
Nachdem in diesen Tagen bekannt wurde, dass Venedig (wieder mal) nicht auf die schwarze Liste des bedrohten Weltkulturerbes gesetzt wird, titelte der Corriere (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)": “Die Unesco rettet Venedig", Unterzeile: „Es gibt noch Probleme, aber es wurde viel getan”. Und schon standen mir wieder die Haare zu Berge. Denn eigentlich hätte die Schlagzeile lauten müssen: Die Unesco rettet den Bürgermeister, die italienische Regierung - vor allem aber sich selbst.
In Venedig ist das Unesco-Welterbekomitee schon lange zur Lachnummer (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) verkommen. Als die Inspektoren letzten Herbst gekommen sind, hat ihnen der Bürgermeister die Wunder des Flutsperrwerks Mose vorgeführt (an einem Tag, als das Meer spiegelglatt wie ein Silbertablett dalag) und einen Vormittag lang von 9 bis 12 Uhr zu einem Treffen mit “verschiedenen Vereinigungen” geladen. Nein, nicht mit den NGO's Venedigs, sondern mit dem Industrieverband, dem Handwerksverband, den Vereinigung der Hoteliers, der Gastronomen und natürlich mit den privaten Save-Venice-Komitees - und am Ende durften auch noch ein paar versprengte Bürgerinitiativen fünf Minuten lang ihre Bedenken zum Überleben von Venedig äußern.
Letztendlich schützt die Unesco schon lange nicht mehr das Weltkulturerbe, sondern ist zu einer touristischen Marketingabteilung verkommen. Lidia Fersuoch von Italia Nostra hat den Niedergang der Unesco hier (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) sehr schön beschrieben und stellt die entscheidende Frage: Wer schützt uns vor der Unesco? Einer Unesco, dank derer sich die venezianische Lagune nächstes Jahr in einen riesigen Hafen mit sieben (sieben!) Anlegeplätzen für Kreuzfahrtschiffe verwandeln wird? Mit Anlegeplätzen in: 1. Chioggia; 2. Fusina; 3. Marghera, Kai Liguria; 4. Marghera, Kai Lombardia; 5. Marghera, Nordkanal Nordufer 1. Anlegeplatz: 6. Marghera, Nordkanal Nordufer 2. Anlegeplatz: 7. Venedig, Marittima.
Das Ausbaggern des Kanals für Erdöltanker, dem größten Killer der Lagune, der geplante Aushub des stark verseuchten und teilweise zugeschütteten Kanals Vittorio Emanuele III, um die Schiffe wieder ins Herz Venedigs zu bringen, die Schaffung einer (durch Sondergesetze verbotenen) 70 Hektar großen Insel für den verseuchten Schlamm des Kanals Vittorio Emanuele? Alles kein Problem für die Unesco.
Um die Entscheidungen der Unesco zu verstehen, muss man wissen, dass das Unesco-Welterbekomitee aus zwei Teilen besteht: Auf der einen Seite die Beratungsgremien, also Experten für die Erhaltung von Kultur- und Naturgütern und Technikern, die Berichte schreiben, und andererseits dem WH Committee, dem politischen Teil, der alle Entscheidungen trifft und theoretisch aus Experten bestehen sollte, die als Vertreter der einzelnen Mitgliedsländer ausgewählt werden - tatsächlich aber aus Diplomaten der einzelnen Staaten besteht, die vor allem die Interessen der einzelnen Staaten schützen. Und die am Ende das letzte Wort haben.
Italien ist übrigens einer der größten Beitragszahler der Unesco. Die Million, die Bezos ihr gestiftet hat, war ein unnötiges Trinkgeld. Das fand auch die venezianische Satireseite Venice Goldon Awards und titelte (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre):“Die UNESCO will mehr: Die Million von Bezos und die von Brugnaro gespendeten Paläste reichen der Organisation nicht, sie verlangt auch ein monatliches Galadinner.”
Gestern habe ich mal wieder eine Tour durch die hier sehr glatt liegende Lagune gemacht, allerdings herrschte ein unfassbarer Gegenwind,

weshalb mich die Gischt komplett durchnässte (Bootfahren ist jedes Mal ein Abenteuer).

Aber was mich am meisten beeindruckt hat, war die Entdeckung Heiliger Ibisse mitten in der Lagune, genauer gesagt am Müllladeplatz des Lido.

Natürlich habe nicht ich sie identifiziert, sondern kluge Freunde in den Socials, darunter die Vogelbeobachterin Johanna Romberg (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Weshalb ich jetzt weiß, dass die Heiligen Ibisse, die eigentlich in Afrika heimisch sind, sich neuerdings nicht nur in der Poebene stark ausgebreitet haben, sondern auch in der Lagune angekommen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) sind. Der Heilige Ibis ist also eine invasive Art - und scheut auch nicht davor zurück, auf kleinere, unter Naturschutz stehende Vögel Jagd zu machen - was in Venedig wie ich gelernt habe, besonders für die beccapesci, die Brandseeschwalben (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), ein Problem sein kann: Ihre einzigen Brutplätze in Italien befinden sich in der Lagune. Die Heiligen Ibisse könnten sich bei der Beutejagd zur Konkurrenz der hier massenhaft verbreiteten (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Monster-Möwen entwickeln: Der gabbiano reale hat sich in Venedig auch erst seit dem Jahr 2000 ausgebreitet - und hier die besten Lebensbedingungen gefunden.

Jetzt warte ich darauf, dass die ersten Heiligen Ibisse auf dem Markusplatz auftauchen, um den Touristen die Pizza aus der Hand zu klauen!
Am Abend kam ich in den Genuss des Konzerts der Fenice auf dem Markusplatz (Geburtstagsgeschenk!): Cavalleria rusticana (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Ich versuche jetzt gar nicht erst, die hanebüchene Handlung (die besten Zusammenfassungen von Opernhandlungen finden Sie in Loriots Opernführer (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)!) zu erklären, nur so viel: Es geht um ein Eifersuchtsdrama in einem sizilianischen Dorf. Am Ende steht ein Duell. Das uns Wikipedia (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) so erklärt: “Turiddu erklärt seiner Mutter, er habe zu viel Wein getrunken und müsse an die frische Luft.” Aber egal. Ich lasse mich von Opernmusik leicht ergreifen. Das hier ist die Schlussszene, als die Prokuratien nach dem tödlichen Ausgangs des Duells in rotes Licht getaucht wurden:

Was ich allerdings sehr gewöhnungsbedürftig fand, war, dass auf den beiden Bildschirmen ständig Bilder vom Markusplatz eingeblendet wurden:

Weshalb man den Eindruck hatte, nicht in einer Oper, sondern in einer Werbeveranstaltung des venezianischen Tourismusbüros zu sitzen. Vielleicht kein falscher Eindruck.

Wie bereits erwähnt, erscheint mein Buch “All’italiana. Wie ich versuchte, Italienerin zu werden” am 14. November in Italien, bei Zolfo Editore, dem Verlag, in dem auch mein Venedigbuch auf Italienisch (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) erschienen ist. Jetzt ist auch der Titel geklärt: Es wird “Diventare italiana” heißen, Unterzeile: “l’avventura sentimentale e politica di una tedesca nel Belpaese”. Ich freue mich sehr! Und besonders freue ich mich über die Arbeit meines Übersetzers Stefano Porreca (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), der auch schon mein Venedigbuch übersetzt hat. Wir haben wieder eng zusammengearbeitet - und ständig der Bedeutung einzelner Wörter im Deutschen und Italienischen nachgespürt. In diesem Zusammenhang fällt mir noch ein Buch ein, das ich Ihnen schon lange empfehlen wollte: “Mit anderen Worten” (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)von Juhumpa Lahiri beschreibt die Liebe einer Amerikanerin, Tochter bengalischer Eltern, zur italienischen Sprache. Eine Art Identitätssuche durch Sprache. Sie hat es auf Italienisch geschrieben - eine wahre Herausforderung.
Herzlichst grüßt Sie aus Venedig, Ihre Petra Reski
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