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Als man dachte, die Form einer Pflanze bestimme die Wirkung

Knack eine Walnuss auf, und der Kern sieht aus wie ein kleines Gehirn. Das Blatt des Leberblümchens ähnelt einer Leber. Jahrhundertelang lasen Heilkundige darin eine Botschaft: Was einem Organ gleicht, das heilt es auch. In diesem Artikel schauen wir, ob an dieser Idee je etwas dran war und warum sie manche Menschen am Ende teuer zu stehen kam. Los geht’s!

Ein Leberblümchen inmitten von Buschwindröschenblättern

Wenn im zeitigen Frühjahr unter den noch kahlen Sträuchern die ersten blauen Blüten des Leberblümchens aufgehen, schaut kaum jemand auf die Blätter, sondern man guckt ja lieber die schöne Blüte an. Dabei sitzt dort der ganze Grund für den seltsamen Namen. Das Blatt des Leberblümchens (Hepatica nobilis) ist in drei runde Lappen geteilt, und irgendwann vor langer Zeit fand jemand, dass diese drei Lappen aussehen wie die Lappen einer Leber. Daraus zogen Heilkundige einen Schluss, der über Jahrhunderte Apotheken und Krankenbetten bestimmte: Was aussieht wie eine Leber, das hilft der Leber. So.

Die Blätter des Leberblümchens. Kenraiz Krzysztof Ziarnek für Wikimedia Commons. CC BY-SA 4.0.

Diese Idee hat einen Namen, man nennt das die Signaturenlehre, und über mehrere hundert Jahre war er eine der wichtigsten Methoden, um zu entscheiden, welche Pflanze gegen welches Leiden helfen sollte. Die Idee dahinter ist simpel: Gott oder ~die Natur~ habe jeder Pflanze ein sichtbares Zeichen mitgegeben, eine Art Gebrauchsanweisung in Form, Farbe, Standort, Geruch oder Verhalten. Man müsse nur richtig hinschauen, dann verrate die Pflanze von selbst, wozu sie gut sei. Das Wort "Signaturenlehre", auf lateinisch signatura rerum, kommt von signare = bezeichnen, kennzeichnen.

Die Walnuss, die wie ein Gehirn aussieht

Das schönste Beispiel für diese Denkweise ist etwas, das mir schon als Kind aufgefallen ist. Knack mal eine Walnuss auf und schau dir den Kern an. Die beiden Hälften, die gewundenen Furchen, die helle Haut darüber: Das sieht aus wie ein Gehirn in Miniatur, mit seinen zwei Hälften und seinen Windungen, ne? Der englische Kräuterkundige William Coles (1626-1662) hat das 1657 in seinem Buch Adam in Eden genau so beschrieben. Die Walnuss trage "die vollkommene Signatur des Kopfes", schrieb er. Die grüne Außenschale stehe für die Kopfhaut, die harte Schale für den Schädel, das gelbe Häutchen für die Hirnhäute und der Kern für das Gehirn selbst. Also helfe die Walnuss gegen Kopfleiden, so einfach ist das.

Man suchte also einfach eine Ähnlichkeit und las daraus eine Wirkung ab. Das gefleckte Lungenkraut (Pulmonaria officinalis) mit seinen weiß-grün marmorierten Blättern sollte gegen Lungenkrankheiten helfen, weil die Flecken an krankes Lungengewebe erinnerten. Der Augentrost (Euphrasia officinalis) bekam seine Bestimmung von der Zeichnung seiner Blüte, deren purpurne Linien und der gelbe Fleck im Schlund wie ein gereiztes Auge aussehen. Und die unterirdischen Knollen mancher Orchideen, zwei rundliche Knöllchen nebeneinander, wurden als Hodenpaar gelesen, weshalb man ihnen eine Wirkung auf ~Manneskraft~ und Zeugungsfähigkeit/Fruchtbarkeit zuschrieb.

Lungenkraut in meinem Garten
Augentrost. Tigerente für Wikimedia Commons. CC BY-SA 3.0.

Den theoretischen Überbau lieferten große Namen ihrer Zeit. Der Arzt und Alchemist Paracelsus (1493-1541) formte aus verstreuten antiken Beobachtungen (da war das nämlich auch schon im Trend) eine richtige Lehre und schrieb darüber in seinem Werk De natura rerum. Der Neapolitaner Giambattista della Porta (1535-1615) legte 1588 mit der Phytognomonica einen ganzen bebilderten Katalog solcher Pflanzen-Körper/Organ-Ähnlichkeiten vor. Und der Mystiker Jakob Böhme (1575-1624) gab der Idee 1622 mit seinem Buch Signatura Rerum den Namen, unter dem wir sie heute kennen. Die Vorstellung passte gut in eine Zeit, in der man die Natur als ein von Gott geschriebenes Buch verstand, in dem alles eine Bedeutung trug, wenn man sie nur entziffern konnte. Das war ja auch so die Zeit, wo Symbolik, Nummerologie und alle möglichen Zeichendeutungen etabliert war.

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Hat das jemals funktioniert?

Vermutlich hast du dir die Frage längst gestellt: Hat das eigentlich jemals funktioniert? Eine Pflanze, die aussieht wie ein Organ, hilft diesem Organ, das klingt nach reinem Aberglauben, doch gab es mal einen Zufallstreffer? Nun … ja.

Das Johanniskraut (Hypericum perforatum) ist so einer. Zerreibst du seine gelben Blüten zwischen den Fingern, tritt ein blutrotes Öl aus. Diese rote Farbe brachte man mit Blut und damit mit Wunden in Verbindung, also strich man das Öl auf Verletzungen. Und tatsächlich gibt es Hinweise darauf, dass Johanniskraut-Auszüge bei der Wundheilung etwas bringen können. Die Inhaltsstoffe wirken im Labor gegen Bakterien und regen Hautzellen zur Teilung an. Die Belege dafür stammen aber überwiegend aus Zellversuchen und kleinen Studien, eine wirklich überzeugende klinische Bestätigung in der echten Welt fehlt bis heute, soweit ich weiß. Die gut untersuchte Wirkung des Johanniskrauts ist eine ganz andere, nämlich (hoch dosiert) die gegen leichte bis mittelschwere Depressionen, und daher kenne ich das eben auch.

Ein zweiter berühmter Kandidat ist die Weidenrinde, aus der später das Aspirin hervorging. Sie taucht in vielen Erzählungen als großer Erfolg der Signaturenlehre auf. Der englische Pfarrer Edward Stone (1702-1768) berichtete 1763 der Royal Society, dass Weidenrinde Fieber senke. Sein Gedankengang hatte mit der Form der Pflanze nichts zu tun. Er folgte einer verwandten alten Regel, die auch zur Signaturenlehre gehört: Wo eine Krankheit entsteht, da wachse auch ihr Heilmittel. Weil man Fieber mit feuchten, sumpfigen Gegenden verband und die Weide gern im Nassen steht, schloss Stone, sie müsse gegen Fieber helfen. Seine Begründung war falsch, Fieber kommt natürlich nicht aus dem Sumpf. Er hatte nur Glück, dass die Weidenrinde den Stoff Salicin enthält, aus dem der Körper Salicylsäure macht, und die senkt Fieber wirklich und hilft auch gegen Schmerzen, wobei wir heutzutage die weniger magenreizende Version zu uns nehmen: Acetylsalicylsäure. Die Weidenrinde ist also kein Beispiel für die Signaturenlehre, und selbst wenn man sie dazuzählte, beruhte der Erfolg auf einem Zufall.

Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn

Der Ethnobotaniker Bradley C. Bennett hat die Signaturenlehre 2007 in der Fachzeitschrift Economic Botany gründlich untersucht und kam zu einem (für dich sicher erwartbaren) Ergebnis: Es gibt keinen einzigen belegten Fall, in dem die Ähnlichkeit einer Pflanze tatsächlich zur Entdeckung einer Heilwirkung geführt hätte. Die Reihenfolge war fast immer umgekehrt. Man kannte eine Pflanze bereits aus der Anwendung, und erst danach suchte und fand man eine passende Ähnlichkeit, die zu ihrer Verwendung passte. So nach dem Motto: Hey, Mittel XY hilft gegen Kopfweh … die Frucht ist recht rund, wie ein Kopf! Ha, da hängt das bestimmt zusammen! Aber: Die Form einer Pflanze sagt dir nämlich überhaupt nichts darüber, welche chemischen Stoffe in ihr stecken und was die im Körper anrichten. Ein dreilappiges Blatt enthält kein Lebermolekül, nur weil es wie eine Leber geformt ist. Schlimmer noch: Oft hat diese “Logik” richtig Schaden angerichtet.

Weidengehölz am Fluss

Das Gelbsucht-Mittel, das die Leber angreift

Bleiben wir bei der Leber. Neben dem Leberblümchen gibt es noch eine zweite Pflanze, die nach der Signaturenlehre für dieses Organ zuständig war: das Schöllkraut (Chelidonium majus), ein häufiges Wildkraut an Mauern und Wegrändern, das du wahrscheinlich aus deinem Garten kennst. Bei mir wächst das immer neben der Gartenhütte. Brichst du einen Stängel ab, quillt ein gelb-orangener Milchsaft heraus. Diese Farbe brachte man mit der Galle und mit der Gelbsucht in Verbindung, jener Krankheit, die Haut und Augen gelb färbt. Schöllkraut galt deshalb lange als Mittel gegen Gelbsucht und gegen Leber- und Gallenleiden.

Links im Bild: Gelb blühendes Schöllkraut.

Die Pflanze enthält tatsächlich starke Wirkstoffe, die auf die Leber Einfluss haben, und zwar eine Gruppe von Alkaloiden. Nur wirken die anders, als die alten Heilkundigen dachten. Die Europäische Arzneimittelagentur EMA hat 2011 die Meldungen zu Schöllkraut ausgewertet und mehrere verschiedene gemeldete Schäden an Leber und Galle. Die Behörde stufte den Nutzen der innerlichen Anwendung als negativ ein, das Risiko überwiegt also. In mehreren EU-Ländern wurden daraufhin Zulassungen entsprechender Präparate zurückgenommen. Die Leberdatenbank der amerikanischen Gesundheitsbehörde NIH listet Schöllkraut als belegte, wenn auch seltene Ursache für Leberschäden, die im Bild einer akuten Hepatitis daherkommen, mitsamt Gelbsucht. Meist bilden sie sich nach dem Absetzen wieder zurück, dokumentierte Todesfälle gibt es zum Glück nicht, in einem spanischen Register findet sich aber ein Fall, der bis zur Lebertransplantation führte. Soll heißen: Die Leute nahmen ein Mittel gegen Gelbsucht ein, das aber selber Leberschäden und damit Gelbsucht verursachte. Das ist … nicht ideal.

Die "Geburtshelferin”, die Krebs verursacht

Der gefährlichste Fall, der mir hier gerade dazu einfällt, trägt seine Signatur sogar im wissenschaftlichen Namen. Die Osterluzei (Aristolochia) hat eine eigentümlich gekrümmte, röhrenförmige Blüte, die SEHR ENTFERNT (wie ich finde) an einen Geburtskanal oder eine Gebärmutter erinnert. Genau so wurde sie früher jedenfalls gelesen. Der Gattungsname Aristolochia stammt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie "die beste Geburt", und über Jahrhunderte setzte man die Pflanze bei Geburten und “Frauenleiden” ein. Im Deutschen heißt sie Osterluzei, im Englischen schlicht "birthwort", Geburtskraut. Die Gewöhnliche Osterluzei (Aristolochia clematitis) wächst auch bei uns in Mitteleuropa, besonders gern an Weinbergen und Hecken. Diese Pflanze enthält Aristolochiasäure, und die gehört zum Gefährlichsten, was du so im Pflanzenreich finden kannst. Dieses “Heilkraut” zerstört deine Nieren und löst Krebs aus. Die Internationale Krebsforschungsagentur IARC hat Aristolochiasäure sogar in die höchste Kategorie eingeordnet, als für den Menschen gesichert krebserregend.

Gewöhnliche Osterluzei. Kurt Stüber für Wikimedia Commons. CC BY-SA 3.0.

Wie übel der Stoff wirkt, zeigte sich Anfang der 1990er Jahre in Belgien. In einer Brüsseler Abnehmklinik bekamen Menschen Pillen mit chinesischen Kräutern verschrieben, überwiegend waren die Patient:innen Frauen. In die Pillen gehörte eigentlich die harmlose Pflanze Stephania tetrandra, die in der chinesischen Medizin Han Fang Ji heißt. Der Kräuterlieferant schickte aber versehentlich Aristolochia fangchi, auf Chinesisch Guang Fang Ji, weil beide Pflanzen denselben Namensteil Fang Ji tragen. So geriet die Aristolochiasäure in die Pillen, ohne dass es jemandem auffiel. Geschätzt 1500 bis 2000 Menschen nahmen sie über längere Zeit, und nicht wenige bekamen schweres Nierenversagen und andere Probleme. In einer im New England Journal of Medicine veröffentlichten Untersuchung ließen sich beispielweise 39 betroffene Patientinnen vorsorglich operieren, und bei 18 von ihnen, also fast der Hälfte (!), fand man Krebs in den Harnwegen. Auch Jahre später kämpften die Patient:innen noch mit den Nachwirkungen. Dass der Stoff so gefährlich ist, war zu diesem Zeitpunkt längst bekannt: In der Bundesrepublik hatte das Bundesgesundheitsamt schon 1981 allen Arzneimitteln mit Osterluzei (also Aristolochia) die Zulassung entzogen, ein Jahrzehnt vor den belgischen Fällen … nur die Homöopathika durften diesen Stoff noch “beinhalten”, du kannst jetzt mal raten, wieso, hüstel.

Was vom Aberglauben im Garten geblieben ist

Die Signaturenlehre ist als Heilmethode lange erledigt. Schon zu ihrer Blütezeit gab es Spötter, der flämische Arzt Rembert Dodoens (1517-1585) nannte diese Lehre schon 1583 so beliebig und unsicher, dass sie keine Anerkennung verdiene. Trotzdem begegnet sie dir bis heute jedes Mal, wenn du bestimmte Pflanzennamen aussprichst. Ich finde hier besonders geil, wie keiner damals auf die Idee kam, dass das Aussehen einer Pflanze vielleicht nicht immer was mit uns zu tun hat? Natürlich schwierig in einer Zeit, in der der Mensch die Krone der Schöpfung war, was eben alle geglaubt habe. Aber zum Beispiel die weißen Flecken auf den Blättern des Lungenkrauts, die früher als Zeichen für eine kranke Lunge galten, sind in Wahrheit kleine Lufttaschen dicht unter der Blattoberfläche, die vermutlich der Kühlung der Pflanze dienen. Das Leberblümchen, das die Leber heilen sollte, enthält wie viele seiner Verwandten den leicht giftigen Stoff Protoanemonin und reizt eher Haut und Schleimhäute als Fraßabwehr.

Hinter dieser Lehre steckt ein bekanntes Muster. Unser Gehirn sucht überall nach Ähnlichkeiten und freut sich, wenn es eine findet. Eine geteilte Nuss erinnert an ein Gehirn, ein gelapptes Blatt an eine Leber, und schon glauben wir, einen Zusammenhang zu sehen, der nie existiert hat. So einfach ist das in Wirklichkeit.

Sympathien/angebliche Beziehungen zwischen Pflanzen und Tieren. Holzschnitt nach Auffassung Giambattista della Portas, 16. Jahrhundert, Hans Biedermann – Medicina Magica –- Metaphysische Heilmethoden in spätantiken und mittelalterlichen Handschriften

Diese Pflanzen aus deinem Garten haben tatsächlich eine Wirkung

Wir halten also fest: Die Form einer Pflanze verrät uns nix über ihre Heilkraft. Ihre Chemie hingegen schon. Die folgenden Pflanzen sehen keinem Organ ähnlich, und trotzdem helfen sie bei kleinen Beschwerden, weil sie Stoffe enthalten, deren Wirkung sich messen lässt. Für jede gibt es Studien, die ihren Nutzen geprüft haben, statt ihn aus einem Blatt abzulesen. Und alle wachsen bei dir im Beet, im Topf oder ganz von allein im Rasen. Schauen wir uns das mal an, und immer im Hinterkopf behalten: Ich bin keine Ärztin und das ist deshalb kein medizinischer Rat, klaro?

Pfefferminze gegen Reizdarm und Kopfschmerz

Pfefferminze (Mentha × piperita) ist eine Kreuzung, die keine keimfähigen Samen bildet. Wusstest du das? Sie vermehrt sich über ihre Ausläufer … und das sehr, nun, sagen wir: nachdrücklich, und genau das macht sie so ein bisschen zum Wüterich im Beet. Setz sie deshalb in einen (hohen! Am besten auf Beton stehenden!!) Kübel, sonst hast du sie nächstes Jahr überall. Sie mag feuchten Boden und kommt mit Halbschatten gut zurecht.

Frische Blätter als Tee helfen bei Völlegefühl und Blähungen, bei mir auch gern mal gegen Übelkeit. Die stärkste Wirkung hat aber das Pfefferminzöl: Magensaftresistente Kapseln aus der Apotheke können die Beschwerden beim Reizdarmsyndrom lindern, das belegen mehrere Meta-Analysen über mehrere Studien. Ein zweiter Trick hat es sogar in eine Kopfschmerzstudie geschafft: Eine zehnprozentige Lösung von Pfefferminzöl in Alkohol, auf Stirn und Schläfen gerieben, senkte bei Spannungskopfschmerz die Schmerzen nach fünfzehn Minuten so deutlich wie 1000 Milligramm Paracetamol. Halte das Öl von den Augen fern und reib es kleinen Kindern nicht ins Gesicht, das Menthol kann ihnen die Atmung reizen. Auch ich als Asthmatikerin krieg Probleme, wenn man mir das Zeug auf die Brust schmiert, wie man es früher bei Kindern gemacht hat.

Thymian gegen festsitzenden Husten

Thymian (Thymus vulgaris) stammt aus dem Mittelmeerraum und will, was er von dort kennt: volle Sonne und einen mageren, durchlässigen Boden. Als Halbstrauch verholzt er mit den Jahren von unten und treibt aus altem Holz schlecht nach, also schneide ihn regelmäßig ins noch grüne Holz zurück, dann bleibt er schön dicht.

Thymian

Bei festsitzendem Husten und akuter Bronchitis ist Thymian eine der am besten geprüften Hustenpflanzen. In einer placebokontrollierten Studie mit 361 Erkrankten erreichten die Teilnehmenden mit einem Thymian-Efeu-Auszug die Halbierung ihrer Hustenanfälle zwei Tage früher als mit Placebo. Du kannst die Blätter als Tee aufgießen oder daraus einen Sirup ansetzen, so mache ich das immer. Aber du weißt ja, gesunder Menschenverstand und so: Wenn die Bronchitis ordentlich rein haut, nicht denken: Na ja, der Thymian wird’s schon richten! Wenn es arg ist, ist ein Arztbesuch angesagt.

Salbei gegen Halsschmerzen

Salbei (Salvia officinalis) braucht dieselben Bedingungen wie der Thymian, viel Sonne und durchlässige Erde, und auch er verholzt und freut sich über einen Rückschnitt. Eine einzelne Pflanze liefert dir mehr Blätter, als du je verbrauchst.

Bei Halsschmerzen hilft ein kräftiger Salbeitee zum Gurgeln, und oh mein Gott, finde ich Salbeitee ekelhaft, aber er hilft mir halt wirklich. Das ist auch durch Studien gedeckt: Ein Salbei-Spray senkte in einem Versuch bei 286 Menschen mit akuter Rachenentzündung die Halsschmerzen schon in den ersten zwei Stunden messbar stärker als ein Scheinpräparat. Trink Salbei nicht literweise über Wochen, in großen Mengen reichert sich der Inhaltsstoff Thujon an, und das ist nicht gut für dich. Zum Gurgeln und als gelegentlicher Tee ist er unbedenklich.

Kamille für Magen und gereizte Haut

Die Echte Kamille (Matricaria chamomilla) ist einjährig und sät sich von allein wieder aus, wenn du ein paar Blüten stehen lässt. Sie mag es sonnig und kommt mit magerem Boden zurecht, auf dem andere verhungern würden.

Der Tee beruhigt einen verstimmten Magen, und abgekühlt eignet er sich als Auflage oder Spülung bei leicht gereizter Haut, weil die Inhaltsstoffe Entzündungen dämpfen und leicht antibakteriell wirken. Aber Achtung: Kamille kann zB beim Inhalieren die Schleimhäute auch austrocknen, da muss man ein bisschen von Fall zu Fall entscheiden, wann eine Anwendung Sinn macht. Es gibt sogar eine Studie zur Psyche: Ein Kamillenextrakt verringerte in einem Versuch bei Menschen mit einer generalisierten Angststörung die Angstwerte stärker als Placebo, wenn auch in mäßigem (!) Umfang.

Ringelblume.

Ringelblume für kleine Wunden

Die Ringelblume (Calendula officinalis) ist auch easy going im Garten oder auf dem Balkon. Du streust die Samen im Frühjahr aus, und sie blüht bis in den Herbst und kommt im nächsten Jahr von selbst wieder, weil sie sich stark versamt. Sonne reicht ihr, um Knospen ooooohne Ende zu schieben.

Aus den Blüten kannst du in Öl einen Auszug ziehen, der die Grundlage für eine Salbe gegen kleine Wunden und rissige Haut bildet. Die Studienlage geht hier aber auseinander: Eine Untersuchung an 254 Brustkrebspatientinnen fand weniger Hautschäden unter Bestrahlung bei denen, die Ringelblumensalbe benutzten, eine neuere Studie sah dagegen keinen Unterschied zur Standardpflege. Für die alltägliche Hautpflege spricht die Erfahrung, ist ja ganz angenehm in der Anwendung, für die großen Versprechen vieler Naturkosmetikhersteller reichen die Daten aber nicht.

Spitzwegerich gegen Reizhusten und Juckreiz

Den Spitzwegerich (Plantago lanceolata) musst du nicht einmal anbauen, er wächst in fast jedem Rasen und auf jeder Wiese, mehrjährig und praktisch geschenkt. An den schmalen, längs gerippten Blättern erkennst du ihn recht leicht. Ich hab den überall im Garten, weil ich Tee aus ihm mache.

Frisch geernteter Spitzwegerich.

Seine Blätter stecken voller Schleimstoffe, die sich wie ein Film auf gereizte Schleimhäute legen. Als Tee oder Sirup beruhigt das einen trockenen Reizhusten, und die Europäische Arzneimittelagentur führt genau diese Anwendung in ihrer Monografie dazu als Empfehlung. Der zweite Nutzen ist ebenfalls sehr alt: Zerreibst du ein frisches Blatt zwischen den Fingern und legst den Brei auf einen Mückenstich oder eine Brennnessel-Quaddel, lindert das den Juckreiz. Also angeblich. Bei mir hat das noch nie geholfen, vielleicht ist es bei dir anders.

Wo die Selbsthilfe aufhört

Diese Pflanzen helfen bei den kleinen Wehwehchen des Alltags. Bei hohem Fieber oder Atemnot, oder wenn Beschwerden einfach nicht weggehen und einfach doller als normal sind, gehörst du zur Ärztin und nicht in den Garten. Bist du schwanger oder willst du etwas bei kleinen Kindern anwenden, frag vorher unbedingt (!) in der Apotheke nach, manche Mengen und Zubereitungen sind dann nicht geeignet.

Bis zum nächsten Mal

Jasmin

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Die Quellen

Amsterdam, Jay D., Yimei Li, Irene Soeller, Kenneth Rockwell, Jun James Mao, und Justine Shults. “A Randomized, Double-Blind, Placebo-Controlled Trial of Oral Matricaria recutita (Chamomile) Extract Therapy of Generalized Anxiety Disorder.” Journal of Clinical Psychopharmacology 29, Nr. 4 (2009): 378–382. https://doi.org/10.1097/JCP.0b013e3181ac935c (Öffnet in neuem Fenster).

Bennett, Bradley C. “Doctrine of Signatures: An Explanation of Medicinal Plant Discovery or Dissemination of Knowledge?” Economic Botany 61, Nr. 3 (2007): 246–255. https://doi.org/10.1663/0013-0001(2007)61[246:DOSAEO]2.0.CO;2 (Öffnet in neuem Fenster).

Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte. Abwehr von Gefahren durch Arzneimittel, Stufe II: Arzneimittel, die unter Verwendung von Pflanzen der Familie der Aristolochiaceae mit der Gattung Asarum hergestellt werden. Bescheid. Bonn, 22. Juli 2010. Geschäftszeichen 75-3822-V12617-3232.

European Medicines Agency. “Plantaginis lanceolatae folium: Herbal Medicinal Product.” 31. Dezember 2009. https://www.ema.europa.eu/en/medicines/herbal/plantaginis-lanceolatae-folium (Öffnet in neuem Fenster).

European Medicines Agency. Committee on Herbal Medicinal Products. Public Statement on Chelidonium majus L., Herba. EMA/HMPC/743927/2010. London: European Medicines Agency, 13. September 2011.

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Hubbert, Michael, H. Sievers, R. Lehnfeld, und W. Kehrl. “Efficacy and Tolerability of a Spray with Salvia officinalis in the Treatment of Acute Pharyngitis: A Randomised, Double-Blind, Placebo-Controlled Study with Adaptive Design and Interim Analysis.” European Journal of Medical Research 11, Nr. 1 (2006): 20–26.

Ingrosso, Maria Rosa, Gianluca Ianiro, Judy Nee, u. a. “Systematic Review and Meta-Analysis: Efficacy of Peppermint Oil in Irritable Bowel Syndrome.” Alimentary Pharmacology & Therapeutics 56, Nr. 6 (2022): 932–941. https://doi.org/10.1111/apt.17179 (Öffnet in neuem Fenster).

Kemmerich, Bernd, Reinhild Eberhardt, und Holger Stammer. “Efficacy and Tolerability of a Fluid Extract Combination of Thyme Herb and Ivy Leaves and Matched Placebo in Adults Suffering from Acute Bronchitis with Productive Cough: A Prospective, Double-Blind, Placebo-Controlled Clinical Trial.” Arzneimittel-Forschung 56, Nr. 9 (2006): 652–660. https://doi.org/10.1055/s-0031-1296767 (Öffnet in neuem Fenster).

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Siddiquee, Shihab, Margaret A. McGee, Andrew D. Vincent, u. a. “Efficacy of Topical Calendula officinalis on Prevalence of Radiation-Induced Dermatitis: A Randomised Controlled Trial.” The Australasian Journal of Dermatology 62, Nr. 1 (2021): e35–e40. https://doi.org/10.1111/ajd.13434 (Öffnet in neuem Fenster).

Kategorie Gartenwissen allgemein

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