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Über Hühner, Busenwunder und ein unschuldiges Opfer der Justiz

Jedes Mal, wenn ich am Vaporetto-Anleger stehe und Venedig verlasse, wird mir das Herz schwer. Besonders jetzt, wo ich zwischen Venedig und dem Ruhrgebiet pendele, weil sich meine Mutter im Krankenhaus befindet. Dazu nur so viel: Wenn man ins Krankenhaus kommt, sollte man gesund sein. Und vor allem nicht alt. Oder schwerhörig. Oder so gut wie blind. Und vielleicht dazu noch unter schrecklichen Schmerzen leiden. Also, für alle, die jung, gesund und schmerzfrei sind, ist das Krankenhaus ein idealer Ort!

Da ich normalerweise mit dem Zug fahre, ist mir dieses Kunstprojekt am Flughafen entgangen: Mit “Noahs Arche” (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), habe der belgische Konzeptkünstler Koen Vanmechelen eine “zeitgenössische Interpretation des ikonischen venezianischen Wasserbusses geliefert” entnehme ich der Info-Tafel: “Neben den Passagieren im hinteren Teil der Arche befinden sich auf dem überfüllten Boot Figuren, die den menschlichen Erfindergeist, das philosophische Denken und die Kraft der Veränderung symbolisieren, von Frida Kahlo und Albert Einstein bis hin zu Mahatma Gandhi und Mutter Teresa. Auf dem Dach der Arche befinden sich eine Vielzahl von Bäumen und Tieren. Diese fast ausgestorbenen Arten erinnern auf ergreifende Weise an die Auswirkungen des Zeitalters des Menschen.” (Unerreicht, diese Kunstkatalog-Prosa!)

Wie Wikipedia weiß, wurde nach dem Künstler Vanmechelen sogar ein kürzlich in Venedigs Kanälen entdeckter Flachwurm benannt - weil er (der Künstler, nicht der Wurm) sich durch seine Ausstellung “Nato a Venezia” (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) (in Venedig geboren) um die Tierwelt und um Venedig verdient gemacht habe, als er für er 2013 für seine Biennale-Ausstellung im Palazzo Loredan Küken schlüpfen ließ.

Ach, wenn den letzten Venezianer doch auch so viel Aufmerksamkeit entgegengebracht würde wie den im Palazzo Loredan geschlüpften Küken! (By the way: Wie sehr die Biennale dazu beiträgt, die Venezianer aus ihrer eigenen Stadt zu verdrängen, ist hier nachzulesen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).)

Dass sich Venedig mehr und mehr zum Erlebnispark für Milliardäre und Großunternehmen entwickelt, ist den Lesern von Reskis Republik bekannt. Was Bulgari (Dogenpalast zwei Abende lang für eine Werbeveranstaltung gemietet), Yves Saint Laurent (Modenschau auf der Insel Certosa) oder Dolce&Gabbana (Markusplatz als Laufsteg (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), Modenschauen im Arsenale und in der Scuola Grande di San Rocco) recht war, soll mir billig sein, dachte Amazon-Chef Jeff Bezos. So gesehen ist seine geplante Hochzeit mit dem Busenwunder Lauren Sanchez (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) in Venedig keine Überraschung: Erwartet würden 250 Gäste, die fünf führenden Luxushotels und die gesamte Wassertaxiflotte (450 Wassertaxis - versuchen Sie bitte mal sich den von ihnen ausgelösten Wellengang vorzustellen) seien gebucht worden, und wo die Trauung stattfinden werde, sei noch geheim, weiß der Corriere della Sera (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Wir sterben vor Neugier!

„Diese Veranstaltung wird für unsere Region wirtschaftliche Auswirkungen in Millionenhöhe haben”, kommentiert Bürgermeister Brugnaro: "Venedig wird als Ort wahrgenommen, an dem man sich aufhalten und treffen kann”. Überraschung!! Man kann sich in Venedig aufhalten und sogar treffen! Wer hätte das gedacht! Laut Corriere (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) hofft Brugnaro vor allem darauf, den Chef von Amazon zu treffen (“ihn zu ködern“, um es mit den gewählten Worten des Bürgermeisters zu sagen), um für die Stadt und ihre Bedürfnisse in der Welt zu werben.

Ich denke, dass einer, der zu Trumps Lakaien gehört, der 450 Wassertaxis und die führenden Luxushotels einer Stadt für seine Hochzeit braucht, vielleicht nicht unbedingt der richtige Botschafter für Venedigs Bedürfnisse ist. Aber vielleicht irre ich mich. Weil es Hohn und Spott und Kritik hagelte, sah sich Brugnaro genötigt, sich wie ein Mann vor Bezos Hochzeit zu werfen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre): Nein, nicht 250 Gäste würden erwartet, sondern nur 200.

Wer sich auf dem Markusplatz nicht treffen darf, sind die Venezianer. Ihnen ist es seit 2009 verboten, sich auf dem Markusplatz zu versammeln (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) oder dort Veranstaltungen abzuhalten - es sei denn kommerzieller Natur, wie Konzerte. Dabei war die Piazza San Marco stets die Seele der Stadt, heute erinnern sich nur noch ältere Venezianer daran, hier den “Listòn” gemacht zu haben, über die Piazza promeniert zu sein, um hier Freunde zu treffen.

Wie es zu der “Entvenezianisierung” der Piazza San Marco gekommen ist, das versucht dieser dreizehn Minuten lange Dokumentarfilm zu beantworten (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), den ich allen ans Herz legen möchte, die des Italienischen mächtig sind. Seit 2019 ist beim Verwaltungsgericht eine Klage gegen das Verbot der Versammlung auf dem Markusplatz anhängig. Sicherheitsprobleme oder gar mögliche Schäden an den historischen Bauten können nicht der Grund für das Verbot sein, wenn hier ständig Veranstaltungen mit enormen Aufwand und Metallgerüsten abgehalten werden, darunter Monster-Bühnen für Popkonzerte mit Mega-Lautsprechern. “Wir haben es hier mit einer Enteignung zu tun. Wir hoffen, dass diese Entscheidung rückgängig gemacht werden kann und hoffen, dass der Dokumentarfilm der Anfang ist”, sagt einer der Initiatoren des Films. Für April wird eine Entscheidung des Gerichts erwartet.

Dass Geld das einzige ist, was Brugnaro bewegt, ist keine Überraschung. Vor allem nicht für uns, die wir uns 2020 im Wahlkampf gegen ihn engagiert haben. (Hier ein Bild von der furchtlosen Wahlkämpferin Reski, die auf dem Campo San Luca ahnungslosen Venezianern auflauerte, um ihnen ein Flugblatt in die Hand zu drücken und sie davon zu überzeugen, ihre Stimme der Bürgerinitiative Terra&Acqua (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) zu geben.)

Und deshalb hat es uns nicht überrascht zu erfahren, dass Brugnaro nicht die von ihm deklarierten 250 000 Euro, sondern 900 000 Euro für den Wahlkampf 2020 ausgegeben hat (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), als drei Mal so viel wie gesetzlich gestattet. Er hat seine Wähler auf dem Festland gekauft, mit Aperitivi in Pavillons, mit Luftballons etc. und natürlich mit Einladungen für all die Unternehmer, die seinen Basketballclub sponsern.

Angesichts der immer schwerer wiegenden Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft (die Oppositionsparteien verlangen seinen Rücktritt), sieht sich Brugnaro natürlich als Opfer der Justiz: (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) Die Ermittlungen seien nichts als „gegen mich gerichtete Verfolgungswut. Das Geld gehörte schließlich mir. Findet Ihr es normal, dass sie mich jahrelang verfolgt haben? Das ist keine ausgewogene Justiz.“

Am 3. April soll Brugnaro im Rathaus Stellung beziehen, zu der von ihm aufgestellten schwarzen Liste (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), zu den Wahlkampfgeldern und auch dazu, warum er plötzlich so schnell den städtischen Plan für nachhaltige Mobilität genehmigen möchte (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Der Plan sieht unter anderem ein Terminal für kommerzielle Busse im Gebiet von Pili vor, dem Gebiet, das von Brugnaro gekauft wurde, bevor er Bürgermeister wurde und das in die Korruptionsermittlung verwickelt ist, für die Brugnaro die Anklage riskiert.

Viel versprechen wir uns nicht von der Anhörung. Aber es ist schon als Sieg zu betrachten, ihn überhaupt zur Stellungnahme gezwungen zu haben. Brugnaro vermeidet es, einen Fuß ins Rathaus von Venedig zu setzen, er “regiert” aus der Ferne. Das letzte Mal wurde er im August 2024 im Rathaus gesehen, als er sich den Fragen der Opposition musste, da protestierten die Venezianer lautstark (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) vor und im Rathaus.

Ach. Wenn ich, so wie gestern, im Ruhrgebiet in der Eisdiele “Venezia” sitze, bekomme ich Heimweh.

Wie ich bereits (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) angekündigt habe, plane ich - insofern sich keine weiteren Katastrophen in den Weg werfen - für den 3. April 2025 ein Treffen in “Reskis Room”, dessen Zugang noch für alle frei sein wird. Vielleicht haben Sie ja Lust, dabei zu sein? Die Einladung zur Zoomkonferenz werde ich zwei Tage vorher versenden. Sie können mir schon im Vorfeld Fragen schicken.

Ansonsten hoffe ich auf das Licht am Horizont. So wie hier gesehen, an den Fondamente Nove:

Herzlichst grüßt Sie, Ihre Petra Reski

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