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Tür auf. Rollenbild an.


Die Türklinke wirkt harmlos. Aber manchmal hängen an ihr jahrhundertealte Geschlechterrollen. Es ist Zeit, einmal genauer hinzusehen, was eigentlich alles an einer geöffneten Tür hängt.

Vor Kurzem erzählte mir eine Bekannte, dass sie es nach wie vor schätzt, wenn ein Mann ihr die Tür aufhält. Sie verdiene zwar ihr eigenes Geld – und wahrscheinlich mehr davon als die meisten Männer, die sie datet – nichtsdestotrotz mag sie es, wenn der Mann diese Gentlemen-Gesten vollführe. Immerhin bekäme man ja sonst recht wenig an Aufmerksamkeit von Männern, meinte sie. Warum also das Gelernte nicht mitnehmen.

Nun ja. Diese Tür schwingt leider in zwei Richtungen, sagte ich ihr. Denn wenn du erwartest, dass Männer dir die Tür aufhalten, dann lädst du damit auch die alten Rollenmuster auf das Date ein.  

Denn: Tür aufhalten, in den Mantel helfen oder den schweren Koffer tragen – das sind Gesten, die erst einmal höflich, aufmerksam und eventuell auch schon einmal romantisch wirken. Doch sie entstanden in einer Zeit, in der eine starke patriarchale Geschlechterordung an der Tagesordnung war.

Die konkrete Praxis des Türöffnens wurde etwa im 19. Jahrhundert als Teil der Höflichkeitsregeln des Bürgertums angewendet. Etikette-Bücher beschrieben explizit, dass Männer Türen für Frauen öffnen sollten.

Es gibt auch historische Hinweise dazu, dass das Türöffnen mit der damaligen Frauenmode entstand. Frauen trugen riesige Reifröcke, was den Frauen das Greifen der Türklinken erschwerte. Gleichzeitig war weibliche Bewegung im öffentlichen Raum ohnehin stärker reguliert.


Letztlich ging es bei den genannten Gesten um Schutz, Kontrolle, Moralvorstellungen und weibliche Abhängigkeit.

Viele dieser Formen der männlichen „Galanterie“ stammen also aus einer gesellschaftlichen Ordnung, in der Frauen nicht als gleichberechtigte Akteurinnen verstanden wurden, sondern als schutzbedürftig, moralisch fragil und führungsbedürftig.

Männer hingegen bewegten sich frei im öffentlichen Raum, Frauen dagegen wurden über lange Zeit stärker dem Privaten zugeordnet: dem Zuhause, der Familie, der Häuslichkeit. Also musste der Mann ja die Tür nach draußen oder eben ins Restaurant öffnen.

Auch das gesellschaftliche Bild der „anständigen Frau“war eng mit Begleitung und Kontrolle verbunden: Eine Frau allein im öffentlichen Raum galt schnell als unangemessen, verrufen oder schutzlos.

Vor diesem Hintergrund bekommt das „Tür öffnen“ also eine zweite Ebene.

Die geöffnete Tür war nicht nur Freundlichkeit. Sie war auch Ausdruck einer Rollenverteilung:
‘Der Mann handelt. Die Frau wird geführt.
Der Mann bewegt sich selbstverständlich durch die Welt.
Die Frau erhält Zugang über ihn.

Dieses Ritual trägt demnach auch heute noch die alte Vorstellung in sich, dass Weiblichkeit etwas ist, das begleitet, geschützt oder besonders behandelt werden muss – selbst dann wenn die Frau mehr Geld verdient.


Bitte nicht falsch verstehen:
Freundlichkeit ist nicht das Problem. Im Gegenteil.
Türen aufhalten, Rücksicht nehmen, anderen helfen —
all das macht das Zusammenleben menschlicher.

Wirklich zuvorkommend ist es aber erst dann, wenn das Türöffnen nicht selektiv an einem Geschlecht festgemacht ist.
Dann, wenn die Tür auch für den jungen Mann hinter dir aufgehalten wird. Für den Vater mit Kinderwagen. Für ältere Menschen. Für Teenager. Für den Hund an der Leine.
Für alle.

Gleichstellung beginnt deshalb auch dort, wo wir
Frauen uns ehrlich fragen:

Welche Formen von Sonderbehandlung nehme ich nicht an — eben, weil sie aus einer historischen Ungleichheit entstanden ist?

Und gleichzeitig: Frauen, öffnet einfach selbst Türen!
Nicht nur die für euch selbst. Ganz wortwörtlich und im übertragenen Sinn. Wartet nicht darauf, eingeladen zu werden.

Öffnet Türen und Räume auch für andere Frauen.
Ermöglicht Sichtbarkeit.
Und haltet zum Beispiel auch virtuelle Türen offen für andere Frauen. Teilt weibliches Wissen, gebt und nutzt Chancen, Netzwerke und Zugang.

Augenhöhe bedeutet nicht nur, dass Männer freundlich sind oder ihre Privilegien verstehen und hinterfragen.

Manchmal liegt der Ball auch bei uns.
Wir Frauen müssen ebenso unser Handeln hinterfragen.


Damit wir nicht länger auf die Rolle derjenigen reduziert zu werden, der die Tür geöffnet werden muss (damit sie glücklich ist).

Wir müssen zu denen werden, die selbstverständlich öffnen, aufhalten und hindurchgehen.

Es ist Zeit, dass wir Frauen nicht länger darauf warten, dass man uns die Tür öffnet — sondern selbst die Klinke in die Hand nehmen und sie für andere offenhalten.

*Hinweis der Autorin: Wenn du Lust hast deine eigenen internatlisierten Rollenmuster zu hinterfragen, dann habe ich genau das Richtig für dich: Am 26. Mai erscheint mein Journal EMPOWERT: 77 Fragen für Frauen

Mehr dazu im Beitrag hier:

Foto von Katerina Kitaeva (Opens in a new window)  

Topic Mikrofeminimus To Go

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