Ein einziger Mann hebt nicht den Arm. Um ihn herum eine begeisterte Menge, allesamt versammelt zum Stapellauf des Marineschulschiffs „Horst Wessel“. Es ist der 13. Juni 1936 und jeder, von hunderten Menschen fast ausnahmslos jeder, zeigt den Hitlergruß; nur ein einziger Mann nicht. Er steht da – verschränkte Arme, skeptischer Blick. Weder die Gegenwart von SA und SS, noch die Anwesenheit von Adolf Hitler persönlich, kann ihn zum „deutschen Gruß (Opens in a new window)“ motivieren. Sein Argwohn ist spürbar. Wir schauen heute auf dieses Foto und denken: Respekt!
(Opens in a new window)Wer dieser Mann ist, ist nicht abschließend geklärt:
„Irene Eckler meinte ihren Vater August Landmesser (Opens in a new window) zu erkennen, der seine jüdische Verlobte Irma Eckler wegen der Nürnberger Rassengesetze von 1935 nicht heiraten durfte. Die Töchter Ingrid und Irene kamen außerehelich zur Welt. August Landmesser wurde 1938 denunziert, wegen „Rassenschande“ zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt und dann als Soldat an die Front geschickt, wo er seit 1944 als verschollen galt. Irma Eckler wurde 1938 ins Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück gebracht und 1942 ermordet. Aber auch eine andere Hamburger Familie glaubte, in dem Mann mit den verschränkten Armen ihren Verwandten Gustav Wegert (Opens in a new window) identifizieren zu können, der nachweislich als Schlosser bei Blohm & Voss gearbeitet hatte und als gläubiger Christ aus religiöser Überzeugung den Hitler-Gruß verweigerte.“
(Informationen zur politischen Bildung Nr. 314/2012; S. 4 (Opens in a new window)).
Selbst wenn sich die Identität dieses Mannes zum jetzigen Zeitpunkt nicht abschließend klären lässt, steht dennoch eines fest – er stand auf der richtigen Seite der Geschichte. Die Naziverbrechen gelten als die größten Verbrechen der Geschichte; und wer sich dem Hitlerfaschismus früh in den Weg stellte, gilt heute nicht ohne Grund als wegweisend. Manche würden sagen: Er gilt als Held.
Die Geschichte und ihre Seiten
Vor wenigen Tagen ist in der taz ein „Essay über moralische Bequemlichkeit“ erschienen. Der Autor Matthias Kalle schreibt in seinem Text „Auf der richtigen Seite der Geschichte wird es voll“ (Opens in a new window) über Geschichte und Moral und die aus seiner Sicht inflationäre Tendenz, sich selbst – oder Leute, die man gut findet – „auf der richtigen Seite der Geschichte“ zu verorten. Tatsächlich werde ich in dem Text kurz erwähnt (auch wenn ich in einer frühen Textfassung lustigerweise zunächst – danke für die Korrektur, liebe taz – „Jan Skudlack (Opens in a new window)“ hieß). Der Autor schreibt:
„In jedem Fall ist es auf der richtigen Seite seit einiger Zeit ziemlich voll: Der chinesische Staatspräsident Xi Jinping erkannte im Frühjahr (Opens in a new window) seine Verbündeten auf der richtigen Seite der Geschichte; Spaniens Premierminister Pedro Sánchez nannte den Wunsch nach diesem Ort (Opens in a new window) als Grund dafür, dass er ein Waffenembargo gegen Israel forderte; der Philosoph Jan Skudlarek stellte 2023 fest: „Robert Habeck stand auf der richtigen Seite der Geschichte.““
Den Text von Matthias Kalle habe ich mit Interesse gelesen; und schnell kam mir die Idee einer Replik – weil ich den Eindruck habe, dass Matthias Kalle das „XY steht auf der richtigen Seite der Geschichte“-Argument fundamental missversteht (oder zumindest eine Sichtweise darauf vertritt, die ich für wenig überzeugend halte).
Kalle schreibt auch einiges, dem ich zustimme, z.B.
„Das Dumme ist nur, dass die Geschichte ja voll ist mit Menschen, die sich schon mal auf der richtigen Seite sahen und dann durch die Geschichte selbst eines Besseren belehrt wurden: Im 11. Jahrhundert zogen Kreuzritter los in der Annahme, sie kämpften im Auftrag Gottes und seien das Werkzeug der Geschichte; im 16. Jahrhundert hielten spanische Konquistadoren die Christianisierung Lateinamerikas für Zivilisation, nicht für Eroberung; im 19. Jahrhundert glaubten Kolonialmächte, sie trügen „Fortschritt und Licht“ in die Welt – und exportierten Gewalt, Rassismus und Ausbeutung; im 20. Jahrhundert waren Bolschewiki, Faschisten und Neoliberale auf ihre je eigene Weise überzeugt, Geschichte zu vollstrecken.“
Sein Hauptargument ist, dass Geschichte keinen Plan habe:
Geschichte hat keinen Sinn und keinen Plan. Und Foucault zerschlägt die klassische Geschichtsvorstellung als kontinuierlichen Prozess oder Fortschritt. Geschichte ist für ihn kein Strom, sondern ein Netz aus Diskursen, Machtverhältnissen und Brüchen. Es gibt kein Ziel, keinen Fortschritt, keine Moral – nur Macht und Diskurs. Spätestens da hätte man sich darauf einigen können, dass Geschichte keinen Sinn hat. Blöd halt nur, dass der Mensch ohne Sinn nicht leben will.
Aus der Planlosigkeit der Geschichte heraus und angesichts des allgemeinen Chaos in der Welt erscheint Kalle das „Richtige Seite der Geschichte“-Argument wenig sinnvoll:
„Wer behauptet, den Sinn der Geschichte zu kennen, leitet daraus politische Notwendigkeit ab. Und dadurch entsteht die Legitimation, zu steuern, zu disziplinieren, zu sanktionieren. Dabei sollten man doch genau dieser Gewissheit misstrauen, denn die Berufung auf den Sinn der Geschichte ist selbst eine Form von Herrschaft.“
An dieser Stelle möchte ich zugleich anknüpfen und entschieden widersprechen. Natürlich ist die Geschichte (!) voll von Menschen, die sich auf der richtigen Seite der Geschichte glaubten und sich damit irrten! Von Kreuzrittern bis zu Kolonialisten – die Vergangenheit ist voll von Menschen, die zu ihrer Zeit der irrigen Ansicht waren, der Menschheit durch ihre Grausamkeit und Unterdrückung Gutes zu tun. Dies gilt in Teilen selbst für die größten Verbrecher und ihre Anhänger – jene, die neben August Landmesser / Gustav Wegert den Hitlergruß zeigen, werden vermutlich ihn, den Verweigerer, für einen Mensch auf Abwegen gehalten haben („Warum zeigt er nicht den Gruß?“). Während man nicht der Gefahr erliegen sollte, Überzeugungstäter und Extremisten in Diktaturen kleinzureden (nicht jeder war „Mitläufer“ oder gar „im Widerstand“), stimmt dennoch: Die wenigsten Menschen, die in einer politischen Bewegung, einer Partei oder gar einer Armee aktiv sind, denken von sich selbst „Wir sind die Bösen!“ oder „In den Geschichtsbüchern werden wir als die Verbrecher erscheinen.“ Im Gegenteil, das eigene Team ist quasi automatisch als gut und redlich gesetzt. Die eigene Gruppe zu hinterfragen kostet nicht bloß Energie, sondern kratzt am Selbstbild.
Die britische Sketch-Comedy-Fernsehserie des Duos Mitchell and Webb hat einen Comedy-Sketch, in dem die Zweifel, auf der richtigen Seite zu stehen, herrlich amüsant dargestellt werden. Im Sketch „Are We the Baddies? (Opens in a new window)” kommt ein deutscher SS-Soldat während des Zweiten Weltkriegs nach einem genaueren Blick auf seine Totenkopfmütze ins Grübeln, ob er nicht vielleicht, nur ganz vielleicht, doch auf der Seite „der Bösen“ (the Baddies) kämpft:
https://www.youtube.com/watch?v=h242eDB84zY (Opens in a new window)Nur die Wurst hat zwei
Die Möglichkeit, zu irren besteht nicht nur für Einzelmenschen und ihre Handlungen – sie besteht auch für die Wissenschaft und all jene, die versuchen, das größere Ganze zu sehen. So war es der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama, der – zugegebenermaßen am Anfang seiner eigenen akademischen Geschichte, Fukuyama war zur Publikation seines berühmten Artikels „The End of History“ (Opens in a new window) (1989) keine dreißig – angesichts des Zusammenbruchs der Sowjetunion und des Ende des Kalten Krieges gleichsam das Ende der Geschichte selbst verkündete (und den globalen Sieg der liberalen Demokratie als Staatsform gleich mit). Fukuyama schrieb:
„What we may be witnessing is not just the end of the Cold War, or the passing of a particular period of postwar history, but the end of history as such: that is, the end point of mankind's ideological evolution and the universalization of Western liberal democracy as the final form of human government.“
Es geht um Moral!
Hat Matthias Kalle also recht? Sollten wir uns die Rede von der „Richtigen Seite der Geschichte“ besser verkneifen? Haben jene, die so über sich oder, vielleicht bescheidener, über andere sprechen, unseren Spott verdient? Ist diese Redeweise bestenfalls ein Akt der Geschichtsvergessenheit? Und schlimmstenfalls ein Akt der Selbstüberhöhung?
Ich denke: Nein.
Natürlich hat die Geschichte und die Geschichtsschreibung keine Seiten wie eine Münze oder ein Fußballspiel (wobei es selbst bei sozialen Handlungen wie einem Fußballspiel und anderen Mannschaftssportarten keineswegs immer klar ist, wer „die gute/bessere Mannschaft“ war; Bewertungen diesbezüglich gehen massiv auseinander, je nachdem welcher Fankurve man angehört). Gemeint ist auch nicht, dass der Weltlauf auf ein finales, mehr oder weniger planhaftes Ziel hinstrebt (das wäre eine deterministische Sichtweise (Opens in a new window) auf die Historie, die wenig Raum lässt für Willensfreiheit, Kontingenz (Opens in a new window) und Chaos).
Sinn macht die Redeweise von den „Seiten“ der Geschichte dann – und ich möchte sagen vor allem dann – wenn wir sie als eine moralische begreifen. Wenn Kalle behauptet „Ich wusste aber auch nicht, dass die Geschichte überhaupt eine richtige und eine falsche Seite hat“, begeht er einen Kategorienfehler. Die getroffene Seiten-Aussage ist nicht primär eine historische, sondern eine primär moralische.
Der Fokus des „Auf der richtigen Seite der Geschichte“-Arguments liegt somit, sprachlogisch gesehen, nicht auf dem Term „Seite“, sondern auf „richtig“. Es geht erst um Ethik und dann um Historie.
Als ich zum Beispiel vor über zwei Jahren in einem Interview sagte „Habeck stand auf der richtigen Seite der Geschichte“ (Opens in a new window), habe ich mich damit weniger als Hobbyhistoriker oder Zukunftsprognostiker betätigt, sondern vielmehr meine ethische Sichtweise dargelegt. Der Kontext war u.a. die Energiekrise zu Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine und die damit verbundene Frage, ob es seitens deutscher Politik clever oder vermessen sei, deutschen Bürgerinnen und Bürgern einen verantwortlichen Umgang mit Energie-Ressourcen nahezulegen (denken wir zurück an Wolfgang Kubickis berühmt-peinliche „Ich schaue nicht auf die Uhr, wenn ich in der Dusche stehe. Ich dusche so lange, bis ich fertig bin (Opens in a new window)“-Aussage). Ich war und bin der Meinung: Natürlich ist es richtig, Ressourcen zu sparen. Verantwortlicher Umgang mit knappen Gütern ergibt nicht nur aus ethischer Sicht Sinn (alle sollen genug erhalten; die Verteilung soll bitte halbwegs gerecht sein), sondern auch aus organisatorischer (werden Ressourcen verschwendet, sind sie schlicht futsch – und können zukünftig nicht mehr genutzt werden). Deswegen sagte ich: „Robert Habeck steht auf der richtigen Seite der Geschichte“ im Sinne von „Robert Habeck hat recht“. Übrigens: Dass ein Robert Habeck (Opens in a new window) mit großen Teilen seiner Politik recht hatte, und zwar schon vor Jahren, das sieht mittlerweile offenbar auch ein Bundeskanzler Friedrich Merz so; immerhin kopiert seine Regierung die Habeckschen Ideen ja sehr fleißig (Stichwort Industriestrompreis, Deutschlandfonds, Schuldenbremse (Opens in a new window)).
Zurück zu Kalle. An einem Punkt in seinem Essay kommt Kalle der Wahrheit kurzzeitig sehr nah, indem er schreibt: „Aber Geschichte urteilt nicht – Menschen urteilen.“ Da kann man ihm nur zurufen: Ja, ja und nochmal ja! Die Rede über die Seiten der Geschichte ist weniger eine Rede über irgendeine Historizität als vielmehr eine Rede von Menschen über andere Menschen! Es geht um die moralische Bewertung von Handlungen und gesellschaftlichen Ereignissen. Wer anderen also das Gütesiegel „auf der richtigen Seite der Geschichte“ zuschreibt, nimmt nicht die Perspektive zukünftiger Historiker und Historikerinnen ein – sondern die ganz reguläre Perspektive eines gegenwärtigen Menschen, der auf seine Gegenwart blickt (und die Zukunft bestenfalls verantwortungsvoll mitdenkt).
Natürlich kann man irren
Bei diesem Moral-von-der-Geschichte-Streit gilt, was immer gilt: Die Möglichkeit, sich zu irren, spricht nicht grundsätzlich gegen eine Annahme. Die Male, wo du mit einem Regenschirm unterwegs warst und es dann doch nicht geregnet hat, sprechen nicht gegen die Annahme, dass es klug ist, sich auf das Wetter einzustellen. Wer mit der Absicht in Urlaub fährt, sich zu entspannen, wird rückwirkend wohl kaum die Idee, in Urlaub zu fahren, als Fehler bezeichnen, selbst wenn der Urlaub punktuell stressig wurde (und nicht ausreichend entspannend). Und, um selbst in einem geschichtsmetaphysischen (Opens in a new window) Text ein wenig romantisch zu werden: Ein gebrochenes Herz spricht nicht grundsätzlich dagegen, sich zu verlieben (auch wenn es sich in der ersten Zeit des Liebeskummers so anfühlen mag). Wir irren uns andauernd. Bei unserem Blick in die Zukunft – und auch sonst. So weit, so normal.
Dass die Geschichte voll ist von Menschen, die sich für die moralisch Guten hielten und die im Urteil der Nachwelt als die moralisch Ambivalenten, als die Schlechten oder gar als die eindeutigen Verbrecher dastehen, überzeugt also nicht, das Geschichtsargument zu verwerfen. Irren ist menschlich, vor allem beim Blick auf die Gegenwart; und ganz bestimmt beim Blick in die Zukunft.
Verantwortung für die Zukunft
Zu guter Letzt lässt sich das „XY steht auf der richtigen Seite der Geschichte“-Argument als Verantwortungsargument (Opens in a new window) lesen. Der Sprecher bzw. die Sprecherin betont damit die eigene oder fremde Verantwortung für eine gute, lebenswerte Zukunft. Im historischen Verantwortungsargument zeigt sich die Hoffnung, von zukünftigen Menschen rückblickend positiv beurteilt zu werden – als ein Mensch, der die Welt eher verbessert als verschlechtert hat. Als jemand, der beim größten Unrecht nicht mitgemacht hat, wie Herr Landmesser / Wegert. Ob sich diese Hoffnung rückwirkend erfüllt, steht gegenwärtig in den Sternen. Eine legitime Hoffnung ist es – und bleibt es.

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