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Ursprünge der Klimabewegung

Cops umzingeln eine am Boden sitzende, untergehakte Gruppe von Aktivisten. In der Mitte davon sitze ich und muss aus irgendwelchen Gründen lachen. Neben mir mein alter Freund Alexis Passadakis.
Seltener Lacher während der versuchten Blockade des Kohlekraftwerks Moorburg, im Rahmen des 1. Klima- und Antira-Camps.

28/05/2026

Liebe Leute,

bis ich den first draft meines neuen Buches fertigeschrieben habe, bleibt es erstmal dabei, dass ich hier “sneak previews” des Manuskripts poste - die sollten für Euch im Idealfall interessant sein, und für mich ist es nützlich, Euer Feedback zu bekommen, also win-win :)

Die letzten beiden Posts stammten aus dem ersten substantiellen Kapitel, “(30 Jahre) Aktivismus gegen die Angst”, das Kapitel handelt von Bewegung als Königsweg zur Handlungsfähigkeit im Angesicht riesiger, welthistorischer Herausforderungen. Zuerst war da die neoliberale Globalisierung (Öffnet in neuem Fenster), dann der Krieg (Öffnet in neuem Fenster). Der erste Text handelte von einer fast ekstatischen Handlungsfähigkeit in Bewegung, der zweite davon, was passiert, wenn solche Bewegungen keine effektiven “Hebel” haben, um die Macht ihrer Masse umzusetzen.

Dieser Text schließt im Grunde genau an den letzten an, started ungefähr Mitte der Nuller, und fragt: damn, was bedeutet diese Klimafrage eigentlich, und wie machen wir dazu/dagegen/darum “Bewegung”?

Wie auch die letzten beiden Texte sind diese hier noch Entwürfe - eventuelle Rechtschreib- oder Grammatikfehler werden noch herauslektoriert, ich freu mich über Feedback, aber bitte gerne entlang großer Linien (das funktioniert, jenes nicht), anstatt “auf S. X in Zeile Y ist Fehler Z” :)

Soviel dazu, jetzt erstmal weiter in der Bewegungsgeschichte, und der Suche nach Handlungsfähigkeit. Nächste Woche geht’s dann um Kapitalismustheorie, und die Frage, warum einfach “Kapitalismus abschaffen!” zu rufen es auch nicht so richtig bringt.

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Ich finanziere meine politische Arbeit vor allem über diesen Blog, und wäre dankbar für Deine Unterstützung

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Handlungsfähig in der Klimakatastrophe?

…Aber nach der Frustration der Antikriegsbewegung ging es nicht direkt weiter in den Aktivismus, sondern zurück an die Uni, wo ich das enorme Glück und Privileg hatte, meine Dissertation über antikapitalistischen Aktivismus in der globalisierungskritischen Bewegung zu schreiben, also im Grunde eine kritische Rückschau, einen strategischen Debrief zur Bewegung machen zu dürfen, die mein Leben so tiefgreifend und die Welt immerhin ein bisschen verändert hatte. Die Forschungsfrage lautete im Grunde: mit welchen Mitteln bekämpfe wir „Antikapitalist*innen“ in der globalisierungskritischen und anderen Bewegungen eigentlich unseren großen Feind, den Endgegner, den finalen Boss, den wir für so viel des Übels in der Welt verantwortlich machen, und wie effektiv sind diese Mittel?

Als ich meine Dissertation im Herbst 2006 endlich fertiggeschrieben hatte, war nicht nur ich fertig mit der Uni, die Welt war auch fertig mit der globalisierungskritischen Bewegung: eine unserer letzten größeren Aktionen im globalen Norden war der Versuch, den G8 Gipfel im schottischen Gleneagles zu stören, aber während ein paar hundert oder wenige Tausende Linksradikale von gut organisierten Cops durch die schottischen Highlands gejagt wurde, gingen die allermeisten Menschen, die zum Protestieren nach Schottland gekommen waren, nicht gegen die G8 auf die Straße, sondern unter dem Banner „Make Poverty History“ für eine Ausweitung der Kompetenzen genau jener multilateraler politökonomischer Institutionen, die zu delegitimieren eine der zentralen Strategien unserer Bewegung gewesen war. Der radikale Flügel isoliert, der moderate Flügel kooptiert (in das Herrschaftsprojekt integriert), die britische Regierung von Antagonistin der Bewegung zu ihrer Dompteurin geworden: the movement was dead.

…long live the movement!

Und was machen Menschen, bei denen „Bewegung“ und „Kampf“ zentrale Teile ihrer Identität sind, was machen „Aktivist*innen“, wenn eine, wenn ihre Bewegung endet? Natürlich gehen manche von uns dann für immer nach hause, fangen irgendeinen gut bezahlten oder zu arbeitsintensiven Job an, kriegen zwei, drei, viele Kinder – aber für aktivistische Selbstwirksamkeitsjunkies wie mich war natürlich klar, dass es mit einer neuen Bewegung weitergehen musste. Kalter Bewegungsentzug – brrrr, geht gar nicht.

Glücklicherweise hatten die britischen Genoss*innen schon einen Weg aus der mittlerweile irrelevanten antineoliberalen Globalisierungsbewegung gezeigt: während der schwarz-rote Flügel der Bewegung, dem ich mich zurechnete, sich 2005 noch an den großen globalen Gipfeln abarbeitete, weil sich uns in Seattle der Gedanke eingeprägt hatte, dass diese relevante Hebel wären, an denen wir unsere begrenzten Energien anlegen könnten, um maximale Veränderungswirkung zu erzielen, und deshalb nach Gleneagles mobilisierte, hatte der im UK einflussreiche ökoanarchistische Flügel diesen Gedanken, diese Illusion schon lange hinter sich gelassen, und plante stattdessen das erste „Klimacamp“. Ende August 2006, genau zur Zeit, als ich in Brighton am Schreibtisch saß und meine Diss über eine zu dem Zeitpunkt gar nicht mehr relevante Bewegung fertig schrieb, begann im ersten Camp for Climate Action am Kohlekraftwerk Drax, dem größten CO2-Emittenten im UK, ein neuer Zyklus sozialer Kämpfe, eine neue soziale Bewegung: wir würden sie später als „Klimabewegung“ kennenlernen.

2007 war dann nicht nur das Jahr meines schwulen Coming Outs und Umzugs ins queerhedonistische Mekka Berlin, es war auch das Jahr meiner persönlichen Klimakonversion. Wie viele deutsche Linke und Linksradikale hatte ich bis dahin eine absurd-überhebliche Einstellung gegenüber allem, was irgendwie als „Umweltthema“ erschien, dachte, wie viele Linke es immer noch tun, dass Umweltfragen privilegierter bürgerlicher Wohlfühlquatsch wären, dass es bei Umweltfragen um knuffige Megafauna wie Eisbären und Schildkröten ging, vielleicht noch um Bäume, eventuell ein bisschen um Landwirtschaft, dass die wirklich wichtigen Themen aber die klassischen linken Themen wären: Kontrolle von Produktionsmitteln, Klassenkampf, Umverteilung, Vergesellschaftung, etc. Ohne mich damit je wirklich befasst zu haben, hatte ich das antiökologische linke Vorurteil internalisiert, dementsprechend es bei den echten linken Themen um Menschen geht, um Ausbeutung vs. Befreiung, während Ökothemen Luxusthemen seien, denen man sich irgendwann nach der Revolution zuwenden könnte.

Die Klimafrage

Die Mitte der Nullerjahre, als der erste Klimavertrag der Welt in Kraft trat (das mittlerweile berechtigterweise weitgehend vergessene „Kyoto Protokoll), als ein klimapolitischer Diavortrag eines ehemaligen US Vizepräsidenten den Oskar für den besten Dokumentarfilm erhielt, waren auch die Zeit, als der globale Norden im Kontext immer deutlicher eskalierender Klimakatastrophenfolgen langsam begann, die Klimafrage ernst zu nehmen. Eine besonders wichtige Rolle spielte hier der Hurricane Katrina, der im August 2005 auf New Orleans traf: bis dahin gab sich die reiche Welt (mich als Sprössling des kosmopoliten Großbürgertums einsgeschlossen) gerne der Illusion hin, die Klimakatastrophe wäre ein „irgendwo und irgendwann anders“-Problem. Aber als das reichste und mächtigste Land der Welt eine „Umweltkatastrophe“ erlebte, die sich aufgrund historischer rassistischer und klassenpolitischer Ungerechtigkeiten sofort auch als soziale Katastrophe zeigte, als mexikanisches Militär in Texas einrückte, um Evakuierte dort mit Nahrungsmitteln zu versorgeni (Öffnet in neuem Fenster), als George W. Bush und seine Republikaner unter anderem die 2006er Zwischenwahlen zum Kongress krachend verloren, weil sie die disaster response so himmelschreiend vermasselt hatten, und gerade weil das ganze in den USA stattfand, in denen der Rest des Westens immer ein wenig seine eigene Zukunft sehen kann – da begann auch der reichen Welt klarzuwerden, dass dieser „Klimawandel“ bisher wohl zu wenig Aufmerksamkeit erhalten hatte.

Institutionen wie die Weltbank und der Internationale Währungsfonds begannen, von „grünen Krediten“ zu sprechen, sich nach jahrelanger durchaus effektiver Delegitimierung durch unsere Bewegung als die Institutionen zu positionieren, die eine globale „green transition“ finanzieren und ermöglichen könnten. Und als 2007, während der nunmehr wirklich letzten großen globalisierungskritischen Aktion in Europa, beim G8-Gipfel in Heiligendamm, die brillante Polittaktikerin Angela Merkel es doch tatsächlich schaffte, unsere Gipfelblockaden völlig ins Leere laufen zu lassen, indem sie die G8 nicht mehr als neoliberale Gouvernante der Welt, sondern als globalsolidarische Institution kluger Klimaretter*innen positionierte, begann ich zum ersten Mal, die weltverändernde Relevanz des Themas zu erkennen. Zu Beginn gar nicht, weil ich das Thema selbst für wichtig hielt, sondern weil ich verstand, dass unsere alten Gegner – die globalen Institutionen und Kapitalfraktionen, die das Projekt „neoliberale Globalisierung“ vorangetrieben hatten – begannen, sich umzuorientieren, mitten in der beginnenden Großkrise des Kapitalismus einen neuen Sprech zu fahren: „Schaut her, wir sind gar keine bösen Neoliberalen mehr, wir erkennen an, dass da eine mögliche Katastrophe auf uns zukommt, und wir werden sie nicht nur lösen, wir werden die Energie, die sie freisetzt nutzen, um einen neuen, einen aufgeklärten, einen nachhaltigen, einen grünen Wachstumszyklus loszutreten, der uns aus der tiefsten Weltwirtschaftskrise seit der Great Depression herausziehen kann.“

Die Klimabewegung…

Also begann ich, mich sowohl aktivistisch als auch akademisch mit der Klimafrage auseinanderzusetzen, und schnell bekam ich den Eindruck, das könnte ne größere Sache sein, als ich bisher verstanden hatte. Eine Reihe deutscher Aktivist*innen nahm am 2. Klimacamp (Camp for Climate Action) im Sommer 2007 teil, und wir waren so begeistert von der Aktionsform, dass wir uns entschieden, 2008 das erste Klimacamp in Deutschland zu organisieren, das dann als erstes deutsches „Antirassistisches und Klimacamp“ in Hamburg-Moorburg stattfand. Von da aus ging es weiter zur „Kopenhagen-Mobilisierung“, als die gerade entstehende aktivistische Klimabewegung zusammen mit so ziemlich dem gesamten Rest der Welt darauf setzte, dass ein Erfolg beim COP15-Klimagipfel in Kopenhagen auf irgendeine Art und Weise Einfluss auf den damals schon ständig eskalierenden „Klimawandel“ nehmen könnte. Aber wie sich manche von Euch vielleicht noch erinnern können, der Gipfel floppte, dito die großen Demos und Aktionen, die darum herum und dagegen stattfanden, und nach 2009 wurde es erstmal ziemlich still um die Klimafrage herum. Von 2010 bis 2015 krepelte die junge, vor allem linksradikale Klimabewegung ziemlich unbemerkt in den Kohlerevieren herum, versuchte nach dem Gipfel immer neue Hebel zu betätigen... and nobody gave a fuck.

Wie gesagt, nächste Woche geht’s weiter mit Kapitalismustheorie, ich wollte Euch jetzt nicht gleich mit 7 Seiten Text erschlagen. Danke, dass Ihr bis hierher mitgelesen habt :)

Mit weiterhin schreibfreudigen Grüßen,

Euer Tadzio

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