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Offenheit als Gamechanger? Dann stellt andere Fragen!

Wieder zurück in Leipzig stell ich mir die Frage: und jetzt, was mach ich als nächstes? Türen schleifen, Buch 1 selbst verlegen (hass), schwedisch lernen, auf Halbmarathon vorbereiten, die Puppensammlung im Ausmaß einer Garage meiner vor 15 Jahren verstorbenen Mutter irgendwie und irgendwo verkaufen (doppelhass); Brotjob hinschmeißen oder einfach endlich ein vernünftiges Kissen anschaffen; Trennung oder Wohnung aufgeben und mit Familie in einen Campervan ziehen; mit Katzen an der Leine Spaziergänge machen oder das dreijährige Deckenprojekt fertig häkeln? Ein paar Fragen mehr oder einhundert gibt es noch, aber die paar genannten reichen wahrscheinlich schon aus, um den Eindruck zu vermitteln, ich wäre irgendwie ein bisschen schwach, neurotisch vielleicht, wankelmütig oder leicht zu durchschauen. Denn wie ich gelernt habe, ist Bewertung als Selbststabilisierungaffekt eine nicht auszurottende Religion unserer patriarchalen Kultur. Geben Menschen, korrigiere, geben Frauen aus einer Abstandsposition (Internet, Film/Fernsehen, Öffentlichkeit) etwas über ihr Innenleben preis, zeigen sie sich emotional, zeigen sie sich, ganz allgemein, neigen Beobachter:innen gern dazu, erstens weniger Distanz einzunehmen (siehe parasoziale Beziehungen) und zweitens diese verringerte Distanz mit Selbsterhöhung zu versehen, sobald irgendetwas Unangenehmes passiert, wie Kritik, Fehler, Krisen, Missverständnisse, Meinungsverschiedenheiten usw.. Als pachteten Frauen des öffentlichen Lebens die Deutungshoheit oder machten sich zur Unfehlbarkeit höchstpersönlich. Dabei versuchen sie nur zum Beispiel bessere Fragen zu stellen; Fragen, die ihrem Alter, ihrer Lebensphase, ihren Tätigkeiten und Kompetenzen gerecht werden. Ihrem Geschlecht werden sie ohnehin gerecht. Wie das? Darum geht es jetzt.

Illustration: ArDabblYou

Mädchen und Jungen werden sehr unterschiedlich sozialisiert. Diese Unterschiede finden sich schon in der Kinderwiege in Form von genderstereotyper hellblau oder rosa Ausstattung und dem Spiel-und Erziehungsverhalten von Erwachsenen. Die sogenannten Baby-X-Experimente (Öffnet in neuem Fenster) belegen, dass Erwachsene sehr unterschiedlich auf ein Kind reagieren, anders mit ihm sprechen, es zum Spielen anregen, Spielzeuge auswählen, je nachdem, ob sie davon ausgehen, es mit einem Jungen oder Mädchen zu tun zu haben. Diese Experimente zeigen, dass die Erwartungen an das Kind von vornherein festgelegt sind, in Abhängigkeit vom vermuteten Geschlecht. Sie zeigen auch, dass es für alle in diesem geschlechterstereotypen binären Gesellschaftssystem nahezu unmöglich ist, diesen Erwartungen und Zuschreibungen zu entkommen. Alle stecken also aufgrund ihrer eigenen Sozialisierung in der Hellblau-Rosa-Falle, ganz nach dem Motto wir sehen die Welt nicht wie sie ist, sondern wie wir sind. Das zu wissen und anzuerkennen, hilft dabei den Verhaltensmechanismus zu durchbrechen und Kindern mehr Entwicklungsmöglichkeiten zu bieten, vor allem ein größeres Spektrum an Persönlichkeitsentwicklung und Wahlfreiheit.

Wie unreflektierte Unterschiede in der Sozialisierung der Geschlechter sich auf das spätere Leben als Mann oder Frau oder allen anderen Geschlechtern auswirken, zeigt sich zum Beispiel darin, dass Frauen oder weiblich Sozialisierte viel öfter, angstfreier und kompetenter über ihr Innenleben sprechen und dadurch ihre mentalen und emotionalen Herausforderungen viel flexibler und souveräner bewältigen als Männer. Zur Folge hat diese Offenheit im Umgang mit Emotionen allerdings, dass sie als instabil, hysterisch, kompliziert, nicht belastbar und nicht ernstzunehmend wahrgenommen werden; Respekt verschaffen sich Frauen dadurch also nicht. Wie absurd das ist. Denn emotionale Offenheit bedeutet Auseinandersetzung, Fluidität, Konflikt- und Reflexionsfähigkeit, es bedeutet ständige Veränderung und Anpassung, die Notwendigkeit eine emotionale Reife zu entwickeln und Verantwortung für die eigene Gefühlswelt zu übernehmen und für Beziehungen — und das ist höchst anstrengend und komplex. Wie kann es sein, dass emotionale Offenheit und alle genannten Skills, die sie abverlangt, keinen Respekt erzeugen, sondern genau das Gegenteil? Stattdessen bedeuten zwischenmenschliche, komplexe Anstrengungen und Anpassungen im Patriarchat Schwäche. Und als ganz besonders schwach gelten Männer, die diese emphatischen Eigenschaften mitbringen. Natürlich werden sie schon gern gesehen in unserer Gesellschaft und vor allem gern eingespannt und ausgenutzt: ach, das ist ein ganz Lieber und das ist ein Guter und der kann die zusätzliche Arbeit machen, der sagt sowieso nicht nein. Wenn es aber darum geht, Posten zu besetzen, die Respekt einflößen sollen — ob in Politik, der Chefetage oder anderen Führungspositionen — wird so einer nicht besetzt.

So einer findet sich überall unter uns, klar Matthias, ich kenne auch zwei oder drei solcher emphatischen, sich kümmernden Männer, liebe Hanna, aber um unsere Einzelerfahrungen geht es nunmal nicht; wir sprechen über ein strukturelles Problem, eines, was sich überall in unseren Lebensbereichen oder Familien finden lässt, eines, für welches wir gern blind sind, weil es ganz ganz ungemütlich wäre, da genauer hinzuschauen und dann Fragen oder Forderungen zu stellen. Wir müssen uns dafür sehr viel Wissen aneignen, einen Zugang zu Bildung verschaffen oder zu anderen Netzwerken; wir müssen uns vernetzen und verbünden, kommunizieren und aus unserer Komfortzone heraustreten, also auch aus unserem gewohnten Umfeld — vorausgesetzt wir haben die Ressourcen; wir müssen uns selbst hinterfragen und uns aus emotionalen oder wirtschaftlichen Abhängigkeiten herauslösen. Und und und.

Als Stärke hingegen gilt, wenn ein Mann kühn, distanziert, abgeklärt, emotional unabhängig und scheinbar rational auf den Tisch haut und sagt, wo es lang geht (so wie Merz, wenn er in Interviews über Marginalisierte sagt, sie hätten einfach nicht genug Selbstbewusstsein, wenn es darum geht, sich zu schützen und sich erfolgreich zu vernetzen); wenn er überhaupt keine Zweifel, Sorgen oder Hadereien im Gesagten und Gedachten zulässt, weil einer der stark ist, eben einfach immer alles weiß, auf alles eine klare Antwort hat, schwarz oder weiß; wenn es für komplexe Fragen, sehr einfache Antworten gibt; wenn alles überschaubar ist und man sich nicht ständig hinterfragen oder verändern und anpassen muss. Und wenn dann dem führenden, auf den Tisch hauenden Mann nicht alle folgen, dann folgt eben Krieg, oder mindestens ein mit atomaren Angriffen drohender Schlagabtausch über social media (Öffnet in neuem Fenster).

In einer immer komplexer werdenden Welt, mit evolutionsbedingten, immer höher werdenden Ansprüchen an Gesellschaften und Individuen, ist der Wunsch nach einfachen Lösungen und Antworten, sowie einem Mann der alles in die Hände nimmt und regelt, sodass man sich über nichts mehr Gedanken machen muss, natürlich nachvollziehbar. Vor allem, wenn es in patriarchalen Gesellschaften immer schon so war, dass männliche Machthaber nicht nur stellvertretend Entscheidungen treffen, sondern auch das Denken und Meinungbilden übernehmen. Man kennt es ja nicht anders. Also ist es normal, also muss es gut sein. Naja, in jedem Fall ist es bequem. Jedenfalls solange, bis die eigenen Privilegien dran glauben müssen.

Aufgrund der Stigmatisierung von emotionaler Offenheit als weibische Schwäche, veranstalten manche Männer natürlich alles Mögliche an Kompensation, um nicht als weiblich gelesen zu werden. Eher introvertierte, verletzliche und zärtliche Jungen und Männer (oder Männer mit großer Angriffsfläche, zum Bsp. ihrer Homosexualität) versuchen so zum Beispiel oft, sich genau gegenteilig ihrem Naturell zu verhalten — extra hart, abwertend, gewalttätig oder risikobereit, tiefer sprechen, weniger bis gar nicht gestikulieren, möglichst ein Aufreißerleben führen — und/oder ihr Äußeres besonders männlich gestalten, indem sie extrem viel Muskelaufbau betreiben. Diese als männlich codierten Verhaltensweisen suggerieren uns Stärke, denn wir wachsen von klein auf mit der Botschaft auf: ein richtiger Mann ist hart, verträgt viel (Leid, Alkohol, körperlichen Schmerz) und lässt sich das nicht anmerken, Schwamm drüber. Weiter wird Respekt vor Männern gesellschaftlich anerzogen, da er in allen nach außen gerichteten Lebensbereichen hyperpräsent das Spielfeld dominiert: im Sport, im Beruf, auf der Leinwand, in der Musik, im künstlerischen Blick auf die Welt, in der Politik, im Journalismus, im Buchwesen, in der Einordnung politischer Lagen, im Museum (ich war in Grenoble in einem wundervollen riesigen Museum und konnte die Werke von Künstlerinnen an einer Hand abzählen; war danach wieder sehr wütend), im Gesundheitswesen, auf der Straße, in der Nacht, selbst in der Haftanstalt. Männer sind unser Maßstab und an diesem orientieren wir uns. Das ist patriarchales Brainwashing, welches uns ganz subtil von klein auf transplantiert: Männer sind toll, wichtig und bewundernswert.

Aber wie kann man das denn nun durchbrechen? Gerade in Bezug auf Kindererziehung?

Ein Impuls dafür kann sein, Jungs mit Mädchen zu befreunden, denn Studien zeigen: wenn Jungs mit Mädchen befreundet sind, werden sie weniger sexistisch. Die Intergruppen-Kontakttheorie (Öffnet in neuem Fenster) — ein sozialpsychologischer Ansatz — von Gordon Allport besagt, dass positiver Kontakt zwischen Gruppen unter bestimmten Bedingungen Vorurteile und Konflikte reduzieren kann. Daraus ergibt sich, dass Jungs so lernen können, Mädchen zu mögen, statt zunächst abzulehnen, später zu sexualisieren und noch ein wenig später als Ersatzmutter, die sich um Haushalt, Kinder und emotionales Wohlbefinden kümmert, zu betrachten. Außerdem sorgen Mädchen (insofern sie mengenmäßig gleich verteilt sind) dafür, dass Jungen verstehen, was Gleichberechtigung bedeutet, sie fordern es selbstverständlich ein. Denn Kinder stecken noch in ihrer frühen Sozialisierung und sind noch freier im Denken und gehen erst einmal davon aus, dass alle gleichberechtigt sind. Männer, die mit mehreren Schwestern aufwachsen, wissen Bescheid.

Wenn eine Freundschaft zwischen Jungs und Mädchen ein Grundstein für Respekt und Gleichberechtigung sein kann, kann Freundschaft das zwischen Männern und Frauen, die erst später im Leben damit anfangen, weil ihre bisherige Sozialisierung so mäßig war, dann auch schaffen? Können Männer Frauen mögen, ohne von ihnen angezogen zu sein? Oder umgekehrt, können sie sie ohne von ihnen gebraucht zu werden, begehren? Können sie sie mögen, ohne sie zu brauchen für Haus- und Carearbeit?

Viele sind der Ansicht, Freundschaften zwischen Männern und Frauen sind nicht möglich; manche spotten sogar über Männer, die mit Frauen befreundet sind, indem sie lost in friendzone kommentieren. Beziehungen zu Frauen werden im Patriarchat sehr früh sexualisiert, weil Mädchen sehr früh sexualisiert werden, dadurch sind Männer gar nicht in der Lage platonische Berührungen oder Beziehungen zu Frauen wertzuschätzen.

Wieviele Berührungen hast du als Frau schon vermieden, aus Sorge vor sexualisierter Interpretation?

Für viele Männer sind (in ihren Augen attraktive) Frauen gar keine Menschen oder Subjekte, sondern hart umkämpfte Güter. Und dass Liebe vor allem im Kontext romantischer Beziehungen anerkannt wird und Freundschaften nur zweitrangig als echte Beziehung markiert werden, „ist kein Zufall, sondern ein patriarchales Narrativ, das Liebe, Verbundenheit und Nähe an (männliches) Begehren koppelt.“ (Diversity-Beraterin Sirid Böhm) (Öffnet in neuem Fenster). Oder hast du als Frau zu deiner platonischen Freundin schon einmal Ich liebe dich gesagt? Oder hast du es als Mann zu deiner platonischen Freundin gesagt? Oder hast du es als Mann zu deinem platonischen Freund gesagt?

Ich habe damit im letzten Jahr angefangen. Es hat sich erst ein bisschen komisch angefühlt, befremdlich vielleicht, aber dann kam ein ganz warmes und gleichzeitig erfrischendes Gefühl nach. Wie bei einem guten Wein, der erst im Abgang einen irre beeindruckenden Geschmack hinterlässt. Ich habe ich liebe dich wirklich gefühlt; nicht das erste Mal außerhalb einer romantischen Beziehung, aber das erste Mal ganz bewusst und vulnerabel as fuck. Möchtest du Ich liebe dich senden? Ja. Die Nachricht ist gesendet. WOW. 40 Jahre alt musste ich dafür werden. Die eine Freundin, der ich es geschrieben habe, hat sich distanziert. Die andere Freundin hat mit ich liebe dich auch geantwortet, die dritte Freundin hat danke gesagt und was für ein Glück, dich als Freundin zu haben. Mein 40. Lebensjahr war mein intensivstes Siebjahr, nicht schön, aber selten und wie gesagt, im Abgang grandios.

Fragen, die ich also zum Beispiel stellen will, beziehen sich auf platonische Lieben. Und wenn ich sie an Männer richte (wenn auch nur gedanklich), frage ich:

Magst du Frauen oder begehrst du sie?

Magst du Frauen oder brauchst du sie?

Magst du Frauen oder benutzt du sie?

Am besten frage ich jeden Mann, der mir begegnet. Denn ich hätte wirklich gern einen Freund. Einen männlichen, platonischen Freund, der mich mag und nicht begehrt, der mich fragt: wie gehts dir? Was beschäftigt dich so? Gehst du mit mir Pflanzen für meinen Garten aussuchen? Kannst du mir bitte mal sagen, wie du das oder jenes einordnest; mich interessiert deine Sicht? Kannst du mir bitte helfen ein neues Regal aufzubauen? Bist du für das Date bitte meine Wing-Woman? Stattdessen hatte ich als Jugendliche einen Freund, der aufgrund von starker, auch familiärer Anfeindung, sehr unter seiner Homosexualität litt, hoch-misogyn war und das an mir ausagierte und einen Freund, der still und heimlich in mich verliebt, also kein wirklich guter Freund für mich war. Später hatte ich ein paar Freunde, die eher so Sachen sagten, wie: wollen wir nicht doch noch mal miteinander … nur mal heute … so als Ausnahme, oder kontrollierend und eifersüchtig in Bezug auf andere Männer und vor allem meinen Ehemann agierten oder auf mich als Caregiver für ihr emotionales Wohlbefinden zurückgriffen, also wenn sie jemanden zum Zuhören brauchten, meist in Kombination mit flirten oder anderweitigem Egogemiezel; die Zuwendung war natürlich einseitig und funktionierte leider nur als Einbahnstraße. Wenn ich genau darüber nachdenke, stelle ich fest, dass kaum ein Mann, der mir in meinem Leben begegnet ist oder mein Leben begleitet, mich mag. Denn wenn man jemanden mag, dann interessiert man sich für die Person; für das, was sie fühlt, was sie denkt, welche Hobbys sie pflegt und man ist selbst aktiv an der Beziehungspflege, wie Verabredungen treffen, beteiligt. Man macht sich nicht über ihre Interessen oder Hobbys, wie dekorieren, Blumen aufstellen, stricken oder ewige Zeiten durch Einrichtungs- und Schnulliläden bummeln, lustig. Man macht sich auch nicht lustig darüber, wenn sie lange im Bad braucht, um sich fertig zu machen. Man kann höchstens darüber nachdenken, wo diese Interessen herkommen: aus ihrem naturgegebenem Charakter oder aus ihrer Sozialisierung als Frau. Man könnte auch mal probieren, das Verhalten zu imitieren, um zu prüfen, ob einem Blumen, stricken oder ausgiebige Körperpflege nicht auch gut tun würden. Das darüber Nachdenken und ins Gespräch kommen, zeigt echtes Interesse und dies könnte ein Anfang dafür sein, ein aufrichtiges Mögen zu entwickeln.

Vor allem werden Frauen nicht gemocht, wenn sie nicht kumpelig, kein Sportsfreund, nicht schön unkompliziert, nicht einfach gestrickt, nicht ruhig, nicht meinungsarm und vor allem nicht nicht-fordernd sind; wenn sie keine Kümmerin sind, jedenfalls nicht in dem Sinne, wie es von Frauen in Familien erwartet wird, ohne das gleiche im Gegenzug zurück zu erwarten und in Bezug auf wer organisiert Familientreffen, wer spielt dann dort mit den vielen Kindern, wer deckt den Tisch ab, räumt den Geschirrspüler ein, wer denkt sich die Spiele aus und regt tiefer gehende Gespräche an, wer fragt nach na, wie geht es dir? Was beschäftigt dich gerade? Was macht die Arbeit? Und das Knie? Hast du den Schimmel von der Wand gemacht? Der ist immer noch da? Na, klar, dann schreibe ich dem Vermieter. Der Verpächter macht Ärger und stellt unverschämte Ansprüche? Ich kümmere mich drum, ich hole Rechtsberatung ein und streite mich ein Jahr lang, damit ihr mir das nicht anerkennt und am Ende zu allen wichtigen und richtigen Informationen, mit denen wir den Rechtsstreit gewinnen können, sagt: ob das so stimmt, was du da sagst, ich frage erstmal meine Kumpels.

Solche Frauen mag man nicht. Sie (ge-)braucht man.

Mit Verlaub und durchdrungen von Respekt und dem Hinweis, dass es nicht um die kürzlich verstorbene Sportlerin geht, sondern um etwas anderes: warum war Laura Dahlmeier so beliebt und hat so viele Menschen mit ihrem frühen Tod so tief betroffen gemacht? Ist es weil sie mit ihrer Abenteuer- und Reiselust, ihrem sportlichen Ehrgeiz und dem geplanten, wie gefolgten Erreichen ihrer sportlichen Ziele als Projektionsfläche für die Sehnsüchte und ungelebten Träume der Menschen diente? Oder ist es, weil sie eine unkomplizierte, in jeder Hinsicht harmlose junge Frau war, die weder stereotyp hübsch, noch besonders feminin, überhaupt nicht eitel war, nicht aneckte wegen langen Nägeln/Tattoos/MakeUp im Sport, unpolitisch, ruhig, freundlich, lieb, zurückhaltend, generell keine persönlichen Meinungen oder Kritiken preisgebend, kumpelig, kernig und betont unzimperlich, alles in allem also vorbildlich in weiblicher Zurückhaltung und körperlich eher androgyn war? Die Frau, mit der man ein Bier trinken kann, die einen wegen ihrer frechen Attraktivität nicht ganz nervös macht, mit ihrem Intellekt nicht in Verlegenheit bringt, sie deswegen nicht geil findet und nicht gleichzeitig hasst dafür und die nirgends aneckt; der ganz unkomplizierte Kumpeltyp eben, die erfahrene Bergsteigführer, genauso wie sie selbst eine war, kleinhaltend und jovial Bergmädel nennen können, ohne, dass sie sich deswegen jemals darüber beschwert hätte. Es fällt nämlich auf, wie unterschiedlich erfolgreiche Frauen im Sport, und generell, bewertet und betrauert werden, je nachdem wie gut oder schlecht sie patriarchalen (gewollt oder ungewollt) Anforderungen an das Konstrukt Frau gerecht werden.

Jetzt fragt man sich vielleicht: hä, Mädchen, Mädel, Bergmädel, wo ist das Problem? Hier ein kleiner linguistischer Exkurs:

Der Begriff Mädchen/Mädle ist sexistisch und gleichzeitig klassistisch. Sexistisch deshalb, da es eine Verkleinerungsform des mittelhochdeutschen Wortes Magd = Maget ist, die es für das geschlechtliche Pendant (Junge) nicht gibt. Die ursprüngliche Form des Wortes Mädchen lautete Mägdchen und das typische an Diminutiven ist der Artikel das (das Rädchen, das Türchen, das Würstchen, das Mädchen). Es ist also ein Neutrum, kein Femininum; als wäre das Mädchen im Vergleich zur Bedeutung von Junge (= Knabe, Substantivierung des Adjektivs jung) nur eine Sache. Klassistisch an dem Wort Mädchen/Mädel ist, das eine Maget eine unverheiratete Frau, mit geringem sozialen Status oder eine Dienerin ist. Mädchen bedeutet also so viel wie: kleine, süße, unverheiratete Frau, niederem sozialem Status. Junge bedeutet: junger Mensch.

Natürlich sagt die Bewertung eines mittelalten in seiner Sprache unreflektierten Bergsteigführers und einer Gesellschaft, die Laura Dahlmeier romantisch und tief berührt als Bermädel bezeichnen, gar nichts darüber aus, wer sie wirklich war. Aber der kleinhaltende und bewertende Nachruf in einem Wort sagt sehr viel über den Blick auf Frauen aus, wenn man genau zuhört.

Und was stellst du als Mann für Fragen? Vor allem, nachdem du bis hierhin nun gelesen hast? Die Autorin Jana Heinicke gibt hier ein paar anstoßende Fragen (Öffnet in neuem Fenster), die ich dir gern nochmal verschriftliche:

Gibt es neben deiner Partnerin noch andere Frauen in deinem Leben, zu denen du platonische Beziehungen pflegst — nicht weil sie dir nützlich sind oder deine Bedürfnisse befriedigen, sondern weil du sie magst, weil du dich für sie interessierst, für das, was sie denken, was sie fühlen?

Wie emotional verfügbar bist du eigentlich?

Wann hat dich das letzte Mal etwas so sehr berührt, dass du geweint hast?

Wenn du drei Vorbilder nennen müsstest, wieviele davon wären nicht cis hetero männlich?

Wieviele Frauen haben es in deine Spotify Playlist geschafft?

Hörst du Frauen richtig zu?

Glaubst du ihnen, wenn sie dir von Gewalterfahrungen erzählen, auch wenn du den Täter kennst?

Wenn dein Kumpel einen sexistischen Witz erzählt, ist es dir peinlich, wenn du darüber lachen musst? Und stehst du auf und sagst was dagegen?

Was glaubst du eigentlich, macht dich zu einem guten Mann? Und wenn du dich für einen von den Guten hältst, hast du diesen Text von mir (Öffnet in neuem Fenster) gelesen?

Was kannst du Frauen bieten? Es ist nicht gemeint, ob du ihnen ein Regal zusammen schraubst oder das Haus ausbaust, nicht was kannst du Frauen bieten, um von ihnen gebraucht zu werden, sondern, was kannst du bieten, um von ihnen gemocht zu werden?

Das ist der neue Maßstab, den feministische Frauen stellen. Sie suchen sich nicht einen Partner danach aus, ob sie ihn brauchen, sondern ob sie ihn mögen. Und feministische Frauen fragen andere Fragen: mag er oder begehrt er mich? Mag er oder braucht er mich? Mag er oder benutzt er mich? Und die Aufforderung von mir an alle Frauen, in Bezug auf alle Beziehungsformen zu Männern — Väter, Brüder, Freunde, Kollegen, Nachbarn, Teammate, Date, Affäre, Partner — ist: stellt andere Fragen.

Statt:

gefall ich ihm — gefällt er mir?

findet er mein Hobby langweilig — was haben wir gemeinsam?

findet er mich sexy — finde ich mich sexy?

hab ich ihn mit meinen Kompetenzen gekränkt — wie fragil ist sein Ego?

bin ich Schuld an seiner Gewalt (verbal/emotional/physisch) — wo ist der Notausgang?

liebt er mich — mag er mich?

braucht er mich — warum möchte ich gebraucht werden?

er war so nett zu mir, bin ich ihm was schuldig — habe ich ein Selbstwertproblem oder bin ich patriarchal belastungsgestört?

bin ich cool genug für ihn — interessiert er sich für mich?

Letzte Frage: hast du bis hierhin gelesen? Schonmal gut. :)

Es grüßt, Christin

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