Leises, lächelndes Weinen (Juli-Logbuch)
In diesem Sommer liebe ich das Schreiben wie noch nie. Diese Tatsache habe ich nicht erst seit Beginn des Sommers im Kopf, es wird nur einfach mal Zeit, sie so klar aufzuschreiben. Aus Gründen.

Denn ich meine gar nicht die Schmetterlinge im Bauch, obwohl die auch da sind, besonders wenn ich an der aktuellen Geschichte arbeite. Sie ist jünger, aber ernster als die letzte, anders als erwartet und doch so vertraut. Wie immer behaupte ich, nichts als recycelbares Material zu produzieren, ich kann mir nicht vorstellen, dass daraus je eine runde Sache wird, aber da schleicht auch Zuversicht auf Zehenspitzen um mich herum. Das wird schon. Letztes Mal wurde es doch auch …
Apropos, das Murks-Manuskript hat die erste Lektoratsrunde durchlaufen und scheint doch gar nicht so murksig zu sein. Einen Cover-Entwurf gibt es auch schon, von dem ich hoffe, dass es dabei bleibt, weil es einfach genau dem Stil entspricht, den ich mir gewünscht habe?! (leises, lächelndes Weinen) Ich stand in einem Maisfeld, als die E-Mail kam; warum auch immer es mir so wichtig ist, das zu betonen. Vielleicht, weil ich seit Wochen nur dann am Schreibtisch saß, wenn ich es wollte. Vielleicht, weil ich endlich wieder das Gefühl habe, am Leben teilnehmen zu wollen - also außerhalb meines Kopfes, meiner Wohnung, meiner Geschichten.

Jetzt noch nicht …
In diesem Sommer schnuppere ich also an - das möchte ich an dieser Stelle betonen! - ganz und gar nicht berauschenden Hanf-Pflanzen. Ich puste Seifenblasen vor der eingerüsteten Stadtkirche, esse endlich eine dieser Waffeln, von denen das Kind immer schwärmt. In der Fußgängerzone spielt jemand Saxofon und wir schmunzeln darüber, wer im Takt läuft, als ob die Banalität des Gehens plötzlich einen Soundtrack hätte. Der Mann sagt, ich solle mir unbedingt mal dieses Gespräch mit Cornelia Funke (Öffnet in neuem Fenster) anhören; ich stimme ihm zu, es lohnt sich.

Wir verbringen den Sommer zu Hause, aus vielerlei Gründen, und es war die richtige Entscheidung, nicht nur, weil Regentage in der eigenen Wohnung viel gemütlicher sind. Es ist eine Zeit des Neu-Sortierens. Für die Familie, für mich selbst. Ich denke wieder über Türen nach, streichle immer mal über die Klinke, aber jetzt noch nicht, jetzt noch nicht … (oder?)
Denn es gibt da eine Geschichte, die ich erst noch schreiben möchte, nein, muss, sie reichte mir die Hand über eine andere Idee hinweg - und wer bin ich denn, Nein zu sagen? Das Exposé, das mir im Juni aus den Fingern rutschte, wurde inzwischen von mir in seine Einzelteile zerfühlt, es hat was von Lachweinen, also alles wie immer eigentlich.
Aufräumen nicht nötig
Mein Kopf ist trotzdem noch wie ein Flummi, hüpft von einem Gedanken zum nächsten (man merkt es vielleicht), in den Ecken lauern Was-wäre-wenns. Eine Woche lang schlief ich zu spät ein und wachte zu früh auf, weil schon von der Vorstellung, in den Alltag zurückzukehren, alles kribbelte und summte. Ich habe noch so viel zu tun. So viele Wortburgen zu bauen, wenn’s dieses Jahr schon keinen Sand gibt.
Doch wenn ich schreibe, kehrt in mir Ruhe ein. Wenn ich schreibe, bin ich zwar nicht unbedingt aufgeräumter, aber es ist nichts, was ich überwinden muss; im Gegenteil. Wenn ich schreibe, wird das, was mich sonst müde macht, zu Energie.

Die Sache mit dem Bums
Gelesen habe ich im Juli eine unüberschaubare Anzahl von Büchern (Flummi und so), aber nur vier beendet, wobei ich mich immer noch in meiner Leichte-RomCom-mit-übergroßen-Geschlechtsteilen-Phase befinde. Seltsamerweise finde ich in diesen Büchern trotzdem einen Mehrwert, na ja …
In der Buchbubble kochte wieder einmal Frust hoch, weil irgendein Dude den Erfolg des New Adult Genres damit relativiert hat, dass es ja eh nur Bumsbücher seien. Als Antwort verwiesen zahlreiche Beiträge darauf, dass es sehr wohl Bücher gebe, die sich mit wichtigen Themen beschäftigen (völlig richtig) und es an der Leserschaft sei, den Fokus dementsprechend umzulenken, damit wir endlich ernstgenommen werden (nope). Man wolle ja niemanden shamen, aber wenn wir weniger seichte RomComs hypen würden und dafür mehr tiefgründige Geschichten mit echten Problemen …
Ähm, ja. Doch, es geht um Scham. Und so sehr ich den Frust verstehen kann (mir geht’s mit “Rebel of the Light (Öffnet in neuem Fenster)” manchmal genauso), fände ich es doch nett, wenn wir aufhören könnten, etwas aufwerten zu wollen, indem wir etwas anderes abwerten. Humorvolle Bumsbücher sind nicht weniger feministisch als tiefgründige New Adult Romance (und ganz ehrlich, solange dort weiterhin Traumaporn betrieben wird, statt Triggerwarnungen so zu setzen, dass sie auch einen Nutzen haben, brauchen wir über den Mehrwert nicht zu feilschen).

Es ist eine unglaublich elitäre Denkweise und eigentlich auch nur eine weitere Form der Kategorisierung à la richtige Literatur, Lesende dazu aufzufordern, sie mögen doch bitte zu anspruchsvolleren Büchern greifen, damit Nils, Denis, und wie sie nicht alle heißen, das Romance Genre endlich ernstnehmen. Spoiler: Werden sie trotzdem nicht. Weil Männer in einem patriachalen System eben lernen, sich gegenseitig zu unterstützen, während Frauen darauf geprägt werden, einander als Konkurrenz zu sehen.
Realistisch betrachtet schon glücklich
So, wo war ich? Ach ja, Lesen ist schön und darf Spaß machen. Bücher bringen Freude. Besonders wenn sie als Überraschungspaket kommen, so wie ich eins von Sara erhalten habe - inklusive einer Fortsetzung der Kurzgeschichte “Atraxas”, die es auf ihrem Blog (Öffnet in neuem Fenster) zu lesen gibt. Oh, those precious bookses! Bin ein glücklicher Menschling. Übrigens erscheint von Sara demnächst auch ein Buch, auf das du gespannt sein darfst.

Nicht nur darauf freue ich mich, sondern auch auf einen Monat voller intensiver Textarbeit - das Lektorat will bearbeitet, die Rohfassung weitergeschrieben und eine Leseprobe an die Agentin gesendet werden, und so weiter und so viel. Es geht zurück in den Brotjob, etwas langsamer hoffentlich (hahahaha, ja, der war gut), das Kind kommt in die Schule (weiß auch nicht, wie das passieren konnte), es steht also viel an.
Falls du Lust hast, mit mir in den August zu starten, unter dem Titel “Eine Frage der Motivation” findet am 01.08. um 19 Uhr mein nächster Schreibworkshop (Öffnet in neuem Fenster) statt. Es geht - wie passend - um die Beziehung zum Schreiben. Aber Vorsicht! Nicht, dass du dich auch noch verliebst …
Und dann …
… tja, dann drückte ich besagte Klinke eben doch herunter. Die unter dem Exit-Schild. Ich hatte dieses Logbuch schon fertig, doch diesen Absatz, den muss ich jetzt noch ergänzen. Für mich. Und für alle, die dieses Stück Weg mit mir gehen.
Manchmal trägt man Entscheidungen vor sich her und trifft sie doch nie, und ich will ehrlich sein, von dieser hätte ich das auch gedacht. Aber hier ist er, der Moment, in dem ich Ja zum Nur-Schreiben sage - nicht aus einem Fluchtimpuls heraus, sondern weil ich es liebe, weil es mir damit richtig, richtig gut geht. Und ja, ich habe Angst ohne Ende, der Übergang könnte eventuell ein bisschen furchtbar werden, es sind viele Gefühle im Spiel und meine innere People Pleaserin rennt schreiend im Kreis. Gleichzeitig ist da auch endlich wieder Platz zum Atmen. Und vor mir: ein Raum voller Möglichkeiten.
To be continued …
Danke für deine Zeit! Ich wünsche dir einen wunderbaren August.
Deine Karla 🤍
