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SICH DER MENSCHEN BEDIEN'

LITERATUR-&-GRAPHIC-NOVEL-KRITIK (Opens in a new window)

Schwierig, schwierig, schwierig. Man möchte Personen – ob lebendig oder tot oder dazwischen oder darüber hinaus – nicht die falschen Attribute oder … uhm … Kosenamen zuschreiben. Heißt’s nun also Fritz Haarmann der „Schlächter von Hannover“ oder der „Kannibale von Hannover“ oder, um in mythologische Gefilde zu gleiten (Opens in a new window), doch der „Werwolf (Opens in a new window) von Hannover“ oder eben der „Vampir (Opens in a new window) von Hannover“? Ihr lest mich verwirrt (Opens in a new window).

„Ich wollte ja keinen umbringen, …“

So oder so, der „Mönsch Fritze“ war ein arger Serienmörder, der seine meist durch Kehlenbiss statt Kehlenkiss tötete, Klamotten wie andere Habseligkeiten seiner jungen Jungen-Opfer vertickte wie auch ihr Fleisch. (Aktuell lese ich die Neuauflage von Agustina Bazterricas Zart ist das Fleisch. Da ist der Verzehr von Menschenfleisch, von der Regierung verpflichtend „Spezialfleisch“ genannt, Normalität. Rezension folgt.) Nur mit den Schädeln, Gebeinen und Co. kann Haarmann nicht viel anfangen und schüttet sie regelmäßig in die Leine. Als mehr und mehr knöcherne Überreste auftauchen begründen die Stadtoberen dies zunächst mit Typhustoten.

Allzu lange verfängt das allerdings auch im Internet-freien Jahr 1924 nicht. Wird das Auftauchen der sauber vom Körper abgetrennten Knochen doch begleitet vom Verschwinden junger Männer. Zwar immer weniger heimischer Jungs, doch fällt auch das Wegbleiben vermeintlich am Bahnhof gestrandeter Jugendlicher und junger Männer irgendwann auf. Über Haarmann geistern ohnehin reichlich Gerüchte durch nicht nur die niederen Viertel Hannovers. Doch lange ignorieren Behörden Hinweise. Nicht zuletzt, da Kriminalkommissar Wilhelm Müller schützend die Hand über seinen Spitzel, den »Kriminal« Haarmann hält.

Panel aus HAARMANN // © 2026 Peer Meter & Isabel Kreitz / Reprodukt
© 2026 Peer Meter & Isabel Kreitz / Reprodukt

In der düster-packenden, mit bissigem Humor gespickten, sprachlich treffenden und nachhallend schaurig gezeichneten Graphic Novel HAARMANN von Peer Meter und Isabel Kreitz werden eindrucksvoll die Eskalation und schließlich Festsetzung wie der Weg zur Hinrichtung des Serienmörders aus der hannoverschen Altstadt beschrieben. Nicht nur dank eines Nachworts von Peer Meter in Form eines historischen Überblicks, der auch die zu der Zeit prekären Verhältnisse der Weimarer Republik ins Auge fasst, ist das im März im Reprodukt Verlag erschienene Werk eine gelungene Mischung aus Serienkiller-Thriller und sachlicher Aufarbeitung. Haarmann soll irgendwas zwischen Mitte zwanzig bis um die fünfzig Menschen getötet haben, so genau konnte er sich nicht mehr erinnern.

„…aber ab und zu war immer einer tot.“

Zwar ist die Geschichte, für Konservative nicht nur mit Blick ins „Schwulenmilieu“ sowie auf „Mauschelsachen“, all die „Schweinigelein“ wie das „Poussieren“, eine grausige doch im Kern keine reißerisch erzählte. Dass die Illustrationen schwarz-weiß und nicht in blutdurchtränkter Farbe gehalten sind, erhöht zwar den Schauerfaktor, mindert gleichzeitig allerdings den voyeuristischen Effekt. Sehr gut.

Panel aus HAARMANN // © 2026 Peer Meter & Isabel Kreitz / Reprodukt
Panel aus HAARMANN // © 2026 Peer Meter & Isabel Kreitz / Reprodukt

Ausgezeichnet in der atmosphärischen Graphic Novel (Opens in a new window) ist außerdem, wie Meter und Kreitz sich den Abgründen der Bewohner*innen, der teils aus Inkompetenz und teils aus Unwillen heraus untätigen Polizei und Justiz widmen (wir kennen es aus diversen True Crime-Formaten) und selbst die unsympathischsten Menschen lebendig werden lassen. Sei es Haarmann Intimus Hans Grans, der gefällige Friseur Fridolin Wegehenkel, die Vermieterin und Hehlerin Elisabeth Engel (der Kurzbiografie allein schon Lust auf eine ausführliche Betrachtung ihrer Person macht) oder der Gerichtsmedizinalrat Dr. Alex Schackwitz, der trotz seines Versagens „nach Prozessende noch privat Kapital aus dem traurigen Kriminalfall“ schlug. Pfui, bäh.

Panel aus HAARMANN // © 2026 Peer Meter & Isabel Kreitz / Reprodukt
Panel aus HAARMANN // © 2026 Peer Meter & Isabel Kreitz / Reprodukt

So bitter der Band, so unterhaltsam und intensiv ist er auch. „Da happ ick nüscht mit zu kriejen“ lässt sich in Bezug auf Form und Inhalt HAARMANNs schwerlich sagen, so gern mensch auch anderes behaupten möchte. Doch ist die literarisch und künstlerisch anspruchsvolle (Opens in a new window) Erarbeitung dessen, was womöglich im Kopf des „wichtigen Mannes in Hannover“ (ist nichts Persönliches Gerd, Christian, Carsten, et al.), der eben auch „Menschenschlächter“ war, einfach zu gut.

AS

PS: Apropos Vampir: Ab dem 1. Juli 2026 ist bei MagentaTV endlich die dritte Staffel von Interview with the Vampire zu sehen. Zusatztitel: Anne Rice's The Vampire Lestat. Es handelt sich also um die Serienadaption des zweiten Romans. Wir sind voller Vorfreude und Spannung und hören schon mal, wie Sam Reid so singt (Opens in a new window) – und lieben es!

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PPS: Wo wir schon mal bei Grusel und Graus sind: Irgendwann in diesem Jahr dürfen wir wohl mit Daniel Goldhabers und Isa Mazzeis FACES OF DEATH rechnen. Der Schocker mit Euphorias Barbie Ferreira und Stranger Things’ Dacre Montgomery kann im Grunde als Meta-Fortsetzung des umstrittenen Originals aus dem Jahr 1978 gesehen werden. Es geht um einen Killer, der nach Motiven aus dem Werk von Conan LeCilaire aka John Alan Schwartz mordet. Sehen wollen! Wir halten euch auf dem Laufenden.

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Peer Meter und Isabel Kreitz: Haarmann (Opens in a new window); März 2026; 176 Seiten, schwarz-weiß; Hardcover, gebunden; Format: 17,0 x 24,0 cm; Lettering: Anna Weißmann / Font: Dirk Rehm; ISBN: 978-3-95640-501-3; Reprodukt Verlag; 24,00 €

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Topic Belletristik & Literatur

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