FILM-KRITIK (Opens in a new window)
Ok, wir sind uns derzeit (fast) alle einig, dass toxisches Verhalten definitiv bad ist und wir es outcallen sollten (Opens in a new window). (Allzu) Machohaftes Auftreten und Hypermaskulinität sind total Red Flags. Außer mensch ist Masochist, dann Machismo it is (Opens in a new window). Diverse Filmchen mit „Frat“ und „Sketchy“ dürften die Vorstellungen diverser Menschen anregen, Schlagworte wie „Jock“, „Scally“ oder „Dominant“ und „Dude“ laufen eh immer recht solide.

Funktioniert in der (erotischen) Fantasie also bestens, was wir uns für den Lebensalltag weniger wünschen (Opens in a new window)? Who knows! Sehr realisitsch abgebildet sind sehr hetero-maskuline Muster im Coming-Of-Age-And-Out-Film Riley von Benjamin Howard. In seinem Langfilmdebüt (nach zwei Kurzfilmen, einem zu Konversionstherapien und einem, der eine Art Blaupause für Riley bildete) erzählt Howard vom 18 Jahre jungen Star des High-School-Football-Teams Dakota Riley (fan-tas-tisch: Jake Holley), der sich nicht nur mit seiner sexuellen Identität, sondern auch mit hohem Erwartungsdruck auseinandersetzen muss.

Inspiration für diese im San Diego County angesiedelte Story sind Howards eigene Erfahrungen als ungeoutetER Football-Spieler an der High-School (in East County, San Diego). Ähnlich wie seine titelgebende Figur Riley waren es Abhärtung durch Sport, Schale durch Sprache und ein möglichst herbes Auftreten, dass das Leben im heteronormativen, teils religiös geprägten Umfeld „normaler“ aussehen lassen sollten. Doch erzählt Howard diese Geschichte nicht als tragisches Drama mit unausweichlichem Ende des Gehens oder Verharrens (oder Sterbens), sondern als sensible und differenzierte Filmerfahrung aus der Nähe.

Es gibt im Film (u. a. zu finden im Salzgeber Club (Opens in a new window)) zunächst einmal keinen Pranger (wenn auch manche Idioten und idiotische Handlungen). Die Eltern des definierten und recht androgynen Riley pushen ihn womöglich ein wenig härter, als nötig. Doch will Daddy Carson (Rib Hillis) durch den Sohn verpasste Chancen nachholen – älteste Geschichte der Welt. Sein bester Freund (und Crush) Jaeden Galloway (nachdenklich: Colin McCalla) ist Jock, aber kein Wichser – außer wenn's ums Wichsen geht. (Witzig eine Szene, in der Riley sich um Intimrasur bemüht und dabei natürlich gestört wird.) Seine beste Freundin-Mit-Wunsch-Nach-Mehr Skylar Braxton (Riley Quinn Scott) ist bei aller spät-jugendlichen Unsicherheit so sortiert, wie es nur geht.

Autor und Regisseur Benjamin Howard erlaubt seinen Haupt- wie Nebendarsteller*innen viel Raum, um Empfindungen nicht nur abzulesen und aufzusagen, sondern wirklich auszudrücken. Die Kamera von Michael Elias Thomas weiß dies gut einzufangen, versteht das Konzept von Nähe und Abstand bestens, ohne sich in bildsprachlichen Spielereien zu verrennen. Niemals wird hingegen die zumindest dezent inhärente Homoerotik (Opens in a new window) jener Amateur-Sport-Spielerei kaschiert (Opens in a new window). Eine starke Spielerei ist zudem der Auftakt respektive der Rahmen des Films. Ein Online-Sex-Date aka 'Obi Wan Hookup' (J.B. Waterman) von Riley, das definitiv beweist, was Leute, die sich mit einem ONS oder auf einem soliden Chill gut verstehen, längst wissen: Manch innerste Gefühle und Unsicherheiten vertraut man(n) schneller einer eher fremden Person an, als dem nahen Umfeld.

Zumal wenn mensch wie Riley nicht sonderlich extrovertiert ist. Im Kontrast dazu erleben wir in dieser hetero-geprägten Welt, in der Schwulsein und Queerness dennoch keine Fremdworte oder -körper sind, den recht unverblümten Liam (Connor Storrie, eine der positiven Überraschungen aus Joker: Folie à Deux). Offen schwul, mit garstigem Spruch auf den Lippen, wenn einer der Hyper-Jocks mal wieder dumm daherredet – Boys being Boys (Opens in a new window)! – und doch nicht das Abziehbild des Vorbild-Homos für den Newbie aka das Gayby.
Riley war für mich eine der großen Überraschungen des diesjährigen Filmjahres – egal ob mit Blick auf queere, dezidiert schwule oder hetero-flexible oder, oder, oder Filme. Wenn wir lesen, es gehe im Film darum, dass „die mühevoll aufgebaute Fassade vermeintlicher Normalität einfach nicht mehr halten will“, lässt sich vieles denken. Lebenslüge versus Zufriedenheit? Es geht in Riley gar nicht so sehr um das richtige Leben im falschen. Es geht im besten und wenigsten Klischee belasteten Sinne um kraftvolle Selbstfindung in einem Alter, in dem sich wohl kaum jemals jemand selbstgefunden haben kann.
https://www.youtube.com/watch?v=7wvxe08nWBU (Opens in a new window)So ist das uns anlächelnde Ende nicht nur eines der realistischsten, das mir in einem solcher Filme je untergekommen ist (mal fix an den ebenfalls großartigen Giant Little Ones gedacht), sondern genau durch diese Glaubwürdigkeit eines der berührendsten. Dank der Ehrlichkeit des Films und der starken Spielleistungen funktioniert selbst manch salbungsvoller Ausspruch wie „don't choose, just live it“ erstaunlich gut.
Ein wunderbarer, authentischer und Mut machender Film mit viel Ausdruckskraft ohne Melodrama.
JW
PS: An sich hätten wir noch ein wenig in die Geschichte queerer/schwuler Filme dieser Kategorie eingehen können, dazu gäbe gerade durch manch neue Filme und Serien einiges zu sagen. Womöglich wird das ja im neuen Jahr mal in einem Podcast nachgeholt...
PPS: „If by thick you mean that thick dick, then yeah...“ Schon sehr frat-y.

PPPS: „Don't give me that Gen-Z-Shit“ Dads being Dads! (Übrigens solide, wie Riley bei aller Stille häufiger eine gewisse No-Bullshit-Attitude zeigt.)
PPPPS: Als Schluss-Schmankerl haben wir noch den Trailer zur kanadischen Young-Adult-Romance-Serie Heated Rivalry (mit Hudson Williams und (!) Connor Storrie in den Hauptrollen sowie dem wunderbaren François Arnaud). Basierend auf dem Buch Rachel Reids adaptiert von Jacob Tierney als Regisseur und Autor die Eishockey-Story, die dieser Tage in Kanada bei Crave und in den USA bei HBO Max an den Start geht. Sieht arg vielversprechend aus und ebenso lockt sein Statement gegenüber The Hollywood Reporter (Opens in a new window):
https://www.youtube.com/watch?v=lKO26odltss (Opens in a new window)„The thing that we really don't get as queer people is a happy fucking, ending, where we're allowed to exist, f*** and smile at the same time. Usually it's like, pick one. You get to have it all in this one.“
(Dem können wir natürlich ergänzend hinzufügen, dass Royal Blue eine solche Kombination bietet, wie auch Love, Simon/Love, Victor oder zuletzt die berührenden und teils schreiend komischen Overcompensating und Boots. Und eben Riley, der bei aller erwähten Ernsthaftigkeit kein dunkles Desaster beschreibt. No bury your gays here!)
Das Buch erscheint in Übersetzung von Martha Sonnenburg am 11. Dezember 2025 beim Second Chances Verlag (Opens in a new window). Bestenfalls ein Zeichen, dass die Ausstrahlung der Serie hierzulande nicht allzu lange auf sich warten lässt... Wir halten euch mit Infos und queer reviews auf dem Laufenden!
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Riley; USA 2023; Regie, Drehbuch und Schnitt: Benjamin Howard; Bildgestaltung: Michael Elias Thomas; Musik: Jerik Centeno; Darsteller*innen: Jake Holley, Colin McCalla, Riley Quinn Scott, Connor Storrie, Rib Hillis, J.B. Waterman, René Ashton; Laufzeit ca. 93 Minuten, englische Originalfassung mit deutschen Untertiteln; FSK: 12; verfügbar u. a. im Salzgeber Club (Opens in a new window)
https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/bb2d3f79-a798-4457-a3c5-9966a321c683 (Opens in a new window)