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Der Geist einer Freundin.

Es gibt eine Reihe von Begriffen, die mir zwar unentwegt begegnen und deren Bedeutung und dahinter verborgene Konzepte ich begreife, von denen ich aber glaube, dass sie Nullkommanichts mit mir zu tun haben. Ghosting ist zum Beispiel ein solcher Begriff. Er meint den abrupten und angekündigten Kontaktabbruch, zum Beispiel im romantischen Kontext. Zum ersten Mal habe ich ihn vor einigen Jahren gehört. Es muss ungefähr zu der Zeit gewesen sein, als plötzlich all meine Single-Freund*innen ein Tinderprofil hatten. Kurz darauf erzählten nicht wenige von ihnen von den ersten Erfahrungen mit Dates, die urplötzlich wie vom Erdboden verschlungen waren. Erst das große Schmachten, dann die gähnende Stille. Als hätte man nie halb verschämt Fotos in sexy Posen in nächtlicher Sehnsucht miteinander geteilt oder herzklopfend auf die nächste Nachricht gewartet. Nur dass genau die eben irgendwann ausblieb. Das Konzept von Ghosting war mir also nicht fremd. Aber so häufig ich das Wort auch hörte und las – und das längst nicht mehr nur im unmittelbaren Umfeld – so sicher war ich mir, dass es nichts mit mir zu tun hatte. Ich datete kaum und Ausflüge auf Onlinedatingplattformen gab es nur wenige und nur sehr kurze. Zu groß war die Angst vor dem Ungewissen. Die wenigen (ätzenden) Dates, die ich zu der Zeit hatte, reichten aus, um mir die Lust auf mehr zu verderben. Mit nahezu allen von ihnen schien zudem eine stillschweigende Übereinkunft darüber zu herrschen, dass beide Seiten kein Interesse daran hatten, den Kontakt aufrechtzuerhalten. Aber das ist eine andere Geschichte.

Erst nach ein paar Jahren und im Rahmen meiner Therapie wurde mir klar, dass ich sehr wohl und in mindestens zweifacher Ausführung Ghosting-Erfahrung hatte, nur eben nicht im romantischen Kontext (wo ich den Begriff zunächst fälschlicherweise ausschließlich verortet hatte) – und wie schmerzhaft diese war und bis heute ist.

Ein Kunde im Zeugenschutzprogramm?

Nach meinem Erststudium arbeite ich ein paar Jahre lang als freiberufliche Texterin und Reporterin bei einer Tageszeitung. Ich habe die Arbeit geliebt und hatte nach einer Weile einen kleinen, aber sehr festen Stamm an Kund*innen. Vor allem ein Kunde versorgte mich mit einem kontinuierlichen Strom an Aufträgen. Ich schrieb Blog- und Magazinbeiträge, Artikelbeschreibungen für allerlei Shops und jede Menge suchmaschinenoptimierter Texte zu allem möglichen Zwecken für ihn. Wir hatten ein gutes Verhältnis, er spiegelte mir immer wieder, dass er meine Arbeit schätzte und vermittelte mir demnach anhaltend gute Aufträge, für die er mich nach einer Weile sogar besser entlohnte. Ich wähnte mich in Sicherheit. Nachdem wir bereits eine Zeitlang zusammen gearbeitet hatten und ich verschiedene Websites für ihn betreute, lief eine Email, die ich ihm schickte (enthalten war eine Rechnung), ins Leere. Erst glaubte ich an einen Fehler, vielleicht ein übervolles Postfach oder ein Buchstabendreher meinerseits. Also versuchte ich es noch mal und noch mal – immer mit dem gleichen Resultat: Ich bekam jedes Mal nur eine automatisierte Mailer-Daemon Antwort. Also rief ich an – und landete bei einer roboterhaften Stimme: „Diese Nummer ist nicht vergeben.“ Als Nächstes besuchte ich seine Website, googelte ihn – jedes Mal mit dem gleichen Ergebnis: gähnende Leere. Es war, als hätte es diesen Mann von einem auf den anderen Tag nicht mehr gegeben, als hätte er nie existiert. Ich zweifelte an mir: Wurde ich jetzt verrückt? Hatte ich mir eine jahrelange Zusammenarbeit eingebildet? Begann ich zu spinnen? Das Geld, das er mir noch schuldete, kümmerte mich weniger, es war keine große Summe. Ich wollte bloß verstehen, wie das möglich war. Hatte ich irgendwelche Anzeichen übersehen? War ihm etwas zugestoßen? Lag ein Verbrechen vor? War er in einem Zeugenschutzprogramm gelandet? Ich war völlig ratlos und ich hasse es, mir etwas nicht erklären zu können oder auf etwas Ungeklärtes keine Antwort zu finden.

Also griff ich zu meiner letzten Option: Ich schrieb einen anderen Kunden an, von dem ich wusste, dass er diesen Mann auch kannte. Schließlich hatte der Verschwundene mich an ihn vor einiger Zeit weitervermittelt. Möglichst unverfänglich fragte ich nach, ob er kürzlich etwas von unserem gemeinsamen Bekannten gehört hätte. Die ernüchternde Antwort kam schnell: „Der ist abgetaucht. Das macht der öfter. In ein paar Monaten taucht er wieder auf.“

Ich war fassungslos. So konnten sich Menschen verhalten? Ich versuchte es zu begreifen, doch gab nach einiger Zeit auf und schrieb den Fall als seltsame Episode ab. Erst vor ein paar Wochen, als ich meinem Partner von der mittlerweile weit mehr als zehn Jahre in der Vergangenheit liegenden Situation erzählte und mich wieder zu wundern begann, kam ich auf die Idee, den Verschollenen wieder zu googlen. Und tatsächlich: Da war er wieder. Mit altem Namen, aber neuem Unternehmen. Was ihn damals zum Abtauchen bewegte hatte, weiß ich noch immer nicht. Eine Zeit lang vermutete ich eine Verschuldung als Ursache, aber das ist reine Spekulation. Immerhin weiß ich heute: Das war meine allererste Ghosting-Erfahrung.

Die Freundin, die zum Geist wurde

Der zweite Fall von Ghosting, den ich auch erst viel später so zu benennen lernte, ereignete sich einige Jahre nach dem ersten. Ich war in einer Lebenssituation, in der der Begriff des Workaholics für mich gemacht zu sein schien. Ich arbeitete auf einer 50 %-Stelle im öffentlichen Dienst mit steigender Verantwortung, studierte in Vollzeit und war kurz vor Abschluss meines Masterstudiums in Angewandter Informatik, das ich als zweitbeste Studentin aller Absolvent*innen dieses Studiengangs meiner damaligen Hochschule der letzten fünf Jahre abschließen würde (Funfact: Nur mein Partner schloss besser ab). Ich stellte enorm hohe Ansprüche an mich selbst, lernte, was das Zeug hielt und stürzte mich in Projekte und Studiendesigns. Mein Interesse für soziologische und psychologische Fragestellungen wurde immer größer, also versuchte ich mir selbst anzueignen, wie psychologisches Fragebogendesign mit allem Drum und Dran funktioniert, um eine entsprechende kleine Studie für meine Thesis aufsetzen zu können, die auch noch in einem informatikrelevanten Kontext stehen sollte. Parallel dazu bewegte ich mich seit ca. eineinhalb Jahren in der bis dato letzten intensiven Diätphase, ernährte mich streng nach Plan und ging drei bis vier Mal die Woche zum Krafttraining. Ich war dabei, die noch frische Beziehung zu meinem Partner zu pflegen und auf feste Beine zu stellen, dabei gab es viele Hürden zu überwinden. Ich wohnte schon in der gleichen Gemeinde wie heute – also ca. eine Stunde Autofahrt von meiner Familie und meinen Freund*innen entfernt, zu denen ich fast jedes Wochenende fuhr. Und als wäre all das nicht schon viel zu viel auf einmal (wenn ich daran denke, mit welcher vermeintlichen Leichtigkeit ich dieses Tempo über Jahre hinweg aufrechterhielt, wird mir schwindelig), hatte ich ein halbes Jahr zuvor ein sehr schweres Pfeiffersches Drüsenfieber, von dem ich mich immer noch nicht vollständig erholt hatte. Ich war eine Woche lang im Krankenhaus – gerade noch rechtzeitig, ehe mir Milz und Leber platzten. Danach kurierte ich mich wochenlang aus, zwang mich dazu, wieder in meine Sportroutine zu finden, und versuchte krampfhaft die Erschöpfungs- und immunologischen Symptome, die sich damals schon zeigten und 2022/23 mit Post Covid um ein Vielfaches verschlimmern sollten, zu ignorieren. Also ja, es war eine heftige Zeit.

In genau dieser Zeit war ich sehr eng mit einer ehemaligen Kommilitonin, die ich aus meinem Erststudium kannte, befreundet. Ich besuchte sie regelmäßig an den Wochenenden, in denen ich in der Heimat war, dazwischen telefonierten und schrieben wir viel, nahmen gegenseitig an unseren Leben teil. Ich genoss es, so viel mit ihr zu besprechen und mich von ihr verstanden zu fühlen. Wir teilten eine Reihe gemeinsamer Interessen – nur waren wir völlig unterschiedlich, was unsere familiären und monetären Hintergründe anging. Aber das spielte im Grunde nie eine Rolle.

Bis es dann eben doch begann, eine zu spielen. Bereits einige Monate, bevor es zu unserem Bruch kam, verpasste sie mir bei einem Telefon einen Schuss vor den Bug. Es ging um eine Unternehmung, zu der ich mitkommen sollte. Ich traute mich, mich abzugrenzen – zu dieser Zeit war das eine echte Meisterleistung für mich, war ich doch gewöhnt, zu allem „Ja“ zu sagen. Aber ich fühlte mich sicher bei ihr, also dachte ich mir nichts dabei, als ich sagte: „Nein, das ist mir zu viel. Allein für die An- und Abfahrt muss ich mindestens zwei Stunden einplanen, das schaffe ich aktuell nicht.“ Ihre Antwort war wie ein Schlag mitten ins Gesicht: „Ach komm schon, du bist doch noch keine 40.“ Autsch. Das saß. Zumal sie meine Situation und das hohe Belastungslevel, das ich fuhr, kannte – während sie selbst nur wenige Stunden pro Woche arbeitete und sich ihren teuren Lebensunterhalt aus verschiedenen anderen Quellen finanzierte.Einige Monate später sollte diese Freundin 30 werden. Sie lud mich per Messenger zu einem Ausflug mit anderen Freund*innen ein, den sie zu ihrem Geburtstag mitten in der Woche unternehmen wollte. Einen Tag bevor ich die letzte große Klausur in meinem Masterstudium schreiben würde. Mit lauter Menschen, die ich nicht kannte. Ich hatte schon immer ein Problem mit neuen Gruppen. Ich fühle mich dann sehr unbehaglich. Nein, das stimmt nicht: Ich spüre Angst und Performancedruck.  Gleichzeitig wollte ich meiner Freundin zu ihrem runden Geburtstag eine besondere Freude machen, sie wertschätzen. Ich überlegte hin und her, ich wusste, dass ich diesen Tag angesichts der aktuellen Arbeitslast und der bevorstehenden Klausur mit der langen An- und Abfahrt nicht schaffen würde. Also haderte ich eine Weile mit mir, wälzte Ideen und Gedanken und kam schließlich zu dem Schluss, ihr für den geplanten Ausflug abzusagen (ich wähnte sie in guter Gesellschaft) und sie zu einem Wellnesstag in der Therme einzuladen, um sie zu feiern und einen erholsamen Freundinnentag miteinander zu verbringen. Ihre Antwort kam prompt: „Also kommst du an meinem Geburtstag nicht?“ Ich holte aus, entschuldigte mich, erklärte mich und verwies noch einmal auf ihr geplantes Geschenk. Doch ich hörte nie wieder etwas von ihr.

Bis heute habe ich mit dieser Person nie mehr gesprochen. Ich schrieb ihr, rief sie an, entschuldigte mich. Die Reaktion blieb aus. Auch sie ist, ähnlich wie der Kunde, der mich ghostete, online kaum noch zu finden. Oder sie hat mich überall blockiert, wer weiß. Ich habe Monate damit verbracht, mich scheiße zu fühlen. Offensichtlich hatte ich sie enttäuscht, sie war verärgert über mein Vorgehen. Und das konnte (und kann) ich sogar nachvollziehen. Ich hätte mir nur gewünscht, sie hätte ihre Wut mit mir geteilt. Und ich wünschte, sie hätte auch ein klein wenig Verständnis für meine Situation gezeigt. Nicht, dass das ihre Enttäuschung geschmälert hätte, keinesfalls. Aber hätte nicht beides nebeneinander bestehen können? War unsere langjährige Freundschaft wirklich so wenig wert, dass sie bei dem allerersten Konflikt, den wir hatten, weggeworfen wurde?

Dieses Ghosting traf mich weitaus empfindlicher als das erste. Es beschäftigt mich auch heute, einige Jahre später, noch mindestens einmal pro Monat. Ich kann schlecht aushalten, dass diese Situation nie abgeschlossen wurde, es keine richtige Trennung gab. Dass sie mir nicht schilderte, wie wütend sie war (das vermute ich nur) und dass ich ihr weder meine Sicht darlegen konnte, noch die Chance bekam, Vergebung zu finden. Ich bat um Verzeihung, eine Antwort bekam ich nie. Irgendwann gab ich es auf. Aber es verfolgt mich bis heute.

Wir alle wissen, dass Ghosting ätzend und schmerzhaft ist – eben weil es so viele lose Fäden und offene Enden gibt. Aber auch, weil es feige ist. Weil es einfacher ist, eine andere Person abzuschreiben und sich ihr vollständig zu entziehen, als sich die Mühe zu machen, eine geeignete Kommunikation zu finden und in den Konflikt zu gehen. Es macht mich unfassbar traurig, ein wenig wütend, aber vor allem fühle ich mich ungerecht behandelt. Nicht, weil ich fehlerfrei gehandelt habe. Sondern weil es mir nicht zugestanden wurde, Fehler zu machen und dafür gerade zu stehen.

Natürlich bin ich auch kein Fan von Konflikten, natürlich drücke ich mich um sie und versuche einiges, um sie gar nicht erst entstehen zu lassen. Aber spätestens seitdem ich weiß, wie schmerzhaft ein abrupter, vollständiger Kontaktabbruch sein kann, ist Schweigen erst recht keine Option mehr.

Topic Chronische Erkrankung

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