Das Schöne am Filmfest: Ich bin gezwungen, so früh aufzustehen (5.45 Uhr - um das 7.15-Uhr-Vaporetto nicht zu verpassen), dass ich den Zauber Venedigs morgens beim Rennen zum Vaporetto-Anleger praktisch allein genießen kann.

Und auf dem Lido, vor dem Palazzo del Cinema …

… haben die Fans ihre Plätze mit Schirmen gesichert. Einer ist sogar mit Medaillen und Pokalen angereist, die er seinen Stars überreicht: George Clooney sollte den größten Goldpokal bekommen, war aber wegen einer Nasennebenhöhlenentzündung gehandicapt - über den Zustand der Schleimhäute der anderen Stars wurden wir nicht informiert.
Und ja, ich habe jede Menge schöne Filme gesehen (darunter La Grazia (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) von Sorrentino, Jay Kelly (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) von Noah Baumbach) aber auch ein paar schauerliche (etwa “After the Hunt (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)” - mit Julia Roberts) - die bereits überall gewürdigt wurden (hier erste Besprechungen der ZEIT (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)). Mein Herz schlägt vor allem für die Outsider. (Übrigens: Wollen wir wetten, dass wieder ein Film gewinnt, den ich nicht gesehen habe oder aus dem ich rausgegangen bin?)

Richtig gut fand ich den französischen Wettbewerbsfilm mit dem Titel »À pied d’oeuvre (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)«, was so viel heißt wie "Bei der Arbeit” oder "am Werk", der von dem prekären Dasein eines freien Schriftstellers handelt, der sich mit Gelegenheitsarbeiten durchschlägt, um Zeit zum Schreiben zu haben. Der schönste Satz daraus, den ich hundertprozentig unterschreiben kann: «Einen Text fertigzustellen bedeutet nicht, veröffentlicht zu werden, veröffentlicht zu werden bedeutet nicht, gelesen zu werden, gelesen zu werden bedeutet nicht, geliebt zu werden, geliebt zu werden bedeutet nicht, erfolgreich zu sein, und Erfolg bietet keine Garantie für Glück.» Geschrieben hat ihn der französische Schriftsteller Franck Courtès (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), dessen autofiktionaler Roman diesen Film inspiriert hat.
Der andere Film lief außerhalb des Wettbewerbs: »My father and Qaddafi« ist ein Dokumentarfilm, den die Regisseurin Jihan K über das Verschwinden ihres Vaters Mansur Rashid Kikhia im Jahr 1993 gedreht hat. Er war Außenminister Libyens, Uno-Botschafter und Menschenrechtsanwalt - vor allem aber der im Exil lebende Anführer der Opposition gegen den libyschen Diktator Oberst Muammar al-Gaddafi.

Es ist ein sehr persönlicher, bewegender Film. Bei dem man auch etwas über die italienischen Faschisten in Libyen lernt, und über Libyen heute.
Und mit den Faschisten - wären wir bereits bei Giorgia Meloni angelangt, für die Mussolini ja auch ein guter Politiker (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) war. Die Süddeutsche Zeitung kündigte das Erscheinen ihrer Autobiografie mit den Worten “Hart rechts aber herzlich (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)” an. Nicht auszudenken, wenn der Ministerpräsident Meloni nicht nur rechts, sondern auch noch ruppig wäre.
Vier Jahre nach Erscheinen ist Melonis “Ich bin Giorgia” (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) nun auch in Deutschland zu lesen, worauf der bereits öfter als Meloni-Fanboy (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)aufgefallene SZ-Korrespondent wohl schon lange gewartet hat: “Meloni war, ist und bleibt bis auf Weiteres unangefochten die Nummer eins im rechten Lager, ihre Zustimmungswerte sind stabil und legen eher noch zu.”
Frauen werden ja oft unterschätzt, speziell wenn sie blond sind. Das weiß auch Giorgia Meloni, die dieses Bild sehr erfolgreich bedient, wie man an der Berichterstattung der SZ sehen kann.
In ihrer Autobiografie umreißen die Kapitelüberschriften ihre Programmatik: »Ich bin eine Frau / Ich bin eine Mutter / Ich bin rechts / Ich bin Christin / Ich bin Italienerin«.
Sie bedient das Underdog-Narrativ ihrer Kindheit mit alleinerziehender Mutter im römischen Arbeiterviertel Garbatella und hat auf den dreihundert Seiten ihres Buches nichts zum Faschismus zu sagen – was möglicherweise auch daran liegt, dass die »Brüder Italiens« von der aufgelösten Partei Alleanza Nazionale nicht nur die Rechte am Namen und am Logo übernommen haben, sondern auch das von der Stiftung Alleanza Nazionale verwaltete Vermögen. Von dem sie vor nicht allzulanger Zeit dem neofaschistischen Verein Acca Larentia, 30.000 Euro für den Kauf seines Sitzes (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)schenkte. Acca Larentia (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)ist für die italienischen Neofaschisten eine Art Wallfahrtsort.
Schön wäre es auch gewesen, wenn die SZ-Leser erfahren hätten, dass “die Außenseiterin” (SZ) keineswegs eine ist, sondern seit mehr als zwanzig Jahren zum rechten politischen Establishment Italiens gehört: Seit 2006 sitzt sie im Parlament - unter anderem als Berlusconis Ministerin für Jugend und Sport - und hat für alle Gesetze Berlusconis gestimmt. Berlusconis Vergangenheit als Mitglied der Geheimloge P2, seine privaten Interessen, die zu öffentlichen Interessen wurden, seine Ad-personam-Gesetze, seine Beziehungen zum Mafioso Vittorio Mangano (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)und seinem wegen Mafia-Unterstützung verurteilten Parteigründer Marcello Dell’Utri – (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)all das findet in Melonis Autobiografie nicht statt.
Dass sich hinter Melonis vermeintlicher Europafreundlichkeit und Ukraine-Unterstützung nichts anderes als die EU-Gelder verbergen, habe ich schon öfter erwähnt (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Vielleicht sollte auch mal daran erinnert werden, dass Meloni schon 2020, als sie zum National Prayer Breakfast eingeladen war, Donald Trump als Vorbild bezeichnet hat, woran sich wohl bis heute nichts geändert hat. Oder dass Steve Bannon, Trumps Chefberater, auf dem Parteifest von Melonis »Brüdern Italiens« als Star begrüßt wurde. Oder mit welchem Tweet Meloni 2018 Wladimir Putin zu seiner vierten Wahl zum Präsidenten der Russischen Föderation gratuliert hat: »Der Wille des Volkes bei diesen russischen Wahlen scheint eindeutig zu sein.«
In diesem Zusammenhang ist auch die gerade erfolgte Ernennung des neuen italienischen Botschafters in Moskau bemerkenswert, der so gute Beziehungen zu Moskau unterhält, dass er 2023 dafür bekannt wurde, als Diplomat und Berater von Innenminister Matteo Salvini 2018 die Mission einiger Lega-Politiker nach Moskau organisiert zu haben. Wo es, laut italienischen Journalisten um nichts Geringeres als um russische Gelder für die Lega (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) ging. Das führte nicht nur zu politischen Auseinandersetzungen, sondern auch zu Ermittlungen - die eingestellt werden mussten, weil Moskau nicht mit der Staatsanwaltschaft Mailand bei den internationalen Rechtshilfeersuchen kooperierte.
Aber das ist für die Meloni-Berichterstattung der SZ wahrscheinlich ein zu ernstes Thema. Viel lieber berichtet sie über Giorgia Meloni wie über ein Kind, das manchmal etwas über die Strenge schlägt, aber im Grunde ganz lustig ist. So heißt es über Melonis Ferien (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), dass sie, die “alleinerziehende Mutter einer Tochter”, mal kurz nach Albanien ausbüchste, um mit dem albanischen Ministerpräsidenten über Kleinigkeiten zu sprechen, etwa die Pleite mit dem Auffanglager für Migranten: “Das Projekt ist mittlerweile gebaut, will aber nicht so recht funktionieren, weil sich italienische und europäische Richter querstellen”, beklagt die SZ. Ach immer diese Richter! Vielleicht wäre es erwähnenswert, das sich die Richter “querstellen”, weil es dem über nationalem Recht stehenden EU-Recht widerspricht, demzufolge ein Herkunftsland nur dann als sicher eingestuft werden darf, wenn die Bedingungen dafür im gesamtem Hoheitsgebiet erfüllt sind?
Man fühlt mit Meloni richtig mit, wenn man liest: “der Apulienurlaub schrumpfte arg zusammen, dafür gab es aufregende Tage in Washington”. Na Gott sei Dank! “Da saß sie also zwischen dem mächtigsten Mann der westlichen Welt und dem deutschen Bundeskanzler und konnte sich an einigen Frotzeleien beteiligen.” Die Frotzeleien bestanden im Wesentlichen darin, zu sagen, dass Meloni nicht mit “ihrer Presse” sprechen will.
https://www.youtube.com/shorts/txt-ha5okq8 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)In Italien regte man sich darüber nicht sonderlich auf. Auch weil Melonis Regierung – direkt oder indirekt – praktisch die gesamte italienische Presse kontrolliert: die drei öffentlich-rechtlichen Sender der Rai und die drei privaten Sender von Mediaset, die Forza Italia unterstehen, Partner der Mitte-Rechts-Koalition. Und bei der gedruckten Presse sieht es nicht anders aus - bis auf wenige Ausnahmen (Il Fatto Quotidiano, Domani) sind alle auf Meloni-Linie: Il Giornale, Il Tempo und Libero gehören zur Gruppe von Antonio Angelucci (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), dem „König des privaten Gesundheitswesens” und (stets abwesenden) Abgeordneten der Lega. Dem Verlagshaus des römischen Immobilienunternehmers Francesco Gaetano Caltagirone (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), Anführer der sogenannten „Caltameloniani”, gehören Il Messaggero aus Rom, Il Mattino aus Neapel, Il Gazzettino aus Venedig, Il Corriere Adriatico und Nuovo Quotidiano di Puglia. Der Corriere della Sera gehört zur Gruppe von Urbano Cairo (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), einem Berlusconi-Klon. Repubblica und La Stampa werden von der Gedi-Gruppe herausgegeben, einst Fiat, und von dem Agnelli-Enkel John Elkann ganz in Fiat-Tradition geleitet, die darin besteht, sich niemals gegen eine italienische Regierung gestellt zu haben.
“Wenn die Ministerpräsidentin also nicht mit der Presse spricht, spricht sie nicht mit sich selbst”, schließt Giovanni Valentini (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) daraus, Autor einer Monografie über fünfzig Jahre Journalismus in Italien (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Lieber hier und da einen Tweet absetzen, fertig,
Meloni hat es mit ihrem Augenrollen, das in der SZ auch als superlustig dargestellt wird, sogar geschafft, dass mir Merz fast sympathisch wurde, als er ihr in die Parade fährt und Trump an einen notwendigen Waffenstillstand erinnert.
https://www.youtube.com/watch?v=BztQ0CC2g8A (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Was mich tröstet, sind die Leserkommentare unter den hagiographischen Meloni-Artikeln der SZ:
“Banal, wie gestern, eine Postfaschistin gut versteckt hinter den blonden Haaren, die den Männern und den Journalisten gefällt (man muss nur den Autor lesen). Wenn man die italienische Innenpolitik verfolgt, merkt man klar, dass Xenophobie das Thema ist, die Vermeidung der Strafverfolgung von sog. white collar Verbrechen (Bestechung, Korruption etc.) zentral ist, Kulturpolitik auf extrem rechts drehend verfolgt wird usw. Aber dies ist dem Autor in seiner Bewunderung entgangen (oder er passt sich dem neuen Kurs der SZ an).”
Ein anderer schreibt: “Ja ja Faschismus mit Herz”.
Unter den Unterzeichnern des offenes Briefs Venice4Palestine (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), Venice for Palestine, der, wie von Reskis Republik berichtet (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), von hunderten italienischer und internationaler Filmschaffender unterzeichnet (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) wurde, um gegen das andauernde Gemetzel im Gaza-Streifen zu protestieren - darunter Namen wie Abel Ferrara, Ken Loach, Marco Bellocchio, Toni Servillo, Matteo Garrone, Laura Morante, Margarethe von Trotta - sind viele, die das jetzt bereuen. Vor allem, weil sie nicht ahnen konnten, dass in ihrem Namen nun auch gefordert wurde, die beiden Schauspieler Gerard Butler (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) und Gal Gadot (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)vom Festival auszuschließen, weil sie „ideologisch und materiell das politische und militärische Vorgehen Israels“ unterstützten.
Nun kann man genau das den beiden nicht vorwerfen: Gal Gadot solidarisierte sich in der Folge des 7. Oktober 2023 mit ihrem Land und kämpfte für die Geiseln, wobei sie deren Verwandte traf, die Netanyahu gegenüber äußerst kritisch eingestellt sind. Und im Wahlkampf 2019 griff sie Netanjahu direkt an: „Wann zum Teufel werden wir endlich ein Regierungsmitglied vor den Kameras sagen hören, dass Israel das Land aller seiner Bürger ist, einschließlich der Araber?“ Butler hingegen wird vorgeworfen, 2016 und 2018 zusammen mit anderen Hollywood-Stars wie Schwarzenegger, De Niro und Larry King an Spendenaktionen für israelische Soldaten teilgenommen zu haben: Welche Verantwortung soll er für einen Vernichtungsfeldzug übernehmen, der sieben oder fünf Jahre später begann?
Die Schauspieler Laura Morante (“Es fängt an, eine Art Hexenjagd zu sein”) und Toni Servillo (“Ich lehne den Boykott israelischer Schauspieler ab”), Regisseure wie Roberto Andò (“Ich bin mit der Zensur nicht einverstanden”), Carlo Verdone (“Die haben mich da reingezogen”) und Ferzan Ozpetek - sie alle gingen auf Distanz zu dem offenen Brief. Gestern Nachmittag fand dann noch auf dem Lido ein Pro-Palestina-Protestzug statt - aber der Sache haben die Initiatoren von Venice4Palestine mehr geschadet als genutzt. Ein echtes Eigentor. Schade.

Für mich ist das Filmfest auch immer mit dieser wehmütigen Stimmung verbunden, wenn sich der Sommer seinem Ende zuneigt. Aber der Anblick der grünen Schirmpinie vor dem roten Pavillon und die Aussicht auf hoffentlich noch viele tolle Filme tröstet mich darüber hinweg.
Aus Venedig grüßt Sie herzlich, Ihre Petra Reski
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