lässt. Mutmaßlich.

Was ist ihm zufolge denn sonst noch alles “biologisch” determiniert an Selbstverständnissen und Verhaltensdispositionen - und was hat das dann mit Freiheit, Individualität und Verantwortung zu tun? Wenn die “Biologie” Verhalten und Selbstverständnis bestimmt, dann kann man nicht einmal “ich” sagen - das wäre dann auch nur ein Effekt von “Biologie”.

Hier kollabiert sein eigenes Argument. Wenn der Mensch als frei gelten soll, weil er nicht Produkt äußerer Verhältnisse ist - warum sollte er dann Produkt seiner “Biologie” sein? Wenn das “Konstruiertwerden durch Diskurs” freiheitsfeindlich ist, warum ist das Fixiertwerden durch “Biologie” freiheitsfreundlich? Das “Biologische” ist in Kubickis eigenem Vokabular kein freier Akt, keine Entscheidung, keine Verantwortungsübernahme - es ist schlicht das, was dem Menschen passiert, ja, zugewiesen wird, bevor er überhaupt anfangen kann, Individuum zu sein.

Die “Biologie”, auf die Kubicki pocht, tilgt Individualität und Verantwortung halt auch. Anders als poststrukturalistische Theorien, die “Individualität” als etwas begreift, das durch administrative Akte, Überwachungs- und Normierungssysteme erst hergestellt wird. “Individualisierung” erfolgt Foucault zufolge, wenn Krankenkassen, Palantir und der Verfassungsschutz Akten über mich anlegen. Um mich identifizierbar zu machen, also ggf. behandeln, sanktionieren und verfolgen zu können.

Das philosophische Subjekt als Bedingung des Wissens haben die Poststrukturalisten destruiert, nicht Wolfgang Kubicki als Person, der in Strande vermutlich viel Gin Tonic und teure Weißweine trinkt. Das muss ein Politiker auch nicht unbedingt wissen. Dann sollte er dazu aber vielleicht auch keine Texte zur “Queer Theory” schreiben. “Individualisierung” im Sinne Foucaults, der als einer der Vordenker der Queer Theory wirkte, erfolgt, wenn ich Menschen in Raster erfasse, um sie kontrollieren und beherrschen zu können. Das ist klassische, sogar liberal lesbare Staatskritik. Kubicki will stattdessen den Staat bestimmen lassen, “Biologie” folgend Geschlechtszugehörigkeit zu verfügen - gegen die Selbstbestimmung des Individuums. Vielleicht als nächstes auch “Volkszugehörigkeit”?

Der Widerspruch in seinem Text springt einen geradezu an: Die eine Determination soll abgelehnt werden (soziale Verhältnisse prägen das Subjekt), die andere soll als unverrückbare Tatsache gelten (Biologie prägt das Geschlecht). Das ist kein Liberalismus. Das ist Naturalisierung als politisches Instrument, Biologisierung des Sozialen. Er kann ja mal recherchieren - oder Grok fragen -, was das für ein Paradigma ist, in dem er sich da bewegt. Wie diesem Denken sich nahe dem von Epstein und vielen aus dem Silicon Valley an der Eugenik situiert, strukturell.

II. Butler als die „Zersetzenden”: Antisemitische Strukturmuster in der “Theoriekritik”

Judith Butler taucht in Kubickis Text gleich zweifach auf - und beide Male in einer Funktion, die über bloße Theoriekritik hinausgeht.

Zunächst zur Struktur: Butler werden nicht als Philosoph*innen (Butler verstehen sich als non-binär, also: they) unter anderen diskutiert, deren Argumente man erwidern könnte. Sie fungiert als personifizierter Beweis für die Gefährlichkeit einer ganzen Denkschule. Dass ausgerechnet Judith Butler als eine ihrer wichtigsten Stimmen den Liberalismus offen ablehnt, ist kein Zufall. (Öffnet in neuem Fenster)” Wo sie das getan hat, wäre mir nicht bekannt. In “Hass spricht” tauchen viele liberale, staatskritische Argumente auf. Und weiter: Butlers Äußerungen zum 7. Oktober 2023 werden als Beweis ihrer „kühlen Menschenverachtung” gewertet. Besondere Herzenswärme und Menschenfreunlichkeit im Allgemeinen ist mir bei der FDP bisher auch nicht aufgefallen.

Was an dieser Passage der genauen Lektüre bedarf, ist nicht Butlers Position zum Hamas-Angriff - sie ist umstritten, meines Erachtens grundfalsch, und Kritik daran ist geboten. Treffsicher formulierte diese z.B. Seyla Benhabib unmittelbar nach dem 7. Oktober. Der Anlass: Am 1. November 2023 veröffentlichte eine Gruppe Intellektueller – darunter Judith Butler, Olúfémi O. Táíwò und Nancy Fraser – einen Brief mit dem Titel „Philosophy for Palestine“. Sie fordern darin einen Waffenstillstand als Anfang „einer kollektiven Aktion zur Befreiung”

Mein Einwand gegen euren Brief ist, dass er den israelisch-palästinensischen Konflikt allein durch die Brille des „Siedlerkolonialismus“ betrachtet und die Gräueltaten der Hamas vom 7. Oktober 2023 zu einem Akt des legitimen Widerstands gegen eine Besatzungsmacht erhebt. Indem ihr den israelisch-palästinensischen Konflikt als Folge eines Siedlerkolonialismus ausdeutet, lasst ihr die historische Entwicklung der beiden Völker außer Acht. (Öffnet in neuem Fenster)

Auch sonst ist der Text Benhabibs immer noch sehr lesenswert; ihre politischen Positionen, in denen sie oft Ansätze von Jürgen Habermas und Hannah Arendt zur Anwendung bringt, teile ich in fast allen Fällen.

Es ist nicht die Kritik an Butlers Haltung zum 7. Oktober, die an Kubickis Text aufstößt. Es ist die Semantik, in der Kubicki operiert, die Problem ist - und dass er die Queer Theory als Ganze, die nicht nur Schriften von Butler umfasst, sondern in sich eine hoch ausdifferenzierte Theoriehistorie umfasst, mal eben so im Vorbeigehen mit der Hamas identifiziert und ansonsten offenkundig gar nicht kennt.

Er suggeriert, wenn auch nicht in diesen Worten, “die Queer Theory” agiere „zersetzend” - Kubicki spricht von ihr als einer, die Institutionen „kapert” und Sprache „umgestaltet”. So bewegt er sich in einem Vokabular, das im deutschen politischen Diskurs eine nur schwer zu übersehende Geschichte hat. „Zersetzend”, „unterwandernd”, „nicht kulturschöpferisch tätig sein könnend” (in Kubickis Formulierungen: die Queer Theory beruhe nicht auf intellektueller Stärke“, “Nicht nur das Individuum verschwimmt in der undefinierbaren Soße, sondern auch die Einzelgruppen. Das ist kein Kollateralschaden der Queer-Theorie, sondern ihr Ziel (Öffnet in neuem Fenster)) - zudem implizit „entartet” im Wortsinn, also verstanden als denaturierend, aus der “Natur = Biologie” herausgefallen - diese Termini wurden im ersten Drittel des 20. Jahrhundert gegen genau jene Intellektuellen gerichtet, die als nicht verwurzelt, als “vaterlandslos” galten und in den “Volkskörper von Wirtsvölkern” “parasitär eindringen” würden, um ihn zu zerstören.

Zudem waren das in den Augen der hisorischen Antisemiten solche, die sich als illoyal nicht an das Nationale koppeln lassen - im konkreten, heutigen Fall taucht das Schema bezogen auf Israel wieder. Bei Kubicki nur indirekt - das ist jedoch m.E. der Diskussions-Kontext, in dem sein Text steht. Die Attacken auf Jüd*innen, die internationalistisch, kosmopolitisch, postnational agieren sind zu großen Teilen in diesem Sinne antisemitisch codiert. Gerade auch die auf Butler - im Allgemeinen. So haben Butler sich auch selbst geäußert, dass sie die Attacken auf sie als antisemitisch läsen. Im Falle Deutschlands ist das besonders gruselig, weil fortwährend nicht-jüdische Antisemitismusbeauftragte aus Haltungen zu einem Nationalstaat, Israel, heraus Jüd*innen als Antisemit*innen diskreditieren, ja, im Sinne Foucaults zugleich individualisieren wollen. Von außen. Als Platzzuweisung. Es wird Jüd*innen noch nicht einmal zugestanden, in einer postnationalen Konstellation zu denken und sich selbst in der jüdischen Historie zu definieren.

Angesichts der Wirkungen der Nationalismen im 20. Jahrhundert, in denen in Deutschland Jüd*innen die “Volkszugehörigkeit” abgesprochen wurde, sollen sie nun im Sinne der deutschen Wiedergutwerdung und des Staates Israels, wie Netanjahu ihn versteht, sich zu letzterem, als noch nicht einmal zu den USA im Falle Butlers, bekennen. Um sie wenigstens irgendwie mit dem Nationalen wieder in Verbindung bringen zu können.

Das ist eine Attacke auf die “jüdischen Kosmopoliten”, die man auch in den 20er Jahren häufig zu hören bekam. Für viele Jüd*innen weltweit ist Israel aus guten historischen Gründen der zentrale Bezugspunkt. Für andere nicht. Das sind ausdifferenzierte Communities, wie alle anderen auch, und viele in ihnen haben auch kein Interesse daran, sich für das Agieren Netanjahus in Haftung nehmen zu lassen.

Dass nun ausgerechnet der ehemalige Vizepräsident des deutschen Bundestages indirekt verordnen will, wie Jüd*innen sich zu verstehen und zu positionieren haben - im Falle von Preisverleihungen, dazu später mehr -, das ist angesichts der deutschen Historie ein Skandal.

Denn Butler sind jüdisch. Sie sind US-amerikanische Philosoph*innen, die in einer transnationalen akademischen Öffentlichkeit operieren. Sie beziehen sich explizit in ihren Schriften auf jüdische Traditionen, und welche da jeweils herangezogen werden, das ist in jüdischen Communities ebenso ausdifferenziert wie in allen anderen auch.

Und Butler werden nun auf ihre Haltungen zu Israel reduziert und zudem als jene behauptet, die tradierte Geschlechterordnungen “zersetzen”, denaturieren, also “entarten” würden - im oben genannten Sinne.

Das ist zudem eine Attacke auf den Universalismus der Aufklärung, der gleiche Rechte für alle Menschen forderte - also auch für Araber. Wie steht der “Liberale” Kubicki denn dazu?

In der antisemitischen Gedankenwelt des 19. und 20. Jahrhunderts war es “der Jude” - und in besonderem Maße die jüdische Intellektuellen -, der als Kosmopolit “ohne Heimatboden” und “Verwurzelung in Grund und Scholle” als Zerstörer organisch gewachsener Kulturen, als intellektuell destruktiv statt konstruktiv galt. Die historische Formel lautete: Jüdinnen und Juden könnten analysieren und auflösen, aber nicht aufbauen; sie würden zerstören, was andere geschaffen haben. So die antisemitischen Stereotype. Nun also durch “den Liberalismus” re-formuliert. Auch kein neuer Vorwurf, übrigens. Den gab es im 19. Jahrhundert auch schon.

Es wäre falsch zu behaupten, Kubicki bediene sich dieser Muster bewusst oder absichtsvoll. Aber es wäre ebenso falsch, die Strukturanalogie zu übersehen. Wenn jüdische Philosoph*innen, die in transnationalen Netzwerken denken und politisch für gesellschaftliche Paria eintreten - für Queers, für Palästinenser, für Menschen am Rand der Mehrheitsgesellschaft - als Verkörperung einer nun auch noch “den Liberalismus” “zersetzenden” Ideologie präsentiert werden, dann wiederholt diese Geste ein bekanntes Skript. Nicht wortwörtlich. Aber strukturell.

Besonders aufschlussreich ist Kubickis Kritik an Butlers Verhalten während des Berliner Christopher Street Days, dessen Organisator*innen ihr einen Toleranzpreis verleihen wollte. Dass Butler diesen Preis ablehnten mit dem Vorwurf, der CSD sei zu rassistisch und schließe migrantische Perspektiven aus - das nennt Kubicki „absurd” und „tragisch”. Was er nicht in Betracht zieht: dass Philosoph*innen, die aus einer Position sozialer Marginalität heraus denken, andere Maßstäbe anlegen könnten als das bürgerliche Establishment der Mehrheitsgesellschaft. Zudem: Freiheit ist auch die des politischen Urteils - und ebenso, daraus handelnd Konsequenzen zu ziehen und dafür auch die Verantwortung zu übernehmen. Kubicki gesteht Butler noch nicht einmal die Freiheit zu, selbst zu entscheiden, welche Preise sie annehmen will und welche nicht. Für Kubicki bildet Liberalismus wohl das Zwangssystem, sich so zu entscheiden, wie er es tun würde.

Das ist genau die gesellschaftliche Position von Juden und anderen gesellschaftlichen Minderheiten in der europäischen Geschichte bestimmte: Man ist bereit, die Marginalisierten zu tolerieren - solange sie die Spielregeln der Mehrheit (als deren Sprecher sich Kubicki behauptet) akzeptieren, solange sie dankbar sind, solange sie keine weitergehenden Forderungen stellen.

Sobald sie darüber hinaus gehende Solidarität und Emanzipation einfordern, sobald sie die Logik der Toleranz selbst infrage stellen, werden sie als undankbar, als unzumutbar, als gefährlich eingestuft - und als unaufgeklärt. So ungefähr argumentierte schon Heinrich von Treitschke in dem berühmten Text aus dem späten 19. Jahrhundert, der in “Die Juden sind unser Unglück“ gipfelte. Das seien sie dann, wenn sie sich nicht an seine Vorstellung des Liberalen und der Aufklärung assimilieren, sinngemäß.

Butler, die den CSD-Preis ablehnten, weil er ihnen nicht solidarisch genug war - das schlägt für Kubicki nun auch noch in eine Assimilationsforderung an andere Queers um: Spätestens da hätte man sich von dieser Theorie und ihrer prominentesten Vertreterin lossagen müssen. (Öffnet in neuem Fenster)

Weil sich Butler gegen die Diskriminierung Marginalisierter auch in der Community stellte? So funktioniert das, was man “Homonationalismus” nennt: Schwule und Lesben duldet die Toleranz der Mehrheitsgesellschaft so lange, wie der strukturelle Rassismus in ihr mit ihnen gerechtfertigt werden kann. Ansonsten sei Vielfalt aber ja auch kein staatliches Förderziel. Sagt Karin Prien.

Die sonst oft von Rechtsradikalen bediente Masche Kubickis, durch freie und willkürliche Assoziation von nicht miteinander zusammenhängenden Ansätzen strategische Vorteile erlangen zu wollen, selbst wenn dummes Zeug dabei herauskommt, wird auch in folgendem Passus deutlich:

“Echte Befreiung – so die radikalen Vertreter – bestehe nur in der Überwindung dieser Strukturen und damit der „Heteronormativität“. Das klingt alles sehr revolutionär und erinnert nicht zufällig an Klassenkampfrhetorik, denn es ist eine dezidiert linke Weltanschauung.” (Öffnet in neuem Fenster)

Ein kühner Dreischritt, der vor allem Wirkungstreffer erzielen will, vermutlich wissend, dass da Unsinn formuliert wird.

“Heteronormativität” als Begriff entwickelt Michel Foucaults Analysen in “Sexualität und Wahrheit 1: Der Wille zum Wissen” weiter. Diese wurden explizit als Kritik am Freudomarxismus formuliert, der Verbindung von Psychoanalyse und Marxismus, konkret in den Werken von Wilhelm Reich und Herbert Marcuse. Es ist eine Kritik an der radikale Linken der 60er und 70er Jahre, für die “Homosexualität” eh nur als “Nebenwiderspruch” galt, weil der Klassenkampf das Primäre sei.

Foucault analysiert, wie in der Psychopathologie des späten 19. Jahrhunderts alle Formen der “Sexualität” (die selbst nicht als Ausagieren von Lüsten und wechselseitigem Begehren, sondern als Gegenstand der Forschung in der Psychiatrie - zum Beispiel durch Richard von Krafft-Ebing - rekonstruiert wird), die nicht der Fortpflanzung dienten, erst diskursiv hergestellt und sodann der Behandlung zugänglich gemacht wurden. Das betraf sowohl “hysterische Frauen”, die sich nicht von ihren Männern vergewaltigen lassen wollten, als auch gleichgeschlechtliche Praxen. Die Psychiatrie erfand “Krankheitsbilder”, um die Massen dazu zu bringen, sich von diesen Devianten abzugrenzen und sich brav fortzupflanzen. Die Abweichenden folterte man in Konversionstherapien, mit Elektroschocks, im Nationalsozialismus auch mittels Kastrationen und unterzog sie in den USA manchmal Lobotomien. Mit anderen Worten: führte ihnen Eispickeln ähnelnde Werkzeuge in die Augenhöhle ein, um Verbindungen im Gehirn zu zerstören. Die “Patienten” erlitten dabei schwere Hirnschäden und waren anschließend zwar brav, aber geistig behindert. Und das alles im Sinne der Norm, dass alles, was nicht zu den “reproduktiven Formen der Sexualität” gehört, wie es im Wahlprogramm der AfD Sachsen-Anhalt heißt, zu sanktionieren sei. Das meint “heteronormativ”. Auch vor dem Hintergrund, dass bereits die Forschungen Kinseys gezeigt hätten, dass “rein” heterosexuelle oder homosexuelle Orientierungen eher an den statistischen Rändern existierten. Es wurde also auch darauf gezielt, verschiedene Stufen bisexueller Orientierung zu disziplinieren, mit anderen Worten: sie in die Unfreiheit zu zwingen.

Den “Klassenkampf” sucht man da vergebens. Auch die Identifizierung von allem, was links steht, mit Formen des “Klassenkampfes” als “Systemumsturz” zu assoziieren, ist m.E. Demagogie. Kubicki setzt aber noch einen drauf:

“Es geht also nicht um das Ringen um den besten Weg im bestehenden System, sondern um dessen Überwindung.” (Öffnet in neuem Fenster)

Schreibt er in Bezug auf “Heteronormativität”. Das ist reinster Trumpismus: die Schwulen und die Lesben und die Transmenschen wollen die “westliche Ordnung überwinden”, wenn sie für sich für die Freiheit des Begehrens einsetzen. Kubicki spezifiziert noch nicht einmal, was “das System” denn nun sei.

Das ist anschlussfähig für Putin-Propaganda und die AfD. Mit “liberal” hat das nichts mehr zu tun. Das ist auch dann nicht harmlos, wenn ein alternder FDP-Politiker das in einem eher randständigen Blatt wie “Cicero” schreibt - wie sich spätestens in dem autoritären Agieren von Weimer und Prien gezeigt haben dürfte. Weimer suggerierte Verfassungsschutz-Erkenntnisse im Falle von Buchhandlungen, deren Fassade ihm nicht gefällt - um sie öffentlich, ob nun als Privatperson oder im Amt, als “Extremisten” zu behaupten. Prien entzieht queeren Projekten pauschal die Förderung. Dass auch bei einem wie Dobrindt damit gerechnet werden kann, Queer Studies im ersten Schritt als extremistisch zu behaupten unter Berufung auf Kubicki und in Verfassungsschutzberichte zu zwingen und im zweiten Schritt Queerness als solche, das ist bei einem Innenminister, der Politikern wie De Santis, Gouverneur von Florida, ideologisch nahesteht, keine allzu tollkühne Vermutung. Ist ja alles so was wie “Klassenkampf gegen das System”.

III. Desidentifikation als Praxis der Freiheit: José Esteban Muñoz gegen den Marktliberalismus

Kubicki schließt seinen Text mit der Forderung, der Liberalismus müsse sich von allen Vereinnahmungsversuchen befreien und Antworten aus sich selbst heraus entwickeln. Der Liberalismus, den er meint, ist der des freien Individuums, das auf einem Markt der Lebensentwürfe seine Existenz wählt - geschützt durch den “neutralen Staat”, der keine Lebensstile bewerte.

Dieser Liberalismus so, wie Kubicki ihn vertritt, hat ein fundamentales Problem: Er naturalisiert die Verhältnisse, unter denen das Individuum wählt. Er tut so, als sei die Wahl neutral, als brächten alle Menschen gleiche Voraussetzungen mit, als sei Freiheit etwas, das sich von selbst einstellt, wenn der Staat nur aus dem Weg geht. Was er ausblendet, ist die Frage: Welche Körper gelten als normal? Welche Lebensweisen sind unsichtbar oder haben sich gefälligst an Kubicki anzupassen, wenn es um Preisverleihungen auf CSD-Veranstaltungen geht? Wer trägt die Kosten der Normabweichung?

José Esteban Muñoz hat in “Disidentifications: Queers of Color and the Performance of Politics” (1999) ein Konzept entwickelt, das diesem Problem anders begegnet. Desidentifikation ist weder bloße Assimilation an mehrheitsgesellschaftliche Normen noch deren vollständige Ablehnung. Sie ist eine dritte Praxis: das Bearbeiten, Umprägen, Unterwandern von Mehrheitskulturen durch diejenigen, die von ihnen ausgeschlossen werden - nicht um außerhalb des Systems zu stehen, sondern um innerhalb seiner Widersprüche Räume der Freiheit zu schaffen. Wenn Kubicki schreibt:

“(…) dabei kann niemand schlüssig erklären, was „queer“ überhaupt ist. Denn die ständige Neuinterpretation und Öffnung des Begriffs ist ebenso erklärtes Mittel dieser Theorie. Es ist ein Spiel, bei dem ständig die Spielregeln neu erfunden werden – mit fatalen Folgen für die Gruppen, die sich eigentlich angesprochen fühlen sollen.” (Öffnet in neuem Fenster)

- dann verdankt sich auch der Erfahrung dessen, was passieren kann, wenn man sich vom Staat und Leuten wie Kubicki identifizieren lässt. Wenn man ihnen die Deutungshoheit überlässt, wie und wer man sei. Weil man dann auch schnell auf rosa Listen landen kann, den rosa Winkel angeklebt bekommt oder in Elektroschocktherapien landen kann, bis Anfang der 90er Jahre als eh krank galt (wie heute trans), einem abgesprochen wurde und wird, dass es einen überhaupt gibt (wie heute trans) - oder weltweit in vielen Ländern auch im Knast landen, aus Bibliotheken und Universitäten auch in den USA hinaus zensiert werden kann. Letzteres scheint Kubicki ja auch hierzulande zu fordern:

“In Köln gibt es sogar einen Masterstudiengang in „Gender und Queer Studies“.” (Öffnet in neuem Fenster)

Skandal! Muñoz hat in Manhattan auch an einer Universität gelehrt. Weg damit! Als nächstes fordert Kubicki vermutlich, wie in Florida auch die Soziologie abzuschaffen - weil die ja “links” und “klassenkämpferisch” sei und zum “Systemwechsel” auffordere.

Diese Praxen des Umcodierens, sich nicht fixieren Lassens, der Verschiebung von Worten und Gesten, der Zeichen und Blicke sind etwas, das wir uns sogar aneignen mussten - um in einer feindseligen Umgebung überleben zu können. Wir mussten lernen, damit zu spielen - um nicht verprügelt, ermordet oder verhaftet zu werden.

Michel Foucault proklamierte, sich als homosexuell erst einmal erfinden zu müssen - um sich dem psychiatrischen Vokabular, das anschließend Behandlung oder Inhaftierung forderte und fordert, zu entziehen -, sich dabei gar nicht über sexuelle Praxen, sondern über Freundschaftsverhältnisse zu definieren und das eigene Leben als Kunstwerk zu begreifen. Künste definieren nicht, sie gestalten, kreieren neue Formen, spielen mit ihnen, unterlaufen sie und machen daraus Musik, Gemälde, Skulpturen, Filme und Serien. Und gelingende Leben.

Männer wie Kubicki haben in jedem System ihren Platz. Der hätte auch in Russland Karriere gemacht, in China oder in Chile unter Pinochet. Vermute ich zumindest.

Wir nicht. Wenn er seine Traktate im Cicero verfasst, bringt er sich nicht in Gefahr. Ich mich schon, wenn ich hier unter Real Name als schwul schreibe - erst recht, seitdem immer mehr autoritäre und totalitäre Regime Social Media scannen und auf Basis der Resultate Menschen verfolgen. Ich habe das auch lange nicht gemacht, unter Real Name solche Texte zu verfassen. Weil einem das im Job erhebliche Probleme verschaffen kann. Nicht schwul zu sein, aber eigenständige queere Perspektiven zu formulieren. Es birgt in sich ein wirtschaftliches Risiko, das ein Kubicki nie eingehen musste. Ich muss mich darauf einstellen, dass ich im Falle von AfD-Regierungen, mit oder ohne CDU und FDP an deren Seite, Konsequenzen erleiden könnte. Kubicki fordert ja schon indirekt, Leute wie mich aus Universitäten zu tilgen, die sich auf die Queer Studies berufen. Ich mache das mittlerweile, unter Real Name, so etwas zu schreiben, weil die Lage - auch aufgrund von Wolfgang Kubicki - für uns sehr ernst geworden ist und man dagegen ankämpfen muss. Und es mir um Freiheit statt FDP geht.

Der Queer Studies-Vertreter José Esteban Muñoz denkt Freiheit umfassender - als performative Praxis (das knüpft an Butler an, Geschlecht ist eine Performance, auch die Inszenierung von Männlichkeit im Falle Wolfgang Kubickis) in und gegen Machtstrukturen. Freiheit entsteht nicht allein durch den Rückzug des Staates, sondern in der Pluralität. Das vertrat auch Hannah Arendt so. In der Koexistenz von Lebensformen, die nicht - wie Merz, Kubicki und die anderen das wohl gerne hätten - auf Marktkompatibilität reduziert werden können, die nicht erst durch den “liberalen” Kanon der Normalisierung und Individualisierung als Verwertbarkeit hindurchmüssen, um Gültigkeit beanspruchen zu können.

Das ist kein Angriff auf Individualität. Es ist deren Radikalisierung und Entfaltung: Individuen sind verschieden, sie sollen frei sein können, ohne sich fixieren zu lassen von Ämtern mit ihrer Bürokratie und FDP-Politkern. Die Verschiedenheit der einen schränkt die Freiheit der anderen nicht ein.

Wirkliche Pluralität entfaltet sich nicht als das Nebeneinander von kommerzialisierbaren Lebensstilen. Also anders, als der Marktliberalismus dies imaginiert - die denken dabei vermutlich an das Individualisieren durch Erstellen von Profilen, solchen, wie sie die KI bei Instagram generiert, um Werbung schalten zu können. Oder sie von Palantir auswerten zu lassen und daraufhin zu entscheiden, wer als nächstes deportiert wird.

Eine Welt der Individualitäten ist hingegen eine, in der Gestaltungsmöglichkeiten im Umgang mit dem je eigenen Sein und dem der Anderen sich frei entfalten können. Keine, in der Determiniert-Sein durch “Biologie” Menschen im Leiden verrecken lassen will.

Wirkliche Pluralität verlangt, dass die Bedingungen, unter denen Menschen ihr Leben selbstbestimmt gestalten können, als politisch zentral gelten. Als Kriterium der freien Entfaltung der Persönlichkeit. Man lese und staune: Das steht alles so im Grundgesetz. Kubicki hält das vielleicht für illiberal oder gar nicht “das System”.

Denn Kubicki will das alles nicht. Er will einen Liberalismus, der das bestehende System der Normalität - “biologische”, heteronormative, mutmaßlich auch nationale Verwurzelung - als neutrale Voraussetzung annimmt und erst dann Freiheit gewährt. Das ist kein Liberalismus. Das ist ein biologistischer Rechtskonservativismus, der sich als Liberalismus tarnt.

Wer ist hier der Freiheitsfeind?

Kubickis Text endet mit dem Aufruf, Liberale müssten Dinge beim Namen nennen - und wenn sie dafür beschimpft werden, müssten sie es umso lauter tun.

Also beim Namen genannt: Wer Menschen auf ihre “Biologie” reduziert und diese Reduktion als „objektive Tatsache” verkauft; wer jüdische Philosoph*innen in Termini beschreibt, die strukturell antisemitischen Mustern folgen, ohne dies zu reflektieren; wer Freiheit als etwas denkt, das erst nach der Unterwerfung unter Normierungen beginnt - der ist kein Liberaler.

Kubicki ist, gemessen an seinen eigenen Maßstäben, ein Freiheitsfeind. Nicht weil er rechtskonservative Positionen vertreten würde - das täte er immerhin offen. Sondern weil er diese Positionen als liberale verkauft und dabei genau das tut, was er der Queer Theory vorwirft: Er benutzt das Vokabular der Freiheit, um Ausschluss zu produzieren.

Die Freiheit, die Muñoz meint - und die Butler, so ausdifferenziert ihre Positionen sind, in ihren besten Arbeiten einlösen - ist schwieriger, anspruchsvoller und für Marginalisierte notwendig. Sie verlangen mehr. Diese Ansätze, dass man die eigene Normalität zur Disposition stellt. Das ist unbequem.

Aber es ist die einzige Freiheit, die diesen Namen verdient.

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Dieser Text ist eine Auseinandersetzung mit Wolfgang Kubickis Kolumne „Die Queer-Theorie ist nicht liberal”, erschienen am 28. März 2026 im Cicero und oben mehrfach verlinkt. Die theoretischen Bezüge: José Esteban Muñoz, Disidentifications (1999); Judith Butler, Gender Trouble (1990) und Notes Toward a Performative Theory of Assembly (2015); Michel Foucault, Überwachen und Strafen (1975) und Sexualität und Wahrheit 1: Der Willen zum Wissen (1976)

Kategorie Gesellschaft

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