(Öffnet in neuem Fenster)04/06/2026
Liebe Leute,
zuerst mal eine kleine Entschuldigung von mir, für den Text letzte Woche: wie Ihr vermutlich gemerkt habt, war der ein wenig überhastet und undurchdacht gepostet, er brach nämlich mitten im Argument ab, weil ich mich so unter Zeitdruck fühlte, dass ich nicht genügend Zeit damit verbrachte, ein richtiges Ende für diesen Ausschnitt aus dem 1. Kapitel des neuen Buches – das es sogar schon zu bestellen gibt (Öffnet in neuem Fenster) :) - zu schreiben.
Daher heute, with humble apologies, der Rest der Kapitels. Ich hab lange herumgesucht, um nen guten cut-off-point zu finden, weil das jetzt schon der längste Blogtext ist, den ich je gepostet habe, aber alle Schnitte wären irgendwie künstlich gewesen. In der 2. Hälfte des Kapitels geht es tief in die Theorie, wie funktioniert dieser Kapitalismus eigentlich, und warum wird er die Welt kaputt machen, völlig egal, was wir davon halten?
Bevor ich in den Text einsteige, zuerst noch ein paar kurze Präambeln.
Erstens wollte ich nach dem Aktionswochenende der Klimabewegung in Hamm, wo Ende Gelände am Freitag in Aktion war, und am Samstag eine NGO-Demo ein menschliches Windrad in der Landschaft formte, eine Frage stellen, die wir selten und ungern diskutieren: hat sich das wirklich gelohnt? Steht der Ressourcenaufwand einer gigantischen Mobilisierung in einem sinnvollen Verhältnis zum politischen Output? Ich habe keine Antwort auf die Frage, weil ich weder in Hamm, noch in der Mobi war, aber ich finde, es stünde uns gut zu Gesicht, diese Fragen zu diskutieren. Meine zweite Frage wäre: wo diskutieren wir solche Fragen?
Zweitens wollte ich auf ein Interview hinweisen, dass ich mit dem internationalistischen IZW3-Magazin geführt habe, und dass die Genoss*innen dort freundlicherweise online gestellt haben: es geht um Degrowth und Klimabewegung, um Kollaps, Kollapsbewegung und die deutsche Linke: https://www.iz3w.org/artikel/klimakollaps-tadzio-mueller-interview-friedliche-sabotage (Öffnet in neuem Fenster).
Drittens hab ich eine Frage an erfahrenere Buchautor*innen: erlebt Ihr den Buchschreibprozess auch so manisch, or is that just me? Das erste Buch war ja eher ne Zusammenstellung schon geschriebener Texte, während dieses ein Fließtext ist, und der kreative Prozess ist viel intensiver. Vorgestern dachte ich, it's in the bag, alles super, Buch ist quasi schon geschrieben, auch, wenn bisher nur die Hälfte des Texts vorliegt, und diese ist noch total unredigiert. Gestern war ich dann ein nervöses Wrack, konnte vor Aufregung und Unsicherheit kaum einschlafen, weil ich mich fragte, wie zur Hölle ich das alles in unter vier Wochen noch eintüten soll.
Heute bin ich irgendwo mittendrin, daher die Frage: ist das bei Euch auch so, diese kreative Achterbahn?
Anyway, soviel zum Vorgeplänkel, jetzt auf ins Theoriekapitel: Wenn der Kapitalismus hinter all der Zerstörung steht, und wenn es mir um die Suche nach Hebeln geht, dann ging es jetzt ja um die Suche nach Hebeln im/gegen den Kapitalismus. Und in die steigen wir jetzt ein, mit nem langen Text, der Euch bis zum Ende des 1. Kapitels bringen wird.
Ich schreibe währenddessen an Kapitel 4, dem Kollapskapitel. Wish me luck.
Mit etwas manischen Grüßen,
Euer Tadzio
Kollaps, Kapitalismus und kein Ende des Wachstums
…Von 2010 bis 2015 krepelte die junge, vor allem linksradikale Klimabewegung ziemlich unbemerkt in den Kohlerevieren herum, versuchte nach dem Gipfel immer neue Hebel zu betätigen... and nobody gave a fuck.
...und im Kapitalismus?
Das war für mich zunächst einigermaßen überraschend, oder eher: frustrierend, weil ich Bewegung wie gesagt brauche, um mit großen, ansonsten nicht bearbeitbaren Ängsten umzugehen. In diesem Fall: der Angst vor dem Klimakollaps, vor dem end of the world as we know it, um nochmal die 90er zu zitieren.
Und wieso gleich Angst vorm Kollaps? I mean, in den Nullern wusste die deutsche Linke und ein Großteil der Klimaszene noch nichts von Kipppunkten, damals wurde sich „Klimawandel“ meist als mehr oder minder lineares Phänomen vorgestellt, es wurde sich auf Avocadoanbau in Franken und Karibikurlaub auf Borkum gefreut, „Katastrophen“ und ähnliches würde es im globalen Süden geben, aber hier, bei uns, hier oben, bei uns Reichen, da würde das ganze einfach nur die Durchschnittstemperatur um ein oder zwei Grad erhöhen. No big deal, das ist doch immer noch vor allem ne Luxusfrage: es geht um Eisbären, und um Menschen im globalen Süden, in that order, und wegen solcher Irrelevanzen machen wir uns hier in Deutschland keinen wirklichen Kopf, es sei denn, wir können dadurch mehr Autos verkaufen. Ich kann mich noch gut an ein Gespräch mit einem klugen Genossen erinnern, der mich ungefähr 2010 fragte, ob meine Warnung vor „großflächigen Ernteausfällen im Falle eskalierenden Klimawandels“ nicht „zu alarmistisch“ sei. Im Nachhinein schon ne lustige Frage, und ganz im allgemeinen waren die Reaktionen des Großteils der deutschen Linken auf unsere neue Klimabewegung eher abwartend: der Vorwurf des „Katastrophismus“ stand im Raum, neben den alten linken Antiökozoten wie „Klimaschutz ist anti-Arbeiter“, „Klimaschutz ist ein bürgerliches Luxusthema“, und der allseits beliebte Klassiker: „weil es der Kapitalismus ist, der das Klima kaputtmacht, müssen wir halt den Kapitalismus kaputt machen, dann klappt's auch mit dem Klima.“
Das waren natürlich keine wirklichen inhaltlichen Aussagen, es ging in jedem Fall um die intellektuelle Abwehr der Notwendigkeit einer ernsthaften gesellschaftlichen und / oder linken Auseinandersetzung mit dem, was die „Klimafrage“ für die reichen spätimperialen Beutegemeinschaften des globalen Nordens bedeuten würde – zum Beispiel, was das mit der „gemeinsamen aber unterschiedlichen Verantwortung“ (CBDR: common but differentiated responsibility) für die Lösung der Klimafrage eigentlich auf sich haben könnte, die schon 1992 auf dem berühmten „Erdgipfel“ in Rio ins Völkerrecht eingeschrieben wurde. Trotzdem lohnt es sich, den Gedankengang „weil es der Kapitalismus ist, der das Klima kaputtmacht, müssen wir halt den Kapitalismus kaputt machen, dann klappt's auch mit dem Klima“ ein bisschen aufzudröseln, um zu erklären, wie gleichzeitig richtig, und völlig nutzlos dieser Gedanke ist, und besonders, was er nicht mitdenkt. Und um das zu tun, muss ich nochmal zurück zu meiner Dissertation, in der es, wie gesagt, um antikapitalistischen Aktivismus ging, und die Frage, wie dieser effektiv sein kann: „how do we fight and win against capital(ism)?“ Und um diese Frage zu beantworten, musste ich zurück auf Anfang, und erstmal so richtig verstehen, wie eigentlich „Kapitalismus“ funktioniert, besonders sein oft beschworener innerer „Wachstumszwang“.
Hmmm, wie fang ich an...? Vielleicht hier: der Kapitalismus ist ein wirklich beeindruckendes System. Im Gegensatz zu allen, wirklich allen anderen von Menschen erzeugten Gesellschaftsstrukturen ist er in der Lage, aber auch darauf angewiesen, permanentes, oft gesellschaftlich disruptives „Wachstum“ zu produzieren. Während alle anderen bekannten Produktions- und Lebensweisen (ich könnte auch „Ökonomien“ sagen, aber schon die Abtrennung „ökonomischer“ von anderen Aktivitäten ist ein Artefakt kapitalistischer Entwicklung, existierte so in nichtkapitalistischen Gesellschaftsformen nicht) im Grunde eher zyklisch funktionieren, oder zumindest nicht die permanente Revolutionierung grundlegender Produktionstechnologien und so enorm steigende Produktivität als dauerhaftes Merkmal beinhalten, sind Gesellschaften, in denen die kapitalistische Produktionsweise herrscht, sowohl in der Lage, als auch bei Strafe des Untergangs dazu gezwungen, permanent zu wachsen. Und hier müsst Ihr Euch „Wachstum“ nicht als irgendeine BIP-Kennzahl vorstellen (as in: „Die deutsche Wirtschaft ist im vergangenen Quartal um 0,2% gewachsen, was bedeutet, dass Gott von uns enttäuscht ist, weshalb wir ihm jetzt erstmal ein paar Jungfrauen und einen erheblichen Teil unserer Sozialsysteme opfern müssen!“), sondern als etwas ganz konkretes, ein bisschen wie in dem mittlerweile vermutlich in Vergessenheit geratenen 80er Jahre Song „wir steigern das Bruttosozialprodukt“: jeden Tag steht eine Kapitalistin – eine Person, die Produktionsmittel und Lohnkapital besitzt, und diese zur Produktion von Waren nutzen will, um damit Geld zu verdienen – auf, um abends mehr Kapital zu besitzen, als am Morgen. Und jeden Abend überlegt sie sich, wie sie das Mehrkapital (den „Mehrwert“) so investiert, dass sie am nächsten Tag noch ein bisschen mehr Mehrwert erwirtschaften kann. Wenn sie das nicht tut, dann wird sie am Tag drauf von ihren Konkurrent*innen insofern überrundet werden, als dass diese keine Schluris waren, ihre Produktion effizienter und damit ihre Produkte billiger gemacht haben, und „unsere“ Kapitalistin deswegen weniger verkaufen kann, deswegen abends weniger, nicht mehr Kapital hat, und sie deshalb, wenn das ein paar Tage oder Jahre so läuft, out of business gehen wird.
Der „Wachstumszwang“, der dem Kapitalismus innewohnt wie ein übelgelaunter Flaschengeist, entsteht also nicht aus makropolitischen Entscheidungen, oder durch kapitalistische Regentänze um das Wachstumstotem herum, sondern aus unendlich vielen mikroökonomischen Entscheidungen einzelner wirtschaftlicher Akteure, hat meist nur wenig mit irgendwelchen Regierungsentscheidungen zu tun. „Wirtschaftswachstum“ verläuft stattdessen meistens nach Auf- und Abschwungszyklen, die über die Jahrzehnte hinweg überraschend stabil sind (vgl. Kondratieff und Schumpeter). In dem Sinne hat „der kapitalistische Wachstumszwang“ kein „Zentrum“, es gibt keinen Ort, wo wir ihn einfach abschalten könnten: solang ein Großteil gesellschaftlicher Produktion für den Markt stattfindet, und solang die meisten Menschen nicht ohne Rekurs auf diesen Markt überleben können, weil ihnen über die Jahre und Jahrhunderte ihre eigenen Reproduktionsmöglichkeiten gestohlen wurden, besteht dieser Wachstumszwang, werden unsere Leben von einer Logik bestimmt, auf die wir kaum Einfluss haben, die sich selbst und ihre Effekte gleichsam hinter unserem Rücken herstellt.
Entschuldigt diesen kurzen, möglicherweise zu schnellen Ritt durch ein bisschen Kapitalismustheorie, es ging mir darum, einen wichtigen Punkt zu etablieren, auf den ich im Rahmen meiner Dissertationsforschung stieß: nicht nur ist der Kapitalismus ein einzigartig produktives und dynamisches Wirtschaftssystem, er ist auch ein System, das kein Zentrum, keinen Winterpalast, keinen Ort hat, den zu kontrollieren bedeuten würde, dass es auch möglich wäre, von dort den Kapitalismus abzuschalten, ihn zu revolutionieren oder umzustürzen.
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Völlig unabhängig davon, ob wir tatsächlich breite Bevölkerungsmehrheiten hinter ein antikapitalistisches Transformationsprojekt versammeln könnten – können wir nicht, dazu weiter unten (Kapitel 3) – wüssten wir gar nicht, was diese Mehrheiten dann machen sollten, denn, dies ein weiterer wichtiger Punkt, den mir meine Diss zu verstehen half, und der natürlich auch von Marx abgekupfert ist: im Gegensatz zu allen anderen gesellschaftlichen Systemen ist der Kapitalismus im Grunde unabhängig davon, was Menschen von ihm halten. Wir reproduzieren den Kapitalismus und die Wert- und Warenform (das „ortlose Zentrum“ des Kapitalismus“) jedes Mal, wenn wir in kapitalistischen Märkten Produkte kaufen und verkaufen, je häufiger wir das tun, desto weiter treiben wir die Unterwerfung des Lebens unter die Logik des Kapitals voran, und da unser Bedürfnis, unsere Reproduktion durch kapitalistische Märkte sicherzustellen, wirklich vollkommen unabhängig ist, was wir davon halten, ist auch der Kapitalismus von unserer Zustimmung weitgehend unabhängig. Ein System, das auch dann stärker werden kann, wenn es weniger „Massenloyalität“ generiert, weil es durch stummen ökonomischen Zwang funktionieren kann; das kein angreif- oder okkupierbares Zentrum hat; und das sich durch seine stetige innere Dynamik die Welt ständig weiter unterwirft, und so immer mehr Alternativlosigkeit schafft... Ein System, das zu bekämpfen wir keine Hebelpunkte haben, das unsere eigenen Bedürfnisse zu seiner Stabilisierung artikulieren kann, und das so unangreifbar ist wie ein ghost in the machine.
Das bedeutete natürlich nicht, dass es keinerlei Widerstandsmöglichkeiten, keine Handlungsfähigkeit gegenüber „dem Kapitalismus“ gab: wenn unsere Abhängigkeit vom Kapitalismus – aus der dann auch die Notwendigkeit resultiert, jedes Mal den Kapitalismus zu reproduzieren, wenn wir unsere Grundbedürfnisse befriedigen – das Resultat des Verschwindens nichtkapitalistischer Lebensweisen und „Welten“ ist, dann muss die Gegenstrategie natürlich lauten, genau solche „Welten“ (soziale Räume, in denen zum Kapitalismus alternative „Wertlogiken“ gelteni (Öffnet in neuem Fenster)) zu erschaffen, zu verteidigen, und auszubauen.ii (Öffnet in neuem Fenster) Diese Strategie aber krankte an zwei Problemen, das zweite davon wird uns dann wieder zur Klima-Kollaps-Frage zurückführen.
Erstens: klar können „wir“ Antikapitalist*innen lauter „intentional communities“ aufbauen, Aussteiger*innenkollektive, in denen nichtkapitalistisches Leben gelebt wird, aber deren Schicksal wird auch nicht besser sein, als das aller antikapitalistischen Kommunen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, seit Saint Simon oder Robert Owen und den anderen „utopischen Sozialist*innen“: sie würden stagnieren, und/oder irgendwann vom Kapitalismus geschluckt werden. Warum? Weil der Kapitalismus eben diese eingebaute, krebsartige oder parasitäre Wachstumsdynamik hat, während nichtkapitalistische Gesellschaftsformen keine derart starke interne Expansionsdynamik aufzeigen, und deswegen in der „Systemkonkurrenz“ grundsätzlich unterlegen sind. Das ist kein bloßer theoretischer Punkt, eine quantitative historische Studie des „Aussteigens“ als antikapitalistischer Strategie würde genau diese Annahme bestätigen.
Das zweite Problem einer „lasst uns alternative Formen nichtkapitalistischen Zusammenlebens auf- und ausbauen“ liegt in der Zeitfrage, oder genauer, auf der Zeitachse. Ich habe oben danach gefragt, ob und wie und wo wir den Kapitalismus „abschalten, revolutionieren oder umstürzen“ können, und die Antwort ist erstmal: Nein. Im besten Fall können wir zu ihm alternative Gesellschaftsprojekte an den Start bringen, diese langsam aber sicher ausbauen (neue Gesellschaft bauen dauert), und dann hoffen, dass eine Kombination aus äußerem Schock, z.B. einer Pandemie oder, ich weiß auch nicht, einer Blockade zentraler fossilistischer Nachschublinien wie zum Beispiel der Straße von Hormuz, internen Widersprüchen und globaler Revolte dazu führen würde, dass der Kapitalismus gleichsam kollabiert, und Menschen sich den Alternativen zuwenden, die wir über lange Jahre und durch die mühsamen Mühen der Ebene hindurch aufgebaut haben. Das bedeutet aber, dass die Zeitlichkeit des Antikapitalismus keine bruchhaft-revolutionäre ist, sondern, dass Antikapitalismus riiiichtig lang dauert. Nix kurzfristige „Revolution“ - ein Begriff, der im politischen Sinne in hochentwickelten kapitalistischen Gesellschaften tatsächlich vollkommen bedeutungslos geworden ist, denn wie würde denn eine Revolution gegen den Kapitalismus ganz konkret aussehen, wenn es keinen Winterpalast mehr gibt, den Lenin und die Bolschewiki stürmen konnten? - im besten Falle dann eben langwierige „Transformation“, und ein irgendwo in einer sehr, sehr fernen ewigen Zukunft kommender „Postkapitalismus“.iii (Öffnet in neuem Fenster)
Kapitalismus, Klima und die Frage der Zeit
Und das mit der Zeitfrage beim Antikapitalismus, dass wir keine kurzfristige Möglichkeit haben, den Kapitalismus abzuschalten, wurde dann ein besonderes Problem, als ich begann, mich mit der Klimafrage zu befassen. Denn ein kurzer Blick auf die Ende der Nuller in der Klimakommunikation äußerst populäre „Hockeystickgrafik“ zeigte: globale Treibhausgasemissionen folgen ziemlich genau der Expansion oder Schrumpfung der Weltwirtschaft. Wächst die globale Wirtschaft, steigen die Emissionen, wächst sie nicht, oder schrumpft sogar, wie z.B. während der Ölkrise der frühen 1970er, des Zusammenbruchs der Ostblockwirtschaften Anfang der 1990er, bleibt das Emissionsniveau gleich, oder es sinkt. Dieser Zusammenhang änderte sich auch nicht durch globale klimapolitische Verträge wie das Kyoto Protokoll, oder durch eher auf der materiellen, der Produktionsebene stattfindende Prozesse wie den Ausbau erneuerbarer Energien: Wirtschaftswachstum = mehr Emissionen, Wirtschaftsschrumpfung = weniger Emissionen. Und da wie gerade erklärt Wirtschaftswachstum gar nicht so sehr aus unseren gemeinsamen politischen oder gesellschaftlichen Entscheidungen resultiert, da wir keinen wirklichen Zugriff auf die Wachstumsdynamik haben, bedeutete das auch, dass wir keinen wirklichen Zugriff auf die Klimaproblematik hatten.
All das hätte mich nicht unbedingt stressen müssen, wenn ich, wie viele zu dem Zeitpunkt, den „Klimawandel“ (im Nachhinein auch ein irgendwie putziges Wort) als ein im Grunde linear verlaufendes Problem verstanden hätte, das irgendwann, vielleicht in 100 Jahren oder so, zu ner sanften und in Deutschland vielleicht sogar angenehmen Erhöhung der Durchschnittstemperatur um nette ein bis zwei Grad Celsius führen würde. Aber aufgrund meiner Verbindungen zur radikalen Ökobewegung im UK, ganz konkret der politischen Freundschaft mit einem Genossen, nunmehr ein einflussreicher und oft im Guardian veröffentlichter Earth scientist, verstand ich von Anfang an, dass es bei der Klimasache nicht um einen etwas kleineren oder größeren Anstieg globaler Temperaturen ging, sondern um drohende fundamentale Veränderungen der Bedingungen menschlichen Lebens auf der Erde.iv (Öffnet in neuem Fenster)
Die Kurzfassung: wenn der Kapitalismus ungebremst weiter die Atmosphäre mit Treibhausgasen vermüllt, dann ist das notwendige Resultat kein linearer Temperaturanstieg, stattdessen würde das globale Klimasystem – ein komplexes System mit zwei grundsätzlich möglichen Zuständen: stabil und instabil – seine unüblich lange stabile Phase der letzten 12.000 Jahre verlassen, jenes mittlerweile berühmte „Holozän“, in dem die globale Durchschnittstemperatur nicht mehr als zwei Grad Celsius vom Mittelwert abwich. Je mehr Treibhausgase, desto mehr näherten wir uns dem Kipppunkt dieses stabilen Systems an, dem Punkt, an dem ein relativ stabiles Weltklima durch ein instabiles ersetzt würde. Würde dieser Kipppunkt überschritten – und die reale Bedeutung des „Zwei Grad Limits“, das schon Ende der Nuller in der Wissenschaft diskutiert, und das im „Paris Agreement“ ins Völkerrecht eingeschrieben wurde, war dieser: jenseits von zwei Grad Erwärmung steigt die Wahrscheinlichkeit des Umkippens in ein instabiles globales Klima auf über 50% - wäre es ziemlich wahrscheinlich, dass die Bedingungen für stabile menschliche Zivilisation auf der Erde schon bald nicht mehr gegeben wären. Außerdem wäre dieser Prozess des „Kollaps“ ein unglaublich ungerechter, da ich 2008 von unseren Freund*innen aus der „Klimagerechtigkeitsbewegung“, die sich auf der globalen Klimagipfelebene links neben der „Klimabewegung“ herausgebildet/abgespalten hatte, über die Prinzipien der Umwelt- und Klimaungerechtigkeit lernte: in jeder Umwelt- oder Klimakatastrophe leiden üblicherweise die am meisten, die am wenigsten dazu beigetragen haben, und umgekehrt die am wenigsten, die am meisten dazu beigetragen haben, und deswegen nun über die Ressourcen verfügen, sich vor den Effekten ihrer eigenen fossilkapitalistischen Zerstörungspraxen zu schützen. Wenn der globale Meeresspiegel ansteigt, würden die ehedem imperialen Niederlande schwimmende Städte bauen, aber das ehemals kolonisierte Bangladesch würde absaufen.
Ich verstand also schon damals, dass die Perspektive einer ungebremsten Klimakatastrophe nicht „ein paar tote Eisbären, aber frische Avocados aus Franken“ war, sondern „das Ende menschlicher Zivilisation“ - also das, was wir heute „Kollaps“ nennen, und was als Thema schon 2008 ein wenig in der Diskussion war, als Jared Diamond einen der Klassiker der Kollapsologie veröffentlichte: Kollaps – warum Gesellschaften überleben oder untergehen. Der notwendige Endpunkt der Klimakatastrophe ist der Kollaps menschlicher Zivilisation. Die Klimakatastrophe wird von einem globalen fossilen Massenproduktionskapitalismus angetrieben, den aufzuhalten wir weder das kurzfristige materielle Interesse, noch die Handlungsfähigkeit und die Hebel haben, zumindest nicht in der Zeit, die uns zur „Lösung“ der Klimafrage noch zur Verfügung steht, oder damals stand. Das bedeutete in der schonungslosen strategischen Zusammenfassung: we were completely fucked.
Illusorische Handlungsfähigkeit in der Klimakatastrophe
Enter Verdrängung, denn als mit gut 30 Jahren immer noch halbwegs junger antikapitalistischer Aktivist konnte ich diese Schlussfolgerung nicht akzeptieren: klar, der Kapitalismus würde das Problem nicht lösen können, und ich sah zu dem Zeitpunkt keine Möglichkeit, den Kapitalismus abzulösen. Aber hatte ich nicht vor Jahren erlebt, wie soziale Bewegungen Unmögliches möglich machen konnten? War nicht soziale Bewegung mein Mittel, mit meinen politischen Großängsten umzugehen, waren soziale Bewegungen nicht die Quelle aller wahrer, schöner, guter Dinge in der Welt?
Meine Antwort auf die Frage nach der unmöglichen Lösung der Klimafrage lag also notwendigerweise im Aufbau einer sozialen Bewegung zum Thema Klima/Klimagerechtigkeit, denn: wenn die Lösung unter gegebenen Bedingungen unmöglich ist, soziale Bewegungen aber die Grenzen des Möglichen verschieben können, dann ist soziale Bewegung der einzige Weg zur Lösung des Problems. Dass das pures magisches Denken war, nicht unähnlich dem magischen Denken der Emissionshandelsfans oder Technologiefetischist*innen - „Klimakatastrophe? Klar, krasses Problem, aber lasst erstmal 'nen Markt drum herum gründen, der wird das dann magisch klären, oder lass die Leute massenhaft E-Autos kaufen, dann wird das alles irgendwie gut.“ - konnte ich damals noch nicht erkennen, ich hatte noch nicht verstanden, wie viele unserer politischen Geschichten eigentlich Mythen waren, die wir uns gegenseitig erzählten, um unsere Angst, unsere Schuld und unsere Scham im Angesicht der schon damals fast sicheren kollektiv-kapitalistischen Selbstzerstörung der Menschheit nicht fühlen zu müssen. Stattdessen war ich felsenfest davon überzeugt, dass wir es schaffen könnten, eine globale antifossilistische und antikapitalistische Bewegung aufzubauen, die so viel Schlagkraft entwickeln würde, dass sie irgendwie – ich hatte ja schon festgestellt, dass wir den kapitalistischen Expansionsdrang nicht abschalten könnten, aber diese Einsicht, zu der ich noch kurz davor mehrere Jahre recherchiert hatte, verdrängte ich kurzerhand so vollständig, wie ich als Teenager meine Homosexualität verdrängte – das Unmögliche durchsetzen würde.
Schritt eins in diese Richtung war für mich das oben schon erwähnte erste Klimacamp in Deutschland, Schritt zwei die Mobilisierung zum/gegen den COP15 Klimagipfel in Hamburg: im Kampf gegen den Neoliberalismus waren die Gipfel globaler Institutionen relevante Hebel, Interventionspunkte gewesen, warum also nicht im Kampf gegen die Klimakatastrophe? Naja, weil das vollkommen unterschiedliche Prozesse waren: der Neoliberalismus als globales De- und Reregulierungsprogramm war durchaus auch von diesen Gipfeln abhängig, wenn die Unterzeichnung eines Freihandels- oder Investitionsschutzabkommens verhindert werden konnte, würde dies seine gesellschaftszersetzenden Effekte nicht entfalten; aber eine Mobilisierung zu einem „Klimagipfel“? Würden wir ihn effektiv „blockieren“, liefe der Prozess der Klimazerstörung ungestört weiter; würde dort ein „Deal“ verhandelt werden, wie später dann in Paris, zeigte sich, dass der Prozess der Klimazerstörung trotzdem ungestört weiterliefe.
Wie schon geschrieben, der Gipfel floppte, dito die Mobilisierung, also machten wir uns auf die Suche nach dem nächsten möglichen Hebel, die Klimabewegungen des globalen Nordens entschieden sich, „in die Reviere“ zu gehen, und wir wissen, was darauf folgte: Klimacamps, Ende Gelände, der Kampf um den Hambacher Wald und Lützerath, um einen Kohleausstieg. Und was bekamen wir für über ein Jahrzehnt aufopferungsvoller Kämpfe? Einen Braunkohleausstieg irgendwann Ende der 2030er, während die Welt schon Ende der 2010er begann, abzusaufen, oder in Flammen aufzugehen. Wir hatten zwar den „Ausstieg“ gewonnen, aber im Klimakampf verloren. Auch „die Reviere“, das zeigte der „Kohlekompromiss“ der Bundesregierung, waren keine effektiven Hebel, um die Klimaagenda effektiv voranzutreiben.
Aber die Klimabewegung ließ sich trotzdem nicht entmutigen, die Suche nach effektiven Hebeln zur Handlungsfähigkeit in der Klimakatastrophe ging weiter: nach den Antikohlekämpfen in den Revieren tauchte Fridays for Future auf der weltgeschichtlichen Bühne auf, machte sich zum vorletzten Versuch der Klimabewegung auf, das Unmögliche möglich zu machen: freundliche Massendemonstrationen wurden überall in der Welt organisiert, die stärkste Einzelorganisation war Fridays Deutschland, die hier am 20.9.2019 die größten Demos der Bundesgeschichte organisierten, und zeigten: „hey, richtig viele in der Gesellschaft wollen Klimaschutz!“
Allein: auch das war kein Hebel, denn wie gezeigt ist der Kapitalismus der Grund des Klimaproblems, und gleichzeitig ziemlich unabhängig davon, was wir von ihm halten, seine Macht ergibt sich daraus, dass wir keine realistischen großflächigen Alternativen haben. Also entschied sich Deutschland wieder gegen echten Klimaschutz, bis sich die Letzte Generation zum letzten Versuch aufbrach, den letzten Hebel betätigte, der noch denkbar war – maximalen Druck auf die fossilen Gesellschaften der Welt auszuüben, bis diese sich unter dem ständig wachsenden Druck von Straßenblockaden endlich daran erinnerten, dass sie doch mal versprochen hatten, das Klima zu schützen. Und wie das verlief, das erleben wir heute noch in seinen Ausläufern. Die Gesellschaft verrohte im Gleichschritt mit der taktischen Eskalation durch die LG, und um 2023 herum war klar: der Versuch der Klimabewegung, gegen die Klimakatastrophe handlungsfähig zu werden, effektive Hebel gegen den fossilkapitalistischen Zerstörungswahnsinn zu finden, war gescheitert. Wir waren zu wenige und wurden immer weniger, wir hatten keine effektive Strategie, und die Gesellschaft hatte sich ein für allemal von uns abgewandt. Wir konnten den Kapitalismus nicht kaputtmachen, der Kapitalismus machte das Klima kaputt, und kaputtes Klima bedeutete den sicheren Kollaps menschlicher Zivilisation.
Game Over.
Und zuletzt: handlungsfähig im Kollaps?
Jetzt fragt Ihr Euch vielleicht, warum ich Euch auf diesen dann doch recht langen Ritt durch die neuere Bewegungsvergangenheit genommen, warum ich als berüchtigter „Defätist“ die Bewegungen so hart abfeiere, denen ich dann am Ende aber wieder unterstelle, gescheitert zu sein? Weil ich zeigen will, dass die Suchbewegung, die in sozialer Bewegung stattfindet, die Suche nach Handlungsfähigkeit auch im Angesicht der größten Herausforderungen, vor denen die Menschheit stehen kann, immer noch genau das ist, was hilft, mit der Angst umzugehen. Mit Ausnahme der Klimaauseinandersetzung war keine der oben beschriebenen Auseinandersetzungen schon im Vorfeld „verloren“, gab es immer Pfade zur Handlungsfähigkeit, die in manchen Fällen auch gegangen wurden. Ich will nicht, dass wir „aufgeben“, es geht um das genaue Gegenteil: Es geht mir um die Verlängerung dessen, was ich oben beschrieben habe, in eine Zukunft des Kollaps.
Also noch ein letztes Mal zurück zur Chronologie. Was für mich aus der schwierigen Einsicht in die Unvermeidbarkeit des Klimakollaps folgte, habe ich ausführlicher im ersten Buch beschrieben: zuerst die Realisierung, dass „Klimakollaps“ auch gesellschaftlicher Kollaps und universelle Faschisierung bedeuten würde, dann tiefe Depression und der Versuch der langsamen Selbstzerstörung in der schwulen Berliner Partyszene, und zuletzt das Wiederauftauchen aus der Depression, als ich in Lützerath „die Bewegung“ wiederfand, und bei meinem Freund Pär Plüschke und seiner Gruppe „Preppa Tillsammans“ (zusammen Preppen) die Strategie des solidarischen Preppens, die eine mögliche, eine noch anzustoßende Kollapsbewegung verfolgen sollte.
Aber wie so eine Kollapsbewegung genauer funktionieren, in welchem strategischen Raum sie sich bewegen würde, an welchen Hebelpunkten sie ansetzen könnte, das wurde dann nicht mehr so richtig klar. Jetzt muss die Erzählung also weitergehen: wie sieht der gesellschaftliche Raum des Kollaps aus? Was sind die “Stakes”, worum geht es, wer ist noch im Raum, und wie verhalten die sich? Wie finden wir auch im Kollaps wieder zu gemeinsamer, menschlicher (womit ich das Projekt, um das hier geht, irgendwo links und irgendwo im Humanismus verorten würde – im neuen Terrain werden auch Richtungen und Projekte erst einmal unklar, und müssen neu bestimmt werden) Handlungsfähigkeit zurück, und überlassen unseren ewigen Gegner*innen, den Faschist*innen, nicht das gesamte Terrain?
Dieses Buch handelt also von der Zukunft, was sich auch in der Natur der intellektuellen und politischen Claims, die ich darin machen werde, niederschlagen wird: wenn wir von der Zukunft reden, besonders von einer Zukunft, die einen fundamentalen Bruch mit dem darstellt, was die Zukunft in unserer unmittelbaren Vergangenheit gewesen ist, ist notwendigerweise nicht alles, oder immer weniger, “beweisbar”. Dies ist ein Buch voller politischer und gesellschaftlicher Hypothesen, von Aussagen a la “X ist das wahrscheinlichste Szenario, und sollte X, dann wäre Strategie Y optimal”.
Das erste Buch handelte vom Scheitern einer alten Bewegung in einer kollabierenden Welt, und der Suche nach neuen Pfaden, auf denen unser Scheitern nicht im Voraus programmiert war. Dieses Buch handelt von der Entstehung einer neuen Bewegung in einer kollabierenden Welt, und den Pfaden, auf denen diese zu solidarischer Selbstwirksamkeit zurückkehrt. Es ist ein Buch nicht über Hoffnung, sondern über Angst und Handlungsfähigkeit, Solidarität und darüber, in einer immer dunkler werdenden Welt in Gemeinschaft (Bewegung) Bedeutung zu finden. Wenn das erste Buch ein Reisebericht war, ein polit-emotionales Tagebuch, ist dieses ein programmatischer Aufschlag: im besten Fall wird es eine Art “was tun im Kollaps?”.
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