AfD-Wähler*innen "verstehen" zu wollen hat Konjunktur. Seit Jahren erscheinen Bücher zum Thema voller Empathie, Nachsicht und sehr ähnlichen Erklärungsansätzen: schuld sei, dass eine vertraute Welt zusammenbrach und nun auf einmal so “grauenhafte Phänomene” wie Sexualkundeunterricht durch Drag Queens (falls es den je irgendwo gab, so what?), auch mal ein paar mehr als nur zwei oder drei als Muslime gelesene Menschen in der Fußgängerzone anzutreffen sind und nicht mehr alle Kommissare im Regio-Krimi aussehen wie “reinrassige Arier”.
Die Diagnose ist zumeist, dass durch die Neuen Sozialen Bewegungen der 60er und 70er Jahre - schwarze Bürgerrechtsbewegung, Studentenbewegung, Hippie-Gegenkulturen, Frauenbewegung, Schwulenbewegung, Öko-Bewegung - alles als normal und auch normativ gültig Empfundene nunmehr erodiert sei und "die Menschen" sich in ihrer Welt nicht mehr zurechtfänden.
So bildeten sich "rechte Gefühle", die getriggert werden könnten vor allem dann, wenn die Mittel einst progressiver Gegenkulturen gestohlen, diese aber gegen sie verwendet würden. Es werden linke Hegemonien behauptet (das folgt Gramsci), die "Verengung von Meinungskorridoren" forciert (das ist Denken frei nach Michel Foucault), freie Meinungsäußerung "Andersdenkender" würden unterdrückt (auch diese "Repressionhypothese" wirkte einst eher in linken Gegenkulturen) und man müsse gegen "das System" ankämpfen (solche Slogans gab es immer auch auf der Linken, da z.B. gegen den "militärisch-industriellen Komplex" z.B. gewendet).
Und sowieso unterdrückten längst "Feminazis" aufrechte, echte Männer und nutzten sie ökonomisch nur aus.
Liest man diese Diagnosen, dann scheint es manchmal wirklich so, als müsse nur der Paragraf 175 wieder eingeführt und Drags verboten, Frauen das Wahlrecht entzogen und sie an den Herd zurück verpflichtet, alle Nicht-Weißen lediglich "remigriert" werden und Mülltrennung verboten, dann sei die AfD auch ganz schnell weg vom Fenster.
Das könnte ja wahr sein, weil sie ihre Ziele dann erreicht hätte.
Typisch für all diese Nachtwey- und Amlinger-Traktate ist, dass die Gefühle, Empfindungen, Sichtweisen, Erfahrungen, Analysen, Forderungen derer, die durch die Neuen Sozialen Bewegungen ein paar Freiheitsspielräume erhielten und nun offen bedroht werden, nie auftauchen. So wird die Gefühlspolitik der Rechten und ihre Strategie in der Aufmerksamkeitsökonomie fortwährend gestützt. Sie dürfen besorgt sein, Andere nicht.
Vielleicht gibt es aber ja doch noch einen anderen Weg. Bei Youtube ploppen derzeit immer häufiger Videos von "Erwachten" auf. Solchen, die das Dauerfeuer "rechter Alternativmedien" schon selbst nicht mehr aushalten, obgleich es lange Zeit ihr Weltbild prägte. Hier scheinen andere Modelle des "Ausweges" auf.
Es sind Videos von jungen Männern, die aus ihren Problemlagen berichten und sich als typischer Adressat der rechten "Alternativen Medien" sehen und von deren Botschaften einwickeln ließen. Sie seien im folgenden einfach nur zusammengefasst. Es sind zwei Videos von “Charly The Giant (Öffnet in neuem Fenster)” dabei; eines von “Portable Orange (Öffnet in neuem Fenster)”. Vielleicht sollte man die ernst nehmen, anstatt immer nur, und sei es auch versteckt, "Victim Blaming" zu betreiben und nun Drag Queens und trans Menschen demagogisch für den Aufstieg der Neofaschisten verantwortlich zu machen.
Die Verführung: Wie junge Männer in die Alt-Right-Falle tappen
Die Radikalisierung junger Männer folgt einem erkennbaren Muster. Sie beginnt selten mit explizit rechtsextremen Inhalten, sondern mit scheinbar harmlosen Einstiegsdrogen: dem Versprechen von Freiheit, der Rebellion gegen das Establishment, der Suche nach Orientierung in einer komplexen Welt. Die Helden und rechten Influencer, die genannt werden, sind immer dieselben. So Jordan Peterson (Öffnet in neuem Fenster), dieser erklärt Hierarchien als natürliche Phänomene, Andrew Tate (Öffnet in neuem Fenster), er verspricht Erfolg bei Frauen, Joe Rogan (Öffnet in neuem Fenster), der bietet eine Plattform für "verbotene Wahrheiten" aus "echter Männersicht". Für junge Männer, die sich nutzlos und orientierungslos fühlen, wirken diese Figuren wie Leuchttürme in der Dunkelheit.
Die Rechte hat systematisch Räume besetzt, in denen sich junge Männer aufhalten: die Mannosphäre mit Gym-Culture, Gaming-Communities und Self-Made-Narrativen. Sie bietet einfache Antworten auf komplexe Fragen und stilisiert ihre Protagonisten zu modernen Rebellen. Tommy Robinson (Öffnet in neuem Fenster) würde zum Märtyrer der Meinungsfreiheit, nicht wegen seiner Inhalte, sondern weil der Staat gegen ihn vorgeht – ein Mechanismus, den Aktivisten wie er bewusst provozieren. Sie suggerieren so, dass, wenn der Staat so massiv gegen sie vorgehe, derart allergisch darauf reagiere, dass sie in ihrer Agitation gegen Islam und Muslime "Klartext reden", an dem, was so unterdrückt würde, wohl etwas dran sein müsse.
Die Strategie der Rechten: Sei kein Weichei!
Das zentrale Erfolgsrezept der Alt-Right ließe sich in einem Satz zusammenfassen: "Make the left a pussy, and nobody wants to be a pussy." Ich bitte um Entschuldigung, aber so drastisch reden die nun mal. Kein Weichei sein. "Woke" sei unsexy, unmännlich, nicht kämpferisch, lasch. Tatsächlich kenne ich diese Zuschreibungen seit den frühen 80er gegen damals "Ökos" (ich war zeitweise einer davon): diese Softies böten sich als Identifkationsfigur für Heranwachsende nicht an. Die Linke wird systematisch als schwach, verweichlicht und unmännlich dargestellt – Veganer, "Gutmenschen", moralinsaure Besserwisser. Diese Strategie trifft die Disposition zur Unsicherheit junger Männer und triggert sie. Gerade jene, die über wenig kulturelles Kapital verfügen, nicht mit Bildung glänzen können oder aus keinem Elternhaus stammen, in dem man lernt, wie man in teuren Restaurants einen Anzug tragend sich verhält. Häufig ist die Statusgewinnung durch aggressive Körperlichkeit dann die Alternative.
Für die Alternative Rechte, die Neofaschisten, wie auch immer man sie nennen will, sind jedoch gerade jene attraktiv als zu Rekrutierende, die auch das nicht können. Incels, Gamer, solche, die auch auf der Bank sitzen bleiben, wenn die Mannschaft im Sportunterricht zusammengewählt wird. Denen wird jedoch so eine Art "Leitfaden des guten Lebens" präsentiert
Um sie zu locken, okkupiert die Rechte traditionell männliche Tugenden und definiert sie um: Stärke bedeutet nicht, für Gerechtigkeit zu kämpfen, sondern schlicht auf alles zu scheißen, Aus einer "Mir doch egal"-Haltung heraus sogar Politik zu machen - wie Trump. Rücksichtslosigkeit und Ego-Durchsetzung. "Lass mich doch in Ruhe, ich mache, was ich will!"
Es geht ihnen nicht um Fürsorge für die Schwachen, sondern um den Kampf gegen äußere Feinde. Die Rechte inszeniert sich als Verteidiger von Freiheit und freier Rede, während sie tatsächlich ausschließlich Migration als das zentrale Thema installiert – notfalls mit Lügen wie "sie essen Hunde und Katzen", die für sie als Lügen akzeptabel sind, solange sie den Fokus auf Migration lenken. Selbst wenn die Propagandisten ja wissen, dass sie lügen. Hämisches Gelächter macht sich dann breit. Wieder das liberale Establishment verarscht!
Für pubertierende Jungmänner ist das ist ein recht attraktives Kommunikationsmodell. Besonders dann, wenn als Anti-Establishment-Modell auftritt.
Das bietet freilich eine Chance, diesem aggressiv trotzigen Verhalten, das sich bis in Parteispitzen hinein zeigt, etwas entgegezusetzen - es ist nun wirklich nicht mehr möglich, in Zeiten von Trump, Meloni, Weimer, Merz und Söder zu behaupten, von einer woken Übermacht unterjocht zu werden. DIE sind das Establishment.
Der Bruch: Wenn die Fassade bröckelt
Der Wendepunkt im Denken der Jungmänner bei Youtube kommt oft dort, wo die ideologische Blase auf die Realität trifft. Bei "Jimmy The Giant" war es die Auseinandersetzung mit "Chavs (Öffnet in neuem Fenster)" – weiße Arbeiterjugendliche, die von der Mehrheitsgesellschaft verachtet und herabgewürdigt wurden. Die Lektüre von Owen Jones' Buch "Chavs" (Öffnet in neuem Fenster) über die Dämonisierung der Arbeiterklasse öffnete einen Riss im Weltbild von Jimmy: Was, wenn diese Menschen gar nicht selbst schuld an ihrer Situation waren? Was, wenn Kultur nicht die Ursache, sondern der Effekt ökonomischer Verhältnisse ist - ganz anders als in dem Weltbild der ganzen Neoliberalen, die sie als Effekt der freien Entscheidungen Einzelner behaupteten?
Jimmys Recherche über Margaret Thatchers neoliberale Revolution offenbarte eine für ihn, Ex-Alt-Right, unbequeme Wahrheit: Die Welt war gar nicht immer so, wie sie jetzt ist. Es gab einen Nachkriegskonsens, in dem der Staat Verantwortung für Vollbeschäftigung übernahm, die Reichen stärker besteuert wurden und gerade diese Förderung zu historisch beispiellosem Wachstum führte. Der Hardcore-Kapitalismus war gar nicht der einzige Weg zu Wohlstand – im Gegenteil. Durch Investitionsprogramme sei Breitenwohlstand geschaffen worden. Der Sozial- und Wohlfahrtsstaat habe Menschen gar nicht entwürdigt, entmündigt und zu Kindern erklärt. Er habe sie geschützt. Ein kleines Haus kaufen, günstig Bahn fahren sei doch niemals zu erreichen, wenn man es den Milliardären überließe, allen Wohlstand bei sich zu konzentrieren.
Die Erkenntnis: Ökonomie statt Kulturkampf
Die zentrale Einsicht der Aussteiger lautet: Fast alle gesellschaftlichen Probleme, die die Neofaschisten auf Kultur, Moral oder Migration zurückführt, haben ihre Wurzeln in ökonomischer Ungleichheit. Junge Menschen bekommen keine Kinder mehr nicht etwa, weil sie das Christentum abgelegt haben und Queers die Kernfamilie zerstörten, sondern weil sie sich es nicht leisten können, bei ihren Eltern auszuziehen. Die "Moral Panic" über trans-Toiletten und vegane Ernährung lenke nur von Immobilienpreisen und wachsender Ungleichheit ab – Themen, die jeden direkt betreffen.
Das Muster wiederhole sich historisch immer wieder neu: In den 1980ern war es die Diskussion von "Dungeons & Dragons" als satanistischem Spiel, die von Massenarbeitslosigkeit dank Thatcher ablenkte. In den 1930ern entstand der Faschismus als Reaktion auf die Weltwirtschaftskrise, während der Ölkrise formierte sich die "National Front" in Großbritannien. Wirtschaftliche Krisen erzeugen moralische Panikattacken und produzieren kulturelle Sündenböcke - um von den ökonomischen Ursachen abzulenken.
Der Weg nach vorne: Eine progressive Antwort
Die Gegenstrategie müsse dort ansetzen, wo die Rechte am erfolgreichsten ist: bei der emotionalen Ansprache und der Sinnstiftung.
Progressive Kräfte sollten aufhören, nur in akademischer Sprache zu kommunizieren, und ihre Bildung außerhalb der Universitäten in Allgemeinverständliches übersetzen. Sie müssen unpolitische Räume schaffen, in denen junge Männer über Unsicherheiten in romantischen Situationen sprechen können, ohne dass dies zu Misogynie führe. Da sind Sportvereine weit vorne in der Pflicht. Aber es fragt sich ja wirklich, wo in progressiven Räumen solche Möglichkeiten gegeben sind. Gerade in Ostdeutschland sind Rechtsradikale erschreckend gut darin, solche Räume zu schaffen - wenn auch mit gegenteiligen Intentionen.
"Compassion" neu definieren: Echte Männlichkeit bedeute nicht, auf alles zu scheißen, sondern für Gerechtigkeit zu kämpfen. Historisch gesehen sei es "Compassion" gewesen, als junge Männer in den Krieg zogen, um Nazis zu bekämpfen und ihre Familien zu schützen, so “Jimmy The Giant”. Diese Tugend bzw. Energie müsse in die Gegenwart übersetzt und auf den Kampf gegen sozioökonomische Ungleichheit gelenkt werden.
An Eigeninteresse appellieren: Ungleichheit ist für niemanden gut – auch nicht für jene, die sich momentan auf der "richtigen" Seite wähnen. Die Zusammenhänge zwischen Ungleichheit und Kriminalität, zwischen Armut und gesellschaftlicher Instabilität müssen deutlich gemacht werden.
Die richtigen Gegner benennen: Nicht Migranten oder Minderheiten sind das Problem, sondern die Ultra-Reichen und manipulative Think Tanks wie die Heritage Foundation, die mit immensen Ressourcen die öffentliche Debatte steuern. Der Anti-Establishment-Diskurs muss zurückerobert werden. Sage nicht ich. Sagen die Youtuber.
Die Waffe der Wahrheit
Die Rechte hat Geld und Ressourcen, aber progressive Kräfte hätten die Wahrheit auf ihrer Seite. Der Gender Pay Gap liege nicht in der "Natur der Geschlechter", sondern in struktureller Diskriminierung. Sozialdemokratische Modelle hätten historisch mehr Breiten-Wohlstand geschaffen als der neoliberale Kapitalismus. Die Lüge, dass Politik gegen Ungleichheit nichts ausrichten könne, müsse zerstört werden – eine, die seit Thatcher als kollektive Gehirnwäsche funktioniere.
Die Aufgabe bestünde darin, jungen Menschen wieder einen gesunden Skeptizismus zu lehren – nicht gegen alle Institutionen, die ja angeblich nur "woke Ideologieproduktion" betrieben, sondern gegen die tatsächlich manipulativen Kräfte auf der Rechten. Die Skepsis müsse gegen jene gerichtet werden, die mit Desinformation Millionen verdienten, nicht gegen Universitäten und die Wissenschaft.
Fazit: Raus aus dem Netz, rein ins wahre Leben
Der Ausstieg aus der Alt-Right-Pipeline beginnt oft mit einer einfachen Frage: Was, wenn das, was mir von Jordan Peterson und den anderen erzählt wurde, frei erfunden ist?
Die Bankenkrise 2008 wurde nicht schließlich durch Migration verursacht, sondern durch Finanzspekulation. Die vermeintlichen "Überlegenheitsgefühle" der "Gutmenschen", die allseits als "Hypermoral" behauptet würden, seien doch oft nur Projektion eigener Unsicherheit.
Der Weg zurück führe über Bildung, über die Begegnung mit echten Menschen statt Internet-Personas, über das Hinterfragen einfacher Antworten. Und über die Erkenntnis, dass die wahre Rebellion nicht darin besteht, nach unten zu treten, sondern nach oben zu schauen – dorthin, wo die Macht wirklich wohnt und wo die Entscheidungen fallen, die das Leben aller beeinflussen.
Die Alt-Right bietet jungen Männern Identität durch Abgrenzung. Progressive Kräfte müssen Identität durch Solidarität anbieten – und durch den gemeinsamen Kampf für eine gerechtere Welt, in der Stärke nicht bedeutet, andere zu unterdrücken, sondern gemeinsam für Gleichheit einzustehen.
Soweit die Youtuber. Hören wir ihnen zu.