
Gerade fliegt uns die Welt um die Ohren und in Venedig hat man keine andere Sorgen als die Hochzeit eines Multimilliardärs (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Könnte man denken. Bürgermeister Brugnaro, sein Helferlein, der Stadtrat für Tourismus Simone Venturini und Regionalpräsident Luca Zaia beschwören (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) die (angeblich) zehn Millionen Euro, die dieser Event in die Stadt spüle - zehn Millionen, von denen, wie Kritiker meinen, die normalen Venezianer keinen Cent sehen.
Denn ja, womit ist Venedig gedient, wenn die Luxushotels der Stadt (alle in Händen multinationaler Hotelkonzerne), die (für Normalsterbliche unerschwinglichen) Wassertaxis der Stadt, die (sich im Besitz der Cini-Stiftung (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) befindliche) Insel San Giorgio und das (bürgermeistereigene) Renaissance-Gebäude der Scuola Grande della Misericordia (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) ausgebucht sind? Das fanden viele in Venedig. Das “Komitee No Space for Bezos" hat eine spektakuläre Protestaktion gegen den Rummel um die Hochzeit des Multimilliardärs Jeff Bezos in Venedig unternommen, indem sie einen riesigen Banner vom Glockenturm von San Giorgio (der Insel, auf der ein Teil der Hochzeitsparty stattfinden soll) herunterließen und Nebelkerzen zündeten:
https://www.youtube.com/shorts/-rP8BCBV1OM (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Beeindruckend fand ich, dass die Gruppe (vielleicht als Reisegruppe getarnt?) mit dem riesigen Banner auf San Giorgio ungestört aufkreuzen und das Ding hochziehen konnte. Am Freitag habe versammelten sich Venezianer auf dem Campo San Giacometo um gegen die Hochzeit von Bezos zu protestieren, in der letztlich das Sinnbild für den Ausverkauf Venedigs gesehen wird.
https://youtu.be/n2GgmjxL7Vw (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Bezos Hochzeit ist für die Venezianer der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt: Ein Bürgermeister, der der Korruption angeklagt ist, hat auch noch die Stirn, die protestierenden Venezianer zu verhöhnen und Werbung für einen US-Tech-Milliardär zu machen, dem er Venedig praktisch als gigantische Partylocation zur Verfügung stellt, samt des bürgermeistereigenen Renaissance-Kleinods Miseriacordia, das im Übrigen auch Gegenstand der Korruptionsermittlungen gegen den Bürgermeister ist. Guter Deal für Brugnaro, der laut unbestätigten Schätzungen allein eine Million Euro durch die Vermietung an Bezos verdient. Und um das nicht zu gefährden, verlangten Bürgermeister Brugnaro und Regionalpräsident Zaia von den Venezianern, sich bei Jeff Bezos zu entschuldigen. Gesagt, getan (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).
Kritiker der Kritiker (ja auch die gibt es) verweisen auf andere Promi-Hochzeiten in Venedig, etwa die von George Clooney. Mal abgesehen davon, dass Clooney Schauspieler ist und kein politisch einflussreicher Tech-Milliardär (der Trump wie die anderen Tech-Milliardäre auch die Füße küsst und, kaum hatte er die Washington Post gekauft, ihr einen Maulkorb umgehängt (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) hat), hat Clooney in Venedig praktisch in “öffentlicher Heimlichkeit” geheiratet, wie die Presse beklagte (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).
Und wenn selbst Frauke Ludowig in ihrem Starmagazin Jeff Bezos Vermählung als “Protzhochzeit (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)” bezeichnet, würde ich mir Gedanken darüber machen, ob es in dieser Zeit politisch und gesellschaftlich opportun ist, eine ganze Stadt als Spielplatz an den zweit- oder drittreichsten Mann der Welt zu vermieten. Sagte ich (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Auch um mir meinen Platz auf der Schwarzen Liste des Bürgermeisters für die Zukunft zu sichern.
Übrigens, kleine Info, falls Sie gerade in Venedig sind und auch einen Blick auf die Protzhochzeit werfen wollen: Sie findet nicht, wie ankündigt, vom 22. bis zum 24. Juni statt, sondern vom 26. bis 28. Juni - es wurden absichtlich falsche Daten angegeben, um etwaige Demonstranten zu verwirren. Die sich jetzt mit Schwimmringen bereit machen, um im Canale della Misericordia die Ankunft der Promis zu feiern.
Und eigentlich sollten sich die politisch Verantwortlichen in Venedig große Sorgen um die verheerende amerikanische Politik machen, die sich auf den Geldbeutel der Amerikaner auswirkt. Wie hier nachzulesen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) ist, sehen die venezianischen Hoteliers einen Umsatzrückgang von 15 Prozent, der Handel ist noch schlimmer dran. Die Abwesenheit der Kunstbiennale und der Einbruch der US-Touristen sind die Hauptgründe dafür. Aber keine Sorge, Stadtrat Venturini hat sich schon an die Arbeit gemacht: „Das war unvermeidlich, wir arbeiten daran, die Amerikaner zurückzuholen.“ Ganz dicker Grinsesmiley.
Wer übrigens mehr über die Macht der Tech-Milliardäre erfahren will, dem sei die Peter-Thiel-Story (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)empfohlen, die den Rechtsruck in Amerika samt einer düsteren Zukunftsvision erklärt.
Apropos Rechts: Auf die enge Verbindung zwischen Mafia und Rechtsterrorismus wurde ich schon während meiner journalistischen Anfänge in Palermo 1989 aufmerksam gemacht – eine Verbindung, die sich, wie ich in den Jahren darauf beobachten konnte, über die Jahrzehnte festigte (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) – und die nicht zuletzt den Aufstieg und die Herrschaft von Silvio Berlusconi ermöglichte. Die enge Verbindung zwischen rechtsextremen Terror und Mafia ist der eigentliche rote Faden von Italiens Geschichte. Der neapolitanische Mafia-Forscher Isaia Sales (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) hat die enge Verbindung zwischen der Mafia und den italienischen Rechtsterroristen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)in einem Artikel sehr überzeugend herausgearbeitet, deshalb hier die Übersetzung (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).
Und zum Schluss noch was aus der kleinen Stadt im Ruhrgebiet, in der ich aufgewachsen bin - und die, so bitter es ist, fast täglich im Radio erwähnt wird: nicht wegen kostbarer Denkmäler, sondern wegen eines Autobahnkreuzes. Meine Kollegin von der ZEIT, Anna von Münchhausen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), hat hier ihre Kindheit verbracht und lebt seit kurzem wieder neben dem Autobahnkreuz und hat darüber in der ZEIT berichtet (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Die schönste und mich am meisten berührende Passage ist diese:
»Wenn es einen gibt, der weiß, wie die Leute hier ticken, dann ist das Bernhard Büscher (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Er ist 77 Jahre alt und war fast die Hälfte seines Lebens als Polizeibeamter tätig. Einer, der bei einer Tasse Tee ins Plaudern kommt und immer noch eine Geschichte mehr kennt. Woher die Gelassenheit kommt, frage ich ihn. Ist es Phlegma, ist es Verdrängung? Büschers Erklärung reicht tief in die Vergangenheit. "Hier leben keine Westfalen oder Rheinländer. Hier wohnen Ruhrgebietsmenschen", sagt er. Viele von ihnen mit Migrationsgeschichte, Generationen zurückreichend. Sie kamen, weil der Bergbau sie brauchte, und das hat sie geprägt. Tief unter Tage hart malocht, Gefahren erlebt, zusammengestanden, durchgehalten. Man hat sich dran gewöhnt, man bleibt gelassen. Die Autobahn? Ja, da leben wir mit. "Wat willze machen?"«
In diesem Sinne grüßt Sie herzlichst, Ihre Petra Reski
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