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Baumrinden-Tastkarten herstellen

Einführung: Baumrinden-Tastkarten sind ein sensorisches Beschäftigungs- und Aktivierungsmaterial für die Seniorenbetreuung. Dabei werden Holzrindenstücke mit starken, unterschiedlichen Oberflächen (rau, glatt, schuppig) auf Karten oder stabilen Trägern befestigt. Diese Karten ermöglichen es den Betreuten, ihre Hände über natürliche Strukturen gleiten zu lassen. So wird der Tastsinn gezielt angesprochen. Solche haptischen Reize öffnen oftmals den Zugang zu Erinnerungen an Spaziergänge im Wald oder Holzarbeiten. Naturmaterialien wie Baumrinde regen die taktile und visuelle Wahrnehmung stark an und motivieren zum Greifen und Fühlen. Vor allem in der Arbeit mit Menschen mit Demenz fördert diese Art der Stimulation nicht nur die Kommunikation, sondern kann auch Ängste lindern und das Wohlbefinden steigern. Baumrinden-Tastkarten bringen damit ein Stück Natur in die stationäre Pflege und bieten den Bewohnern sinnliche Anregung in sicherer Umgebung.

Zielsetzung: Das Hauptziel der Baumrinden-Tastkarten ist es, den taktile Sinn der älteren Menschen zu aktivieren und zu fördern. Durch bewusstes Ertasten verschiedener Rindenstrukturen wird die Körperwahrnehmung gesteigert. Studien zeigen, dass taktile Sinnesreize die Kommunikationsfähigkeit und das allgemeine Wohlbefinden bei Menschen mit Demenz verbessern können. Zudem zielt der Einsatz auf die Feinmotorik: Das Greifen und Halten der z.T. unregelmäßig geformten Rindenstücke beansprucht die Hand- und Fingermuskulatur und fördert so motorische Restfähigkeiten. Die Aktivierung des Tastsinns kann darüber hinaus Erinnerungen an frühere Naturerlebnisse wachrufen (z. B. Waldspaziergänge, Holzarbeiten) und somit auch eine biografieorientierte Ansprache unterstützen. Durch das gemeinsame Fühlen und Besprechen der Rinden werden soziale Kontakte und Gespräche angeregt. Grundsätzlich verfolgt die Anwendung also basale Stimulationsziele: sie macht Naturerfahrungen für Pflegebedürftige erfahrbar, steigert deren Wohlbefinden und baut über vertraute Elemente wie Holz („früher haben wir Holz im Ofen verbrannt“) Brücken in die gemeinsame Gegenwart.

Vor- und Nachteile: Ein großer Vorteil der Rinden-Tastkarten ist ihre Einfachheit und Naturnähe. Die Materialien sind günstig (geerntete Rindenstücke, Pappe oder Holz als Unterlage) und in Haus oder Garten oft frei verfügbar. Sie erlauben eine authentische Sinneserfahrung, die über normale Pflegeangebote hinausgeht. Zudem sind die Karten relativ robust und wiederverwendbar – anders als kurzlebige Spiele oder sensorische Boxen. Durch die persönliche Anbindung an natürliche Formen können sie schnell das Interesse wecken und bieten vielfältige Einsatzmöglichkeiten (Erraten von Baumarten, Rinden-Memory, Gesprächsanstoß). Als pädagogischer Nebeneffekt fördert die Beschäftigung mit unterschiedlichen Rinden auch die Aufmerksamkeit und Konzentration. Allerdings gibt es auch Nachteile und Risiken. Baumrinden können scharfkantig oder brüchig sein, deshalb muss auf abstehende Holzsplitter geachtet werden. Es besteht die Gefahr von Hygieneproblemen: Rinde muss gründlich gereinigt und getrocknet werden, bevor sie ins Pflegeheim kommt, um Schimmel oder Insekten auszuschließen. Weiche oder poröse Rinde nimmt Feuchtigkeit auf und kann schneller verunreinigen. Ein weiterer Nachteil ist, dass manche Bewohner die rauen Oberflächen als unangenehm empfinden könnten – daher darf niemand zur Teilnahme gezwungen werden. Zudem gilt: Baumrinde darf nicht einfach von lebenden Bäumen abgezweigt werden. Als Rindenquellen dienen nur bereits gefälltes Holz oder Fallobst, um Schäden in der Natur zu vermeiden. Schließlich ist bei Demenzkranken stets zu prüfen, ob die Aktivität zur jeweiligen Verfassung passt. Manche Teilnehmende könnten verwirrt sein, wenn sie den Sinn der Karten nicht erkennen.

Materialien und Vorbereitung: Zur Herstellung der Tastkarten benötigt man zunächst verschiedene Baumrindenstücke. Optimal ist ein Sortiment aus mehrfachen Baumarten (z. B. Eiche, Birke, Kiefer, Buche), da sich deren Rinden erheblich in Struktur und Aussehen unterscheiden. Die Rinden können von abgestorbenen Ästen oder Holzstapeln stammen, etwa von Brennholz- oder Gehölzresten. Wichtig ist, dass die Stücke sauber, trocken und frei von Schädlingen sind. (Ein kurzes Einweichen in Wasser und anschließendes Trockenlagern können helfen, Schmutz und Insekten zu entfernen.) Als Unterlagen für die Karten dienen dicke Pappkartons, stabile Holzplatten oder auch Schaumstoffplatten. Auf diese Platten oder Pappen werden die Rinden mit starkem Holzleim oder Heißkleber fixiert. Heißkleber hält häufig schneller, aber Holzleim ist langlebiger bei Gerätenutzung und Ungeduldigen. Nach dem Kleben sollten die Karten mindestens 24 Stunden trocknen. Da rohe Rinde Fasern abgeben und stumpf wirken kann, empfiehlt es sich, die Oberflächen optional mit klarem Lack zu versiegeln oder die gesamte Karte zu laminieren. So werden Spliss und Fasern fixiert und die Karten lassen sich leichter reinigen. Ebenfalls nützlich ist es, die Rückseiten der Karten mit Informationen zu versehen: Per Stift oder kleinen Etiketten kann man Art und Herkunft der Rinde notieren oder fortlaufende Nummern anbringen. So kann man die Karten später als Quiz einsetzen (z.B. „Welche Rinde gehört zu welchem Baum?“). Zusätzlich braucht man einfache Bastelwerkzeuge: ein scharfes Messer zum Zurechtschneiden der Rinde, eine Schere oder einen Cutter für den Untergrund, Schleifpapier, um scharfe Kanten zu glätten, und eventuell Handschuhe, um die Hände vor Splittern zu schützen. Insgesamt geht es vor allem um stabiles Material (damit die Karten nicht durchbiegen) und festen Kleber – anspruchsvolle Werkzeuge oder teure Spezialkleber sind nicht nötig.

Herstellung der Tastkarten: Schritt 1 ist die Auswahl der Rindenstücke. Die Fachkraft sammelt verschiedene Rindenarten, wobei möglichst unterschiedliche Haptik angestrebt wird: raue Eichenrinde, schuppige Kiefernrinde, glatte Birkenrinde o. Ä. (Wichtig: keine Rinde frisch von lebendem Baum schlagen – nur bereits lose Rinde oder Stücke vom Holz nehmen.) Danach werden die Stücke ggf. zugeschnitten. Stark gekrümmte Rindenstücke kann man von der Unterseite flach abschneiden, sodass sie plan an die Karte geklebt werden können. Mit Schleifpapier bearbeitet man scharfe Kanten und Unebenheiten. Parallel wird der Kartenuntergrund vorbereitet: Man schneidet Papp- oder Holzplatten in handliche Formate (z.B. Postkartengröße oder größer). Diese Unterlagen sollten steif genug sein, später locker gegriffen zu werden.

Schritt 2 ist das Kleben der Rinde. Für jede Karte wird ein Rindenstück auf die Mitte der Unterlage gelegt. Falls die Rinde von der Oberfläche absteht, können mehrere flache Streifen zugeschnitten und unterfüttert werden, um sie eben zu befestigen. Dann trägt die Betreuungskraft Holzleim oder Heißkleber großzügig auf die Rückseite der Rinde auf und drückt sie fest auf die Unterlage. Wichtig ist gute Haftung: Bei einigen Rinden haftet Normalleim schlecht, hier ist Heißkleber im Randbereich ratsam. Nach dem Kleben stellt man die Karten senkrecht oder legt sie zum Trocknen auf eine plane Fläche – über Nacht ruhen lassen. Anschließend ggf. überschüssigen Leim an den Rändern mit einem Holzspatel entfernen und erneut trocknen lassen. Wer mag, kann nun einen Lack auf die Rinde aufbringen. Klarlack (lösungsmittelfrei) oder eine durchsichtige Schutzfolie (Laminat) schließt die Oberfläche ab und verhindert ein Absplittern. Die Karten sind so auch besser gegen Feuchtigkeit oder gelegentliche Reinigung mit feuchtem Tuch geschützt.

Schritt 3 ist die Beschriftung und Dokumentation. Auf der Rückseite jeder Karte hält man fest, welche Baumart oder welchen Standort die Rinde repräsentiert (z.B. „Eiche, Waldweg Südgarten“). So behalten Betreuende den Überblick und können die Karten gezielt variieren. Man kann auch kleine Pfeile anbringen oder Nummern vergeben, um Spiele zu ermöglichen (z.B. Zuordnung von Rinde zu Bildkarten). Danach sind die Baumrinden-Tastkarten fertig zur Anwendung. Insgesamt sollte man beim Basteln geduldig vorgehen – die Karten halten bei gründlicher Ausführung lange. Für mehrere Teilnehmende empfiehlt es sich, einen Satz von mindestens 5–10 Karten mit unterschiedlicher Rinde zu fertigen.

Anleitung für die Praxis: In der praktischen Anwendung werden die Tastkarten idealerweise in einer ruhigen Aktivitätssituation eingesetzt. Man kann sie einzeln verteilen oder in der Tischmitte auslegen. Anleitung und Rahmen hängen von der Zielgruppe ab. Bei demenziell veränderten Personen ist ein einfacher Ablauf empfehlenswert: Die Betreuungskraft führt die Hände der Seniorinnen und Senioren mit einer Rindenkarte zusammen und ermuntert, sie zu fühlen. Dabei kann sie die Teilnehmenden bitten, Worte für das Ertastete zu finden („rau“, „zerfurcht“, „weiches Moos“ usw.). Wichtig ist, viel Zeit für die sinnliche Erfahrung zu geben und nicht zu hetzen. Helfer können auch von hinten an den Händen der Teilnehmenden ansetzen, um das Kartentasten zu unterstützen. Das Ziel ist nicht ein richtig/falsch-Spiel, sondern das genaue Wahrnehmen und Beschreiben.

Nach dem Tastempfinden kann eine Erzählrunde folgen: Die Betreuerkraft fragt zum Beispiel: „An welche früheren Erlebnisse im Wald erinnert dich diese Rinde?“ oder „Wo könnten wir diese Rinde früher gesehen haben?“. Solche Biografieanlässe sind wertvoll und machen die Übung relevant. Auch Spiele lassen sich daraus formen: So kann man die Rinde mit verbundenen Augen ertasten lassen und raten lassen, von welchem Baum sie stammt (ggf. mit Bildkarten zum Vergleichen). Eine weitere Idee ist, mehrere Karten durcheinander zu mischen und die Senioren die verschiedenen Hölzer sortieren zu lassen (z.B. alle Eichenrinden zusammen). Oder man verbirgt die Rindenkarten in einem Tuch und lässt die Teilnehmenden hineingreifen (ähnlich einer Tastkiste) und dann herausfinden. Solche Aufgaben setzen Gedächtnis und Konzentration ein und können Demenzerkrankten räumlich begrenzte Erfolgserlebnisse geben.

Bei körperlich eingeschränkten, bettlägerigen oder schwer dementen Personen können die Karten auch direkt in die Pflege integriert werden: So werden beim Händewaschen oder beim Cremeauftrag kurz die Rinden präsentiert, um etwas Abwechslung in den Alltag zu bringen. Laut Ergotherapie kann schon das Fühlen von Rinde oder herabhängenden Tannenzapfen unter anderem einen hohen Aufforderungscharakter haben und biografische Erinnerungen wecken. Selbst im Sitzen können Betroffene kleine Stücke zwischen den Fingern zerbröseln oder gegeneinander reiben – dies hält die Gelenke beweglich.

Generell gilt in der Praxis: Lassen Sie Freiraum für Gespräche und Reaktionen. Nutzen Sie die Tastkarten nicht nur stumm, sondern verbinden Sie die Sinnesaktivierung mit auditiven oder visuellen Reizen (z.B. passende Vogelgeräusche oder Waldfotos). Achten Sie darauf, die Aktivität nicht zu überfrachten – gut sind etwa 5–10 Minuten konzentriertes Tasten, anschließend können Sie auf andere Aktivierungsangebote wechseln (Musik, Bewegung). Wenn mehrere Betreuungskräfte beteiligt sind, kann eine die Kartenrunde begleiten, während andere Teilnehmende parallel andere Aktivitäten durchführen. So bleibt die Gruppe klein und überschaubar. Immer sollte jedoch genug Assistenz vorhanden sein, da beim Fühlen mit Rinde leichte Splitter oder Splitterfasern in die Haut gelangen können. Ein abschließendes Händewaschen nach der Übung kann da sicherstellen, dass keine Fremdpartikel haften bleiben.

Insgesamt lassen sich Baumrinden-Tastkarten flexibel einsetzen – ob in der Gruppenaktivierung, der Einzelbetreuung am Wohnzimmertisch oder sogar ambulant zu Hause. Ältere Menschen und Menschen mit Demenz sprechen sehr gut auf natürliche, haptische Sinnesreize an. Indem wir den Tastsinn fördern, fördern wir ihre Wahrnehmung und schaffen eine vertrauensvolle, entspannte Atmosphäre. So ergänzen die Baumrinden-Tastkarten klassische Pflegeangebote und eröffnen einen sanften Weg zu kognitiver und emotionaler Aktivierung.

Kategorie Material, Spiele, Bücher

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