Zum Hauptinhalt springen

Faschistisches Gaslighting als Diskurswaffe

Mit der Einladung von Björn Höcke in den Podcast „ungeskriptet“ von Ben wurde ein hochpolitischer Akteur mit rechtsextremen Positionen in ein Umfeld gebracht, das sich als „neutral“ (Die Schweiz der Podcasts) versteht. Diese vermeintliche Neutralität ist jedoch Teil eines Phänomens, das man als faschistisches Gaslighting oder Gaslighting im politischen Diskurs beschreiben kann – also das gezielte Verzerren von Realität, um Zweifel an klaren moralischen und demokratischen Maßstäben zu säen.

Gaslighting, ursprünglich ein Begriff aus der Psychologie, beschreibt Manipulation, die darauf abzielt, Menschen ihre eigene Wahrnehmung infrage stellen zu lassen. Übertragen auf politische Kommunikation bedeutet das: Durch die Inszenierung von „Harmlosigkeit“, „Meinungsfreiheit“ oder „Objektivität“ werden autoritäre oder faschistische Inhalte relativiert – bis sich das Publikum unsicher wird, was noch extrem und was schon „normal“ ist.

Im Zusammenhang mit dem Podcast und seinen Reaktionen lassen sich mehrere Formen dieses Gaslightings erkennen:

1. Die Neutralitätsbehauptung

Die Gastgeber betonen, „alle Seiten“ zu Wort kommen zu lassen und damit neutral zu sein. Doch Neutralität ist nicht wertfrei, wenn sie bedeutet, menschenfeindlichen Ideologien eine Bühne ohne kritische Einordnung zu geben. Das ist kein offener Diskurs, sondern eine Parteinahme zugunsten derjenigen, die Widerspruch vermeiden wollen. Die vermeintliche „Unbedarftheit“ wird so zur Fassade für eine selektive Öffentlichkeit, in der Propaganda unwidersprochen Raum bekommt.

Doch Neutralität ist nicht wertfrei, wenn sie bedeutet, menschenfeindlichen Ideologien eine Bühne ohne kritische Einordnung zu geben.

Schon der Titel ist nicht neutral, sondern höchst suggestiv

2. Die Relativierung faschistischer Inhalte

Es wird argumentiert, dass Höcke ja auch „berechtigte Dinge“ sage – etwa über Wirtschaft oder Bildung – und man ihn deshalb nicht insgesamt verurteilen dürfe. Diese Logik ist trügerisch, weil sie das Gefährliche seiner Ideologie verharmlost. Faschistische Rhetorik wird nicht durch vereinzelte rationale Aussagen entwertet, sondern umso gefährlicher, wenn sie mit scheinbar vernünftigen Passagen durchmischt wird. So entsteht der Eindruck, extreme Ansichten seien nur eine „andere Meinung“.

3. Die Umkehrung der ideologischen Bezeichnung

In einem weiteren Schritt wird behauptet, die eigentlichen „Faschisten“ seien jene, die Höcke keine Plattform geben wollen. Diese rhetorische Verdrehung ist klassisches Gaslighting: Opfer und Kritiker werden zu Tätern erklärt. Natürlich kann in einer Demokratie jeder seine Meinung äußern – doch Meinungsfreiheit bedeutet keine Pflicht zur Reichweitenfreiheit. Wenn jemand Millionenpublikum erhält, ohne dass seine Aussagen kontextualisiert oder hinterfragt werden, ist das nicht freie Meinungsäußerung, sondern strategische Normalisierung einer extremistischen Agenda.

Natürlich kann in einer Demokratie jeder seine Meinung äußern – doch Meinungsfreiheit bedeutet keine Pflicht zur Reichweitenfreiheit.

4. Die Umkehrung des Demokratiearguments

Schließlich wird so getan, als wäre es ein demokratischer Akt, „allen eine Stimme zu geben“ – auch jenen, die Demokratie abschaffen wollen. Doch wie Karl Popper schon formulierte: Eine Gesellschaft, die uneingeschränkt tolerant ist, zerstört sich selbst. Demokratie schließt diejenigen aus, die sie zerstören wollen, weil sie sonst keine Demokratie mehr wäre. Es ist daher kein Widerspruch, sondern eine notwendige Verteidigung der freiheitlichen Ordnung, autoritäre Stimmen zu begrenzen.

Demokratie schließt diejenigen aus, die sie zerstören wollen, weil sie sonst keine Demokratie mehr wäre.

Gaslighting in diesem Kontext funktioniert subtil: Es verschiebt Maßstäbe, bis politischer Extremismus als legitimer Standpunkt erscheint. Das Aufdecken solcher Strategien ist anstrengender als ihre Anwendung, weil man ständig gegen manipulative Einfachheit und scheinbare Harmlosigkeit argumentieren muss.

Darum braucht es Bildung, kritisches Denken und Medienkompetenz – nicht um „Meinungen zu verbieten“, sondern um zu verstehen, wann argumentiert wird und wann manipuliert wird.


In Schulen, Universitäten und öffentlichen Diskussionen muss dieses Gaslighting sichtbar gemacht und entlarvt werden. Demokratie lebt nicht von der Lautstärke der Stimmen, sondern von der Klarheit der Werte. Wer Menschenverachtung als Meinung tarnt, darf nicht unwidersprochen bleiben. Nur durch Aufklärung, Konfrontation und Benennung der Strategien können wir verhindern, dass faschistisches Gaslighting zu einer gesellschaftlichen Gewohnheit wird.

0 Kommentare

Möchtest du den ersten Kommentar schreiben?
Werde Mitglied von Netzlehrer und starte die Unterhaltung.
Mitglied werden