Zum Hauptinhalt springen

zwischen mee(h)r und zentral-massiv

Neben dem ich von meiner noch weiter andauernden Workation mit Familie in Frankreich schwärmen möchte, weil die Schwärmereien so teilenswert wie moralisierend sind, denke ich noch übers Freisein nach und was ich zuletzt darüber schrieb. Und wenn ich länger als einen Tag über etwas nachdenke, holt es mich erfahrungsgemäß für die kommenden Jahre öfter nochmal ein oder ich höre gar nicht mehr auf davon zu reden. Vielleicht weil ich eben so bin, vielleicht aber auch, weil ein Kalkül meinerseits dahinter steckt. Wer weiß das schon. Frauen sind schließlich zutiefst manipulativ; Hexen eigentlich, schwer zu durchschauen, viel zu emotional, besessen und geil; geil, geil, immer geil eigentlich; oder untervögelt, eins von beiden, entweder oder; schauen sie sich nur um, wir haben alles, aber wählen sie nur eins von beiden, was anderes gibt’s nicht! Deswegen machen wir auch so viele Probleme: wir plagiieren und wenn wir’s nicht tun, startet eine mysteriöse Versammlung von unterdrückten Männern, die unter struktureller Misandrie leidet, eine absolut gerechtfertigte Schmierkampagne, an der wir selbst schuld sind, weil wir mit unserem Intellekt und unserer fachlichen Kompetenz schon wieder für viel zu viel Bedrohung gesorgt haben. Schlimm sind wir, schlimm.

Illustration: Falko Walter

Worüber ich gern tiefer nachzudenken pflege, ist, wenn sich mehrere sehr ähnliche Ereignisse aneinander knüpfen, die eigentlich gar nicht oder nur sehr selten passieren und dann entweder als vereinzeltes Wunder oder Vision, als Ergebnis eines haluzinogenen Trips, zu verstehen sind. So zähle ich aus dem ersten Teil meiner Workation im Norden Frankreichs, drei Begegnungen mit wilden Tieren, die man normalerweise nicht zu sehen bekommt, vor allem nicht dort, wo diese Begegnungen geschahen: ein Delphin im seichten Wasser und direkter Strand- und Schwimmer:innen-Nähe; ein schwarzer Seehund und eben genauso nah, genauso strandig, genauso unbehelligt zwischen den Badenden; ein kleines Rudel Wölfe zwischen Wald- und Stadtrand. Als ich auf dem Weg zum zweiten Workation-Aufenthalt im Süden Frankreichs mein Smartphone bereise, wird mir ein Nachrichtenbeitrag gezeigt, in dem Urlauber in der Ostsee (ebenfalls vom Strand aus), nahe der Insel Rügen, einen Buckelwal beim Fluke-Patschen filmen. Klar, der Delphin (ein großer Tümmler war’s), der niedliche Seehund, die Wölfe — das waren großes-Kino-Momente und für mich Tierliebhaberin gar nicht kleine Dopaminkicks, mit denen ich vielleicht überall angegeben habe. Ab der zweiten Begegnung habe ich mich aber schon gefragt, wie das sein kann, dass diese scheuen Tiere, so nah an den Strand rankommen und zwischen dieser merkwürdigen ressourcen- und lebensraumvernichtenden Spezies namens Mensch dümpeln, als wär’s nie anders gewesen. Das Buckelwal-Video hat mir dann aber endgültig den Dopaminstecker gezogen. Es wirft sich mir die Frage auf: wollen uns diese Tiere mit ihrem sehr untypischen Verhalten etwas sagen? Falls ja, kann es nichts gutes sein. Es gibt nämlich ein ganz altes und einer gesunden Fauna entsprechendes Sprichwort, mit dem ich meinen Text thematisch eigentlich einleiten wollte und ursprünglich ganz woanders hin wollte:

Erkenntnisse sind wie wilde Tiere: die trauen sich erst raus, wenn man ganz, ganz still sitzt.

Wenn ich also nicht von tierischen Dopaminkicks oder denen, die ich mir dadurch aktiv einhole, weil ich unentwegt versuche französisch zu sprechen, obwohl ich das nie gelernt habe und sehr vieles Neues weit außerhalb meiner Komfortzone ausprobiere, wie zum Beispiel Austern essen, durchbrochen werde, kommt es auf meinen Reisen regelmäßig dazu, dass sich vor der Entspannung erst einmal eine riesen Anspannung in mir aufbaut. Weil plötzlich die Routinen und die beruflichen Alltagsablenkungen, die aus Fürsorge für andere bestehen, wegfallen und ich auch mal Zeit dafür habe, über mich selbst nachzudenken. Dann kann ich einfach still sitzen. Ganz, ganz still. Zumindest still sein.

Wie geht’s mir eigentlich? Brauche ich eine Pause oder eine grundlegende Veränderung? Falls letzteres, habe ich mir diese Frage letztes Jahr nicht auch schon gestellt? Ist das Vernunft oder FOMO oder Angst vor radikalen Entscheidungen? Ist das das unausweichliche Erwachsensein, wenn man Verantwortung für eine Familie trägt oder ist das Steckenbleiben im Überschaubaren? Schließlich liebt das Gehirn Wiederholungen; andererseits liebt es aber auch reifliche Entscheidungen aufgrund von Erfahrungswerten. Weitere Fragen beziehen sich dann auf in der Vergangenheit liegende Verletzungen von Familienmitgliedern; alte Dämonen, denen ich zwar entwachsen bin, die aber noch immer von A nach B gerollt werden wollen, weil sie der Meinung sind, das wäre eine heilende Wegstrecke. Als hätten sie mich noch nie meiner Aufmerksamkeit beraubt, quälen sie mich durch die stillen Stunden beim Wandern, Steine-sammeln oder Kochen. Und was nach außen so schön still aussieht, ähnelt nach innen einem bretonischen Leuchtfeuer auf hoher See, umnebelt von Wetter, gepeitscht von Meerschaum. Nach einigen Tagen dieser Form des Stillseins dann, zeigen sie sich mir — die Erkenntnisse:

Auf jemanden wütend sein ist wie Gift trinken und hoffen, dass jemand anderes davon stirbt. Und: Wir haben eine empfindlich dezimierte Reisekasse.

Der letzte Satz schreibt sich mit einem gewissen Stolz, denn es kommt das Wort Reisekasse darin vor. So etwas wie eine Reisekasse haben schließlich nicht alle Familien, nicht mal alle Singles, schon gar keine Künstler:innen. Jeder oder jede Fünfte in Deutschland kann sich nach eigener Aussage keinen einwöchigen Urlaub im Jahr leisten. Das sind laut dem statistischen Bundesamt rund 17 Millionen Menschen. Vor allem Alleinerziehenden fehlt das Geld für eine Reise. Genau einmal darf man raten, wie die Geschlechterverteilung bei Alleinerziehenden aussieht. Es betrifft vor allem Mütter; diese machen 82 % der Alleinerziehenden aus. An dieser Stelle möchte ich unbedingt das Reisen über homeexchange.com (Öffnet in neuem Fenster) empfehlen. Dieses Reisekonzept ermöglicht mir und meiner Familie seit ein paar Jahren dreiwöchige Auslandsaufenthalte in wunderschönen Häusern, mit Traumhausvibes und erste Reihe Lagen zum Preis von Null Euro. Außer den Fahrt- und Verpflegungskosten droht die Reisekasse nur zu dezimieren, wenn man eben wunderschöne Tücher aus purer Seide, teuren Käse, regionales Gemüse und andere schöne Souvenirs vom Wochenmarkt mitgehen lässt. Naja. Außerdem lernt man Land und Leute hautnah kennen, weil man nicht touristisch vom kulturellen Nabel in gleichgemachter Sterilität ausgelagert wird. Man erhält die Möglichkeit mit Menschen das Haus/die Wohnung zu tauschen oder eben auch gleich das ganze Leben, samt Inhalt, wenn man das denn möchte. Denn wer kommunikativ und aufgeschlossen ist, schreibt sich gegenseitig schon Monate im Voraus in Vorfreude auf die gegenseitige Entdeckungsreise hin und her, tauscht Tipps und Entdeckungsziele, die nur Einheimische kennen; sammelt jedes Jahr neue Freunde, auf der ganzen Welt, so jedenfalls der Ausblick und unser tief verwurzelter Glaube an den Wunsch der Menschheit nach Verbundenheit.

Über das Freisein, oder besser meine Gedanken dazu, lässt sich hier nochmal nachlesen (Öffnet in neuem Fenster). Und zum Dessert biete ich nochmal eine Exkursion in die sogenannte erholsamste Familienzeit des Jahres, die sich nur innerhalb wirtschaftlicher, also ganz konkreter monetärer Freiheit umsetzen lässt:

Wenn Familien in den Urlaub fahren, mit ihren Kindern, egal ob Kleinkind oder Teenager, wünschen sie sich gegenseitig nicht gute Erholung und tolles Wetter, sondern viel Glück und starke Nerven. Denn egal wie das Wetter wird, erholsam ist ein Urlaub mit Kindern nicht. Manchmal vielleicht, wenn alles flutscht, keiner bricht, niemand Magen-Darm- oder Schlangenbiss, Beinbruch oder Liebeskummer hat; wenn keins der Kinder gerade zu sehr mit den persönlichkeitsumwälzenden Hormonschwankungen zu tun hat, die bretonischen Riesenwellen entsprechen; wenn kein Teenie Scheiße baut, weil Sandburgen bauen halt einfach nicht mehr zeitgemäß ist; Geschwister sich nicht 24/7 die Köpfe einhauen, aber ab 22:30 Uhr, garantiert dann, wenn die Eltern altersschwach ins Kissen sinken, plötzlich beste Freunde und partners in crime sind und erst richtig aufdrehen — Rede-, Streit- und Partylautstärke — weil ihr Biorhythmus sagt: isso. DANN, ja DANN ist es vielleicht manchmal auch ein bisschen erholsam. Aber so ganz grundsätzlich kommen Eltern völlig fertig aus dem Urlaub zurück und brauchen eigentlich Urlaub vom Urlaub. Mütter mee(h)r als Väter, aber das sollte klar sein, bei der inhaltlich-politischen Ausrichtung im fem WORTSPIELFELD. fem ist zwar kleingeschrieben, aber bestimmender Tonfall. Die leisen, unaufdringlichen Nuancen sind immer zentral-massiv. Wir sollten versuchen uns an diesen zu orientieren, wenn wir reisen, arbeiten, Nachrichten konsumieren, Weltlage einordnen, Menschen gute Erholungswünsche für den Urlaub mitgeben und unser Leben leben. Auf keinen Fall sollten wir lauten Schmierkampagnen, die sich gegen kluge Frauen richten zuhören. Auf keinen Fall.

Es grüßt, Christin

Wenn ihr meinen Newsletter WORTSPIELFELD mögt und unterstützen möchtet, freu ich mich sehr, wenn ihr ein Mitglieds-Paket (Öffnet in neuem Fenster) abschließt und mir die Zeit dafür ermöglicht, ihn regelmäßig zu schreiben. Danke.

0 Kommentare

Möchtest du den ersten Kommentar schreiben?
Werde Mitglied von WORTSPIELFELD und starte die Unterhaltung.
Mitglied werden