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Schluss mit dem Nebel. Im Kopf

In Venedig sieht es seit Tagen so aus ⬇️

Wir versinken im Nebel. Man könnte auch sagen, wir versuchen, die Augen vor der Realität zu verschließen, denn die sieht nicht gut aus. Auch wenn Khamenei jetzt tot (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) ist, ahnen wir, dass es damit nicht getan ist - angesichts der Erfahrungen im Irak, in Afghanistan, in Syrien …

Derweil sitzt der italienische Verteidigungsminister in Dubai fest, wohin er gereist war, um seine Frau und seinen Sohn aus den Ferien abzuholen. Auch lustig. Er hatte wohl keine Ahnung, was sich da gerade in der Welt so zusammenbraute. So viel zum engen Verhältnis zwischen Meloni und Trump.

Also konzentrieren wir uns lieber auf Venedig. Ein Weltwunder kann nichts entstellen, folglich wird hier selbst der Nebel zum Postkartenmotiv.

Credits 📸 @mariam.ghattas_

In Venedig hoffen alle, dass der Krieg (denn um nichts anderes handelt es sich, bei dem “Präventivschlag” (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)) vorbei ist, wenn die Biennale (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) im Mai anfängt. Klingt zynisch, und ist es auch, wie auch anders in einer Stadt, die komplett von der Monokultur des Tourismus abhängt.

Ich erinnere mich noch daran, wie ich mich naiverweise über die Aufmerksamkeit wunderte, mit der man 1991 in Venedig den bevorstehenden Zweiten Golfkrieg (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) verfolgte - tatsächlich blieben die amerikanischen Touristen schlagartig aus. Und bis heute wird der Zweite Golfkrieg in Venedig als fast ebenso verheerend für den Tourismus betrachtet, wie später die Pandemie.

Jetzt hätte man vielleicht schon 1991 sagen können: Hey, was lernen wir daraus? Sollten wir uns nicht vielleicht unabhängig machen, von der Monokultur des Tourismus? Aber nein, warum denn, ist doch immer noch gut gegangen. Damals war der Christdemokrat Ugo Bergamo (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) Bürgermeister, dem bald darauf der Philosophenbürgermeister Massimo Cacciari folgte. Es war die Zeit, als in Italien alles privatisiert wurde, was bei drei nicht auf den Bäumen war, es folgte der Ausverkauf Venedigs mit Cacciaris Privatisierungskampagne “Privatizzare Venezia” (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)- der Anfang vom Ende der Stadt war.

Und wie ein Wiedergänger stellt sich auch Ugo Bergamo in diesem Bürgermeisterwahlkampf mit einer “Bürgerliste” wieder auf - in Italien sagt man in diesem Fall resigniert: A volte ritornano (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), manchmal kommen sie wieder, und meint damit die von Stephen King beschriebenen Zombies.

Gewählt wird am 24. und 25. Mai, und wir haben die Wahl zwischen Pest und Cholera. Die Pest besteht aus Simone Venturini (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), Brugnaros Strohmann oder Kronprinz - der er jetzt nicht mehr sein will, weil er gemerkt hat, dass das Erbe eines wegen Korruption angeklagten Bürgermeisters ein Klotz am Bein sein kann. Die Cholera ist Andrea Martella (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), Kandidat der Demokratischen Partei, die Venedig jahrzehntelang glücklos regiert und ebenfalls verkauft hat: Der letzte Bürgermeister der Demokratischen Partei war Giorgio Orsoni (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), der, 2014 verhaftet wegen der Korruptionsaffäre rund um die MOSE-Schleuse, zurücktreten musste und dessen Strafe schließlich, wie es sich für italienische Politiker gehört, als verjährt betrachtet wurde.

Und dann gibt es in diesem Wahlkampf noch unzählige Bürgerlisten, die ebenfalls kandidieren - und die sich, wie in Italien üblich, gegenseitig bekämpfen.

Es sieht also nicht gut aus, für Venedig, zumal der Bürgermeister ja nicht von uns, sondern von den Bewohnern des Festlands gewählt wird. Deren Interessen sich diametral von denen der Venezianer unterscheiden. Deshalb wäre es auch wichtig, dass die in Venedig lebenden EU-Bürger sich an der Wahl beteiligen. Leider wissen die meisten gar nicht, was sie dazu machen müssen, weil sie vom Präfekten nicht darüber informiert werden: Sie müssen sich in die Wählerlisten eintragen lassen. Dazu ein paar Informationen hier (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).

Aber es gibt auch gute Nachrichten: Wie die kalabrischen Tageszeitungen berichteten (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), haben die italienischen Antimafia-Ermittlungsbehörden dem letztinstanzlich wegen Mafiazugehörigkeit verurteilten Stuttgarter Gastronomen und kalabrischen Oettinger-Freund Mario L. (in Italien wird er mit seinem vollem Namen genannt, in Deutschland nicht, was nicht zuletzt an der legalen und bequemen Möglichkeit liegt, Journalisten dank des Persönlichkeitsrechts zum Schweigen zu bringen, das deutsche Gerichte oft für schützenswerter halten als das Interesse der Öffentlichkeit - und Mafiabosse sich auf diese Weise als eine Art Hüter der Privatsphäre in Deutschland darstellen können) Vermögenswerte im Wert von 4.6 Millionen Euro beschlagnahmt. In Deutschland können wir von solchen Beschlagnahmen nur träumen.

Verurteilt wurde Mario L. im Zusammenhang mit dem Ermittlungsverfahren Stige, auf Deutsch Styx, als es 2018 zur Verhaftung von 186 Personen kam, elf davon in Deutschland. Ihnen wurde versuchter Mord, Erpressung, Geldwäsche und Verstoß gegen das Waffengesetz, internationale Kfz-Verschiebung, illegaler Handel und illegale Verschiebung von Müll bis hin zu unlauterem Wettbewerb vorgeworfen. Sie übten ein Monopol auf ganze Wirtschaftszweige aus, darunter die Herstellung und der Verkauf von Lebensmitteln. Egal ob Fisch, Wein oder Pasta: Sie zwangen die italienischen Restaurants in Deutschland zur Abnahme ihrer Waren. Der gesamte Fischmarkt im Stuttgarter Raum, ein Monopol des Clans Farao. Und die italienischen Restaurants unter der Kontrolle derClans der ’Ndrangheta.

Mich hat die Beschlagnahmung des Vermögens von Mario L. vor allem an diesen schönen Satz aus den Ermittlungsakten erinnert: „Waschen, waschen, hier geht es nur um die große Wäsche, und es gibt hier nur diese Wäscherei in Deutschland!“ Denn ja, was ist Deutschland für die Mafiosi anderes als eine einzige große Wäscherei (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)?

Das Schlimme daran ist, dass sich alles wiederholt. Ich finde es geradezu tragisch, dass der Inhalt meiner Mafiabücher, die ich 2008 (!) (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) und 2010 (!) (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) veröffentlicht habe, immer noch aktuell sind. Schon damals habe ich die Rolle des Inter-Clubs in Fellbach beschrieben, der auch bei den Ermittlungen 2018 eine Rolle spielte: “Wie mir meine Schwester schon oft erzählt hat, ist der Club ein Ort, an dem sich Italiener treffen und der von Leuten aus der organisierten Kriminalität aus Ciro und Rossano besucht wird. Laut meiner Schwester kommen in diesen Club regelmäßig gefälschte Geldbeträge, die in Deutschland gewaschen werden sollen. Ich weiß nicht, wie viel Geld da ankommt und wo es ausgegeben wird, aber meine Schwester kann dir dazu mehr erzählen. Sie meinte auch, dass das gefälschte Geld aus einer Druckerei in Mandatoriccio nach Deutschland kommt, die von Mario L. geleitet wird …”

Von so einer Vermögensbeschlagnahmung wie bei Mario L. können wir in Deutschland bislang nur träumen. Aber halt, nein, jetzt wird die Bazooka ausgepackt: Gleich drei Bundesministerien haben die Mafia entdeckt - und ihr den Kampf angesagt! (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) Beweislastumkehr (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) soll jetzt eingeführt werden - auf dass nicht die Ermittler nachweisen müssen, dass das investierte Geld schmutzig ist, sondern die Investoren beweisen müssen, dass ihr Geld aus sauberen Quellen kommt. Hurra!

Was mich nur wundert, ist, dass schon die Zahlen gar nicht mehr aktuell sind. So ist stets die Rede von den 100 Milliarden Euro, die pro Jahr in Deutschland gewaschen werden. Diese Zahl stammt allerdings aus dem Jahr 2015, als Kai Bussmann, Juraprofessor an der Martin-Luther-Universität Halle Wittenberg für das Finanzministerium eine Studie über Geldwäsche in Deutschland (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)geschrieben hat.

Aber gut, es ist natürlich schön, wenn sich bei der Beweislastumkehr etwas bewegen sollte. Ich glaube jedoch erst daran, wenn das nicht nur Absichtserklärungen bleiben, sondern daraus auch Gesetze werden.

Und da man schon alles besser machen möchte, bei der Bekämpfung der Mafia, wäre es ja vielleicht auch eine gute Idee, Zivilrichtern etwas Nachhilfe in Sachen Mafia zu geben, damit sie in Zukunft nicht mehr “Ja, g’hörns jetzt zua Mafia oder net?” fragen, wie diese Richterin am Münchener Oberlandesgericht, auf deren Frage der italienische Geschäftsmann erwiderte, er könne sich auch nicht erklären, wie es dazu gekommen sei, dass er im BKA-Bericht als der ‘Ndrangheta zugehörig bezeichnet wurde.

Wenn nicht alle Journalisten, die wegen ihrer Berichterstattung über die Mafia in Deutschland verklagt wurden, ihre Prozesse verloren hätten, gäbe es vielleicht auch eine umfangreichere Berichterstattung und damit größere Kenntnis über die Mafia in Deutschland.

Und deshalb möchte ich Sie noch mal unbedingt zu der Veranstaltung mit dem italienischen Antimafia-Staatsanwalt Nino Di Matteo am 16. März in München einladen. Link zur Anmeldung im QR-Code und auch hier (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).

Aus Venedig grüßt Sie herzlich, Ihre Petra Reski

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