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starke Opfer, schwache Opfer

Die letzte Woche war sehr anstrengend für mich. Meine Krankheit bestimmte stark meinen Alltag; das Blutzuckermanagement ist aus dem Ruder und es gibt keinen einen Grund dafür. Vermutlich sind es unterschwelliges Infektgeschehen in Kombi mit Perimenopause. Es geht einfach extrem hoch und danach rauschend wieder runter; in einer Nacht bin ich vom Niedrig-Alarm nicht aufgewacht, glücklicherweise aber mein Partner, der erst dachte, oh mein Gott, jetzt ist es passiert, sie ist tot und mich dann doch wecken konnte. In der letzten Nacht hatte ich 3 aufeinanderfolgende Hypos; bei der letzten habe ich Sterne gesehen und konnte mich nicht mehr richtig bewegen; auch hier brauchte ich seine Hilfe. Tagsüber läuft alles normal weiter, meistens jedenfalls; mit mindestens geräderten Augen und Kopfschmerzen. Wer es nicht weiß, merkt es nicht. Ich finde das immer wieder sehr faszinierend, wie sehr man regelmäßig zwischen Leben und Tod schrammen kann und nichts um einen herum ist davon in irgendeiner Weise beeindruckt. Wahrscheinlich weil ich so eine starke Frau bin. Kotz. Es gibt kaum eine Wortverbindung, die so gängig und gleichzeitig Misogynie offenbarend ist, wie starke Frau. Darüber möchte ich heute schreiben, denn mich haben auch die Offenbarungen der letzten Woche um Ulmen und Fernandes sehr angestrengt. Sie haben mich bewegt, von einer Seite auf die andere, von Zuversicht und Befriedigung hin zu Verstörung und dem sehr physisch spürbaren Gefühl, wie das Vertrauen meinen Körper verlässt.

Illustration: Falko Walter
Warum die Bezeichnung starke Frau viel über ein Frauenbild sagt

Die Formulierung starke Frau, oder alternativ auch Powerfrau, wirkt auf den ersten Blick positiv, trägt aber einen problematischen Kern in sich. Sie markiert Stärke bei Frauen als etwas Besonderes — als Abweichung von der vermeintlichen Norm. Indem Stärke sprachlich hervorgehoben werden muss, wird implizit vermittelt, dass Frauen grundsätzlich eher schwach seien und nur einige Ausnahmen diesem Bild widersprechen. Genau darin zeigt sich die strukturelle Abwertung. Eigenschaften wie Durchsetzungsfähigkeit, Selbstbewusstsein oder Widerstandskraft gelten unausgesprochen als männlich konnotiert, während Frauen sich diese erst erarbeiten oder beweisen müssen. Die Bezeichnung reproduziert damit ein Ungleichgewicht, anstatt es wirklich aufzubrechen.

Auch problematisch am Narrativ der starken Frau ist, dass man ihnen dadurch keine Schwäche zugesteht, und auch keine Fehler. Man stellt unerreichbare Erwartungen an sie und überhöht sie, mit tiefem Fall als Konsequenz, wenn sie den Erwartungen nicht gerecht werden.

Was man stattdessen sagen kann, wenn man Bewunderung für Stärke, Resilienz oder Mut ausdrücken möchte: starker Mensch!

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