Einführung. In der Seniorenbetreuung sind gezielte Atemübungen eine wertvolle Methode, um die Lungenfunktion zu erhalten, Stress abzubauen und das Wohlbefinden älterer Menschen zu fördern. Mit zunehmendem Alter verändern sich die Lungen und Atemmuskeln: Das Zwerchfell wird weniger elastisch, Rippen und Brustkorb versteifen sich, und die Atemtiefe nimmt ab. Flache Brustatmung kann zu Sauerstoffunterversorgung und angespanntem Zustand führen. Gleichzeitig wirken sich Stress und Ängste auf die Atmung aus – schnelle, oberflächliche Atmung verstärkt Unruhe und Stressgefühle. Richtig ausgeführte Atemübungen hingegen fördern eine tiefe, ruhige Atmung (sogenannte Bauchatmung), steigern die Sauerstoffversorgung und können das Herz-Kreislauf-System entlasten und entspannen.
Im Rahmen eines Praxisbeitrags für Betreuungskräfte kommt es darauf an, konkrete Anwendungen für den Pflegealltag vorzustellen. Hier betrachten wir das Konzept „Atemübungen am Fensterplatz“ in stationären Pflegeeinrichtungen. Dabei wird die natürliche Umgebung – Licht, frische Luft, Ausblick – genutzt, um die Übungssituation zu bereichern. Ein Fensterplatz bietet nicht nur frische Luft, sondern auch visuelle Reize und Orientierungspunkte, die Senioren anregen können. Durch diese Umgebungselemente kann die Atmung noch wirksamer trainiert werden. In der Praxis bedeutet dies zum Beispiel, die Bewohnerin oder den Bewohner in ein Fenster zu fahren oder zu setzen, so dass sie den Blick nach draußen genießen kann. Wichtig ist dabei, die Übungen an individuelle Fähigkeiten und Bedürfnisse anzupassen.
Zielsetzung der Atemübungen am Fensterplatz. Das primäre Ziel ist es, durch angeleitete Atemübungen die Lungenkapazität und Atemmuskulatur zu stärken sowie die Sauerstoffversorgung zu verbessern. Tiefes Ein- und Ausatmen fördert die Entspannung und kann Herz und Kreislauf entlasten. Gleichzeitig sollen die Bewohner durch die Umgebung stimuliert werden: Tageslicht und frische Luft aktivieren den Kreislauf und die Sinne, während der Ausblick auf Aktivitäten im Freien geistige Impulse setzt.
Konkret erreichen Atemübungen am Fensterplatz mehrere Effekte: Die vertiefte Atmung über das Zwerchfell (Bauchatmung) verbessert die Belüftung der unteren Lungenabschnitte. Atemtechniken wie die Lippenbremse oder der Kutschersitz erleichtern das Ausatmen und erweitern die Atemwege. Indem die Pflegeperson gezielt das langsame Ausatmen betont, kann ein Gefühl von Entspannung und Sicherheit vermittelt werden. Der Fensterplatz selbst erfüllt zusätzliche Aktivierungsziele: Ein Blick nach draußen kann Erinnerungen wecken und emotionale Anregung bieten. So wird mit dieser Kombination die Atemschulung nicht nur physisch, sondern auch kognitiv und sensorisch wirksam.
Vorteile und Nutzen. Die Wahl des Fensterplatzes bringt mehrere Vorteile. Erstens sorgt frische Luft für eine bessere Sauerstoffzufuhr. Studien und Praxiserfahrungen zeigen, dass schon das Öffnen eines Fensters den Sauerstoffgehalt erhöhen und das Ausatmen erleichtern kann. Zusätzlich erhalten Menschen im Pflegeheim durch das Tageslicht am Fenster wichtige Orientierungssignale für den Biorhythmus. Hell-dunkel-Wechsel am Morgen und Abend unterstützen den natürlichen Schlaf-Wach-Rhythmus. Zweitens bietet der Ausblick auf die Außenwelt eine sinnvolle visuelle Stimulation. Nach dem Konzept der basalen Stimulation ist es gerade bei kognitiv beeinträchtigten Personen empfohlen, sie zum Fenster zu positionieren. Der Fensterblick kann positive Emotionen wecken – etwa das Zwitschern von Vögeln hören oder das Schauspiel der Jahreszeiten beobachten – und somit die Lebensqualität steigern. In einer Demenzbroschüre wird vorgeschlagen, Fensterplätze mit belebtem Straßenzug als Anregung einzurichten.
Auch körperlich kann der Fensterplatz nützlich sein. Senioren sitzen oder stehen bei den Übungen eher aufrecht, wenn sie einen Ausblick vor sich haben. Durch die aufrechte Sitzhaltung wird die Zwerchfellatmung gefördert. In einigen Atemhaltungen – zum Beispiel dem Kutschersitz – wird der Oberkörper nach vorn gebeugt, die Arme stützen sich ab, sodass die Atemhilfsmuskulatur entlastet wird. Solche Haltung kann durchaus am Fenstertisch erfolgen. Das Ergebnis ist oft, dass die Person besser entspannen und mehr Luft holen kann.
Nachteile und Risiken. Der Fensterplatz sollte jedoch nicht unkritisch genutzt werden. Ein Nachteil kann sein, dass ein zu starker Außenreiz überfordert oder ablenkt. Wenn zum Beispiel Verkehrslärm, Bauarbeiten oder rege Straßenszene wahrnehmbar sind, kann dies zu Unruhe führen. Deshalb empfehlen Experten, trotz des Ausblicks zusätzliche Reize im Raum zu minimieren (ruhiger Raum, weniger laute Musik). Bei sehr empfindlichen oder verwirrten Personen kann der ungewohnte Ausblick verunsichern. Ein weiterer Nachteil ist das Wetter: Im Hochsommer kann starke Sonneneinstrahlung die Übung unangenehm machen, im Winter Kälte oder Zugluft. Pflegekräfte müssen also für angemessene Temperatur sorgen (Sonnenschutz, Pullover etc.). Außerdem besteht bei offenen Fenstern die Gefahr, dass im Rollstuhl sitzende Personen sich herauslehnen könnten. Deshalb ist auf stabile Fenstergriffe, gegebenenfalls Fensterschutz und jederzeitige Aufsicht zu achten. Nicht zuletzt können Allergien gegen Pollen oder Insekten in geöffneten Fenstern stören. In jedem Fall sollte darauf geachtet werden, dass die Fensterbank sauber ist und keine Gefahrenquellen birgt.
Ausführliche Anleitung
Vorbereitung und Ablauf.
Vor Beginn wird die Person bequem am Fensterplatz positioniert. Empfehlenswert ist ein stabiler Stuhl oder Rollstuhl an einem Tisch nahe am Fenster. Die Rückenlehne sollte aufrecht stehen, eventuell unterstützt durch ein Kissen, damit die Person entspannt sitzt. Wenn der Tisch vor dem Fenster ist, kann sich die Person mit leicht angewinkeltem Oberkörper nach vorn lehnen (ähnlich dem Kutschersitz), die Unterarme auf Tisch oder auf den Oberschenkeln abstützen. Dabei erinnert die Haltung an den Kutscher auf einem Kutschbock, was die Atemhilfsmuskulatur entlastet. Für bewegungsunfähige Bewohner, die im Bett bleiben müssen, kann das Bett gegebenenfalls näher ans Fenster geschoben oder das Oberteil hochgefahren werden, sodass sie zumindest halbaufrecht mit Blick nach draußen liegen.
Die Pflegekraft beginnt mit einfachen Atemanweisungen: Zuerst sollte auf eine normale Basisatmung geachtet werden. Die Person atmet zunächst einige Male entspannt durch die Nase ein und aus, ohne besondere Technik. Wichtig ist, langsam und tief zu atmen. Viele ältere Menschen neigen nämlich zu flacher Brustatmung – die Pflegekraft erklärt, dass man bewusst in den Bauch atmet, sodass sich der Bauch wölbt (Zwerchfellatmung). Anschließend kann man die Hände auf den Bauch legen, um die Bauchatmung zu fühlen. Die Pflegeperson könnte dazu sagen: „Spüren Sie, wie Ihr Bauch beim Einatmen dicker wird, und wie er sich beim Ausatmen senkt. Das ist die Bauchatmung.“ Diese ersten Schritte schaffen das Bewusstsein für tieferes Atmen. Es empfiehlt sich, die Umgebung ruhig zu halten und das Fensterwunderlebnis zu würdigen: gegebenenfalls bei klarem Himmel auf vorbeiziehende Wolken oder Vögel hinweisen, um den Fokus zu fördern.
Atemtechniken.
Nun werden unterschiedliche Atemübungen erklärt und durchgeführt. Alle Übungen geschehen langsam und rhythmisch, in Beachtung der individuellen Belastbarkeit. Die Pflegekraft teilt ein, wie oft und wie lange geübt wird (z.B. 5–10 Atemzüge je Übung, oder 2–3 Wiederholungen). Wichtige Grundregeln sind: Nicht ruckartig atmen, keine Luft anhalten, ruhig bleiben. Die Lippenbremse und Kutschersitz können nun gezielt angesprochen werden:
Bauchatmung (Zwerchfellatmung). Dies ist die Basisübung. Die Person sitzt aufrecht, Hände am Bauch. Beim Einatmen durch die Nase hebt sich der Bauch, beim Ausatmen senkt er sich. Man zählt innerlich etwa bis drei beim Einatmen und langsam bis vier beim Ausatmen. Ein Beispielspruch könnte lauten: „Einatmen – den Bauch wölben, ausatmen – Bauch senken“. Dadurch weitet sich die Lunge stärker in den unteren Bereichen, was insbesondere älteren Menschen Vorteile bringt. Diese Technik hilft, die Atmung über den ganzen Brust- und Bauchraum zu verteilen und dadurch entspannter zu atmen.
Lippenbremse. Nach der Bauchatmung leitet die Pflegekraft ggf. die Lippenbremse an. Hierbei atmet die Person tief durch die Nase ein und atmet dann langsam mit leicht aufeinandergepressten oder locker aneinanderliegenden Lippen aus. Die Wangen können sich dabei leicht aufblähen. Dieser geringe Ausatemwiderstand verhindert ein zu schnelles Entweichen der Luft und hält die Bronchien offen. Die Pflegekraft erklärt: „Stellen Sie sich vor, Sie pusten langsam durch ein kleines Loch. So geben die Bronchien mehr Zeit, sich zu weiten.“ Studien zeigen, dass die Lippenbremse Atemnot lindert und die Sauerstoffaufnahme verbessert. Diese Übung kann mehrmals hintereinander wiederholt werden. Wichtig ist, behutsam vorzugehen, damit sich niemand unwohl fühlt.
Kutschersitz-Haltung. Wenn sich die Person wohlfühlt und mobil genug ist, kann die Pflegekraft den Kutschersitz einführen. Dabei sitzt die Person auf der Stuhlkante und beugt sich weit vor, die Unterarme ruhen auf Oberschenkeln oder Tisch. Diese Position entlastet den Brustkorb – das Gewicht der Arme ruht auf, und die Atemhilfsmuskulatur kann besser arbeiten. Integriert man die Lippenbremse in diese Haltung (Ausatmen mit gespitzten Lippen), entsteht eine kraftvolle Atemkombination: „Auf Stuhlkante sitzen, Oberkörper nach vorn lehnen, Hände abstützen. Jetzt tief einatmen, dann langsam mit gespitzten Lippen ausatmen.“ Die Pflegekraft kann dies vormachen. Diese Haltung erinnert an einen Kutscher auf der Kutsche und sollte entspannt ausgeführt werden. Nach einigen Atemzyklen kehrt man wieder zur normalen Sitzhaltung zurück und entspannt kurz, ehe man erneut trainiert.
Torwartstellung (als Variation). Ist der Fensterplatz so gestaltet, dass sich die Person auch im Stehen festhalten kann (z.B. ein Fensterbrett, eine Wandstange), kann die Torwartstellung angewendet werden. Hierbei steht die Person leicht gebeugt mit gespreizten Beinen und stützt die Hände auf den Oberschenkeln ab – ähnlich einem Fußballtorwart im Tor. Obwohl dies im Sitzungsrahmen mit Senioren weniger üblich ist, kann es für manche eine Abwechslung sein. Die Atmung in dieser Position sollte ebenfalls ruhig und gleichmäßig erfolgen.
4-7-8-Atmung (entspannende Atemübung). Eine bekannte Entspannungsübung ist die 4-7-8-Atmung. Die Pflegekraft kann diese als zusätzliche Methode anbieten, vor allem wenn die Person Unruhe zeigt. Dabei atmet die Person durch den Mund mit hörbarem „Pusten“ aus, dann durch die Nase ein und hält kurz die Luft an. Konkret: „Luft durch den Mund ausblasen, Mund schließen und durch die Nase langsam bis vier einatmen. Luft kurz anhalten, dann mit offenem Mund sieben Sekunden ausatmen.“ Diese Zähltechnik beruhigt den Geist und hilft beim Einschlafen. Nach einigen Wiederholungen erklärt die Pflegekraft, wie sich die Gefühle geändert haben. Die Übung kann jedoch individuell verkürzt werden, wenn die Atem-Kapazität eingeschränkt ist.
Armbewegungen und Einbindung einfacher Gymnastik. Um die Übung abwechslungsreicher zu gestalten und den Kreislauf zusätzlich zu aktivieren, können einfache Armbewegungen integriert werden. Beispielsweise hebt die Person beim Einatmen beide Arme über den Kopf, beim Ausatmen senkt sie sie langsam wieder. Dabei kann Folgendes gesagt werden: „Atmen Sie ein und strecken Sie die Arme nach oben, halten Sie kurz. Atmen Sie aus und lassen Sie die Arme vorsichtig sinken.“ Diese Kombination aus Atmen und Bewegung trainiert Lunge, Herz-Kreislauf und Mobilität. Auch Seitenheben der Arme (Einatmen: Arme seitlich heben, Ausatmen: senken) oder das Umarmen der eigenen Brust (Arme seitlich ausstrecken, dann beim Ausatmen vor dem Körper kreuzweise zusammenführen) sind mögliche Übungen. Die Pflegekraft führt diese rhythmisch mit der Person durch. Wichtig ist, dass die Bewegungen fließend und gut mit der Atmung abgestimmt sind.
Augen schließen / öffnen. Bei Übungen, die auf Entspannung abzielen, kann es helfen, dass die Person die Augen zeitweise schließt – zum Beispiel bei der 4-7-8-Atmung. Danach öffnet sie die Augen wieder und kann in Ruhe den Ausblick genießen. Ein geschlossener Augenblick ermöglicht oft ein stärkeres „In-sich-Gehen“ und eine Tiefenentspannung.
Varianten für unterschiedliche Zielgruppen.
Da Pflegeheime verschiedene Bewohner:innen beherbergen, sollten Atemübungen am Fensterplatz an deren Fähigkeiten angepasst werden. Für mobil fitte Personen kann die Übungsleitung herausfordernder sein: Stehende Übungen (Torwartstellung) oder Atemmeditationen (Wechselatmung) sind möglich. Bei Ehemaligen, die aktiver sind, kann man zum Fenster gemeinsam spazieren gehen und dort die Übungen durchführen, vielleicht mit Vogelbeobachtung kombiniert.
Für immobile Personen im Rollstuhl gilt: Der Rollstuhl wird sicher fixiert an den Fenstertisch heranfahren. Eventuell liegt ein Kissen im Kreuzbereich, damit sie aufrecht sitzen. Ist das nicht möglich, kann die Person auch im Bett nahe dem Fenster gelagert werden. Hier werden die Übungen aus dem Liegen oder Halbsitz gemacht, beispielsweise eine angepasste Bauchatmung mit leicht erhöhtem Oberkörper. Die Lippenbremse kann auch liegend geübt werden. Die Pflegenden sollten in jedem Fall die Atemübungen mit ruhiger Stimme ankündigen und die Hand auf der Schulter ruhend die Richtung vorgeben.
Bei demenzkranken Bewohnern oder Personen mit kognitiven Einschränkungen ist es wichtig, klare, kurze Anweisungen und Motivationshilfen zu geben. Anstelle von komplexen Erklärungen können Bilder oder Geschichten helfen: So kann man beispielsweise sagen „Stellen Sie sich vor, Sie stehen auf einer Waldlichtung, atmen die frische Morgenluft ein und pusten die Wolken weg, wenn Sie ausatmen.“ Die visualisierte Geschichte führt beide Augenblicksmeditation am Fenster und Atemtraining zusammen. Die Atmung bleibt dabei einfach (tiefes Ein- und Ausatmen). Oft hilft es auch, wenn die Pflegekraft mitmacht und in „Wir-Form“ anleitet, etwa: „Wir atmen tief ein und spüren die Sonne im Gesicht. Beim Ausatmen pusten wir die Blätter von den Bäumen.“ Dies orientiert stark an der Atemfreude-Methode (fröhliche Atemgeschichten).
Für Menschen mit starken Atemproblemen (COPD, Asthma, Lungenfibrose) eignet sich besonders der Kutschersitz und die Lippenbremse. Die Pflegekraft achte darauf, dass diese Personen nicht überfordert werden: Vielleicht sind kürzere Übungseinheiten nötig, und ein Inhalator sollte griffbereit sein. Um den Kreislauf zu entlasten, darf die Armgymnastik geringer ausfallen und sich auf das Wesentliche konzentrieren.
Anleitungsschritte in der Praxis.
Ein exemplarischer Übungsablauf könnte so aussehen: Zuerst Gespräche anregen („Was sehen wir draußen? Vögel? Wolken?“) und den Sitz einstellen. Dann drei bis fünf Minuten lang auf „tiefe Bauchatmung“ üben (Bauch dehnen und senken lassen). Danach fünf Wiederholungen mit aufgestützten Armen (Kutschersitz) inklusive der Lippenbremse. Anschließend für mehrere Zyklen die Arme heben und senken wie oben beschrieben. Zum Schluss wirkt die Person meist entspannt – eventuell kann ein Beruhigungsphase mit Ausblick und Beobachtung folgen. Wichtig ist, jede Übung ruhig ausklingen zu lassen, bevor man die nächste beginnt.
Während der gesamten Anleitung spricht die Betreuungskraft motivierend: „Atmen Sie ruhig weiter, fühlen Sie die kühle Luft beim Einströmen. Sehr gut! Beim Ausatmen lassen Sie alle Spannung los.“ Die Betonung liegt auf Langsamkeit und Entspannung. Lob und nonverbales Feedback (leichte Berührung am Rücken zur Beruhigung) verstärken den Erfolg.
Tipps der Pflegepraktiker: Es kann hilfreich sein, feste Zeiten oder Rituale für die Atemübungen festzulegen, zum Beispiel täglich am Vormittag an schönem Wettertag. Regelmäßigkeit und positive Wiederholung verstärken die Wirkung. Notieren Sie im Pflegedokumentationssystem, welche Übung gemacht wurde und wie der Bewohner reagierte. Manche Einrichtungen nutzen dafür standardisierte Beobachtungsbögen oder Pflegepläne.
Vor- und Nachteile zusammengefasst
Atemübungen am Fensterplatz verbinden mehrere positive Effekte. Die Vorteile liegen in der verbesserten Luftzufuhr und den psychischen Stimuli: Frische Luft und Ausblick stärken Körper und Geist. Die visualisierten Reize am Fenster können Erinnerungen und Wohlgefühle auslösen (wie eine „aktivierende Umgebung“), während die kontrollierte Atmung entspannend wirkt. Zusätzlich unterstützen manche Haltungsvarianten (z. B. Kutschersitz) das effektive Ein- und Ausatmen, und einfache Bewegungen steigern die Mobilität.
Als Nachteile muss man mögliche Risiken beachten: Zu viele Außenreize können verwirren, wenn dem keine Strukturierung entgegenwirkt. Eine eingeschränkte Witterung (Hitze, Kälte, Regen) limitiert den Einsatz. Ebenso sind Sicherheitsaspekte wichtig: Bei bettlägerigen Personen darf die Fensterposition nicht zu gefährlich sein; bei Rollstuhlfahrern muss korrekt fixiert werden. Manche Menschen könnten in ihrem Bett gestört werden, wenn der Lärm von draußen zu intensiv ist. Schließlich sollten Personen mit Ateminsuffizienz darauf achten, sich nicht zu übernehmen – hier steht die Qualität der Atmung über der Quantität.
Umsetzung im Pflegealltag
Für Betreuungskräfte gilt es, Atemübungen am Fensterplatz in den Pflegealltag zu integrieren. Idealerweise wird ein Konzept erstellt: Welche Mitarbeiter:innen bieten die Übungen an? Wird dies als Einzel- oder Gruppenangebot durchgeführt? Oft ist Einzelarbeit sinnvoll, da der Fensterplatz räumlich begrenzt ist. Die Pflegekraft führt das Gespräch mit der Person (orientiert an Tageszeit, Wetter) und beginnt die Atemsequenz. Je nach Arbeitsaufwand kann eine Begleitperson dabeistehen – etwa Schüler:innen oder ehrenamtliche Helfer:innen. Alle Mitarbeitenden sollten die Grundregeln kennen und angespornt werden, bei Gelegenheit Erinnerungen an Atemübungen einzubringen (z.B. „Frau Müller, atmen Sie doch mal tief ein, wie Sie es bei unserem letzten Termin am Fenster geübt haben“).
Es empfiehlt sich, den Fensterplatz angenehmer zu gestalten: Eine saubere Fensterbank, Blumendeko, eventuell eine kleine Zimmerpflanze oder eine Gardine für moderate Lichtsteuerung. Ferner kann überlegt werden, dem Bewohner altersgerechte Hilfsmittel anzubieten, etwa ein Handventil oder eine Kerze (sicher hinter Glas), um das langsame Ausatmen spielerisch zu unterstützen. Atemtherapiegeräte (wie PEP-Atmungshilfen) können – nach Anordnung – zusätzlich eingesetzt werden.
Kombination mit anderen Aktivitäten: Atemübungen können wunderbar verbunden werden mit Gesprächen oder Beschäftigungen, die das gleiche Thema aufgreifen. Beispielsweise kann man eine Gedächtnisübung daran knüpfen („Erinnern Sie sich, wie Sie als Kind im Winter den Schnee aus dem Fenster betrachtet haben?“), oder man integriert leichte Gymnastik (Rückenstrecken beim Einatmen, wie in der Atemgymnastik oben beschrieben). Viele Heime nutzen thematische Jahreskreis-Aktionen: Im Frühling erinnert der Blick in den blühenden Garten, im Sommer an warme Sonne und Wiesen. Lieder mit Naturmotiven können dabei helfen, „in den Himmel zu atmen“. Auf technischer Ebene bietet sich an, eine Bilderdiashow mit Naturaufnahmen über den Fenstersitz zu legen, die beim Atmen gesehen wird. Atemübungen lassen sich auch gut in Entspannungsangebote (z.B. Achtsamkeit oder Yoga) integrieren. Dabei wird der Fokus auf Nasenatmung und Ausdehnung der Rippen gelegt – ein Punkt, den die Pflegekraft erklären kann (Nasenatmung erwärmt und reinigt die Luft, verbessert langfristig die Sauerstoffaufnahme).
Dokumentation und Erfolgskontrolle: Die Wirkung der Atemübungen sollte stets beobachtet werden. Pflegende achten auf Kennzeichen von besserer Atmung: ruhiger Puls, verringerte Atemfrequenz, entspannte Körperhaltung und ein zufriedenes Gesicht. Auch Tagesform-Schwankungen sind relevant: Manche Bewohner haben morgens mehr Kraft fürs Atmen, andere abends. Die gewonnenen Daten kann man in Pflegeberichten notieren: „Bewohnerin zeigte bei Atemübung gute Bauchatmung, fühlte sich danach deutlich ruhiger.“ Langfristig können Verbesserungen wie gesteigerte Belastbarkeit bei Alltagsaktivitäten oder selteneres Auftreten von Atemnot als Indikatoren dienen.
Schlussbemerkung. Atemübungen am Fensterplatz verbinden physische Atemschulung mit einem stimmungsvollen Umfeld. Für pflegebedürftige Menschen ist dies eine wohnliche Maßnahme, die neben körperlichen Zielen auch psychische Aktivierung leistet. Durch die umfassende Anleitung – von der Vorbereitung über die Technik bis zur praktischen Umsetzung – können Betreuungskräfte dieses Angebot bedarfsorientiert gestalten. Voraussetzung ist dabei immer: auf den einzelnen Menschen eingehen, auf Sicherheit achten und Geduld beim Üben haben. Mit regelmäßiger Durchführung werden Atemübungen am Fensterplatz zu einer wertvollen und vielfältigen Maßnahme in der stationären Pflege, um Lunge und Seele gleichermaßen zu stärken.