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#14 Unsichtbar, verhasst und nackt 

Liebe Leser:innen,

Ich boykottiere diese Fußball-WM in den USA aus diversen Gründen. Das kann man im weltpolitischen Zusammenhang gerne nutzlos finden, meinem persönlichen Seelenheil tut es gut. Und das ist ja auch etwas. Nichtsdestotrotz blieb ich unlängst ein paar Minuten auf Servus TV hängen, als gerade das Spiel Österreich gegen Spanien in der Halbzeit pausierte. Ein Studio voller Männer sprang mir vom Bildschirm entgegen. Frauen waren leider wieder mal aus. Auch 2026 gilt es immer noch als normal, dass offenbar nur ein Geschlecht befähigt sein soll, etwas Sinnvolles über Fußball zu sagen. 

So dürften es jedenfalls viele empfinden, sieht man sich die Reaktionen auf die deutsche Fußball-Kommentatorin Claudia Neumann an. Seit Jahren wird sie mit Hass und Häme überschüttet und ihr jegliche Kompetenz in ihrem Beruf abgesprochen. Das kann man auch dieser Tage im Zuge des “WM-Fiebers” (ja, die Symptome ähneln einer Krankheit) wieder beobachten. “Aber sie ist halt einfach nicht gut”, entschuldigen viele die Hetzerei gegen Neumann. Fakt ist jedoch, dass kein männlicher Kommentator auf diese Weise beschimpft wird - egal welchen Unsinn er von sich gibt. Qualität und Intensität der Beleidigungen gestalten sich gegenüber Frauen tatsächlich in einer ganz anderen Dimension, meist gespickt mit sexualisierten Übergriffen.

Natürlich werden auch Männer online beflegelt oder geraten miteinander in Streit. Was sich Frauen gefallen lassen müssen, können sich die meisten Männer allerdings nicht einmal ausmalen. Das führt auch die geschätzte Kollegin Ingrid Brodnig (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) in ihrem Buch “Feindbild Frau” anschaulich aus. Wenngleich es dort hauptsächlich um Politikerinnen geht, die Dynamik ist die gleiche.

Man bekommt den Eindruck, dass es vielen nach wie vor am liebsten wäre, Frauen würden in Medien und auf Social Media erst gar nicht den Mund aufmachen. Tun sie es doch, müssen sie von vornherein einkalkulieren, dass Unter- und Angriffe die Folge sein werden. Das kann je nach Plattform im Ausmaß variieren, die Gefahr besteht aber immer.

Sei hübsch und schweig

Gleichzeitig bestätigt sich in einer aktuellen Studie der Agentur Media Affairs erneut eine dramatische Schieflage in der medialen Repräsentation der Geschlechter. Noch immer kommen Frauen deutlich seltener (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) vor als Männer. Vor allem in den Bereichen Wirtschaft, Politik, Sport und Technik sind die Unterschiede extrem. Hier verschlechtert sich die Situation sogar wieder und Männer dominieren mit einer Sichtbarkeit um die 80 Prozent und mehr. Die Studie, die im Auftrag des Vereins FELIN (Female Leaders Initiative) durchgeführt wurde, bezieht sich zwar auf steirische Nachrichtenmedien, die Situation ist laut Studienleiterin Maria Pernegger jedoch auch österreichweit (und vermutlich darüber hinaus) nicht besser. 

Dem gegenüber stehen einzelne Bereiche, in denen Frauen die Nase vorne haben und das macht die mediale Verzerrung gleich noch schlimmer. Überrepräsentiert sind sie nämlich nur dann, wenn sie besonders stereotype Klischees erfüllen: Als Pin-up, also nackt. Als Model. Als Schönheit. Und, was besonders bitter ist: als Opfer (womit sich der Kreis zu männlicher Gewalt ein weiteres Mal schließt). Das Muster ist klar: Schweig und sieh dabei hübsch aus. Machtpositionen, die mit Geld und Einfluss verbunden sind: Fehlanzeige. Darin werden Frauen noch immer kaum gesehen bzw. hergezeigt. 

Ich muss zugeben, dass selbst mich die Ergebnisse negativ überrascht haben. Obwohl ich mich seit Jahren kritisch mit der Thematik befasse, hätte ich auf eine deutlichere Verbesserung gehofft. Medien bilden Realität ab bzw. sollten sie das. Und gleichzeitig wirken sie daran mit, gesellschaftliche Vorstellungen zu prägen. Entsprechend groß muss man auch ihre Verantwortung bewerten. Redaktionen, in denen noch immer das Gespür für Ausgewogenheit fehlt, müssen sich also den Vorwurf gefallen lassen, entweder naiv gedankenlos oder mutwillig rückschrittlich zu agieren. Entschuldbar ist keines der beiden Szenarios. 

Männer in Machtpositionen

Verwunderlich ist es allerdings leider auch nicht, wenn man sich ansieht, wie die meisten Medienhäuser geführt werden. In den Geschäftsführungen österreichischer Medien findet man Frauen nur, wenn man mit der Lupe und bei gutem Tageslicht sucht. In den Chefredaktionen ist die Situation ein wenig besser, aber weit entfernt von berauschend. Parallel gibt es weltweit Backlash-Wellen. In großen Techkonzernen, die die gängigsten Social-Media-Plattformen betreiben, werden Diversity-Budgets gekürzt oder ganz abgeschafft. 

All das geschieht nicht zufällig. Reaktionäre Kräfte tragen ihre ideologischen Kulturkämpfe aus, um die öffentliche Meinung zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Gendern wird zum Todfeind erklärt und teils sogar verboten. Jegliche Rücksichtnahme auf Minderheiten oder Geschlechterparität wird ins Lächerliche gezogen oder aktiv bekämpft. In dieser Gemengelage geraten Frauen erneut ins Kreuzfeuer und müssen darum fürchten, erlangte Rechte und Freiheiten wieder zu verlieren. 

Kein Zurück mehr

Das Gute aber ist: Frauen lassen sich nicht einfach so unterkriegen und geben sich nicht mehr mit Brotkrümeln zufrieden. Sie wehren sich und widersetzen sich. Mögen bestimmte Kreise noch so hart daran arbeiten, gut die Hälfte der Menschheit aus der Öffentlichkeit zu verdrängen, sie unsichtbar und stumm zu machen - der Plan wird nicht aufgehen. Auch wenn der ewige Kampf um Gleichberechtigung ermüdend ist und Rückschläge frustrierend sind: Die Zeit wird nicht mehr zurückgedreht. Der Finger wird jetzt in die Wunde gelegt. Die Missstände werden benannt.

Frauen schweigen nicht mehr, sie sind laut, sie gehen Risiken ein und sie beweisen sich Tag für Tag in jedem Beruf, in jeder Position und in jeder Aufgabe. Sie kommentieren Fußball, weil sie es können. Sie werden Bundeskanzlerin, weil sie es können. Sie fliegen ins All, weil sie es können. Wenn man sie kleinhalten will, dann werden sie dagegen aufstehen - weil es notwendig ist. 

In diesem Sinne, alles Liebe.
Wir dominieren die Schlagzeilen!

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