Phantomschmerz Habeck - Von doppelten Standards & einem, der bleibt, obwohl er geht
Nun ist es so weit. Nach reiflicher Überlegung und entgegen der Bitte hunderttausender Mitbürger (Öffnet in neuem Fenster) zu bleiben, zieht sich Robert Habeck aus der aktiven deutschen Politik zurück. Sein Bundestagsmandat legt er nieder. In einem siebenminütigen Instagram-Video (Öffnet in neuem Fenster) und einem Interview mit der taz (Öffnet in neuem Fenster) erklärt er seine Gedanken und Motive. Ein Politiker, der jahrelang im Rampenlicht der ersten Reihe stand, zieht sich nach seiner Abwahl zurück. So weit, so normal, möchte man meinen.
https://taz.de/Robert-Habeck-tritt-zurueck/!6106347/ (Öffnet in neuem Fenster)Der Rezeptionstsunami, der auf die beiden Statements folgte, ließ schnell erahnen: nichts ist hier normal. Das Feuilleton lief heiß, die Kommentarspalten eskalierten mit Zuneigung und Hass gleichermaßen. Schnell ist klar: Hier verabschiedet sich nicht irgendein Profipolitiker, hier geht es um mehr. Der ehemalige Vizekanzler und Ampel-Wirtschaftsminister ist Hassfigur für die einen, Vorbild für die anderen. Wie man Robert Habeck auch finden mag: man findet ihn irgendwie. Egal ist er buchstäblich niemandem.
Man kann auf der einen Seite vom Phantomschmerz Habeck sprechen. Denn Habeck ist weg und gleichzeitig immer noch da; und viele von uns werden sich daran gewöhnen müssen, dass er eine spürbare Leerstelle hinterlässt. Eine, die man immer noch fühlt. Denn sowohl Instagram-Video als auch taz-Interview zeigen erneut, was die Singularität Habecks ausmacht. Während Söder sein siebzehntes Fleischfoto (Öffnet in neuem Fenster) des Spätsommers postet und Bundeskanzler Friedrich Merz und seine Amtskollegen auf einer Schleimspur (Öffnet in neuem Fenster) zwischen Europa und Washington pendeln, und während die “KleiKo” aus SPD und Union nach der desaströsen Causa Brosius-Gerstorf (Öffnet in neuem Fenster) kein Stück weniger zerstritten wirkt als im Winter die moribunde Ampel, zeigt sich der Grünenpolitiker Habeck ein weiteres Mal in Höchstform – mit scharfem Blick und noch schärferer Zunge. Die Worte Habecks treffen nicht bloß einen Nerv, sondern gleich das ganze Nervensystem.
Getroffene Hunde, linke Kritik
Das sichert ihm die Anerkennung der einen und die Verachtung der anderen. Markus Söder, dessen „fetischhaftes Wurstgefresse (Öffnet in neuem Fenster)” Habeck kritisierte, entgegnete: „Geh mit Gott – Hauptsache, weit weg.” Ebenso stellte der bayrische Ministerpräsident klar, dass sich an seinem Wurst-Case-Szenario nichts ändern wird: „Ich werde weiterhin mit Freude bayerische Weiß- und fränkische Bratwürste (Öffnet in neuem Fenster) essen“, schob er mit solch karnivorer Humorlosigkeit hinterher, dass man sich fragt, ob nicht Söder jene Bitterkeit verkörpert, die manche Habeck vorwerfen.
Interessanter, wenn nicht unbedingt weniger reflexhaft – der Spott auf linksprogressiver Seite. Denn froh, dass der ehemalige Bundesvorsitzende der Grünen „San Frantschüssko” sagt in Richtung Kalifornien (auch wenn es wohl Berkeley (Öffnet in neuem Fenster) wird), sind nicht nur die wurstüblichen Verdächtigen, sondern auch einige, die sich als linkspolitisch identifizieren, als progressiv. Der Vorwurf: Das schlechte Wahlergebnis für die Grünen bei der Bundestagswahl 2025, und somit auch seine jetzige angebliche Bitterkeit, habe Robert Habeck doch selbst zu verantworten (und folglich auszulöffeln) – zu oft rechts geblinkt, sich einem neokonservativen Zeitgeist angedient, die Grünen insgesamt zu sehr vermerkelt.
Der progressiven Publizistin Gilda Sahebi „fallen die Augen aus dem Kopf“ (Öffnet in neuem Fenster), denn Jens Spahn, Julia Klöckner und Friedrich Merz – die Habeck u.a. in seinem taz-Interview (Öffnet in neuem Fenster) dafür kritisierte, schwarz-grüne Zusammenarbeit diffamiert und somit verunmöglicht zu haben („Schwarz-Grün ist von der Union – Merz, Söder, Spahn, Klöckner – verächtlich gemacht und zerstört worden“) – seien schon vor der Wahl exakt so gewesen wie jetzt; und es sei auch „exakt diese Union“ gewesen, die am 29.1.25 gemeinsam mit der AfD abgestimmt hat; und Habeck habe weiterhin „unbedingt mit dieser Union koalieren“ wollen. Sahebi moniert, Robert Habeck schulde uns eine Erklärung, warum er seine taz-Interview-Kritik an der Union nicht eher gesagt habe – „und wie man ihn jetzt auch noch dafür feiern kann, ist mir ein absolutes Rätsel“. Ob man denn nicht merke, dass Menschen exakt deswegen so frustriert seien, fragt Sahebi.
https://www.threads.com/@gilda_sahebi/post/DNyekwZWM-C/media?hl=de (Öffnet in neuem Fenster)Auf ZEIT Online kritisiert Sascha Chaimowicz in einem Artikel mit dem Titel „Erst die Kündigung, dann lästern – wer fühlt’s nicht? (Öffnet in neuem Fenster)“ die angebliche Selbstergriffenheit von Robert Habecks Instagram-Statement, der Politiker würde „eher nach Achtsamkeitsratgeber klingen als nach Politik“ und er philosophiere „wie ein Karriere-Coach auf LinkedIn“. Besonders vielsagend im Chaimowicz-Text scheint mir jedoch die Unterstellung, Habecks Statement offenbare „das Schlechte im Menschen“:
https://www.zeit.de/zeit-magazin/leben/2025-08/rueckzug-robert-habeck-abtritt-bundestag-taz-kritik (Öffnet in neuem Fenster)„Was Habeck im Abgang zeigt, ist vor allem im taz-Interview nicht Größe, sondern Groll. Wohlwollend könnte man sagen: Er offenbart endlich etwas, das Grüne wie er sonst gern unterdrücken: das Schlechte im Menschen. In diesem Schimpfen wirkt er fast aufrichtiger als in den Jahren zuvor, in denen er die Rolle des sanften, bescheidenen Erklärers spielte, und doch mit dem Selbstbewusstsein auftrat, den Menschen die Welt einzuordnen.”
Doppelte Standards für die Progressiven
Mal abgesehen von der Tatsache, dass wir Politikerinnen und Politiker just aus dem Grund wählen, um uns die Welt – vor allem ihre Probleme – einzuordnen und sie idealerweise nach der Einordnung zu lösen: Bei sowohl Sahebi als auch bei Chaimowicz sehen wir die doppelten Standards, die vorwiegend auf Politiker aus dem progressiven Lager angewendet werden. Wer kann denn ernsthaft erwarten, dass man, mitten in einem Bundestagswahlkampf, jene Partei einer Fundamentalkritik unterzieht, mit der man sich eine Zusammenarbeit vorstellen kann, ja gezwungenermaßen vorstellen muss (es gab ja für die Grünen wenig andere Möglichkeiten als Schwarz-Grün, die Ampelkonstellation war gescheitert).
Das lässt völlig außer Acht, dass Politik in einer Demokratie nun mal aus parteiübergreifenden Kompromissen besteht – und ja, diese Kompromisse kommen, wenn es die Wählerinnen und Wähler nicht anders wollen, auch nicht ohne die Klöckners, die Spahns und die Merzens zustande. Von Robert Habeck zu erwarten, seinen möglichen Koalitionspartner schon vorm Schließen der Wahllokale zu kritisieren, zu beleidigen und zu vergraulen hätte der Demokratie weit mehr geschadet als das bisschen Klartext im taz-Interview, ein halbes Jahr später.
Mit „doppelte Standards“ meine ich auch das, was Chaimowicz tut: Die Grünen und das progressive Lager insgesamt werden häufig mit unrealistischen Erwartungen moralischer Lauterkeit überzogen. Man muss schon einiges an Doppelmoral und Fantasie mitbringen, um die paar deutlichen Worte aus dem Habeckschen Instagram-Video oder dem taz-Interview als „das Schlechte im Menschen“ zu verstehen. In eine ähnliche Kerbe schlägt übrigens die BILD, welche Habecks pointierte und im Grunde noch zurückhaltende Kritik zu „Habecks Pöbel-Abgang (Öffnet in neuem Fenster)“ umfabuliert – und absurderweise fordert plötzlich jene Zeitung eine Mäßigung im Tonfall, die seit Jahr und Tag hetzt und pöbelt und gleichzeitig, als zentraler Akteur im rechtspolitischen Kulturkampf, stets austeilt gegen imaginäre Redeverbote und linksgrün-gutmenschliche Sprachregelungen. Aber sobald der Robert ein Tröpfchen reinen Weins einschenkt, geht es der BILD zu weit!
Die Kommentarspalten – bei Sahebi (Öffnet in neuem Fenster) und Chaimowicz (Öffnet in neuem Fenster) gleichermaßen – waren weit weniger feinfühlig als die Autorinnen selbst und sahen in den Habeck-Äußerungen vor allem etwas, das ich ebenfalls dort sehe: Klartext. Direktheit. Tacheles. Und einen Klartext, den auf diese Weise nur einer sprechen kann, der gerade geht. Man liest in den Kommentarspalten viele Stimmen, die sich dagegen wehren, Robert Habeck irgendeine Form des Tabubruchs oder der Entgleisung zu unterstellen. Die Kritik sei vielmehr verhältnismäßig und angemessen. Ein Kommentator bringt es auf den Punkt (Öffnet in neuem Fenster):
„Jetzt gibt der Mann ein Interview, in dem eben nicht alles Friede-Freude-Eierkuchen ist, und damit ruiniert er die Demokratie?!?“
Real Talk ist kein Gepöbel
Und genau das stimmt doch: Was wir in einer Welt der Donald Trumps, der Viktor Orbáns und der Markus Söders brauchen, ist nicht eine stille, gefällige Opposition der leisen Töne – wir brauchen linksprogressive Kräfte, die ebenfalls mal laut werden; die sich trauen, die Wahrheit zu sagen; und die auch mal auf den Tisch hauen. Das ist kein Gepöbel, sondern bitternötiger Klartext. Widerstand darf nicht nur, er muss auch manchmal laut sein!
Wie gut das funktionieren kann, sehen wir gerade in den USA an Gavin Newsom (Öffnet in neuem Fenster). Der Gouverneur von Kalifornien teilt seit Wochen gegen Trump aus, parodiert seinen Tonfall, imitiert seine Lautstärke – und trifft dabei oft genug ins Schwarze!
Michelle Obamas „We go high when they go low“ – also der Vorschlag von 2016, bei jedem neuen Tiefschlag von Donald Trump und Konsorten einfach, diametral entgegengesetzt, selbst an Niveau und an Würde zuzulegen – ist jetzt jahrelang gescheitert. Mehr noch: Genau dieser Irrweg hat zu Trumps Wiederwahl geführt!
Das Motto muss auch auf linksprogressiver Seite lauten: Wir brauchen nicht nur Stärke, sondern ebenfalls Lautstärke! Nicht permanent und andauernd; die meisten von uns wünschen sich Politiker und Politikerinnen, die im Gegensatz zu Donald Trump nicht andauernd per Caps Lock und Großbuchstaben kommunizieren. Aber wenn es nötig ist, dann müssen Ansagen möglich sein!
Gegenwehr notwendig, austeilen erlaubt
Eine verbale Selbstverteidigung wie die von Robert Habeck ist also wichtig und richtig. Sie ist verhältnismäßig, korrekt und angemessen angesichts dessen, was auf dem Spiel steht: unser demokratisches Miteinander. Wer linksprogressiven Politikern einen Maulkorb verpassen will oder jede kleine Interviewäußerung gleich zum Untergang des Abendlandes hochstilisiert, spielt das Spiel der Rechtspopulisten mit. Es muss ethisch, politisch und kommunikativ möglich und erlaubt sein, dem zunehmenden Populismus, dem Autoritarismus und dem Rechtsnationalismus verbal lautstark entgegenzutreten, ohne dafür übermäßig kritisiert zu werden. Wer die Verteidiger der Demokratie an unverhältnismäßige Benimmregeln knebeln will, während er den Demokratiefeinden jeglichen kommunikativen Freiraum zugesteht, fördert die Trumpisierung des politischen Raums – und somit den Zerfall grunddemokratischer Prinzipien. Wer die Ideale der Freiheit verteidigt, muss eben nicht nur verteidigen, sondern auch austeilen!
Ich habe bei dem ganzen Wirbel um den Habeck-Abgang das Zitat des Schriftstellers Kurt Tucholsky im Kopf:
„In Deutschland gilt derjenige, der auf den Schmutz hinweist, für viel gefährlicher als derjenige, der den Schmutz macht.“
Dabei lenkt Habeck doch nur unseren Blick auf das, was schiefläuft – und auf jene, die für diese Schieflage verantwortlich sind.
In Robert Habeck sollten wir also weniger einen Messias sehen, der uns im Stich lässt – und mehr einen Mann, der über Jahre hinweg für die Werte der Demokratie gekämpft hat. Einen Mann, der Dinge benannt und Veränderung erwirkt hat. Vielleicht weniger Veränderung als erhofft, aber dennoch.
Robert Habeck sollte dem progressiven Lager nicht als verlorener Sohn oder abtrünniger Heiliger in Erinnerung bleiben, sondern als jemand, der über Jahre hinweg realpolitisch gekämpft hat und dabei vieles erreicht. Sein Vorbild – und auch jetzt sein Abgang – sollte uns nicht betrüben, sondern motivieren.
Diesen Text konntest du lesen, weil andere ihn dir finanziert haben. Wenn du meine Texte auch zukünftig lesen willst, kannst du meine Arbeit per Steady-Mitgliedschaft (Öffnet in neuem Fenster) unterstützen – als Dankeschön gibts Erstzugriff auf Podcasts (und signierte Bücher). Crowdfunding in die Kaffeekasse (Öffnet in neuem Fenster) hilft mir ebenfalls zu einem Mindestlohn beim Schreiben. Sofern du schon bei Steady dabei bist: Danke <3
PS: Ich würde mich freuen, wenn du diesen Artikel teilst :)
PPS: Mich gibts auf Bluesky (Öffnet in neuem Fenster), auf Instagram (Öffnet in neuem Fenster), auf Threads (Öffnet in neuem Fenster) & ein paar Auftritte (Öffnet in neuem Fenster) stehen auch an
https://janskudlarek.podigee.io/ (Öffnet in neuem Fenster)