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Europa erwärmt sich doppelt so schnell wie der Rest der Welt

Liebe Leserinnen und Leser,

der neue WMO/Copernicus-Bericht zeigt: 2025 war für Europa das wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen. Waldbrände, marine Hitzewellen, Gletscherverlust auf Rekordniveau. Und ein Kapitel, das zeigt, warum das nicht das Ende der Geschichte ist.

Der heutige Newsletter liefert die Fakten und den schnellen Überblick. Aber jetzt: Ran an die (bedrückenden) Fakten.

30 Grad am Polarkreis

Am 17. Juli 2025 maß die Wetterstation im norwegischen Frosta 34,9 Grad. Frosta liegt auf 63,4 Grad nördlicher Breite, ungefähr auf Höhe des Polarkreises. Die Hitzewelle, die Fennoskandinavien im Juli traf, dauerte 21 Tage. Normalerweise erlebt die Region zwei Tage pro Jahr mit starkem Hitzestress. 2025 waren es fast zwei Wochen am Stück.

Der WMO/Copernicus-Bericht „European State of the Climate 2025" dokumentiert dieses Ereignis als die längste und schwerste Hitzewelle, die jemals im subarktischen Europa gemessen wurde. Aber die Hitzewelle in Fennoskandinavien ist nur ein Eintrag in einem 173-Seiten-Bericht, der in fast jeder Kategorie Rekorde verzeichnet. Rund 100 Wissenschaftler haben 45 Datensätze ausgewertet.

Das Ergebnis ist der umfassendste Zustandsbericht, den es zum europäischen Klima je gab.

Die Kernzahl steht auf Seite 12: Europa erwärmt sich mit 0,56 Grad pro Jahrzehnt. Das ist mehr als doppelt so schnell wie der globale Durchschnitt von 0,27 Grad. Gegenüber dem vorindustriellen Niveau hat sich der Kontinent bereits um rund 2,5 Grad erwärmt. 2025 war für die WMO-Region Europa das wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen.

Meteorologe Özden Terli ordnete den Bericht im ZDF knapp ein (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre): Es sei ein Trugschluss zu glauben, die globale Erhitzung treffe nur andere. Europa sei ein Hotspot, mittendrin. Die 1,5-Grad-Marke werde laut Copernicus-Programm 2029 endgültig überschritten, die 2-Grad-Marke könnte bereits in den 2040er Jahren fallen. [Link auf Terlis LinkedIn-Post mit dem Studioausschnitt]

Quelle: C3S/ECMWF.
Quelle: C3S/ECMWF.

Die zweite Hitzewelle des Sommers traf Südeuropa im Juli und Anfang August. In der türkischen Stadt Silopi wurden am 25. Juli erstmals 50,5 Grad gemessen. Auf Zypern fiel der Juli-Rekord mit 44,7 Grad. In Griechenland waren geschätzt 85 Prozent der Bevölkerung von Temperaturen nahe oder über 40 Grad betroffen. Im August folgte die dritte Hitzewelle in Westeuropa, von Portugal über Spanien bis Frankreich.

Für den Kontinent insgesamt verzeichnete der Bericht einen Rekordtiefstand bei Kältestress-Tagen. 90 Prozent Europas erlebten weniger Frosttage als im Durchschnitt. Die Fläche, die winterliche Frostperioden kennt, schrumpft seit Jahrzehnten und war 2025 deutlich kleiner als der Referenzzeitraum 1961 bis 1990. Südlich der Alpen verschwinden zweiwöchige Frostperioden fast vollständig.

Eine Million Hektar

2025 war ein Rekordjahr für Waldbrände in Europa. 1.034.552 Hektar verbrannten, mehr als der bisherige Rekord von 2017 mit rund 988.500 Hektar. Die Brandsaison begann ungewöhnlich früh: Bereits im Februar brannten Teile Großbritanniens und Irlands. Im Sommer schufen die aufeinanderfolgenden Hitzewellen ideale Bedingungen für Großbrände auf der Iberischen Halbinsel.

Spanien und Portugal machten 65 Prozent der gesamten europäischen Brandfläche aus. In Zamora brannte mit 40.081 Hektar das größte einzelne Feuer, das Spanien seit Beginn der Aufzeichnungen 1968 verzeichnet hat. Bis Ende August hatten Spanien und Portugal Rekord-Brandflächen von 380.877 und 265.139 Hektar erreicht, jeweils das 4,6- und 3,7-Fache des langjährigen Durchschnitts.

Die Feueremissionen lagen europaweit auf dem höchsten Stand seit Beginn der CAMS-Aufzeichnungen 2003. Spanien stellte einen neuen Jahresrekord auf und trug allein rund die Hälfte der gesamten europäischen Feueremissionen bei. Aber die auffälligste Entwicklung betrifft Länder, die sich bisher nicht als Waldbrandregionen verstanden haben: Deutschland, die Niederlande und Großbritannien verzeichneten jeweils ihre höchsten Feueremissionen seit Aufzeichnungsbeginn.

Die Grafik zeigt die Verschiebung der Brandgebiete nach Norden auf einen Blick. Quelle: EFFIS/CEMS/C3S/ECMWF.
Die Grafik zeigt die Verschiebung der Brandgebiete nach Norden auf einen Blick. Quelle: EFFIS/CEMS/C3S/ECMWF.

Das IPCC hatte in seinem Sechsten Sachstandsbericht projiziert, dass neue Brandgebiete in West-, Mittel- und Nordeuropa entstehen werden. Diese Projektion hat sich 2025 in den Daten materialisiert.

Ozeane im Dauerstress

Die Meeresoberflächentemperatur der europäischen Gewässer erreichte zum vierten Mal in Folge einen Rekordwert: 10,94 Grad im Jahresdurchschnitt, 0,65 Grad über dem Mittel und nochmals 0,07 Grad höher als der bisherige Rekord von 2024. Seit 2021 steigt die jährliche Meeresoberflächentemperatur in der europäischen Region sprunghaft an, mit aufeinanderfolgenden Rekorden von 2022 bis 2025.

86 Prozent der europäischen Meeresregion erlebten mindestens eine Phase mit „starken" marinen Hitzewellen. Das ist ein Rekord. Für „schwere" oder „extreme" Bedingungen lag der Anteil bei 36 Prozent, ebenfalls ein Rekord. Das Mittelmeer war das dritte Jahr in Folge zu 100 Prozent von mindestens starken marinen Hitzewellen betroffen. Mehr als die Hälfte des Mittelmeers erlebte 2025 schwere oder extreme Bedingungen.

Was das konkret bedeutet, zeigt sich am deutlichsten in der Norwegischen See. Am 24. Juli erreichte die Wassertemperatur dort 15,5 Grad, 3 Grad über dem Durchschnitt. Das war der größte Tagesausschlag, der in dieser Meeresregion jemals in irgendeinem Monat gemessen wurde. An der norwegischen Küste kletterte das Wasser auf 19 Grad. Die marine Hitzewelle fiel zeitlich mit der Hitzewelle über Fennoskandinavien zusammen und hat diese wahrscheinlich verstärkt, weil warmes Meerwasser die Luft über dem Küstengebiet zusätzlich aufheizt.

Diese Grafik verknüpft die Ozean-Erwärmung direkt mit der Fennoskandinavien-Hitzewelle und macht den Mechanismus sichtbar. Quelle: C3S/ECMWF.
Diese Grafik verknüpft die Ozean-Erwärmung direkt mit der Fennoskandinavien-Hitzewelle und macht den Mechanismus sichtbar. Quelle: C3S/ECMWF.

Im Mittelmeer sind die Folgen für das Ökosystem bereits messbar. Die Seegrasart Posidonia oceanica, die rund 19.000 Quadratkilometer europäischer Küstengewässer bedeckt und als wichtigster mariner Lebensraum des Mittelmeers gilt, ist durch die wiederkehrenden marinen Hitzewellen akut bedroht.

Studien zeigen, dass Posidonia-Bestände bei fortschreitender Erwärmung bis 2050 massiv zurückgehen könnten. Seegraswiesen speichern CO₂, filtern Bakterien, stabilisieren Sedimente und dienen als Kinderstube für Fischpopulationen. Ihr Verlust wäre ein Kipppunkt für das gesamte mediterrane Ökosystem.

Die langsame Katastrophe

Die Veränderungen, die sich über Jahrzehnte aufbauen, stehen in den hinteren Kapiteln des Berichts. Die europäischen Schneedaten gehören dazu.

Im März 2025 war die schneebedeckte Fläche Europas 1,32 Millionen Quadratkilometer kleiner als der Durchschnitt. Das entspricht ungefähr der Fläche von Frankreich, Italien, Deutschland, der Schweiz und Österreich zusammen. Die Schneebedeckung am Saisonende war die drittgeringste im 42-jährigen Messrekord. Die Schneemasse lag 45 Prozent unter dem Durchschnitt, ebenfalls die drittgeringste je gemessene.

Das Grönländische Eisschild verlor 139 Gigatonnen Eis, das 1,5-Fache der gesamten Eismasse aller Alpengletscher. Gletscher in allen europäischen Regionen verloren Masse, das vierte Jahr in Folge, in dem weltweit sämtliche 19 Gletscherregionen Nettoverluste verzeichneten. Island traf es am härtesten mit einem Verlust von 1,55 Metern Wasseräquivalent, dem zweithöchsten jemals gemessenen. Global haben die Gletscher seit 1975 rund 9.580 Gigatonnen Eis verloren, das Äquivalent von 26,4 Millimetern Meeresspiegelanstieg.

Die Bodenfeuchte war 2025 eine der drei niedrigsten seit 1992. Der Abfluss lag in 70 Prozent der europäischen Flüsse unter dem Durchschnitt.

Die CO₂-Konzentration in der Atmosphäre war 2025 höher als zu jedem Zeitpunkt in mindestens zwei Millionen Jahren. Die Methan-Konzentration war höher als in 800.000 Jahren. Seit 2020 steigt CO₂ im Schnitt um 2,6 ppm pro Jahr. Erstmals lagen drei aufeinanderfolgende Jahre, 2023 bis 2025, über 1,5 Grad globaler Erwärmung gegenüber dem vorindustriellen Niveau. Wenn die Erwärmung im Tempo der letzten 30 Jahre weitergeht, könnte die 1,5-Grad-Schwelle als langfristiger Durchschnitt noch in diesem Jahrzehnt erreicht werden, mehr als ein Jahrzehnt früher als beim Pariser Abkommen prognostiziert.

Das achte Kapitel

Zwischen all diesen Rekorden steht Kapitel 8 des Berichts, überschrieben mit „Renewable energy resources". Es liest sich wie ein Text aus einem anderen Bericht.

46,4 Prozent der europäischen Stromerzeugung kamen 2025 aus erneuerbaren Quellen. Das ist fast identisch mit dem Rekordwert von 2024 und bedeutet: Zum zweiten Mal in Folge lieferten Erneuerbare mehr Strom als fossile Quellen in Europa. Solar erreichte mit 12,5 Prozent Anteil an der europäischen Stromerzeugung einen neuen Höchststand, nach 10,3 Prozent im Vorjahr. Ein Sprung von 2,2 Prozentpunkten in einem einzigen Jahr, getrieben durch 65 Gigawatt Solarzubau allein in der EU.

14 von 27 EU-Ländern erzeugten 2025 mehr Strom aus Wind und Solar als aus fossilen Quellen. Die Mehrheit.

Wind kam auf 18 Prozent, trotz unterdurchschnittlicher Windbedingungen über weiten Teilen Europas. In Teilen Süddeutschlands, um die Alpen herum und in Südosteuropa lag das Windpotenzial bis zu 25 Prozent unter dem Durchschnitt. Im Februar fiel das Windpotenzial in Nordwesteuropa sogar 32 Prozent unter den Durchschnitt, auf der Iberischen Halbinsel 48 Prozent. Trotzdem blieb der Windanteil an der Stromerzeugung nur 0,4 Prozentpunkte unter dem Vorjahr. Der Grund: 17 Gigawatt neuer Onshore-Windkapazität und 2 Gigawatt Offshore glichen die schwächeren Winde teilweise aus.

Dieser Befund ist wichtiger, als er auf den ersten Blick wirkt. Er zeigt, wie installierte Kapazität die Abhängigkeit von Wettervariabilität reduziert. In einem schlechten Windjahr liefert ein System mit mehr Turbinen immer noch annähernd so viel Strom wie ein kleineres System in einem guten Windjahr. Genau das ist der Mechanismus, auf den die Electrotech-Perspektive setzt: Kapazitätszubau schafft physische Fakten, die Wetterschwankungen absorbieren.

Gleichzeitig zeigt der Bericht einen interessanten Kontrast zwischen Nordwest-/Zentraleuropa und der Iberischen Halbinsel. Deutschland, Frankreich, die Niederlande und Großbritannien hatten 2025 überdurchschnittliches Solarpotenzial, bis zu 10 Prozent über dem Mittel. Spanien und Portugal dagegen unterdurchschnittliches Solarpotenzial, weil es dort wolkiger war als üblich. Großbritannien erlebte sein sonnigstes Jahr seit Aufzeichnungsbeginn. Die Ironie, dass der Norden 2025 mehr Sonne hatte als der Süden, zeigt, warum ein europäisch vernetztes Stromsystem so wichtig ist.

Was der Bericht zwischen den Zeilen sagt

Ein Klimabericht, der neben Hitzewellen und Gletscherverlust ein ganzes Kapitel über erneuerbare Stromerzeugung enthält, trifft eine redaktionelle Entscheidung. Er sagt: Diese Daten gehören zusammen. Die Erderwärmung und die Antwort darauf sind nicht zwei getrennte Geschichten.

Die 46,4 Prozent Erneuerbaren-Anteil und die 12,5 Prozent Solar sind die Gegenerzählung zu den Rekorden in den anderen Kapiteln. Sie zeigen, dass sich die Stromerzeugung in Europa bereits transformiert, schneller, als die meisten politischen Debatten vermuten lassen. Aber der Bericht zeigt auch, wie weit der Weg noch ist. Der Stromsektor ist nur ein Teil des Energiesystems. Wärme, Verkehr, Industrie müssen folgen. Jedes Jahr ohne beschleunigte Elektrifizierung in diesen Sektoren ist ein Jahr, in dem die Rekorde in den anderen Kapiteln weiterlaufen.

Wer den vollständigen Bericht lesen möchte:

https://library.wmo.int/viewer/69848/download?file=Europe-State-Climate-2025_en.pdf&type=pdf&navigator=1 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Zusammenfassung zum Weiterleiten:

Europa ist der Kontinent, der sich am schnellsten erwärmt: 0,56 Grad pro Jahrzehnt, doppelt so schnell wie der globale Schnitt. 2025 war das wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen. Über eine Million Hektar verbrannten, ein neuer Rekord. Die Meeresoberflächentemperatur war zum vierten Mal in Folge auf Rekordniveau. Die Schneebedeckung die drittgeringste in 42 Jahren. Erstmals lagen drei Jahre in Folge über 1,5 Grad globaler Erwärmung.

Gleichzeitig: 46,4 Prozent der europäischen Stromerzeugung aus Erneuerbaren, Solar mit neuem Rekordanteil von 12,5 Prozent, 14 von 27 EU-Ländern mit mehr Wind- und Solarstrom als fossilem Strom.

Quelle: C3S/ECMWF und WMO, European State of the Climate 2025.

In diesem Sinne wünsche ich einen schönen Feiertag!
Ihr Martin Jendrischik

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