
Kommentar von Redaktion free.fem.minds MAGAZIN
In der Politik, im Netz und sogar an Schulen – Anfeindungen gegenüber Frauen haben
im letzten Jahr stark zugenommen. Letztes Aufbäumen patriarchaler Systeme oder doch ein Symptom von zunehmendem Frauenhass?
Was weibliche Aktivistinnen seit Jahren berichten, konnten Beobachter:innen im Sommer 2025 auf großer, deutscher, politischer Bühne verfolgen. Die designierte Verfassungsrichterin Frauke Brosius-Gersdorf wurde vor aller Augen Opfer einer Diffamierungskampagne, die sie abtreibungsbefürwortende Aktivistin inszenieren sollte. Der kalkulierte Aufschrei, vor allem in den sozialen Medien folgte sofort. Am Ende trat Brosius-Gersdorf selbst von ihrer Nominierung zurück.
Einschüchterung und mediale Hetzkampagnen, das ist nicht neu, doch in seiner Intensität fällt auf, dass zuletzt immer wieder rechte Kräfte Frauen zum Schweigen zu bringen versuchen, die sich gegen konservative und rechte Ordnungen und für Frauenrechte, Gleichstellung und Selbstbestimmung aussprechen.
Was 2025 derart öffentlich wurde, kennen Gewaltschutz-Aktivistinnen seit Jahren. Hier sind es vor allem Väterrechtsverbände, die anfeinden, anzeigen oder den Frauen sogar zuhause auflauern. Auch hier kommt die Gefahr von rechts. Denn wer patriarchale Ordnungen und das Machtgefüge von Vater-Mutter-Kind im Land gefährdet, lebt selbst gefährlich. Betroffene berichten von zerstochenen Autoreifen als Warnungen. Viele ziehen sich aus der Öffentlichkeit zurück. Der Preis erscheint, wie auch bei Frauke Brosius-Gersdorf zu hoch.
Zuletzt berichteten immer wieder (vor allem weibliche) Lehrkräfte von zunehmender Hetze. Wer sich als Lehrkraft etwa offen gegen die AFD, gegen Rassismus oder für die Wahrung von Menschenrechten für die Bevölkerung in Gaza einsetzte, wurde bei Schulleitungen und Ministerium gemeldet. Eine gemeinsame Recherche von ZDF Magazin Royal und Krautreporter zeigt, wie Lehrer:innen systematisch eingeschüchtert wurden. Sie deckten die Einrichtung rechter Meldeportale für Lehrpersonen auf, zudem wurden verstärkt Dienstaufsichtsbeschwerden eingereicht wegen angeblich fehlender Neutralität. Das gipfelte sogar in Landtagsanfragen als Druckmittel gegen die einzelnen Lehrkräfte.
Wenn Rechte auf Neutralität in Politik, in der Justiz und an Schulen bestehen, dann meinen sie damit nicht die Verteidigung der Menschenwürde oder anderer Rechtsordnungen im Land, sondern fordern den Erhalt bestehender patriarchaler und Konservativer Ordnungen ein.
Wer genauer verstehen will, wen diese Kräfte warum angreifen, der muss hinsehen und lernen, wie das sogenannte Patriarchat funktioniert und warum es Feminismus, Antirassismus und den Abbau konservativer Ordnungen fürchtet. Das Patriarchat sind nicht die Männer. Es sind noch nicht einmal nur Ordnungen für Männer. Vielmehr steht das Patriarchat für tradierte Systeme, in denen Kapitalismus und Maskulismus tief verwurzelte Vorteile haben. Übrigens nicht nur monetär, sondern auch in Sachen Rechte, Glaubwürdigkeit, Dominanz. Es geht um Kräfteverteilung und es geht ums Geld. Nicht immer sind es in den Systemen übrigens Männer, die gegen Frauen agieren. Gerade im Schulsystem und in der Gewaltschutzarbeit sind es oft Frauen, die andere Frauen anfeinden und melden, berichten Betroffene. Denn nicht automatisch sind Frauen immer feministisch.
Die systematischen Kampagnen gegen Frauen und andere Gruppen sind besonders im Netz besorgniserregend. Die Bandbreite der Gewalt reicht hier von Cyberstalking und -mobbing bis hin zu deep fakes und bedrohlicher Kontaktaufnahme. Zuletzt zog sich die Journalistin und Fernsehmoderatorin Dunja Hayali zeitweise aus der Öffentlichkeit zurück, nachdem Kritik gegen sie in strafrechtlich relevante Bedrohungen übergegangen war.
Betroffene ziehen sich immer häufiger aus Selbstschutzgründen aus der Öffentlichkeit zurück, um sich, ihre Familien und ihr Privatleben zu schützen. Die Entwicklung, Stimmen erfolgreich einschränken zu können, sollte uns allen Sorgen bereiten.