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„NOCH (NIE) EINE SCHWUCHTEL GESEHEN?“

FILM-KRITIK (Opens in a new window)

„Was ist Kino für mich? Üppige Farben? Nervenkitzel? Nuancierte politische Debatten? Zurückhaltende, raffinierte und zugleich melodramatische Dialoge? Überlebensgroße Nahaufnahmen, Erotik, ein Gefühl von Gefahr und Abenteuer? Ja zu all dem.“ - Auteur Romas Zabarauskas

Auf die Frage, warum er so ein LGBT+-Aktivist geworden sei (Opens in a new window), antwortet Deividas (Elvinas Juodkazis) seinem Partner Andrius (Robertas Petraitis), das es auch in Litauen und im Besonderen im Ort Kaunas ganz selbstverständlich möglich sein müsse, auch als queere Person Hand in Hand zu gehen. Andrius’ Antwort darauf ist so bitter wie schlagfertig: Er sei es leid, mit den Problemen der litauischen Gays ins Bett zu gehen.

Deividas (Elvinas Juodkazis) wir in THE ACTIVIST bei einem Pressetermin in Vilnius attackiert // © Cinemien
Deividas (Elvinas Juodkazis) wir in THE ACTIVIST bei einem Pressetermin in Vilnius attackiert // © Cinemien

Deividas, der die Gruppe „Rainbow Kaunas“ leitet und gemeinsam mit der Innenministerin und weiteren Aktivist*innen den ersten Pride in der Stadt organisiert, liegt kurz nach diesem Streit tot in der gemeinsamen Wohnung. Nachdem Polizei, Behörden und Co. sich nicht sonderlich bemühen, den Mord am immer wieder von Neonazi-Gruppe bedrohten und attackierten Aktivisten aufzuklären und der Großteil der Gesellschaft mit Ignoranz reagiert (Opens in a new window), macht Andrius sich daran, den Mörder seines Freundes auf eigene Faust zu finden. Mit erheblichen Folgen...

Andrius (Robertas Petraitis) findet die Leiche // © Cinemien
Andrius (Robertas Petraitis) findet die Leiche // © Cinemien

Was wie der Teaser einer True-Crime-Podcast-Folge klingt, ist die Synopsis zu THE ACTIVIST, dem nach THE LAWYER (2020) und THE WRITER (2023) dritten Spielfilm des schwulen Regisseurs Romas Zabarauskas über die Lage queerer Personen in Litauen. Wie bereits in vorhergehenden Filmen lässt er eigene Eindrücke und Erfahrungen einfließen. Selbst LGBTQI*-Aktivist (gewesen), kann er hier natürlich in die Vollen gehen.

Was er gemeinsam mit seinen Co-Autor*innen Marc David Jacobs und Vitalija Lapina auch mustergültig, spannend, elegant, teils brutal und immer fokussiert – trotz diverser Nebenhandlungsstränge, die sich allerdings bestens ins Gesamtkonzept fügen – auch gemächlich macht. Gemächlich bedeutet nun mitnichten langweilig. Eher ist THE ACTIVIST, der heute im Kino startet, ein Queer-Noir-Slow-Burn, der mit nicht wenigen Wendungen und einer Menge Thrill und Sexiness aufwartet.

Kommen sich näher: THE ACTIVISTs Bernardas (Vaslov Gloom) und Andrius // © Cinemien
Kommen sich näher: THE ACTIVISTs Bernardas (Vaslov Gloom) und Andrius // © Cinemien

Andrius lässt sich von ebenfalls in der Rainbow-Gruppe engagierten Jonas (Simas Kuliesius) dabei unterstützen, den Mörder ausfindig zu machen. Beispielsweise durch Krafttraining (ein Kampfsport-Crashkurs wäre auch hilfreich, aber sei’s drum). Denn Andrius hat vor, sich in die Szene der Nationalisten und Nazis zu begeben, um dort als Schädel-rasierter Maulwurf nach der Wahrheit zu graben.

Das geht zwar schneller als gedacht, stellt ihn aber vor neue, moralische wie emotionale, Probleme. So bändelt er mit dem Nachfolger Deividas, Bernardas (Vaslov Gloom), an, der keinen Mehrwert in den Nachforschungen sieht. Dafür aber Hindernisse für den geplanten Pride March in Kaunas. Dieser muss noch von der Stadtverwaltung genehmigt werden, was auch in der zweitgrößten Stadt Litauens aus Angst vor Protesten und einigem Widerwillen ein großes Problem darstellt.

Proteste ohne Ende // © Cinemien
Proteste ohne Ende // © Cinemien

Zwar ist in dem südlichsten der drei baltischen Staaten (Estland, Lettland, Litauen) Homosexualität seit 1993 entkriminalisiert und somit legal (Opens in a new window). Doch stößt sie neben einiger... loser Akzeptanz ebenso auf viele Probleme, ist in der überwiegend römisch-katholisch geprägten Region (mit bewegter jüdischer Geschichte, btw) ein fortdauerndes Konfliktthema. Gewalt – verbal wie physisch – mit eingeschlossen (Opens in a new window). Sonst bringen Hass und Ablehnung ja auch keine Freu(n)de (Opens in a new window).

“Ich komme aus Osteuropa, und meine Generation hat erlebt, dass Fortschritt möglich ist. Das ist sowohl unsere Erfahrung als auch eine intellektuelle Haltung: In einer Welt voller Fake News zählt die Wahrheit und darf nicht als überholtes Konzept abgetan werden. Dass Dinge komplex sind, darf unseren Auftrag, wahrhaftiger und gerechter zu sein, nicht in den Hintergrund rücken.“ - Auteur Romas Zabarauskas

In diesem Zusammenhang interessant, dass im neuen Film von Zabarauskas, ein scheinbar sehr radikalisierter und gewaltbereiter Neonazi zum ver- oder gewandelten Andrius, nun als „Robertas“ unterwegs, sagt, dass in ihrer Truppe, keiner so heldenhaft sei, für eine Schwuchtel in den Knast zu gehen. Gar ist er so, nun, sagen wir, „reflektiert“, zu sehen, dass sie wie unorganisierte Hooligans daherkämen, wohingegen die Homos eher einer gut strukturieren LGBT-Mafia glichen. Huzzah!

Geheimnisse haben sie alle in THE ACTIVIST... // © Cinemien
Geheimnisse haben sie alle in THE ACTIVIST... // © Cinemien

Wie die Macher*innen es fertigbringen, bei der recht knappen Laufzeit von neunzig Minuten neben der Haupthandlung quasi eine Milieu- bis Gesellschaftsstudie zu erzählen (Opens in a new window). Dass neben schwulen und lesbischen Personen auch bisexuelle und trans*Personen auftauchen, wundert weniger. Dass sie aber ebenso Profil bekommen wie die Hauptfigur und dabei nicht weniger problematisch sein können, fasziniert hingegen. Schuldgefühle, Ängste, Hoffnung, Zweifel, Radikalisierung, Korruption, … all dies Themen, die ausgehandelt werden. Dass darauf verzichtet wird, beim Dreh an Originalschauplätzen in Vilnius und Kaunas ein romantisiertes „Altstadt-Bild“ zu zeichnen, freut ebenfalls. Keine Drohnenaufnahmen, die wunderschön in die Stadt fliegen. Nein, ein schön seichter TV-Krimi (Opens in a new window) ist das sicher nicht.

https://www.youtube.com/watch?v=auVpQOgej4s&list=PL98FBCC7B5D5B7E17&index=2 (Opens in a new window)

Da ich es selbst nicht treffender ausdrücken könnte, als vom Regisseur selber gesagt, soll er über die Bilder von Narvydas Naujalis sprechen: „Visuell greift die Kameraarbeit klassische Elemente wie düstere Stadtpanoramen, Chiaroscuro-Beleuchtung und komplexe Mise-en-scènes auf, behält jedoch die Farbigkeit bei wobei Grün dominiert und die Dualität der menschlichen Natur symbolisiert.“

Das Spiel mit Lichtgebung und Perspektive ist darüber hinaus nicht weniger spannend und vielseitig, als die Geschichte (Opens in a new window) in THE ACTIVIST. Bei dem es sich um einen unbedingt empfehlenswerten, wichtigen, nicht zuletzt aufschlussreichen und hoffnungsvollen Film mit so attraktiven wie talentierten Darsteller*innen handelt.

AS

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THE ACTIVIST ist ab heute als Limited Release in einigen Kinos zu sehen (Opens in a new window); Laufzeit ca. 94 Minuten; FSK: 16; Sprache: Litauisch mit deutschen Untertiteln

https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/18b9c840-57d0-4e11-95e6-d242867b2466 (Opens in a new window)
Topic Film & Serie

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