
Ach ja, das Eintrittsgeld für Venedig (hier als das Geld im Juni am Bahnhof eingetrieben wurde, von September bis Dezember darf man Venedig als Tagestourist umsonst betreten) Habe mir darüber schon die Finger wund geschrieben, nachzulesen hier (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) und hier (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Hin und wieder bekommt man Unterstützung. Etwa vom obersten italienischen Datenschützer, der die Stadt Venedig dazu verurteilt (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), eine Strafe von 10 000 Euro zu bezahlen - die sich auf 20 000 Euro erhöht hätte, falls die Stadt nicht kooperiert hätte. (wobei ich nicht weiß, wie diese “Kooperation” ausgesehen hat).
Wie wir Venezianer stets kritisch bemerkt haben, wird der Einsatz des Eintrittsgeldes ja damit gerechtfertigt, ein Instrument gegen den Overtourism darzustellen. Indes ist damit keinerlei Beschränkung der Besucherzahl verbunden, also dass etwa nicht mehr als 100 000 (oder ähnlich) Besucher täglich als vertretbar für die Erhaltung der Stadt angesehen werden.
Folglich hat das Eintrittsgeld keinen anderen Zweck, als damit Kasse zu machen. “Die Festlegung einer Tageshöchstgrenze wurde weder in der ersten Testphase, noch für 2025 vorgenommen”, steht in dem Urteil, und dass die “massive Erhebung personenbezogener Daten und Informationen über die Bewegungen der betroffenen Personen nicht nur unnötig ist, sondern auch in keinem Verhältnis zu den vorgegebenen Zwecken steht.”
Mal abgesehen davon, dass es die Venezianer sind, die diese (lächerliche) Strafe bezahlen müssen, stellt sich die Frage, welche Auswirkung eine solche “Strafe” von 10 000 Euro auf die Entscheidungen des Bürgermeisters haben kann, der mit dem Eintrittsgeld in diesem Jahr 5,4 Millionen Euro eingenommen hat. Die, wir können es nicht genug wiederholen, keineswegs dem Erhalt maroder Brücken Venedigs dienen, sondern vor allem dem Festland, mit dem sich die Stadt Venedig in einer Zwangsehe befindet. Was sich, wenn wir das Bild der Zwangsehe strapazieren wollen, so auswirkt, dass das schwache Venedig gegen Entgelt zum Missbrauch bereitgestellt wird - von dem vor Stärke strotzenden und übergriffigen Festland, das sich von diesem Geldregen einen Ferrari leistet. (In diesem Fall ein Sportstadion auf dem Festland, das vor allem der bürgermeistereigenen Basketballmanschaft zugute kommen wird).
Leider, leider haben die meisten Medien diese Fake News, derzufolge das Eintrittsgeld die Besucherzahlen beschränken solle, in die Welt geblasen. Dagegen anzukämpfen ist so erfolgversprechend wie der Versuch, Zahnpasta wieder in die Tube zu drücken.
Gemerkt habe ich das wieder bei dieser ZDF-Doku über den Overtourism (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), mit Stationen in Hotpoints wie Barcelona, Mallorca, der Zugspitze und natürlich Venedig, bei der ich auch ein Statement abgeben durfte.
Als Journalistin kenne ich die gute journalistische Absicht, „alle Seiten zu Wort kommen zu lassen“. Allerdings wirkt sich das, wie man am Interview mit dem Stadtrat Sebastiano Costalonga sieht, so aus, dass die Propaganda zum Eintrittsgeld unwidersprochen verbreitet werden konnte, und eine Venedigbesucherin (damit auch wirklich alle zu Wort kommen dürfen) ganz naiv sagt, wie sinnvoll sie diese Maßnahme zum Erhalt von Venedig findet. Der Zuschauer zieht am Ende daraus keinen anderen Schluss als „Es-könnte-so-sein-aber-auch-so-sein“. Es wäre aber unsere Aufgabe als Journalisten zu erklären, dass dem so nicht ist.

Und die Kreuzfahrtschiffe sind keineswegs aus der Lagune verbannt, wie in dem Beitrag behauptet (Minute 18:39), sondern fahren nach wie vor in die Lagune ein, die größeren unter ihnen müssen nur einen anderen Weg nehmen.
Die Fake News von den „verbannten Kreuzfahrtschiffen“ (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)geistert tatsächlich seit 2021 durch die Medien, seitdem der italienische Kulturminister sie in die Welt gesetzt hat und sie überdies von der Unesco-Direktorin weiterverbreitet wurde: Beide waren nicht in der Lage, zwischen dem Markusbecken und der Lagune zu unterscheiden.
In diesem Jahr ist das Geschäft mit den Kreuzfahrtschiffen besonders gut gelaufen: 644 000 Passagiere, was die Erwartungen übertroffen hat. Einige der Riesenschiffe, die jetzt ja nicht mehr über den Giudecca-Kanal einfahren dürfen und deren Reedereien es nicht so toll finden, im Industriehafen von Marghera und Fusina anlegen zu müssen, steuern jetzt in Triest an (wer will, wird im Bus nach Venedig gekarrt). Die New York Times berichtete darüber, wie Triest jetzt überrannt (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) wird. Lustig finde ich, wie der Bürgermeister von Triest erst seine Solidarität mit Venedig, dieser ach so fragilen Stadt, ausdrückt und gleichzeitig klarmacht, dass Triest ja viel robuster sei - folglich: Kommt alle nach Triest!

Es wird ja in der Welt praktisch über nichts anderes so sehr geklagt, wie über die Migration. Klimawandel, Mafia, Umweltzerstörung - alles kein Problem. Aber die Migranten! Meloni ist dabei natürlich keine Ausnahme. Gleichzeitig würde Italiens Wirtschaft zusammenbrechen, gäbe es keine ausländischen Arbeitnehmer - die für Hungerlöhne arbeiten: Derzeit läuft in Venedig aller Stille ein Prozess gegen zahlreiche Führungskräfte von Fincantieri (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), einem staatlichen Giganten, der in Marghera massiv Arbeitskräfte von Subunternehmern einsetzt, überwiegend bangladeschische Einwanderer, die mit diesem System zwischen fünf und sieben Euro pro Stunde verdienen. Unter anderem für den Bau luxuriöser Kreuzfahrtschiffe.
Il Fatto Quotidiano berichtete in einem sehr informativen Artikel über die Doppelmoral (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)der Regierung Meloni: Keine Regierung vor ihr hat so viele ausländische Arbeitnehmer ins Land gelassen wie Giorgia Meloni: Bis 2028 werden fast eine Million ausländische Arbeitnehmer ganz legal mit Arbeitsverträgen nach Italien gekommen sein - um den Anforderungen großer und kleiner Unternehmen, Handwerkern und Landwirten gerecht zu werden, kurz: der Wählerbasis der Mitte-Rechts-Koalition. Aus Bangladesh, aus dem Sudan, aus Libyen, Äthiopien - aber auch aus dem Nahen Osten, aus Osteuropa, sogar aus Südamerika.
Im Vergleich dazu kamen in den Jahren der Regierung Conte (sowohl in der Koalition mit der Lega als auch in der mit dem Partito Democratico) nur rund 30 000 ausländische Arbeitnehmer ins Land, noch weniger kamen in den Jahren der Regierung Letta oder Renzi.
Nun könnte man sagen: Was soll schlecht daran sein, ausländische Arbeitnehmer ins Land zu lassen? Schließlich wird so der Wirtschaft und den Menschen geholfen, und das ganz legal. Das Problem dabei ist, dass wir uns in einem Land befinden, in dem die Mafia seit Jahrzehnten an den Migrantenströmen verdient: Von zehn Arbeitnehmern, die legal ins Land kommen, erhalten nur fünf einen Arbeitsvertrag, der den gesetzlichen Bestimmungen entspricht. Alle anderen arbeiten für Hungerlöhne. Mit denen sie obendrein noch die Kosten für die Schlepper abarbeiten müssen, denn die sind es, die letztlich die Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte in den Herkunftsländern organisieren.
Auf dem Festland rund um Venedig lebt inzwischen eine große Gemeinschaft von Bangladeschern, die zweitgrößte nach den Rumänen.
Über das Geschäft der mafiosen Schlepper mit den Migranten habe ich einen Roman geschrieben: “Bei aller Liebe” (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) (Ja, sorry, etwas Eigen-PR muss auch erlaubt sein.)
Trump tönte ja nach dem Mord an Kirk, dass “die radikale Linke” an dem Mord schuld seien. Schon bald nach der Festnahme sollte dieses Narrativ aber zusammenbrechen, weil der Attentäter vermutlich den rechtsextremen Groypers (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) nahestand, die Kirk für einen Verräter halten, der verhindere, dass eine viel extremere Version des Trumpismus Fuß fassen könne.
Aber weil die Wahrheit in unseren Zeiten die geringste Rolle spielt, betrachtet sich auch Giorgia Meloni als mögliches Opfer von radikalen Linken und sieht eine neue “Bleierne Zeit” heraufziehen, sofort wurde ein ganzes Dossier angelegt (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), über vermeintliche rechte Opfer von vermeintlichem linken Hass, damit die Fanbasis der Rechten weiß, wie sie in den Socials reagieren soll.
Allerdings werden sich einige unter uns, die entweder alt oder informiert genug sind, daran erinnern, wie es den Rechten in Italien während der “Bleiernen Zeit” gelungen ist, rechte Attentate den Linken in die Schuhe zu schieben, - um damit den Lauf der italienischen Geschichte zu bestimmen. Bis zum heutigen Tag.
Aber jetzt zurück zu den Sonnenseiten Venedigs. Die gibt es ja auch. Letzten Sonntag hatte ich wieder das Vergnügen, von der Terrasse des deutschen Studienzentrums die Regata Storica zu verfolgen. Ähem, also verfolgen ist jetzt vielleicht ein zu starkes Wort. Nicht nur, dass wir einen privilegierten Blick auf das Geschehen im Canal Grande hatten, es war auch schön, deutsche Freunde zu treffen. Und am besten gefällt es mir, die Boote anzusehen, wenn alles vorbei ist und sie nach Hause rudern, wie hier von der Accademia-Brücke.

Oder wie hier, im Markusbecken:
Und jetzt noch etwas in eigener Sache: Weil ich an einem neuen Buch arbeite, muss ich wieder zu dem zweiwöchentlichen Rhythmus von Reskis Republik zurückkehren. Ich hoffe, dass Sie mir dennoch gewogen bleiben!
Den Ehrenvenezianern möchte ich aber die Gelegenheit zu einem weiteren “Reskis Room” geben, also zu einem kleinen, hoffentlich feinen Online-Treffen. Dieses Mal möchte ich allerdings vorher ein Thema festlegen - und dazu ist Ihre Mitarbeit nötig: Welche Themen zu Venedig/Italien/Mafia brennen Ihnen vor allem auf den Nägeln? Schreiben Sie es mir bitte!
Herzlichst grüßt Sie aus Venedig, Ihre Petra Reski
Wenn Ihnen mein Newsletter gefällt, freue ich mich sehr über Weiterempfehlungen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) - und natürlich über neue Ehrenvenezianer!
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