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Der Button, der den Algorithmus ausschaltet

Es gibt Momente, in denen Kontrolle hilft – und Momente, in denen sie uns täuscht.

Instagram zeigt dir üblicherweise nicht, was passiert, sondern was der Algorithmus für relevant hält. In China programmieren Menschen ihre Ex-Partner als Chatbots, um Gespräche zu führen, die nie stattgefunden haben. In Kalifornien fliegt ein Roboter in der Economy-Class und sorgt für Ärger.

Alle drei Geschichten erzählen von der selben Grundidee: Wir wollen kontrollieren, was wir sehen, fühlen, erleben. Aber manchmal ist das Loslassen der Kontrolle die ehrlichere Wahl.

Fangen wir mit dem an, was du heute noch ändern kannst: Deinem Instagram-Feed.

Der versteckte Button

Fast jeder nutzt Instagram, LinkedIn oder Facebook, aber kaum jemand weiß, dass es einen Button gibt, der die Plattformen komplett anders aussehen lässt.

Er heißt „Neueste" oder „Gefolgt" oder „Chronologisch", versteckt sich meist hinter dem Logo oder einem kleinen Dropdown-Menü, und er macht etwas, das sich radikal anfühlt, obwohl es das Normalste der Welt sein sollte: Er zeigt dir Social Media so, wie es wirklich passiert.

So sieht es oben in der App aus, wenn man bei Instagram von "für dich" auf "gefolgt" wechselt.

Nicht gefiltert nach Relevanz, nicht sortiert nach Engagement, nicht optimiert für deine vermeintlichen Interessen, sondern einfach in der Reihenfolge, in der es gepostet wurde – so wie früher, als Social Media noch chronologisch war.

So findest du ihn:

Bei Instagram tippst du oben im Feed auf „für mich” und wählst „Gefolgt", auf LinkedIn klickst du auf „Sortieren" rechts oben im Feed und wählst „Neueste", auf Facebook klickst du auf die drei Punkte neben „Neuigkeiten" und wählst „Neueste".

Was du dann siehst, fühlt sich wie eine andere Welt an, obwohl es nur die echte ist: keine „Top-Beiträge", die Social Media für wichtig hält, keine LinkedIn-Selbstdarsteller, die du gar nicht kennst, sondern nur die Menschen, denen du bewusst gefolgt bist, in der Reihenfolge, in der sie gepostet haben.

Das mag sich wie frisches Durchatmen anfühlen, weshalb du es unbedingt mal ausprobieren solltest, um zu sehen, was sich verändert.

Und warum ist das so befreiend?

Das Problem mit dem Algorithmus ist nicht, dass er schlecht funktioniert – im Gegenteil, er funktioniert zu gut: Er zeigt dir, was du sehen sollst, nicht was du sehen willst, er entscheidet nach Engagement-Raten, welche Posts „relevant" sind, und sortiert deine Welt nicht nach Realität, sondern nach dem, was dich am längsten auf der Plattform hält.

Das Ergebnis kennst du: Du scrollst durch deinen Feed und siehst dieselben zehn Accounts immer wieder. Die, bei denen du zuletzt hängen geblieben bist, während die Person, die du auch gern verfolgst und die gestern etwas Schönes gepostet hat, komplett verschwindet, weil der Algo glaubt, dass das im Moment nicht deinen Interessen entspricht.

Es ist ungefiltert und unperfekt, und genau diese Unperfektion macht es ehrlicher als alles, was der Algorithmus dir jemals zeigen könnte, weil du siehst, wer wirklich postet. Wer aktiv ist und wer nur ab und zu etwas teilt, ohne dass eine Maschine diese Information vor dir versteckt.

Social Media wird dadurch wieder zu dem, was es mal war: ein Ort, an dem Menschen Dinge teilen, die nicht maximal durchoptimiert, nicht performant, nicht strategisch geplant sind.

Es ist weniger süchtig machend, weil der Algorithmus dich nicht mehr füttert mit endlos neuen, spannenden, polarisierenden Posts. Gleichzeitig mag es anstrengender sein, weil du selbst entscheiden musst, wem du folgst, während der Algo dir diese Arbeit normalerweise abnimmt.

Warum fast niemand davon weiß?

Weil Instagram, LinkedIn und Facebook es nicht wollen – der Algorithmus ist ihr Geschäftsmodell, er hält dich länger auf der Plattform, und wenn du chronologisch scrollst, siehst du vielleicht drei Posts, denkst „Okay, das war's" und gehst wieder. Das soll vermieden werden. Daher verstecken sie den chronologischen Feed ein bisschen, so dass du ihn suchen musst, wissen musst, dass es ihn gibt, und selbst wenn du ihn aktivierst, bist du beim nächsten Öffnen der App wieder zurück im algorithmischen Feed.

Trend in China: Die Ex-Partner-KI

Der chronologische Feed gibt dir Kontrolle zurück – du lässt den Algorithmus los und siehst die Realität. In China macht gerade ein Trend das Gegenteil: Menschen wollen so viel Kontrolle, dass sie ihre Ex-Partner digital wiederbeleben, um Gespräche zu führen, die nie stattgefunden haben.

Es funktioniert so: Du lädst alte Fotos, Chatverläufe und Sprachnachrichten in ein Modul namens „ex.skill (Öffnet in neuem Fenster)hoch, die KI analysiert sie, lernt die Sprachmuster, die Insider-Witze, die besondere Art zu reden, und dann kannst du mit deinem Ex chatten, als wäre nichts passiert. Als hätte die Trennung nie stattgefunden, als könntest du die Zeit zurückdrehen.

Die KI antwortet genau so, wie dein Ex-Partner oder deine Ex-Partnerin geantwortet hätte. Sie kennt dieselben Ausdrücke, dieselben Reaktionen, denselben Humor, und das Modul ist vor allem in China extrem populär, wo die Entwickler sagen: „Es dient der emotionalen Heilung.”

Die Idee ist, dass du Dinge sagen kannst, die du nie gesagt hast, Abschluss finden kannst, die Beziehung zu Ende führen kannst, die nie richtig endete, aber ist das wirklich Abschluss, oder baust du dir nur einen digitalen Schrein, in dem dein Ex nie widerspricht, nie sagt „Das war anders"?

Sicher hat es kurzzeitig einen hilfreichen Effekt. Schwierig wird es wahrscheinlich erst, wenn man es zu lange nutzt und dann gar nicht mehr loslassen und sich auf neue Begegnungen einlassen kann, weil die perfekte Version des Ex – die Version, die immer zustimmt, immer versteht, nie verletzt – bequemer ist als die Realität eines neuen Menschen.

Der Roboter in der Economy-Class

Wenn die Ex-Partner-KI zeigt, wie absurd es ist, Gefühle kontrollieren zu wollen, dann zeigt die Geschichte von Bebop, wie absurd es ist, Technik zu kontrollieren, die nichts fühlt – und trotzdem behandeln wir sie wie Menschen.

Schnell noch ein Selfie mit dem Roboter am Flughafen :)

Anfang Mai 2026 versuchte eine Frau, mit einem 1,20 Meter großen Roboter namens „Bebop" (Öffnet in neuem Fenster) von Oakland nach San Diego zu fliegen. Sie hatte zwei Tickets gekauft – eines für sich, eines für den Roboter –, aber dann gab es ein Problem: Bebop saß am Gang, was für große Gegenstände verboten ist. Seine Lithiumbatterien waren außerdem zu stark für die Flugzeugrichtlinien, und die Fluggesellschaft bat die Besitzerin, die Batterien am Boden zu lassen.

Die Fluggesellschaft schickte die Batterie Elite Event Robotics (Öffnet in neuem Fenster) per Post nach, wie das Roboterunternehmen bei Instagram auf Nachfrage (Öffnet in neuem Fenster) einer Userin mitteilte.

Die Lösung war, dass der Roboter als leeres Gehäuse mitflog. Stell dir diese Szene vor: Ein Flugbegleiter erklärt einem Roboter, dass er leider nicht am Gang sitzen darf, der Roboter versteht es nicht, weil er ein Roboter ist, fliegt aber trotzdem mit, ohne Energie, ohne Funktion, ein leeres Plastikgehäuse auf einem bezahlten Sitzplatz in der Economy-Class.

Was bleibt von diesen Geschichten?

Der chronologische Feed zeigt: Manchmal ist weniger Kontrolle mehr Ehrlichkeit. Die Ex-Partner-KI zeigt: Zu viel Kontrolle über die Vergangenheit hält dich in ihr gefangen. Bebop zeigt: Wir behandeln leere Hüllen wie Menschen und merken manchmal nicht, wie absurd das sein kann.

Du kannst heute eine Sache ändern: Öffne Instagram, tippe auf das Logo, wähle „Gefolgt" – und sieh, wie Social Media aussieht, wenn der Algo nicht entscheidet. Es wird sich vielleicht befreiend anfühlen, vielleicht etwas ungewohnt, aber es wird ehrlich(er) sein.

Die Ex-Partner-KI kannst du nicht ändern, sie existiert, sie wird sich verbreiten, aber du kannst entscheiden, ob du Kontrolle über die Vergangenheit haben willst oder ob du sie loslässt.

Bebop kannst du auch nicht ändern, er fliegt weiter in der Economy-Class, aber du kannst dich fragen: Welche Technik nehme ich mit, weil ich sie wirklich brauche, und welche nur, weil ich glaube, dass ich sie brauchen sollte?

Kontrolle ist nicht immer die Antwort, manchmal ist es das Loslassen, das uns weiterbringt.

nachgefragt

❓ Warum zeigt mir der Algorithmus immer dieselben Accounts?
Weil du mit ihnen interagierst. Likes, Kommentare, Shares – das signalisiert dem Algorithmus: „Das ist relevant für mich." Wenn du andere Accounts sehen willst, interagiere mit ihnen. Oder nutze den chronologischen Feed.

❓ Ist die Ex-Partner-KI wirklich so populär?
In China, ja. In Europa und den USA (noch) nicht. Aber die Technologie ist da. Und sie wird kommen. Die Frage ist nicht ob, sondern wie wir damit umgehen.

❓ Soll ich den chronologischen Feed dauerhaft nutzen?
Das musst du selbst entscheiden. Probiere es eine Weile aus. Schau, wie es sich anfühlt. Manche Menschen lieben es (endlich wieder Ruhe!). Andere vermissen den Algorithmus (es passiert zu wenig!). Beides ist okay. Die Hauptsache: Du weißt, dass die Option existiert. :)

Du hast eine Frage, auf die ich in einem der nächsten Newsletter eingehen soll? Dann schreib mir gern!

Max Liebermann: Wäschebleiche in Laren, 1883 (Wallraf-Richartz-Museum, Köln)

Frauen auf einer Wiese. Sie verteilen weiße Wäsche zum Bleichen in der Sonne, bücken sich, richten sich auf, reden miteinander. Die Arbeit ist mühsam, aber sie ist vertraut. Jede weiß, was zu tun ist.

Max Liebermann (Öffnet in neuem Fenster) malte diese Szene in den Niederlanden, wo er die Wäscherinnen bei ihrer täglichen Arbeit beobachtete, und was er festhielt, war nicht die Romantik der Landschaft, sondern die Banalität des Alltags – Frauen, die arbeiten, reden, leben.

Übrigens: Max Liebermann war bekannt dafür, dass er auch mal das „Hässliche" malte – Arbeit, Alltag, unglamouröse Szenen. Kritiker warfen ihm vor, er zeige die Realität zu ungefiltert. Aber Liebermann sagte: „Ich male, was ich sehe, nicht, was ich sehen sollte." Genau wie der chronologische Feed: Er zeigt, was ist – nicht, was der Algorithmus für relevant hält.

Wer schreibt dir hier eigentlich?

Ich bin Kathleen, Kunsthistorikerin, und zeige dir, was hinter den Social-Media-Trends steckt – ehrlich und mit Kunst, die mehr erklärt als jeder LinkedIn-Post.

Dieser Newsletter ist für alle, die verstehen wollen, wie Social Media funktioniert, warum der Algorithmus dich manipuliert, und warum Gisela recht hat, wenn sie sagt, dass manche Probleme keine KI lösen kann. ;)

(Öffnet in neuem Fenster)
Dr. Kathleen Löwe, fotografiert von Bonnie Bartusch

Kategorie Instagram

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